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Gilbert Keith Chesterton: Menschenskind - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorGilbert Keith Chesterton
titleMenschenskind
publisherVerlag Herder KG
translatorN. Collin
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Der allegorische Schabernackspieler

Der Kriminalpsychologe, der Dr. Warner begleitet hatte, sah bei näherer Betrachtung gesitteter und sogar schmucker aus als zuerst, da er sich noch an das Gitter angeklammert und mit vorgestrecktem Hals in den Garten geschaut hatte. Nachdem er den Hut abgenommen hatte, wirkte er sogar verhältnismäßig jung; denn das in der Mitte gescheitelte blonde Haar war auf beiden Seiten sorgfältig gelockt, und seine Bewegungen, besonders die der Hände, waren lebhaft. Er trug ein geckenhaftes Monokel, dessen breites schwarzes Band um den Hals geschlungen war. Seine Krawatte, zu einer großen Schleife gebunden, erweckte den Eindruck, als ob sich eine große amerikanische Motte auf ihm niedergelassen hätte. Seine Kleidung und seine Gesten waren die eines Knaben, erst wenn man das Fischgrätengesicht sah, merkte man, daß er etwas Scharfes und Altes hatte. Seine Manieren waren tadellos, aber sie verrieten den Nichtengländer. Er hatte zwei kaum bewußte Gewohnheiten, die jedem, der ihm nur einmal begegnete, in der Erinnerung haftenblieben. Die eine Eigenheit bestand darin, die Augen zu schließen, wenn er besonders höflich sein wollte, und die andere, den Daumen an die Spitze des Zeigefingers zu legen, als ob er eine Prise Schnupftabak hielte, und in dieser Stellung zu verharren, wenn er nach einem Wort suchte. Aber kannte man ihn länger, so vergaß man bald diese Eigenheiten über seinen sonderbaren, feierlichen Reden und seinen wirklich merkwürdigen Ansichten.

»Fräulein Hunt«, sagte Dr. Warner, »darf ich Sie mit Herrn Dr. Cyrus Pym bekannt machen?«

Während der Vorstellung schloß Dr. Cyrus Pym die Augen, als ob er gewissenhaft die Vorschriften eines Kinderspiels ausführte, und dann machte er eine schnelle kleine Verbeugung, die ihn sofort als einen Bürger der Vereinigten Staaten verriet.

»Dr. Cyrus Pym«, fuhr Dr. Warner fort (Dr. Cyrus Pym schloß wieder die Augen), »ist der erste Kriminalpsychologe Amerikas. Wir schätzen uns sehr glücklich, diesen außergewöhnlichen Fall mit ihm beraten zu können.«

»Ich werde aus allen diesen Dingen nicht klug«, sagte Rosamund, »wie kann der arme Herr Smith so schrecklich sein, wie Sie ihn schildern?«

»Oder wie Ihr Telegramm besagte«, meinte Herbert Warner lächelnd.

»Ach, Sie verstehen nicht«, rief das junge Mädchen ungeduldig, »er hat uns allen mehr genützt als ein Gottesdienst.«

»Ich glaube, ich kann es der jungen Dame erklären«, sagte Dr. Cyrus Pym, »dieser Verbrecher oder Verrückte, namens Smith, ist ein wahres Genie des Bösen und hat eine eigene Methode, eine Methode, die die unverschämteste Raffiniertheit verrät. Wohin er geht, ist er beliebt; denn in jedes Haus kommt er wie ein übermütiges Kind hineingeschneit. Die Leute sind schon mißtrauisch gegen alle Verbrecher geworden, die sich in anständiger Kleidung einführen, darum benutzt er – wie soll ich mich ausdrücken – die Verkleidung eines Bohemien, eines harmlosen Bohemien. Er versteht es immer, die Leute für sich zu begeistern. Die Menschen sind schon an die Maske guten, schicklichen Benehmens gewöhnt. Er spielt den exzentrischen Gutmütigen. Man erwartet, daß ein Don Juan sich wie ein feierlicher solider spanischer Kaufmann verkleidet, aber man ist nicht darauf gefaßt, einen Don Juan in der Verkleidung eines Don Quijote zu sehen. Den guten, aber etwas sonderbaren Menschen zu spielen ist ein neues Inkognito der Verbrecher, Fräulein Hunt. Es ist ein origineller Gedanke und gewöhnlich erfolgreich, aber gerade der Erfolg macht ihn so grausam.«

»Aber woher wissen Sie«, rief Rosamund verzweifelt, »daß Herr Smith ein bekannter Verbrecher ist?«

»Ich stellte es aus den Akten fest«, sagte der Amerikaner, »als mein Freund Warner mich nach Empfang Ihres Telegramms aufsuchte. Es ist mein Beruf, Fräulein Hunt, diese Tatsachen zu kennen, und es besteht ebensowenig ein Zweifel über ihre Richtigkeit wie über die Züge im Reichskursbuch. Nur durch sein bewunderungswürdiges Heucheln von Kindlichkeit oder Irrsinn ist dieser Mann bisher dem Gesetz entronnen. Aber ich selbst, als Sachverständiger, habe achtzehn bis zwanzig Verbrechen unwiderlegbar festgestellt, die er durch diese List versucht oder ausgeführt hat. So wie er es hier getan hat, dringt er in irgendein Haus ein und macht sich außerordentlich beliebt. Er bringt alles in Gang. Die Dinge gehen auch ausgezeichnet, aber wenn er fort ist, so gehen die Dinge mit ihm. Sie sind fort, Fräulein Hunt, fort, das Leben eines Mannes oder seine silbernen Löffel, aber noch öfter ist es eine Frau, die fort ist. Ich versichere Ihnen, ich habe alle die Beweise darüber in Händen.«

»Ich habe sie auch gesehen«, sagte Warner schwerfällig, »ich kann Ihnen versichern, daß alles stimmt.«

»Meinem Empfinden nach«, wandte der amerikanische Doktor ein, »ist diese beständige Täuschung unschuldiger Frauen durch ein Heucheln von Unschuld eine höchst unmännliche Handlungsweise. Aus fast jedem Haus, in dem dieser große phantasievolle Teufel aufgetreten ist, hat er irgendein bedauernswertes Mädchen entführt. Manche behaupten, daß er, neben anderen merkwürdigen Eigenschaften, einen hypnotischen Blick habe und die Frauen ihm ganz automatisch folgen müssen. Was aus allen diesen armen Mädchen geworden ist, weiß niemand. Ich vermute, sie sind ermordet, denn wir haben außer diesem Beispiel noch eine Menge anderer Beweise, daß er zu morden versucht hat; trotzdem hat man ihn noch nicht durch das Gesetz fassen können. Jedenfalls ist es uns bis jetzt nicht einmal gelungen, durch unsere Recherchen irgendeine Spur dieser unglücklichen Frauen zu finden. Der Gedanke an diese armen Geschöpfe erregt mich wirklich, Fräulein Hunt. Und ich habe dem, was Dr. Warner gesagt hat, nichts hinzuzufügen.«

»Ganz recht«, sagte Warner, mit einem Lächeln, das in Marmor gemeißelt schien, »wir sind Ihnen alle für dieses Telegramm großen Dank schuldig.«

Der kleine Yankee-Gelehrte hatte mit so offensichtlicher Aufrichtigkeit gesprochen, daß man die Eigentümlichkeiten in seiner Stimme und seinem Wesen vergaß; die geschlossenen Augen, die zunehmende Betonung der Worte und die in die Luft gestreckten beiden Finger – die sonst etwas komisch gewirkt hätten. Nicht daß er klüger als Warner gewesen wäre, vielleicht war er nicht so klug wie dieser, obgleich er berühmter war, aber er besaß das, was Warner fehlte – einen frischen, schlichten Ernst – die große Tugend der Amerikaner: die Einfachheit. Rosamund runzelte die Stirn und blickte düster auf das dunkle Haus, das dieses schwarze Wundertier barg.

