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Mexicanische Nächte ? Dritter Theil

Gustave Aimard: Mexicanische Nächte ? Dritter Theil - Kapitel 11
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typefiction
authorGustav Aimard
titleMexicanische Nächte ? Dritter Theil
publisherVerlag von Chr. E. Kollmann
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X.

Die Ueberrumpelung.

Wir wollen einen kurzen Rückblick machen und erzählen, was sich seit dem Tage, wo Miramon so ungezwungen über die in dem englischen Consulat niedergelegten Conventionsgelder disponirt hatte, bis zu demjenigen, zu welchem unsere Geschichte gelangt ist, ereignet hatte; denn die politischen Ereignisse waren unserer Erzählung nicht fremd, sondern trugen vielmehr zur raschen Entwicklung derselben bei.

Wie Don Jaime es ihm vorausgesagt, so hatte die etwas rohe Art, mit der General Marquez seine Befehle ausgeführt, und die durchaus ungesetzmäßige That, sich der Conventionsgelder zu bemächtigen, unglücklicher Weise den bis dahin von aller Willkür und Plünderung so reinen Character des jungen Präsidenten in ein schlechtes Licht gebracht.

Als die Nachricht sich verbreitete, hatten die Mitglieder des diplomatischen Corps, unter Andern der spanische und französische Gesandte, die wegen seines edlen Charakters mehr zu Miramon als zu Juarez neigten, von diesem Augenblick die Sache der gemäßigten, durch Miramon repräsentirten Partei unrettbar verloren gegeben, wofern nicht eins jener, in Revolutionszeiten so häufigen Wunder eintrat. Um so mehr als die verhältnißmäßig sehr bedeutende Summe der Conventionsgelder mit der, welche Don Jaime dem Präsidenten übergeben, nicht hingereicht hatte, das enorme Deficit zu tilgen, sondern nur merklich zu verringern.

Der größte Theil des Geldes war verwendet worden, die Soldaten zu bezahlen, die, da sie seit drei Monaten keine Löhnung erhalten hatten, zu murren begannen und in Massen zu desertiren drohten.

Nachdem die Armee beinahe bezahlt war, eröffnete Miramon, um dieselbe zu vermehren, Anwerbungen, da er ein letztes Mal sein Glück im Kampfe versuchen wollte, entschlossen, die ihm von den Repräsentanten der Nation anvertraute Macht, Schritt für Schritt zu vertheidigen.

Indessen, trotz des Vertrauens, welches er voraussetzte, machte sich der junge General dennoch keine Illusionen über seine verzweifelte Lage der mehr und mehr beträchtlichen und wirklich imposanten Macht der Puros (wie man die Parteigänger Juarez' nannte) gegenüber. Auch wollte er, bevor er sein äußerstes Spiel begann, ein letztes in seiner Macht liegendes Mittel, eine diplomatische Vermittlung, versuchen.

Bei seiner Ankunft in Mexiko hatte der spanische Gesandte seine Regierung anerkannt; an diesen Diplomaten wandte sich Miramon im letzten Augenblick, wo er an seiner Lage verzweifelte, zu dem Zweck, eine Vermittlung der Ministerresidenten zu erlangen, um durch einen Vergleich die Wiederherstellung des Friedens zu erreichen, Indem er versprach, sich gewissen Bedingungen zu unterwerfen, deren wichtigste folgende waren:

Erstens: sollten die, von den beiden Krieg führenden Parteien gewählten, Abgeordneten mit den europäischen Ministern und den Vereinigten Staaten über die Wiederherstellung des Friedens unterhandeln.

Zweitens: diese Delegirten sollten den Präsidenten für die Regierung der ganzen Republik ernennen, während eine Generalversammlung über die Fragen entscheiden sollte, welche die Mexikaner trennten.

Drittens: sollte man die Art der Zusammenberufung des Congresses festsetzen.

Diese am dritten October 1860 an den spanischen Minister gesandte Depesche schloß mit den bezeichnenden Worten, welche die Schwäche Miramon's und das wirkliche Verlangen nach Frieden deutlich aussprachen:

»Gott gebe, daß dieser im Vertrauen gewagte Vergleich ein besseres Resultat habe, als alle die, welche bis jetzt vorgeschlagen worden sind.«

Wie Alles vermuthen ließ, war auch dieser letzte Versöhnungsversuch vergeblich.

Es hatte dies einen einfachen, leicht zu begreifenden Grund selbst für diejenigen Leute, die sich nicht mit Politik befaßten.

