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Mexicanische Nächte ? Dritter Theil

Gustave Aimard: Mexicanische Nächte ? Dritter Theil - Kapitel 9
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typefiction
authorGustav Aimard
titleMexicanische Nächte ? Dritter Theil
publisherVerlag von Chr. E. Kollmann
year1865
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VIII.

Ein Ehrenmann.

Es war zwei Uhr Nachmittags. Kein Lüftchen regte sich, das Land schien unter der Wucht der senkrechten brennenden Sonnenstrahlen in Schlaf gesunken zu sein. Die zerstreuten Kiesel einer breiten, sich in unzähligen Krümmungen durch ein dürres Land hinziehenden Straße leuchteten wie Diamanten, während von den weißlich grauen Felsmassen der Gegend ein blendendes Licht ausströmte.

Die Atmosphäre, von vollkommener Durchsichtigkeit, – wie es stets in Klimaten der Fall ist, die wenig Feuchtigkeit haben, – ließ bis zum letzten Punkte des Horizonts die verschiedenen Gestaltungen der Landschaft mit einer Deutlichkeit in allen ihren Einzelheiten erkennen, die ihnen wegen der mangelnden Luftperspective etwas Hartes verlieh und dem Auge einen trüben Anblick gewährte.

An einer Stelle, wo diese Straße, sich mehrmals theilend, eine Art Kreuzweg bildet, stand ein Häuschen aus weißem Mauerwerk mit italienischem Dach, dessen Thür mit einem aus schlecht behauenen Baumstämmen gebildeten Vorbau versehen war, welcher einen Balkon trug, der durch ein enges Gitter wie ein Käfig geschlossen war.

Dieses Häuschen war eine Venta.

Mehre an dem Vorbau befestigte Pferde schienen, nach ihren keuchenden, von Schweiß triefenden Flanken zu urtheilen, eben so sehr durch die Hitze wie durch Anstrengung erschöpft zu sein.

Hier und dort schliefen einige in ihre Zarapen gehüllte Männer, den Kopf im Schatten, während ihr Unterkörper der Sonne ausgesetzt war, den Schlaf der Gerechten.

Diese Männer waren Guerilleros; eine schlaftrunkene Schildwache lehnte, auf ihre Lanze gestützt, gegen die Mauer und hütete die in Bündel geordneten Waffen der Cuadrilla.

Unter dem Vorbau selbst, saß ein Offizier auf einer Hängematte, die er mit den Füßen in schaukelnde Bewegung setzte, während er mit verstellter Stimme die schmachtenden Liebesworte eines Trauernden summte.

Ein kleiner, dickbäuchiger Mann, mit boshaften, grauen Augen und spöttischer Miene trat aus der Venta und näherte sich der Hängematte.

»Sennor Don Felipe,« sagte er, indem er höflich den improvisirenden Musiker grüßte, »wollt Ihr nicht speisen?«

»Sennor Ventero,« antwortete der Offizier in hochmüthigem Tone, »es scheint mir, daß Ihr, wenn Ihr mit mir sprecht, etwas respectvoller sein und mir den Titel geben könntet, auf den ich ein Recht habe, ich meine, Ihr könnt mich Colonel nennen.«

»Entschuldigt mich, Herr,« antwortete der Wirth mit einer abermaligen und tieferen Verbeugung als der ersten, »ich bin Ventero, und daher wenig mit den militairischen Graden vertraut.«

»Nun gut, Ihr seid entschuldigt! Ich werde noch nicht zu Mittag essen, da ich Jemand erwarte, der hoffentlich nicht mehr lange ausbleiben wird.«

»Oh! das trifft sich wirklich sehr unglücklich, Sennor Colonel Don Felipe,« erwiderte der Ventero; »die Mahlzeit, die ich mit großer Sorgfalt bereitet habe, wird verderben.«

»Das würde allerdings ein Unglück sein, aber was ist da zu machen? Meinetwegen denn! so richtet an, ich habe lange genug gewartet und einen großen Heißhunger, als daß ich meine Mahlzeit noch länger verschieben sollte.«

Der Wirth verneigte sich und ging.

Indessen hatte sich der Guerillero entschlossen, seine Hängematte zu verlassen. Nachdem er eine Cigarrette von Maisstroh angezündet, trat er vor den Portillo und betrachtete, die Arme auf dem Rücken gekreuzt, die Cigarre im Munde, aufmerksam den Horizont. Ein durch den raschen Lauf seines Pferdes in eine dichte Staubwolke gehüllter Reiter näherte sich ihm von der Seite.

Don Felipe stieß einen Freudenschrei aus, als er in ihm den so lange Erwarteten erkannte.

