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Gilbert Keith Chesterton: Menschenskind - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorGilbert Keith Chesterton
titleMenschenskind
publisherVerlag Herder KG
translatorN. Collin
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Zweiter Teil: Innozenz Smiths Erklärung

Das Auge des Todes oder die Mordanklage

Das Eßzimmer von Dukes war für die Sitzung des Gerichtshofes von Leuchtfeuer mit einem gewissen improvisierten Pomp hergerichtet worden, durch den die Gemütlichkeit des Raumes merkwürdigerweise erhöht worden war. Das große Zimmer war in kleinere Räume geteilt, und zwar durch halbhohe Trennungswände, daß heißt ungefähr so, wie Kinder es machen, wenn sie Kaufladen spielen. Diese Teilung hatten Moses Gould und Michael Moon (die beiden tätigsten Mitglieder dieser bemerkenswerten Untersuchung) mit dem gewöhnlichen Mobiliar des Zimmers ausgeführt. An dem einen Ende des langen Mahagonitisches stand der gewaltige Gartenstuhl und darüber war das alte zerrissene Zelt oder der Schirm gespannt, den Smith selbst als Krönungsbaldachin vorgeschlagen hatte. Unter diesem Aufbau konnte man die untersetzte Gestalt von Frau Duke sehen, von Kissen gestützt und mit einem Gesicht, das bereits den nahenden Schlummer anzeigte. Am anderen Ende saß der Angeklagte Smith auf einer Art Anklagebank, denn er war sorgfältig ringsherum eingeschlossen, und zwar von leichten Schlafzimmerstühlen, von denen er jeden mit dem großen Zeh aus dem Fenster hätte schleudern können. Smith war mit Federn und Papier versehen worden, aber aus dem Papier machte er während der ganzen Verhandlung wie ein zufriedenes Kind Papierboote, Papierpfeile und Papierpuppen. Die ganze Zeit über sprach er kein Wort und sah auch nicht auf, sondern schien so unbewußt wie ein Kind, das man auf den Fußboden eines leeren Kinderzimmers zum Spielen hingesetzt hat.

Auf einer Reihe von Stühlen, die, um sie zu erhöhen, auf ein langes Sofa gestellt waren, saßen die drei jungen Damen mit dem Rücken gegen das Fenster, Mary Gray in der Mitte. Diese Sitze machten den Eindruck, ein Zwischending zu sein zwischen einer Geschworenenbank und der Loge der Königin der Schönheit bei einem Turnier. Moon hatte den langen Tisch von oben bis unten durch eine niedrige Barriere geteilt, die er aus acht gebundenen Exemplaren der Monatsschrift »Gute Worte« gemacht hatte, um die moralische Mauer darzustellen, welche die streitenden Parteien trennte. Rechts saßen die beiden Vertreter der Anklage, Dr. Pym und Dr. Gould, hinter einer Barrikade von Büchern und Akten, die hauptsächlich (wenigstens was Dr. Pym betraf), aus dicken Bänden über die Kriminalpsychologie bestanden. Auf der anderen Seite saßen Moon und Inglewood als Verteidiger, ebenfalls hinter einer Festung aus Büchern und Papieren verschanzt; aber da mehrere vergilbte Bände von Ouida und Sherlock Holmes darunter waren, schien Herr Moon eine weniger sorgfältige und etwas großzügigere Wahl getroffen zu haben. Was das Opfer und den Kläger selbst betraf, daß heißt Dr. Warner, so war es ursprünglich Moons Wunsch gewesen, ihn vollkommen unsichtbar hinter einem hohen Wandschirm in der Ecke zu halten; denn er behauptete, es würde unzart sein, wenn er bei Gericht erschiene, jedoch heimlich erteilte er ihm die unoffizielle Erlaubnis, dann und wann über den Schirm zu spähen. Dr. Warner konnte aber nicht das nötige Verständnis für soviel Zartgefühl aufbringen, und nach einer kleinen Störung und Diskussion wurde ihm ein Sitz auf der rechten Seite des Tisches angewiesen, in einer Reihe mit den Vertretern der Anklage.

Vor diesem festbegründeten Gericht erhob sich nun Dr. Cyrus Pym, nachdem er sich die honigfarbenen Haare von den Ohren zurückgestrichen hatte, um mit der Untersuchung zu beginnen. Seine Darlegung war klar und sogar sachlich, und solche Abweichungen, wie sie vorkamen, wenn er seine bilderreiche Sprache anwandte, fielen nur durch eine gewisse undefinierbare Abgerissenheit auf, die bei der mit Floskeln geschmückten amerikanischen Sprache nicht selten ist.

Dr. Pym stützte die Spitzen seiner dünnen Finger auf den Mahagonitisch, schloß die Augen und öffnete den Mund. »Die Zeit ist vorbei«, begann er, »wo man einen Mord als eine sittliche und individuelle Handlung ansehen konnte, wichtig vielleicht für den Mörder, vielleicht für den Ermordeten. Die Wissenschaft hat unsere Ansichten stark...«, hier hielt er inne, balancierte seinen zusammengepreßten Zeigefinger und Daumen in der Luft, als hielte er eine Idee, die ihm sonst entschlüpft wäre, sehr fest am Schwanze, kniff die Augen zusammen, sagte »gemildert« und ließ sie laufen..., »hat unsere Ansichten über den Tod stark gemildert. In abergläubischen Jahrhunderten betrachtete man ihn als eine Beendigung des Lebens, als katastrophal, ja sogar tragisch, und er wurde oft mit ernster Feierlichkeit umgeben. Die Dämmerung lichterer Tage bricht jedoch an, und wir erblicken jetzt in dem Tod etwas Universelles und Unvermeidliches, einen Teil jenes großen seelenerschütternden und herzerhebenden Vorganges, den wir der Bequemlichkeit halber Naturordnung nennen. Auf dieselbe Weise sind wir dazugekommen, den Mord ›sozial‹ zu betrachten. Könnten wir uns über die bloßen Privatgefühle eines Menschen stellen, der durch Gewalt seines Lebens beraubt wird, so würden wir das Vorrecht genießen, den Mord als ein mächtiges Ganzes zu betrachten, als den gewaltigen Kreislauf des Kosmos, der, ebenso wie er die goldenen Ernten und die goldbärtigen Schnitter bringt, auch die ewige Wiederkehr des Erschlagers und des Erschlagenen.«

Er sah nieder, und von seiner eigenen Beredsamkeit etwas gerührt, hüstelte er leicht, hob vier seiner spitzen Finger mit den vornehmen Manieren des Bostoners in die Höhe und fuhr fort: »Nur ein Ergebnis dieses glücklicheren und menschlicheren Standpunktes betrifft diesen unglücklichen Mann vor uns, nämlich jenes Ergebnis, das ein Milwaukeer Arzt, unser großer geheimniserratender Dr. Sonnenschein, in seinem großen Werk ›Der zerstörende Typus‹ gründlich erläutert hat. Wir klagen Smith nicht als einen Mörder, sondern als einen mit mörderischen Trieben behafteten Mann an. Sein Typus gehört zu denen, die allein schon durch ihr Dasein, ich möchte sogar sagen, selbst durch ihre Gesundheit, tötend wirken. Manche sind der Ansicht, daß dieser Typ, richtig gesagt, keine Abweichung ist, sondern ein neues und sogar höheres Geschöpf. Mein lieber alter Freund, Dr. Bulger, der Frettchen hielt...« (hier stieß Moon plötzlich ein lautes »Hurra!« aus, aber er nahm wieder so schnell seinen ernsten Ausdruck an, daß Frau Duke nach dem Urheber dieses Lautes überall umherspähte und nur ihn nicht vermutete) ... Dr. Pym fuhr mit etwas strenger Miene fort: »... welcher im Interesse der Wissenschaft Frettchen hielt, war der Ansicht, daß die Bissigkeit und Wildheit dieser Tiere nicht militärisch sind, sondern absolut ihren Endzweck in sich selbst haben. Wie es sich damit auch immer bei den Frettchen verhalten mag, bei diesem Gefangenen ist es sicher der Fall. Die typische Gerissenheit eines Verrückten können Sie in seinen anderen Missetaten erkennen; hingegen haben seine Mordversuche immer die Einfachheit der gesunden Vernunft. Aber es ist die furchtbare Vernunft der Sonne und der Elemente... eine grausame, eine böse Vernunft. Ebensowenig wie man die in Regenbogenfarben schillernden Katarakte in unserem jungfräulichen Westen eindämmen kann, ebensowenig kann man die Naturkraft, die ihn zum Erschlagen hinausschickt, hemmen. Keine Umgebung, und sei sie auch noch so wissenschaftlich, hätte diese Neigungen in ihm mildern können. Bringt diesen Mann in die stille Reinheit des bleichsten Klosters, und er wird doch irgendeine Gewalttat mit dem Bischofsstab und der Albe vollbringen. Zieht ihn in einer glücklichen Kinderstube auf, zwischen unseren braven, unschuldigen, angelsächsischen Kindern, und er wird doch eine Gelegenheit finden, mit dem Springseil zu erwürgen oder mit den Bauklötzen zu erschlagen. Die Umstände mögen noch so günstig sein, die Erziehung noch so wunderbar und die Hoffnungen noch so verheißungsvoll, die gewaltige elementare Gier von Innozenz Smith nach Blut wird zu ihrer festgesetzen Zeit wie eine gut abgepaßte Bombe alles zersprengen.«

Einen Augenblick sah Artur Inglewood neugierig das große Geschöpf am Ende des Tisches an, das einer Papierpuppe einen Dreispitz aus Papier aufsetzte, und dann blickte er wieder zu Dr. Pym zurück, der in einem ruhigeren Ton seine Rede beschloß.

