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Mexicanische Nächte ? Erster Theil

Gustave Aimard: Mexicanische Nächte ? Erster Theil - Kapitel 9
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typefiction
authorGustav Aimard
titleMexicanische Nächte ? Erster Theil
publisherVerlag von Chr. E. Kollmann
year1865
correctorreuters@abc.de
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VIII.

Der Verwundete.

Tiefe Ruhe herrschte in der Ebene; der Abendwind hatte sich gelegt. Kein anderes Geräusch, als das fortwährende Gesumme der unendlichen kleinen Geschöpfe, die ihre Arbeit verrichteten, für welche die Vorsehung sie geschaffen hat, störte die Stille der Nacht. Der tiefblaue Himmel zeigte keine Wolke; ein sanftes klares Licht wurde durch die Sterne verbreitet und die Mondstrahlen übergossen die Landschaft mit ihrem dämmerigen Schein, der den Bäumen und Hügeln, deren Schatten sie übermäßig verlängerten, einen phantastischen Anstrich verlieh. Bläuliche Reflexe schienen in die Atmosphäre zu dringen, die so rein war, daß man leicht den schweren Flug der summend um die Zweige fliegenden Hornissen erkennen konnte; hier und da schwärmten Johanniswürmchen wie Kobolde in den hohen Gräsern umher, die sie mit ihrem phosphorartigen Glanz erleuchteten.

Mit einem Wort, es war eine jener warmen und klaren amerikanischen Nächte, von denen wir in unserm kalten, vom Himmel weniger begünstigten Klima keinen Begriff haben, und welche die Seele in süße und melancholische Träumereien versetzten.

Plötzlich bemerkte man am Horizont einen Schatten, der rasch anwuchs und bald die schwarze, noch unbestimmte Silhouette eines Reiters annahm; das Geräusch des eiligen Hufschlags eines Pferdes wurde vernehmbar und ließ in dieser Beziehung keinen Zweifel mehr.

Es näherte sich in der That ein Reiter; er folgte der Richtung von Puebla; halb schlaftrunken auf seinem Pferde, hielt er demselben nur leicht den Zügel, es beinahe seiner eigenen Leitung überlassend, als dasselbe plötzlich, an einem Scheidewege angelangt, indessen Mitte sich ein Kreuz erhob, einen Sprung zur Seite machte, die Ohren spitzte und kräftig zurückwich.

Der Reiter, etwas rauh aus seinem Schlaf oder was wahrscheinlicher ist, aus seinem Nachdenken aufgeschreckt, schnellte auf seinem Sattel in die Höhe und würde abgeworfen worden sein, wenn er nicht durch die instinctmäßige Bewegung eines starken Drucks auf den Zügel, sein Pferd besänftigt hätte.

»Holla!« rief er, indem er rasch den Kopf erhob und, die Hand an seine Machete legend, unruhig umherblickte; »was giebt es denn hier? Allons, Moreno, mein gutes Thier, was bedeutet dieser Schrecken? ruhige Dich, mein Freund, an uns denkt Niemand.«

Aber obwohl sein Herr, also sprechend, es liebkoste und Beide im besten Einverständniß zu sein schienen, fuhr dennoch das Thier fort, zurückzuweichen und immer heftigere Zeichen der Furcht kund zu geben.

» Vive Dios! Das ist nicht natürlich! Du hast nicht die Gewohnheit, Dich so um nichts zu erschrecken, guter Moreno, laß sehen, was es giebt?«

Und der Reisende schaute von Neuem um sich, aber diesmal aufmerksamer und indem er seinen Blick den Boden senkte.

»He!« machte er plötzlich, als er einen Körper über den Weg hingestreckt erblickte, »Moreno hat Recht; es ist etwas da, der Leichnam irgend eines Haciendero's, ohne Zweifel, den die Salteadores getödtet haben, um ihn besser plündern zu können, und den sie nachher, ohne sich weiter um ihn zu kümmern, verlassen haben werden; gehen wir der Sache auf den Grund.«

Also halblaut zu sich selbst redend, war der Reiter vom Pferde gestiegen.

