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Gilbert Keith Chesterton: Menschenskind - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorGilbert Keith Chesterton
titleMenschenskind
publisherVerlag Herder KG
translatorN. Collin
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Die wilden Ehen oder die Klage wegen Polygamie

»Ein moderner Mann«, sagte Doktor Cyrus Pym, »muß, wenn er nachdenklicher Natur ist, mit einiger Vorsicht an das Problem der Ehe gehen. Die Ehe ist eine Stufe – zweifellos eine notwendige Stufe – auf dem langen Weg der Menschheit zu einem Ziel, das wir noch nicht erfassen können und das zu wünschen wir noch nicht reif genug sind. Meine Herren, wie steht es jetzt mit der ethischen Lage der Ehe? Haben wir sie überlebt?«

»Sie überlebt?« platzte Moon heraus, »niemand hat sie bis jetzt überlebt. Sehen Sie sich alle die verheirateten Leute seit Adam und Eva an – alle sind so tot wie Hammelfleisch.«

»Zweifellos soll diese Unterbrechung witzig sein«, sagte Doktor Pym frostig, »aber daraus kann ich noch gar nicht ersehen, was die gereifte und ethische Ansicht Doktor Moons über die Ehe ist...«

»Ich kann es aber sagen«, warf Michael wütend aus der Dunkelheit ein. »Die Ehe ist ein Zweikampf bis zum Tode, dem ein Mann von Ehre sich nicht entziehen sollte.«

»Michael«, sagte Artur Inglewood leise, »Sie müssen ruhig bleiben.«

»Herr Moon«, sagte Pym mit gleichbleibender Liebenswürdigkeit, »betrachtet wahrscheinlich den Ehestand von einem veralteten Standpunkt aus. Vermutlich würde er die Ehe strenger und gleichförmiger machen. Er würde die Ehescheidung bei irgendeiner großen ehernen Seele – wie zum Beispiel bei Julius Cäsar – genauso behandeln, als wenn es sich um einen gewöhnlichen Strolch oder einen Tagelöhner handelt, der seiner Frau ausgerissen ist. Die Wissenschaft hat einen toleranteren und menschlicheren Standpunkt. Ebenso wie der Wissenschaftler den Mord nur als Durst nach vollständiger Zerstörung betrachtet und den Diebstahl nur als heftigen Hunger nach Besitz ansieht, so ist die Polygamie für den Wissenschaftler nur eine übermäßige Steigerung des Triebes nach Abwechslung. Leidet ein Mann nun daran, so ist er unfähig, beständig zu bleiben. Zweifellos gibt es eine physische Ursache für dieses Flattern von Blume zu Blume, wie es gleichfalls zweifellos eine physische Ursache für das Stöhnen gibt, unter dem Herr Moon anscheinend augenblicklich leidet. Der amerikanische Menschenverächter Winterbottom hat sogar folgendes zu sagen gewagt: ›Für einen gewissen seltenen und physisch auserlesenen Typ ist die freie Polygamie nur die Verwirklichung der Mannigfaltigkeit der Weibchen, wie Kameradschaft die Verwirklichung der Mannigfaltigkeit der Männchen ist.‹ Jedenfalls ist der Typ, der zur Mannigfaltigkeit neigt, von allen maßgebenden Forschern anerkannt. Es ist tatsächlich in vielen Fällen festgestellt worden, daß, wenn ein solcher Typ der Witwer einer Negerin ist, er sich in zweiter Ehe mit einer Albinofrau verehelicht. Wird ein solcher Typ von den gigantischen Umarmungen einer Patagonierin befreit, führen ihn seine Phantasie und sein Instinkt dazu, sich mit einem Eskimoweibchen zu trösten. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß der Gefangene ein solcher Typ ist. Wenn ein blind waltendes Schicksal und eine unwiderstehliche Versuchung als milderne Umstände für einen solchen Mann gelten können, so wäre er zweifellos damit zu entschuldigen.

In einem früheren Stadium der Untersuchung zeigte die Verteidigung einen wirklich ritterlichen Idealismus, indem sie die Richtigkeit eines Teiles unserer Erzählung ohne weiteres zugab. Wir unsererseits möchten nun diese außerordentliche Weitherzigkeit anerkennen und nachahmen, indem auch wir zugeben, daß die von dem Hilfsgeistlichen Percy erzählte Geschichte von dem Boot, der Schleuse und der jungen Frau im großen und ganzen der Wahrheit entspricht. Anscheinend hat Smith wirklich eine junge Frau geheiratet, die beinahe durch seine Schuld ertrunken wäre. Es bleibt nun dahingestellt, ob es nicht gütiger von ihm gewesen wäre, sie umzubringen, anstatt sie zu heiraten. Um diese Tatsache zu bestätigen, kann ich jetzt der Verteidigung ein Zugeständnis machen und einen unbestreitbaren Beweis dieser Heirat vorlegen.«

Bei diesen Worten überreichte er Michael einen Ausschnitt aus der »Maidenhead Gazette«, welche klar und deutlich die Eheschließung der Tochter eines »Paukers«, das heißt eines dort wohlbekannten Lehrers, mit Herrn Innozenz Smith vom Brakespeare College, Cambridge, bekanntgab.

Als Doktor Pym seine Rede fortsetzte, merkte man, daß sein Gesicht einen zugleich tragischen und triumphierenden Ausdruck angenommen hatte.