»Uns bleibt also nur«, sagte er, »tatsächliche Beweise seiner früheren Mordversuche vorzubringen. Durch ein mit dem Gerichtshof und den Verteidigern bereits getroffenes Abkommen ist es uns gestattet, authentische Briefe von Zeugen dieser Szenen vorzuzeigen, und der Verteidigung steht es frei, diese Briefe zu prüfen. Von mehreren solcher gewalttätigen Fälle haben wir beschlossen, einen... den unwiderlegbarsten und skandalösesten herauszugreifen. Ohne weiteren Zeitverlust will ich deshalb meinen jüngeren Herrn Kollegen, Herrn Gould, bitten, zwei Briefe vorzulesen – der eine ist von dem Unterkustos und der andere von dem Pförtner des Brakespeare College in Cambridge.«

Wie ein Springteufel schnellte Gould in die Höhe, er hielt ein akademisch aussehendes Papier in der Hand, und fieberhafte Wichtigkeit lag auf seinem Gesicht. Mit lauter, hoher, schriller Stimme, die so jäh abriß, wie das Krähen eines Hahnes, begann er vorzulesen:

»Geehrter Herr! – Ich bin der Unterkustos des Brakespeare College in Cambridge...«

»Gott sei uns gnädig«, murmelte Moon, mit einer plötzlichen Bewegung nach rückwärts, wie einer, der vor dem Knall eines abgefeuerten Gewehrs zurückweicht.

»Ich bin der Unterkustos des Brakespeare College in Cambridge«, verkündete der unerbittliche Moses, »und ich kann die Beschreibung bestätigen, die Sie in bezug auf den unglücklichen Smith machten. – Es war nicht nur meine traurige Pflicht, ihm öfter wegen vieler harmloser Gewalttätigkeiten während seiner Studentenzeit einen Verweis zu erteilen, sondern ich war tatsächlich Zeuge seiner letzten groben Missetat, die diese Zeit abschloß. Ich ging zufällig an dem Hause meines Freundes, des Kustos vom Brakespeare College, vorbei. Dieses Haus ist mit dem College zum Teil verbunden, und zwar durch zwei oder drei sehr alte Gewölbebrücken oder Stützsäulen, die über einen in den Fluß mündenden Wasserarm führen. Zu meinem großen Erstaunen sah ich, wie mein verehrter Freund in der Luft hing und sich an eine jener Säulen anklammerte, und an seinem Gesicht und seiner Haltung konnte man deutlich merken, daß er die schlimmsten Befürchtungen für sein Leben hegte. Nach kurzer Zeit hörte ich zwei sehr laute Schüsse und sah deutlich, wie der unglückliche Student Smith sich weit aus dem Fenster der Kustoswohnung lehnte und wiederholt mit einem Revolver auf den Kustos zielte. Als Smith mich sah, brach er in lautes Gelächter aus (aus dem Frechheit ebenso wie Verrücktheit klang) und schien von seinem Plan abzulassen. Ich schickte den Pförtner nach einer Leiter, und es gelang mir, den Herrn Kustos aus seiner peinlichen Lage zu befreien. Smith wurde aus der Universität verwiesen. Die Photographie, die ich beilege, ist der Gruppe der Preisschützen von dem Schützenverein der Universität entnommen und zeigt Smith als Student der Universität.

Ihr ganz ergebener Arnos Boulter.«

»Der andere Brief«, fuhr Gould mit glühendem Triumph fort, »ist von dem Pförtner und ist sehr schnell vorgelesen:

Sehr geehrter Herr, – – Es entspricht vollkommen der Wahrheit, daß ich der Pförtner des Brakespeare College bin und daß ich dem Herrn Kustos herunterhalf, als der junge Mann nach ihm schoß, wie Herr Boulter es in seinem Brief aussagt. Dieser junge Mann war Herr Smith, derselbe, dessen Photographie Herr Boulter Ihnen schickt. – – –

Ihr ergebenster Samuel Barker.«

Gould reichte die beiden Briefe Moon hinüber, der sie prüfte und feststellte, daß Gould sie beide dem Wortlaut getreu vorgelesen hatte. Man merkte den beiden Schreiben an, daß sie echt waren. Moon schob sie Inglewood herüber, der sie Moses Gould schweigend zurückgab.

»Was nun die erste Anklage wegen fortgesetzten Mordversuches betrifft,« sagte Dr. Pym und stand zum letzten Male auf, »so ist das meine Angelegenheit.«

Michael Moon erhob sich, um die Verteidigungsrede zu halten, aber er sah so deprimiert aus, daß die Freunde des Gefangenen von vornherein wenig Hoffnung hatten. Wie er sagte, beabsichtigte er nicht, dem Beispiel des Doktors zu folgen und so abstrakte Fragen zu erörtern. »Ich weiß nicht genug, um ein Agnostiker zu sein«, sagte er ziemlich müde, »ich beherrsche nur die bekannten und anerkannten elementaren Grundlagen solcher wissenschaftlichen Streitfragen. Was die Wissenschaft und die Religion anbetrifft, so sind die bekannten und anerkannten Tatsachen recht wenige und klar genug. Alles, was die Prediger sagen, ist unbewiesen. Alles, was die Ärzte sagen, ist widerlegt. Das ist der einzige Unterschied, der jemals zwischen der Wissenschaft und der Religion bestanden hat oder je bestehen wird. Und doch bewegen mich, ich weiß nicht wieso, diese neuen Entdeckungen«, sagte er und sah kummervoll auf seine Stiefel. »Sie erinnern mich an meine liebe alte Großtante, die sich in ihrer Jugend daran zu erfreuen pflegte. Es treibt mir die Tränen in die Augen. Ich kann noch den alten Eimer am Gartenzaun sehen und die Reihe schimmernder Pappeln dahinter...«

»Stop! Anhalten! Anhalten!« rief Moses Gould und sprang so erregt auf, daß man erwartete, er würde gleich in Schweiß ausbrechen. »Wir wollen schon der Verteidigung freien Spielraum geben, wie es Gentlemen untereinander tun, wissen Sie, aber jeder Gentleman würde gegen schimmernde Pappeln ein Veto einlegen.«

»Ach was, verdammt noch einmal!« sagte Moon mit beleidigter Miene, »wenn Dr. Pym einen alten Freund mit Frettchen haben kann, weshalb soll ich nicht eine alte Tante mit Pappeln haben?«

»Ich bin der Meinung«, sagte Frau Duke gereizt und bemühte sich, eine Autorität, wenn es auch eine wackelige war, zur Schau zu tragen, »daß Herr Moon so viel Tanten haben darf, wie es ihm beliebt.«

»Ja, ›beliebt‹, aber was das Lieben anbetrifft...«, begann Moon, »ich... aber vielleicht gehört sie wirklich kaum hierher. Ich wiederhole, ich beabsichtige nicht, diesen abstrakten Spitzfindigkeiten zu folgen; denn in der Tat, meine Antwort an Dr. Pym ist einfach und streng konkret. Dr. Pym hat nur eine Seite der Psychologie des Mörders behandelt. Wenn es wirklich Menschen gibt, die einen natürlichen Trieb zum Morden haben, ist es nicht ebenso wahr...«, hier senkte er seine Stimme und sprach mit erdrückender Ruhe und Ernsthaftigkeit, »ist es nicht ebenso wahr, daß es Menschen gibt, die einen natürlichen Trieb haben, ermordet zu werden? Könnte man nicht die Hypothese ins Auge fassen, daß Dr. Warner ein solcher Mann ist? Meine Worte stützen sich ebenfalls auf ein Buch, wie die meines gelehrten Freundes. Diese ganze Frage ist in Dr. Mondenscheins monumentalem Werk: ›Der zerstörbare Doktor‹ behandelt worden. Dieses Buch enthält Tafeln mit Darstellungen der verschiedenen Mittel, durch welche jemand wie Dr. Warner in seine Elemente aufgelöst werden kann. Im Lichte dieser Feststellungen...«

