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Gilbert Keith Chesterton: Menschenskind - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorGilbert Keith Chesterton
titleMenschenskind
publisherVerlag Herder KG
translatorN. Collin
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Die runde Straße oder die Klage wegen böswilligen Verlassens

Sichtlich verlegen stand Pym auf, denn er war Amerikaner, und seine Achtung für die Frauen war wirklich empfunden und nicht angelernt.

»Wenn ich auch die zartfühlenden und entschieden ritterlichen Proteste übergehe«, sagte er, »welche durch die angeborene Rednergabe meines Kollegen hervorgerufen wurden, und mich bei allen entschuldige, denen unser stürmisches Suchen nach Wahrheit, das zu den erhabenen Ruinen eines Landes der Tradition nicht paßt, unziemlich erscheint, so halte ich doch die Frage meines Kollegen für unbedingt zur Sache gehörig. Die letzte Beschuldigung gegen den Angeklagten lautete auf Einbruch, die nächste, die auf der Liste steht, ist Bigamie und böswilliges Verlassen. Unzweifelhaft jedoch ist es, daß die Verteidigung durch das Bestreben, die letzte Klage zu widerlegen, die nächste unbestreitbar zugegeben hat. Entweder besteht noch die Klage wegen versuchten Einbruchs gegen Innozenz Smith, oder diese Frage ist erledigt, dann ist er aber wegen versuchter Bigamie festgenagelt. Alles hängt von der Meinung ab, die wir über den zitierten Brief des Hilfsgeistlichen Percy hegen. Unter diesen Umständen fühle ich mich berechtigt, von meinem Recht, Fragen zu stellen, Gebrauch zu machen. Darf ich wissen, wie die Verteidigung in den Besitz des Briefes des Hilfsgeistlichen Percy gelangte? Hat sie ihn direkt von dem Gefangenen erhalten?«

»Wir haben nichts direkt von dem Gefangenen bekommen«, sagte Moon ruhig. »Die wenigen Dokumente, für welche die Verteidigung Gewähr übernimmt, haben wir von einer ganz anderen Seite empfangen.«

»Von welcher Seite?« fragte Dr. Pym.

»Wenn Sie es durchaus wissen müssen«, antwortete Moon, »wir erhielten sie von Fräulein Gray.«

Dr. Cyrus Pym war so verblüfft, daß er ganz vergaß, die Augen zu schließen, und sie statt dessen ganz weit aufriß.

»Wollen Sie wirklich damit sagen«, meinte er, »daß Fräulein Gray im Besitz dieses Dokumentes war, welches bezeugte, daß eine Frau Smith bereits existierte.«

»Ganz recht«, sagte Inglewood und setzte sich.

Leise und kummervoll murmelte der Doktor etwas von Verblendung, und mit sichtbarer Mühe fuhr er in seiner Rede fort.

»Leider wird die tragische Wahrheit, die der Bericht des Hilfsgeistlichen Percy enthüllt, durch andere und schreckliche Dokumente, die wir selbst besitzen, nur allzu erdrückend bestätigt. Das hauptsächliche und zuverlässigste Schriftstück darunter ist das Zeugnis von Smiths Gärtner, der bei den dramatischsten und offensichtlichsten seiner vielen Handlungen ehelicher Untreue Augenzeuge war. Herr Gould, den Gärtner bitte.«

Herr Gould stand mit seiner nie ermüdenden guten Laune auf, um den Gärtner vorzustellen. Dieser erklärte, daß er bei Herrn und Frau Innozenz Smith in Stellung gewesen sei, als sie ein kleines Haus in der Nähe von Croydon besaßen. Aus der Erzählung und den vielen kleinen Bemerkungen des Gärtners konnte Inglewood ersehen, daß er auch den Ort kannte. Es war einer jener Flecken in der Stadt oder auf dem Lande, den man nicht vergißt, weil er wie eine Landesgrenze aussah. Der Garten lag sehr hoch über dem Gäßchen und lief wie eine Festung ganz spitz und steil zu. Dahinter breitete sich eine wirklich ländliche Strecke Landes aus, die ein weißer, sich schlängelnder Pfad durchzog, und die gewundenen, krummen Wurzeln, Stämme und Zweige großer grauer Bäume ragten in den Himmel. Aber als ob das Gäßchen betonen wollte, daß es einem Vorort angehörte, hoben sich in scharfem Relief von dem dahinterliegenden grauen, unregelmäßigen Hügelland ein eigentümlich gelbgrün angestrichener Laternenpfahl und ein roter Briefkasten ab, der genau an der Ecke stand. Inglewood kannte diese Gegend gut; wohl zwanzigmal war er auf seinen Fahrradexkursionen, die er aus Gesundheitsgründen unternahm, immer von dem unklaren Gefühl beherrscht gewesen, daß sich an dieser Stelle irgend etwas abspielen müsse. Aber bei dem Gedanken, daß das Gesicht seines schrecklichen Freundes oder Feindes Smith jederzeit hinter den überhängenden Gartensträuchern hätte auftauchen können, überlief ihn ein Schauer. Der Bericht des Gärtners war im Gegensatz zu dem des Hilfsgeistlichen ganz frei von schmückenden Adjektiven; man weiß zwar nicht, wie viele er beim Schreiben privatim ausgestoßen hatte. Er sagte einfach, daß Smith an einem bestimmten Morgen hinausgekommen sei und, wie er es öfter tat, mit einer Harke zu spielen begonnen habe. Manchmal habe er die Nase seines ältesten Kindes damit gekitzelt (er hatte zwei Kinder); ein andermal wieder die Harke an den Ast eines Baumes gehängt und sich daran mit entsetzlichen Zuckungen heraufgezogen, wobei er wie ein Riesenfrosch im Todeskampfe ausgesehen habe. Offenbar hatte Herr Smith niemals daran gedacht, die Harke zu ihrem eigentlichen Zweck zu benutzen, und infolgedessen war der Gärtner seinem Tun kühl und kurz begegnet. Aber der Gärtner entsann sich genau, daß er (der Gärtner) an einem bestimmten Oktobermorgen mit einem Gartenschlauch um die Ecke des Hauses gekommen war, und da hatte er Herrn Smith auf dem Rasenplatz stehen sehen in einer rot und weiß gestreiften Jacke (die seine Hausjacke, aber auch ebensogut ein Teil seines Schlafanzuges hätte sein können), und er hatte gehört, wie Herr Smith seiner Frau, die aus dem Schlafzimmerfenster in den Garten schaute, jene entscheidenden Worte laut zurief:

»Ich will hier nicht länger bleiben. Ich habe eine andere Frau und viel bessere Kinder weit weg von hier. Meine andere Frau hat viel roteres Haar als du, und mein anderer Garten ist viel schöner als dieser, und ich gehe jetzt zu ihnen!«

Bei diesen Worten hatte er, wie es scheint, die Harke in die Luft geschleudert, höher, als viele einen Pfeil hätten schießen können, und sie wieder aufgefangen. Dann war er mit einem Satz über die Hecke gesprungen, in dem darunterliegenden Gäßchen gelandet und, so wie er war, ohne Hut, die Straße hinaufgelaufen. Viele Einzelheiten des Bildes wurden zweifellos durch Inglewoods Kenntnis der Gegend ergänzt. Vor seinem geistigen Auge konnte er den großen, barhäuptigen Mann sehen, wie er mit der armseligen Harke die krumme, ländliche Straße entlangstolzierte und den Laternenpfahl und den Briefkasten hinter sich ließ. Der Gärtner war ganz bereit, das in die Welt hinausgeschriene Geständnis der Bigamie zu beschwören, ebenso wie das vorübergehende Verschwinden der Harke in der Luft und das endgültige Verschwinden des Mannes auf der Straße. Außerdem konnte er, da er in der Gegend wohnte, beschwören, daß Smith sich an der Südostküste eingeschifft und man seitdem nichts mehr von ihm gehört hatte.