»Ich verweile einen Augenblick bei dieser einleitenden Tatsache«, sagte er ernst, »weil diese Tatsache uns den Sieg verleihen würde, wenn wir den Sieg erstrebten und nicht die Wahrheit. Soweit es sich um das persönliche und häusliche Problem handelt, ist dieses Problem gelöst. Doktor Warner und ich betraten dieses Haus in einem höchst kritischen Augenblick. Englands Warner hat viele Häuser betreten, um die Menschen vor Krankheit zu retten; diesmal betrat er ein Haus, um eine unschuldige Dame von einer wandelnden Pestilenz zu befreien. Smith war gerade im Begriff, ein junges Mädchen aus diesem Hause zu entführen; seine Droschke und Tasche standen bereits vor der Tür. Er hatte ihr gesagt, daß sie bei seiner Tante bleiben sollte, bis er den Heiratskonsens beschafft habe. Diese Tante«, fuhr Cyrus Pym fort, und sein Gesicht nahm einen dramatisch düsteren Ausdruck an, »diese nur in seiner Phantasie existierende Tante ist das tanzende Irrlicht, das so manche hochherzige Maid ins Unglück stürzte. In wie viele jungfräuliche Ohren hat er dieses heilige Wort geflüstert? Als er das Wort ›Tante‹ aussprach, sah diese Maid die Fröhlichkeit und die hohe Moral eines angelsächsischen Heims vor sich. In jener tollen Droschke, in der sie ihrem Unglück entgegenfuhr, hörte sie schon Teekessel summen und Kätzchen schnurren.«

Inglewood sah auf und fand zu seinem Erstaunen (wie so manche Bewohner der östlichen Hemisphäre es auch gefunden haben), daß der Amerikaner nicht nur vollkommen ernsthaft war, sondern wirklich rührend und zu Herzen gehend sprach – wenn man den Unterschied der Hemisphären in Betracht zieht.

»Die abscheuliche Tatsache steht also fest, daß dieser Mann Smith sich mindestens einer unschuldigen Frau in diesem Hause als noch freier Junggeselle genähert hat, während er doch ein verheirateter Mann war. Ich stimme also mit meinem Kollegen, Herrn Gould, überein, daß dieses Verbrechen alle anderen übertrifft. Über die Frage, ob das, was unsere Vorfahren mit Reinheit bezeichneten, schließlich einen ethischen Wert hat, zögert die Wissenschaft noch in erhabener, stolzer Weise, ein Urteil auszusprechen. Aber kann es ein Zaudern geben, wenn es sich um die Niederträchtigkeit eines Bürgers handelt, der durch brutale Experimente an lebenden Frauen dem Urteil der Wissenschaft in dieser Beziehung vorzugreifen wagt?

Die Frau, von welcher der Hilfsgeistliche Percy behauptet, sie lebe mit Smith in Highbury, mag dieselbe Dame sein oder nicht, die Smith in Maidenhead heiratete. Gab es eine kurze süße Zeit der Beständigkeit und der Ruhe des Herzens, die den reißenden Strom seines ausschweifenden Lebens unterbrach, so wollen wir ihm diese längst vergangene Möglichkeit lassen. Vielleicht hat es eine solche Zeit gegeben, aber nachher scheint er sich bedauerlicherweise immer tiefer in den Sumpf der Untreue und der Schande gestürzt zu haben.«

Doktor Pym schloß die Augen, aber da es leider bereits dunkel im Zimmer war, verfehlte dieses vertraute Signal seine volle und richtige moralische Wirkung. Nach einer Pause, die fast einer Pause für ein stilles Gebet glich, fuhr er fort:

»Der erste Beweis für die wiederholten gesetzwidrigen Eheschließungen des Angeklagten«, rief er aus, »kommt von Lady Bullingdon. Die Dame drückt sich mit einem stolzen Hochmut aus, der entschuldbar ist, wenn man von den Zinnen einer normannischen Ahnenburg auf die Menschheit herabblickt. Die Mitteilung, die sie uns sandte, lautete folgendermaßen:

– Lady Bullingdon erinnert sich des in Frage kommenden peinlichen Vorfalls, möchte sich jedoch nicht in Einzelheiten ergehen. Das junge Mädchen Polly Green, das ungefähr zwei Jahre im Dorf lebte, war eine ganz gute Schneiderin. Daß sie nicht verehelicht war, erwies sich als schädlich nicht nur für sie, sondern auch für die allgemeine Moral des Dorfes. Deshalb gab Lady Bullingdon zu verstehen, daß ihr eine Verheiratung des jungen Mädchens angenehm wäre. Da die Dorfbewohner natürlich Lady Bullingdon entgegenkommen wollten, stellten sich mehrere von ihnen zur Verfügung, und alles wäre in schönster Ordnung gewesen, wenn das Mädchen Green nicht durch ihre bedauernswerte Wunderlichkeit und Verdorbenheit selber einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Lady Bullingdon nimmt an, daß es in jedem Dorf einen Dorfnarren geben muß, jedenfalls schien in ihrem Dorf ein solches unglückliches Geschöpf zu existieren. Lady Bullingdon sah ihn allerdings nur einmal, und sie ist sich auch vollkommen bewußt, wie außerordentlich schwierig es ist, zwischen einem tatsächlichen Idioten und dem gewöhnlichen schwerfälligen Typ der ländlichen niedrigen Klassen zu unterscheiden. Jedoch fiel ihr die erschreckende Kleinheit des Kopfes dieses Mannes im Verhältnis zu seinem übrigen Körper auf. Die Tatsache, daß er am Wahltag die Abzeichen der beiden entgegengesetzten Parteien trug, nahm Lady Bullingdon jeden Zweifel über seinen Schwachsinn. Lady Bullingdon hörte mit Erstaunen, daß dieser Unglückliche zu den Bewerbern des jungen Mädchens gehöre. Lady Bullingdons Neffe hatte eine Unterredung mit dem Scheusal über diese Angelegenheit und sagte ihm, daß er ein Esel sei, sich so etwas in den Kopf zu setzen. Darauf antwortete der Idiot mit einem blöden Grinsen, Esel wären gewöhnlich hinter Karotten her. Aber Lady Bullingdon war noch mehr erstaunt, als sie hörte, das unglückliche Mädchen sei geneigt, diesen ungeheuerlichen Heiratsantrag anzunehmen, obgleich Garth, der Leichenbestatter, der weit über ihr stand, ebenfalls um sie angehalten hatte. Lady Bullingdon konnte natürlich nicht einen Moment daran denken, einem solchen Vorhaben Vorschub zu leisten, und die beiden unglücklichen jungen Leute entflohen, um sich heimlich zu verheiraten. Lady Bullingdon kann sich nicht genau an den Namen des Mannes erinnern, aber sie glaubt, er habe Smith geheißen. Im Dorf wurde er immer Innozenz der Idiot genannt. Lady Bullingdon meint, er habe die Green später in einem Anfall von Geistesgestörtheit ermordet.