»Stop! Anhalten! Anhalten!« rief Moses, der aufgesprungen war und in großer Erregung gestikulierte. »Mein Chef hat etwas zu sagen. Mein Chef will auch ein bißchen sprechen.«

Dr. Pym war in der Tat aufgestanden und sah bleich und etwas bissig aus. »Ich habe mich aufs gewissenhafteste auf Bücher beschränkt«, sagte er näselnd, »in denen man meine Feststellungen sofort bestätigt finden kann. Sonnenscheins Werk ›Der zerstörende Typ‹ liegt hier auf dem Tisch, falls die Verteidigung es zu sehen wünscht. Wo ist dieses prachtvolle Werk von der Zerstörbarkeit, von dem Herr Moon spricht? Existiert es? Kann er es beschaffen?«

»Es beschaffen?« rief der Ire mit köstlichem Hohn: »Ich kann es in acht Tagen beschaffen, wenn Sie die Tinte und das Papier bezahlen wollen.«

»Würde es eine Autorität sein?« fragte Pym und setzte sich.

»Oh, Autorität!« sagte Moon leichthin, »das hängt von der Religion eines Menschen ab.«

Dr. Pym sprang wieder auf. »Unsere Autorität ist auf eine Menge genauer Einzelheiten gegründet«, sagte er. »Sie behandelt ein Gebiet, in dem Dinge gehandhabt und geprüft werden können. Mein Gegner wird wenigstens zugeben, daß der Tod eine Tatsache ist, die auf Erfahrung beruht.«

»Nicht auf meiner«, sagte Moon und schüttelte kummervoll den Kopf, »in meinem ganzen Leben habe ich diese Erfahrung nicht gemacht.«

»Aber das ist die Höhe«, sagte Dr. Pym und setzte sich so energisch hin, daß alle Papiere knisterten.

»Da sehen wir also«, fuhr Moon mit derselben melancholischen Stimme fort, »daß ein Mann wie Dr. Warner durch das geheimnisvolle Wirken der Evolution zu solchen Angriffen verurteilt ist. Der Überfall meines Klienten, wenn er überhaupt stattgefunden hat, ist kein Einzelfall. Ich besitze Briefe von mehr als einem Bekannten Dr. Warners, auf die dieser merkwürdige Mann in der gleichen Weise gewirkt hat. Nach dem Beispiel meiner gelehrten Freunde will ich nur zwei dieser Schreiben vorlesen. Das erste ist von einer ehrenwerten und fleißigen Matrone, die in der Nähe der Harrow-Straße wohnt:

Herrn Moon. Geehrter Herr!...
Ja, ich habe einen Kochtopf auf ihm geworfen. Und wenn schon? Es war allens, was ich zu werfen hatte; denn alle die weichen Dinge hatte ich gerade versetzt. Und wenn es Ihrem Dr. Warner nicht paßt, daß man ihm mit Kochtöpfen schmeißt, dann sagen Sie ihm, er soll den Hut nicht auf dem Kopf behalten in der guten Stube von eine ehrenwerte Dame, und dann soll er nicht grienen, und wenn er grient, dann soll er auch sagen, warum.

Mit Hochachtung Hannah Miles

Der andere Brief ist von einem ziemlich bekannten Arzt aus Dublin, mit dem Dr. Warner einmal eine Konsultation hatte. Er schrieb folgendes:

Sehr geehrter Herr!...
Den von Ihnen erwähnten Vorfall bedauere ich lebhaft, und er gehört zu den Dingen, die ich mir niemals werde erklären können. Ich bin selbst kein Nervenarzt, und es wäre mir darum sehr angenehm, die Ansicht eines Nervenspezialisten über meine eigentümliche, nur einen Augenblick dauernde und in der Tat fast automatische Handlung zu hören. Wenn ich sage, daß ich an Dr. Warners Nase gezupft habe, bin ich ungenau, und es erscheint mir äußerst wichtig, die richtige Bezeichnung für meine Tat anzugeben. Daß ich seine Nase mit der Faust bearbeitete, muß ich mit Vergnügen zugeben (ich brauche nicht ›mit Bedauern‹ zu sagen). ›Zupfen‹ erscheint mir eine Präzision der Handlungsweise und eine Genauigkeit des Zielens vorauszusetzen, die ich mir nicht vorwerfen kann. Im Vergleich zum Zupfen war der Faustschlag eine äußere, nur eine Sekunde dauernde und sogar natürliche Geste.

Mit vorzüglicher Hochachtung
Burton Lestrange.

Ich habe zahlreiche andere Briefe«, fuhr Moon fort, »die alle bekunden, daß dieses Gefühl meinem bedeutenden Freund gegenüber ein weitverbreitetes ist. Und deshalb bin ich der Meinung, Dr. Pym hätte diese Seite der Frage in seinem Überblick in Betracht ziehen sollen. Wie Dr. Pym so richtig sagt, stehen wir einer natürlichen Kraft gegenüber. So zwecklos es sein würde, zu versuchen, die Wolkenbrüche Londons anzuhalten, ebenso zwecklos wäre es, zu versuchen, den mächtigen Trieb Dr. Warners, von jemand ermordet zu werden, zu hemmen. Stellte man diesen Mann in eine Quäkerversammlung zwischen die friedlichsten Christen, würde er sofort mit Schokoladestangen zu Tode geprügelt werden. Stellte man ihn zwischen die Engel von Neu-Jerusalem, so würde er mit Edelsteinen gesteinigt werden. Die Umstände mögen noch so schön und wundervoll sein, der Vorgang noch so herzerhebend, der Schnitter noch so goldbärtig, der Doktor noch so gut Geheimnisse erraten können, die Kaskaden in noch so schönen Regenbogenfarben schillern, das angelsächsische Kind mag noch so brav und unschuldig sein, aber trotz aller dieser Wundergeschöpfe wird der gewaltige elementare Trieb Dr. Warners, ermordet zu werden, unbeirrt seinen Weg nehmen, bis er schließlich glücklich über alles triumphiert.«

Den Schluß seiner Rede trug er anscheinend mit großer Bewegung vor. Aber eine noch größere Bewegung machte sich an der anderen Seite des Tisches bemerkbar. Dr. Warner hatte sich in seiner ganzen Breite über die kleine Gestalt von Moses Gould gelehnt und flüsterte erregt mit Dr. Pym. Dieser Sachverständige nickte häufig, dann sprang er auf, und ein Ausdruck tiefen Ernstes prägte sich auf seinem Gesicht aus.

»Meine Damen und Herren«, rief er entrüstet, »wie mein Kollege vorhin sagte, würden wir uns außerordentlich freuen, der Verteidigung gegenüber Weitherzigkeit zu zeigen... wenn es überhaupt eine Verteidigung wäre. Aber Herr Moon scheint zu denken, daß er hier ist, um Witze zu machen... es mögen sehr gute Witze sein, aber sie sind keineswegs geeignet, seinem Klienten von Nutzen zu sein. Er reißt die Wissenschaft herunter. Er reißt die gesellschaftliche Beliebtheit meines Klienten herunter. Er reißt meinen literarischen Stil herunter, weil er nicht nach seinem hochstehenden europäischen Geschmack zu sein scheint. Aber inwiefern hat dieses Herunterreißen einen Einfluß auf das Endergebnis? Dieser Smith hat zweimal den Hut meines Klienten heruntergerissen, und hätte er um ein paar Zentimeter besser gezielt, so hätte er ihm auch den Kopf heruntergerissen. Alle Witze der Welt können das, was er angerichtet hat, nicht wiedergutmachen oder der Verteidigung von irgendeinem Nutzen sein.«

Inglewood sah etwas verlegen nieder, als wäre er von der offensichtlichen Richtigkeit dieser Worte getroffen, aber Moon starrte seinen Gegner weiter träumerisch an. »Die Verteidigung?« sagte er, wie abwesend, »... ach, damit habe ich noch gar nicht begonnen.«

»Nein, das kann man wohl sagen«, sagte Pym erregt unter dem Beifallsgemurmel seiner Anhänger, auf das die andere Partei unmöglich etwas erwidern konnte. »Vielleicht, wenn Sie etwas zur Verteidigung Ihres Klienten vorzubringen hätten, was von Anfang an zweifelhaft gewesen ist...«

»Solange Sie noch stehen«, meinte Moon, in derselben, fast schläfrigen Weise, »könnte ich vielleicht eine Frage an Sie richten.«

»Eine Frage? Gewiß«, sagte Pym steif. »Es war zwischen uns ausdrücklich verabredet worden, daß, da wir die Zeugen nicht verhören können, wir nach Belieben Fragen aneinander stellen dürfen. Wir sind in der Lage, auf alle Fragen eingehen zu können.«

»Ich glaube, Sie sagten«, bemerkte Moon zerstreut, »keiner der Schüsse, die der Gefangene auf den Doktor abfeuerte, hätte ihn getroffen.«

»Im Interesse der Wissenschaft«, rief Pym wohlgefällig, »glücklicherweise nicht.«

»Doch waren sie nur aus einem knappen Meter Entfernung abgefeuert worden.«

»Ja, ungefähr einem Meter.«

»Und keiner von den Schüssen hat den Kustos getroffen, obgleich sie aus unmittelbarer Nähe abgefeuert wurden, nicht wahr?« fragte Moon.