Dieser Eindruck wurde sonderbarerweise durch die wenigen, aber klaren Worte bestätigt, mit denen Michael Moon die Verteidigungsrede für die dritte Klage begann. Nicht nur war er weit davon entfernt, zu leugnen, daß Smith aus Croydon geflohen und nach dem Kontinent geflüchtet war, sondern er wollte das sogar beweisen. »Ich hoffe, Sie sind vorurteilsfrei genug, dem Wort eines französischen Gasthausbesitzers ebensoviel Glauben zu schenken wie dem eines englischen Gärtners. Herr Inglewood wird so freundlich sein, uns den französischen Gasthausbesitzer hören zu lassen.«

Ehe die Gesellschaft diesen heiklen Punkt entschieden hatte, las Inglewood bereits den betreffenden Bericht vor. Er war französisch geschrieben. Der Wortlaut war ungefähr folgender:

»Sehr geehrter Herr: – Ja, ich bin Durobin, der Besitzer des am Meer stehenden Durobin-Cafés in Gras, das etwas nördlich von Dünkirchen liegt. Ich bin gern bereit, alles, was ich von dem Fremden weiß, der vom Meere kam, zu schreiben.

Ich habe weder für exzentrische Leute noch für Dichter Sympathien. Ein vernünftiger Mensch sucht die Schönheit in Dingen, die naturgemäß schön sind, zum Beispiel in einem Blumenbeet oder in einem Elfenbeinstandbildchen. Man kann doch nicht erwarten, daß alle Dinge des Lebens schön sind. Ebenso wie man nicht alle Straßen mit Elfenbein pflastert oder auf alle Felder Geranien sät. Meine Güte, wir hätten dann keine Zwiebeln!

Aber ob ich nun in meiner Erinnerung fehlgehe oder ob es wirklich so etwas gibt wie eine psychologische Atmosphäre, die das Auge der Wissenschaft noch nicht durchdrungen hat, jedenfalls besteht die demütigende Tatsache, daß ich an jenem bewußten Abend wie ein Dichter fühlte – wie irgendein kleiner, armseliger Dichter, der in dem verrückten Montmartre Absinth trinkt.

Tatsächlich sah das Meer selbst wie Absinth aus, grün und bitter und giftig. Es hatte noch nie einen so fremdartigen Eindruck auf mich gemacht. Am Himmel war jene frühe und stürmische Dunkelheit, die so bedrückend auf das Gemüt wirkt, und der Wind blies schrill um den kleinen, einsamen, bunten Zeitungskiosk und über die Dünen am Strand. Dann sah ich ein Fischerboot mit einem braunen Segel, das sich lautlos der Küste näherte. Als es ganz dicht am Lande war, stieg ein riesig großer Mann heraus und watete durch das Wasser, das ihm knapp bis zu den Knien reichte, während jeder andere bis zu den Hüften darin gestanden hätte. Er stützte sich auf eine lange Harke oder Heugabel, die einem Dreizack glich und ihm das Aussehen eines Meergottes gab. Naß wie er war und mit dem Seetang, der sich um seine Beine schlang, näherte er sich meinem Café, setzte sich an einen Tisch draußen hin und verlangte Cherry Brandy, einen Likör, den ich führe, der aber selten verlangt wird. Dann forderte mich das Ungeheuer auf, ein Glas Vermouth mit ihm vor dem Mittagessen zu trinken, und wir kamen in eine Unterhaltung. Anscheinend war er von Kent in einem kleinen Boot herübergekommen, das er aus einer seltsamen Laune heraus unter der Hand billig gekauft hatte, um so schnell wie möglich in östlicher Richtung abzufahren und nicht auf einen der regelmäßigen Dampfer zu warten. Er suchte ein Haus, versicherte er mir etwas unklar. Als ich nun natürlich fragte, wo das Haus sei, sagte er, er wisse es nicht. Es sei auf einer Insel und irgendwo im Osten oder, wie er sich mit einer undeutlichen und doch ungeduldigen Geste ausdrückte, ›dort drüben‹.

Ich fragte ihn, wie er, da ihm der Ort fremd sei, das Haus, wenn er es sähe, erkennen würde. Jetzt hörte er plötzlich auf, unklar zu sein und wurde von dieser Minute an erschreckend genau. Er gab eine so ausführliche Beschreibung des Hauses, als sei er ein Auktionator. Ich habe bereits alle diese Einzelheiten, bis auf die letzten beiden, vergessen, die eine davon war ein grün angestrichener Laternenpfahl und die andere ein roter Briefkasten an der Ecke.

›Ein roter Briefkasten!‹ rief ich erstaunt. ›Dann muß der Ort in England sein!‹

›Ja, das hatte ich vergessen‹, sagte er, schwerfällig nickend. ›So heißt auch die Insel.‹

›Aber, nom du nom‹, rief ich ärgerlich, ›Sie sind doch eben erst aus England gekommen, mein Junge!‹

›Ja, man sagte mir, daß es England sei‹, meinte mein Dummkopf geheimnisvoll. ›Man sagte mir auch, daß es Kent sei, aber diese Leute in Kent sind solche Lügner, daß man ihnen kein Wort glauben kann.‹

›Monsieur‹, sagte ich, ›Sie müssen mich entschuldigen, ich bin ein älterer Mann, und die »fumisteries« der jungen Leute gehen über meinen Horizont. Ich urteile nach dem gesunden Menschenverstand oder im äußersten Fall nach jener Erweiterung des angewandten gesunden Menschenverstandes, die man mit Wissenschaft bezeichnet.‹

›Wissenschaft!‹ rief der Fremde. ›Es gibt nur ein Gutes an der Wissenschaft, nämlich die Verkündung einer großen Freude: daß die Welt rund ist.‹

Ich sagte ihm höflich, daß seine Worte mir sinnlos erschienen.