Die nächste Mitteilung«, fuhr Pym fort, »zeichnet sich durch ihre Kürze aus, trifft aber, meiner Meinung nach, trotzdem den Kern der Sache. Der Brief ist in dem Büro der Verleger Hanbury & Bootle geschrieben worden und lautet folgendermaßen:

– Geehrter Herr! Ihr Geehrtes erhalten und zur Kenntnis genommen. Gerücht betreffs Stenotypistin bezieht sich möglicherweise auf ein Fräulein Blake oder ein ähnlich genanntes Fräulein, das vor neun Jahren hier abging, um einen Leiermann zu heiraten. Fall war zweifellos merkwürdig und zog die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich. Mädchen arbeitete ausgezeichnet bis Oktober 1907, dann anscheinend verrückt geworden. Bericht wurde zu damaliger Zeit geschrieben. Er folgt beiliegend. Hochachtungsvoll etc. p. p.

W. Trip.

Die näheren Einzelheiten sind nun diese:

Am zwölften Oktober wurde ein Brief aus diesem Büro an die Buchbinder Herren Bernhard und Juke gesandt. Als Herr Juke ihn öffnete, fand er folgende Mitteilung darin: ›Geehrter Herr! Unser Herr Trip wird um drei Uhr vorsprechen, da wir zu wissen wünschen, ob es wirklich beschlossen ist, daß 00000037bb!!!!!xy.‹ Darauf erteilte Herr Juke, der Humor hat, folgende Antwort: ›Geehrter Herr! Nachdem ich alle Mitglieder der Firma befragt habe, bin ich in der Lage, Ihnen als meine feste Überzeugung mitzuteilen, daß es wirklich nicht beschlossen ist, daß 00000073bb!!!!!xy. – Hochachtungsvoll etc. p. p.

J. Juke.‹

Als unser Herr Trip diese merkwürdige Antwort erhielt, verlangte er den von ihm abgesandten Originalbrief und fand, daß die Stenotypistin wirklich diese wahnsinnigen Hieroglyphen an Stelle der von ihm diktierten Wörter gesetzt hatte. Unser Herr Trip befragte das Mädchen, weil er fürchtete, sie sei plötzlich verrückt geworden, und es trug nicht zu seiner Beruhigung bei, als sie ihm erklärte, es ginge ihr immer so, wenn sie einen Leierkasten spielen höre. Sie wurde dann noch hysterischer und eigentümlicher und stellte eine Reihe höchst unwahrscheinlicher Behauptungen auf, zum Beispiel: sie sei mit dem Leiermann verlobt, er habe die Gewohnheit, ihr Serenaden auf seiner Drehorgel zu bringen, sie pflege mit dem Geklapper der Schreibmaschine zu antworten (im Stile von König Richard und Blondel), der Leierkastenmann habe ein so feines Gehör und bete sie so glühend an, daß er den Klang der verschiedenen Typen der Maschine erkennen könne und so begeistert von ihnen sei wie von einer Melodie. Auf alle diese Erzählungen gingen unser Herr Trip und wir anderen nur so weit ein, wie man es bei Leuten tun muß, die man so schnell wie möglich unter die Obhut ihrer Verwandten stellen möchte. Aber als wir die Dame hinuntergeleiteten, wurde ihre Erzählung auf das Erschreckendste und Unangenehmste bestätigt, denn der Drehorgelspieler, ein riesiger Mann mit einem kleinen Kopf und offenbar auch verrückt, hatte seinen Leierkasten wie einen Sturmbock vor dem Hauseingang aufgestellt und verlangte stürmisch nach seiner angeblichen Braut. Als ich selbst auf dem Schauplatz erschien, fuchtelte er mit seinen langen, affenartigen Armen in der Luft herum und deklamierte ihr zu Ehren ein Gedicht. Wir waren zwar an allerlei Wahnsinnige, die Gedichte in unserem Büro deklamieren, gewöhnt, aber auf das, was nun folgte, waren wir nicht gefaßt. Die Verse, die er gerade hersagte, lauteten, glaube ich, ungefähr so:

O leuchtendes, unentweihtes Haupt,
Umrahmt...

doch weiter ist er nicht gekommen. Herr Trip schritt rasch auf ihn zu, aber im selben Augenblick hatte der Riese die arme Stenotypistin wie eine Puppe aufgehoben, sie auf seinen Leierkasten gesetzt und war mit einem Höllenlärm aus dem Hauseingang gestürzt und die Straße hinuntergerast wie ein fliegender Schubkarren. Ich benachrichtigte die Polizei von dieser Angelegenheit, aber das erstaunliche Paar war und blieb verschwunden. Es tat mir persönlich leid, denn die Dame war nicht nur angenehm, sondern für ihre Stellung auch ungewöhnlich gebildet. Da ich meinen Posten bei den Herren Hanbury & Bootle aufgebe, habe ich einen schriftlichen Bericht über dieses Vorkommnis hiergelassen.