»Jawohl«, erwiderte der Zeuge ernst.

»Ich glaube gehört zu haben«, sagte Moon und unterdrückte ein Gähnen, »daß Ihr Unterkustos den Studenten Smith einen der besten Schützen der Universität nannte.«

»Nun, was das betrifft...«, begann Pym nach einem Augenblick des Schweigens.

»Eine zweite Frage«, fuhr Moon in etwas schroffem Tone fort. »Sie sagten, es gäbe andere Fälle, wo der Angeklagte versucht habe, Menschen zu töten. Wie kommt es, daß Sie keine Zeugen dafür haben?«

Der Amerikaner stützte die Spitzen seiner Finger wieder auf den Tisch. »In jenen Fällen«, erklärte er gedehnt, »war kein Augenzeuge, wie in dem Cambridger Fall, vorhanden, sondern nur das Zeugnis der tatsächlichen Opfer.«

»Warum haben Sie sich nicht deren Aussagen verschafft?«

»Die Opfer selbst«, sagte Pym, »bereiteten einige Schwierigkeiten und machten Ausflüchte und –«

»Meinen Sie«, fragte Moon, »daß keines der betreffenden Opfer gegen den Gefangenen aussagen würde?«

»Das wäre vielleicht zuviel gesagt«, begann der andere.

»Nun, eine dritte Frage«, warf Moon so plötzlich ein, daß alle zusammenfuhren. »Die Aussage des Unterkustos, der einige Schüsse hörte, liegt vor, wo ist aber das Zeugnis des Kustos selber, auf den geschossen wurde? Der Kustos von Brakespeare lebt und erfreut sich einer blühenden Gesundheit.«

»Wir haben eine Aussage von ihm verlangt«, sagte Pym etwas nervös, »aber sie war derartig eigentümlich abgefaßt, daß wir nicht davon Gebrauch machten, und zwar aus Rücksicht gegen einen alten Herrn, dessen einstige Verdienste um die Wissenschaft sehr bedeutend gewesen sind.«

»Sie meinen, vermute ich«, sagte Moon und beugte sich vor, »daß seine Aussage zugunsten des Gefangenen abgefaßt war.«

»Es hätte so aufgefaßt werden können«, erwiderte der amerikanische Doktor, »aber es war in der Tat schwierig, überhaupt einen Sinn aus dem Schriftstück herauszufinden. Wir sandten es ihm deshalb zurück.«

»Sie besitzen also diese von dem Kustos von Brakespeare unterschriebene Aussage nicht mehr?«

»Nein.«

»Ich frage nur«, erklärte Michael ruhig, »weil wir eine haben. Um mein Plädoyer zu beschließen, will ich meinen jüngeren Kollegen, Herrn Inglewood, bitten, einen Bericht des wahren Verlaufes der Begebenheit vorzulesen, einen Bericht, dessen Wahrheit von dem Kustos selbst einwandfrei bestätigt worden ist.

Artur Inglewood nahm mehrere Papiere zur Hand und stand auf. Obgleich er wie immer etwas Vornehmes und Reserviertes hatte, so fühlten doch die Zuschauer zu ihrem Erstaunen, daß seine Anwesenheit eigentlich wirksamer und nutzbringender war als die seines Vorgesetzten. Tatsächlich gehörte er zu jenen bescheidenen Leuten, die nur sprechen können, wenn man sie dazu auffordert, dann aber gut reden. Moon war das strikte Gegenteil. Unter vier Augen machten ihm seine Keckheiten Spaß, aber vor der Öffentlichkeit brachten sie ihn etwas in Verlegenheit. Er kam sich lächerlich vor, wenn er sprach, Inglewood hingegen kam sich lächerlich vor, wenn er nicht sprechen konnte. Im Moment, wo er etwas zu sagen hatte, konnte er reden, und in dem Moment, wo er reden konnte, schien ihm das Reden ganz natürlich. Michael Moon schien nichts auf der Welt ganz natürlich.

»Wie mein Kollege eben erklärt hat«, sagte Inglewood, »sind da zwei Rätsel oder Widersprüche, auf denen wir unsere Verteidigung aufbauen. Zuerst handelt es sich um eine einfache physische Tatsache. Durch das Zugeständnis aller, ja durch die beigebrachten Beweise des Klägers, ist es festgestellt, daß der Angeklagte den Ruf eines besonders guten Schützen hatte. Doch beide Male, bei denen er beschuldigt wurde, auf einen Mann zu schießen, war es aus einer Entfernung von vier oder fünf Fuß, und er soll vier oder fünfmal auf ihn geschossen haben, ohne ihn überhaupt zu treffen. Das ist der erste frappierende Umstand, auf den wir unser Argument stützen. Der zweite, den mein Kollege geltend macht, ist die eigentümliche Tatsache, daß sich keiner dieser angeblich Angegriffenen finden läßt, der für sich selbst spricht. Untergebene sprechen für ihn. Pförtner klettern auf Leitern für ihn, aber er selbst schweigt. Meine Damen und Herren, ich schlage vor, sofort sowohl das Rätsel der Schüsse als auch das Rätsel dieses Schweigens zu erklären. Zuallererst will ich den Begleitbrief zu dem Schriftstück vorlesen, welches die wahre Darstellung des Cambridger Zwischenfalls enthält, und dann das Schriftstück selbst. Wenn Sie beides gehört haben, wird über Ihre Entscheidung kein Zweifel bestehen. Der Begleitbrief lautet folgendermaßen:

Sehr geehrter Herr! Beiliegendes ist eine sehr genaue und sogar lebendige Schilderung des Zwischenfalles, wie er sich tatsächlich in Brakespeare College ereignet hat. Wir, die Unterzeichneten, sehen keinen triftigen Grund, weshalb die Autorschaft des Dokumentes nur einem Autor zugeschrieben werden soll. In Wahrheit ist es eine gemeinsame Schöpfung, und wir hatten sogar einige Meinungsverschiedenheiten über die Adjektive. Aber jedes Wort davon ist wahr.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Wilfried Emerson Eames,
Kustos des Brakespeare College, Cambridge
Innozenz Smith

»Der beiliegende Bericht«, fuhr Inglewood fort, »lautet folgendermaßen:

Die Rückseite eines berühmten englischen Universitätsgebäudes erhebt sich so jäh am Ufer eines Flusses, daß es sozusagen durch alle möglichen Brücken und halbangebauten Gebäude gestützt und verbunden werden muß. Der Fluß teilt sich in mehrere kleine Gewässer und Kanäle, so daß die Landschaft an ein oder zwei Stellen an Venedig erinnert; besonders dort, wo sich dieser Zwischenfall abspielte und wo einige Schwebebogen oder luftige Steinrippen, einen schmalen Streifen Wasser überbrückend, Brakespeare College mit dem Haus des Kustos von Brakespeare verbinden.

