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Mexicanische Nächte ? Erster Theil

Gustave Aimard: Mexicanische Nächte ? Erster Theil - Kapitel 2
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typefiction
authorGustav Aimard
titleMexicanische Nächte ? Erster Theil
publisherVerlag von Chr. E. Kollmann
year1865
correctorreuters@abc.de
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I.

Las-Cumbres.

Keine Gegend der Welt bietet dem geblendeten Auge des Reisenden entzückendere Landschaften dar, als Mexiko; unter allen aber ist die von Las-Cumbres unstreitig eine der anmuthigsten.

Las-Cumbres bildet eine Reihe von Bergpässen, durch welche in unendlichen Krümmungen der Weg nach Puebla de-los-Angeles (die Stadt der Engel) führt, – also genannt, weil, der Sage nach, die Engel dort die Kirche erbauten. Der durch die Spanier errichtete Weg, von dem wir sprechen, erstreckt sich in steiler, schwindelerregender Absenkung, während eine ununterbrochene, in bläuliche Dünste getauchte Bergkette sich zu beiden Seiten hinzieht. Bei jeder Wendung dieses gleichsam über Abgründe voll üppiger Vegetation schwebenden Pfades, wechselt das Schauspiel und wird malerischer; die Gipfel der Berge erheben sich, stufenweise abfallend, einer hinter dem andern, während die, welche man überschritten hat, senkrecht hinter Einem aufsteigen.

Am 2. Juli 18.., kamen gegen vier Uhr Nachmittags, in dem Augenblicke, wo die schon tief am Horizonte stehende Sonne nur noch schräge Strahlen auf die von der Hitze durchdrungene Erde wirft und die sich erhebende Brise die glühende Atmosphäre zu erfrischen beginnt, zwei gut berittene Reisende aus einem dichten Jucca-, Bananen- und Bambusgehölz und schlugen einen staubigen Weg ein, der in ununterbrochenen Stufenreihen zu einem Thale führte, worin ein klarer, durch das Grün sich hinschlängelnder Bach eine sanfte Kühlung unterhielt.

Die durch den unvermutheten Anblick dieser vor ihren Blicken sich entrollenden, grandiosen Landschaft überraschten Reisenden machten Halt, und nachdem sie einige Minuten lang die malerischen Ausläufer der Berge betrachtet hatten, stiegen sie von ihren Pferden, nahmen denselben die Zügel ab und setzten sich am Ufer des Baches nieder, offenbar zu dem Zweck, die Wirkungen dieses bewunderungswürdigen, einzig in der Welt dastehenden Kaleidoscopes noch einige Minuten länger zu genießen.

Der Richtung nach, der sie folgten, schienen diese Reiter von Orizaba zu kommen und nach Puebla-de-los-Angeles zu gehen, von welchem Orte sie übrigens in diesem Augenblicks nicht mehr weit entfernt waren.

Beide Reiter trugen die reiche Tracht der Hacienda-Besitzer, eine Tracht, die wir schon zu oft beschrieben haben, als daß wir dieselbe hier noch einmal wiederholen sollten; wir wollen nur einen characteristischen Umstand berichten, welcher die geringe Sicherheit der Wege zu der Zeit, wo sich unsere Geschichte ereignet, bestätigte Beide waren bis an die Zähne bewaffnet und führten ein vollständiges Arsenal mit sich; außer den in ihren Halftern steckenden sechsläufigen Revolvern befanden sich eben solche in ihren Gürteln. In der Hand hatten sie eine vortreffliche Doppelflinte, aus dem Atelier von Dèvisme, einem berühmten Pariser Büchsenmacher, was Jedem nicht weniger als sechsundzwanzig Schüsse zu thun erlaubte, ohne die Machete oder den geraden Säbel zu rechnen, der an ihrer linken Seite hing, das mit dreischneidiger Klinge versehene Messer, welches sie in ihrem rechten Stiefel trugen und den zusammengerollten ledernen, auf dem Sattel an einem sorgfältig genieteten Ringe befestigten Lazzo.

Sicherlich konnten also bewaffnete Männer, wenn sie mit einem gewissen Muth begabt waren, leicht einer selbst bedeutenden Anzahl Feinde ohne Schaden die Stirn bieten.