Es war noch taghell, aber das Licht war schon von Gold zu Silber übergegangen, und nun verschmolz das Silber zu Grau. Die langen federartigen Schatten der wenigen Bäume im Garten wurden immer unsichtbarer in dem toten düsteren Hintergrund. In dem dunkelsten und tiefsten Schatten, der vor dem Hause an den Glastüren herrschte, konnte Rosamund beobachten, wie eine eilige Beratung zwischen Inglewood (den man beauftragt hatte, den geheimnisvollen Gefangenen zu bewachen) und Diana stattfand, die zu seiner Hilfe von draußen gekommen war. Nach einigen von Gesten begleiteten Worten gingen sie hinein und schlossen die Glastüren nach dem Garten, der jetzt noch grauer zu werden schien.

Der amerikanische Herr, namens Pym, machte den Eindruck, als wollte er sich umdrehen, um den anderen zu folgen, aber bevor er sein Vorhaben ausführte, redete er Rosamund an. Er tat es mit einem Aufblitzen jener Arglosigkeit, die einen mit seiner kindlichen Eitelkeit aussöhnte, und mit etwas von jener spontanen Poesie, die es einem schwer machte, ihn einen Pedanten zu nennen, obgleich er pedantisch war.

»Es tut mir so leid, Fräulein Hunt«, sagte er, »aber es wäre wohl besser, wenn Dr. Warner und ich, als zwei qualifizierte Praktiker, Herrn Smith in der Droschke mitnähmen, und zwar so unauffällig wie nur möglich. Regen Sie sich nicht auf, Fräulein Hunt. Sie müssen sich eben sagen, daß wir ein Monstrum mitnehmen – etwas, was überhaupt nicht existieren dürfte, ein Ungeheuer, wie einer jener Götzen in Ihrem Britischen Museum, die ganz Flügel, Bärte, Beine und Augen sind, ohne Gestalt. Das ist Smith, und Sie sollen ihn bald los sein.«

Er hatte schon einen Schritt auf das Haus zu gemacht, und Warner war im Begriff, ihm zu folgen, als die Glastüren sich wieder öffneten und Diana Duke noch schneller als gewöhnlich heraustrat und über den Rasenplatz kam. Ihr Gesicht zuckte vor Aufregung und Besorgnis, und ihre dunkeln ernsten Augen waren nur auf das andere junge Mädchen gerichtet.

»Rosamund«, rief sie verzweifelt, »was soll ich mit ihr machen?«

»Mit ihr?!« rief Fräulein Hunt heftig zusammenfahrend, »hat er sich gar noch als eine Frau entpuppt?«

»Nein, nein«, sagte Dr. Pym beruhigend, als wollte er ganz gerecht sein. »Eine Frau? Nein, so schlimm ist er doch nicht.«

»Ich meine deine Freundin Mary Gray«, entgegnete Diana schroff, »was in aller Welt soll ich mit ihr machen?«

»Wie wir ihr das von Smith beibringen sollen, meinst du wohl?« antwortete Rosamund, und ein Schatten glitt über ihr Gesicht, das aber sofort wieder weich wurde. »Ja, das wird recht peinlich sein.«

»Aber ich habe es ihr doch schon gesagt«, platzte Diana heraus, noch jähzorniger als gewöhnlich. »Ich habe es ihr gesagt, und es scheint sie nicht weiter aufzuregen. Sie sagt noch immer, sie wolle mit Smith in der Droschke dort fortfahren.«

»Aber das ist ja unmöglich«, rief Rosamund aus – »Mary ist doch ein wirklich frommes Mädchen. Sie...«

Sie hielt inne, denn sie hatte noch zur rechten Zeit gemerkt, daß Mary ganz in ihrer Nähe auf dem Rasen stand. Ihre ruhige Gefährtin war sehr leise in den Garten gekommen, aber es war nicht zu leugnen, daß sie in Reisekleidung war. Sie trug eine ordentliche, doch sehr alte blaugraue wollene Sportmütze und zog gerade ein Paar ziemlich fadenscheinige graue Handschuhe an. Doch paßten die beiden Farben vorzüglich zu ihrem schweren kupferfarbenen Haar, und zwar um so besser, weil sie etwas verblichen waren; denn einer Frau steht ihre Kleidung nie so gut, als wenn sie den Eindruck macht, ihr nur durch einen Zufall gut zu stehen.

Aber diese Frau besaß eine Eigenschaft, die noch seltener und anziehender ist. In solchen grauen Stunden, wo die Sonne bereits gesunken und der Himmel schon traurig ist, geschieht es oft, daß ein Widerschein aus irgendeinem zufälligen Winkel den letzten Lichtstrahl auffängt und ihn festhält. Ein Stückchen Fenster, eine Wasserpfütze, ein Stückchen Spiegel sind dann von einem feurigen Glanz erfüllt, der der übrigen Welt entzogen ist. Das eigentümliche, fast dreieckige Gesicht glich einem dreieckigen Stück Spiegel, das noch den Glanz früherer Stunden wiedergeben konnte. Obgleich Mary immer graziös war, hätte man sie nie schön nennen können, und doch wirkte ihr Glück in aller dieser Herzensbedrängnis so schön, daß einem Mann bei ihrem Anblick der Atem versagen konnte.

»Ach, Diana«, rief Rosamund jetzt leiser und änderte ihre Frage, »aber wie hast du es ihr beigebracht?«

»Es ist ganz leicht, es ihr beizubringen«, antwortete Diana ernst, »es macht gar keinen Eindruck auf sie.«

»Ich fürchte, ich habe alle warten lassen«, entschuldigte sich Mary Gray, »aber jetzt müssen wir uns wirklich verabschieden. Innozenz will mich zu seiner Tante nach Hampstead bringen, und ich fürchte, sie geht früh zu Bett.«

Sie sprach ganz harmlos und unbefangen, aber es lag eine Art schläfriger Glanz in ihren Augen, der verwirrender wirkte, als wenn die Augen glanzlos gewesen wären, und sie sprach wie jemand, der mit seinen Gedanken weit fort ist und das Auge auf einen fernen Gegenstand gerichtet hat.

»Mary, Mary«, rief Rosamund, fast zusammenbrechend, »es tut mir so schrecklich leid, aber es geht wirklich nicht. Wir – wir haben alles über Herrn Smith erfahren.«

»Alles?« wiederholte Mary mit leiser, merkwürdiger Betonung, »aber das muß ja furchtbar aufregend sein.«

Man hörte einen Augenblick keinen Laut, nichts regte sich, nur der schweigsame Michael Moon, der an das Gitter gelehnt stand, hob den Kopf, als hätte er horchen wollen. Da Rosamund noch immer sprachlos blieb, kam ihr Dr. Pym in seiner energischen Art zu Hilfe.

