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Gilbert Keith Chesterton: Menschenskind - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorGilbert Keith Chesterton
titleMenschenskind
publisherVerlag Herder KG
translatorN. Collin
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Die beiden Hilfsgeistlichen oder die Anklage wegen Einbruch

Artur Inglewood reichte das Dokument, das er soeben gelesen hatte, den Klägern, welche die Köpfe zusammensteckten, um es zu prüfen. Sowohl der Jude wie auch der Amerikaner entstammten einer sensitiven, leicht erregbaren Rasse, und sie verrieten durch das Schütteln und Wackeln des schwarzen und des gelben Kopfes, daß es keine Möglichkeit gab, das Dokument für ungültig zu erklären. Das Schreiben des Kustos war ebenso authentisch wie das des Unterkustos, wenngleich zwischen beiden Briefen ein bedauerlicher Unterschied in der Würde und in dem gesellschaftlichen Ton lag.

»Sehr wenig Worte«, sagte Inglewood, »sind vonnöten, um unsere Verteidigung zu beschließen. Es muß jetzt jedem klar sein, daß unser Klient seine Pistole nur mit der exzentrischen, aber unschuldigen Absicht bei sich trug, um denen, die er für Spötter hielt, einen heilsamen Schreck einzujagen. In jedem Fall war der Schreck so heilsam, daß das betreffende Opfer stets diesen Tag als den Anfang eines neuen Lebens ansah. Weit davon entfernt, ein Wahnsinniger zu sein, ist Smith eher ein Irrenarzt zu nennen – einer, der durch die Welt geht und Wahnsinnsausbrüche heilt, aber sie nicht herbeiführt. Das ist die Antwort auf die beiden nicht zu beantwortenden Fragen, die ich den Klägern stellte. Deshalb wagten sie nicht, von irgendeinem Menschen, der tatsächlich der Pistole gegenübergestanden hatte, eine einzige Zeile herbeizuschaffen. Alle diejenigen, die ihr tatsächlich gegenübergestanden hatten, gaben zu, daß es für sie von Vorteil gewesen sei. Darum hat auch Smith, obwohl er ein guter Schütze ist, nie jemand getroffen. Er traf niemand, gerade weil er ein guter Schütze ist. Seine Gedanken waren so rein von Mordabsichten wie seine Hände von Blut. Ich wiederhole, das ist die einzig mögliche Erklärung dieser und aller anderen Geschehnisse. Niemand kann das Benehmen des Kustos erklären, wenn er seiner Erzählung nicht Glauben schenkt. Sogar Dr. Pym, der die reine Fabrik von Spitzfindigkeiten ist, konnte keine andere Erklärung für diesen Fall finden.«

»Die Hypnose und das Führen eines Doppellebens bieten verheißungsvolle Perspektiven«, sagte Dr. Cyrus Pym verträumt, »die Wissenschaft der Kriminalpsychologie ist in ihrer Kindheit, und...«

»Kindheit!« rief Moon und streckte seinen roten Bleistift plötzlich in die Luft, als hätte er eine Erleuchtung, »nun, das erklärt alles!«

»Ich wiederhole«, fuhr Inglewood fort, »weder Dr. Pym noch sonst jemand kann eine andere Erklärung als die unsere für die Unterschrift des Kustos, für die fehlgegangenen Schüsse und für das Fehlen der Zeugen geben.«

Der kleine Yankee war aufgesprungen, und sein Wesen drückte wiederkehrende kampflustige Kaltblütigkeit aus. »Die Verteidigung«, rief er, »übergeht eine höchst bedeutsame Tatsache. Sie sagt, wir schafften keines der wirklichen Opfer herbei. Doch haben wir hier eines: Englands berühmten und zu Boden gestreckten Warner. Von dem kann man doch nicht sagen, daß er nicht vorhanden sei. Und die Verteidigung behauptet, auf alle die Gewalttätigkeiten sei eine Versöhnung erfolgt. Nun, daß Englands Warner hier anwesend ist, kann wohl nicht bezweifelt werden, und er ist nichts weniger als versöhnt.«

»Mein gelehrter Freund«, sagte Moon, während er langsam und gewichtig aufstand, »darf nicht vergessen, daß die Wissenschaft des Schießens auf Dr. Warner sich noch in ihrer Kindheit befindet. Selbst dem unaufmerksamsten Beobachter würde es einleuchten, daß es besonders schwierig sein dürfte, einem Menschen wie Dr. Warner die Herrlichkeit Gottes durch einen Schreck klarzumachen. Wir geben zu, es ist unserem Klienten in diesem einen Fall nicht gelungen, die Operation war nicht erfolgreich. Aber ich bin von meinem Klienten ermächtigt worden, Dr. Warner das Angebot zu machen, eine zweite Operation an sich vornehmen zu lassen, und zwar sobald es Dr. Warner paßt und ohne weitere Honorarberechnung.«

»Verdammt noch einmal, Michael«, rief Gould, zum erstenmal in seinem Leben ganz ernst, »Sie könnten uns wirklich endlich einmal zur Abwechslung etwas sagen, was Sinn hat.«

»Wovon sprach gerade Dr. Warner, als der erste Schuß fiel?« fragte Moon schroff.

»Der Kerl«, sagte Dr. Warner hochmütig, »fragte mich mit dem für ihn charakteristischen Denkvermögen, ob heute mein Geburtstag sei.«

»Und Sie antworteten mit der für Sie charakteristischen Blasiertheit«, entgegnete Moon und schnellte einen langen, mageren Finger so starr und einhaltgebietend in die Luft, wie Smith seine Pistole, »daß Sie Ihren Geburtstag nicht feierten.«

»So etwas Ähnliches«, meinte der Doktor.

»Dann«, fuhr Moon fort, »fragte er, warum Sie es nicht täten, und Sie erwiderten, weil Sie in der Geburt keinen Grund sähen, sich zu freuen. Stimmt das? Ist jemand hier, der an der Wahrheit unserer Erzählung zweifelt?«

Eine eisige Stille herrschte im Zimmer, und Moon sagte: »›Pax populi vox Dei‹; Volkes Schweigen ist Gottes Stimme. Oder in Dr. Pyms zivilisierter Sprache, es käme ihm zu, den nächsten Punkt der Klage zu erörtern. Hier fordern wir einen Freispruch.«

Es war ungefähr eine Stunde später. Dr. Cyrus Pym hatte ungewöhnlich lange mit geschlossenen Augen verharrt und den Zeigefinger und Daumen in die Luft gestreckt. Fast schien es, als ob – wie in dem Ammenmärchen – gerade die Uhr geschlagen hätte, während er diese Stellung einnahm, und er nun sein ganzes Leben in dieser Haltung verharren müßte. In dieser Totenstille fühlte sich Michael Moon veranlaßt, den Bann durch irgendeine Bemerkung zu brechen. Seit der letzten halben Stunde oder noch länger hatte der angesehene Kriminalpsychologe auseinandergesetzt, daß die Wissenschaft stets denselben Standpunkt einnähme: ganz gleich, ob es sich um Vergehen gegen das Eigentumsrecht handle oder um das Trachten nach dem Leben eines Mitmenschen. »Fast jeder Mord«, hatte er gesagt, »ist eine Variation der krankhaften Sucht zu morden, so wie auch fast jeder Diebstahl eine Version von Kleptomanie ist. Ich stimme zweifellos mit meinen gelehrten Kollegen von der Verteidigung in der Ansicht überein, daß diese Auffassung notwendigerweise eine tolerantere und menschlichere Bestrafungsmethode mit sich bringen muß als jene grausame, wie sie die alten Strafgesetzbücher vorschreiben. Zweifellos werden die Herren das Bewußtsein einer gähnenden Kluft haben, die ganz gewaltig, alle Gedanken fesselnd, ja...« Hier hatte der Redner innegehalten und sich jene vornehme Geste geleistet, auf die wir schon angespielt haben, und Michael konnte es nicht länger ertragen.

»Jaja«, sagte er ungeduldig, »die Kluft wollen wir Ihnen schon lassen. Die alten, grausamen Strafgesetzbücher klagten einen Mann des Diebstahls an und steckten ihn zehn Jahre ins Gefängnis. Der tolerante und menschliche Mann von heute klagt ihn um nichts an und sperrt ihn dafür lebenslänglich ein. Die Kluft ist also einstimmig angenommen.«

Wenn sich der berühmte Pym in einer seiner Wortschwallekstasen befand, so pflegte er in seiner Rede fortzufahren, ohne seiner Pausen oder der Unterbrechung des Gegners bewußt zu sein.