Uebrigens schienen sie keineswegs durch den Anblick des wilden und einsamen Ortes, am dem sie sich befanden, beunruhigt und plauderten, halb auf dem grünen Grase ausgestreckt, heiter mit einander, indem sie nachlässig ihre wirklich echten Havannacigarren rauchten. Der älteste der beiden Reiter war ein Mann von vierzig bis fünfundvierzig Jahren, der indessen höchstens sechsunddreißig zu sein schien; seine Gestalt von etwas über Mittelgröße war, wenngleich elegant, doch stark gebaut, seine untersetzten Gliedmaßen zeugten von einer großen körperlichen Kraft, seine markirten Züge, trugen einen energischen und intelligenten Ausdruck; seine schwarzen und lebhaften Augen, die stets in Bewegung waren, erschienen sanft, aber sie schleuderten, sobald sie sich belebten, zuweilen flammende Blitze und verliehen dann seinem Gesicht einen harten und unmöglich zu beschreibenden wilden Ausdruck. Die Stirn war hoch und breit, der Mund sinnlich, ein schwarzer und dichter Bart, wie der eines Aethiopiers, mit einigen Silberfäden gemischt, fiel auf seine Brust, üppiges, zurückgeworfenes Haar floß auf seine Schultern herab, sein gebräunter Teint hatte die Farbe von Ziegelsteinen; kurz, wenn man den Mann dem Anscheine nach beurtheilen wollte, so war er einer jener entschlossenen Männer, die in gewissen kritischen Momenten höchst kostbar sind, da man von ihnen verlassen zu werden nicht zu fürchten braucht. Obwohl es unmöglich war, seine Nationalität zu erkennen, so schienen doch seine raschen Bewegungen, seine lebhafte, kurze und bilderreiche Sprache einen südlichen Ursprung anzudeuten.

Sein Gefährte, viel jünger als er, denn er schien höchstens fünf- bis achtundzwanzig Jahr alt zu sein, war groß, etwas mager, und wenn auch dem Anschein nach nicht kränklich, so doch zart; seine elegante, schlanke und wohlgebaute Gestalt, seine Füße und Hände von außerordentlicher Kleinheit zeigten die Race an; seine schönen Züge, seine ansprechende und intelligente Physiognomie schienen von Sanftmuth durchdrungen, seine blauen Augen, sein blondes Haar und vor Allem die Weiße seiner Hautfarbe, ließen ihn augenblicklich einen Europäer der gemäßigten Zone erkennen, der erst neuerdings nach Amerika gekommen.

Wir haben bereits gesagt, daß die beiden Reisenden mit einander plauderten; sie sprachen französisch; ihre Redeweise und der gänzliche Mangel jedes Accents ließ vermuthen, daß sie sich in ihrer Muttersprache ausdrückten.

»Nun, Herr Graf,« sagte der Aeltere, »bedauert Ihr noch, meinen Rath befolgt zu haben und anstatt auf den abscheulichen Wegen im Wagen daherzurütteln, diese Reise zu Pferde in Gesellschaft Eures Führers unternommen zu haben?«

»Da müßte ich wahrlich sehr schwer zu befriedigen sein,« antwortete Der, welchem man den Titel Graf beigelegt hatte; »ich habe die Schweiz, Italien, die Ufer des Rheins wie Jedermann bereist, und ich gestehe Euch, daß ich noch niemals den Anblick köstlicherer Landschaften genossen habe, als die, welche ich, Dank Euch, seit einigen Tagen zu sehen, das Vergnügen habe.«

»Ihr seid sehr gütig; die Landschaft ist in der That schön, überdies ist sie sehr romantisch,« setzte er mit boshaftem Ausdruck hinzu, der seinem Gefährten entging, »und dennoch,« fuhr er mit einem unterdrückten Seufzer fort, »habe ich deren noch schönere gesehen.«

»Schönere als diese hier?« rief der Graf, indem er den Arm ausstreckte und einen Halbkreis in der Luft beschrieb; »oh! das ist nicht möglich, Herr.«