»Zuerst mal«, sagte er, »macht dieser Smith beständig Mordversuche. Der Kustos vom Brakespeare College...«

»Ich weiß«, sagte Mary mit einem unsicheren, aber strahlenden Lächeln, »Innozenz hat es mir erzählt.«

»Natürlich kann ich nicht wissen, was er Ihnen erzählt hat«, fiel ihr Pym ins Wort, »aber ich fürchte, es hat nicht der Wahrheit entsprochen. In Wahrheit hat dieser Mann jedes menschliche Verbrechen, das es überhaupt gibt, auf dem Gewissen. Ich versichere Ihnen, ich besitze alle Akten. Ich habe die schriftliche Bestätigung eines bekannten englischen Geistlichen, daß Smith einen Einbruch verübt hat. Ich habe...«

»Aber es waren ja zwei Geistliche«, rief Mary mit sanfter Eindringlichkeit, »das war es eben, was es so viel komischer machte.«

Die verdunkelten Glastüren des Hauses öffneten sich noch einmal, und Inglewood erschien einen Augenblick darin und winkte. Der amerikanische Doktor verbeugte sich, der englische Arzt nicht, aber beide gingen schweren Schrittes auf das Haus zu. Sonst rührte sich niemand, nicht einmal Michael an dem Gitter, aber in der Haltung seines Hinterkopfes und seiner Schultern lag noch immer etwas Undefinierbares, das darauf hindeutete, er lausche jedem Worte.

»Aber verstehst du mich nicht, Mary«, rief Rosamund verzweifelt, »weißt du denn nicht, daß vor unseren Augen furchtbare Dinge geschehen sind? Ich dachte, du hättest die Revolverschüsse oben gehört.«

»Ja, ich hörte die Schüsse«, sagte Mary fast heiter, »aber ich war gerade mit Packen beschäftigt, und Innozenz hatte mir ja gesagt, daß er auf Dr. Warner schießen wollte, da lohnte es sich nicht, deshalb hinunterzugehen.«

»Ach, ich verstehe freilich nicht, was du meinst«, rief Rosamund Hunt und stampfte mit dem Fuß auf, »aber du mußt unbedingt verstehen, was ich meine. Es ist mir ganz gleichgültig, ob ich dir weh tue, wenn ich dich nur retten kann. Ich will dir sagen, daß dein Innozenz Smith der allerschlechteste Mensch der Welt ist. Er hat schon auf viele andere Männer geschossen und ist schon mit vielen anderen Frauen in Droschken davongefahren. Anscheinend hat er diese Frauen auch getötet, denn niemand hat sie je wiedergesehen.«

»Er ist manchmal wirklich recht ungezogen«, sagte Mary Gray und lachte leise, während sie ihre alten grauen Handschuhe zuknöpfte.

»Ach, das muß tatsächlich Hypnose oder etwas Ähnliches sein«, rief Rosamund und brach in Tränen aus.

In demselben Augenblick traten die beiden schwarzgekleideten Ärzte aus dem Hause, und ihr grüngekleideter Gefangener ging zwischen ihnen. Er leistete keinen Widerstand, sondern lachte noch wie angeheitert und schwachsinnig. Artur Inglewood schritt hinter ihnen her und glich einer schwarzen und roten Studie in den letzten Schattierungen der Verzweiflung und Scham. In dieser düsteren, begräbnismäßigen, schmerzlich realistischen Art vollzog sich der Auszug des Mannes, der einen Tag vorher einen so glücklichen Einzug in dem Haus Leuchtfeuer gehalten hatte, indem er über die Mauer gesprungen war und den Baum so übermütig erklettert hatte. Keiner der im Garten Anwesenden rührte sich, außer Mary Gray, die ganz unbefangen vortrat und rief: »Bist du fertig, Innozenz? Unsere Droschke wartet schon so lange.«

»Meine Damen und Herren«, sagte Dr. Warner entschieden, »ich muß diese Dame ersuchen, sich zu entfernen. Es wird schon schwierig genug sein, uns drei in einer Droschke unterzubringen.«

»Aber es ist doch unsere Droschke«, beharrte Mary. »Da liegt doch Innozenz' gelbe Handtasche oben auf.«

»Entfernen Sie sich«, wiederholte Warner schroff. »Und Sie, Herr Moon, haben Sie die Freundlichkeit, einen Augenblick beiseite zu treten. Schnell! schnell! Je früher diese unangenehme Geschichte erledigt ist, um so besser... und wie sollen wir das Gitter öffnen, wenn Sie sich dagegenlehnen?«

Michael Moon betrachtete nachdenklich seinen langen Zeigefinger und schien gründlich über diesen Einwand nachzudenken. »Ja«, sagte er schließlich, »aber wie kann ich mich an dieses Gitter lehnen, wenn Sie es fortwährend öffnen?«

»Aber gehen Sie doch aus dem Weg!« rief Warner in fast gutmütigem Ton. »Sie können sich doch zu jeder anderen Zeit gegen das Gitter lehnen.«

»Nein«, meinte Moon nachdenklich, »selten stimmen die Zeit, der Platz und das blaue Gitter überein, und es kommt alles darauf an, ob man aus einer alten Familie vom Lande stammt. Meine Vorfahren lehnten sich an Gitter, lange ehe jemand entdeckt hatte, wie man sie öffnet.«

»Michael!« rief Artur Inglewood wie in Todesangst, »werden Sie nun nicht bald aus dem Wege gehen?«

»Nein, ich glaube nicht«, sagte Michael nach einiger Überlegung und drehte sich langsam um, so daß er der Gesellschaft das Gesicht zuwandte, während er noch in nachlässiger Haltung den Weg versperrte.

»Hallo!« rief er plötzlich, »was machen Sie da mit Herrn Smith?«

»Wir nehmen ihn zur Untersuchung mit«, antwortete Warner kurz.

»Beim Arzt?« fragte Moon heiter.

»Nein, beim Gericht«, sagte der andere trocken.

»Welches andere Gericht«, rief Michael mit erhobener Stimme, »wagt es, über das, was auf dieser freien Scholle vorgefallen ist, ein Verhör anzustellen, als einzig und allein die alten und unabhängigen Herzöge von Leuchtfeuer? Welches andere Gericht als einzig und allein der Hohe Gerichtshof von Haus Leuchtfeuer wagt es, einen von uns einem Verhör zu unterziehen? Habt Ihr schon vergessen, daß wir erst heute nachmittag das Banner der Unabhängigkeit haben wehen lassen und uns von allen Nationen der Erde absonderten?«

»Michael«, rief Rosamund, die Hände ringend, »wie können Sie dastehen und solchen Unsinn reden? Sie haben doch selbst das Entsetzliche miterlebt. Sie waren dabei, als er verrückt wurde. Sie halfen doch dem Doktor aufstehen, als er über den Blumentopf fiel.«

»Und der Hohe Gerichtshof von Haus Leuchtfeuer«, erwiderte Michael hochmütig, »hat Spezialvollmacht in allen Fällen, die Wahnsinnige und Blumentöpfe angehen und Doktoren, die im Garten hinfallen. Es steht in unserer allerersten Urkunde, die aus der Zeit Eduard I. stammt: ›Si medicus quisquam in horto prostratus...‹«

»Aus dem Wege!« rief Warner mit plötzlicher Wut, »sonst werden wir Sie dazu zwingen müssen.«

»Was?« rief Michael Moon mit einem Schrei wilden Grimmes, »soll ich für die Verteidigung dieser geheiligten Einfriedigung mein Leben hingeben? Wollen Sie dieses blaue Gitter mit meinem Blut rot färben?« und er faßte nach einer der blauen Eisenspitzen hinter sich. Wie Artur Inglewood früher am Abend bemerkt hatte, war an dieser Stelle der Zaun lose und schief, und einer der angestrichenen eisernen Stäbe mit der eisernen Spitze blieb in Michaels Hand, als er ihn schüttelte.