»... ja, fortschrittlich«, fuhr Dr. Pym fort, »und von hohen Hoffnungen für die Zukunft erfüllt ist. Die Wissenschaft betrachtet daher sowohl Diebe wie auch Mörder im abstrakten Sinne nicht als Sünder, die man für eine willkürlich festgesetzte Zeit bestrafen muß, sondern als Patienten, die unter Aufsicht gehalten und gepflegt werden müssen, und zwar« (seine beiden ersten Finger schlossen sich wieder zu der bekannten Geste, während er zögerte), »und zwar für den erforderlichen Zeitraum. Aber der vorliegende Fall ist ein ganz spezieller. Kleptomanie ist meistens verknüpft mit...«

»Ich bitte um Entschuldigung«, sagte Michael, »aber vorhin wollte ich meine Frage nicht stellen, weil ich, offen gestanden, dachte, daß Dr. Pym, obwohl er sich anscheinend in einer vertikalen Lage befindet, in Wirklichkeit einen wohlverdienten Schlummer genieße, während er eine Prise duftlosen und zarten Staubes in seinen Fingern hält. Aber jetzt, wo etwas Bewegung in die Angelegenheit gekommen zu sein scheint, möchte ich gern etwas wissen. Ich habe an Dr. Pyms Lippen gehangen, natürlich mit einem Interesse, für das der Ausdruck ›Begeisterung‹ eine zu schwache Bezeichnung wäre, aber bisher bin ich nicht imstande gewesen, eine Vermutung anzustellen über das, was der Angeklagte in dem gegenwärtigen Fall verbrochen haben soll.«

»Wenn Herr Moon sich etwas gedulden will«, sagte Pym würdevoll, »wird er sehen, daß es gerade diese Frage ist, auf die ich näher eingehen wollte. Kleptomanie, wiederhole ich, ist eine Art physischer Anziehung, die gewisse genau begrenzte Gegenstände auf den Betreffenden ausüben, und es ist festgestellt worden (von keinem Geringeren als Harris), daß diese Tatsache die endgültige Erklärung ist für das strenge Spezialistentum und den sehr eng begrenzten beruflichen Standpunkt der meisten Verbrecher. Der eine wird sich physisch unwiderstehlich von Perlen-Manschettenknöpfen angezogen fühlen, während er an den elegantesten und kostbarsten Brillant-Manschettenknöpfen, die ihm greifbar nahe liegen, vorbeigehen wird. Ein anderer wird seine Flucht durch siebenundvierzig Paar Knöpfstiefel behindern, während Gummizugstiefel ihn kalt lassen und sogar seinen Sarkasmus erregen. Das Spezialistentum des Verbrechers, wiederhole ich, ist eher ein Zeichen des Wahnsinns als der Geschäftstüchtigkeit. Aber es gibt manche Diebe, bei denen man diese Theorie auf den ersten Blick schwer anwenden kann. Und dazu gehört, meine ich, unser Mitbürger, der Einbrecher.

Es ist von einigen unserer kühnsten jungen Wahrheitssucher behauptet worden, das Auge eines Einbrechers hinter der Gartenmauer könnte kaum durch eine silberne Gabel gefesselt und hypnotisiert werden, die sich in einem verschlossenen Kasten unter des Hausdieners Bett befindet. Der amerikanischen Wissenschaft hat man über diesen Punkt den Fehdehandschuh hingeworfen. Man behauptet, daß Brillant-Manschettenknöpfe niemals in greifbarer Nähe dort umherlägen, wo sich die niedrigeren Klassen aufhalten, so wie das Calypso College sie bei seinem berühmten Experiment hinlegte. Wir hoffen, dieses Experiment wird die Antwort auf jene stürmische Aufforderung der Jugend sein und auch den Einbrecher wieder in dieselbe Kategorie bringen wie seine Mitverbrecher.«

Moon, über dessen Gesicht seit fünf Minuten alle Phasen tiefster Verwunderung gegangen waren, erhob plötzlich die Hand und ließ sie dann in einer Explosion der Erleuchtung auf den Tisch fallen.

»Ach, jetzt verstehe ich!« rief er, »Sie wollen sagen, daß Smith ein Einbrecher ist.«

»Ich dächte, ich hätte es hinreichend klargemacht«, sagte Pym und ließ die Augenlider wieder fallen. Es war typisch für dieses verdrehte Privatverhör, daß alle die beredten Überflüssigkeiten, die ganze Rhetorik sowie die Abschweifungen beider Parteien nur aufreizend und unverständlich auf die Gegenpartei wirkten. Moon konnte nicht aus der Feierlichkeit einer neuen Zivilisation klug werden, Pym hingegen konnte nicht aus der Ungezwungenheit einer alten Welt klug werden.

»Alle die Fälle, in welchen Smith als Enteigner auftrat«, fuhr der amerikanische Doktor fort, »sind Einbruchsfälle. Da wir dieselbe Politik wie in dem vorangegangenen Fall verfolgen, greifen wir ein unanfechtbares Beispiel aus den übrigen heraus und nehmen ein unantastbares, einwandfreies Zeugnis. Ich will jetzt meinen Kollegen, Herrn Gould, bitten, einen Brief vorzulesen, den wir von dem ernsten, untadelhaften Kanonikus von Durham, dem Kanonikus Hawkins, empfangen haben.«

Herr Moses Gould sprang mit seiner gewöhnlichen Bereitwilligkeit auf, um den Brief von dem ernsten und untadelhaften Hawkins vorzulesen. Moses Gould konnte Tierstimmen nachahmen und auch die neuen Autohupen – diese letzteren geradezu künstlerisch –, aber seine Nachahmung eines Kanonikus von Durham war nicht überzeugend, in der Tat wurde der Sinn des Briefes durch die eigentümlichen Sprünge und Mängel seiner Aussprache so verdunkelt, daß es vielleicht ratsamer wäre, den Brief so drucken zu lassen, wie ihn Moon, als er ihm ein wenig später über den Tisch gereicht wurde, vorlas.

»Geehrter Herr! Es überrascht mich nicht, daß der von Ihnen erwähnte Zwischenfall, so privater Natur er auch war, in unsere sensationslüsternen Zeitungen durchgesickert und in das Publikum gedrungen ist, denn die höhere gesellschaftliche Stellung, die ich seitdem einnehme, hat mich, glaube ich, mehr in das Licht der Öffentlichkeit gerückt, und der in Frage kommende Vorfall war gewiß der seltsamste einer ereignisreichen und nicht gewöhnlichen Karriere. Ich bin keineswegs, wenn es sich um Aufstände der Zivilbevölkerung handelt, unerfahren. Ich habe früher manche politische Krise in dem Primrose-Verein in Herne Bay durchgemacht, und manche Nacht verbrachte ich in dem christlich-sozialen Verein. Aber dieser von Ihnen erwähnte Vorfall ist mir noch ganz unbegreiflich. Ich kann ihn nur mit einer losgelassenen Hölle vergleichen, wiewohl es sich für mich als einen Geistlichen nicht schickt, dieses Wort in den Mund zu nehmen.

Es geschah zu der Zeit, als ich vorübergehend Hilfsprediger in Huxton war, daß der zweite Hilfsgeistliche, mein damaliger Kollege, mich überredete, zu einer Versammlung zu gehen, die er als dazu angetan bezeichnete – ich muß sagen, es war eine Blasphemie –, das Reich Gottes zu fördern. Ich fand im Gegenteil, daß die Versammlung nur aus Männern bestand, die fettige Arbeitskleider trugen, sehr roh waren und reaktionäre Ansichten hatten.

Von meinem damaligen Kollegen möchte ich mit vollster Achtung und Freundlichkeit sprechen, und darum will ich ihn wenig erwähnen. Niemand kann mehr davon überzeugt sein als ich, daß Politik auf der Kanzel schädlich ist; ich gebe meiner Gemeinde in Wahlfragen nie einen Rat, ausgenommen in Fällen, bei denen ich der festen Überzeugung bin, daß ein Mitglied meiner Gemeinde sonst eine irrige Wahl treffen würde. Aber wenn ich auch nicht beabsichtige, politische oder soziale Probleme zu berühren, muß ich doch sagen, daß, wenn ein Geistlicher selbst im Scherz solchen verrufenen Geheimmitteln ausschweifender Demagogen des Sozialismus oder Radikalismus Vorschub leistet, er einen Vertrauensbruch begeht. Es sei fern von mir, ein Wort gegen den Reverend Raymond Percy, den obenerwähnten Kollegen, zu sagen. Er war wohl sehr geistreich, und auf einige Leute wirkte er anscheinend faszinierend, aber ein Pfarrer, der wie ein Sozialist spricht, Künstlerlocken trägt und sich wie ein Betrunkener gebärdet, wird es nie zu einer hohen Stellung in seinem Beruf bringen oder sich die Bewunderung der Guten und Weisen erwerben. Es kommt mir auch nicht zu, mein persönliches Urteil über das Aussehen der Leute in jenem Saal auszusprechen. Doch ein Blick enthüllte mir Reihen von niedrigen und neidischen Gesichtern...«

»Um eine Lieblingsredensart Seiner Hochwürden zu gebrauchen«, platzte Moon heraus, dem die Geduld zu reißen begann, »darf ich wohl sagen, daß, wenn mir auch Folterqualen nicht eine Bemerkung über seinen Verstand entreißen würden, er doch ein verdammter alter Esel ist.«

»Nun protestiere ich aber«, rief Dr. Pym.

»Sie müssen sich ruhig verhalten, Michael«, sagte Inglewood, »die andere Partei hat doch das volle Recht, ihre Geschichte vorzulesen.«

»Ich rufe den Redner zur Ordnung!« rief Gould und rutschte ausgelassen auf seinem Stuhl hin und her, und Pym warf einen Blick nach dem Baldachin, der die höchste Instanz des Gerichtshofs von Leuchtfeuer beschirmte.

»Aber wecken Sie die alte Dame nicht auf«, sagte Moon und sprach in brummiger Gutmütigkeit jetzt selbst leiser. »Ich bitte um Entschuldigung. Ich werde nicht wieder unterbrechen.«

Schon ehe sich die Unruhe über diesen Zwischenfall gelegt hatte, wurde der Brief des Pfarrers weiter vorgelesen.

»Die Versammlung wurde mit einer Ansprache meines Kollegen eröffnet, über die ich lieber schweigen möchte. Sie war entsetzlich. Eine ganze Anzahl der Zuhörer waren Irländer, und sie zeigten die Schwächen dieses impulsiven Volkes. Wenn sie sich zu Versammlungen und Verschwörungen zusammenrotten, so scheinen sie ganz und gar jene Eigenschaften zu verlieren, welche ihre Nation auszeichnen, das heißt die liebenswürdige Gutmütigkeit und Bereitwilligkeit, alles zu glauben, was man ihnen sagt.«

Michael fuhr leicht zusammen, stand auf, verbeugte sich feierlich und setzte sich wieder.

