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Gilbert Keith Chesterton: Menschenskind - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorGilbert Keith Chesterton
titleMenschenskind
publisherVerlag Herder KG
translatorN. Collin
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Der Garten des Gottes

Das plötzliche Eintreten des anderen jungen Mädchens und ihr Bericht schienen Diana Duke merkwürdig zu reizen.

»Nun«, meinte sie kurz, »ich nehme an, Fräulein Gray kann ihn abweisen, wenn sie ihn nicht heiraten will.«

»Aber sie will ihn ja heiraten!« rief Rosamund außer sich. »Sie ist eine ganz leichtfertige Närrin, und ich will mich nicht von ihr trennen.«

»Das mag sein«, sagte Diana eisig, »aber ich begreife nicht, was wir dazu tun können.«

»Der Mann ist ja übergeschnappt, Diana«, entgegnete ihre Freundin zornig. »Ich kann es doch nicht zulassen, daß meine nette Gesellschafterin einen Verrückten heiratet. Du oder irgend jemand muß es unbedingt verhindern! – Herr Inglewood, Sie sind ein Mann, gehen Sie und sagen Sie ihnen, daß es absolut unmöglich ist.«

»Leider scheint es mir, daß es absolut möglich ist«, meinte Inglewood bedrückt. »Ich habe viel weniger das Recht, Einspruch zu erheben, als Fräulein Duke, und dann ist auch mein moralischer Einfluß viel geringer als der ihre.«

»Sie haben alle beide nicht viel«, rief Rosamund, und ihr bisher mühsam zurückgehaltener und berüchtigter Jähzorn brach durch. »Ich sehe, ich muß mich woanders hinwenden, um etwas Verstand und Mut zu finden. Ich glaube, ich weiß jemand, der mir jedenfalls mehr helfen wird als Sie... er ist zwar ein rechthaberisches Ekel, aber er ist ein Mann und weiß, was er will...« Sie drehte den Sonnenschirm wie ein Feuerrad und stürzte mit glühenden Wangen in den Garten.

Sie fand Michael Moon unter dem Baum im Garten, wo er über die Hecke spähte. Mit hochgezogenen Schultern stand er da und sah mit seiner großen Pfeife, die über sein langes blaues Kinn hing, wie ein Raubvogel aus. Nach dem Unsinnigen dieser neuen Verlobung und der Unbeständigkeit ihrer anderen Freunde gefiel ihr gerade die Härte seines Gesichtsausdrucks.

»Es tut mir leid, daß ich so unfreundlich war, Herr Moon«, sagte sie offen. »Ich konnte Sie Ihres Zynismus wegen nicht ausstehen, aber ich bin tüchtig dafür bestraft worden; denn ein Zyniker ist gerade das, was ich jetzt brauche. Ich habe die Sentimentalität satt – sie steht mir bis an den Hals. Die Welt ist verrückt geworden, Herr Moon – mit Ausnahme der Zyniker, glaube ich. Dieser verrückte Smith will meine alte Freundin Mary heiraten, und sie – sie – sie scheint ganz damit einverstanden zu sein.«

Als sie sah, daß er, obgleich er ihr aufmerksam zuhörte, ruhig weiterrauchte, fügte sie gereizt hinzu: »Ich spaße nicht, da draußen steht Herrn Smiths Droschke. Er schwört, daß er Mary jetzt sofort zu seiner Tante hinbringen und sich dann einen Heiratskonsens beschaffen wird. Geben Sie mir einen vernünftigen Rat, Herr Moon.«

Herr Moon nahm die Pfeife aus dem Mund, hielt sie einen Augenblick nachdenklich in der Hand, und dann warf er sie fort. »Mein vernünftiger Rat besteht darin«, sagte er, »daß Sie ihn ruhig nach seinem Heiratskonsens gehen lassen und ihn bitten sollten, einen zweiten für Sie und mich zu besorgen.«

»Soll das wieder einer Ihrer Witze sein?« fragte die junge Dame. »Sagen Sie mir doch, was Sie wirklich meinen.«

»Ich meine, daß Innozenz Smith ein Geschäftsmann ist«, sagte Moon, langsam und schwerfällig, »– ein schlichter, praktischer Mann, ein Geschäftsmann, ein Mann der Tatsachen und der Klarheit. Er hat mir zwanzig Zentner Bausteine plötzlich auf den Kopf fallen lassen, und ich freue mich, sagen zu können, daß sie mich aufgeweckt haben. Bis vor kurzem schliefen wir auf diesem Rasenplatz hier in diesem selben Sonnenschein. Wir haben ein fünfjähriges Schläfchen gemacht, aber jetzt werden wir uns verheiraten, Rosamund, und ich sehe nicht ein, warum diese Droschke...«

»Ich weiß wirklich nicht, was Sie meinen«, beharrte Rosamund.