»Seht!« rief er und schwang diesen zerbrochenen Wurfspieß in der Luft, »sogar die Lanzen um ihren Leuchtfeuerturm springen von ihren Plätzen, um ihn zu verteidigen. Ach, und auf einem solchen Platz und zu solcher Stunde ist es etwas Schönes, allein zu sterben!« Und mit einer Stimme, die wie eine Fanfare klang, sang er die edlen Worte Ronsards:

»Ou pour l'honneur de Dieu, ou pour le droit de mon prince,
Navré, poitrine ouverte, au bord de mon province.«

»Um Himmels willen!« rief der Amerikaner fast ehrfurchtsvoll. Dann fügte er hinzu: »Sind hier denn zwei Wahnsinnige?«

»Nein, es sind fünf«, donnerte Moon. »Smith und ich sind die einzigen, die noch ihren Verstand haben.«

»Michael!« rief Rosamund; »Michael, was bedeutet das alles?«

»Das bedeutet Blödsinn!« brüllte Michael und schleuderte seinen angestrichenen Speer nach dem anderen Ende des Gartens. »Das bedeutet, daß die Doktoren blödsinnig sind, daß die Kriminologie Blödsinn ist und Amerikaner blödsinnig sind – viel blödsinniger als unser Gerichtshof von Leuchtfeuer. Es bedeutet, ihr Schafsköpfe, daß Innozenz Smith nicht verrückter ist als der Vogel auf diesem Baum.«

»Aber mein lieber Moon«, begann Inglewood in seiner bescheidenen Art, »diese Herren...«

»Auf das Wort von zwei Ärzten«, platzte Moon wieder heraus, ohne jemand zuzuhören, »in eine Privathölle eingeschlossen zu werden, auf das Wort von zwei Ärzten! Und solchen Ärzten! Ach du meine Güte! Schauen Sie sich die mal an! Schauen Sie sich die mal an! Würden Sie ein Buch lesen oder einen Hund kaufen oder in ein Hotel gehen auf den Rat von zwanzig solcher Männer? Meine Familie stammt aus Irland, und wir waren Katholiken. Was würden Sie sagen, wenn ich einen Menschen auf das Wort von zwei Priestern verrucht nennen würde?«

»Aber es ist nicht nur ihr Wort, Michael«, belehrte Rosamund, »sie haben auch Beweise.«

»Haben Sie sie gesehen?« fragte Moon.

»Nein«, sagte Rosamund mit gelindem Erstaunen, »diese Herren haben doch die Angelegenheit übernommen.«

»Und alles andere auch, scheint mir«, sagte Michael, »sie haben nicht einmal den Anstand gehabt, Frau Duke zu befragen.«

»Ach, das hat keinen Zweck«, sagte Diana leise zu Rosamund, »Tante würde es nicht einmal wagen, ›blödes Viech‹ zu einer Gans zu sagen.«

»Es freut mich, das zu hören«, antwortete Michael, »denn mit einer solchen Schar Gänse, wie sie hier beisammen ist, müßte sie diesen furchtbaren Ausdruck beständig gebrauchen. Ich für mein Teil lehne einfach ab, daß die Dinge so leichtfertig und oberflächlich behandelt werden. Ich appelliere an Frau Duke – es ist schließlich ihr Haus.«

»Frau Duke?« wiederholte Inglewood zweifelnd.

»Ja, Frau Duke«, sagte Michael entschieden.

»Wenn Sie Tante fragen«, meinte Diana ruhig, »so wird sie dafür sein, daß man gar nichts tut. Ihr Prinzip ist, die Dinge totzuschweigen oder sie laufenzulassen. So macht sie es immer.«

»Ja«, erwiderte Michael Moon, »und eigentlich machen wir es alle immer so. Sie sind älteren Leuten gegenüber ungeduldig, Fräulein Duke; aber wenn Sie selbst alt sein werden, werden Sie wissen, was Napoleon wußte, nämlich daß die Hälfte der Briefe sich selbst beantwortet, wenn man nur der Begierde, sie zu beantworten, widerstehen kann.«

Er stand noch immer nachlässig angelehnt in derselben lächerlichen Haltung, mit dem Ellenbogen auf das Gitter gestützt, aber zum dritten Male veränderte sich seine Stimme plötzlich. Gerade wie sie sich vorhin vom Schein-Heroischen zum Entrüstet-Menschlichen verwandelt hatte, bekam sie jetzt den hochtrabenden einschneidenden Ton eines Rechtsanwalts, der einen juristischen Rat erteilt.

»Es ist nicht nur Ihre Tante, die diese Sache vertuschen möchte«, sagte er, »alle möchten wir sie vertuschen, wenn wir es könnten. Sehen Sie die hauptsächlichen Punkte dieses Falles an – ich glaube, diese gelehrten Herren haben einen höchst gelehrten Irrtum begangen. Ich halte Herrn Smith für so harmlos wie ein Gänseblümchen. Ich gebe zu, daß Gänseblümchen nicht oft geladene Revolver in Privathäusern abfeuern; ich gebe zu, daß hier etwas einer Erklärung bedarf. Aber ich bin fest überzeugt, daß irgendein blödes Mißverständnis oder ein Scherz oder irgendeine Allegorie oder irgendein Zufall dahintersteckt. Nun, setzen wir aber den Fall, daß ich unrecht habe. Wir haben Smith entwaffnet, wir sind hier fünf Männer, um ihn festzuhalten; er könnte also ebensogut später wie sofort eingelocht werden. Aber wir wollen nun auch die Möglichkeit ins Auge fassen, daß ich vielleicht recht habe. Hat jemand hier Interesse daran, diese schmutzige Wäsche öffentlich zu waschen?

Kommen Sie, ich werde Sie jetzt alle der Reihe nach verhören. Ist Smith einmal außerhalb dieses Gitters, so steht er bereits auf der ersten Seite der Abendzeitungen. Ich weiß es, denn ich habe selbst für die Zeitungen die erste Seite geschrieben. Möchten Sie, Fräulein Duke, oder möchte Ihre Tante, daß gleichsam ein Plakat über Ihrer Pension hängt: ›Hier schießt man auf Ärzte‹? Nein, nein, Ärzte sind überflüssiger Blödsinn, wie ich schon vorhin sagte, aber Sie wollen nicht, daß alles Überflüssige hier erschossen wird. Also, Artur, ich kann recht oder unrecht haben, jedenfalls ist Smith als ein alter Schulkamerad von Ihnen hierhergekommen. Machen Sie sich meine Worte klar; wird er als schuldig erkannt, so wird es in allen Zeitungen heißen, Sie haben ihn hier eingeführt, wird er als unschuldig erkannt, wird es heißen, Sie haben ihn festnehmen lassen. Rosamund, meine Liebe, ich kann recht oder unrecht haben, aber wird er für schuldig erkannt, so wird man sagen, Ihre Gesellschafterin hat sich mit ihm verlobt; wird er als unschuldig erkannt, so wird man jenes Telegramm abdrucken. Ich kenne die Zeitungen, Gott verdamme sie!«

Er hielt einen Augenblick inne, denn dieser rationalistische Redestrom ließ ihn atemloser, als es seine theatralischen oder seine echten Anklagereden jemals getan hatten. Aber offensichtlich meinte er es ernst, und er war ebenso positiv wie klar, das bewies er dadurch, daß er sogleich weitersprach, als er seinen Atem wieder zurückgewonnen hatte.