Aber da unser Mann vorsichtig, und aller Wahrscheinlichkeit seit langer Zeit gewöhnt war, die Wege der mexikanischen Conföderation zu betreten, so bewaffnete er sich mit seiner Flinte und hielt sich eben so bereit zum Angriff wie zur Vertheidigung, im Fall es dem Individuum, den er Hülfe leisten wollte, einfallen sollte, unvermuthet sich zu erheben und seine Börse oder sein Leben zu verlangen; eine Eventualität, die sehr mit den Sitten des Landes übereinstimmte und gegen welche er vor Allem auf der Hut sein mußte.

Er näherte sich also dem Leichname und betrachtete ihn einen Augenblick mit der größten Aufmerksamkeit.

Er bedurfte nur eines Blickes, um die Gewißheit zu erlangen, daß er von dem Unglücklichen, der zu seinen Füßen hingestreckt lag, nichts zu fürchten habe.

»Hm!« begann er, nochmals den Kopf schüttelnd, »das ist ein armer Teufel, der mir sehr krank zu sein scheint; wenn er nicht todt ist, so ist es doch nicht viel besser. Nun, versuchen wir immerhin, ihm zu helfen, obgleich ich fürchte, daß es vergebene Mühe sein wird.«

Nach diesem neuen Selbstgespräch lehnte der Reisende, der kein Anderer als Dominique, der Sohn des Ranchero war, von dem wir weiter oben gesprochen haben, seine Flinte an den Rand des Weges, um sie zur Hand zu haben, im Fall er ihrer bedürfte, befestigte sein Pferd an einen Baum und nahm seine Zarape ab, um in seinen Bewegungen unbehindert zu sein.

Nachdem er alle diese Vorsichtsmaßregeln getroffen, – denn er war in allen Dingen ein sehr sorgsamer Mann, – nahm Dominique die Alforhas oder Satteltaschen ab, legte sie über die Schulter und neben dem Körper niederknieend, öffnete er die Kleider des Mannes und legte sein Ohr auf die durch eine klaffende Wunde offene Brust.

Dominique war ein kräftiger, vollkommen proportionirter Mann von hohem Wuchs; an seinen festen Gliedern bemerkte man starke, marmorharte Muskeln, er mußte mit einer merkwürdigen Kraft und mit einer großen Geschicklichkeit in seinen Bewegungen begabt sein, denen es nicht an einer gewissen männlichen Anmuth fehlte. Mit einem Wort, er war eine jener mächtigen, in allen Ländern seltenen Organisationen, denen man jedoch in einer Gegend, wo die Anforderungen eines Lebens des Kampfes in oft außerordentlichen Verhältnissen die körperlichen Kräfte des Menschen entwickeln, öfter begegnet.

Obwohl erst zweiundzwanzig Jahr, schien Dominique mindestens achtundzwanzig. Seine schönen, männlichen und intelligenten Züge, seine schwarzen, großen Augen, seine entwickelte Stirn, sein kastanienbraunes, natürlich gelocktes Haar, sein großer, mit etwas dicken Lippen versehener Mund, sein stolz nach oben gerichteter Schnurrbart, sein eckiges Kinn gaben seinem Gesicht einen Ausdruck von Offenheit, Kühnheit und Güte, der wirklich anziehend war und ihm den Stempel unbeschreiblicher Distinction aufdrückte. Etwas Seltsames bei einem Manne, welcher der geringen Klasse der Vaqueros angehörte, waren seine kleinen Hände und Füße, von denen erstere zumal eine untadelhafte, aristokratische Schönheit zeigten.

So war die physische Beschaffenheit dieser neuen Persönlichkeit, die wir dem Leser vorstellen, und welche berufen ist, in der Folge eine wichtige Rolle in dieser Erzählung zu spielen.

»Nun, er wird Mühe haben, sich wieder zu erholen, wenn überhaupt Hoffnung dazu ist,« meinte Dominique, indem er sich wieder aufrichtete, nachdem er vergeblich den Schlag des Herzens zu hören versucht hatte.

Indessen entmuthigte ihn das nicht.

Er öffnete seine Satteltaschen und zog Leinwand daraus hervor, ein Verbandzeug und eine kleine mit einem Schlosse versehene Büchse.