›Ich meine‹, erklärte er, ›wenn man ringsherum um die Welt geht, kommt man auf dem kürzesten Wege zu dem Punkt, von dem man ausgegangen ist.‹

›Ist es nicht noch kürzer‹, fragte ich, ›wenn Sie dort bleiben, wo Sie sind?‹

›Nein, nein, nein‹, rief er energisch aus. ›Dieser Weg ist sehr lang und sehr ermüdend. Am Ende der Welt, hinter dem Sonnenaufgang, werde ich die Frau finden, die ich wirklich heiratete, und das Haus, das mir wirklich gehört. Und dieses Haus wird einen grüneren Laternenpfahl und einen roteren Briefkasten haben!‹ Haben Sie nie das Verlangen, von Ihrem Haus fortzustürzen, um es wiederzufinden?‹

›Nein, das kann ich nicht sagen‹, erwiderte ich, ›die Vernunft lehrt uns, unsere Wünsche den Erfüllungsmöglichkeiten, die uns das Leben bietet, anzupassen. Ich bleibe hier und bin zufrieden, das Leben eines Menschen zu erfüllen. Alle meine Interessen habe ich hier, die meisten meiner Freunde und...‹

›Und doch‹, rief er und richtete sich in seiner ganzen furchtbaren Größe auf, ›machten Sie die Französische Revolution.‹

›Verzeihen Sie‹, sagte ich, ›ganz so alt bin ich doch nicht. Ein Vorfahre von mir vielleicht.‹

›Ich meine, Ihre Klasse ist es gewesen!‹ rief dieser Mensch. ›Ja, Ihre verdammte, eingebildete, eingenistete, nüchterne Klasse war es, die die Französische Revolution machte. Oh, ich weiß, daß manche Leute sagen, es habe nichts genutzt, und man sei auf demselben Fleck, auf dem man vorher war. Nun, verdammt noch mal, das ist es gerade, was wir alle wollen – dorthin zurückkommen, wo wir vorher waren! Das ist Revolution... im Kreise herumgehen. Jede Revolution ist wie jede Reue eine Wiederkehr.‹

Er war so aufgeregt, daß ich wartete, bis er sich wieder hingesetzt hatte, und dann sagte ich etwas Gleichgültiges und Beschwichtigendes; aber er schlug mit seiner kolossalen Faust auf den winzigen Tisch und fuhr fort:

›Ich will eine Revolution haben, keine französische, sondern eine englische. Gott hat jeder Rasse ihre eigene Art zu meutern gegeben. Die Franzosen marschieren zusammen gegen die Zitadelle der Stadt; der Engländer marschiert nach der Peripherie der Stadt und allein. Ich aber will die Welt auf den Kopf stellen. Ich will mich selbst auf den Kopf stellen. Ja, ich will in das verfluchte, auf den Kopf gestellte Land der Antipoden gehen, wo Bäume und Menschen mit dem Kopf nach unten in den Himmel hängen. Aber meine Revolution wird wie die Ihre und wie die der Erde auf jenem heiligen, glücklichen Platz endigen... dem himmlischen, unglaublichen Platz – dem Platz, auf dem wir vorher waren.‹

Mit diesen Bemerkungen, die mit der Vernunft kaum vereinbar waren, sprang er auf und ging mit großen Schritten in die Dämmerung hinein, während er seine Stange schwang. Er hatte mehr Geld auf dem Tisch zurückgelassen, als er mir schuldete, eine Handlung, die auch auf geistige Gestörtheit schließen ließ. Das ist alles, was ich von jenem Manne weiß, der in einem Fischerboot landete, und ich hoffe, es wird den Interessen des Gerichts dienen...

Nehmen Sie, geehrter Herr, die Versicherung meiner Hochachtung entgegen, mit der ich die Ehre habe, Ihr ganz ergebener Diener zu sein.

Jules Durobin.«

»Das nächste Dokument in unseren Akten«, fuhr Inglewood fort, »kommt aus der Stadt Crazok, aus den russischen Steppen und lautet folgendermaßen:

Sehr geehrter Herr!... Mein Name ist Paul Nickolaiovitch: Ich bin der Bahnhofsvorsteher auf der Station bei Crazok. Die großen Züge fahren über die Steppen an uns vorbei und bringen die Reisenden nach China, aber sehr wenig Leute steigen auf der Station ab, auf der ich Dienst habe. Dadurch ist mein Leben ziemlich einsam, und ich bin auf die Bücher, die ich habe, angewiesen. Nur kann ich nicht mit meinen Nachbarn viel darüber diskutieren, denn aufgeklärte Ideen sind in diesen Teil Rußlands noch nicht so sehr wie in andere Teile eingedrungen. Viele Bauern dieser Gegend haben noch nie von Bernard Shaw sprechen hören.

Ich bin ein Liberaler und tue mein möglichstes, liberale Ideen zu verbreiten, aber seit der mißlungenen Revolution ist dieses noch schwieriger geworden. Die Revolutionäre taten vieles, was mit den reinen Humanitätsprinzipien im Widerspruch stand; denn infolge des Mangels an Büchern kannten sie diese Prinzipien nicht. Ich billige zwar ihre grausamen Handlungen nicht, aber sie waren durch die Tyrannei der Regierung hervorgerufen, und jetzt besteht eine Tendenz, allen Intelligenten die Schuld daran beizumessen und ihnen Vorwürfe zu machen. Das ist recht bedauernswert für die Intelligenten.

Zu jener Zeit, als der Eisenbahnstreik fast beendet war und einige Züge anfingen, in langen Zwischenräumen vorbeizukommen, stand ich eines Tages auf dem Bahnsteig und beobachtete einen soeben eingefahrenen Zug. Nur ein Mann stieg aus, ganz oben am anderen Ende des sehr langen Zuges. Es war Abend, der Himmel sah kalt und grünlich aus. Etwas Schnee war gefallen, aber nicht genug, um die Steppe zu bedecken, die ringsumher ausgebreitet lag. Außer an den Gipfeln einiger ferner Höhenzüge, die das Abendlicht wie Seen auffingen, war die ganze Steppe in ein düsteres Violett getaucht. Als der einsame Mann auf der dünnen Schneeschicht den Zug entlangstampfte, schien er immer größer zu werden, ich glaube, ich habe nie einen so großen Mann gesehen. Er sah sogar größer aus, als er in Wirklichkeit war, wahrscheinlich, weil seine Schultern sehr breit waren und sein Kopf verhältnismäßig klein. Von den breiten Schultern hing eine zerrissene, alte Jacke herunter, die anscheinend einst rot und weiß gestreift gewesen war, aber jetzt eine schmutzige graue Farbe hatte. Sie schien auch für den Winter viel zu dünn zu sein. Die eine Hand stützte er auf eine riesige Stange, so wie die Bauern sie benutzen, wenn sie Unkraut zum Verbrennen zusammenharken.

Ehe er den ganzen Zug entlanggegangen war, wurde er von einer Gruppe Rowdys umgeben, der glühenden Asche der schon erloschenen Revolution, obgleich es eigentlich meistens die Regierungspartei ist, der solche Elemente angehören. Ich wollte ihm gerade zu Hilfe eilen, als er seine Harke in die Luft wirbelte und nach rechts und links mit solcher Energie um sich schlug, daß er unversehrt durch den Kreis hindurchschritt, auf mich zukam und die Bande ganz verblüfft und sprachlos zurückließ.

Doch als er mich erreichte – nachdem er sich so kräftig behauptet hatte –, konnte er nur ganz kleinlaut auf französisch sagen, daß er ein Haus wolle.

›Hier sind nicht viele Häuser zu haben‹, antwortete ich in derselben Sprache, ›diese Gegend ist sehr mitgenommen worden. Wie Ihnen wohl bekannt sein wird, ist kürzlich eine Revolution unterdrückt worden. Alle Gebäude...‹

›Ach, das meine ich nicht‹, rief er, ›ich meine ein richtiges Haus... ein lebendiges Haus. Es ist wirklich ein lebendiges, denn es läuft immer von mir fort.‹

Ich schäme mich, gestehen zu müssen, daß etwas in seinen Worten oder seiner Geste mich tief bewegte. Wir Russen werden in einer Atmosphäre von Legenden erzogen, und die unglücklichen Wirkungen davon sieht man in den bunten Farben der Kinderpuppen und der Heiligenbilder. Einen Augenblick lang machte mir der Gedanke eines fortlaufenden Hauses Vergnügen, denn es dauert lange, ehe ein Mensch ganz aufgeklärt ist.