»Mit unseren medizinischen Freunden ist es genau dasselbe«, rief er. »Sie werden sagen, Dr. Warner hätte Grund zur Klage. Ich gebe das zu. Aber hat er Lust, von allen Journalisten prostratus in horto geknipst zu werden? Es war natürlich nicht seine Schuld, aber die Situation würde nicht gerade dazu beitragen, seine Würde zu heben. Er muß gerechtfertigt werden; aber will er etwa nicht nur auf den Knien, sondern auf Händen und Knien Gerechtigkeit fordern? Will er vor dem Gerichtshof auf allen vieren erscheinen? Ärzte dürfen keine Reklame machen; und ich bin überzeugt, daß es keinen Arzt gelüstet, auf solche Weise bekannt zu werden. Und selbst unser amerikanischer Gast hier müßte dasselbe Interesse haben. Nehmen wir an, er besitzt ausschlaggebende Akten. Setzen wir den Fall, er kann Enthüllungen machen, die wirklich lesenswert sind. Gut, bei einer gerichtlichen Untersuchung (oder selbst bei einer medizinischen Untersuchung) wette ich zehn gegen eins, daß er nicht Gelegenheit haben wird, sie vorzulesen. Man wird ihn alle zwei oder drei Minuten mit einem Wirrwarr von alten Regeln unterbrechen. Heutzutage kann man nicht in der Öffentlichkeit die Wahrheit sagen. Aber privatim kann er es noch tun; dort in jenem Hause kann er es tun.«

»Das stimmt«, sagte Dr. Cyrus Pym, der dieser ganzen Rede mit einem Ernst zugehört hatte, dessen nur ein Amerikaner bei einer solchen Szene fähig ist. »Es stimmt, daß ich bei privaten Untersuchungen immer weniger behindert bin.«

»Aber Herr Doktor!« rief Warner, wie von einem plötzlichen Zorn ergriffen, »Sie wollen doch nicht etwa zugeben...«

»Smith mag verrückt sein«, fuhr der melancholische Moon fort, in einem Monolog, von dem jedes Wort wie ein Axthieb wirkte, »aber in dem, was er von ›Home Rule‹ für jedes Heim sagte, steckt doch etwas. Und wenn man es richtig überlegt, hat auch der Hohe Gerichtshof von Haus Leuchtfeuer sein Gutes. Es ist wirklich wahr, die Menschen würden oft zu einer Art häuslicher Gerechtigkeit kommen, wo sie jetzt nur gesetzliche Ungerechtigkeit erfahren. Ich bin auch Rechtsanwalt, und ich besitze Erfahrung. Daß es zuviel offizielle und indirekte Macht gibt, stimmt. Soundso oft gibt es Streitigkeiten, die von einer ganzen Nation nicht geschlichtet werden können, die aber eine Familie sofort in Ordnung bringen würde. Dutzende von jungen Verbrechern haben Geldstrafen zahlen müssen und sind ins Gefängnis geworfen worden, anstatt tüchtig durchgeprügelt und ins Bett geschickt zu werden. Ich bin überzeugt, daß es Dutzende von Männern gibt, die zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden sind, wo ihnen acht Tage in Brighton mehr genützt hätten. In Smiths Idee von häuslicher Selbstregierung steckt entschieden etwas, und ich schlage vor, sie in die Praxis umzusetzen. Sie haben den Gefangenen, Sie haben die Akten. Kommen Sie, wir sind eine Gesellschaft von freien, weißen Christen, denen es geschehen könnte, daß sie in einer Stadt belagert oder auf eine einsame Insel geworfen werden. Lassen Sie uns diese Angelegenheit selbst regeln. Wir wollen in das Haus gehen, uns hinsetzen und mit eigenen Augen und Ohren feststellen, ob die Sache auf Wahrheit beruht oder nicht; ob dieser Smith ein Mensch oder ein Ungeheuer ist. Wenn wir nicht einmal eine so geringfügige Sache entscheiden können, welches Recht haben wir dann, Kreuze auf Wahlzettel zu setzen?«

Inglewood und Pym tauschten einen Blick aus, und Warner, der nicht dumm war, ersah aus diesem Blick, daß Moon an Boden gewann. Die Beweggründe, die Artur dazu veranlaßten, nachgiebiger zu werden, waren freilich ganz andere als die, welche Dr. Cyrus Pym hegte. Nach Arturs Empfinden mußte alles privatim und höflich erledigt werden; er war so sehr Engländer, daß er lieber Unrecht erlitt, als sich sein Recht durch Szenen und ernste Aussprachen zu erkämpfen. So den Narren und zugleich den fahrenden Ritter zu spielen, wie sein irischer Freund es tat, würde eine wahre Qual für ihn gewesen sein, selbst die halb offizielle Rolle, die er an jenem Nachmittag spielte, war ihm recht peinlich. Nichts war ihm lieber, als wenn jemand ihn überzeugen konnte, es sei seine Pflicht, eine Sache laufenzulassen.

Cyrus Pym gehörte hingegen einem Lande an, wo Dinge möglich sind, die in England als verrückt gelten würden. Es existieren in Amerika wirklich Verordnungen und Behörden, die genauso närrisch sind wie einer von Innozenz' Streichen oder eine von Michaels Satiren. Verordnungen, die mit der größten Selbstverständlichkeit von Schutzleuten aufrechterhalten und hastenden Geschäftsleuten auferlegt werden. Pym waren ganze Staaten bekannt, die unendlich groß und doch verborgen und wunderlich sind. Jeder dieser Staaten ist so groß wie eine Nation und doch so abgeschieden wie ein einsam liegendes Dorf. Staaten, wo kein Mensch eine Zigarette haben kann, Staaten, wo jeder Mann zehn Frauen besitzen darf, Staaten, wo es strenge Verbote gibt, und wiederum Staaten, wo die Ehescheidungsgesetze locker sind... durch alle diese im großen Maßstabe ausgeführten närrischen Einfälle hatte Cyrus Pym ein größeres Verständnis für kleinere närrische Einfälle in einem kleineren Lande gewonnen. Da er unendlich viel weiter von England entfernt gelebt hatte als irgendein Bewohner Rußlands oder Italiens, so war er nicht imstande, die englischen Sitten zu begreifen, und deshalb konnte er die soziale Unmöglichkeit des Gerichtshofes von Leuchtfeuer nicht einsehen. Alle bei diesem Experiment Beteiligten waren fest davon überzeugt, daß Pym bis zum Schluß an diesen phantomhaften Gerichtshof glaubte und ihn für irgendeine britische Institution hielt.

Der Versammlung, die jetzt an einen toten Punkt gelangt war, näherte sich durch die zunehmende Dämmerung eine kleine dunkle Gestalt. Etwas an diesem Wesen, das ihm zu gleicher Zeit vertraut und doch nicht dazugehörig vorkam, veranlaßte Michael, in einen noch lebhafteren Redestrom auszubrechen.

»Ach, da ist der kleine Gould«, rief er aus. »Genügt nicht sein bloßer Anblick, um alle eure krankhaften Vorstellungen zu verbannen?«

»Aber ich kann durchaus nicht begreifen«, meinte Dr. Warner, »was Herr Gould mit dieser Angelegenheit zu tun hat, und ich frage noch einmal...«

»Hallo! Wer wird hier beerdigt, meine Herren?« fragte der Neuangekommene, mit der Miene eines übermütigen Schiedsrichters. »Wünscht der Doktor etwas? Das ist immer so in einer Pension, wissen Sie. Immer eine Menge Nachfragen, aber kein Bedarf.«

So taktvoll und objektiv, wie es ihm nur möglich war, setzte Michael die Lage auseinander und gab im großen und ganzen zu verstehen, daß Smith sich gewisser gefährlicher und zweifelhafter Handlungen schuldig gemacht hatte und daß man behauptet habe, er sei verrückt.

»Nu, ob er es ist«, sagte Moses Gould gelassen, »um das herauszufinden, braucht man keinen Sherlock Holmes! Über das falkenartige Gesicht von Sherlock Holmes«, fügte er behaglich hinzu: »glitt eine leichte Enttäuschung, als er merkte, daß der Bluthund Gould schon vor ihm da war.«

»Wenn er verrückt ist«, begann Inglewood.