»Uf!« rief der Reisende, als er sein Pferd vor dem Portillo anhielt und zu Boden sprang, »ich halte es nicht mehr aus, es ist eine entsetzliche Hitze!«

Auf einen Wink des Colonel nahm ein Soldat dem Reisenden das Pferd ab und führte es in den Corral.

»Ah! Sennor Don Diego, seid willkommen,« sagte der Colonel und reichte ihm die Hand; »ich verzweifelte fast, Euch zu sehen. Das Mittagessen erwartet uns; nach einem solchen Ritt werdet Ihr einen wahren Wolfshunger haben.«

Der Ventero führte sie darauf in einen entfernten Cuarto. Die beiden Gäste setzten sich zu Tische und sprachen mit kräftigem Appetit den vor ihnen stehenden Schüsseln zu.

Während der ersten Hälfte der Mahlzeit nur beschäftigt, ihren nagenden Hunger zu stillen, tauschten sie nur wenige Worte aus; bald aber ließ ihr Eifer nach und sie lehnten sich mit einem Ah! der Befriedigung in ihre Butaccas zurück, drehten ihre Cigarren, zündeten sie an und begannen zu rauchen, während sie den vortrefflichen Refino von Cataluna dazu tranken, welchen ihnen der Wirth, als unumgänglich zum Diner gehörend, gebracht hatte.

»Nun,« sagte Don Diego, »jetzt sind wir, Dank Gott und dem heiligen Julian, dem Schutzpatron der Reisenden, gesättigt, und so wollen wir denn ein Wenig plaudern, lieber Colonel.«

»Das ist auch mein Wunsch,« antwortete dieser mit feinem Lächeln.

»Wohlan,« nahm Don Diego wieder das Wort, »ich will Euch mittheilen, daß ich gestern mit dem General über eine Sache gesprochen habe, die ich Euch vorzuschlagen gedachte. Wißt Ihr, was er mir geantwortet hat? »Thut das nicht, mein lieber Don Diego; trotz seiner hohen Fähigkeiten, ist der Colonel Don Felipe ein Dummkopf, voll der lächerlichsten Vorurtheile, er würde die große patriotische Tragweite dieser Sache, nicht begreifen. Er kennt nur den Werth des Geldes und würde es Euch abschlagen, indem er Euch in's Gesicht lacht, obwohl dennoch fünfundzwanzigtausend Piaster schon eine schöne Summe bilden.« Und schließlich setzte er hinzu: »Nun, da Ihr ihm einmal eine Zusammenkunft bestimmt habt, so sucht ihn auf; und wäre es auch nur wegen der Seltsamkeit der Sache, um zu sehen, wie er, wenn der Zufall Euch von dieser Affaire sprechen ließe, Euch das Wort vor dem Munde abschneiden und Euch mit sammt Euren fünfundzwanzigtausend Piastern heimschicken würde.«

»Hm!« meinte der Colonel, den die Nennung der Summe in Nachdenken versetzt hatte.

Don Diego prüfte ihn verstohlen.

»Auch gedenke ich,« fügte er hinzu, indem er seine Cigarre wegwarf, »nach reiflicher Ueberlegung der Meinung des Generals zu folgen und nicht mit Euch über die Sache zu sprechen.«

»Ah!« machte der Colonel abermals.

»Ich gestehe, daß es mir unangenehm ist, aber ich muß meinen Entschluß fassen, ich werde daher zu Cuellar gehen, vielleicht daß er weniger peinlich ist.«

»Cuellar ist ein schlauer Bursche,« rief Don Felipe heftig aus.

»Ich weiß es wohl,« entgegnete Don Diego sanft, »aber was thut das mir, wenn ich ihm einige tausend Piaster im Voraus gebe, bin ich gewiß, daß er meinen Vorschlag annehmen wird, der überhaupt das Vortheilhafte für sich hat, durchaus ehrenwerth zu sein.«

Der Colonel füllte die Gläser, er schien zu überlegen.

»Zum Henker,« sagte er, »es ist ein schönes Handgeld, welches Ihr gebt, zehntausend Piaster.«

»Ihr begreift wohl, lieber Herr, daß ich nicht der Mann bin, ein einem Freunde anvertrautes Geschäft umsonst zu verlangen.«

»Aber Cuellar gehört nicht zu Euren Freunden.«

»Allerdings nicht; deshalb bedaure ich auch, mich an ihn wenden zu müssen.«

»Aber um was handelt es sich denn eigentlich?«

»Das ist ein Geheimniß.«

»Bin ich nicht Euer Freund? Seid versichert, daß ich stumm sein werde, wie das Grab.«

Don Diego schien zu überlegen.