(Gezeichnet) Aubrey Clarke, Lektor.

Und dieses letzte Schriftstück«, sagte Doktor Pym selbstgefällig, »ist von einer jener hochherzigen Frauen, die heutzutage die jungen Mädchen Englands in die Geheimnisse des Hockey, der höheren Mathematik und in jede Form von Idealismus einweihen.

›Sehr geehrter Herr (schreibt sie) – Ich habe nichts dagegen, Ihnen die Tatsachen über den von Ihnen erwähnten lächerlichen Zwischenfall mitzuteilen, trotzdem möchte ich Sie bitten, ihn mit Vorsicht weiterzuerzählen; denn mögen solche Dinge auch im abstrakten Sinne unterhaltsam sein, so sind sie keineswegs für den Namen einer Mädchenschule immer förderlich. Es hat sich nämlich folgendes zugetragen: Ich wollte einen Vortrag über eine philologische oder historische Frage halten lassen – einen Vortrag, der zugleich wirklich belehrend und doch populärer und unterhaltender als gewöhnlich sein sollte, weil es der letzte Vortrag in diesem Semester war. Ich erinnerte mich, daß ein gewisser Herr Smith aus Cambridge irgendwo einen amüsanten Essay geschrieben hatte, und zwar über seinen eigenen, etwas stark verbreiteten Namen – einen Essay, der entschieden wirkliche Kenntnisse von Genealogie und Topographie verriet. Ich schrieb an diesen Herrn, um ihn zu fragen, ob er uns einen humoristischen Vortrag über englische Familiennamen halten wolle, und er sagte zu. Der Vortrag war sehr lustig, fast zu lustig. Um mich deutlich auszudrücken, wurde mir und den anderen Lehrerinnen, nachdem Smith eine Weile gesprochen hatte, klar, daß er vollkommen verrückt sei. Zwar leitete er seinen Vortrag ganz richtig damit ein, daß er die Namen in zwei Gruppen teilte: Ortsnamen und Handelsnamen. Er behauptete (vielleicht hat er recht), daß die zunehmende Bedeutungslosigkeit der Namen ein Zeichen des Dahinschwindens der Zivilisation sei. Aber dann fuhr er ganz ruhig fort, die These aufzustellen, daß jeder Mann, der den Namen eines Ortes habe, auch an diesem Ort leben müsse, und jeder, der den Namen eines Handelszweiges trage, auch diesen Handel treiben müsse. Ebenso müßten Leute, die nach Farben genannt würden, nur Kleider in diesen Farben besitzen, und diejenigen, die nach Bäumen oder Pflanzen hießen (zum Beispiel Buche oder Rose), sollten sich immer mit diesen Pflanzen umgeben und schmücken. In der sich anschließenden kleinen Diskussion zwischen den älteren Schülerinnen wurde geschickt und sogar mit Eifer auf die Schwierigkeiten, die aus diesem Vorschlag entstehen würden, hingewiesen. Es wurde zum Beispiel von Fräulein Junggatte geltend gemacht, daß es ihr wirklich unmöglich sein würde, die ihr zugeteilte Rolle zu spielen; Fräulein Mann war in einem ähnlichen Dilemma, aus dem nicht einmal die allermodernsten Ansichten über die Geschlechter sie befreien konnten, und andere junge Damen, die zufällig Böse, Feigling und Hasenfuß hießen, protestierten energisch gegen diese Idee. Aber alles dieses geschah nachher; der kritische Moment war jedoch während des Vortrags. Herr Smith holte plötzlich mehrere Hufeisen und einen großen Hammer aus der Tasche und kündete seine Absicht an, sofort in der Nähe eine Schmiede zu errichten und forderte alle Anwesenden auf, sich für dieselbe gute Sache zu begeistern wie für eine heroische Revolution. Die anderen Lehrerinnen und ich versuchten, den unglücklichen Mann an seinem Vorhaben zu hindern, aber ich muß gestehen, daß gerade dieses Eingreifen seinen Wahnsinn noch mehr zum Ausbruch brachte. Er schwang den Hammer und verlangte stürmisch, die Namen aller Anwesenden zu erfahren. Zufällig trug ein Fräulein Brown, eine junge Seminaristin, ein braunes Kleid, ein rötlichbraunes, das ganz gut mit dem wärmeren Ton ihres Haares harmonierte, was sie auch wußte. Sie war ein hübsches Mädchen, und hübsche Mädchen pflegen das zu wissen. Aber als unser Verrückter entdeckte, daß wir tatsächlich ein Fräulein Brown hatten, die wirklich ein braunes Kleid trug, entlud sich seine fixe Idee wie ein Pulvermagazin, und vor allen Lehrerinnen und Schülerinnen machte er der Dame in dem rotbraunen Kleid einen Heiratsantrag. Sie können sich die Wirkung einer solchen Szene in einem Mädchenpensionat vorstellen. Aber sollten Sie es sich nicht vorstellen können, so kann ich es Ihnen jedenfalls nicht beschreiben.

Natürlich legte sich nach ein, zwei Wochen der Aufruhr, und wenn ich jetzt daran denke, erscheint mir die ganze Sache wie ein Scherz. Nur eine merkwürdige Einzelheit möchte ich Ihnen noch berichten, da – wie Sie sagen – Ihre Nachforschungen eine außerordentlich wichtige Ursache haben, aber ich muß Sie bitten, diese letzte Mitteilung noch vertraulicher zu behandeln als das übrige. Fräulein Brown, die in jeder Beziehung ein vortreffliches Mädchen war, verließ uns ein paar Tage darauf ganz plötzlich und in aller Heimlichkeit. Ich hätte nie gedacht, daß gerade sie sich den Kopf durch einen so lächerlichen Vorfall würde verdrehen lassen.