»Verhielten sich diese Zuhörer auch nicht ruhig, so spendeten sie der Rede von Dr. Percy doch wenigstens Beifall. Mit Witzen über Miete und Arbeitseinschränkung verstand er es, zu ihrem Niveau herabzusteigen. Beschlagnahme, Enteignung, Schiedsgericht und ähnliche Worte, die ich überhaupt nicht in den Mund nehmen möchte, fielen beständig. Einige Stunden darauf brach der Sturm los. Ich war mitten in meiner Rede und sprach von dem Mangel an Sparsamkeit in der Arbeiterklasse, von ihrem ungenügenden Besuch des Abendgottesdienstes, ihrem Fehlen bei dem Erntedankfest und von noch vielen anderen Dingen, die ihnen zur Verbesserung ihres Loses überaus nützlich hätten sein können. Ich glaube, ich war eben an diesem Punkt meiner Rede angelangt, als die merkwürdige Unterbrechung erfolgte. Ein riesengroßer, kräftiger Mann, der über und über mit Gips bedeckt war, stand mitten im Saal auf und machte (mit einer lauten, brüllenden Stimme wie der eines Stieres) einige Bemerkungen, die in einer fremden Sprache zu sein schienen. Herr Raymond Percy, mein Kollege, stellte sich mit ihm auf eine Stufe und ließ sich auf ein Wortgefecht mit ihm ein, in welchem er die Oberhand zu gewinnen schien. Darauf benahmen sich die Versammelten eine Weile anständiger, doch kaum hatte ich wieder angefangen zu sprechen, als ein Ansturm auf die Rednerbühne erfolgte. Allen voran stürzte der riesengroße, mit Gips beschmierte Mann auf uns zu, so daß die Erde wie von Elefantenschritten bebte, und ich weiß wirklich nicht, was geschehen wäre, wenn nicht ein Mann, der ebenso groß, aber nicht ganz so schlecht angezogen war, auch aufgesprungen wäre und ihn beiseite geschoben hätte. Dieser andere Riese brüllte der Menge etwas zu, während er sie zurückdrängte. Ich weiß nicht, was er sagte, aber nach vielem Gebrüll und Gedränge und ähnlichen Gewalttätigkeiten schob er uns zu einer Hintertür hinaus, während der Pöbel einen anderen Gang schreiend hinunterlief.

Jetzt komme ich auf den wahrlich merkwürdigen Teil meines Erlebnisses. Als er uns in einen mit dürrem Gras bewachsenen Hinterhof hinausgeschleppt hatte, von dem aus man in ein schwach beleuchtetes Gäßchen gelangte, sagte der Riese folgendes: ›Sie können froh sein, daß Sie da heil herausgekommen sind, meine Herren, jetzt ist es am besten, Sie kommen mit mir. Ich möchte, daß Sie mir bei einem Akt sozialer Gerechtigkeit helfen, und zwar handelt es sich um einen solchen Fall, wie wir ihn eben zusammen besprochen haben. Kommen Sie mit!‹ Und während er uns plötzlich den Rücken drehte, führte er uns durch das elende alte Gäßchen mit der einsamen, elenden alten Laterne, und ehe wir uns klar waren, was wir taten, folgten wir ihm. Er hatte uns sicher aus einer äußerst schwierigen Situation herausgeholfen, und als Gentleman konnte ich einem solchen Wohltäter ohne ernsten Grund nicht mit Mißtrauen begegnen. Mein sozialistischer Kollege war (trotz seiner fürchterlichen Rede über das Schiedsgericht) auch ein Gentleman, und er teilte meine Ansicht. Er stammte nämlich von den Staffordshire Percys, einem Zweig jener alten Familie, und hatte das schwarze Haar und das bleiche feingeschnittene Gesicht seiner Vorfahren. Ich kann es nur seiner Eitelkeit zuschreiben, daß er, um seine persönlichen Reize zu erhöhen, schwarzen Sammet trug oder ein rotes Kreuz, das sehr in die Augen fiel und sicher... aber ich schweife ab.

Nebel begann die Straße einzuhüllen, und als dadurch jene letzte einsame, verlorene Laterne hinter uns verblaßte, wirkte es unleugbar deprimierend auf das Gemüt. Der große Mann vor uns schien in dem Dunst immer größer und größer zu werden. Den riesigen Rücken uns zugewandt, sagte er, ohne sich umzudrehen: ›All dieses Gerede hat keinen Sinn; was wir brauchen, ist ein wenig praktischer Sozialismus.‹

›Ich stimme ganz mit Ihnen überein‹, sagte Percy, ›aber ich erfasse die Dinge erst theoretisch, ehe ich sie in die Praxis umsetze.‹

›Ach, überlassen Sie mir nur das‹, sagte der praktische Sozialist, oder was er sonst sein mochte, mit der erschreckendsten Unklarheit. ›Ich verstehe das schon. Ich bin ein Alles-Durchdringer!‹

Ich hatte keine Ahnung, was er meinte, aber da mein Gefährte lachte, war ich hinreichend beruhigt, um diese unerklärliche Reise fürs erste fortzusetzen. Sie führte uns durch die sonderbarsten Wege; wir verließen das schon sehr enge Gäßchen und kamen in einen gepflasterten Gang, an dessen Ende wir durch ein offenstehendes Holzgitter schritten. Wir befanden uns dann in der zunehmenden Dunkelheit und dem immer dichter werdenden Nebel auf einem ausgetretenen Pfad, der durch einen Küchengarten zu führen schien. Ich rief den Riesen vor uns an, aber er murmelte nur etwas von einem kürzeren Weg.

Ich äußerte meinem kirchlichen Gefährten gegenüber gerade wieder meine sehr natürlichen Bedenken, als ich plötzlich vor einer kurzen Leiter stehenbleiben mußte, die anscheinend zu einer höhergelegenen Straße führte. Mein leichtsinniger Kollege lief die Leiter so schnell hinauf, daß mir nichts anderes übrigblieb, als ihm, so gut es ging, zu folgen. Der Pfad, auf den ich dann meine Füße setzte, war unglaublich schmal. Noch nie in meinem Leben war ich auf einer so dürftigen Straße gegangen. In der Dunkelheit und Undurchdringlichkeit der Luft hielt ich zuerst das Grün an der eine Seite für dichtes Gesträuch. Dann sah ich, daß es gar nicht Sträucher waren, sondern die Spitzen von hohen Bäumen. Ich – ein englischer Gentleman und Pfarrer der Kirche von England – ging oben auf einer Gartenmauer entlang, als wäre ich ein Kater.

Ich freue mich, sagen zu können, daß ich nach den ersten fünf Schritten stehenblieb und meiner gerechten Entrüstung die Zügel schießen ließ, während ich, so gut ich konnte, auf dieser Mauer balancierte.

›Es ist ein öffentlicher Weg‹, erklärte unser Führer. ›Er wird alle hundert Jahre für die Öffentlichkeit geschlossen.‹

›Herr Percy! Herr Percy!‹ rief ich aus, ›Sie werden doch mit diesem Schuft nicht weitergehen?‹

›Warum nicht?‹ entgegnete mein unglücklicher Kollege übermütig. ›Ich habe zwar keine Ahnung, was er ist, aber Sie und ich sind, glaube ich, größere Schufte als er.‹

›Ich bin ein Einbrecher‹, erklärte der große Kerl ganz ruhig. ›Ich bin Mitglied der Fabian-Gesellschaft. Ich hole den von den Kapitalisten gestohlenen Reichtum zurück, nicht durch aufwühlende Revolutionen, sondern durch Reformen, die jedem besonderen Fall angepaßt werden... hier ein wenig und da ein wenig. Sehen Sie das fünfte Haus, das mit dem flachen Dach in der Straße dort? Diese Nacht will ich es durchdringen.‹

›Ob es sich hier um ein Verbrechen oder um einen Witz handelt‹, rief ich, ›ich wünsche nichts damit zu tun zu haben.‹

›Die Leiter ist gerade hinter Ihnen‹, antwortete der Kerl mit schrecklicher Höflichkeit, ›und ehe Sie gehen, gestatten Sie doch bitte, daß ich Ihnen meine Karte gebe.‹

Wenn ich die Geistesgegenwart gehabt hätte, nur ein wenig Mut zu zeigen, würde ich sie fortgeschleudert haben, obgleich jede heftige Geste mein Gleichgewicht auf der Mauer ernstlich gefährdet hätte. So aber steckte ich in der Aufregung des Augenblicks die Karte in meine Westentasche, und vorsichtig tastete ich mich die Mauer und die Leiter zurück und befand mich endlich wieder in anständigen Straßen. Jedoch nicht, bevor ich mit meinen eigenen Augen zwei furchtbare und beklagenswerte Tatsachen wahrgenommen hatte – nämlich daß der Einbrecher ein schräges Dach hinaufkletterte, den Schornsteinen zu, und daß Raymond Percy, ein Priester Gottes – und was die Sache noch schlimmer macht, ein Gentleman –, ihm nachkroch. Bis auf den heutigen Tag habe ich keinen von den beiden wiedergesehen.

Infolge dieser seelenerschütternden Erfahrung löste ich meine Beziehungen zu dieser wilden Gesellschaft. Ich bin weit davon entfernt, zu behaupten, daß jedes Mitglied des Christlich- Sozialen Vereins unbedingt ein Einbrecher sein muß. Ich habe kein Recht, eine solche Behauptung aufzustellen. Aber diese Erfahrung zeigte mir, wohin solche Ansichten in vielen Fällen führen können; und ich sah die Leute nie wieder.