»Nun«, sagte Moses, »wenn einer in der ersten Nacht gleich aufs Dach kriecht, pflegt bei ihm meistens im Oberstübchen etwas nicht zu stimmen.«

»Sie fanden bis jetzt nichts Besonderes darin«, sagte Diana Duke leicht pikiert, »und Sie sind doch sonst nicht so zurückhaltend mit Ihren Beschwerden.«

»Ich beschwere mich auch nicht«, sagte Moses edelmütig, »es ist doch ein ganz harmloser Kerl – man könnte ihn vielleicht hier im Garten anbinden, damit er Skandal macht und die Einbrecher verscheucht.«

»Moses«, sagte Moon mit feierlicher Inbrunst, »Sie sind die Verkörperung des gesunden Menschenverstandes. Sie halten Herrn Innozenz für verrückt. Gestatten Sie, daß ich Sie der Verkörperung der wissenschaftlichen Theorie vorstelle. Sie hält Herrn Innozenz auch für verrückt. – Herr Doktor, ich stelle Ihnen meinen Freund, Herrn Gould, vor – Moses, das ist der berühmte Doktor Cyrus Pym.« Der berühmte Dr. Cyrus Pym schloß die Augen und verbeugte sich. Er murmelte auch mit leiser Stimme die Begrüßung, die seiner Nation eigen ist: »Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

»Nun könnt ihr beide«, sagte Michael vergnügt, »da ihr doch beide denkt, daß unser armer Freund verrückt ist, in das Haus dort hineingehen und es beweisen. Welche Vereinigung könnte mächtiger sein als die der wissenschaftlichen Theorie mit der des gesunden Menschenverstandes? Vereint steht ihr, geteilt fallt ihr. Ich will nicht etwa so unhöflich sein und andeuten, daß Dr. Pym keinen gesunden Menschenverstand besitzt. Ich beschränke mich nur darauf, den chronologischen Zufall festzustellen, daß er uns bis jetzt noch keine Beweise davon gegeben hat. Und was Moses anbetrifft, so könnte ich, wenn ich als alter Freund mir die Freiheit zu dieser Bemerkung nehmen darf, mein letztes Hemd dafür einsetzen, daß er keine Ahnung von wissenschaftlicher Theorie hat. Doch bin ich bereit, vor dieser starken Koalition zu erscheinen, nur mit einer Intuition bewaffnet – was amerikanisch gleichbedeutend mit Erraten ist.«

»Herrn Goulds Beistand ehrt mich«, sagte Pym und öffnete plötzlich die Augen. »Man hat mir zu verstehen gegeben, daß, obwohl er und ich dieselbe Diagnose gestellt haben, doch trotzdem eine Uneinstimmigkeit zwischen uns besteht, etwas, was vielleicht so zu nennen wäre...« Er legte den Daumen an die Spitze seines Zeigefingers, breitete die anderen Finger vornehm in die Luft und schien darauf zu warten, daß ein anderer den Satz vollende.

»Fliegenfangen vielleicht?« schlug der entgegenkommende Moses vor.

»Nein – eine Abweichung«, sagte Dr. Pym, mit einem vornehmen Seufzer der Erleichterung; »eine Abweichung. Zugegeben, daß der in Frage kommende Mann geistesgestört ist, darum braucht er noch nicht das zu sein, was die Wissenschaft mit einem mordlustigen Irrsinnigen bezeichnet...«

»Ist es Ihnen nicht eingefallen«, bemerkte Moon, der noch immer am Gitter lehnte, ohne sich umzudrehen, »wieso er, wenn er ein mordlustiger Irrsinniger ist, uns nicht alle hier, während wir uns unterhalten, umgebracht hat?«

In allen den Köpfen explodierte etwas lautlos, wie versiegeltes Dynamit in vergessenen Kellern. Jetzt erinnerten sie sich alle zum ersten Male seit einer oder zwei Stunden daran, daß das Ungeheuer, von dem sie sprachen, die ganze Zeit schweigend zwischen ihnen gestanden hatte. Wie eine Gartenstatue hatten sie ihn im Garten stehen lassen; ein Delphin hätte sich um seine Beine schlingen oder ein Springbrunnen aus seinem Munde sprudeln können, so wenig hatten sie Innozenz beachtet. Mit seinem Schopf blonden Haares, das der Wind zerzaust und ihm ein wenig ins Gesicht geweht hatte, mit seinen roten Backen und den etwas kurzsichtigen Augen, stand er geduldig da und starrte auf die Erde, die breiten Schultern hochgezogen und die Hände in die Hosentaschen gesteckt. Soviel sie sehen konnten, hatte er sich überhaupt noch nicht bewegt. Sein grüner Rock hätte aus dem grünen Rasen, auf dem er stand, geschnitten sein können. In Smiths Schatten hatte Pym Vorträge gehalten, hatte Rosamund protestiert, hatte Michael Tiraden geschwungen und Moses geschwatzt. Wie in Stein gehauen, war er unbeweglich geblieben; der Gott des Gartens. Ein Sperling hatte sich auf eine seiner breiten Schultern gesetzt und war, nachdem er sein Federkleid in Ordnung gebracht hatte, weggeflogen.

»Nun«, rief Michael mit schallendem Gelächter, »der Gerichtshof von Leuchtfeuer hat die Sitzung eröffnet – und sie gleich wieder geschlossen. Ihr wißt jetzt alle, daß ich recht habe. Euer vergrabener gesunder Menschenverstand hat Euch gerade das gesagt, was mein vergrabener gesunder Menschenverstand mir gesagt hatte. Wenn Smith statt einer Pistole hundert Kanonen abgefeuert hätte, würdet ihr trotzdem ebensogut wie ich wissen, daß Smith harmlos ist. Also jetzt wollen wir alle ins Haus zurückgehen und ein Zimmer für die Diskussion ausräumen. Denn der Hohe Gerichtshof von Leuchtfeuer, der bereits eine Entscheidung gefaßt hat, wird nun mit der Untersuchung beginnen.«

»Also los!« rief der kleine Moses, der sich in einer Art merkwürdiger, unbegründeter Aufregung zu befinden schien, wie sie ein Tier bei Musik oder bei Gewitter äußert. »Mir nach zu dem Hohen Gerichtshof, der euch alle möglichen Genüsse bieten wird! Mir nach, meine Mädels!«

Da aber die Mädels keine Neigung zeigten, ihm zu folgen, tänzelte er in größter Aufregung voraus. Er war um den ganzen Garten herumgelaufen, bevor er wieder auftauchte, atemlos, aber noch strahlend. Moon hatte den Mann richtig beurteilt, als er sich klarmachte, daß niemand, der Moses Gould kennenlernte, ganz ernst bleiben konnte, selbst wenn er wütend wäre. Die Glastüren waren an der Seite geöffnet, an der Moses Gould stand, und da die Füße dieses fröhlichen Narren augenscheinlich sich dieser Richtung zuwandten, gingen alle anderen den gleichen Weg, und zwar einstimmig, einem übermütigen Festzug gleich. Nur Diana Duke bewahrte genügend Festigkeit, um das zu sagen, was seit den letzten paar Stunden auf ihren stolzen Lippen gebrannt hatte. Solange die Angelegenheit drohte, eine Tragödie zu werden, hatte sie die Worte als gefühllos zurückgehalten. »Dann also«, sagte sie schroff, »können diese Droschken fortgeschickt werden.«

»Ja, aber Innozenz muß doch seine Tasche erst zurückbekommen«, sagte Mary mit einem Lächeln, »der Droschenkutscher wird sie uns wohl herunterreichen.«

»Ich werde die Tasche holen«, sagte Smith und sprach seit Stunden zum erstenmal. Seine Stimme klang fern und rauh, etwa wie die Stimme einer Statue.