Mit vorzüglicher Hochachtung
Ada Gridley.‹

Ich denke«, sagte Pym mit einer wirklich überzeugenden Einfachheit und Ernsthaftigkeit, »daß diese Briefe für sich selbst sprechen werden.«

Herr Moon erhob sich zum letztenmal, und es war so dunkel, daß man nicht erkennen konnte, ob sich in seinen angeborenen Ernst nicht seine angeborene Ironie mischte.

»Während dieser ganzen Untersuchung und besonders in deren letzter Phase haben sich die Kläger auf ein Argument gestützt, und zwar auf die Tatsache, daß niemand weiß, was aus allen den unglücklichen Frauen, die Smith anscheinend verführt hat, geworden ist. Es haben sich überhaupt keine Beweise ergeben, daß sie ermordet worden sind; aber jedesmal, wenn die Frage aufgeworfen wurde, ist dieses stillschweigend angenommen worden. Ich interessiere mich nun nicht dafür, welchen Todes sie gestorben sind, wann sie gestorben sind oder ob sie überhaupt gestorben sind. Doch eine andere analoge Frage erregt mein Interesse, nämlich ob sie geboren wurden, wann sie geboren wurden und ob sie überhaupt geboren wurden. Mißverstehen Sie mich nicht. Ich will nicht die Existenz dieser Frauen bestreiten oder die Wahrheitsliebe derer, die über sie aussagten. Ich möchte nur auf diese bemerkenswerte Tatsache hinweisen, daß man nur bei einem einzigen dieser Opfer – und zwar bei dem Mädchen aus Maidenhead – von einem Heim oder Eltern spricht, alle die übrigen sind Pensionärinnen oder Zugvögel gewesen – ein Gast, eine einsam lebende Schneiderin, eine alleinstehende Stenotypistin. Als Lady Bullingdon von ihren Zinnen herabsah, die sie von der Familie Wharton mit dem Geld des alten Seifensieders kaufte, um sich an den Hals des verarmten Gentleman aus Ulster zu werfen und ihn zu heiraten, als diese Lady Bullingdon nun von den besagten Zinnen herabblickte, sah sie wirklich ein Wesen, das sie Fräulein Green nennt. Herr Trip von der Firma Hanbury & Bootle hatte tatsächlich eine Stenotypistin, die sich mit Smith verlobte. Fräulein Gridley ist trotz ihres Idealismus doch absolut zuverlässig, sie hatte tatsächlich eine junge Seminaristin in ihrem Hause, die Smith fortgelockt hat. Wir geben zu, daß alle diese Frauen wirklich existierten. Aber wir fragen doch wieder, ob sie auch wirklich lebten?«

»Ach, du Himmel!« rief Moses Gould, der vor Lachen fast erstickte.

»Man könnte kaum«, warf Pym mit ruhigem Lächeln dazwischen, »ein besseres Beispiel von der Nachlässigkeit haben, mit welcher wahrhaft wissenschaftliche Prozesse geführt werden. Ist der Wissenschaftler erst einmal von der Tatsache der Vitalität und des Bewußtseins überzeugt, so wird er daraus schließen, daß der Prozeß der Erzeugung bereits vorausgegangen ist.«

»Wenn diese Mädels«, rief Gould ungeduldig, »wenn diese Mädels alle lebten (alle lebten, oh!), würde ich einen Fünfpfundschein wetten, daß sie alle geboren waren.«

»Sie würden Ihre Wette verlieren«, erklang Moons ernste Stimme aus der Dunkelheit. »Alle diese bewunderungswürdigen Damen lebten um so intensiver, als sie mit Smith in Berührung gekommen waren. Sie waren alle ganz entschieden am Leben, aber nur eine von ihnen war jemals geboren.«

»Verlangen Sie etwa, daß wir glauben...«, begann Doktor Pym.

»Ich verlange gar nichts. Ich stelle eine zweite Frage an Sie«, unterbrach ihn Moon streng. »Ist der hier versammelte Gerichtshof in der Lage, einen wahrhaft werkwürdigen Umstand zu erklären? Herr Pym sagte in seinem interessanten Vortrag über das, was man, glaube ich, die Beziehungen zwischen den Geschlechtern nennt, Smith sei der Sklave eines anormalen Triebes nach Abwechslung gewesen, der einen Mann zuerst zu einer Negerin, dann zu einer Albinofrau führe und ihn erst nach einer riesigen Patagonierin, dann nach einem winzigen Eskimomädchen verlangen ließe. Aber ist hier denn wirklich so viel Abwechslung? Ist in dem Bericht irgendeine Spur von einer gigantischen Patagonierin? War die Stenotypistin eine Eskimofrau? Ein so romantischer Umstand wäre sicherlich nicht der Aufmerksamkeit entgangen. War Lady Bullingdons Schneiderin eine Negerin? Eine innere Stimme sagt mir: ›Nein!‹ Ich bin überzeugt, Lady Bullingdon hätte eine Negerin für etwas so Ungeheuerliches gehalten, daß sie sie auf eine Stufe mit einer Kommunistin gestellt haben würde, und eine Albinofrau wäre ihr fast wie etwas Liederliches vorgekommen.