»Gut, daß ich meine indianischen Gewohnheiten beibehalten habe,« sagte er lächelnd, »und stets meinen Medicinsack bei der Hand habe.«

Ohne Zeit zu verlieren, sondirte er die Wunde und wusch sie sorgfältig aus.

Das Blut floß tropfenweiß aus den bläulichen Rändern derselben; er öffnete eine Flasche und goß auf die Wunde, einige Tropfen eines darin enthaltenen röthlichen Saftes; das Blut war sogleich wie durch Zauber gestillt.

Darauf verband er die Wunde mit einer Geschicklichkeit, die seine Uebung darin bekundete, und legte auf dieselbe einige weiche, mit dem schon angewendeten rothen Saft befeuchtete Gräser.

Der Unglückliche gab kein Lebenszeichen von sich, sein Körper behielt noch immer die Starrheit der Leichname; indessen ließ sich eine gewisse Feuchtigkeit an den Extremitäten wahrnehmen, welches Anzeichen Dominique vermuthen ließ, daß das Leben noch nicht vollständig in diesem armen Körper erloschen war.

Nachdem er ihn sorgfältig verbunden hatte, richtete er den Verwundeten etwas in die Höhe und stützte ihn gegen einen Baum; darauf begann er die Brust, die Schläfen und die Handwurzeln mit Wasser vermischtem Rum zu reiben; indem er von Zeit zu Zeit damit inne hielt, um sein bleiches und entstelltes Gesicht mit unruhigem Blick zu prüfen.

Alles schien vergeblich zu sein; keine Zusammenziehung, kein nervöses Zittern ließ die Rückkehr zum Leben erkennen.

Aber es giebt nichts Beharrlicheres als den menschlichen Willen, der seinen Nächsten retten will: obwohl er ernstlich an dem Erfolg seiner Anstrengungen zu zweifeln begann, fühlte Dominique, weit entfernt, sich entmuthigen zu lassen, seinen Eifer sich verdoppeln, entschlossen, nur erst dann den Unglücklichen aufzugeben, sobald er den entschiedenen Beweis habe, daß jede Hülfe vergeblich sei.

Es war in der That ein ergreifendes Bild, welches die Gruppe dieser beiden Männer auf diesem öden Wege, am Fuße des Kreuzes, dem Zeichen der Erlösung, in dieser ruhigen und lichtvollen Nacht darbot, wo der Eine, durch die heilige Pflicht der Menschlichkeit getrieben, mit wahrem Eifer an dem Andern die brüderlichste Sorgfalt verschwendete.

Einen Augenblick unterbrach Dominique seine Reibungen und schlug sich vor die Stirn, als ob ihm ein plötzlicher Gedanke käme.

»Wo zum Teufel habe ich denn meine Gedanken?'' murmelte er, und in seine Alforjas greifend, die unerschöpflich erschienen, so viel Dinge enthielten sie, zog er eine gut zugekorkte Kürbisflasche daraus hervor.

Darauf öffnete er mit der Klinge seines Messer die aufeinander gepreßten Zähne des Verwundeten, brachte die Flasche, nachdem er den Kork entfernt, zwischen die Lippen und flößte ihm einen Theil ihres Inhaltes ein, indem er nicht ohne Angst sein Gesicht beobachtete.

Nach einigen Minuten überlief ein schwacher Schauder den Verwundeten und seine Augenlider bewegten sich, als suche er sie zu öffnen.

»Ah!« machte Dominique erfreut, »dies Mal glaube ich, das Rechte getroffen zu haben.«

Und er legte die Flasche neben sich und begann die Reibungen mit neuem Eifer.

Ein schwacher Seufzer drang wie ein Hauch über die Lippen des Verwundeten, seine Glieder begannen etwas von ihrer Starrheit zu verlieren; das Leben kehrte allmählich zurück.

Der junge Mann verdoppelte seine Anstrengungen; nach und nach wurde der, obwohl schwache und unterbrochene Athem deutlicher, die Züge erschlafften und zwei rothe Flecke wurden auf den Wangen sichtbar; obgleich die Augen geschlossen blieben, so bewegten sich dennoch die Lippen des Unglücklichen, als versuchte er, einige Worte zu sprechen.