Ich habe nur hinzuzufügen, daß die beigelegte Photographie, die von einem Herrn Inglewood aufgenommen wurde, zweifellos das Bildnis des in Frage kommenden Einbrechers ist. Als ich in jener Nacht nach Hause kam, sah ich seine Visitenkarte an, und es stand der Name Innozenz Smith darauf.

Ihr ergebener
John Clement Hawkins.«

Nur der Form halber blickte Moon auf das Schriftstück. Er wußte, daß die Kläger ein so gewichtiges Dokument nicht erfunden haben konnten. Moses Gould (beispielsweise) war ebensowenig imstande, den Briefstil eines Kanonikus zu schreiben wie die Sprechweise eines Kanonikus nachzuahmen. Nachdem Moon das Schriftstück zurückgegeben hatte, erhob er sich und begann die Verteidigungsrede für den Einbruchsfall.

»Wir möchten«, sagte Michael, »den Klägern alle nur möglichen Erleichterungen gewähren, besonders, da es für den ganzen Gerichtshof eine Zeitersparnis bedeuten würde. Auf diesen Punkt werde ich noch einmal zurückkommen, wenn ich alle jene theoretischen Fragen, auf die Dr. Pym so viel Wert legt, erörtert habe. Ich weiß, wie sie entstehen. Meineid ist eine Art Zungenlähmung, die einen Menschen dazu verleitet, etwas ganz anderes zu sagen, als er will. Urkundenfälschung ist eine Art Schreibkrampf, die einen Mann zwingt, den Namen seines Onkels zu schreiben statt seines eigenen. Freibeuterei auf hoher See ist wahrscheinlich eine Form von Seekrankheit. Aber es ist überflüssig für uns, nach den Ursachen einer Tatsache, deren Vorhandensein wir leugnen, zu forschen. Innozenz Smith hat überhaupt keinen Einbruch begangen.

Ich möchte mich auf das bei unserem ersten Abkommen gemachte Zugeständnis berufen und an die Kläger zwei oder drei Fragen stellen.«

Dr. Cyrus Pym schloß die Augen, um eine höfliche Zustimmung anzudeuten.

»Erstens«, fuhr Moon fort, »wissen Sie das Datum des Tages, an dem der Kanonikus Hawkins zuletzt Smith und Percy auf die Mauern und Dächer klettern sah?«

»Jawohl, auch! rief Gould prompt. »Am dreizehnten November achtzehnhunderteinundneunzig.«

»Haben Sie«, fuhr Moon fort, »die Häuser in Hoxton festgestellt, auf die sie kletterten?«

»Es muß Lady Smith' Terrasse gewesen sein, die von der Chaussee abzweigt«, ratterte Gould wieder mit der Promptheit einer aufgezogenen Uhr herunter.

»Nun«, sagte Michael und kniff zweifelnd ein Auge zu, »wurde denn in jener Nacht in der betreffenden Straße eingebrochen? Sicherlich haben Sie das feststellen können?«

»Es ist nicht ausgeschlossen, daß ein Einbruch versucht wurde«, sagte der Doktor steif, nach einer Pause, »und daß er, weil er erfolglos war, unbekannt blieb.«

»Noch eine Frage«, fuhr Michael fort. »Der Kanonikus Hawkins hat in seiner stürmischen und knabenhaften Art gerade im aufregendsten Moment seinen Bericht abgebrochen. Warum haben Sie nicht die Aussage des anderen Geistlichen beigebracht, der dem Einbrecher wirklich folgte und, wie anzunehmen ist, bei dem Einbruch zugegen war?«

Dr. Pym erhob sich, stützte die Fingerspitzen auf den Tisch, eine Geste, die er immer machte, wenn er von der Klarheit seiner Antworten besonders überzeugt war.

»Es ist uns gänzlich mißlungen«, sagte er, »den anderen Geistlichen aufzufinden. Er scheint sich, nachdem Kanonikus Hawkins ihn in den Dachrinnen und auf den Dächern herumklettern sah, in Luft aufgelöst zu haben. Ich bin mir vollkommen klar, daß Ihnen diese Tatsache eigentümlich erscheinen muß, jedoch nach reiflicher Überlegung muß sie, denke ich, jedem klugen Kopf ganz natürlich dünken. Dieser Herr Raymond Percy ist nach der Aussage des Herrn Kanonikus ein etwas eigentümlicher Geistlicher gewesen. Seine Beziehungen zu Englands stolzesten und vornehmsten Kreisen haben ihn anscheinend nicht gehindert, eine Vorliebe für die verkommensten Subjekte zu haben. Anderseits ist der Gefangene Smith, wie allgemein zugegeben wird, ein Mann von unwiderstehlicher Anziehungskraft. Ich hege keinen Zweifel, daß Smith den geistlichen Herrn Percy in das Verbrechen hineingezogen und ihn dann gezwungen hat, sich in der echten Verbrecherwelt zu verstecken. Das würde sein Nichterscheinen vollständig erklären und auch das Mißlingen aller unserer Versuche, ihn aufzufinden.«

»Ist es denn unmöglich, ihn aufzufinden?« fragte Moon.

»Unmöglich«, wiederholte der Kriminalpsychologe und schloß die Augen.

»Sind Sie sicher, daß es unmöglich ist?«

»Ach, hören Sie auf, Michael«, rief Gould gereizt. »Wenn es möglich gewesen wäre, hätten wir ihn gefunden, denn sicher hat er den Einbruch beobachtet. Versuchen Sie nur nicht, ihn zu finden! Suchen Sie lieber Ihren eigenen Kopf im Kehrichthaufen. Vielleicht werden Sie ihn dort nach einer Weile finden«, und er murmelte noch etwas in den Bart.

»Artur«, sagte Michael Moon und setzte sich, »seien Sie so freundlich und lesen Sie dem Gerichtshof Herrn Raymond Percy's Brief vor.«

»Da ich Herrn Moons Wunsch, das Verfahren so kurz wie möglich zu gestalten, berücksichtigen möchte«, begann Inglewood, »will ich den ersten Teil des uns gesandten Briefes nicht lesen. Es ist nur gerecht gegen die Kläger, wenn man zugibt, daß der Bericht des zweiten Geistlichen, soweit es sich um Tatsachen handelt, vollständig den Bericht des ersten Geistlichen bestätigt. Wir erkennen also die Erzählung des Herrn Kanonikus, soweit sie uns bekannt ist, an. Dieser Umstand muß für die Kläger sehr wertvoll und auch dem Gerichtshof von Nutzen sein. Ich lese also Herrn Percys Brief von der Stelle an, wo berichtet wird, daß alle drei Männer auf der Gartenmauer standen:

Als ich Hawkins auf der Mauer hin und her schwanken sah, entschloß ich mich, nicht zu schwanken. Eine Zorneswolke hüllte meinen Geist ein wie die kupferfarbene Nebelwolke, welche die Häuser und die Gärten ringsherum bedeckte. Ich faßte einen gewaltsamen und einfachen Entschluß, und doch waren die Gedanken, die mich dazu brachten, so verwickelt und so voller Widersprüche, daß ich sie mir jetzt nicht mehr ins Gedächtnis zurückrufen könnte. Ich wußte, daß Hawkins ein gütiger und harmloser Mann war, und ich hätte doch zehn Pfund für das Vergnügen gegeben, ihn mit einem Fußtritt die Straße herunterbefördern zu können. Warum der liebe Gott es zuläßt, daß gute Leute so unerhört dumm sind – dieser Gedanke erhob sich gegen mich wie eine turmhohe Blasphemie.

Ich fürchte, ich hatte in Oxford ziemlich arge künstlerische Anwandlungen, und Künstler lieben es, sich auf bestimmte Richtungen zu beschränken. Ich liebte die Kirche als hübsches Vorbild; Disziplin war bloße Dekoration. Ich hatte Freude an Zeiteinteilung und huldigte dem Fischessen am Freitag. Doch Fische aß ich gern, und diese Fastenregel wurde für die Leute gemacht, die gern Fleisch essen. Dann kam ich nach Hoxton und fand dort Menschen, die seit fünfhundert Jahren gefastet hatten; Menschen, die Fischgräten knabbern mußten, weil sie kein Fleisch bekommen konnten. In Hoxton kann man nicht konservativ sein, ohne auch ein Atheist und ein Pessimist zu werden. Niemand außer dem Teufel könnte Hoxton erhalten wollen.

Dann kam zu allem anderen Hawkins. Wenn er alle die Hoxtoner verflucht, sie in den Bann getan und ihnen gesagt hätte, daß sie auf dem Weg zur Hölle seien, so würde ich ihn vielleicht bewundert haben. Wenn er angeordnet hätte, daß alle Einwohner auf dem Marktplatz verbrannt werden sollten, so würde ich noch jene Geduld bewiesen haben, die alle guten Christen an den Tag legen, wenn anderen Leuten Unrecht geschieht. Aber Hawkins ist weder dazu geschaffen, ein Priester noch sonst etwas zu sein. Er ist genauso unfähig, ein Priester wie ein Tischler oder Droschkenkutscher wie Gärtner oder Gipsarbeiter zu sein. Er ist ein vollkommener Gentleman; das ist es eben, woran er leidet. Seinen Glauben drängt er den Leuten nicht auf, sondern einfach seine Klasse. In seiner ganzen verdammungswürdigen Ansprache ließ er kein Wort über Religion fallen. Er sagte einfach alle Dinge, die sein Bruder, der Major, auch gesagt hätte. Eine Stimme vom Himmel sagt mir, daß er einen Bruder hat und daß dieser Bruder ein Major ist.