Allen denjenigen, die um den unbeweglichen Mann so lange herumgehüpft waren und sich über ihn gestritten hatten, versagte der Atem über seine plötzliche Hast. Mit einem Satz war er aus dem Garten, in der Straße, mit einem Sprung war er tatsächlich auf dem Dach der Droschke. Der Kutscher stand gerade bei dem Pferd und hatte dem Tier den leeren Futtersack abgenommen. Smith schien einen Augenblick lang auf dem Dach der Droschke hin und her zu rollen, während er von seiner eigenen Reisetasche gleichsam umarmt wurde. Im nächsten Augenblick jedoch war er wie durch einen glücklichen Zufall auf den hohen Kutschersitz dahinter gerollt, und mit einem plötzlichen durchdringenden Schrei hatte er das Pferd angetrieben, das in wilder Jagd die Straße hinunterraste.

Sein Verschwinden vollzog sich so plötzlich und rasch, daß jetzt die anderen an der Reihe waren, wie Gartenstatuen auszusehen. Herr Moses Gould jedoch, der physisch und geistig ungeeignet war, lange als Skulptur zu dienen, kehrte zuerst ins Leben zurück. Er wandte sich an Moon mit der Miene eines Mannes, der eine Unterhaltung mit einem Fremden auf einem Omnibus anknüpft und bemerkte: »Schraube los, was? Jedenfalls Droschke los!« Eine unheimliche Stille folgte, und dann sagte Dr. Warner mit einem Hohn, der wie ein Keulenschlag wirkte:

»So! Das kommt von Ihrem Gerichtshof von Leuchtfeuer! Sie haben einen Verrückten auf die Menschheit losgelassen.«

Wie schon gesagt worden ist, stand Haus Leuchtfeuer am Ende einer langen, halbkreisförmigen Reihe von Häusern. Der kleine Garten, der es umgab, bildete ein Dreieck, dessen Spitze wie ein grünes Kap in das Meer der beiden angrenzenden Straßen hinauslief. Smith und seine Droschke schossen auf der einen Seite des Dreiecks hinauf, und sicher erwartete keiner von den im Garten Stehenden, ihn jemals wiederzusehen. An der Spitze des Dreiecks jedoch lenkte er das Pferd scharf um und fuhr mit gleichem Ungestüm an der anderen Seite des Gartens entlang, der ganzen Gruppe sichtbar. Von dem gleichen Impuls getrieben, lief die kleine Gesellschaft über den Rasen, gleichsam, um ihn anzuhalten, aber bald mußten sie sich ducken und zurückweichen. Gerade als er die Straße zum zweitenmal hinauffuhr und verschwand, ließ er die große gelbe Reisetasche aus der Hand fliegen, so daß sie mitten in den Garten fiel und wie eine Bombe die Gesellschaft zersprengte und dabei Dr. Warners Hut zum drittenmal fast ruinierte. Lange bevor sie sich wieder gesammelt hatten, war die Droschke mit einem Schrei, der in ein Flüstern ausklang, davongerast.

»Nun«, sagte Michael Moon mit einem eigentümlichen Klang in der Stimme, »jetzt könnten wir eigentlich alle hineingehen, es fängt an kalt und dunkel zu werden. Wir haben wenigstens zwei Andenken an Herrn Smith, seine Braut und seine Reisetasche.«

»Weshalb möchten Sie denn, daß wir hineingehen?« fragte Artur Inglewood, dessen gerötete Stirn und zerzaustes braunes Haar verrieten, daß seine Verzweiflung den Höhepunkt erreicht hatte.

»Ich möchte, daß alle die anderen hineingehen«, sagte Michael mit klarer Stimme, »weil ich den ganzen Garten brauche, um mit Ihnen zu sprechen.«

Eine Unschlüssigkeit machte sich bemerkbar; es wurde wirklich kälter, und der Nachtwind begann bereits in den paar Bäumen des Gartens zu spielen. Jedoch lag in der Stimme von Dr. Warner, der jetzt sprach, keine Spur von Unentschlossenheit.

»Ich weigere mich, auf irgendeinen derartigen Vorschlag zu hören«, erklärte er, »Sie haben diesen Schurken entkommen lassen, und ich muß ihn wiederfinden.«

»Ich verlange gar nicht, daß Sie auf irgendeinen Vorschlag hören«, sagte Moon ruhig. »Ich verlange nur, daß Sie mir zuhören.«

Er machte eine schweigengebietende Bewegung, und sofort konnte man das pfeifende Geräusch, das in den dunklen Straßen auf der einen Seite des Hauses verhallt war, wieder von einer ganz anderen Richtung her vernehmen. Durch das nächtliche Labyrinth der Straßen steigerte sich der Lärm mit unglaublicher Schnelligkeit, und im nächsten Augenblick hielten vor dem blauangestrichenen Gitter die fliegenden Hufe und blitzenden Räder dort, wo sie ursprünglich gehalten hatten. Mit zerstreuter Miene stieg Herr Smith von seinem hohen Sitz herab, und nachdem er den Garten betreten hatte, stellte er sich wieder mit derselben elefantenmäßigen Schwerfälligkeit wie vorher auf.

»Geht hinein! Geht hinein!« rief Moon ausgelassen, und wie einer, der eine Schar Katzen wegjagt: »Schnell! Schnell! Los! Los! Ich sagte doch, ich wollte mit Inglewood sprechen!«

Wie er es fertiggebracht hatte, sie alle ins Haus zu treiben, das ist hinterher schwer zu sagen. Sie waren an einem Punkt angelangt, wo sie von allen diesen Narreteien so erschöpft waren, wie Leute bei einer Komödie vor Lachen krank sind, und das plötzliche Zunehmen des Sturmes, der die Bäume schüttelte, schien dem ganzen Vorgang die Schlußnote zu geben. Inglewood blieb hinter den anderen zurück und sagte mit einer gewissen liebenswürdigen Verzweiflung: »Sagen Sie mal, möchten Sie mich wirklich sprechen?«

»Ja«, sagte Michael, »sehr dringend sogar.«

Die Nacht war schneller gekommen, als das Zwielicht es verheißen hatte. Während der Himmel für das Auge noch einen hellgrauen Eindruck machte, tauchte plötzlich hinter der Masse von Dächern und Bäumen ein riesiger, leuchtender Mond auf, der durch seinen Kontrast den Himmel bereits dunkelgrau zeigte. Ein Haufen von trockenen Blättern, die über den Rasen wehten und eine Masse zerrissener Wolken, die über den Himmel getrieben wurden, schienen beide von demselben starken und doch mühselig kämpfenden Wind aufgewirbelt worden zu sein.

»Artur«, sagte Michael, »zuerst hatte ich nur eine Intuition, aber jetzt bin ich meiner Sache sicher. Wir beide werden Ihren Freund vor diesem wunderbaren Gerichtshof von Leuchtfeuer verteidigen und ihn auch von dem Stigma des Verbrechens und des Wahnsinns reinwaschen. Hören Sie mir einen Augenblick zu, ich muß Ihnen einen Vortrag halten.« Sie gingen in dem immer dunkler werdenden Garten auf und ab, und Michael Moon begann:

»Können Sie die Augen schließen«, fragte er, »und sich jene alten eigentümlichen Hieroglyphen vorstellen, wie sie die weißen Mauern in den alten heißen Ländern bedecken? Wie steif und doch wie farbenfreudig waren sie! Denken Sie sich irgendein Alphabet von phantastischen Zeichen in Schwarz und Rot oder Weiß und Grün gemalt und davor eine Menge Semiten, Vorfahren Goulds, die diese Buchstaben anstarren, und versuchen Sie zu begreifen, warum sie dieses Alphabet überhaupt zusammenstellten!«

Inglewoods erster Gedanke war, sein sonderbarer Freund habe tatsächlich zu guter Letzt den Verstand verloren. Es schien ein so gewaltiger Gedankensprung von den bemalten Mauern der Tropen, die er sich vorstellen sollte, bis zu dem grauen, windgefegten und etwas kühlen Vorortgarten, in welchem er augenblicklich so zwecklos herumlief. Wieso er in der einen Umgebung glücklicher sein sollte, wenn er sich die andere vorstellte, konnte er nicht begreifen. Beide waren (jedes für sich) unangenehm.