›Haben Sie kein anderes Haus, das Ihnen gehört?‹ fragte ich.

›Ich habe es verlassen‹, erwiderte er sehr traurig. ›Es war nicht das Haus, das langweilig wurde, sondern ich. Meine Frau war besser als alle Frauen, und doch war ich nicht imstande, es zu empfinden.‹

›Und darum‹, sagte ich teilnahmsvoll, ›schritten Sie spornstreichs aus der Vordertür heraus wie eine männliche Nora.‹

›Nora?‹ fragte er höflich, anscheinend hielt er es für ein russisches Wort.

›Ich meine Nora in dem »Puppenheim«‹, erwiderte ich.

Darauf machte er ein so erstauntes Gesicht, daß ich wußte, ich habe einen Engländer vor mir, denn Engländer denken immer, die Russen könnten nur ›Ukase‹ lesen.

›Das Puppenheim!‹ rief er heftig, ›gerade damit hatte Ibsen so unrecht! Der ganze Zweck eines Hauses besteht darin, ein Puppenhaus zu sein. Erinnern Sie sich nicht, wie Sie als Kind nur jene kleinen Fenster und nicht die großen für die wirklichen hielten. Ein Kind hat ein Puppenhaus und schreit, wenn eine Tür nach innen aufgeht. Ein Bankier hat ein richtiges Haus, doch wieviel Bankiers gibt es, die nicht den leisesten Schrei ausstoßen würden, wenn ihre richtigen Vordertüren nach innen aufgingen!‹

Etwas von der Volksmärchenstimmung meiner Kindheit ließ mich noch töricht schweigen, und bevor ich sprechen konnte, hatte sich der Engländer zu mir herabgebeugt und in lautem Flüsterton gesagt: »Ich habe herausgefunden, wie man aus einem großen Gegenstand einen kleinen machen kann. Ich habe entdeckt, wie man ein richtiges Haus in ein Puppenhaus verwandelt. Man muß nur den nötigen Abstand haben. Gott ermöglicht es uns durch seine große Gabe der Entfernung, alle Dinge in Spielzeug zu verwandeln. Wenn er mich nur einmal mein altes Backsteinhaus ganz klein am Horizont sehen ließe, würde ich sofort zurückgehen wollen. Ich würde die drollige, kleine, grüngestrichene Puppenlaterne vor dem Gartengitter erblicken und alle die lieben kleinen Leute aus den Fenstern schauen sehen wie Puppen. Denn in meinem Puppenhaus werden die Fenster wirklich zu öffnen sein.«

»Aber warum möchten Sie«, fragte ich, »gerade in dieses Puppenhaus zurückkehren? Wenn Sie schon wie Nora den kühnen Schritt gegen das Herkömmliche getan haben, wenn Sie sich nun schon bei der guten Gesellschaft in schlechten Ruf gebracht haben, wenn Sie nun schon gewagt haben, sich frei zu machen, warum wollen Sie Ihre Freiheit nicht ausnutzen? Wie die größten modernen Schriftsteller schon bewiesen haben, ist das, was Sie Ihre Ehe nannten, eine bloße Laune gewesen. Sie haben das Recht, alles zurückzulassen, wie Sie Ihr abgeschnittenes Haar und Ihre abgeschnittenen Nägel zurücklassen. Wenn Sie einmal entkommen sind, haben Sie die Welt vor sich. So seltsam es klingen mag, in Rußland sind Sie frei.«

Mit verträumten Augen blickte er auf die dunklen Steppen, und das einzige, was sich dort bewegte, war die lange Rauchschlange, die sich mühsam der Lokomotive entwand. Violett in der Farbe, vulkanartig im Umriß, war sie die einzige heiße und schwere Wolke an jenem kalten, klaren, blaßgrünen Abend.

»Ja«, sagte er mit einem tiefen Seufzer, »in Rußland bin ich frei. Sie haben recht. Ich könnte in jene Stadt dort drüben hineingehen, mich von neuem verlieben, vielleicht irgendeine hübsche Frau heiraten, ein neues Leben beginnen, und niemand würde mich je finden können. Ja, Sie haben mich entschieden von etwas überzeugt.«

Er sprach in einem so sonderbaren und mystischen Ton, daß ich mich veranlaßt fühlte, ihn zu fragen, was er meinte, und wovon ich ihn eigentlich überzeugt hätte.

»Sie haben mich davon überzeugt«, sagte er mit denselben verträumten Augen, »daß es wirklich schlecht und gefährlich für einen Mann ist, von seiner Frau fortzulaufen.«

»Und warum ist es gefährlich?« fragte ich.

»Nun, weil ihn niemand finden kann«, antwortete dieser sonderbare Mensch, »und wir möchten alle gefunden werden.«

»Die originellsten aller modernen Denker«, bemerkte ich, »zum Beispiel Ibsen, Gorki, Nietzsche, Shaw, würden alle eher sagen, daß es unser höchster Wunsch ist, verloren zu sein und auf unbetretenen Pfaden zu wandeln und noch nicht dagewesene Dinge zu tun: das heißt, mit der Vergangenheit zu brechen und der Zukunft anzugehören.«

Etwas schläfrig erhob er sich in seiner ganzen Größe und blickte ringsherum auf das wirklich ziemlich öde Bild – auf die dunkelvioletten Steppen, auf die vereinsamte Eisenbahnstrecke, auf die vereinzelten kleinen Gruppen der Unzufriedenen. »Hier werde ich das Haus nicht finden«, sagte er. »Es liegt noch östlicher... viel, viel östlicher.«

Dann wandte er sich mir mit einem fast wütenden Ausdruck zu und schlug mit seiner Harke auf die gefrorene Erde.

»Wenn ich aber noch in mein Land zurückkehre«, rief er, »kann es mir passieren, daß ich in ein Irrenhaus eingesperrt werde, ehe ich mein eigenes Haus erreiche. Ich habe in meinem Leben schon manche unschicklichen Dinge begangen. Nietzsche stand in einer Reihe von Ladestöcken in der blöden, alten, preußischen Armee, Shaw schlürfte alkoholfreie Getränke in den Vororten, aber das, was ich tue, ist überhaupt noch nicht dagewesen. Diese runde Straße, auf der ich wandle, ist ein unbetretener Pfad. Ich bin für das Über-die-Stränge-Schlagen; ich bin ein Revolutionär. Aber sehen Sie nicht, daß alle diese wirklichen Sprünge und Zerstörungen und Entweichungen nur Versuche sind, nach dem Paradies zurückzugelangen – nach etwas, was wir gehabt, nach etwas, von dem wir wenigstens gehört haben? Sehen Sie nicht, daß man nur die Zäune niederreißt oder den Mond herunterschießt, um heimzukommen?»

»Nein», antwortete ich nach reiflicher Überlegung, »ich bin nicht Ihrer Ansicht.»