Juarez fühlte sich, als Herr des größten Theils des republikanischen Gebiets durch die Erschöpfung seines Gegners, zu stark in seiner Regierung zu Vera-Cruz, um sich in Bezug auf diese Frage nicht unlenksam zu zeigen; er wollte diese Stellung nicht durch gegenseitige Concessionen theilen, sondern gänzlich triumphiren.

Indessen glaubte Miramon, wie ein von Jägern bedrängter, muthiger Löwe, noch immer an seinen tapferen so oft siegreichen Degen und verzweifelte noch nicht, oder wollte nicht verzweifeln. Um seine letzten zerstreuten Anhänger zu sammeln, erließ er am 17. November einen Aufruf an sie, in welchem er sich zwang, den letzten erlöschenden Funken seiner schon verlornen Sache wieder zu beleben und Denjenigen, die ihn umgaben, die Energie, welche er in sich selbst unverletzt bewahrte, mitzutheilen.

Leider war der Glauben entflohen, die Worte fielen in durch das persönliche Interesse und durch die Furcht geschlossene Ohren; Keiner wollte den letzten Schrei des Todeskampfes eines großen und aufrichtigen Patrioten verstehen.

Indessen mußte er irgend einen Entschluß fassen: entweder auf den Kampf verzichten und die Macht niederlegen, oder von Neuem zu den Waffen greifen, und bis zum letzten Augenblicke widerstehen.

Nach reiflicher Ueberlegung entschloß sich der General zu Letzterem.

Die Nacht ging zu Ende; bläuliche Lichtstrahlen fielen durch die Vorhänge und ließen die Lichter erbleichen, die in dem Cabinet angezündet waren, wo wir den Leser schon einmal eingeführt haben, um ihn einer Unterredung des Generals mit dem Abenteurer beiwohnen zu lassen.

Jetzt finden wir dieselben Personen abermals in diesem Cabinet vereinigt.

Die fast gänzlich niedergebrannten Kerzen zeigten, daß die Abendzeit sehr ausgedehnt worden war. Die beiden Männer neigten sich über eine große Karte und schienen mit ernstester Aufmerksamkeit zu studiren und in Unterhaltung begriffen zu sein.

Plötzlich richtete sich der General auf und lehnte sich in seinen Fauteuil zurück.

»Bah!« murmelte er zwischen den Zähnen, »weshalb soll man sich gegen das Mißgeschick auflehnen?«

»Um es zu besiegen, General,« antwortete der Abenteurer.

»Das ist unmöglich.«

»Ihr verzweifelt?« sagte er betonend.

»Ich verzweifle nicht; weit entfernt! – ich bin im Gegentheil entschlossen, mich eher tödten zu lassen, wenn es sein muß, als mich dem Gesetze zu unterwerfen, welches mir dieser verächtliche Juarez auferlegen will, dieser gehässige, rachsüchtige, durch einen Spanier aus Mitleid am Rande eines Weges aufgelesene Indianer, der sich nur seiner erworbenen Kenntnisse und der durch den Zufall erhaltenen Erziehung bedient, um sein Vaterland zu zerreißen und es in einen Abgrund von Leid zu stürze.«

»Das wollen Sie thun, General?« erwiderte der Abenteurer scherzend. »Wer weiß? Vielleicht hat der Spanier, von dem Sie sprechen, nur diesen Indianer zu dem Zwecke erzogen, eine Rache zu erfüllen und das in der Voraussetzung dessen, was sich heut ereignet.«

»Auf meine Seele, Alles ließe dies glauben. Niemals hat ein Mann mit boshafterer Geduld die unheilvollsten Pläne verfolgt und mehr schändliche Handlungen mit schmachvollerem Cynismus begangen.«

»Ist er nicht Befehlshaber der Puros?« bemerkte lachend der Abenteurer.

»Verdammt sei dieser Mann!« rief der General in einer edlen Erregung, die er nicht zu beherrschen vermochte; »er will den Ruin unseres Landes.«

»Warum wollen Sie meinem Rathe nicht folgen?«

Der General zuckte ungeduldig die Achseln.

»Nun, mein Gott; weil der Plan, den Ihr mir vorschlagt, unausführbar ist.«

»Ist dies wirklich der einzige Grund, der Sie hindert, auf denselben einzugehen?« fragte er schlau.

