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Mexicanische Nächte ? Dritter Theil

Gustave Aimard: Mexicanische Nächte ? Dritter Theil - Kapitel 8
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typefiction
authorGustav Aimard
titleMexicanische Nächte ? Dritter Theil
publisherVerlag von Chr. E. Kollmann
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VII.

Sonnenblicke.

Das kleine Haus der Vorstadt, in welchem Donna Dolores zwischen Donna Maria und Donna Carmen einen so sicheren, wenn auch einfachen Zufluchtsort gefunden hatte, war eine reizende Wohnung, einfach aber geschmackvoll meublirt. Hinter demselben befand sich, etwas Seltenes in Mexiko, ein allerliebster Garten, dessen dichte Gebüsche einen schattigen und kühlen Aufenthalt gegen die glühende Mittagshitze darboten.

Hier in diesen duftigen Bosquets war es, wohin sich die beiden jungen Mädchen zurückzogen, um ungestört mit einander zu plaudern, während ihr fröhliches Lachen sich mit dem heiteren Gezwitscher der Vögel mischte.

Nur drei Personen hatten Zutritt in dieses Haus. Diese drei Personen waren der Abenteurer, der Graf und Dominique.

Immer durch seine geheimnißvollen Beschäftigungen in Anspruch genommen, machte der Abenteurer nur seltene und kurze Besuche.

Nicht so war es mit den jungen Männern.

Während der ersten Tage hatten sie sich streng nach den Rathschlägen ihres Freundes gerichtet, und nur kurze Besuche abgestattet; aber bald waren dieselben, durch den unsichtbaren Zauber, welcher sie unwillkürlich anzog, unter allerlei Vorwand häufiger und länger geworden, und endlich brachten sie fast den ganzen Tag bei den Damen zu.

Eines Tages, als die Bewohner des kleinen Hauses heiter plaudernd im Garten saßen, ertönte draußen ein furchtbarer Lärm.

Der alte Diener eilte ganz bestürzt herbei und meldete seiner Herrin, daß eine Räuberbande vor dem Hause sei, welche Einlaß begehre und die Thür zu erbrechen drohe, wenn man ihnen denselben verweigerte.

Der Graf beruhigte Donna Maria, bat sie nicht ängstlich zu sein und mit den beiden jungen Mädchen im Garten zu bleiben, während er mit Dominique auf die Hausthür zuschritt.

Raimbaut war zufällig einige Minuten früher gekommen, um seinem Herrn einen Brief zu bringen; seine Anwesenheit war bei dieser Gelegenheit von höchster Wichtigkeit.

Nachdem die drei Männer ihre Doppelflinten und Revolver ergriffen und sich mit wenigen Worten verständigt hatten, näherte sich der Graf der Thür, gegen welche die Räuber ihre Schläge verdoppelten und befahl dem alten Diener, dieselbe zu öffnen.

Kaum war dies geschehen, so stürzten ein Dutzend Männer mit wüthendem Geschrei in die Hausflur.

Aber plötzlich hielten sie inne.

Höchstens zehn Schritt vor ihnen standen unbeweglich drei Männer, die ihre Flinten auf sie angelegt hatten und bereit waren, loszudrücken.

Größtentheils ohne Waffen – so sehr waren sie überzeugt, keinem Widerstände zu begegnen – nur mit den in ihren Gürteln befindlichen Messern versehen, machten sie erschreckt Halt bei dem Anblick der auf sie gerichteten Flinten.

Die stolze Haltung der drei Männer imponirte ihnen, sie zögerten und warfen schließlich einander bestürzte Blicke zu.

Das war nicht, was man ihnen gesagt hatte. Dieses dem Anscheine nach so ruhige Haus, enthielt eine Besatzung zu seiner Vertheidigung.

Der Graf übergab seine Flinte dem alten Diener, und sich mit einem sechsläufigen Revolver bewaffnend, trat er den Räubern entschlossen entgegen.

Diese begannen zu weichen und hatten bald die Thür erreicht; hier machten sie plötzlich Kehrt und ergriffen eiligst die Flucht.

Der Graf schloß ruhig die Thür hinter ihnen.

Die beiden jungen Leute brachen in ein herzliches Gelächter aus Über ihren leichten Sieg und kehrten zu den im Garten versteckten zitternden Damen zurück.