»Ach«, sagte er mit einem leichten Seufzer, »dann haben Sie mir noch etwas erklärt.«

»Was meinen Sie?« fragte ich. »Was habe ich Ihnen erklärt?«

»Warum Ihre Revolution mißlang«, sagte er und ging ganz plötzlich zu dem Zug hinüber und stieg hinein, gerade als dieser sich endlich in Bewegung setzte. Und ich sah, wie die lange, schlangenartige Rauchwolke auf den immer dunkler werdenden Steppen verschwand.

Ich sah den Mann nie wieder. Widersprachen auch seine Ansichten den besten modernen Ideen, so machte er doch den Eindruck eines interessanten Menschen auf mich. Ich möchte gern wissen, ob er irgendwelche Bücher geschrieben hat...

Hochachtungsvoll
Paul Nickolaiovitch.«

Der Einblick in das Leben dieser Ausländer berührte so seltsam, daß der Gerichtshof sich ruhiger als bisher verhielt, und Inglewood konnte, ohne unterbrochen zu werden, ein drittes Schriftstück aus dem Haufen der vor ihm liegenden Dokumente herausnehmen und öffnen. »Der Gerichtshof wird entschuldigen«, sagte er, »daß bei diesem Brief die üblichen Formalitäten der Anrede fehlen. Sonst ist er auf seine Art recht formell:

– Die himmlischen Grundsätze dauern ewig; Gruß zuvor... Ich bin Wong-hi, und ich diene dem Tempel aller Vorfahren meiner Familie im Walde Fu. Der Mann, der vom Himmel herunterfiel und zu mir kam, sagte, daß es sehr langweilig sein müsse, aber ich zeigte ihm das Irrige seiner Ansicht. Ich bleibe in der Tat immer an demselben Platz; denn mein Onkel führte mich in diesen Tempel, als ich ein kleiner Junge war, und zweifellos werde ich hier auch sterben. Aber wenn ein Mann an einem Ort bleibt, sieht er, daß sich der Ort verändert. Die Pagode meines Tempels ragt schweigend aus den Bäumen hervor, wie eine gelbe Pagode aus vielen grünen Pagoden. Aber die Himmel sind zuweilen blau wie Porzellan, zuweilen grün wie Jade und zuweilen rot wie Granaten. Aber die Nacht ist immer schwarz wie Ebenholz und kommt immer wieder, sagte der Kaiser Ho.

Ganz jäh erschien der vom Himmel Heruntergefallene eines Abends; denn ich hatte kaum bemerkt, daß die Gipfel der grünen Bäume sich bewegten, über die ich wie über ein Meer blicke, wenn ich morgens auf das Dach meines Tempels gehe. Und doch, als er kam, hatte man die Empfindung, ein Elefant aus den Armeen der großen Könige von Indien hätte sich verirrt; denn die Palmen spalteten sich, und das Bambusrohr brach, und es trat ein Mann im Sonnenschein vor dem Tempel hervor, und dieser Mann war größer als die Söhne der Menschen.

Rote und weiße Streifen hingen an ihm herunter, wie Bänder bei einem Karneval, und er trug eine Stange, die eine Reihe Zähne hatte wie die Zähne eines Drachen. Sein Gesicht war weiß und bewegt, gleich dem der Ausländer, die aussehen wie tote, von Teufeln besessene Menschen, und er sprach unsere Sprache gebrochen.

Er sagte zu mir: ›Dies ist nur ein Tempel, und ich versuche, ein Haus zu finden.‹ Sodann erzählte er mir mit unschicklicher Hast, daß die Lampe vor seinem Hause grün sei und daß ein roter Briefkasten an der Ecke stände.

›Ich habe Ihr Haus nicht gesehen noch irgendwelche anderen Häuser‹, antwortete ich. ›Ich wohne in diesem Tempel und diene den Göttern.‹

›Glauben Sie an die Götter?‹ fragte er mit einem Hunger in den Augen, so daß sie wie die Augen hungriger Hunde aussahen. Das schien mir eine gar seltsame Frage, denn was sollte ein Mann anderes tun, als das, was die Menschen immer getan haben.

›Herr‹, sagte ich, ›es ist gut für die Menschen, die Hände zu erheben, auch wenn die Himmel leer sind. Denn wenn es Götter gibt, werden sie sich freuen, und wenn es keine gibt, dann können sie eben nicht unzufrieden sein. Manchmal sind die Himmel golden, manchmal porphyrfarbig, und manchmal haben sie die Farbe von Ebenholz, aber die Bäume und der Tempel bleiben unter jedem Himmel stehen. Der große Konfuzius lehrte uns, daß, wenn wir immer dieselben Dinge mit unseren Händen und Füßen tun, so wie es die klugen Tiere und Vögel machen, wir doch mit unseren Köpfen viele Dinge denken, ja, und auch an vielen Dingen zweifeln können. Solange die Menschen Reis zu der richtigen Zeit anbieten und Laternen zu der richtigen Stunde anzünden, ist es gleichgültig, ob es Götter gibt oder nicht. Denn diese Dinge sind nicht da, um die Götter zu versöhnen, sondern um die Menschen zu versöhnen.‹

Er kam noch dichter an mich heran, so daß er mir wie ein Koloß erschien, aber sein Blick war sehr sanft.

›Zerbrechen Sie Ihren Tempel‹, sagte er, ›und Ihre Götter werden befreit sein.‹

Und ich antwortete ihm, während ich über seine Einfalt lächelte: ›Aber wenn es nun keine Götter gibt, so werde ich nichts haben als einen zerbrochenen Tempel.‹

Und darauf breitete dieser Riese, dem das Licht der Vernunft versagt war, seine gewaltigen Arme aus und bat mich, ihm zu verzeihen. Und als ich ihn fragte, weshalb ich ihm verzeihen sollte, antwortete er: ›weil ich recht habe‹.

›Ihre Götzen und Kaiser sind so alt und weise und befriedigend‹, rief er, ›es ist eigentlich toll, daß sie unrecht haben. Wir sind so gemein und gewaltsam, wir haben euch so viel Böses getan – es ist zu toll, daß wir nach alledem recht haben sollten!‹

Und ich ertrug immer noch seine Harmlosigkeit und fragte ihn, warum er dächte, daß er und sein Volk recht hätten.

Da antwortete er mir: ›Wir haben recht, weil wir da, wo die Menschen einen Zwang ertragen müssen, gebunden sind und frei, wo sie frei sein sollen. Wir haben recht, weil wir Gesetze und Sitten bezweifeln und vernichten – aber wir bezweifeln nie unser eigenes Recht, sie zu vernichten. Denn ihr lebt nach den Gesetzen der Sitten und wir nach den Gesetzen der Glaubensbekenntnisse. Sieh mich an! In meinem Lande heiße ich Smith. Mein Land habe ich verlassen, meinen Namen habe ich mit Schande bedeckt, weil ich durch die ganze Welt dem nachjage, was mir wirklich gehört. Ihr seid so unerschütterlich wie die Bäume, weil ihr nicht glaubt. Ich bin so schwankend wie der Sturmwind, weil ich glaube. Ich glaube an mein eigenes Haus, das ich wiederfinden werde. Und zuletzt bleiben mir die grüne Laterne und der rote Briefkasten.‹

Ich sagte zu ihm: ›Zuletzt bleibt nur die Weisheit.‹ Aber in dem Moment, als ich das Wort aussprach, stieß er einen furchtbaren Schrei aus und stürzte davon und verschwand zwischen den Bäumen. Ich habe weder diesen Mann noch irgendeinen anderen wiedergesehen. Die Tugenden des Weisen sind aus feinem Messing.