»Ihr seid jung, Herr Graf,« erwiderte der Erste mit trübem Lächeln, »Eure Touristenreisen sind nur Kinderspiel gewesen. Diese hier überwältigt Euch, durch den Contrast, welchen sie mit den anderen bildet, das ist Alles; da Ihr niemals die Natur anders studirt habt, als in einer Opernloge, so vermuthetet Ihr nicht, daß sie Euch solche Ueberraschungen aufbewahren könnte. Euer Enthusiasmus hat sich plötzlich durch die Seltsamkeit der Contraste, die sich unaufhörlich Euren Blicken darbieten, zu einem Rausche gesteigert, aber wenn Ihr wie ich die hohen Savannen und die unendlichen Prairien des Innern durchreist hättet, wo in Freiheit die wilden Kinder dieser Erde umherirren, welche die Civilisation aus ihrem Besitz getrieben hat, so würdet Ihr wie ich nur noch ein verächtliches Lächeln über die Gegenden haben, die uns umgeben und die Ihr in diesem Augenblick so aufrichtig bewundert.«

»Was Ihr mir da sagt, kann die Wahrheit sein, Herr Olivier; leider aber kenne ich diese Savannen und Prairien, von denen Ihr sprecht, nicht und werde sie ohne Zweifel niemals kennen lernen.«

»Weshalb denn nicht?« warf der erste Sprecher lebhaft ein; »Ihr seid jung, reich, kräftig, frei, soviel ich voraussetzen kann. Wer könnte sich Euch widersetzen, wenn Ihr einen Ausflug in die große amerikanische Wildniß machen wolltet? Ihr seid gerade in diesem Augenblick ganz geneigt, diesen Plan in Ausführung zu bringen; es ist eine jener für unmöglich gehaltenen Reisen, von der Ihr später mit Stolz sprechen könnt, sobald Ihr in Euer Vaterland zurückgekehrt sein werdet.«

»Ich wünschte es,« antwortete der Graf mit einem Schatten von Traurigkeit; »leider aber ist es mir unmöglich; meine Reise wird in Mexiko beendet sein.«

»In Mexiko!« meinte Olivier erstaunt.

»Leider ja! Herr, es ist so; ich gehöre nicht mir an, sondern unterliege in diesem Augenblicke dem Einfluß eines fremden Willens. Ich bin ganz einfach in dieses Land gekommen, um mich zu verheirathen.«

»Euch zu verheirathen? In Mexiko? Ihr, Herr Graf!« rief Olivier überrascht.

»Mein Gott ja, ganz prosaisch, mit einer Frau, die ich nicht kenne und die mich eben so wenig kennt, und welche ohne Zweifel nicht mehr Liebe für mich empfindet, als ich für sie. Wir sind Verwandte und wurden schon in der Wiege verlobt, und jetzt ist der Augenblick gekommen, das in unserm Namen von den Vätern gegebene Versprechen zu halten; das ist sehr einfach.«

»So ist diese junge Dame also eine Französin?«

»Durchaus nicht, sie ist im Gegentheil eine Spanierin, ich glaube sogar etwas Mexikanerin.«

»Ihr aber seid Franzose, Herr Graf?«

»Gewiß und noch dazu Franzose aus der Touraine,« erwiderte er lächelnd.

»Aber, Herr Graf, gestattet mir die Frage, wie geht das zu, daß ...?«

»Oh! sehr natürlich,« unterbrach ihn der Graf. »Die Geschichte ist nicht lang, und da Ihr aufgelegt seid, sie zu hören, so will ich sie Euch in wenigen Worten mittheilen. Meinen Namen kennt Ihr, ich bin der Graf Ludovic Mahiet-de-la-Saulay; meine Familie, aus der Touraine gebürtig, ist eine der ältesten dieser Provinz, sie führt auf die ersten Franken zurück: einer meiner Ahnen, sagt man, sei einer der größten Vasallen des Königs Chlodwig gewesen, der ihm für seine treuen Dienste große, mit Weiden besetzte Wiesen zum Geschenk machte, wovon später meine Familie ihren Namen erhalten hat. Ich erwähne diesen Ursprung nicht aus einem übel angebrachten Gefühle des Stolzes. Obwohl adelig nach Thaten und Wappen, bin ich, Gott sei Dank, in solchen Fortschrittsideen erzogen, um zu wissen, was ein Titel in der Zeit, in der wir leben, gilt und um zu erkennen, daß der wahre Adel nur allein in edlen Gesinnungen wohnt; allein ich mußte Euch diese besondern Umstände mittheilen, welche meine Familie berühren, um Euch klar zu machen, wie meine Ahnen, die stets hohe Aemter unter den verschiedenen Dynastien, welche in Frankreich aufeinander gefolgt sind, bekleideten, dahin gelangten, einen jüngeren, spanischen Familienzweig zu haben, während der ältere Zweig französisch blieb. Zur Zeit der Ligue lagen die von den Guisen herbeigerufenen Spanier, mit denen die Ersteren eine Alliance gegen den König Heinrich den IV., den man noch heute den König von Navarra nennt, geschlossen hatten, eine Zeit lang in Paris in Garnison. Ich bitte um Verzeihung, lieber Herr Olivier, daß ich in solche Details eingehe, die Euch höchst unnütz scheinen werden.«