»Wieso gibt jeder Mensch Rätsel auf, auch wenn er die Lösung vergessen hat?« fuhr Moon plötzlich fort. »Rätsel sind eigentlich leicht zu behalten, weil sie schwer zu erraten sind. Darum konnten die Leute jene alten Symbole in schwarzen, roten und grünen Farben leicht behalten, weil sie so schwer zu erraten gewesen waren. Ihre Farben waren deutlich und klar, ihre Formen auch, alles war klar, außer der Bedeutung der Symbole.«

Inglewood war im Begriff, den Mund zu öffnen, um einen liebenswürdigen Protest auszusprechen, aber Moon fuhr fort, während er den Garten immer schneller auf und ab raste und immer eifriger rauchte. »Tänze auch«, sagte er, »Tänze waren nicht frivol. Tänze waren schwerer zu verstehen als Inschriften und Texte. Die alten Tänze waren steif, zeremoniell, farbenfreudig, aber lautlos. Haben Sie irgend etwas Eigentümliches an Smith bemerkt?«

»Ist das eine Frage!« rief Inglewood und konnte vor Lachen nicht weitergehen. »Fragen Sie lieber, ob ich außerdem etwas an ihm bemerkt habe.«

»Haben Sie aber folgendes an ihm bemerkt?« beharrte Moon unerschütterlich, »nämlich daß er so viel getan und so wenig gesagt hat? Als er zuerst erschien, sprach er zwar, aber in atemloser, abgerissener Weise, als wäre er gar nicht an das Sprechen gewöhnt. Alle seine Äußerungen waren eigentlich Handlungen – er malte rote Blumen auf schwarze Gewänder und warf gelbe Taschen auf das Gras. Ich sage Ihnen, diese große grüne Gestalt ist sinnbildlich – so wie irgendeine grüne Hieroglyphe auf irgendeiner weißen orientalischen Mauer.«

»Mein lieber Michael«, rief Inglewood mit zunehmender Gereiztheit, die sich mit dem zunehmenden Wind steigerte, »Sie werden lächerlich und exzentrisch.«

»Ich denke an das, was sich gerade ereignet hat«, beharrte Michael. »Der Mann hat seit Stunden nicht gesprochen, und doch hat er die ganze Zeit geredet. Er feuerte drei Schüsse aus einem sechsläufigen Revolver ab, und dann gab er ihn uns, obgleich er uns, wie wir hier gehen und stehen, hätte erschießen können. Wie hätte er besser sein Vertrauen zu uns ausdrücken können? Er wollte von uns verhört werden. Wie konnte er es besser zeigen, als ganz still zu stehen und über sich verhandeln zu lassen? Er wollte zeigen, daß er freiwillig blieb und leicht entkommen konnte, wenn er wollte. Wie hätte er es besser beweisen können, als indem er in der Droschke ausrückte und wieder zurückkam? Innozenz ist kein Wahnsinniger – er ist ein Ritualist. Nicht mit dem Mund, sondern mit den Armen und Beinen möchte er seine Gedanken zum Ausdruck bringen – nach den Worten des Traugottesdienstes: ›mit meinem Leibe bete ich dich an‹. Ich beginne jetzt die alten Spiele und Festzüge zu verstehen. Nun begreife ich, weshalb die Leichendiener stumm sind. Ich sehe jetzt auch ein, warum die Statisten stumm sind. Durch ihre Stummheit wollen Sie etwas ausdrücken, und Smith will ebenfalls etwas damit sagen. Sonst sind Possen lärmend, so wie zum Beispiel Goulds Possen. Die einzigen Leute, die stumme Possen spielen, sind die Schabernackspieler; wenn man es richtig überlegt, ist der arme Smith ein allegorischer Schabernackspieler. Was er in diesem Haus angestellt hat, ist so toll wie ein Kriegstanz, aber so schweigsam wie ein Gemälde gewesen.«

»Ich vermute, Sie wollen damit sagen«, bemerkte der andere zweifelnd, »wir müßten dahinterkommen, was alle seine Verbrechen zu bedeuten haben, als wären sie soundso viele bunte Bilderrätsel. Aber gesetzt den Fall, sie bedeuten etwas... nun, um Himmels willen!...«

Als er gedankenlos um eine Ecke im Garten bog und die Augen zum Monde erhob, der jetzt groß und leuchtend am Himmel stand, erblickte er eine riesige halbmenschliche Gestalt, die auf der Gartenmauer saß. Sie hob sich so scharf vom Monde ab, daß Inglewood im ersten Moment bezweifelte, ob es ein Mensch sei, denn die hochgezogenen Schultern und das gesträubte Haar verliehen der Gestalt eher das Aussehen einer großen Katze. Sie ähnelte insofern auch einer Katze, als sie aufgescheucht aufsprang und oben auf der Mauer leichtfüßig entlanglief. Jedoch als dieses Wesen zu laufen begann, dachte man unwillkürlich beim Anblick der breiten Schultern und des kleinen gebeugten Kopfes an einen Pavian. Aber kaum war die Gestalt in erreichbare Nähe eines Baumes gelangt, als sie einen affenartigen Sprung vollführte und in den Zweigen verschwand. Inzwischen war der Sturm so heftig geworden, daß er jeden Strauch im Garten schüttelte und das Erkennen noch schwieriger machte, denn die hin und her wogenden Arme des Flüchtlings waren nicht von den unzähligen, hin und her wogenden Armen des Baumes zu unterscheiden.

»Wer ist da?« rief Artur laut. »Wer sind Sie? Sind Sie Innozenz?«

»Nicht ganz, denn Innozenz heißt ›unschuldig‹«, antwortete eine verborgene Stimme aus den Blättern, »und ich habe Sie einmal um ein Federmesser betrogen.«

Der Wind hatte noch an Heftigkeit zugenommen und warf nun den Baum mit dem Mann darauf hin und her, gerade wie er es an jenem heiteren goldenen Nachmittag getan hatte, als der Fremde angekommen war.

»Aber sind Sie Smith?« fragte Inglewood wie in Todesqualen.

»Beinahe«, sagte die Stimme aus dem schwankenden Baum.

»Aber Sie müssen doch einige richtige Namen haben«, schrie Inglewood verzweifelt. »Sie müssen sich doch irgendwie benennen.«

»Mich irgendwie benennen«, donnerte der Verborgene und schüttelte den Baum so, daß alle seine zehntausend Blätter auf einmal zu sprechen schienen: »Ich nenne mich Roland Oliver Jesaiah Charlemagne Artur Hildebrand Homer Danton Michelangelo Shakespeare Brakespeare...«

»Aber Menschenskind!« begann Inglewood aufs höchste verärgert.

»Sie haben es getroffen! Sie haben es getroffen! Sie haben es getroffen!« brüllte es aus dem schaukelnden Baum, »das ist mein richtiger Name.« Und er brach einen Zweig ab, und ein oder zwei Herbstblätter flatterten über den Mond hinweg.

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