Das Land um dieses College ist flach, aber es erscheint nicht flach, wenn man zwischen allen diesen Gebäuden steht. Mitten in diesem Flachland stößt man andauernd auf zerstreut liegende Seen und träge dahinfließende Gewässer. Und diese verwandeln jenes Bild von sonst horizontalen Linien in ein Bild vertikaler Linien. Überall, wo es Wasserflächen gibt, erscheint jedes Gebäude doppelt so hoch, wie es in Wirklichkeit ist, und ein alltägliches britisches Ziegelsteinhaus sieht aus wie ein babylonischer Turm. In jener schimmernden, ruhigen Fläche hängen die Häuser herab, den Kopf nach unten, und man sieht sie darin bis zu ihrem höchsten oder niedrigsten Schornstein. Die korallenfarbene Wolke, die man in diesem Abgrund erblickt, ist so weit unter der Welt, wie sein Original darübersteht. Jedes Fleckchen Wasser ist nicht nur ein Fenster, sondern ein Dachfenster. Unter den Füßen der Menschen zerspaltet sich die Erde in abgrundtiefen, luftigen Perspektiven, in welchen ein Vogel dahinschweben könnte, wie –«

Dr. Cyrus Pym erhob sich protestierend. Die Schriftstücke, die er als Beweise vorgelegt hätte, wären nur kalte Bestätigungen von Tatsachen gewesen. Natürlich hätte die Verteidigung das unbestreitbare Recht, ihren Fall auf ihre Weise darzustellen, aber diese ganze Landschaftsmalerei schiene ihm (Dr. Cyrus Pym) nicht zur Sache zu gehören. »Möchte der Herr Verteidiger mir nicht sagen«, fragte er, »was es eigentlich mit der Angelegenheit zu tun hat, daß eine Wolke korallenfarbig ist oder daß der Fluß ruhig fließt und glänzt oder daß ein Vogel irgendwo flattert?«

»Ach, das kann ich Ihnen nicht sagen«, meinte Michael und stand träge auf, »Sie wissen noch nicht, was wir für die Verteidigung für Absichten haben. Bis Sie das wissen, können Sie nicht beurteilen, was wichtig ist oder nicht. Setzen wir den Fall«, sagte er plötzlich, »wir wollten beweisen, daß der alte Kustos farbenblind sei. Nehmen wir an, ein schwarzer Mann mit weißem Haar hätte auf ihn geschossen und er hätte sich eingebildet, es sei ein weißer Mann mit gelbem Haar gewesen. Festzustellen, ob diese Wolke wirklich und wahrhaftig korallenfarben gewesen ist, kann von höchster Bedeutung sein.«

Mit einer Ernsthaftigkeit, die von den anderen kaum geteilt wurde, hielt er inne und fuhr dann mit demselben Wortschwall fort: »oder setzen wir den Fall, wir wollten die Behauptung aufstellen, daß der Kustos einen Selbstmordversuch machte und daß er nur Smith veranlaßte, die Pistole zu halten, so wie der Sklave des Brutus das Schwert hielt. In diesem Fall würde es sehr viel ausmachen, ob der Kustos sich deutlich in ruhigem Wasser sehen konnte. Ruhiges Wasser hat Hunderte von Selbstmorden verursacht: man sieht sich so sehr – nun so sehr deutlich darin.«

»Wollen Sie vielleicht die Behauptung aufstellen«, fragte Pym mit herber Ironie, »daß Ihr Klient irgendein Vogel war – sagen wir, ein Flamingo?«

»Die Frage zu erörtern, ob er ein Flamingo gewesen sei«, sagte Moon mit plötzlicher Strenge, »behält sich mein Klient für seine Verteidigungsrede vor.«

Da niemand so recht zu wissen schien, was man aus diesen Worten machen sollte, nahm er seinen Platz mit äußerst ernster Miene wieder ein, und Inglewood fuhr mit dem Lesen seines Schriftstückes fort:

»Ein Mystiker würde an einem solchen Land der Spiegelungen seine Freude haben. Denn ein Mystiker gehört zu denen, die der Anschauung huldigen, daß zwei Welten besser sind als eine. Im Grunde genommen, ist alles Denken Reflexion.

Diese Verdoppelung der Mentalität, gleichsam wie in einem Spiegel, ist, wir wiederholen es, der Kern der Philosophie. Es liegt eine mystische, ja sogar eine gewaltige Wahrheit in der Behauptung, daß zwei Köpfe besser sind als einer. Aber sie müßten beide auf demselben Körper wachsen.«

»Ich weiß, es klingt zuerst ein wenig transzendental«, warf Inglewood ein und blickte lächelnd und wie um Entschuldigung bittend im Kreise umher, »aber Sie sehen, dieses Schriftstück ist eine gemeinsame Arbeit von einem Dozenten und einem...«

»Besoffenen, wie?« schlug Moses Gould vor, dem die Sache jetzt anfing, Spaß zu machen.

»Ich bin eher der Meinung«, fuhr Inglewood unbeirrt und kritisch fort, »daß dieser Teil des Berichts von dem Dozenten geschrieben wurde. Ich möchte nur den Gerichtshof darauf aufmerksam machen, daß der Bericht, wenn er auch unzweifelhaft genau den Tatsachen entspricht, hie und da die Urheberschaft von zwei Verfassern verrät.«

»In diesem Fall«, sagte Dr. Pym und lehnte sich mit wegwerfender Miene zurück, »bin ich nicht der Meinung, daß zwei Köpfe besser seien als einer.«

»Die Unterzeichneten halten es für überflüssig, dasselbe Problem zu behandeln, das schon so oft von Universitätsreformkomitees diskutiert worden ist, nämlich die Frage, ob Professoren doppelt sehen, weil sie betrunken sind, oder ob sie betrunken werden, weil sie doppelt sehen. Es genügt ihnen (den Unterzeichneten), wenn sie ihr eigenes, besonderes und nutzbringendes Thema verfolgen können – das heißt: Pfützen. Was (fragen sich die Unterzeichneten) ist eine Pfütze? Eine Pfütze gibt die Unendlichkeit wieder und ist voll Licht, jedoch analysiert man eine Pfütze objektiv, so ist sie weiter nichts als etwas schmutziges Wasser, das sehr dünn über Schmutz ausgebreitet liegt. Die beiden großen historischen Universitäten Englands haben diese weiten glänzenden Flächen, in denen sich alles widerspiegelt. Sie geben die Unendlichkeit wieder. Sie sind voll Licht. Trotzdem oder vielmehr darum sind die Pfützen – Pfützen, Pfützen, Pfützen, Pfützen. Die Unterzeichneten bitten um Entschuldigung wegen des Nachdrucks, er ist jedoch von starker Überzeugung unzertrennlich.«

Inglewood ignorierte einen etwas wilden Ausdruck auf den Gesichtern einiger Anwesenden und fuhr äußerst liebenswürdig fort:

»Auf solche Gedanken kam aber der Student Smith nicht, als er vorsichtig um die Wasserläufe und die glitzernden Regenpfützen herumging, die an der Rückseite von Brakespeare College liegen. Wenn ihn diese Art Gedanken beschäftigt hätte, würde er glücklicher gewesen sein, als es der Fall war. Unglücklicherweise wußte er nicht, daß seine Probleme nur Pfützen waren. Es war ihm nicht bekannt, daß der akademische Geist nur darum die Unendlichkeit widerspiegelt und voll Licht ist, weil er seicht ist und stillsteht. Daher lag für ihn etwas Feierliches und sogar Unheilschwangeres in der angedeuteten Unendlichkeit. Es war eine besternte Nacht von verwirrendem Glanz, die schon weit vorgeschritten war. Sterne leuchteten über und unter ihm. In der verdrießlichen Stimmung, in welcher der junge Smith sich befand, schienen ihm die Himmel unter ihm noch hohler als die Himmel über ihm: der fürchterliche Gedanke plagte ihn, daß, wenn er die Sterne zählte, er einen zuviel in der Pfütze finden würde.

Während er die schmalen Pfade und Brücken überschritt, war es ihm, als ginge er über die schwarzen und dünnen Rippen eines komischen Eiffelturmes. Denn ihm und fast der ganzen gebildeten Jugend jener Epoche schienen die Sterne grausame Dinge. Obgleich sie jede Nacht in der großen Kuppel glühten, waren sie ein gewaltiges und häßliches Rätsel; sie gaben die Nacktheit der Natur preis, sie ließen einen flüchtigen Blick von den eisernen Rädern und Kränen hinter den Kulissen erhaschen. Denn die jungen Leute dieser traurigen Zeit dachten, daß der Gott immer aus der Maschine käme. Sie wußten nicht, daß in Wirklichkeit die Maschine nur von Gott kommt. Kurz, sie waren alle Pessimisten, und das Sternenlicht war ihnen verhaßt – verhaßt, weil es wahr ist. Ihr ganzes Weltall war schwarz mit weißen Punkten.