Als dieser hilflose Aristokrat die Sauberkeit für den Körper und die Sittlichkeit für die Seele gepriesen hatte, und zwar Leuten gegenüber, die kaum die Mittel hatten, Leib und Seele zusammenzuhalten, da begann der Ansturm auf die Rednerbühne. Ich nahm an seiner unverdienten Rettung teil, ich folgte seinem geheimnisvollen Befreier, bis wir (wie ich vorhin sagte) zusammen auf der Mauer über den dunklen Gärten standen, die schon der Nebel einzuhüllen begann. Dann sah ich den Hilfsgeistlichen und den Einbrecher an, und eine jähe Erleuchtung sagte mir, daß der Einbrecher der bessere von den beiden sei. Der Einbrecher schien mindestens ebenso gütig und menschlich zu sein wie der Hilfsgeistliche – und er besaß noch Tapferkeit und Selbstvertrauen, was dem Hilfsgeistlichen fehlte. Ich wußte, daß in den oberen Klassen keine Tugend herrscht, denn ich gehöre ihnen selbst an; ich wußte, daß die unteren auch nicht viel besitzen, denn ich hatte lange Zeit darin gelebt. Viele alte Sprüche über die Verachteten und Verfolgten fielen mir ein, und ich dachte, es könnten in der Verbrecherklasse wohl Heilige verborgen sein. Ungefähr zu der Zeit, als Hawkins sich auf der Leiter herunterließ, kroch ich ein niedriges, schräges, blaues Schieferdach hinter dem großen Mann hinauf, der wie ein Gorilla vor mir hersprang.

Diese Kletterpartie dauerte nicht lange, und bald befanden wir uns auf einem breiten Weg von flachen Dächern, der breiter als manche große Verkehrsstraße war; hier und dort tauchten Schornsteine auf, die in dem Nebeldunst so massiv wie kleine Festungen aussahen. Der erstickende Nebel schien den aufwallenden und krankhaften Zorn, der meinen Geist und Körper bedrückte, noch zu steigern. Der Himmel und alle jene Dinge, die sonst klar sind, waren wie von finsteren Geistern überwältigt. Große Gespenster mit Turbanen aus Nebel überragten gleichsam Sonne und Mond und verdunkelten sie. Unklar tauchten in meiner Erinnerung die Illustrationen aus ›Tausendundeiner Nacht‹ auf, die auf braunem Papier mit satten, aber düsteren Farben Geister darstellen, wie sie sich um das Siegel Salomons sammeln. Was war übrigens das Siegel Salomons? Eigentlich hatte es wohl nichts mit Siegellack zu tun, aber meiner verwirrten Phantasie schienen die dichten Wolken schwer und zäh, wie dicke, undurchsichtige Farbe, die man siedend heiß aus Töpfen gießt, um ungeheure Embleme daraus zu stempeln.

Der erste Eindruck dieser großen mit Turbanen gekrönten Nebelgestalten war, daß sie jenes verschmierte Aussehen von Erbssuppe oder braunem Kaffee hatten, womit die Londoner den Nebel vergleichen. Aber das Bild wurde klarer, je vertrauter es mir wurde. Wir standen über den höchsten Häusern und sahen etwas von jener Substanz, Rauch genannt, die in großen Städten den seltsamen als Nebel bezeichneten Dunst erzeugt. Unter uns erhob sich ein Wald von Schornsteinen. Und in jedem Schornstein stand, als wäre es ein Blumentopf, ein kurzer Strauch oder ein hoher Baum von farbigem Dunst. Der Rauch war verschiedenfarbig; denn mal stieg er aus Schornsteinen von Wohnhäusern, mal von Fabriken und dann wieder von Schutthaufen auf. Und doch, obgleich die Schattierungen alle verschieden waren, sahen sie alle unnatürlich aus wie Dünste aus einem Hexenkessel. Es war, als ob jede der gemeinen und häßlichen Gestalten, die in dem Kessel zerflossen, ihren eigenen Dampfstrahl heraufschleuderte, der je nach dem darin sich auflösenden Fisch oder Fleisch auch entsprechend gefärbt war. Hier, zu unseren Füßen, glühten dunkelrote Wolken, als ob sie dunklen Krügen entströmten, die Opferblut enthielten; dort war der Dunst dunkel indigograu wie das lange Haar von Hexen, das in diese Höllenbrühe getaucht worden war. An einer anderen Stelle war der Rauch von einem furchtbaren, undurchsichtigen Elfenbeingelb, als sei er eine von jenen entkörperten, alten, leprakranken, wächsernen Gestalten, aber quer hindurch lief ein Streifen leuchtenden, unheilvoll aussehenden, schwefelfarbenen Grüns, so klar und schief wie arabische...«

Herr Moses Gould versuchte wieder einmal den Redefluß aufzuhalten. Sein Vorschlag ging dahin, der Vorlesende sollte das Verfahren abkürzen, indem er alle Adjektive ausließe. Frau Duke, die aufgewacht war, bemerkte, ihrer Überzeugung nach sei alles sehr hübsch, und diese Feststellung wurde von Moses mit einem blauen und von Michael mit einem roten Bleistift zu Protokoll genommen. Inglewood fuhr dann mit dem Lesen des Dokumentes fort.

»Da las ich die Schrift des Rauches. Der Rauch war wie die moderne Stadt, die ihn erzeugt; er ist nicht immer düster oder häßlich, aber er ist immer leichtfertig und eitel.

Das moderne England war wie eine Rauchwolke, die alle Farben wiedergeben, aber nichts zurücklassen konnte als einen Schmutzfleck. Es war unsere Schwäche und nicht unsere Stärke, die den Himmel mit diesen Schlacken füllte. Es waren die Ergüsse unserer Eitelkeit, die in die Luft strömten. Wir hatten den heiligen Kreis des Wirbelwindes gefaßt und auf ihn herabgesehen. Und dann hatten wir ihn als Ausguß benutzt. Es war ein treffendes Symbol von dem Aufruhr in meinem eigenen Herzen. Nur das Schlechteste von uns stieg zum Himmel auf. Nur unsere Verbrecher konnten noch wie Engel aufsteigen.

Während noch derartige Betrachtungen meine Gedanken verwirrten, blieb mein Führer an einem der großen Schornsteine stehen, welche sich in regelmäßigen Abständen gleich Laternen auf jener hohen und luftigen Straße erhoben. Er legte seine schwere Hand auf den Schornstein, und einen Augenblick dachte ich, er wolle sich nur darauf stützen, weil er von seiner steilen Kletterpartie und dem langen Laufen oben auf den Dächern erschöpft sei. Soweit ich in die von Nebel gefüllten Abgründe auf beiden Seiten sehen konnte, aus denen hin und wieder einmal verschwommenes rotbraunes und altgoldenes Licht hindurchschimmerte, befanden wir uns oben auf einer jener langen bürgerlichen Häuserreihen, die man noch hier und da in London sich über ärmere Gegenden erheben sieht: das Überbleibsel eines optimistischen Anfalls von irgendeinem ehemaligen spekulativen Baumeister. Höchstwahrscheinlich waren diese Häuser vollkommen unbewohnt oder doch nur von solchen verarmten Familien bewohnt, wie man sie auch in den alten leeren Palästen Italiens findet. In der Tat entdeckte ich ein wenig später, als sich der Nebel etwas gelichtet hatte, daß wir auf einer im Halbkreis gebauten Häuserreihe standen, der obersten von mehreren solchen Reihen, die sich terrassenartig übereinander erhoben, gleich einer gigantischen Treppe, eine Bauart, die in den exzentrisch zusammengestellten Straßen Londons nicht selten ist: sie glichen einer vorspringenden Felsenwand, die jäh ins Meer herabfällt. Aber eine Wolke versperrte die Riesentreppe noch.

Meine Betrachtungen über das mürrische Wolkengebilde wurden von einer Begebenheit unterbrochen, die so unerwartet kam, wie wenn der Mond vom Himmel gefallen wäre. Anstatt daß mein Einbrecher seine Hand von dem Schornstein, gegen den er sich lehnte, herunternahm, stützte er sich noch schwerer darauf, und der ganze Schornstein klappte um wie der Deckel eines Tintenfasses. Ich erinnerte mich der kurzen Leiter, die gegen die niedrige Mauer gelehnt stand, und ich war überzeugt, daß der Mann seinen verbrecherischen Überfall schon lange vorher geplant hatte.

Durch das Zusammenklappen des großen Schornsteins hätten meine wild durcheinanderwirbelnden Gefühle den Höhepunkt erreichen müssen, aber, offen gesagt, rief dieser Vorgang eine Empfindung von Lustigkeit, sogar von Behaglichkeit bei mir hervor. Ich konnte mich nicht besinnen, wieso diese plötzliche Einbrecherszene mich an irgendwelche drolligen und freundlichen Begebenheiten erinnerte. Dann fielen mir die entzückenden und ausgelassenen Szenen ein, die in den Possenspielen meiner Kindheit auf Dächern und Schornsteinen vor sich gegangen waren, und ich fühlte mich auf unerklärliche Weise durch ein Gefühl der Wesenlosigkeit, welches diese ganze Szene in mir hervorrief, getröstet, als wären die Häuser aus Latten und Farbe und Pappe und nur dazu da, damit Polizisten und Hanswürste darin durcheinanderwirbelten. Die Gesetzesverletzung meines Gefährten schien mir nicht nur ernsthaft entschuldbar, sondern sogar komisch entschuldbar. Wer waren alle diese pompösen protzigen Leute mit ihren Dienern und ihren Fußeisenkratzern, ihren Schornsteinen und ihren Angströhren, daß sie einen armen Hanswurst verhindern sollten, sich Würste zu holen, wenn er sie brauchte? Man könnte annehmen, daß Eigentum eine ernste Sache sei. Ich hatte gewissermaßen einen höheren Gipfel jenes Berges nebelhafter Visionen erreicht und somit auch den Himmel einer höheren Erkenntnis.