Aber zeigte Smith eine solche anormale Neigung für Abwechslung, wie der gelehrte Doktor sie andeutete? Soweit wir aus unserem geringen Material ersehen können, scheint gerade das Gegenteil der Fall gewesen zu sein. Tatsächlich haben wir nur eine Beschreibung von einer der Frauen des Gefangenen, und zwar die kurze, aber hochpoetische des ästhetischen Hilfsgeistlichen. ›Ihr Kleid hatte die Farbe des Frühlings und ihr Haar die der Herbstblätter.‹ Herbstblätter haben natürlich verschiedene Farben – manche Farbe (grün zum Beispiel) wäre für Haar etwas auffallend, deshalb denke ich, daß sich dieser Ausdruck höchstwahrscheinlich auf die Schattierungen von Rotbraun bis Rot bezogen hat, besonders da die Damen, die kupferfarbenes Haar haben, häufig pastellgrüne Kleider tragen. Kommen wir nun zu der nächsten Frau, so hören wir, daß ihr absonderlicher Liebhaber, als ihm gesagt wird, er sei ein Esel, antwortet, Esel liefen meistens nach Karotten, eine Bemerkung, die Lady Bullingdon wahrscheinlich für ganz sinnlos und als eine Phrase aus den philosophischen Betrachtungen eines Dorfidioten ansah, die aber von unverkennbarer Bedeutung ist, wenn man annimmt, daß Polly rotes Haar hatte. Von der darauffolgenden Frau, von derjenigen, die er aus dem Mädchenpensionat entführt, hören wir aus Fräulein Gridleys Mund, das junge Mädchen habe ein rotbraunes Kleid getragen, das mit dem wärmeren Ton ihres Haares gut harmonierte. Mit anderen Worten war die Haarfarbe des jungen Mädchens ein etwas lebhafteres Rot als das Rotbraun des Kleides. Schließlich hat der romantische Leiermann vor dem Büro ein Gedicht deklamiert, von dem er nur jene Worte sagte:

›O leuchtendes unentweihtes Haupt,
Umrahmt...‹

Aber ich denke, daß jeder, der die schlimmsten modernen Dichter kennt, in der Lage sein wird, zu erraten, daß der Poet mit ›leuchtend umrahmtem Haupt‹ rotes Haar meinte. Auch wiederum in diesem Falle hat man guten Grund, anzunehmen, daß Smith sich in ein Mädchen verliebte, die kastanienfarbenes oder rotbraunes Haar hatte – ungefähr so«, sagte er und sah den Tisch herunter, »wie Fräulein Grays Haar.«

Cyrus Pym beugte sich mit gesenkten Augenlidern vor und hatte schon einen seiner pedantischen Zwischenrufe bereit, als Moses Gould sich plötzlich mit dem Zeigefinger auf die Nase schlug, und in seinen funkelnden Augen war ein Ausdruck grenzenloser Verwunderung und Schlauheit.

»Die gegenwärtige Behauptung von Herrn Moon«, unterbrach Pym, »steht, selbst wenn sie auf Wahrheit beruht, nicht im Widerspruch zu dem Standpunkt des wahnsinnigen Verbrechers Smith, den wir festgenagelt haben. Die Wissenschaft hat schon lange eine solche Komplikation vorausgesehen. Eine der häufigsten verbrecherischen Perversitäten äußert sich durch eine unheilbare Anziehungskraft, die manche Männer bei einem besonderen Frauentyp empfinden, und wenn dieses nicht engherzig in Betracht gezogen wird, sondern in dem Licht der Induktion und der Evolution –«

»Zu diesem späten Stadium des Verfahrens«, sagte Michael Moon mit der größten Ruhe, »dürfte ich vielleicht einem Gefühl Ausdruck geben, das mich während der ganzen Untersuchung bedrückt hat, indem ich sage, daß Induktion und Evolution sich meinetwegen zum Teufel scheren können. Darwins fehlendes Glied und all so ein Zeug ist Kindergeschwätz. Ich rede jetzt über Dinge, die wir kennen. Alles, was wir von dem fehlenden Glied wissen, ist, daß es fehlt – und daß es uns jedoch nicht fehlt. Ich kenne alles Gerede über seinen menschlichen Kopf und seinen häßlichen Schwanz. Findet man die Knochen eines Menschen, so beweist es, daß er vor langer Zeit lebte; findet man sie nicht, so beweist es, wie lange es her ist, seitdem er lebte. Dasselbe Spiel habt ihr in der Smithaffäre gespielt. Weil Smiths Kopf zu klein für seine Schultern ist, nennt ihr ihn einen Mikrocephalen; wäre er größer gewesen, hättet ihr ihn einen Wasserkopf genannt. Solange der Harem des armen braven Smith sehr abwechslungsreich schien, war diese Mannigfaltigkeit ein Zeichen von Verrücktheit, jetzt wo sich der Harem als ein wenig monochrom herausstellt, ist diese Monotonie ein Zeichen von Verrücktheit. Ich leide unter allen den Nachteilen eines Erwachsenen, da will ich wenigstens auch die Vorteile davon haben, ich schlage daher in aller Höflichkeit vor, Sie möchten uns nicht mit langen Reden tyrannisieren, sondern kurze Gründe angeben und Ihre Angelegenheit nicht als einen Triumphzug betrachten, bloß weil Sie andauernd entdecken, daß Sie unrecht haben. Nachdem ich meinen Gefühlen Luft gemacht habe, möchte ich nur hinzufügen, daß ich Herrn Dr. Pym für ein Schmuckstück der Welt halte, schöner als den Parthenon oder das Monument an Bunkers Hill, und jetzt schlage ich vor, daß ich meine Bemerkungen über die vielen Ehen von Herrn Innozenz Smith weiter fortsetze und beschließe.