»Aber Sie lügen!« rief Michael und ging mit funkelnden Augen auf sie zu, »an und für sich habe ich nichts gegen Lügen, aber sehen Sie denn nicht ein, daß sie heute abend nicht angebracht sind? Wir sind jetzt in eine Welt von Wirklichkeit geraten, mein Mädel! Das Gras, das wächst, die Sonne, die untergeht, und diese Droschke, die vor der Tür steht, sind Wirklichkeiten. Bis jetzt haben Sie sich gequält und damit entschuldigt, daß Sie sagten, ich liefe Ihrem Gelde nach und hätte Sie nicht wirklich lieb. Aber wenn ich jetzt hier stände und sagte, ich liebte Sie nicht – würden Sie es mir nicht glauben: denn heute abend herrscht Wahrheit in diesem Garten.«

»Wirklich, Herr Moon...«, sagte Rosamund schon nachgiebiger.

Er starrte sie mit seinen großen, blauen, bezwingenden Augen an. »Heiße ich wirklich Moon?« fragte er. »Heißen Sie wirklich Hunt? Bei meiner Ehre, diese Namen klingen mir so sonderbar und fremd, als wären sie die Namen von Indianern. Mir ist so, als hießen Sie ›Schwimmerin‹ und ich ›Sonnenaufgang‹. Aber unsere richtigen Namen sind Mann und Weib, wie sie es waren, als wir damals einschliefen.«

»Es nützt nichts«, sagte Rosamund mit wirklichen Tränen in den Augen, »man kann niemals zurück.«

»Ich kann machen, was mir paßt«, rief Michael, »und ich kann Sie auf meinen Schultern forttragen.«

»Aber Michael, Sie müssen nun wirklich aufhören und überlegen!« rief das Mädchen ernst. »Ich glaube gern, daß Sie mich forttragen könnten und mich mit Leib und Seele mitreißen, aber es würde trotz alledem eine schlimme Geschichte daraus entstehen. Diese Art, die Dinge so romantisch zu überstürzen, wie Herr Smith es tut, mag für manche Frauen etwas Anziehendes haben, das will ich nicht leugnen. Wie Sie richtig bemerkten, sagen wir uns heute abend alle die Wahrheit. Die arme Mary ist das erste Opfer. Mich zieht diese Art auch an, Michael. Aber die nüchterne Tatsache bleibt bestehen: Unvorsichtig geschlossene Ehen führen doch immer zu Unglück und Enttäuschung – Sie haben sich ans Trinken und andere Dinge gewöhnt – ich werde nicht mehr lange hübsch sein...«

»Unvorsichtig geschlossene Ehen«, brüllte Michael. »Und können Sie mir bitte sagen, wo auf Erden oder im Himmel vorsichtig geschlossene Ehen gemacht werden? Man könnte ebensogut von einem vorsichtigen Selbstmord sprechen. Sie und ich sind schon lange genug umeinander herumgegangen, und sind wir einer des anderen sicherer als Smith und Mary Gray es sind, die sich gestern abend erst begegneten? Vor der Ehe kennt keine Frau ihren Mann. Unglücklich? Natürlich werden Sie unglücklich sein! Wer zum Teufel sind Sie, daß Sie nicht unglücklich sein sollten wie die Mutter, die Sie geboren hat? Enttäuscht? Natürlich werden wir enttäuscht sein. Ich zum Beispiel glaube nicht, daß ich bis zu meinem Tode ein so guter Mann sein werde, wie ich es in dieser Minute bin; denn jetzt bin ich tausend Fuß hoch – ein Turm, von dem alle Fanfaren blasen.«

»Sie sehen das alles ein«, sagte Rosamund mit edler Aufrichtigkeit auf ihrem ruhigen Gesicht, »und wollen mich wirklich heiraten?«