Diese Lehre war hinreichend; die Ruhe der Bewohner des kleinen Hauses wurde seitdem nicht wieder gestört.

Nichtsdestoweniger war Donna Maria den beiden jungen Leuten für den ihr erwiesenen Dienst erkenntlich, sie fand ihre Besuche nicht mehr zu lang und wenn sie aus Schicklichkeit aufbrechen wollten, forderte sie sie auf, noch länger zu bleiben.

Allerdings vereinigten die jungen Mädchen ihre Bitten mit der ihrigen, so daß der Graf und sein Freund sich leicht überreden ließen und bald den größten Theil des Tages bei ihnen zubrachten.

Es war am Tage nach der Nacht, welche Don Adolfo bei seinen Freunden zugebracht hatte; die Mittagsstunde hatte bereits lange von allen Kirchthürmen der Stadt geschlagen, und die beiden jungen Männer, welche sich gewöhnlich um elf Uhr Morgens bei Donna Maria einstellten, waren noch immer nicht erschienen.

Die jungen Mädchen beschäftigten sich im Speisesaal scheinbar mit dem Ordnen und Abstäuben der Meubel, um nicht genöthigt zu sein, zu Donna Maria zu gehen, die sie seit langer Zeit im Garten erwartete.

Obwohl Beide nicht sprachen, so hatten sie doch, während sie die Meubel ordneten oder vielmehr in Unordnung brachten, fortwährend die Augen auf die Uhr gerichtet.

»Begreifst Du, Carmencita,« sagte endlich Donna Dolores, indem sie auf reizende Weise das Mäulchen hängenließ, »weshalb mein Vetter noch nicht hier ist?«

»Es ist unbegreiflich, Querida,« antwortete Donna Carmen sogleich, »ich gestehe, daß ich sehr in Unruhe bin, die Stadt ist, wie man sagt, augenblicklich in großer Verwirrung, es wird den armen jungen Leuten doch nichts Schlimmes zugestoßen sein.«

»Oh! das wäre schrecklich, wenn Ihnen ein Unglück widerfahren wäre.«

»Was sollten wir allein und ohne Schutz in diesem Hause anfangen? wo wir ohne ihre Hülfe bereits ermordet worden wären.«

»Um so mehr, als wir auf Don Jaime, der immer abwesend ist, nicht rechnen können.«

Die beiden jungen Mädchen seufzten tief, blickten sich einen Augenblick schweigend an; dann fielen sie einander in die Arme und brachen in Thränen aus.

Sie hatten sich verstanden.

Nicht für sich selbst fürchteten sie.

»Du liebst ihn also?« fragte endlich Donna Dolores mit leiser Stimme und halb ihrer Freundin in's Ohr flüsternd.

»Oh! ja,« antwortete diese sanft, »und Du?«

»Ich, auch.«

Das Geständniß war gemacht; sie verstanden sich jetzt und hatten einander nichts mehr zu verheimlichen.

»Seit wann liebst Du ihn?« begann Donna Carmen wieder.

»Ich weiß es nicht; es ist mir, als hätte ich ihn stets geliebt.«

»Bei mir ist es ebenso.«

Nichts ist so süß und rein, als die naive Liebe eines jungen Mädchens. Es ist die kaum zu den menschlichen Empfindungen erwachte Seele, welche ihre Engelsfittige versucht, um in die unbekannten Regionen einer idealen Welt zu fliegen.

»Und er, liebt er Dich?« fragte Carmen sanft.

»Er liebt mich, weil ich ihn liebe.«

»Das ist wahr,« entgegnete Carmen überzeugt.

Die Liebe hat das Schöne für sich, daß sie wesentlich unlogisch ist, sonst wäre sie keine Liebe.

Plötzlich richteten sich die beiden jungen Mädchen wieder auf, indem sie die Hand auf ihr Herz legten.

»Da ist er,« sagte Dolores.

»Er kommt,« sprach Carmen gleichzeitig.

Woher wußten sie dies? Draußen herrschte die tiefste Stille.

Sie verließen den Speisesaal und flüchteten wie zwei aufgescheuchte Tauben in den Garten.

Fast gleich darauf wurde an die Thür geklopft.

Der alte Diener, dem wahrscheinlich das Klopfen schon bekannt war, eilte, um zu öffnen.

Der Graf und sein Freund traten in das Haus.

»Wo sind die Damen?« fragte der Graf.