Wong-hi.«

»Der nächste Brief, den ich jetzt verlesen werde«, fuhr Artur Inglewood fort, »wird, denke ich, klarlegen, welche Absichten unser Klient mit seinem sonderbaren, aber harmlosen Experiment hatte. Das Schreiben ist aus einem Bergdorf in Kalifornien und lautet folgendermaßen:

– Sehr geehrter Herr! – Der gesuchte Mann, auf welchen die ziemlich merkwürdige Beschreibung paßt, ist sicherlich derselbe, der vor einiger Zeit den Hochpaß von Sierra überschritt, wo ich als einziger ständiger Bewohner lebe. Auf der höchsten Spitze dieses außerordentlich steilen und gefährlichen Passes halte ich eine ganz primitive Kneipe, die eigentlich weiter nichts als eine Bretterbude ist. Ich heiße Louis Hara. Mein Name wird Ihnen in Anbetracht meiner Nationalität merkwürdig vorkommen; mir kommt er auch merkwürdig vor. Wenn man seit fünfzehn Jahren mutterseelenallein lebt, ist es schwer, ein Patriot zu sein, und wo nicht einmal ein Weiler existiert, ist es schwierig, eine Nation zu erfinden. Mein Vater war Irländer und galt als einer der wildesten und tollkühnsten Schützen der ersten Einwanderer Kaliforniens. Meine Mutter war Spanierin; sie stammte aus der Nähe von San Francisco und war stolz darauf, einer der alten spanischen Familien anzugehören, denen nachgesagt wird, daß sie Indianerblut in den Adern haben. Ich hatte eine gute Bildung genossen und liebte Musik und Bücher. Aber wie viele andere Kinder einer Mischehe war ich zu schlecht oder zu gut für diese Welt, und nachdem ich vieles versucht hatte, war ich sehr froh, durch diese kleine Kneipe in den Bergen eine bescheidene Existenz gefunden zu haben, wenn das Leben hier auch sehr einsam war. In meiner Abgeschiedenheit nahm ich manche Gewohnheiten eines Wilden an. Im Winter sah ich unförmig wie ein Eskimo aus, und in den heißen Sommertagen trug ich wie ein Indianer nichts als ein paar Lederhosen und einen riesigen Strohhut, groß wie ein Sonnenschirm, um mich gegen die Sonne zu schützen. Ich hatte immer ein Bowiemesser im Gürtel stecken und eine lange Flinte über der Schulter hängen. Vermutlich machte ich auf die wenigen friedlichen Wanderer, die bis zu meiner Hütte heraufkommen, einen ziemlich wilden Eindruck. Aber ich kann Ihnen sagen, daß ich niemals so wild aussah wie jener Mann. Mit ihm verglichen, kam ich aus der Fünften Avenue.

Ich glaube, das Leben im Hochgebirge übt einen sonderbaren Einfluß auf das Gemüt aus. Mit der Zeit neigt man dazu, diese einsamen Felsen nicht mehr als Berge anzusehen, die in einer Spitze auslaufen, sondern als Säulen, die den Himmel selbst stützen. Gleich dem Flug des Adlers schweben steile Klippen durch die Luft, so hoch, daß sie die Sterne anzuziehen und sie um sich zu versammeln scheinen, und sie glitzern wie Meeresklippen, die den Phosphor anziehen. Diese Felsenterrassen und -türme machen nicht wie die kleineren Gipfel den Eindruck, das Ende der Welt zu sein. Eher scheinen sie ihren furchtbaren Anfang, ihre gewaltigen Grundsteine zu bilden. Wir könnten uns den Berg fast wie einen Baum aus Stein vorstellen, der seine Zweige über uns ausbreitet und alle diese kosmischen Lichter wie ein Kronleuchter trägt. Denn gerade wenn die Gipfel uns entschwinden und gleichsam in unmögliche Fernen schweben, so drängen sich die Sterne um uns (wie es uns scheint), und kommen uns unmöglich nah. Die Sphären um uns bersten eher wie auf die Erde geschleuderte Donnerkeile, als wie Planeten, die friedlich um die Erde kreisen.

Vielleicht hat mir alles dieses die Sinne verwirrt, ich weiß es nicht genau. Ich weiß, daß an einer Wendung des Weges den Paß hinab ein Felsen sich etwas vorneigt, und in stürmischen Nächten glaube ich zu hören, wie er mit anderen Felsen zusammenprallt, wie eine Stadt gegen die andere, wie eine Zitadelle gegen die andere – weit hinein in die Nacht. An einem solchen Abend war es, als der sonderbare Mann sich mühsam den Paß hinaufkämpfte. Eigentlich waren es immer nur seltsame Menschen, die sich hier heraufkämpften. Aber noch nie hatte ich einen solchen Mann gesehen.

Er trug (warum, habe ich keine Ahnung) eine lange, sehr ramponierte Gartenharke, an welcher Gräser wie ein Bart herabhingen, so daß sie wie das Banner irgendeines alten barbarischen Volksstammes aussah. Das Haar des Fremden war so lang und verwildert wie das Gras und hing ihm über die Schultern. Da seine Kleider nur noch rote und gelbe zungenförmige Fetzen waren, sah er aus wie ein Indianer, der sich mit Federn oder Herbstblättern geschmückt hat. Die Harke oder Heugabel, oder was das Ding sonst darstellte, gebrauchte er zuweilen als Alpenstock, zuweilen – wie mir gesagt wurde – als Waffe. Ich weiß nicht, warum er es als Waffe benutzt haben sollte; denn er hatte einen vorzüglichen, sechsläufigen Revolver in der Tasche, den er mir nachträglich zeigte. ›Aber das‹, sagte er, ›gebrauche ich nur für friedliche Zwecke.‹ Ich habe keine Ahnung, was er meinte.

Er setzte sich auf die primitive Bank vor meiner Kneipe und trank etwas Wein, der von den im Tale liegenden Weinbergen kam, und seufzte beglückt dabei wie einer, der lange Zeit unter fremden, grausamen Dingen gewandert ist und endlich etwas findet, das er kennt. Dann saß er da und starrte ein wenig närrisch auf die einfache Laterne aus Blei und buntem Glas, die über meiner Tür hing. Sie ist alt, aber wertlos; vor vielen Jahren schenkte sie mir meine Großmutter: sie war eine fromme Frau, und zufälligerweise ist auf das Glas ein primitives Bild von Bethlehem, den Weisen und dem Stern gemalt. Der Fremde schien so gefesselt von dem durchsichtigen Schimmer des blauen Kleides der Maria und von dem großen, goldenen Stern dahinter, daß er mich veranlaßte, das Ding auch anzusehen, was ich schon vierzehn Jahre nicht getan hatte.

Als er dann langsam die Augen davon abwandte, sah er nach Osten, wo der Weg jäh abfällt. Die untergehende Sonne verwandelte den Himmel in ein Gewölbe von tiefvioletter Farbe, die an den Rändern des dunklen Gebirgsamphitheaters in zart Lila und Silber zerfloß; und zwischen uns und der untenliegenden Schlucht erhob sich jener steile, einsame Felsen, den wir den ›Grünen Finger‹ nennen, aus den Tiefen und ragte in die Höhe. Er war von einer sonderbaren, schwefelgelben Farbe und von unzähligen Runzeln bedeckt, die wie eine unentzifferbare Schrift aussahen, und er hing dort gleich einer babylonischen Säule oder Nadel.