»Was kann man sonst tun, mein Liebling?« versuchte der Ire sie zu überzeugen. »Welche bessere Beschäftigung gäbe es für einen tätigen Mann auf dieser Welt, als Sie zu heiraten? Ist man nicht vor die Wahl gestellt, entweder zu schlafen oder zu heiraten? Es bedeutet nicht die Freiheit, Rosamund. Wenn Sie sich nicht mit Gott vermählen, wie es unsere Nonnen in Irland tun, müssen Sie einen Mann heiraten – mich also! Als Drittes bleibt, sich selbst zu heiraten – sich selbst zu leben – sich selbst – sich selbst – sich selbst – das ist der einzige Gefährte, der niemals zufrieden ist – und niemals befriedigt.«

»Michael«, sagte Fräulein Hunt sehr sanft, »wenn du nicht so viel redest, werde ich dich heiraten.«

»Es ist auch keine Zeit zum Reden!« rief Michael Moon; »Singen ist das einzig richtige. Kannst du deine Mandoline nicht auftreiben, Rosamund?«

»Geh und hol sie mir!« sagte Rosamund gebieterisch und brüsk.

Der nachlässig dastehende Herr Moon blieb eine halbe Sekunde verblüfft und regungslos; dann schoß er über den Rasen, als hätte er die befederten Schuhe aus einem griechischen Märchen an den Füßen.

Mit einem Satz war er leicht über drei Meter Rasen und fünfzehn Margeriten hinweggesprungen; aber als er noch ein oder zwei Meter von den offenen Glastüren des Wohnzimmers entfernt war, wurden seine beflügelten Füße wieder wie gewöhnlich bleischwer. Er drehte sich um und kam langsam und pfeifend zurück. Die Geschehnisse dieses verzauberten Abends hatten noch nicht ihr Ende erreicht.

In dem dunklen Wohnzimmer, in das Moon einen flüchtigen Blick geworfen hatte, war in dem Augenblick, nachdem Rosamund es stürmisch verlassen hatte, etwas Seltsames geschehen, und was geschehen war, schien Artur Inglewood eine Umkehrung des Himmels und der Erde, die Decke war das Meer und der Fußboden die Sterne. Worte können sein Erstaunen darüber nicht ausdrücken, denn alle schlichten Männer setzt ein solcher Anblick in grenzenloses Erstaunen. Doch anscheinend genügt ein Blättchen Papier oder ein Blättchen Stahl, den unbeugsamsten weiblichen Stoizismus zum Kapitulieren zu bringen. Es ist kein Zeichen von einem Sichergeben, weit weniger noch von Sympathie. Die härteste und rücksichtsloseste Frau kann anfangen zu weinen, genau wie der weichlichste Mann sich einen Bart wachsen lassen kann. Es hat nichts mit dem Geschlecht zu tun und ist absolut kein Beweis für die Charakterstärke der Betreffenden. Aber junge Leute, die so wenig Ahnung von Frauen haben wie Artur Inglewood, mußte der Anblick der weinenden Diana Duke so seltsam berühren, als hätte ein Auto plötzlich angefangen, Benzintränen zu vergießen.

Selbst wenn seine wahrhaft männliche Bescheidenheit es ihm gestattet hätte, so hätte er sich niemals vorher die unklarste Vorstellung davon machen können, wie er sich bei diesem unerwarteten Ereignis benehmen würde. Er handelte wie Menschen bei einem Theaterbrand, nämlich – ganz anders, als sie es sich vorher ausmalen – ob besser oder schlechter, ist nicht zu sagen –, jedenfalls ganz anders. Er erinnerte sich nur unklar an manche halberstickte klagende Ausrufe, wie zum Beispiel daß die Erbin die einzig richtig Zahlende sei und daß, wenn sie die Pension verließe, der Gerichtsvollzieher bestimmt kommen würde. Aber nachher wußte er nichts mehr von seinem eigenen Benehmen, nur konnte er sich an die Proteste, die es hervorrief, erinnern.

»Lassen Sie mich, Herr Inglewood – lassen Sie mich, Herr Inglewood, so können Sie mir nicht helfen!«

»Aber ich kann Ihnen helfen«, beharrte Artur, »ich kann es, ich kann es, ich kann es.«

»Aber Sie sagten doch«, rief das junge Mädchen, »daß Sie schwächer sind als ich!«

»Das bin ich auch«, sagte Artur bewegt, »aber in diesem Augenblick nicht.«

»Lassen Sie meine Hände los!« rief Diana, »ich lasse mich nicht tyrannisieren.«

In einer Beziehung war er wirklich stärker als sie – er besaß mehr Humor. Dieser erwachte plötzlich in ihm, und lachend sagte er: »Ich finde, du bist gemein. Du weißt ganz gut, daß du mich mein ganzes Leben hindurch tyrannisieren wirst. Da könntest du es wirklich einem Manne gönnen, eine Minute in seinem Leben der Tyrann zu sein.«

Sie lachen zu hören war für ihn so ungewöhnlich, wie sie weinen zu sehen, und zum ersten Male seit ihrer Kindheit war Diana unüberlegt.