»In der Huerta, Excellenz,« versetzte der Diener, indem er die Thür hinter ihnen schloß.

Die Damen saßen in einem Bosquet, Donna Maria stickte, die jungen Mädchen lasen scheinbar so aufmerksam, daß sie, obwohl sie plötzlich tief errötheten, die Tritte der Besucher nicht vernahmen, und sehr überrascht schienen, als sie dieselben bemerkten.

Diese begrüßten, als sie unter das Bosquet traten, die Damen ehrerbietig.

»Da sind Sie endlich, meine Herren,« sagte Donna Maria freundlich; »wissen sie, daß wir sehr in Unruhe über Ihr langes Ausbleiben waren?«

»Oh nein!« meinte Donna Carmen, den Mund verziehend.

»Nicht sehr,« murmelte Donna Dolores, »die Herren haben wahrscheinlich anderswo Gelegenheit gefunden, sich zu belustigen, und haben dieselbe benutzt.«

Der Graf und Dominique blickten die jungen Mädchen verwundert an, sie begriffen sie nicht.

»Seht, seht, Ihr kleinen Närrinnen,« sagte Donna Maria sanft, »quält die armen jungen Herrn nicht so, Ihr macht sie ganz verwirrt, es ist wahrscheinlich, daß sie eher gekommen, wenn es ihnen möglich gewesen wäre.«

»Oh! die Herren haben vollkommene Freiheit, zu kommen, wenn es ihnen beliebt,« sprach Donna Dolores geringschätzend.

»Wir werden doch nicht über so geringfügige Dinge streiten,« setzte Carmen in demselben Tone hinzu.

Dies war der Gnadenstoß für die jungen Leute, sie kamen vollständig aus der Fassung.

Die spöttischen Kinder betrachteten sie einen Augenblick verstohlen, dann brachen sie plötzlich in ein so herzliches Gelächter aus, daß der Graf und Dominique vor Aerger bleich wurden.

»Wahrhaftig!« rief der Vaquero, indem er zornig mit dem Fuße stampfte, »das ist auch zu böse, uns so für einen Fehler zu bestrafen, den wir nicht verschuldet haben.«

»Don Adolfo hat uns wider Willen so lange zurückgehalten,« sprach der Graf.

»Sie haben Don Jaime gesehen?« fragte Donna Maria.

»Ja, Madame, er hat uns heute Nacht gegen elf Uhr besucht.«

Darauf setzten sich die Herren und es entspann sich eine muntere Unterhaltung.

Donna Carmen und Dolores fuhren fort, sie zu quälen, sie waren glücklich, sie so vollständig aus der Fassung gebracht zu haben, obwohl sie ihnen innerlich grollten, daß sie das Gefühl nicht verstanden hatten, welches ihre Vorwürfe dictirte.

Was den Grafen und Dominique anbelangt, so fühlten sie sich glücklich in der Nähe dieser schönen, naiven Kinder. Sie berauschten sich in dem Feuer ihrer Blicke, lauschten mit Entzücken ihrer sanften Stimme, ohne an etwas Anderes zu denken, als sich so lange wie möglich dieses Glückes zu erfreuen.

So verfloß der ganze Nachmittag – für sie mit der Schnelligkeit eines Traumes.

Um neun Uhr Abends nahmen sie Abschied.

Sie kehrten schweigend in ihre Wohnung zurück.

»Willst Du schlafen?« fragte der Graf seinen Freund, als sie in ihrem Zimmer waren.

»Ei nein,« erwiderte dieser; »weshalb?«

»Weil ich mit Dir zu plaudern wünschte.«

»Das trifft sich gut, mein Freund, ich habe auch mit Dir zu reden.«

»Ah« meinte der Graf, »nun, wenn Du willst, so wollen wir dabei eine Cigarre rauchen und einen Grog trinken.«

»Damit bin ich einverstanden.«

Die beiden jungen Männer setzten sich einander gegenüber und zündeten ihre Cigarren an.

»Welch' entzückenden Tag haben wir verlebt!« begann der Graf.

»Wie könnte es bei so liebenswürdigen Menschen anders sein,« antwortete Dominique.

Und wie in Uebereinstimmung seufzten die jungen Leute.

Der Graf schien einen plötzlichen Entschluß gefaßt zu haben.