»Bah!« sagte Dominique in freudigem Tone, »es ist noch nicht Alles zu Ende! Bravo! ich habe meine Zeit nicht verloren! Aber wer zum Henker hat ihm einen so wüthenden Degenstich versetzt? man duellirt sich in Mexiko nicht. Meiner Seele! wenn ich nicht fürchtete, ihm eine Beleidigung anzuthun, würde ich fast behaupten, den Mann zu kennen, der diesen armen Unglücklichen so hübsch aufgeschlitzt hat; aber Geduld, er wird bald wieder seine Sprache erlangen und dann müßte er sehr schlau sein, wenn ich nicht errathen sollte, mit wem er es zu thun gehabt hat.«

Inzwischen hatte das Leben, nachdem es so lange gezögert, in den Körper zurückzukehren, den es fast schon verlassen, einen ernsten Kampf gegen den Tod begonnen, den zu überwinden es immer mehr gelang; die Bewegungen des Verwundeten wurden bestimmter: zweimal schon hatte er seine Augen aufgeschlagen, um sie allerdings sogleich wieder zu schließen; aber er mußte bald zum Bewußtsein kommen, das war keine Frage.

Dominique goß etwas Wasser in einen Becher, mischte es mit einigen Tropfen aus der Kürbisflasche und näherte den Becher dem Munde des Verwundeten; dieser öffnete die Lippen und trank, worauf er einen Seufzer der Erleichterung ausstieß.

»Wie fühlt Ihr Euch!« fragte der junge Mann mit Interesse.

Bei dem Tone dieser unbekannten Stimme durchbebte ein convulsivischer Schauder den ganzen Körper des Unglücklichen; er machte eine Bewegung, als wolle er ein schreckliches Bild zurückstoßen, und murmelte mit dumpfer Stimme:

»Tödtet mich!«

»Meiner Treu, nein!« rief Dominique erfreut, »ich habe zu viel Mühe gehabt, um Euch wieder in's Leben zurückzurufen.«

Der Verwundete öffnete halb die Augen, schaute mit verwirrtem Blick um sich und den jungen Mann mit unbeschreiblichem Entsetzen anstarrend, rief er:

»Die Maske! die Maske! oh! zurück! zurück!«

»Die Gehirnerschütterung ist stark gewesen,« murmelte der junge Mann; »er ist von einer fieberhaften Einbildung ergriffen, die, wenn sie fortdauert, den Wahnsinn herbeiführen könnte. Hm! der Fall ist ernst; wie soll man helfen?«

»Henker!« sagte von Neuem der Verwundete mit schwacher Stimme, »tödte mich.«

»Er scheint daran festzuhalten; dieser Mann ist in einen schrecklichen Hinterhalt gefallen, sein verwirrter Geist ruft ihm nur die letzte Mordscene, in der er eine so unglückliche Rolle gespielt hat, zurück; man muß das kurz abschneiden und ihm die zu seiner Heilung nöthige Ruhe wiedergeben, sonst ist er verloren.«

»Weiß ich nicht allein, daß ich verloren bin?« sagte der Verwundete, welcher diese letzten Worte gehört hatte, »tödte mich also, ohne mich länger leiden zu lassen.«

»Ihr versteht mich, Sennor,« antwortete der junge Mann; »gut, so hört mich an, ohne mich zu unterbrechen: ich gehöre nicht zu den Männern, die Euch in diesen Zustand versetzt haben; ich bin ein Reisender, welchen der Zufall oder vielmehr die Vorsehung auf diesen Weg geführt hat, um Euch zu helfen und, ich hoffe es, zu retten; Ihr versteht mich; nicht wahr? Hört also auf, Euren Phantasien nachzuhängen, vergeßt wenigstens jetzt, wenn es möglich ist, was sich zwischen Euch und Euren Mördern zugetragen hat, ich habe keinen andern Wunsch als den, Euch nützlich zu sein; ohne mich würdet Ihr gestorben sein; macht die schon schwere Aufgabe, die ich mir auferlegt habe, nicht noch schwieriger; Euer Wohl hängt von nun an von Euch allein ab.«

Der Verwundete machte eine rasche Bewegung, um sich aufzurichten, aber seine Kräfte verließen ihn, er fiel mit einem Seufzer der Entmuthigung wieder zurück.