»Und dann,« erwiderte der General in einiger Verlegenheit, »da Ihr mich dazu zwingt, es auszusprechen, weil ich ihn meiner unwürdig finde.«

»Oh! General, erlauben Sie mir, Ihnen bemerklich zu machen, daß Sie mich falsch verstanden haben.«

»Ihr scherzet, mein Freund, ich habe Euch im Gegentheil so wohl verstanden, daß wenn Ihr darauf besteht, ich Euch Wort für Wort den von Euch gefaßten Plan wiederholen will, und den Ihr aus Eigenliebe, fügte er lächelnd hinzu, »da Ihr der Erfinder seid, mich ausführen sehen wollt.«

»Ah!« meinte der Abenteurer mit zweifelnder Miene:

»Nun, dieser Plan, hier wiederhole ich ihn. Ich soll die Stadt unvermuthet verlassen, keine Artillerie mit mir nehmen, um schneller marschiren zu können, den Feind überraschen und angreifen.«

»Und ihn schlagen,« setzte der Abenteurer betonend hinzu.

»Oh! ihn schlagen ...« wiederholte er zweifelnd.

»Das ist unfehlbar; bedenken Sie doch, General, daß Ihre Feinde Sie in der Stadt eingeschlossen vermuthen, beschäftigt damit, sich darin zu befestigen, in der Voraussetzung der Belagerung, mit der sie Sie bedrohen. Sie wissen, daß seit der Niederlage des General Marquez keiner Ihrer Parteigänger das Land unterstützt, daß sie demzufolge keinen Angriff zu fürchten haben und sich der vollkommensten Sicherheit überlassen können.«

»Das ist allerdings wahr,« murmelte der General.

»Nichts wird Ihnen daher leichter sein, als sie in Verwirrung zu bringen. Das ist das Einzige, was Sie thun können und was Ihnen allein beinahe sichere Chancen des Gelingens bietet. Indem Sie Ihre Feinde überfallen und sie einzeln schlagen, haben Sie die Hoffnung, das Glück wieder zu ergreifen, welches Sie verläßt und Sie dem schändlichen Mitwerber überliefert. Wenn nun einige für Sie glückliche Zusammenstöße mit seinen Truppen stattfinden, werden Ihre Anhänger, die Sie verloren glauben, in Masse zurückkehren und diese furchtbare Armee Juarez' wird wie der Schnee an der Sonne zerschmelzen.«

»Ja, ja, ich begreife, es liegt etwas Kühnes in diesem Plane.«

»Ueberdies bietet er Ihnen eine letzte Chance.«

»Welche?«

»Die – wenn Sie besiegt werden –: Ihren Fall dadurch zu veredeln, daß Sie mit den Waffen in der Hand auf einem Schlachtfelde fallen, anstatt sich durch einen Feind, den Sie verachten, in der Höhle fangen zu lassen und in einigen Tagen sich gezwungen zu sehen, eine schmachvolle Capitulation anzunehmen, um der Hauptstadt der Republik die Schrecken einer Belagerung zu ersparen.«

Der General erhob sich und begann mit großen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen; nach einer Weile blieb er vor dem Abenteurer stehen.

»Habt Dank, Don Jaime«, sagte er weich, »habt Dank! Eure freimüthige Offenheit hat mir wohlgethan, sie hat mir bewiesen, daß mir wenigstens ein treuer Freund im Unglück bleibt. Wohlan, es sei! ich nehme Euren Plan an, noch heute will ich an die Ausführung desselben gehen. Wie spät ist es?«

»Noch nicht ganz vier Uhr, General.«

»Um fünf Uhr werde ich Mexiko verlassen haben.«

Der Abenteurer erhob sich.

»Ihr verlaßt mich, mein Freund,« sagte der Präsident.

»Meine Gegenwart ist hier nicht mehr nöthig, General; erlauben Sie mir, mich zu entfernen.«

»Wir werden uns wiedersehen.«

»Im Augenblick der Schlacht, ja, General. Wo gedenken Sie, den Feind anzugreifen?«

»Dort,« antwortete der General, indem er mit dem Finger auf einen Punkt der Karte deutete, »zu Toluca, wo seine Avantgarde nicht vor zwei Uhr Nachmittags ankommen wird; wenn ich Alles aufbiete, kann ich den Ort gegen Mittag erreichen, und habe also die nothwendige Zeit, mich für den Kampf vorzubereiten.«

»Der Ort ist gut gewählt, ich prophezeihe Ihnen Sieg, General.«

»Gott hört Euch! ich glaube nicht daran.«

»Noch diese Entmuthigung.«

»Nein, mein Freund, Ihr seid im Irrthum; es ist keine Entmuthigung meinerseits, sondern Ueberzeugung.«

Und er reichte dem Abenteurer gerührt die Hand, welcher Abschied nahm und sich entfernte.

Einige Augenblicke später hatte Don Jaime Mexiko verlassen und sprengte in scharfem Galopp auf offenem Felde dahin.

 

Ende des dritten Theils.

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