»Laß hören,« sagte er zu seinem Freund, »willst Du offen sein?«

»Du weißt wohl, daß ich es gegen Dich stets sein werde,« erwiderte Dominique.

»Wohlan! so höre. Du weißt, daß ich seit kaum einigen Monaten in Mexiko bin, aber Du kennst nicht den Beweggrund, der mich in dieses Land geführt hat.«

»Ich glaube, gehört zu haben, daß Du in der Absicht gekommen seiest, Deine Cousine, Donna Dolores de-la-Cruz zu heirathen.«

»Das ist die Wahrheit; aber was Du nicht weißt, ist die Art und Weise, wie diese Heirath beschlossen wurde, und die Gründe, welche mich verhindern, diese Verbindung abzubrechen.«

»Ah!« meinte Dominique.

»Ich werde kurz sein; vernimm also, daß ich schon seit meiner Kindheit nach den Bedingungen eines Familienbeschlusses, der Verlobte meiner Cousine Donna Dolores war, von deren Dasein ich nicht einmal eine Ahnung hatte. Zum Manne gereift, forderten mich meine Eltern auf das Versprechen, welches sie, ohne mich zu fragen, in meinem Namen eingegangen waren, zu erfüllen. Ungeachtet des ganz natürlichen Widerwillens, den ich gegen diese seltsame Verbindung mit einer Frau, die ich nicht kannte, empfand, mußte ich dennoch gehorchen. Ich verließ mit Bedauern das glückliche, ruhige und sorglose Leben, welches ich in Paris in der Mitte meiner Freunde führte, und schiffte mich nach Mexiko ein. Don Andrès de-la-Cruz empfing mich bei meiner Ankunft mit der lebhaftesten Freude, überhäufte mich mit den zartesten Aufmerksamkeiten, und stellte mich seiner Tochter, meiner Braut, vor. Donna Dolores nahm mich kalt auf, sogar mehr als kalt, wahrscheinlich war sie eben so wenig wie ich von der Verbindung entzückt, welche man sie zwang, mit einem Unbekannten einzugehen; sie fühlte sich von dem Rechte bedrückt, das sich Ihr Vater angemaßt hatte, indem er, ohne sie zu befragen, selbst ohne sie davon in Kenntniß zu setzen, über ihre Hand Verfügung traf; denn, wie ich später vernahm, wußte Donna Dolores durchaus nichts über das zwischen unsern Familien geschlossene Uebereinkommen. Was mich anbetrifft, so war ich entzückt über den kalten Empfang, der mir von Derjenigen zu Theil wurde, die meine Gattin werden sollte; ich schöpfte daraus die Hoffnung, daß diese Verbindung vielleicht nicht geschlossen werden würde. Du weißt, Donna Dolores ist sehr schön.«

»Oh! ja,« murmelte Dominique.

»Ihr Charakter ist liebenswürdig, ihr Geist gebildet; ja, sie vereinigt alle Anmuth und alle verführerische Anziehungskraft in sich, die sie zu einem vollendeten Weibe machen.«

»Oh! ja,« wiederholte Dominique, »dies Alles, was Du sagst, ist die strengste Wahrheit.«

»Und doch kann ich sie nicht lieben, dieses Gefühl ist stärker als ich, dennoch nöthigt mich die Pflicht, sie zu heirathen. Donna Dolores ist plötzlich eine Waise geworden, sie ist fast ruinirt und ohne Vertheidigung dem Hasse ihres Bruders ausgesetzt; verlobt mit ihr, freilich gegen meinen Willen, aber doch wirklich verlobt, befiehlt mir die Ehre, diese Verbindung einzugehen, den letzten Wunsch ihres sterbenden Vaters zu erfüllen, und dennoch liebe ich ...«

»Was willst Du sagen?« rief Dominique mit keuchender Stimme.

»Verzeih' mir, Dominique; aber ich liebe Donna Carmen.«

»O! Gott sei gelobt.«

»Wie? was meinst Du?«

»Ich liebe auch,« antwortete Dominique, »Du machst mich sehr glücklich, denn Die, welche ich liebe, ist Donna Dolores!«

Der Graf reichte ihm die Hand; Dominique warf sich in seine Arme.

Lange blieben sie heiß umschlungen, endlich machte sich der Graf sanft los und sagte, indem er in seine Worte all' die Gefühle legte, die sein Herz bewegten:

»Laß uns hoffen!«

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