»Ich kann nicht,« flüsterte er.

»Ich glaube es wohl, so verwundet wie Ihr seid; es ist ein Wunder, daß der furchtbare Hieb, den Ihr bekommen habt, Euch nicht völlig getödtet hat; widersetzt Euch also nicht ferner Dem, was die Menschlichkeit mir für Euch zu thun befiehlt.«

»Aber wenn Ihr kein Mörder seid, wer seid Ihr denn?« fragte der Verwundete unruhig.

»Wer ich bin? ein armer Vaquero, welcher Euch hier sterbend gefunden hat und der so glücklich gewesen ist, Euch dem Leben wiederzugeben.«

»Und Ihr schwört mir, daß Eure Absichten gut sind?«

»Ich schwöre es Euch, auf meine Ehre.«

»Habt Dank,« versetzte mit schwacher Stimme der Verwundete.

Es trat ein langes Schweigen ein.

»Oh! ich will leben,« nahm der Verwundete von Neuem energisch das Wort.

»Ich begreife diesen Wunsch, er scheint mir von Eurer Seite sehr natürlich.«

»Ja, ich will leben, denn ich muß mich rächen.«

»Dies Gefühl ist gerecht, die Rache ist erlaubt.«

»Ihr werdet mich retten, Ihr versprecht es mir, nicht wahr?«

»Wenigstens werde ich es auf jede mögliche Weise zu thun versuchen.«

»Oh! ich bin reich, ich werde Euch belohnen.«

Der Ranchero schüttelte den Kopf.

»Warum von Belohnen sprechen?« sagte er; »glaubt Ihr denn, daß sich die Aufopferung erkaufen läßt; behaltet Euer Gold, Caballero; mir wäre es zu nichts nütze, ich brauche es nicht.«

»Indessen ist es meine Pflicht ...«

»Nicht ein Wort mehr über diesen Gegenstand, ich bitte Euch darum, Sennor, jedes weitere dabei Beharren von Eurer Seite würde für mich eine tödtliche Beleidigung sein. Ich thue meine Pflicht, indem ich Euch das Leben rette, ich habe kein Recht auf eine Belohnung.«

»So handelt, wie Ihr wollt.«

»Versprecht mir vor Allem keine Einwendungen zu machen gegen Das, was ich in Eurem Interesse zu thun für nöthig erachte.«

»Ich verspreche es Euch.«

»Gut; auf diese Weise werden wir uns immer verständigen. Der Tag wird bald anbrechen; wir dürfen hier nicht länger bleiben.«

»Aber wohin werde ich gehen? Ich fühle mich so schwach, daß es mir unmöglich ist, die geringste Bewegung zu machen.«

»Beunruhigt Euch deshalb nicht; ich werde Euch auf mein Pferd setzen und es im Schritt gehen lassen, so wird es Euch ohne Erschütterung au einen sichern Ort bringen.«

»Ich verlasse mich auf Euch.«

»Das könnt Ihr durchaus; wünscht Ihr, daß ich Euch zu Eurer Wohnung führe?«

»Meine Wohnung?« rief der Verwundete mit schlecht unterdrücktem Schrecken, indem er eine Bewegung machte, als suchte er zu entfliehen; »Ihr kennt mich also und wißt, wo ich wohne?«

»Ich kenne Euch nicht und weiß nicht, wo Eure Behausung liegt. Wie sollte ich diese Einzelheiten kennen, da ich Euch vor dieser Nacht niemals gesehen habe?«

»Es ist wahr,« murmelte der Andere zu sich selbst sprechend, »ich bin ein Narr! Diesem Manne ist zu trauen.« Dann sich an Dominique wendend, setzte er mit kaum verständlicher Stimme hinzu:

»Ich bin ein Reisender; ich komme von Vera-Cruz und begab mich nach Mexiko, als ich unvermuthet überfallen, all' meiner Habe beraubt und für todt hier am Fuße des Kreuzes, wo Ihr mich fandet, verlassen wurde; ich habe in diesem Augenblick keine andere Wohnung, als die es Euch gefallen wird, mir anzubieten, das ist meine ganze Geschichte, sie ist ebenso einfach als wahr.«