Mein Führer war in die dunkle Öffnung hineingesprungen, die durch den umgeklappten Schornstein entstanden war. Anscheinend hatte er einen ganz gehörigen Sprung gemacht; denn trotz seiner Größe war nichts mehr von ihm sichtbar als sein unheimlich zerzauster Kopf. Bei dieser Art, in die Häuser der Menschen einzudringen, stieg in mir wieder eine ferne und doch vertraute und sympathische Erinnerung auf. Ich dachte an die kleinen Schornsteinfegerjungen und die ›Wasser-Babies‹, aber dann wußte ich, daß es nicht diese waren, die mir vorschwebten. Endlich fiel mir jedoch ein, weshalb ich eine solche Gesetzesübertretung mit Ideen in Zusammenhang brachte, die ganz im Widerspruch zu der Idee des Verbrechens standen, ich dachte nämlich an Heiligabend und das Heruntersteigen des Weihnachtsmannes durch den Schornstein.

Fast in demselben Augenblick verschwand der haarige Kopf in dem schwarzen Loch, aber ich hörte eine Stimme von unten, die mir zurief. Einige Sekunden nachher erschien der struppige Kopf wieder; er hob sich von dem feurigeren Teil des Nebels dunkel ab, doch der Ausdruck seines Gesichts war nicht zu erkennen. Ich hörte nur seine Stimme, die mich aufforderte, ihm zu folgen, und es klang jene begeisterte Ungeduld heraus, wie sie nur zwischen alten Freunden herrscht. Ich sprang in den Abgrund, so blind wie Curtius, denn ich dachte noch an den Weihnachtsmann und an die traditionelle Kraft eines solchen vertikalen Eintritts.

In jedem herrschaftlichen Hause, überlegte ich, gibt es einen Vordereingang für Herrschaften und einen Nebeneingang für Boten, aber es gibt noch eine obere Tür für Götter. Der Schornstein ist gewissermaßen der unterirdische Gang zwischen Erde und Himmel. Durch diesen besternten Tunnel bringt es der Weihnachtsmann fertig – wie die Lerche –, dem Himmel und dem Nest treu zu bleiben. Doch infolge von gewissen Sitten und einem weitverbreiteten Mangel an Klettermut wurde diese Tür vielleicht wenig gebraucht. Aber diese Tür des Weihnachtsmannes war der eigentliche Vordereingang, es war die Tür zum Himmelsraum.

Daran dachte ich, als ich mich durch die finstere Mansarde oder den Boden unter dem Dach tastete und die niedrige Leiter herunterkletterte, die uns in einen darunterliegenden, noch größeren Boden führte. Doch erst als ich die Leiter zur Hälfte hinuntergestiegen war, stand ich plötzlich still und dachte einen Augenblick daran, dorthin zurückzugehen, woher ich gekommen war, wie mein Gefährte es bereits auf der Gartenmauer getan hatte. Doch brachte mich der Gedanke an den Weihnachtsmann plötzlich zur Besinnung; denn ich erinnerte mich, warum er käme und warum er willkommen wäre.

Ich bin in den besitzenden Kreisen erzogen worden und teilte darum ihren Abscheu gegen Eigentumsverletzungen. Die gewöhnlichen Denunziationen bei Diebstahl, berechtigte und unberechtigte, waren mir alle bekannt. Ich hatte die Zehn Gebote tausendmal in der Kirche gelesen. Und nun, im Alter von vierunddreißig Jahren, stand ich mitten auf einer Leiter in einem dunklen Raum und war im Begriff, einen Einbruch zu begehen. Jetzt sah ich plötzlich zum erstenmal ein, daß Diebstahl wirklich etwas Unrechtes ist.

Es war jedoch zu spät, zurückzukehren, und ich folgte den seltsam leisen Fußtritten meines riesigen Gefährten über den unteren und größeren der beiden Böden, bis mein Führer auf den bloßen Dielen niederkniete und nach einigen tastenden Versuchen eine Falltür öffnete. Ein Strahl befreiten Lichtes drang von unten hindurch, und wir schauten plötzlich in ein von einer Lampe erleuchtetes Wohnzimmer, das anscheinend neben einem Schlafgemach lag, wie man es oft in größeren Häusern findet. Das Licht, das auf diese Weise unter unseren Füßen gleich einer lautlosen Explosion hervorbrach, zeigte, daß die Falltür, die wir eben geöffnet hatten, mit Staub und Rost bedeckt war. Zweifellos war sie vor der Ankunft meines unternehmungslustigen Freundes schon lange nicht benutzt worden. Aber ich schaute nicht lange darauf; denn der Anblick des unter uns liegenden erhellten Zimmers besaß eine fast unheimliche Anziehungskraft. In ein modernes Heim von einem so seltsamen Winkel aus und durch eine so lang vergessene Tür einzutreten, bedeutet eine Epoche in der Psychologie eines Menschen. Es war, als hätte man eine vierte Dimension entdeckt.

Mein Gefährte ließ sich so plötzlich und lautlos durch die Öffnung in das Zimmer herab, daß ich nichts anderes tun konnte als ihm folgen, obwohl ich durch meine Unerfahrenheit in Verbrechen es keineswegs so lautlos machte. Ehe das Echo meiner Stiefel verhallt war, hatte sich der Einbrecher schnell der Tür genähert, die er halb öffnete, um horchend an der Treppe stehenzubleiben. Darauf kehrte er in die Mitte des Zimmers zurück und ließ die Tür hinter sich zur Hälfte offen. Seine blauen Augen glitten über die Möbel und die Ausstattung des Zimmers. Der Raum war ganz behaglich von Bücherregalen eingerahmt, in jener reichen und menschlichen Weise, welche die Wände lebendig erscheinen läßt. Es waren tiefe und volle, aber unordentliche Bücherreihen, solche, die beständig durchwühlt werden, wenn man Bücher sucht, um sie im Bett zu lesen. In einer Ecke stand einer jener vierschrötigen deutschen Kachelöfen, die wie rote Kobolde aussehen, daneben ein Nußbaumbüfett, dessen unterer Teil verschlossen war. Das Zimmer hatte drei hohe, aber schmale Fenster. Nachdem mein Einbrecher sich zum zweiten Male umgesehen hatte, erbrach er die Nußbaumtür und wühlte in dem Büfett herum. Anscheinend fand er nichts darin außer einer sehr schönen Kristallkaraffe, die offenbar Portwein enthielt. Als ich den Dieb mit dem lächerlichen kleinen Luxusgegenstand in der Hand zurückkommen sah, erwachte in mir wieder, warum weiß ich nicht, die ganze Abneigung, die ich schon oben gefühlt hatte.

›Tun Sie es nicht!‹ rief ich ganz inkonsequent. ›Der Weihnachtsmann...‹

›Ach!‹ sagte der Einbrecher, während er die Karaffe auf den Tisch stellte und mich ansah, ›den Gedanken haben Sie auch gehabt?‹

›Ich kann nicht den millionsten Teil von dem, was ich gedacht habe, ausdrücken‹, rief ich, ›aber es ist ungefähr so... ach, können Sie es nicht verstehen? Warum haben Kinder keine Angst vor dem Weihnachtsmann, obgleich er wie ein Dieb in der Nacht kommt? Ihm ist Heimlichkeit, unbefugtes Eindringen, fast möchte ich sagen, Verrat gestattet – weil er Spielzeug mitbringt. Was würden wir jedoch ihm gegenüber empfinden, wenn er etwas mitnehmen würde? Welchen Schornstein der Hölle würde der Kobold herunterkommen, der den Kindern, während sie schlafen, die Bälle und Puppen fortnimmt? Könnte eine griechische Tragödie düsterer und tragischer sein als der darauffolgende Tagesanbruch und das Erwachen? Hundedieb, Pferdedieb, Menschendieb – können Sie sich etwas Gemeineres denken als einen Spielzeugdieb?‹

Wie abwesend zog der Einbrecher einen großen Revolver aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch neben die Karaffe, aber noch immer waren seine blauen nachdenklichen Augen auf mein Gesicht gerichtet.

›Mensch!‹ sagte ich, ›jeder Diebstahl ist Spielzeugdiebstahl. Darum eben ist er so unrecht. Die Güter unglücklicher Menschenkinder sollten ihrer Wertlosigkeit wegen geachtet werden. Ich weiß, daß Naboths Weinberg ebenso angestrichen ist wie die Arche Noahs, ich weiß, daß Nathans Schaf in Wirklichkeit ein wolliges Bähschaf auf einem Holzständer ist. Deshalb könnte ich es ihnen nicht fortnehmen. Das Stehlen machte mir keine Gewissensbisse, solange ich die Dinge der Menschen als ihre Kostbarkeiten betrachte, aber ich wage nicht, die Hand auf ihre Nichtigkeiten zu legen.‹

Nach einem Augenblick des Schweigens fügte ich plötzlich hinzu: ›Nur Heilige und Weise dürften beraubt werden. Sie darf man bestehlen und plündern, aber nicht die armseligen kleinen weltlichen Leute; ihnen soll man die Dinge nicht nehmen, die ihr armseliger kleiner Stolz sind.‹

Er holte zwei Weingläser aus dem Büfett, stellte sie auf den Tisch, füllte sie beide und erhob das eine mit einem Gruß an die Lippen.