»Im Gegentheil, Herr Graf, sie interessiren mich vielmehr sehr; fahrt fort, ich bitte.«

Der junge Mann verneigte sich und begann von Neuem:

»Nun aber war der damalige Graf de-la-Saulay ein eifriger Parteigänger der Guisen und ein sehr intimer Freund des Herzogs von Mayenne. Der Graf hatte drei Kinder, zwei Söhne, die in den Reihen der Liguearmee kämpften, und eine Tochter, Ehrendame bei der Herzogin von Montpensier, Schwester des Herzogs von Mayenne. Die Belagerung von Paris dauerte lange Zeit, und als Heinrich IV. endlich daran verzweifelte, sich der Stadt wieder zu bemächtigen, kaufte er sie von dem Herzog von Brissac, Gouverneur der Bastille für die Ligue, in baarem Silbergelde. Viele Officiere des Herzogs von Mendoça, dem Commandanten der spanischen Truppen, und dieser General selbst, hatten ihre Familien bei sich. Kurz, der jüngste Sohn meines Ahnherrn verliebte sich in eine der Nichten des spanischen Generals, bat um ihre Hand und erhielt sie, während seine Schwester auf die Bitten der Herzogin Montpensier einwilligte, die ihrige einem Flügeladjutanten des Generals zu reichen. Die schlaue und politische Herzogin glaubte durch diese Verbindungen den französischen Adel von Dem zu entfernen, den sie den Bearner und Hugenotten nannte, und seinen Triumph, wenn nicht unmöglich zu machen, so doch zu verzögern. Aber wie dies in solchen Fällen immer geschieht, erwiesen sich diese Berechnungen als falsch, der König eroberte sein Königreich wieder und die am Meisten in dem Aufstand der Ligue verwickelten Edelleute sahen sich gezwungen, die Spanier auf ihrem Rückzuge zu begleiten und mit ihnen Frankreich zu verlassen. Mein Ahnherr erhielt leicht Verzeihung vom Könige, der ihm später sogar ein wichtiges Commando anvertraute und seinen ältesten Sohn in seine Dienste nahm; der Jüngste aber widerstand allen Bitten und Einwendungen seines Vaters, nach Frankreich zurückzukehren, sondern ließ sich für immer in Spanien nieder.

»Die beiden Familienzweige fuhren indessen, obwohl getrennt, fort, Verbindungen unter sich zu unterhalten und sich unter einander zu verehelichen. Mein Großvater heirathete während seiner Verbannung eine Tochter des spanischen Zweiges; und jetzt bin ich im Begriff, eine ähnliche Verbindung zu schließen. Ihr seht, lieber Herr, daß dies Alles sehr prosaisch und sehr wenig interessant ist.«

»Also Ihr würdet darein willigen, so zu sagen blindlings eine Dame zu heirathen, die Ihr noch niemals gesehen habt, und die Ihr nicht einmal kennt?«