»Ob sie wahr ist oder nicht, geht mich nichts an, Sennor; ich habe nicht das Recht, mich gegen Euren Willen in Eure Geschäfte zu mischen; ich bitte Euch, überhebt Euch dessen, mir Auskunft zu ertheilen, um welche ich Euch nicht ersucht habe, um so mehr, da eine zu große Anstrengung des Geistes und das viele Sprechen Euch nur schädlich sein kann.«

In der That war es dem Verwundeten nur in Folge außerordentlicher Willensstärke gelungen, eine so lange Unterredung zu unterhalten; die Erschütterung, welche er empfangen hatte, war zu stark gewesen, seine Wunde zu ernst, als daß er, trotz seines Wunsches es zu thun, im Stande gewesen wäre, das Gespräch fortzusetzen, ohne sich der Gefahr einer schlimmeren Ohnmacht auszusetzen, als aus welcher ihn sein edler Retter eben befreit hatte. Schon klopften seine Pulse, eine Wolke verschleierte seinen Blick, dumpfes Sausen schwirrte vor seinen Ohren, ein kalter Schweiß perlte auf seinen Schläfen; seine Gedanken, die er mit so großer Schwierigkeit einigermaßen gesammelt hatte, begannen von Neuem zu schwinden, er sah ein, daß ein längerer Widerstand von seiner Seite Thorheit sein würde, und so fiel er entmuthigt zurück, indem er einen Seufzer der Resignation ausstieß.

»Freund,« flüsterte er mit schwacher Stimme, »macht mit mir, was Ihr wollt; ich fühle mich dem Tode nahe.«

Dominique folgte seinen Bewegungen mit unruhigem Blick und beeilte sich ihm einige Tropfen einer Herzstärkung einzuflößen, welche er mit einem Schlaftrunk vermischt hatte; die Hülfe war wirksam, der Verwundete fühlte sich dem Leben wiedergegeben.

Er wollte dem jungen Manne danken.

Dieser aber fiel ihm lebhaft in's Wort. »Schweigt,« sagte er, »Ihr habt schon zu viel gesprochen.«

Darauf hüllte er ihn sorgsam in seinen Mantel und legte ihn auf den Erdboden.

»Da, hier liegt Ihr gut,« sprach er, »nun rührt Euch nicht mehr und versucht zu schlafen, während ich auf Mittel denken werde, Euch so schnell als möglich von hier zu entfernen.«

Der Verwundete versuchte keinen Widerstand; schon wirkte der genossene Schlaftrunk; er lächelte sanft, schloß die Augen und bald war er in einen ruhigen Schlummer verfallen.

Dominique beobachtete seinen Schlaf einen Augenblick mit der vollkommensten Befriedigung.

»Ich sehe ihn lieber so, als wie bei meiner Ankunft,« sagte er erfreut; »aber Alles ist noch nicht gethan; jetzt handelt es sich darum, fortzukommen und das so schnell als möglich, wenn ich nicht von den Zudringlichen, die bald dieses Weges kommen werden, daran verhindert werden will.«

Er machte sein Pferd los, zäumte es und führte es neben den Verwundeten; nachdem er mit Hülfe einiger Decken und seiner Zarape, deren er sich ohne Zögern entblößte, auf dem Rücken des Thieres eine Art Sitz gemacht hatte, nahm er den Verwundeten mit eben so großer Leichtigkeit in seine Arme, als wäre er ein Kind, anstatt ein Mann von hohem Wuchs und ziemlich starkem Umfang, und legte ihn sanft auf den Sitz, indem er ihn sorgfältig zu unterstützen suchte, um einen Fall zu vermeiden, der ihm tödtlich geworden wäre.

Als der junge Mann sich versichert hatte, daß der Verwundete sich in einer so bequemen Lage befand, wie es die Umstände und überdies die ungenügenden Transportmittel, über welche er verfügte, erlaubten, brach er auf, indem er, sein Pferd am Zügel führend, seinen Platz neben dem Verwundeten, den er im Gleichgewicht im Sattel unterstützen mußte, einnahm und schlug die Richtung nach dem Rancho ein, wohin wir ihm vor ungefähr einer Stunde vorangegangen sind, um den Abenteurer daselbst einzuführen.

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