Schweigend streckte der Mann seine Harke in jene Richtung aus und bevor er sprach, wußte ich, was er meinte. Hinter den großen grünen Felsen in dem violetten Himmel schwebte ein einsamer Stern.

›Ein Stern im Osten‹, sagte er mit einer seltsam heiseren Stimme wie einer unserer alten Adler. ›Die Weisen folgten dem Stern und fanden das Haus. Aber würde ich das Haus finden, wenn ich dem Stern folgte?‹

›Es hängt vielleicht davon ab‹, sagte ich lächelnd, ›ob Sie ein Weiser sind.‹ Ich enthielt mich, hinzuzufügen, daß er bestimmt nicht wie ein Weiser aussähe.

›Urteilen Sie selbst‹, antwortete er, ›ich bin ein Mann, der sein eigenes Haus verließ, weil er es nicht länger ertragen konnte, fern davon zu sein.‹

›Das klingt entschieden paradox‹, sagte ich.

›Ich hörte meine Frau und meine Kinder sprechen und sah, wie sie im Zimmer umhergingen‹, fuhr er fort, ›und die ganze Zeit wußte ich, daß sie in einem anderen Haus umhergingen und sprachen – in einem Haus, das tausend Meilen entfernt, unter dem Licht von anderen Himmeln und durch viele Meere getrennt, lag. Ich liebte sie mit einer alles verzehrenden Liebe, weil sie nicht nur fern, sondern unerreichbar schienen. Niemals waren mir Menschen so teuer und so wünschenswert vorgekommen, aber mir war, als sei ich ein kaltes Gespenst. Meine Liebe zu ihnen war eine nicht zu ertragende, und um das zu bezeugen, schüttelte ich den Staub von meinen Füßen. Nein, ich tat mehr als das. Ich gab der Welt einen Fußtritt, so daß sie sich unter meinen Füßen im Kreise drehte wie eine Tretmühle.‹

›Wollen sie wirklich sagen‹, rief ich, ›daß Sie eine Reise um die Welt gemacht haben? Ihrer Sprache nach sind Sie Engländer, und doch kommen Sie aus dem Westen.‹

›Meine Pilgerfahrt ist noch nicht beendet‹, erwiderte er traurig. ›Um davon geheilt zu werden, ein Verbannter zu sein, bin ich ein Pilger geworden.‹

Etwas in dem Wort ›Pilger‹ erweckte in mir tief vergrabene Erinnerungen an die Weltanschauung meiner Väter und an etwas aus dem Lande, aus dem ich kam. Ich sah wieder auf die kleine, bemalte Laterne, die ich schon vierzehn Jahre nicht angeschaut hatte.

›Meine Großmutter‹, erklärte ich leise, ›würde gesagt haben, daß wir alle in der Verbannung leben und daß kein irdisches Haus das heilige Heimweh, das uns zu rasten verbietet, heilen kann.‹

Er schwieg eine ganze Weile und beobachtete einen einzelnen Adler, der sich hinter dem ›Grünen Finger‹ in den dunkler werdenden Himmel treiben ließ.

Dann sagte er: ›Ich glaube, Ihre Großmutter hatte recht‹, und er stand auf und stützte sich auf seine begraste Stange. ›Ich denke, das muß der Grund und das Geheimnis dieses so beglückenden und so unbefriedigenden Menschenlebens sein‹, fuhr er fort. ›Aber ich glaube, es ist noch mehr darüber zu sagen. Ich denke, Gott hat seine guten Gründe gehabt, als er uns die Liebe zu besonderen Plätzen, zu einem Haus und zu einem Heimatland ins Herz legte.‹

›Das kann sein‹, sagte ich, ›aber aus welchen Gründen?‹

›Weil wir sonst‹, erwiderte er und zeigte mit seiner Stange nach dem Himmel und dem Abgrund, ›das anbeten würden.‹

›Was meinen Sie?‹ fragte ich.

›Die Ewigkeit‹, erwiderte er mit seiner rauhen Stimme, ›den größten aller Götzen – den mächtigsten Rivalen Gottes.‹

›Sie meinen wohl Pantheismus und Unendlichkeit und all so etwas?‹ wandte ich ein.

›Ich meine‹, sagte er mit zunehmender Heftigkeit, ›wenn es für mich ein Haus im Himmel gibt, so muß es entweder eine grüne Laterne und eine Hecke davor haben oder etwas ebenso Positives und Persönliches wie eine grüne Laterne und eine grüne Hecke. Ich meine, Gott hieß mich einen Ort lieben und ihm dienen und auch alles zum Lobe dieses Ortes tun, sei es noch so absonderlich, damit dieser eine Fleck Zeugnis ablege gegen alle die Unbegrenztheiten und Sophistereien, nach denen das Paradies irgendwo und nirgends ist, existiert und wiederum nicht existiert. Darum würde ich nicht so sehr überrascht sein, wenn das Haus im Himmel doch eine richtige grüne Laterne hätte.‹

Bei diesen Worten nahm er die Stange über die Schulter und schritt die gefährlichen Wege hinab und ließ mich mit den Adlern allein. Aber seit seinem Fortgehen packt mich oft ein Fieber von Heimatlosigkeit. Regenbewässerte Wiesen und Lehmhütten, die ich nie gesehen habe, quälen mich, und ich frage mich, ob Amerika bestehen wird.

Hochachtungsvoll
Louis Hara.«

Nach einem kurzen Schweigen sagte Inglewood:

»Und zum Schluß möchten wir noch folgenden Brief verlesen:

– Hiermit möchte ich sagen, daß ich Ruth Davis heiße und während der letzten sechs Monate Hausmädchen bei Frau I. Smith bin im Haus Lorbeer in Croydon. Als ich kam, war die Dame mit ihren beiden Kindern allein; sie war nicht Witwe, aber ihr Gatte war fort. Er hatte ihr viel Geld zurückgelassen, und sie schien sich keine Sorgen über ihn zu machen, obgleich sie oft den Wunsch aussprach, daß er bald zurückkommen möge. Sie sagte, er sei etwas exzentrisch, und eine kleine Veränderung würde ihm guttun. Als ich vorige Woche eines Nachmittags das Teegeschirr in den Garten brachte, ließ ich es fast fallen. Über der Hecke wurde plötzlich das Ende einer langen Harke sichtbar, die dann wie eine Springstange in die Erde gesteckt wurde, und wie ein Affe an einem Stock sprang ein riesiger, schrecklich aussehender Mann über die Hecke, der ganz behaart und zerlumpt wie Robinson Crusoe aussah. Ich schrie auf, aber meine Herrin blieb ruhig sitzen, lächelte nur und sagte, er müßte sich rasieren. Dann nahm er ganz gelassen an dem Gartentisch Platz, trank eine Tasse Tee, und daraus ersah ich, daß es Herr Smith selber war. Er ist seitdem hiergeblieben und hat nicht viel Arbeit gemacht; obwohl ich manchmal denke, daß er nicht ganz richtig im Kopf ist.