»Was wollt Ihr, es ist einmal so, meine Einwilligung ist unnütz bei dieser Sache, die Verbindlichkeit ist feierlich durch meinen Vater angenommen, ich muß also seinem Worte nachkommen. Uebrigens,« setzte er lächelnd hinzu, »beweist Euch meine Gegenwart hier, daß ich nicht gezögert habe zu gehorchen. Vielleicht würde ich, wenn mein Wille frei gewesen wäre, diese Verbindung nicht eingegangen sein; leider hing dies jedoch nicht von mir ab, ich habe mich dem Willen meines Vaters fügen müssen. Ueberdies gestehe ich Euch, daß ich mich, in dem fortwährenden Hinblick auf diese Heirath erzogen und sie unvermeidlich wissend, allmählich an den Gedanken gewöhnt habe, und dieses Opfer für mich nicht so groß ist, als Ihr vielleicht vermuthet.«

»Das thut nichts,« antwortete Olivier mit einer gewissen Rauhheit, »zum Teufel mit dem Adel und dem Vermögen, wenn sie solche Verbindlichkeiten auferlegen; da ist das Abenteurerleben in der Wildniß und die armselige Unabhängigkeit mehr werth; wenigstens ist man immer Herr seiner selbst.«

»Ich bin vollkommen Eurer Meinung; dessen ungeachtet muß ich mein Haupt beugen. Jetzt gestattet mir, eine Frage an Euch zu richten.«

»Von ganzem Herzen zwei, wenn 's Euch beliebt.«

»Wie kommt es, daß wir uns zufällig in dem französischen Hôtel in Vera-Cruz, im Augenblicke meiner Ankunft begegneten und so schnell vertraut mit einander geworden sind?«

»Was das anbetrifft, so werde ich außer Stande sein, diese Frage zu beantworten; Ihr habt mir auf den ersten Blick gefallen. Euer Benehmen hat mich angezogen; ich habe Euch meine Dienste angeboten, die Ihr angenommen habt, und so sind wir zusammen nach Mexiko aufgebrochen: das ist die ganze Geschichte, einmal dort – werden wir uns trennen, um uns wahrscheinlich nie wieder zu sehen, damit ist Alles gesagt.«

»Oh! oh! Herr Olivier, laßt mich glauben, daß Ihr im Irrthum seid, daß wir uns im Gegentheil oft wieder sehen werden, und daß unsere Bekanntschaft bald zu einer festen Freundschaft werden wird.«

Der Andere schüttelte wiederholt mit dem Kopfe.

»Herr Graf,« sagte er endlich, »Ihr seid Edelmann, reich und in guter Lebensstellung, ich bin nur ein Abenteurer, dessen vergangenes Leben Ihr nicht kennt und von dem Ihr kaum den Namen wißt, da Ihr voraussetzet, daß der, welchen ich in diesem Augenblick trage, der wirkliche sei. Unsere Stellungen sind zu verschieden, es giebt zwischen uns eine zu scharfe Scheidelinie, als daß wir auf dem Fuße schicklicher Gleichheit einander gegenüber stehen könnten. Sobald wir in die Anforderungen der civilisirten Welt zurückgetreten sein würden, müßte ich Euch bald, da ich älter als Ihr bin und eine größere Welterfahrung besitze, zur Last fallen; bestehet also nicht darauf und bleiben wir jedes an unserem Platze. Dies, das seid überzeugt, wird für Euch und für mich besser sein: ich bin in diesem Augenblick viel mehr Euer Führer als Euer Freund, diese Stellung ist die einzige, welche mir geziemt; laßt mich also an diesem Platze.«

Der Graf wollte etwas erwidern, aber Olivier ergriff rasch seinen Arm.

»Still,« sagte er, »hört ...«

»Ich höre nichts,« versetzte nach einem Augenblick der junge Mann.

»In der That,« erwiderte der Andere lächelnd, »Eure Ohren sind nicht wie die meinigen für jedes Geräusch, welches die Stille der Wildniß unterbricht, empfänglich: ein Wagen nähert sich im raschen Lauf von Orizaba her, er verfolgt sogar denselben Weg wie wir; bald wird er Euren Blicken sichtbar werden, ich unterscheide ganz deutlich das Schellengeläute der Maulesel.«

»Das ist ohne Zweifel die Post von Vera-Cruz, in welcher sich meine Diener und mein Gepäck befinden, und welcher wir um einige Stunden voraus sind.«

»Vielleicht ja, vielleicht auch nein,« erwiderte der Andere nach einem Augenblick des Nachdenkens; »auf alle Fälle ist es gut, uns vorzusehen.«

»Uns vorzusehen, warum?« fragte erstaunt der junge Mann.