Smith schaute erleichtert von den glitzernden Pfützen unten zu dem glitzernden Himmel oben und zu der großen schwarzen Masse des Universitätsgebäudes auf. Das einzige Licht außer dem Sternenschein schimmerte durch einen olivengrünen Vorhang in dem oberen Teil des Gebäudes und verriet damit, wo Dr. Emerson Eames bis in den Morgen hinein arbeitete und seine Freunde und Lieblingsschüler zu jeder Stunde der Nacht empfing. Und zu jenen Zimmern lenkte der melancholische Smith seine Schritte. Smith hatte die erste Hälfte des Vormittags damit verbracht, Dr. Eames' Kolleg zu hören, und war die zweite Hälfte in einem Fechtsaal gewesen, um sich im Fechten und Schießen zu üben. In den ersten Nachmittagsstunden hatte er wie wahnsinnig gerudert und in den späteren (ebenso wahnsinnig) Grillen gefangen. Er war dann zu einem Abendessen gegangen, wo er sehr übermütig gewesen war, und hatte sich darauf in einen Redeübungsverein begeben, in dem es einfach unerträglich war, und der melancholische Smith wurde noch melancholischer. Dann, als er in seine Bude gehen wollte, fiel ihm unterwegs sein exzentrischer Freund und Lehrer ein, der Kustos von Brakespeare, und verzweifelt entschloß er sich, diesen Herrn in seiner Privatwohnung aufzusuchen.

Emerson Eames war in vieler Hinsicht ein exzentrischer Mensch, aber sein Lehrstuhl für Philosophie und Metaphysik war von internationaler Bedeutung, die Universität hätte ihn nicht gern entbehrt, und überdies braucht ein Dozent irgendeine seiner schlechten Gewohnheiten nur lange genug zu bewahren, und sie wird ein Teil der britischen Konstitution. Die schlechten Gewohnheiten von Emerson Eames bestanden darin, die ganze Nacht aufzubleiben und ein Jünger Schopenhauers zu sein. Der magere, sich nachlässig haltende Mann trug einen blonden Spitzbart. An Jahren war er nicht viel älter als sein Schüler Smith, aber durch zwei wesentliche Umstände, das heißt infolge seines europäischen Rufes und seiner Glatze, war er um Jahrhunderte älter.

›Ganz gegen jede Regel bin ich zu dieser unmöglichen Stunde gekommen‹, sagte Smith, der weiter nichts in die Augen Fallendes hatte, als daß er wie ein großer Mann erschien, der sich klein zu machen versuchte, ›weil ich zu der Überzeugung gekommen bin, daß das Leben wirklich zu widerlich ist. Ich kenne alle Argumente der Philosophen, die anders denken... Bischöfe und Agnostiker und aller Art Leute. Und da ich wußte, daß Sie die größte lebende Autorität unter den pessimistischen Denkern sind...‹

›Alle Denker‹, sagte Eames, ›sind pessimistische Denker.‹

Nach einer kleinen Pause, die nicht die erste war – denn in dieser nichts weniger als erheiternden Unterhaltung, die schon einige Stunden dauerte, wechselte Zynismus mit Schweigen –, fuhr der Kustos mit seiner Miene müder Geistreichheit fort: ›Alles ist nur eine Frage falscher Berechnung. Die Motte fliegt in die Kerze, weil sie zufällig nicht weiß, daß alles nur Schein ist. Die Wespe kriecht in die Marmelade und macht herzhafte und hoffnungsfreudige Anstrengungen, die Marmelade in sich aufzunehmen. In derselben Weise wollen die Ungebildeten das Leben genießen, geradeso wie sie Schnaps genießen – weil sie zu dumm sind, einzusehen, daß sie einen zu hohen Preis für diesen Genuß bezahlen. Daß sie nie das Glück finden – daß sie nicht einmal wissen, was sie tun müssen, um es zu suchen –, beweisen die lähmende Ungeschicklichkeit und Häßlichkeit aller ihrer Handlungen. Ihre schreienden Farben sind Schmerzensschreie. Sehen sie sich nur die Backsteinhäuser hinter dem College auf dieser Seite des Flusses an. Dort ist eins mit betupften Gardinen. Sehen Sie es sich an! Sehen Sie es sich nur an!‹

›Natürlich‹, meinte er verträumt, ›gibt es Menschen, wenn auch nur sehr wenige, die die Wirklichkeit nüchtern von weitem schon sehen – sie verlieren den Verstand. Ist Ihnen aufgefallen, daß Verrückte meistens etwas zu vernichten suchen oder (wenn sie nachdenklicher Natur sind) sich selbst vernichten? Der Verrückte ist der Mann hinter der Bühne, wie der Mann, der hinter den Kulissen eines Theaters umhergeht. Er hat nur die falsche Tür geöffnet und ist doch an den richtigen Platz gekommen. Er sieht die Dinge vom rechten Winkel, aber die gewöhnliche Welt...‹

›Zum Henker mit der Welt!‹ sagte der verdrießliche Smith und schlug in lässiger Verzweiflung mit der Faust auf den Tisch.

›Sie meinen wohl, wie das Sprichwort sagt: man muß einen Hund hängen, wenn er erst einen schlechten Ruf hat, so müßte man auch der Welt erst einen schlechten Ruf machen, bevor sie zum Henker geht‹, meinte der Professor ruhig. ›Ein tollwütiger Hund würde wahrscheinlich um sein Leben kämpfen, während wir ihn töten, aber wenn wir gütig wären, würden wir ihn trotzdem töten. Ebenso würde ein allwissender Gott uns von unserem Erdenleid befreien. Er würde uns totschlagen.‹

›Warum schlägt er uns denn nicht tot?‹ fragte der Student zerstreut und steckte die Hände in die Taschen.

›Er ist selbst tot‹, meinte der Philosoph; ›darum eben ist er so beneidenswert.‹

›Für jeden denkenden Menschen‹, fuhr Eames fort, ›sind die trivialen und bald fade werdenden Freuden des Lebens nur Köder, um uns in eine Folterkammer zu locken. Wir sehen alle ein, daß für jeden denkenden Menschen das einfache Auslöschen das... Was machen Sie da? Sind Sie verrückt? Legen Sie das Ding fort.‹

Dr. Eames hatte seinen müden, aber noch gesprächigen Kopf zur Seite gewandt und sah zu seinem Erstaunen in ein kleines, rundes, schwarzes Loch, umrahmt von einem sechskantigen kleinen Stahlreifen mit einer Eisenspitze, die oben in die Höhe ragte. Dieses Loch fixierte ihn wie ein eisernes Auge. Während eines jener Augenblicke, die wie eine Ewigkeit erscheinen, und in denen die Vernunft betäubt ist, wußte er nicht einmal, was es war. Dann sah er dahinter den Lauf und den aufgerichteten Schlaghammer eines Revolvers und hinter diesem das gerötete und ziemlich schwerfällige Gesicht von Smith, das anscheinend ganz unverändert war und sogar noch milder als vorher aussah.

›Ich werde Sie schon aus Ihrer Klemme befreien, alter Junge‹, sagte Smith mit rauher Zärtlichkeit. ›Ich werde das Hündchen von seinem Erdenleid erlösen.‹

›Haben Sie die Absicht, mich zu töten?‹ rief Emerson Eames, während er nach dem Fenster zurückwich.

›Ich täte es nicht für jeden‹, sagte Smith bewegt, ›aber Sie und ich sind heute nacht so vertraut miteinander geworden, ich weiß nicht, warum. Ich kenne jetzt allen Ihren Kummer und auch die einzige Abhilfe, alter Bursche.‹

›Legen Sie das Ding fort!‹ schrie der Kustos.

›Es wird ja bald vorüber sein‹, sagte Smith mit der Miene eines teilnahmsvollen Zahnarztes. Und als der Kustos nach dem Fenster und dem Balkon stürzte, folgte ihm sein Wohltäter festen Schrittes und mit mitleidsvollem Ausdruck.

Beide Männer waren vielleicht überrascht, als sie das grauweiße Licht sahen, das der Morgendämmerung vorangeht. Der eine war jedoch zu sehr von anderen Gefühlen erfüllt, um Erstaunen zu empfinden. Das Brakespeare College war eines der wenigen Universitätsgebäude, das noch wahre Spuren gotischer Ornamente aufwies, und gerade unter Dr. Eames Balkon war etwas, was vielleicht einst ein Schwebebogen gewesen war; die formlosen Gestalten grauer Tiere und Teufel waren darauf noch sichtbar, wenn auch durch Moos und Regen fast unkenntlich geworden. Mit einem ungeschickten, aber äußerst mutigen Satz war Eames auf diese antike Brücke gesprungen, weil er darin die einzige Möglichkeit sah, dem Wahnsinnigen zu entrinnen. Rittlings saß er darauf, noch in seiner akademischen Robe; seine langen, dünnen Beine baumelten herab, und er überlegte, welche weiteren Fluchtmöglichkeiten sich ihm noch böten. Sowohl unter als auch über ihm rief das immer weißer werdende Tageslicht jenen Eindruck vertikaler Unendlichkeit hervor, die schon an den kleinen Seen um Brakespeare herum bemerkt wurde. Als die beiden Männer hinunterblickten und in den Teichen die umgekehrten Türme und Schornsteine sahen, fühlten sie sich allein im Weltenraum. Es war ihnen zumute, als spähten sie über den Rand des Nordpols und sähen den Südpol unter sich.