›Tun Sie es nicht!‹ rief ich. ›Es könnte die letzte Flasche von irgendeinem blöden Jahrgang sein. Der Herr dieses Hauses ist vielleicht stolz darauf. Verstehen Sie nicht, daß etwas Geheiligtes in der Torheit solcher Dinge liegt?‹

›Es ist nicht die letzte Flasche‹, antwortete mein Verbrecher ruhig; »es sind noch eine Menge im Keller.‹

›Kennen Sie denn das Haus?‹ fragte ich.

›Nur zu gut‹, erwiderte er mit einer so seltsamen Traurigkeit, daß etwas Unheimliches darin lag. ›Ich versuche andauernd das, was ich weiß, zu vergessen – und das, was ich nicht weiß, zu finden.‹ Er leerte sein Glas. ›Außerdem‹, fügte er hinzu, ›wird es ihm guttun.‹

›Was wird ihm guttun?‹

›Der Wein, den ich trinke‹, sagte der sonderbare Mann.

›Trinkt er denn zuviel?‹ fragte ich.

›Nein‹, antwortete er, ›außer, wenn ich es tue.‹

›Wollen Sie damit sagen‹, fragte ich, ›daß der Besitzer dieses Hauses alles, was Sie tun, billigt?‹

›Gott behüte‹, erwiderte er, ›aber er muß dasselbe tun wie ich.‹

Das bleiche Gesicht des Nebels sah durch alle drei Fenster herein und steigerte auf unerklärliche Weise das Gefühl des Rätselhaften und sogar des Schreckens, das diesem hohen, schmalen Hause anhaftete, in das wir vom Himmel herunter eingedrungen waren. Wieder mußte ich an gigantische Genien denken – ich bildete mir ein, daß riesige ägyptische Gesichter in dem matten Rot und Gelb der Farben Ägyptens in jedes Fenster unseres kleinen, von einer Lampe erleuchteten Zimmers hereinschauten wie auf eine erleuchtete Marionettenbühne. Mein Gefährte fuhr fort, mit dem Revolver, der vor ihm lag, zu spielen und weiter mit derselben, etwas unheimlichen Vertraulichkeit zu reden.

›Ich versuche andauernd, ihn zu finden... ihn zu überraschen. Ich komme durch Dachfenster und Falltüren herein, um ihn zu ertappen, aber immer, wenn ich ihn aufgespürt habe, tut er gerade das, was ich tue.‹

Ich sprang mit einem Angstgefühl auf. ›Da kommt jemand‹, rief ich, und mein Ruf klang wie ein Schrei.

Nicht die Treppe herauf, sondern den Korridor entlang von dem inneren Schlafzimmer (was die Sache noch beängstigender machte) näherten sich Schritte. Ich bin außerstande, zu sagen, welches Geheimnis, welch Ungeheuer oder welchen Doppelgänger ich zu sehen erwartete, als die Tür von innen aufgestoßen wurde. Nur eines weiß ich, daß ich das, was sich jetzt meinen Blicken bot, nicht zu sehen erwartet hatte.

In der offenen Tür stand, heiterste Ruhe auf den Zügen, eine ziemlich große junge Frau, in deren Wesen entschieden etwas undefinierbar Künstlerisches lag – ihr Kleid hatte die Farbe des Frühlings, und ihr Haar die der Herbstblätter. Ihr Gesicht, obgleich es noch verhältnismäßig jung war, machte den Eindruck von Intelligenz und Erfahrung. Sie sagte nur: ›Ich habe dich nicht kommen hören.‹

›Ich bin anders hereingekommen‹, sagte der alles Durchdringende etwas verlegen. ›Ich hatte meinen Hausschlüssel zu Hause liegenlassen.‹

In mir kämpfte Höflichkeit mit Wahnsinn, während ich aufstand. ›Ich muß sehr um Entschuldigung bitten‹, rief ich. ›Ich weiß, daß meine Lage eine absonderliche ist. Würden Sie so freundlich sein und mir sagen, in wessen Hause ich mich befinde?‹

›In meinem‹, sagte der Einbrecher. ›Darf ich Sie meiner Frau vorstellen?‹

Zweifelnd und zögernd setzte ich mich wieder hin und stand erst gegen Morgen auf. Frau Smith (denn so prosaisch war der Name dieses nichts weniger als prosaischen Ehepaares) blieb ein wenig bei uns und plauderte harmlos und angenehm. Sie hinterließ bei mir den Eindruck eines gewissen seltsamen Gemisches von Verschüchtertheit und Schlauheit, als ob sie die Welt gut kennte, aber immer noch ein wenig naive Angst vor ihr hätte. Vielleicht hatte der Besitz eines so sprunghaften und unberechenbaren Gatten sie etwas nervös gemacht. Jedenfalls, als sie sich wieder in das innere Gemach zurückgezogen hatte, ergoß dieser seltsame Mann bei dem immer mehr schwindenden Weine seine Apologie und Autobiographie über mich.

Er war nach Cambridge geschickt worden, um Mathematik und Naturwissenschaft zu studieren; denn er zog das Studium dieser Wissenschaften einer klassischen oder literarischen Karriere vor. Ein düsterer Nihilismus war damals die herrschende Philosophie der Hochschulen, und das erzeugte in ihm einen Konflikt zwischen Körper und Geist, in dem jedoch der Körper Sieger blieb. Während sein Verstand die dunkle Lehre annahm, rebellierte sein Körper dagegen. Wie Smith sich ausdrückte, lehrte ihn seine rechte Hand furchtbare Dinge. Wie sich jedoch die Spitzen der Cambridger Universität unglücklicherweise ausdrückten, hatte diese rechte Hand ihn gelehrt, eine geladene Waffe vor das Gesicht eines angesehenen Professors zu halten und diesen zu zwingen, aus dem Fenster zu klettern und sich an eine Dachrinne zu klammern. Er hatte es nur darum getan, weil der arme Professor theoretisch erklärt hatte, daß er das Nichtsein bevorzuge. Wegen dieser sehr unakademischen Schlußfolgerung war Smith von der Universität verwiesen worden. Angeekelt von dem Pessimismus, der vor seinem Revolver gezittert hatte, war er selber eine Art Fanatiker der Lebensfreude geworden. Er mied alle Vereinigungen ernstgerichteter Männer. Er war heiter, aber keineswegs leichtsinnig. Seine Scherze, die sich durch Taten kundgaben, waren ernster als seine in Worten ausgedrückten Scherze. Obgleich er nicht Optimist in dem Sinne war, daß er behauptete, das Leben bestände nur aus Kegelspiel und Biertrinken, schien er doch wirklich der Ansicht zu sein, daß das Kegelspiel und das Biertrinken der ernstere Teil davon sei. ›Was ist unsterblicher‹, pflegte er zu rufen, ›als Liebe und Krieg? Der Inbegriff aller Wünsche und aller Freude ist Bier, und der Inbegriff alles Kämpfens und aller Eroberungen ist Kegelspiel.‹

Es war etwas von ›Feierlichkeit‹ an ihm in dem Sinne, wie die Alten das Wort für ihre Festlichkeiten gebrauchten... wenn sie von dem ›Feiern‹ einer bloßen Maskerade oder eines Hochzeitsbanketts sprachen. Trotzdem war er ebensowenig nur ein Heide, wie er nur ein Schabernackspieler war. Seine Wunderlichkeiten entsprangen einem feststehenden Glaubensfaktum, das an und für sich mystisch und sogar kindlich und christlich war.

›Ich will es nicht abstreiten‹, sagte er, ›es muß Priester geben, welche die Menschen daran erinnern, daß sie eines Tages sterben werden. Ich meine nur, in bestimmten ungewöhnlichen Epochen braucht man eine andere Art Priester, Dichter genannt, welche die Menschen daran erinnern, daß sie noch nicht tot sind. Die Intellektuellen, mit denen ich verkehrte, waren sogar nicht einmal lebendig genug, um den Tod zu fürchten. Sie hatten nicht genug Blut in den Adern, um feige zu sein. Erst als ihnen ein Revolverlauf unter die Nase gehalten wurde, wußten sie, daß sie geboren waren. Für die Zeitalter, die auf eine unendliche Perspektive blicken, mag es wahr sein, daß das Leben ein Sterbenlernen ist. Doch für diese kleinen weißen Ratten war es ebenso wahr, daß der Tod ihnen die einzige Möglichkeit gab, leben zu lernen.‹

Sein Wunderglaube erwies sich als christlich durch diesen unfehlbaren Prüfstein: daß er fühlte, wie ihm dieser Glaube beständig entglitt, und nicht nur ihm, sondern auch den anderen. Er hatte denselben Revolver für sich, so wie Brutus es von seinem Dolche sagte. Fortwährend begab er sich durch das Erklimmen steiler Klippen oder durch halsbrecherische Eile in ungeheure Gefahren, nur um die Überzeugung in sich wachzuhalten, daß er lebe. Wie einen Schatz hütete er geringfügige und unsinnige Einzelheiten, die ihn einmal an die furchtbare, halb unbewußte Wirklichkeit erinnert hatten. Als der Dozent an der steinernen Dachrinne hing, hatte der Anblick seiner langen, baumelnden Beine, die in der Luft wie Flügel vibrierten, Smith an die krasse Ironie jener alten Definition erinnert, die den Menschen als ein zweibeiniges Tier ohne Federn bezeichnet. Der unglückliche Professor war durch seinen Kopf, den er so überkultiviert hatte, in diese Gefahr gebracht worden, und seine Beine, die er mit Kälte und Nachlässigkeit behandelt hatte, waren es, die ihn retteten. Smith fiel keine andere Art und Weise ein, die Tatsache zu melden oder festzustellen, als die an einen alten (ihm inzwischen ganz fremd gewordenen) Schulfreund gerichtete telegraphische Mitteilung, er habe eben ein Menschenskind mit zwei Beinen gesehen, und dieses Menschenskind lebe.