Olivier warf ihm einen seltsamen Blick zu.

»Ihr kennt noch nichts von dem amerikanischen Leben,« antwortete er endlich: »in Mexico ist das erste Gesetz der Selbsterhaltung immer, sich gegen die wahrscheinlichen Eventualitäten eines Ueberfalls zu schützen. Folgt mir und thut, was ich thun werde.«

»Wollen wir uns denn verstecken?«

»Wahrhaftig!« erwiderte er achselzuckend.

Ohne etwas Weiteres zu erwidern, näherte er sich seinem Pferde, legte ihm den Zügel wieder an und schwang sich mit einer Leichtigkeit und Geschicklichkeit, die eine lange Gewohnheit anzeigte, in den Sattel und sprengte auf ein höchstens hundert Meter entferntes Gehölz zu.

Wider Willen durch die Macht beherrscht, welche dieser Mann, durch seine seltsame Handlungsweise auf ihn ausübte, folgte der Graf seinem Beispiel.

»Wohlan,« sagte der Abenteurer, sobald sie sich vollständig geschützt hinter den Bäumen befanden, »jetzt wollen wir warten.«

Einige Minuten vergingen.

»Seht,« sprach Olivier lakonisch, indem er den Arm in der Richtung eines kleinen Gehölzes ausstreckte, aus welchem sie zwei Stunden früher hervorgeritten waren.

Der Graf wendete mechanisch den Kopf nach dieser Seite; in demselben Augenblick sprengten ungefähr zehn, mit Säbeln und langen Lanzen bewaffnete Reiter im Galopp in das Thal und auf den Paß von Las-Cumbres zu.

»Soldaten des Präsidenten von Vera-Cruz,« murmelte der junge Man »was hat Das zu bedeuten?«

»Wartet,« versetzte der Abenteurer.

Bald wurde das Rollen eines Wagens vernehmbar und eine durch ein Gespann von sechs Mauleseln gleich einem Sturmwind dahergetragene Berline erschien.

»Verdammt,« rief der Abenteurer mit einer Geberde des Zorns, als er den Wagen bemerkte.

Der junge Mann blickte seinen Gefährten an; dieser war bleich wie eine Leiche, ein convulsivisches Zittern ging durch alle seine Glieder.

»Was habt Ihr denn?« fragte voller Interesse der Graf.

»Nichts,« antwortete der Andere trocken, »blicket hin ...«

Hinter, dem Wagen folgte demselben in geringer Entfernung eine Abtheilung Soldaten, die auf ihrem Wege ganze Wogen von Staub aufwühlten.

Darauf verloren sich Reiter und Berline in den Paß, worin sie bald darauf verschwanden.

»Teufel,« meinte lachend der junge Mann, »das wenigstens sind vorsichtige Reisende; sie laufen keine Gefahr, geplündert zu werden.«

»Glaubt Ihr?« versetzte Olivier im Tone beißender Ironie. »Nun! Ihr seid im Irrthum, sie werden im Gegentheil noch vor einer Stunde, und wahrscheinlich durch die zu ihrer Vertheidigung bezahlten Soldaten angegriffen werden.«

»Geht doch, das ist nicht möglich.«

»Wollt Ihr es sehen?«

»Ja, der seltenen Thatsache wegen.«

»Allein, nehmt Euch dabei in Acht; vielleicht kostet es Pulver.«

»Ich hoffe es in der That.«

»So seid Ihr entschlossen, diese Reisenden zu vertheidigen?«

»Gewiß, wenn man sie angreift.«

»Ich wiederhole Euch, daß man sie angreifen wird.«

»Auf denn, zur Schlacht!«

»Gut denn, Ihr seid ein braver Cavalier.«

»Beunruhigt Euch meinetwegen nicht; wo Ihr bleiben werdet, bleibe ich auch.«

»So mit Gottes Hülfe! Wir haben gerade noch die nöthige Zeit um hin zu kommen, wachet über Euer Pferd, denn bei meiner Seele, wir werden einen Ritt machen, wie Ihr noch nie einen erlebt.«

Die beiden Reiter neigten sich auf den Hals ihrer Pferde, drückten denselben die Sporen in die Seiten und sprengten den Reisenden nach.

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