›Zum Henker mit der Welt, sagten wir‹, bemerkte Smith, ›und der Henker holt sie. Er hänget die Erde an nichts, sagt die Bibel. Gefällt es Ihnen, an nichts gehängt zu werden? Ich für mein Teil werde schon an etwas gehängt werden, denn ich werde Ihretwegen aufgebaumelt werden... liebe vertraute alte Redensart‹, murmelte er, ›niemals so wahr, wie in diesem Augenblick. Ich werde für Sie baumeln, für Sie, lieber Freund, um Ihretwillen. Auf Ihren ausdrücklichen Wunsch.‹

›Hilfe!‹ schrie der Kustos von Brakespeare College. ›Hilfe!‹

›Der kleine Hund sträubt sich‹, sagte der Student mit mitleidsvollem Blick, ›der arme kleine Hund sträubt sich. Wie gut ist es, daß ich weiser und gütiger bin als er‹, und er legte seine Waffe so an, daß er genau nach dem oberen Teil von Eames kahlem Kopf zielte.

›Smith‹, sagte der Philosoph, den plötzlich eine Art grauenhafter Klarheit gepackt zu haben schien, ›ich verliere den Verstand.‹

›Dann werden Sie die Dinge von dem richtigen Gesichtspunkt aus betrachten‹, bemerkte Smith mit sanftem Seufzer. ›Ach, aber Wahnsinn ist im besten Fall nur ein Linderungsmittel, ein Betäubungsmittel. Die einzig wahre Abhilfe ist eine Operation... eine Operation, die immer erfolgreich ist: der Tod.‹

Als er so sprach, ging die Sonne auf. Mit der Geschwindigkeit eines Schnellmalers schien sie alles in Farbe zu tauchen. Eine Schar kleiner Wölkchen, die über den Himmel schwebte, verwandelte sich von Taubengrau in Rosa. Überall in der kleinen Universitätsstadt nahmen die Dächer der Gebäude andere Tönungen an; hier hob die Sonne die grüne Glasur eines Turmes hervor, dort die scharlachroten Ziegel einer Villa; hier die Kupferornamente eines Kunstladens und dort den meerblauen Schiefer irgendeines alten und steilen Kirchendaches. Jede dieser farbensatten Bekrönungen schien etwas sonderbar Individuelles und Bedeutsames an sich zu haben, so wie von berühmten Rittern der Helmschmuck, der in einem Festzug oder auf einem Schlachtfelde die Blicke fesselt: Jedes einzelne fiel ins Auge, besonders fielen sie in das rollende Auge von Emerson Eames, als er an jenem Morgen, den er als seinen letzten ansah, um sich schaute. Durch eine Ritze zwischen einer schwarzen, aus Holz erbauten Kneipe und einem großen, grauen Universitätsgebäude konnte er eine Uhr sehen, deren Zeiger von der Sonne in Flammen gehüllt wurden. Wie hypnotisiert starrte er darauf, und plötzlich begann die Uhr zu schlagen, als wenn sie ihm antwortete. Wie auf ein Signal nahm eine nach der anderen den Ruf auf: Alle Kirchen erwachten gleich Hühnern beim Hahnenschrei. Die Vögel lärmten bereits in den Bäumen hinter Brakespeare College. Die Sonne stieg höher, und auf ihrem Wege nahm sie so gewaltig an Pracht zu, daß der weite Himmel diese Pracht kaum fassen zu können schien, und die seichten Wasser darunter waren gleichsam golden und überfließend und tief genug für den Durst der Götter. Gerade hinter der Universität, und von seinem erhöhten und unsicheren Platz aus sichtbar, waren die leuchtendsten Flecke in jener farbenfreudigen Landschaft – die Villa mit den betupften Gardinen, welche er zum Thema seines Vortrags in dieser Nacht gemacht hatte. Zum ersten Male fragte er sich, wer wohl dahinter wohnen mochte.

Plötzlich rief er in jenem mürrischen, befehlenden Ton, den er anwandte, wenn er einen Studenten aufforderte, die Tür zu schließen:

›Lassen Sie mich hier herunter! Ich kann es nicht aushalten.‹

›Ich glaube, der Pfeiler wird Sie nicht aushalten‹, sagte Smith zweifelnd, ›aber bevor Sie sich den Hals brechen oder ich Ihnen eine Kugel durch den Kopf schieße oder Sie in dieses Zimmer zurücklasse (über diese verwickelten Punkte bin ich mir noch nicht einig), möchte ich den metaphysischen Punkt aufklären. Verstehe ich recht, daß Sie ins Leben zurückzukehren wünschen?‹

›Ich würde alles in der Welt dafür hergeben, um zurückzugelangen‹, erwiderte der unglückliche Professor.

›Alles dafür hergeben!‹ rief Smith, ›dann sollen Sie uns für Ihre unerhörte Frechheit ein Lied geben!'

›Was meinen Sie?‹ fragte der verzweifelte Eames, ›was für ein Lied?'

›Ein Kirchenlied würde, meine ich, das Geeignetste sein‹, antwortete der andere ernst. ›Ich werde Sie befreien, wenn Sie mir folgende Worte nachsagen:

Gepriesen sei die Gnade fort und fort,
Die mich durchs Leben leitete so lind,
Und jetzt mich bannt an diesen sonderbaren Ort,
Ein glücklich frohes, braves Britenkind.‹

Nachdem Dr. Emerson Eames schnell diesen Wunsch erfüllt hatte, befahl ihm sein Quälgeist, die Hände hochzuhalten. Da er dieses Verlangen unklar mit der üblichen Forderung von Banditen und Straßenräubern in Zusammenhang brachte, hielt Herr Eames die Hände hoch, sehr steif und ohne besonderes Erstaunen an den Tag zu legen. Ein Vogel, der sich auf den Steinsitz des Professor herabließ, beachtete ihn so wenig, als wäre er eine komische Statue.

›Sie halten jetzt einen Gottesdienst ab‹, bemerkte Smith streng, ›und ich lasse Sie nicht eher los, als bis Sie Gott für alles gedankt haben, selbst für die Enten auf dem Teich.‹

Der berühmte Pessimist drückte undeutlich seine vollkommene Bereitwilligkeit aus, Gott für die Enten auf dem Teich zu danken.

›Und nicht die Enteriche vergessen‹, erklärte Smith unnachgiebig. (Eames bewilligte mit schwacher Stimme die Enteriche.) ›Vergessen Sie nichts. Sie sollen Ihrem Schöpfer danken für die Kirchen, für die Kapellen, für die Häuser, für das Volk, für die Pfützen, Pfannen, Töpfe, Holzstückchen, Lumpen, Knochen und betupften Gardinen.‹

›Jawohl, jawohl‹, beteuerte das verzweifelte Opfer, ›Holzstückchen und Lumpen und Knochen und Gardinen.‹

›Betupfte Gardinen, denke ich, sagten wir‹, bemerkte Smith verschmitzt, aber unbarmherzig und schwenkte den Pistolenlauf vor ihm wie einen langen Metallfinger.

›Betupfte Gardinen‹, sagte Emerson Eames schwach.

›Mehr können Sie nicht tun‹, gab der jüngere Mann zu, ›und nun will ich Ihnen zum Schluß nur folgendes sagen. Wären Sie wirklich das, was Sie zu sein vorgeben, so begreife ich nicht, was es irgendeiner Schnecke oder einem Cherub ausmachen sollte, wenn Sie sich hier den gottlosen, starren Nacken brächen oder Ihr jämmerliches, teufelanbetendes Gehirn auf den Steinen zerschellten. Aber den strikten biographischen Tatsachen nach sind Sie ein guter Kerl, der nur geneigt ist, Blödsinn zu reden, und ich liebe Sie wie einen Bruder. Ich werde daher nur alle meine Patronen um Ihren Kopf herum abfeuern, aber ohne Ihnen ein Haar zu krümmen (ich bin ein guter Schütze, dieses zu erfahren, wird sie sicher erfreuen), und dann werden wir hineingehen und zusammen frühstücken.‹

Er feuerte zwei Schüsse in die Luft; der Professor ertrug es mit erstaunlichem Mut und sagte dann: ›Aber verschießen Sie nicht alle Ihre Patronen.‹

›Warum nicht?‹ fragte der andere vergnügt.

›Behalten Sie sie‹, erwiderte sein Gefährte, ›für den nächsten Mann, dem Sie begegnen und der dieselben Reden führt wie wir vorhin.‹

In diesem Augenblick sah Smith herunter und bemerkte das vor Entsetzen dunkelrote Gesicht des Unterkustos und hörte den vornehmen Schrei, mit welchem er den Pförtner mit der Leiter herbeirief.