»Ihr versprecht mir, zu schweigen?«

»Ich schwöre es auf meine Ehre.«

»Oh! dann hindert mich nichts daran, zu sprechen. Es handelt sich einfach um Folgendes: Ich sage Euch nichts Neues, Colonel, wenn ich Euch mittheile, daß zahlreiche Spione, beiden Parteien zugleich dienend, ohne jeden Scrupel die Geheimnisse unserer militärischen Operationen an Miramon verkaufen, eben so wie sie sich ihre Berichte, die sie uns über den Feind liefern, aufs Beste bezahlen lassen. Nun aber hat der Gouverneur Don Benito Juarez die Augen auf zwei Männer gerichtet, die stark verdächtig sind, eine Doppelrolle zu spielen. Aber die Personen, um die es sich handelt, sind mit einer so wunderbaren Schlauheit begabt, ihre Vorsichtsmaßregeln so gut getroffen, daß ungeachtet der Quasi-Gewißheit, die über sie existirt, es bis jetzt unmöglich gewesen ist, den geringsten Beweis der Wahrheit zu erlangen; man muß sich also, um diese beiden Männer zu entlarven, ihrer Papiere bemächtigen, für deren Uebergabe außer den im Voraus gegebenen zehntausend sogleich noch fünfzehntausend Piaster gezahlt werden sollen. Wenn einmal diese Beweise in den Händen des Generals sind, wird er nicht zögern, dieselben einem Kriegsgericht vorzulegen. Ihr seht, daß diese Sache für Denjenigen, der sie übernimmt, nur ehrend sein kann.«

»In der That, es würde sogar eine verdienstliche, patriotische Handlung sein, diese Gewißheit zu verschaffen; und wer sind diese beiden Männer?«

»Habe ich Euch ihre Namen noch nicht genannt?«

»Das ist das Einzige, was Ihr vergessen habt.«

»Oh! das ist nicht absichtlich geschehen. Der Eine ist soeben zum Geheimen Secretair des General Ortega ernannt worden, der andere hat, glaube ich, auf seine Kosten eine Cuadrilla gebildet.«

»Aber ihre Namen, ihre Namen?«

»Ihr kennt sie wohl, ich vermuthe es wenigstens; der Erste heißt Don Antonio de-Cacerbar und der Zweite ...«

»Don Melchior de-la-Cruz,« fiel ihm Don Felipe rasch in's Wort.

»Ihr wußtet es!« rief Don Diego, den Ueberraschten spielend.

»Die rasche Erhebung dieser beiden Personen, ihr fast unbegrenzter Credit, dessen sie sich bei dem Präsidenten erfreuen, hat mich schon nachdenklich gemacht, Keiner begreift diese so plötzliche Gunst.«

»Auch halten es gewisse Personen für nothwendig, sich darüber Aufklärung zu verschaffen, wer diese beiden Männer sind.«

»Wohlan,« rief Don Felipe, »ich werde es erfahren, das verspreche ich Euch, und die Beweise, welche Ihr verlangt, werde ich Euch liefern.«

»Ihr würdet das thun?«

»Ja, das schwöre ich Euch, um so mehr als es die Pflicht eines rechtschaffenen Mannes ist, diese Schurken auf der That zu ertappen; und –« setzte er mit sonderbarem Lächeln hinzu, »Keiner besitzt bessere Mittel, dieses Resultat zu erreichen.«

»Solltet Ihr Euch nicht täuschen, Colonel! denn, wenn dem so wäre, glaube ich Euch versichern zu können, daß die Erkenntlichkeit der Regierung gegen Euch sich nicht auf die Summe beschränken würde, von der ich Euch einen Theil übergeben will.«

Don Felipe lächelte stolz bei dieser durchblickenden Anspielung auf einen neuen Grad, nach welchem sein Ehrgeiz schon längst strebte.

Ohne scheinbar dieses Lächeln zu bemerken, zog Don Diego aus einem großen Portefeuille ein zusammengefaltetes Papier hervor und übergab es dem Guerillero, der sich desselben mit Freude und einem Ausdruck befriedigter Gier bemächtigte, was seinen ziemlich schönen und regelmäßigen Zügen etwas Häßliches und Verächtliches verlieh.

Dieses Papier war ein Wechsel über zehntausend Piaster, zahlbar auf Sicht eines großen englischen Bankhauses von Vera-Cruz.

Don Diego erhob sich.

»Ihr wollt aufbrechen?« fragte ihn der Colonel. »Ja, ich bin zu meinem Bedauern gezwungen, Euch zu verlassen.«

»Auf baldiges Wiedersehen, Sennor Don Diego.« Der junge Mann bestieg wieder sein Pferd und ritt in schnellem Trabe davon.

»Ei!« murmelte er für sich, »ich glaube, diesmal ist die Falle so gut gestellt, daß die Elenden sich darin fangen werden.«

Der Colonel hatte den Platz auf seiner Hängematte wieder eingenommen und begann mit mehr Kraft als Ruhe von Neuem sie in schaukelnde Bewegung zu setzen.

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