Außer dem roten Haar fällt noch ein zweiter Umstand auf, der sich wie ein roter Faden durch alle diese unzusammenhängenden Begebenheiten zieht. Es liegt nämlich etwas sehr Eigentümliches und Suggestives in den Namen dieser Frauen. Sie werden sich erinnern, daß Herr Trip schrieb, er glaube, die Stenotypistin habe Blake geheißen, aber er könne es nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Ich vermute, ihr Name war in Wirklichkeit ›Black‹, und in diesem Falle hätten wir eine merkwürdige Serie: Fräulein Green in Lady Bullingdons Dorf, Fräulein Brown in der Hendon-Schule, Fräulein Black bei den Verlegern. Eine Farbenskala, die gewissermaßen mit Fräulein Gray im Hause Leuchtfeuer, West-Hampstead, ihren Schlußton findet.«

Inmitten einer Totenstille fuhr Moon in seinen Darlegungen fort: »Was soll dieses merkwürdige Zusammentreffen der Farben bedeuten? Persönlich bezweifle ich nicht einen Augenblick, daß diese ganz willkürlich gewählten Namen zu einem geplanten Scherz gehörten. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß sie sich auf Kleider bezogen, daß also Polly Green nur PollyPolly = Kosename für Mary. im grünen Kleid war und daß Mary Gray nur Mary (oder Polly) im grauen Kleid vorstellte. Dieses würde erklären –«

Cyrus Pym stand starr und fast bleich da. »Wollen Sie tatsächlich damit andeuten –«, rief er.

»Ja«, antwortete Michael, »das will ich tatsächlich andeuten. Möglich ist es, daß Innozenz Smith um viele geworben und viele Hochzeiten abgehalten hat, aber er hat nur eine einzige Frau. Vor einer Stunde saß sie auf dem Stuhl dort, und jetzt plaudert sie mit Fräulein Duke im Garten.

Ja, Innozenz Smith hat hier wie bei hundert anderen Gelegenheiten nach einem offenen und vollkommen tadellosen Prinzip gehandelt. Es mag der Welt von heutzutage eigentümlich und extravagant erscheinen, aber nicht mehr als jedes andere Prinzip, wenn es in der Welt von heutzutage durchgeführt werden würde. Sein Prinzip ist ganz einfach zu erklären: Er weigert sich zu sterben, während er noch lebt. Er versucht, durch Aufrüttelung seines Intellekts das Bewußtsein in sich wachzuhalten, daß er noch ein lebendes Menschenkind ist und auf zwei Beinen durch die Welt geht. Aus diesem Grunde feuert er Kugeln auf seine besten Freunde ab, aus diesem Grunde legt er Leitern an und richtet zusammenklappbare Schornsteine ein, um sich selbst zu bestehlen; aus diesem Grunde geht er unverdrossen rings um einen ganzen Planeten, um zu seinem eigenen Hause zurückzukommen, und aus diesem Grunde pflegte er die Frau, die er mit unerschütterlicher Treue liebte, irgendwo abzustellen (wenn man sich so ausdrücken kann), in Schulen, Pensionen und Büros, damit er sie sich immer wieder von neuem durch einen Überfall und eine romantische Entführung erobern könne. Ernsthaft versuchte er durch wiederholtes Einfangen seiner Braut das Gefühl ihres dauernden Wertes und die Empfindung in sich lebendig zu erhalten, daß er sich ihretwegen jeder Gefahr auszusetzen bereit sei.

Soweit sind seine Beweggründe verständlich genug, aber vielleicht sind seine Überzeugungen nicht ganz so verständlich. Ich glaube, Innozenz Smith hat eine Idee, die allen seinen Handlungen zugrunde liegt. Ich bin keineswegs sicher, daß ich selber an diese Idee glaube, aber ich bin überzeugt, daß es sich wenigstens verlohnt, sie auszusprechen und zu verteidigen.

Der Gedanke, den Smith bekämpft, ist folgender: Dadurch daß wir in einer verworrenen Zivilisation leben, sind wir dazu gekommen, gewisse Dinge für unrecht zu halten, welche gar nicht unrecht sind. Wir sind schon so weit, daß wir Übermut und überschäumende Kraft, Ausgelassenheit und lärmende Fröhlichkeit für ein Unrecht ansehen. An und für sich ist das alles nicht nur zu verzeihen, sondern sogar zu loben. Es ist durchaus nichts Böses, eine Pistole auf einen Freund abzufeuern, wenn man nicht die Absicht hat, ihn zu treffen, und sicher ist, daß man ihn auch nicht treffen wird. Es ist ebensowenig ein Unrecht, als ob man einen Kieselstein ins Meer wirft – noch weniger sogar, denn zuweilen trifft man das Meer. Es ist auch nichts Unrechtes darin, einen Schornstein herunterzuschlagen und durch das Dach einzubrechen, solange man nicht das Leben oder das Eigentum anderer bedroht. Es ist kein größeres Unrecht, von oben in ein Haus einzutreten, als eine Kiste unten statt oben aufzumachen. Es ist ebenfalls keine Sünde, um die Welt herumzuspazieren und nach seinem eigenen Haus zurückzukehren, es ist nicht schlimmer, als wenn man um seinen Garten herumgeht und zu seinem eigenen Haus zurückkommt. Und es ist ebensowenig unrecht, seine eigene Frau da und dort aufzulesen, wenn man für keine andere Frau Interesse hat und nur dieser einen treu bleibt, solange beide leben. Es ist ebenso harmlos, als wenn man im Garten Versteck spielt. Die Welt knüpft an solche Handlungen eine gemeine Gesinnung, genauso wie sie denkt, es liege etwas Übles darin, wenn man in eine Pfandleihe oder in eine Kneipe geht (oder bei einer dieser Handlungen ertappt wird). Ihr denkt, es liege etwas Gemeines und Ordinäres in einem solchen Besuch. Ihr irrt euch.