Ruth Davis

P. S. Ich habe vergessen zu sagen, daß er sich im Garten umsah und mit lauter und kräftiger Stimme rief: ›Ach, was für einen schönen Platz habt Ihr hier‹, gerade so, als ob er ihn noch nie gesehen hätte.«

Das Zimmer war allmählich dunkel und schläfrig geworden. Die Nachmittagssonne sandte einen schweren Strahl gepuderten Goldes hindurch, der mit einer undefinierbaren Feierlichkeit auf den leeren Platz von Mary Gray fiel; denn die jüngeren Damen hatten den Gerichtshof verlassen, ehe über die letzten Untersuchungen berichtet wurde. Frau Duke schlief noch, und Innozenz Smith, der im Zwielicht wie ein Riese mit einem Buckel aussah, beugte sich immer tiefer über sein Papierspielzeug. Aber die fünf Herren, die bei dem Rechtsstreit wirklich in Anspruch genommen waren und danach strebten, nicht das Gericht, sondern einander zu überzeugen, saßen noch um den Tisch herum wie das Komitee für die öffentliche Sicherheit.

Plötzlich legte Moses Gould mit einem Krach ein wissenschaftliches Buch auf ein anderes, stützte seine kleinen Beinchen gegen den Tisch, kippte seinen Stuhl so weit zurück, daß er Gefahr lief, hintenüberzufallen, stieß einen langen, gedehnten Pfiff aus und erklärte, daß das alles der reine Blödsinn sei.

Als Moon ihn fragte, was alles Blödsinn sei, nahm er die Bücher wieder lärmend herunter und antwortete in großer Erregung, während er seine Papiere durcheinanderwarf: »Das sind alles Märchen, die Sie da vorgelesen haben, machen Sie mir nichts weiß. Ich bin zwar keiner von der Literatur, aber Märchen erkenne ich doch noch, wenn ich sie höre. Allerdings habe ich die paar philosophischen Stellen nicht kapiert und hatte große Lust, hinauszugehen und mir was zum Trinken zu holen. Aber wir sind in West Hampstead und nicht in einem Irrenhaus und kurz: Es gibt Sachen, die vorkommen und andere, die nicht vorkommen. Und das hier sind Dinge, die nicht vorkommen.«

»Ich dachte«, sagte Moon ernst, »daß wir alles klar und deutlich erklärt hätten...«

»Ach ja, alter Bursche, sehr klar und deutlich habt Ihr alles erklärt«, bestätigte Gould mit außerordentlichem Wortschwall. »Ihr könntet einen Elefanten von der Tür fort erklären. Ich bin zwar kein so kluger Kerl wie Sie, aber ich bin auch kein Idiot, Michael Moon, und wenn auf meiner Türschwelle ein Elefant steht, lasse ich mich nicht auf Erklärungen ein. ›Er ist so groß wie dieses Haus‹, sage ich. ›Das scheint Ihnen nur so‹, erwidert Ihr dann, ›das ist nur die Perspektive und der heilige Zauber der Entfernung‹ ... ›Der Elefant trompetet wie der Erzengel am Tage des Gerichts‹, sage ich. – ›Das ist nur Ihr eigenes Gewissen, das zu Ihnen spricht‹, erwidert Ihr eindringlich und beschwichtigend. Ich habe ebensogut ein Gewissen wie Sie. Ich glaube zwar nicht an die meisten Dinge, die sonntags in der Kirche erzählt werden, und ich glaube ebensowenig alle jene Dinge, von denen Sie eben mit einer Stimme, als wären Sie in der Kirche, erzählt haben. Ich glaube, daß ein Elefant ein großes, häßliches, gefährliches Biest ist... und daß Smith ein eben solches ist.«

»Wollen Sie damit sagen«, fragte Inglewood, »daß Sie alle die Entlastungsaussagen, die wir vorgelesen haben, noch bezweifeln?«

»Ja, und ob ich sie bezweifle!« rief Gould erregt. »Es ist alles zu weit hergeholt und manches sogar allzuweit. Wie können wir alle diese Erzählungen auf ihre Richtigkeit prüfen? Wie kann man dem Mann auf der Station Kosky Wösky, oder wie der Ort heißt, einen Stippbesuch machen? Oder wie kann man sich in der Salonbar oben auf den Sierrabergen einen Schluck zu trinken geben lassen? Aber jeder kann Buntings Restaurant in Brighton aufsuchen.«

Moon betrachtete ihn mit einem Ausdruck echten oder geheuchelten Erstaunens.

»Jeder«, fuhr Gould fort, »könnte Herrn Trip aufsuchen.«

»Das ist allerdings ein trostreicher Gedanke«, erwiderte Michael mit Beherrschung, »aber warum sollte jemand Herrn Trip aufsuchen wollen?«

»Aus genau demselben Grunde«, rief der aufgeregte Moses und hämmerte mit beiden Händen auf den Tisch, »aus demselben Grunde, weswegen er sich mit den Herren Hanbury & Bootle von Paternoster Row und mit Fräulein Gridleys vornehmen Pensionat in Hendon und mit der alten Lady Bullingdon, die in Penge lebt, in Verbindung setzen soll.«

»Wiederum, um den Dingen auf den Grund zu gehen«, sagte Michael, »könnten Sie mir vielleicht sagen, warum es zu den Pflichten eines Menschen gehört, sich mit der alten Lady, die in Penge lebt, in Verbindung zu setzen?«

»Es gehört weder zu den Pflichten eines Menschen«, entgegnete Gould, »noch zu seinem Vergnügen, das kann ich Ihnen bloß sagen. Die Lady Bullingdon in Penge ist der Gipfel. Aber es gehört zu den Pflichten eines Klägers, der die unschuldige, harmlose Schmetterlingslaufbahn Ihres Freundes Smith verfolgt, und dasselbe gilt auch für alle die anderen Personen, die ich erwähnte.«

»Aber warum ziehen Sie denn alle diese Leute mit hinein?« fragte Inglewood.

»Weil wir Belastungszeugen genug haben, um einen Dampfer zum Sinken zu bringen«, brüllte Moses, »weil ich die Papiere in meinen Händen hier habe, weil Ihr geliebter Innozenz ein Schuft und Heimzerstörer ist, und dieses sind alle die Heime, die er zerstörte. Ich will nicht etwa behaupten, daß ich fehlerlos bin, aber ich möchte nicht alle diese armen Mädchen auf meinem Gewissen haben, nein, nicht um alles in der Welt. Ich bin der Meinung, daß, wenn ein Kerl dazu fähig ist, sie alle zu verlassen und vielleicht umzubringen, er ebenso fähig ist, einen Einbruch zu begehen oder einen alten Schulmeister zu erschießen... darum kümmere ich mich den Deibel um die anderen Märchen, die Sie eben erzählt haben.«

»Ich glaube«, sagte Dr. Cyrus Pym mit einem vornehmen Hüsteln, »daß wir in dieser Sache nicht ganz ordnungsgemäß vorgehen. Jetzt kommen wir tatsächlich zu der vierten Anklage auf der Liste, und es ist wohl besser, ich stelle sie Ihnen in geordneter und fachmännischer Weise dar.«

Nichts als ein schwaches Stöhnen von Michael durchbrach die Stille in dem dunkler werdenden Zimmer.

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