Das Hervorbrechen seines befreiten Optimismus sprühte Funken wie eine Rakete, als er sich plötzlich verliebte. Es war, als er zufällig mit seinem Paddelboot durch eine große und reißende Stromschnelle schoß, um sich selbst den Beweis zu geben, daß er lebe, bald aber hätte er allen Grund gehabt, an dem Fortbestand dieser Tatsache zu zweifeln. Schlimmer jedoch war die Entdeckung, daß er eine unschuldige Dame, die allein in einem Ruderboot saß, in gleicher Weise gefährdet hatte, und zwar eine, die durch keine Beteuerungen philosophischer Negation den Tod herausgefordert hatte. Keuchend stotterte er Entschuldigungen, während er hastig und durchnäßt sich bemühte, sie ans Ufer zu bringen, und als es ihm endlich gelungen war, scheint er ihr einen Heiratsantrag gemacht zu haben. Jedenfalls, mit derselben Impulsivität, mit der er sie fast ermordet hätte, heiratete er sie; es war die Dame in Grün, zu der ich soeben gute Nacht gesagt hatte.

Sie hatten sich in einer jener hohen schmalen Villen in der Nähe von Highbury häuslich niedergelassen. Vielleicht ist das kaum der richtige Ausdruck dafür. Denn man konnte zwar mit Recht sagen, daß Smith verheiratet war, daß er sehr glücklich verheiratet war, daß er sich aus keiner andern Frau als aus seiner eigenen etwas machte, daß er sich aus keinem anderen Ort als aus seinem Heim etwas machte, aber man konnte eigentlich kaum sagen, daß er sich häuslich niedergelassen hatte. ›Ich bin ein sehr häuslicher Mensch‹, erklärte er ernst, ›oft habe ich schon ein Fenster eingeschlagen, nur um zur Zeit zum Tee zu kommen.‹

Er rüttelte seine Seele durch Lachen auf, damit sie nicht einschliefe. Seine Frau wurde durch ihn um eine Menge ausgezeichneter Dienstmädchen gebracht, weil er an seiner eigenen Tür wie ein ganz Fremder klingelte und fragte, ob ein Herr Smith dort wohne und was es eigentlich für ein Mann sei. Das Durchschnittsdienstmädchen ist nicht gewohnt, daß sich der Herr solche transzendentale Ironien gestattet, und es erwies sich als unmöglich, ihr klarzumachen, daß er es nur tat, um dasselbe Interesse für seine eigenen Angelegenheiten in sich zu erwecken, das er immer für die der anderen empfand.

›Ich weiß wohl, daß in einem der hohen Häuser in dieser Terrasse ein Herr Smith wohnt‹, sagte er in seiner etwas eigentümlichen Art. ›Ich weiß, daß er wirklich glücklich ist, und doch kann ich ihn nie dabei ertappen.‹

Es kam vor, daß er plötzlich seine Frau mit einer so eingeschüchterten Höflichkeit behandelte, als wäre er ein fremder junger Mann, der sich auf den ersten Blick in sie verliebt hatte. Es geschah sogar, daß er diese romantische Ängstlichkeit bis auf die Möbel ausdehnte; er schien sich bei dem Stuhl, auf den er sich setzte, zu entschuldigen und stieg die Treppe so vorsichtig empor wie ein Bergsteiger, um das Gefühl ihrer skelettartigen Wirklichkeit von neuem zu erfahren. Jede Treppe ist eine Leiter und jeder Stuhl ein Bein, sagte er. Ein anderes Mal spielte er den Fremden im entgegengesetzten Sinn und betrat das Haus auf einem ganz ungewohnten Weg, um sich wie ein Dieb oder ein Räuber vorzukommen. Dann brach er gewaltsam in sein eigenes Heim ein, so wie er es diese Nacht in meiner Gegenwart getan hatte. Erst kurz vor Tagesanbruch konnte ich mich den sonderbaren vertraulichen Mitteilungen des Mannes, der nicht sterben wollte, entziehen, und als ich mich von ihm vor dem Hause verabschiedete, verteilte sich der letzte Nebel, und die ersten Sonnenstrahlen zeigten die treppenartigen, unregelmäßigen Straßenreihen, die den Eindruck machten, als sei man am Ende der Welt.

Diese Erzählung wird bei den meisten Menschen die Überzeugung hervorrufen, ich hätte die Nacht mit einem Wahnsinnigen verbracht. Welche andere Bezeichnung – werden sie sagen – könnte man für ein solches Wesen gebrauchen. Für einen Mann, der, um sich zu erinnern, daß er verheiratet ist, so tut, als sei er nicht verheiratet! Für einen Mann, der sich bemüht, seine eigenen Sachen zu begehren, anstatt die seines Nachbars! Hierüber möchte ich noch ein Wort hinzufügen – ich betrachte es als Ehrensache, dieses Wort zu sagen, obgleich niemand es begreifen wird. Ich glaube, der Wahnsinnige war einer von denen, die nicht bloß kommen, sondern gesandt werden, gesandt wie ein großer Sturm auf hoher See von ›Dem, der Seine Engel zu Winden und Seine Diener zu Feuerflammen‹ macht. Eines wenigstens weiß ich bestimmt. Ob solche Menschen gelacht oder geweint haben, wir haben über ihr Lachen gelacht ebenso wie über ihr Weinen. Ob sie die Welt verfluchten oder segneten, sie paßten nie hinein. Es steht fest, daß die Menschen vor dem Stachel eines großen Satirikers so zurückschrecken wie vor dem Stachel einer Natter. Aber es steht ebenso fest, daß die Menschen vor der Umarmung eines Optimisten ebenso eilig die Flucht ergreifen wie vor der eines Bären. Nichts ruft mehr Flüche auf das Haupt eines Menschen herab als ein wirklicher Segen. Denn das Gute der guten Dinge sowie das Schlechte der schlechten Dinge ist ein nicht in Worte auszudrückendes Wunder; man kann es sich eher bildlich als wörtlich vorstellen. Wir werden tiefer als die tiefsten Tiefen des Himmels hinabsteigen und älter als die ältesten Engel werden, ehe wir die ersten schwachen Vibrationen von der ewigen Gewalt jener doppelten Leidenschaft empfinden, mit welcher Gott die Welt haßt und liebt.

Mit vorzüglicher Hochachtung
Raymond Percy.«

»Ach, heilig, heilig, heilig!« rief Herr Moses Gould.

Als Moses sprach, wußten die anderen sofort, daß sie sich in einem fast religiösen Zustand der Ergebung und Zustimmung befunden hatten. Etwas hatte sie alle miteinander verbunden, etwas in der geheiligten Tradition der letzten beiden Worte des Briefes, auch etwas in der rührenden und knabenhaften Verlegenheit, mit welcher Inglewood sie vorgelesen hatte – denn er hatte die ganze dünnhäutige Ehrfurcht des Agnostikers. Moses Gould war in seiner Art der beste Kerl der Welt, er war viel gütiger gegen seine Familie als gebildetere Männer der Gesellschaft, schlicht und treu in seiner Bewunderung, ein durch und durch gesundes Tier und ein durch und durch aufrichtiger Charakter. Aber immer, wo es einen Konflikt gibt, entstehen Krisen, in welchen jede Seele unbewußt – handele es sich um ein Individuum oder um eine Rasse – der Welt das unangenehmste ihrer hundert Gesichter zeigt. Englische Ehrfurcht, irischer Mystizismus, amerikanischer Idealismus blickten auf und sahen auf dem Gesicht von Moses ein gewisses Lächeln. Es war das Lächeln des triumphierenden Zynikers, welches das Alarmsignal für manchen grausamen Aufstand in russischen Dörfern oder mittelalterlichen Städten gewesen ist.

»Oh, heilig, heilig, heilig!« rief Moses Gould.

Als er merkte, daß dieser Ausruf keine sehr gute Aufnahme fand, erklärte er weiter, während sich auf seinem dunklen Gesicht immer mehr Ausgelassenheit ausprägte:

»Es macht doch Spaß, zu sehen, wie einer eine Wespe schluckt, während er eine Fliege heraushustet«, sagte er liebenswürdig. »Seht ihr nicht, daß ihr jetzt euren alten Smith erst recht hineingelegt habt? Wenn diese Geschichte des Pfarrers stimmt, ist Smith ein ganz gefährlicher Bursche. Ja, ein ganz gefährlicher Bursche! Wir ertappen ihn dabei, wie er mit Fräulein Gray (alle Achtung!) in einer Droschke durchgehen will. Was ist nun mit dieser Frau Smith, von der der Hilfsgeistliche erzählt, mit ihrer verdammten Schüchternheit... die sich in eine verdammte Schlauheit verwandelte? Fräulein Gray ist nicht sehr schlau gewesen, aber ich denke mir, daß sie nun ziemlich verschüchtert sein wird.«

»Seien Sie nicht so brutal«, brummte Michael Moon.

Niemand wagte Mary anzusehen, aber Inglewood warf einen Blick über den Tisch auf Innozenz Smith. Dieser saß noch über sein Papierspielzeug gebeugt, und auf seiner Stirn lag eine Falte, die durch Sorge oder Scham entstanden sein konnte. Sorgsam holte er eine Ecke aus einem Papierschiff heraus und steckte sie irgendwo anders hinein, dann verschwand die Falte von seiner Stirn, und er sah erleichtert aus.

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