Die seelische Kraft dieses Mannes ist genaugenommen dem Umstand zuzuschreiben, daß er immer zwischen Sitte und Glauben zu unterscheiden gewußt hat. Er hat mit dem Herkömmlichen gebrochen, aber er hat die Zehn Gebote gehalten. Er ist wie ein Mann, der wie wahnsinnig in einer Spielhölle spielt, und nachher entdeckt man, daß er nur um Hosenknöpfe spielt. Er ist wie jemand, den man bei einem heimlichen Stelldichein mit einer Dame in Covent-Garden ertappt, und diese Dame entpuppt sich nachher als seine Großmutter. Alles ist häßlich und entehrend außer dem Tatbestand, alles an ihm ist verkehrt, aber Unrecht hat er nicht begangen.

Man wird nun fragen: ›Weshalb setzt Innozenz Smith noch als älterer Mann diese possenartige Existenz fort, die ihn so vielen falschen Anschuldigungen aussetzt?‹ Darauf antworte ich bloß: er tut es, weil er wirklich glücklich ist, weil er wirklich fröhlich ist, weil er wirklich ein lebendiges Menschenkind ist. Er ist so jung, daß das Erklettern von Gartenbäumen und das törichte Schabernackspielen ihm noch immer so viel Spaß macht wie uns in der Kindheit. Und wenn Sie mich nun wieder fragen, warum er allein unter allen Menschen solche unerschöpfliche Torheiten treibt, so habe ich eine sehr einfache Antwort darauf, obgleich sie wohl nicht gebilligt werden wird.

Es gibt aber nur diese eine Antwort, und es tut mir leid, wenn sie Ihnen nicht paßt. Wenn Innozenz glücklich ist, so ist er es, weil er harmlos ist. Wenn er gegen das Herkömmliche verstoßen kann, so kommt es nur daher, weil er die Gebote halten kann. Gerade weil er nicht töten, sondern im Gegenteil zu noch intensiverem Leben aufrütteln will, bedeutet ihm eine Pistole noch immer etwas so Aufregendes, als wäre er noch ein Schuljunge. Gerade weil er nicht stehlen will, weil er die Güter seines Nachbars nicht begehrt, versteht er es (ach, wie gerne möchten wir das alle!), seine eigenen Güter zu begehren. Eben weil er nicht Ehebruch begehen will, hat er die ganze Romantik des Geschlechtslebens in ihrer Vollendung erfaßt; gerade weil er nur eine Frau liebt, erlebt er hundert Honigmonde. Wenn er wirklich einen Mann ermordet und wirklich eine Frau verlassen hätte, dann würde er nicht imstande sein, zu empfinden, daß eine Pistole oder ein Liebesbrief einem Lied gleichen – aber keinem lustigen Lied.

Bilden Sie sich bitte nicht ein, daß eine solche Stellungnahme mir leicht fiele oder mir zusage. Ich bin ein Irländer und leide an einer gewissen Schwermut, die entweder durch die Verfolgung meines Glaubens oder durch den Glauben selber entstanden ist. Persönlich habe ich das Gefühl, daß der Mensch an das Tragische gefesselt ist und daß es keine Möglichkeit gibt, den Schlingen des Alters und der Zweifel zu entkommen. Aber gibt es einen Weg zur Befreiung, so ist dieser bei Gott der einzige Weg. Wenn man so glücklich wie ein Kind oder ein Hund bleiben könnte, so wäre das nur möglich, indem man so unschuldig bliebe wie ein Kind und so sündlos wie ein Hund. Unverhüllt und rücksichtslos gut zu sein, das könnte der Weg sein, und Smith könnte ihn gefunden haben. Nun – nun – nun – ich sehe einen skeptischen Ausdruck auf dem Gesicht meines Freundes Moses. Herr Gould glaubt nicht, daß, wenn man in jeder Beziehung ein wirklich guter Mensch ist, man auch ein fröhlicher Mensch ist.«

»Nein«, sagte Gould mit ungewöhnlichem und überzeugendem Ernst: »Ich glaube nicht, daß ein Mensch dadurch ein fröhlicher Mensch wird, weil er wirklich gut ist.«

»Nun«, sagte Michael ruhig, »wollen Sie mir eins sagen? Wer unter uns hat es denn jemals versucht?«

Es erfolgte ein Schweigen, gleich dem Schweigen einer langen geologischen Periode, die auf das Entstehen einer noch nicht dagewesenen Gattung wartete, und in dieser Stille erhob sich schließlich eine massive Gestalt, welche die anderen Anwesenden fast vollkommen vergessen hatten.

»Nun, meine Herren«, sagte Doktor Warner heiter, »man hat mich zwei volle Tage ganz nett mit allen diesen unsinnigen und leeren Narreteien unterhalten, aber jetzt habe ich genug und gehe zu einer Einladung zum Abendessen. Unter den hundert Blüten des Blödsinns auf beiden Seiten war ich nicht imstande, irgendeinen Grund zu entdecken, warum es einem Wahnsinnigen gestattet sein sollte, im Küchengarten auf mich zu schießen.«

Damit stülpte er seinen seidenen Hut auf und ging mit langen Schritten gelassen auf das Gartengitter zu, während ihm die fast wehklagende Stimme Pyms folgte:

»Aber die Kugel hat Sie tatsächlich um mehrere Meter verfehlt.«

Und eine andere Stimme fügte hinzu: »Sie hat ihn um mehrere Jahre verfehlt.«

Es entstand ein langes und eigentlich bedeutungsloses Schweigen, und dann sagte Moon plötzlich:

»Wir haben mit einem Geist zusammen gesessen. Doktor Herbert Warner ist vor Jahren gestorben.«

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