Dr. Eames brauchte einige Zeit, um sich von der Leiter loszumachen, und noch längere Zeit, um sich von dem Unterkustos zu befreien. Aber sobald er es unauffällig tun konnte, suchte er den Gefährten der soeben erlebten merkwürdigen Szene auf. Zu seinem Erstaunen fand er den riesigen Smith ganz zusammengebrochen am Tisch sitzend, den struppigen Kopf in die Hände gestützt. Als Eames ihn anredete, erhob er den Kopf, und sein Gesicht war leichenblaß.

›Nun, was ist denn los?‹ fragte Eames, dessen eigene Nerven unterdessen wie die Morgenvögel sich ruhig gezwitschert hatten.

›Ich muß Sie um Nachsicht bitten‹, sagte Smith ganz vernichtet. ›Ich muß Sie bitten, sich klarzumachen, daß ich soeben dem Tode entronnen bin.‹

›Sie sind dem Tode entronnen?‹ wiederholte der Professor mit verzeihlicher Gereiztheit. ›Na aber, eine solche Frechheit...‹

›Ach, verstehen Sie denn nicht, verstehen Sie denn nicht?‹ rief der bleiche junge Mann ungeduldig. ›Ich mußte es tun, Eames. Ich mußte beweisen, daß Sie unrecht hatten, oder sterben. Jeder junge Mensch hat jemand, der für ihn das Höchste an Klugheit bedeutet,... jemand, der alles weiß, wenn es überhaupt jemand gibt, der alles weiß. Nun, das waren Sie für mich; Sie sprachen mit Autorität und nicht ›wie die Schriftgelehrten‹. Niemand konnte mich trösten, wenn Sie sagten, es gäbe keinen Trost. Wenn Sie wirklich dachten, alles sei nichtig, so war es, weil Sie sich Beweise dafür verschafft hatten. Begreifen Sie also, es blieb mir nichts anderes übrig, als zu beweisen, daß es Ihrer innersten Überzeugung nicht entsprach – oder mich in den Kanal zu werfen!‹

›Nun‹, meinte Eames zögernd, ›vielleicht verwechseln Sie...‹

›Ach, sagen Sie doch so etwas nicht!‹ rief Smith mit dem plötzlichen Scharfblick eines seelischen Leidenden; ›sagen Sie mir nicht, daß ich Freude am Leben mit dem Willen zum Leben verwechsele! Was ich in Ihren Augen leuchten sah, als Sie auf jener Brücke zappelten, war die Freude am Leben und nicht der Wille zum Leben. Als Sie auf jenem verdammten Wasserspeier saßen, wußten Sie, daß die Welt, im Grunde genommen, doch wunderbar und schön ist, ich weiß es, weil ich es im selben Augenblick auch erkannte. Ich sah die grauen Wölkchen rosa werden und die kleine vergoldete Uhr in der Ritze zwischen den Häusern. Es waren jene Dinge, die Sie so ungern verlassen hätten, nicht das Leben, wenigstens nicht das, was man unter Leben versteht. Eames, wir sind zusammen am Rande des Todes gewesen, wollen Sie nicht zugeben, daß ich recht habe?‹

›Ja‹, sagte Eames sehr langsam, ›ich glaube, Sie haben recht. Sie sollen Ihr Examen mit Eins bestehen!‹

›Recht!‹ rief Smith und sprang wie neugeboren auf. ›Ich habe mein Examen mit Auszeichnungen bestanden, und nun lassen Sie mich gehen und alles anordnen, daß ich verwiesen werde.‹

›Sie brauchen nicht verwiesen zu werden‹, sagte Eames mit der ruhigen Zuversicht eines Menschen, der zwölf Jahre Intrigen kennt.

›Bei uns hat der Mann an der Spitze großen Einfluß auf die Leute, die gerade um ihn herum sind: Ich bin der Mann an der Spitze, und ich werde den Leuten um mich herum die Wahrheit sagen.‹

Der riesige Herr Smith stand auf und ging langsam an das Fenster, aber er sprach mit derselben Festigkeit. ›Ich muß verwiesen werden, und den Leuten darf die Wahrheit nicht gesagt werden.‹

›Und warum nicht?‹ fragte der andere.

›Weil ich beabsichtige, Ihrem Rat zu folgen‹, antwortete der riesige Jüngling, in tiefgründige Gedanken versunken. ,Ich beabsichtige, die übrigen Patronen für Leute aufzubewahren, die in demselben schändlichen Zustand sind, in dem Sie und ich in der letzten Nacht waren – ich wünschte, wir könnten zu unserer Entschuldigung Betrunkenheit angeben. Ich beabsichtige, diese Kugel für Pessimisten aufzubewahren – Pillen für Bleichsüchtige. Und so will ich durch die Welt wandern, wie eine wunderbare Überraschung – so ziellos schweben wie Distelwolle und so lautlos kommen wie der Sonnenaufgang, ebensowenig erwartet werden wie der Donnerkeil, und ebensowenig soll man mich zurückrufen können wie eine hinsterbende Brise. Ich möchte nicht, daß die Leute mich schon im voraus erwarten wie einen bekannten Schabernackspieler. Ich möchte, daß meine beiden Gaben – der Tod und das Leben nach dem Tode – jungfräulich und ungestüm kommen. Ich werde eine Pistole an den Kopf des modernen Mannes halten. Aber ich will sie nicht benutzen, um ihn zu töten – sondern nur, um ihm das Leben zu bringen. Ich fange schon an, eine neue Bedeutung darin zu sehen, das Skelett beim Festmahl zu sein.‹

›Man könnte Sie kaum ein Skelett nennen‹, sagte Dr. Eames lächelnd.

›Das kommt daher, weil ich bei so vielen Festmahlen gewesen bin‹, antwortete der Riesenjüngling. ›Kein Skelett kann seine schlanke Figur beibehalten, wenn es immerfort zu Diners eingeladen wird. Aber das ist es eigentlich nicht, was ich sagen wollte: ich meinte, daß ich einen flüchtigen Blick von der Bedeutung des Todes und allem, was dazu gehört, erhalten habe – von dem Totenschädel – dem memento mori. Diese Dinge sollen uns nicht nur an ein künftiges Leben erinnern, sondern auch an ein gegenwärtiges. In der Ewigkeit würden wir mit unserem schwachen Geist alt werden, wenn der Tod uns nicht jung erhielte. Die Vorsehung hat uns die Unsterblichkeit in Stückchen zerteilt, so wie Kinderpflegerinnen Butterbrot in Stückchen schneiden.‹

Dann fügte er mit einer Stimme hinzu, die plötzlich unnatürlich sachlich klang: ›Aber ich weiß jetzt etwas, Eames. Ich wußte es, als die Wolken rosig wurden.‹

›Was meinen Sie?‹ fragte Eames. ›Was wußten Sie?‹

›Ich wußte zum erstenmal, daß Mord wirklich unrecht ist.‹

Er ergriff Dr. Eames' Hand und tastete sich etwas unsicher zur Tür. Bevor er ganz aus dem Zimmer verschwand, fügte er hinzu: ›Es ist doch sehr gefährlich, wenn ein Mann, und sei es auch nur für den Bruchteil einer Sekunde, denkt, daß er den Tod versteht.‹

Dr. Eames blieb einige Stunden, nachdem sein Angreifer von vorhin ihn verlassen hatte, unbeweglich und nachdenklich. Dann stand er auf, nahm Hut und Stock und ging fort, um einen Dauerlauf zu machen, wenn er auch dabei immer im Kreise umherlief. Mehrere Male jedoch blieb er vor der Villa mit den betupften Gardinen stehen und betrachtete sie genau, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Einige Vorübergehende hielten ihn für einen Verrückten, andere für jemand, der die Villa zu kaufen beabsichtige. Er ist sich noch nicht ganz sicher, ob das eine das andere ausschließt.

Die obige Erzählung ist nach einem Prinzip verfaßt worden, das nach Meinung der Unterzeichneten neuartig in der Literatur ist. Jeder der beiden Handelnden ist beschrieben, wie ihn der andere sah. Aber die Unterzeichneten garantieren absolut für die Richtigkeit der Erzählung, und wenn ihre Version des Vorgefallenen angezweifelt wird, so möchten die Unterzeichneten zum Teufel noch einmal wissen, wer darüber Bescheid weiß, wenn sie es nicht wissen.

Die Unterzeichneten werden sich jetzt nach dem ›Gefleckten Hund‹ begeben, um etwas Bier zu trinken. Auf Wiedersehen! (Unterzeichnet)

James Emerson Eames, Kustos des Brakespeare College, Cambridge.
Innozenz Smith.«

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