»Meinst du etwa, daß du mich heiraten willst?« fragte sie.

»Aber sieh mal, da steht ja eine Droschke vor der Tür«, rief Inglewood und sprang mit unbewußter Energie auf und öffnete hastig die Glastüren, die in den Garten führten.

Als er sie bei der Hand nahm und sie hinausführte, wurde ihnen merkwürdigerweise zum ersten Male klar, daß das Haus und der Garten auf einer Anhöhe über London lagen. Sie hatten beide das Gefühl, als ob sie auf einem erhöhten Platz stünden, der doch wiederum abgeschlossen sei, und es war ihnen zumute, als stünden sie in einem runden, von Mauern umgebenen Garten auf einer der Himmelszinnen.

Inglewood blickte verträumt umher, seine braunen Augen verschlangen alle Einzelheiten mit unsagbarem Entzücken. Es fiel ihm zum erstenmal auf, daß der Gartenzaun hinter dem Strauchwerk wie kleine Lanzenspitzen geformt und blau angestrichen war. Auch bemerkte er, daß eine dieser blauen Lanzen lose geworden war und herunterhing, und bei diesem Anblick mußte er fast lachen. Diese Zaunlücke kam ihm, weshalb wußte er nicht, überaus gelungen und komisch vor, und der Gedanke schoß ihm durch den Kopf, daß er gern wissen möchte, wie dieses wohl gekommen sei, wer es getan habe und wie es dem Betreffenden gehen möge.

Als sie ein paar Schritte über das leuchtende Gras gegangen waren, bemerkten sie, daß sie nicht allein waren. Rosamund Hunt und der exzentrische Herr Moon, die sie beide zuletzt in tiefster Verstimmung gesehen hatten, standen zusammen auf dem Rasenplatz. Obgleich in ihrer Haltung nichts Außergewöhnliches lag, wirkten sie doch sonderbarerweise wie Personen aus einem Buch.

»Wie schön die Luft ist!« sagte Diana.

»Nicht wahr?« rief Rosamund mit so intensiver Freude, daß es wie eine Klage klang. »Sie ist wie jenes schreckliche, garstige, moussierende Zeug, das man mir zu trinken gab und das mich nachher so glücklich stimmte.«

»Ach nein, sie ist mit nichts zu vergleichen«, antwortete Diana, tief atmend. »Sie ist kühl, und doch brennt sie wie Feuer.«

»Wie ein erfrischender Trunk, würde man in der Fleet Street sagen«, meinte Herr Moon. »Wie ein erfrischender Trunk – der auf den Verstand wirkt.« Und er fächelte sich ganz überflüssigerweise mit seinem Strohhut Luft zu. Etwas Sprunghaftes, Pulsierendes, das sich in zielloser, nichtiger Energie äußerte, erfüllte alle diese Leute. Diana bewegte sich, und als ob sie gekreuzigt wäre, streckte sie steif die langen Arme aus wie zu einer Art qualvollen Ausruhens. Lange stand Michael Moon mit angespannten Muskeln still, dann drehte er sich wie ein Kreisel, um wieder stillzustehen. Rosamund trat nicht fehl, denn Frauen treten nie fehl, ausgenommen, wenn sie auf die Nase fallen, aber sie klopfte beim Gehen mit dem Fuße auf die Erde, wie zu einer unhörbaren Tanzmelodie, und Inglewood, der ruhig an einen Baum gelehnt stand, hatte unbewußt einen Zweig erfaßt und ihn mit Schöpfergewalt geschüttelt. Jene gigantischen Gesten des Menschen, durch welche Statuen geschaffen und Kriege entfesselt werden, schüttelten und quälten die Glieder aller dieser Leute. Wenn sie auch schweigend dahinschlenderten und umherstanden, drohten sie vor animalischem Magnetismus wie Batterien zu zerspringen.

»Und jetzt«, rief Moon ganz plötzlich und streckte nach beiden Seiten die Hände aus, »wollen wir um diesen Busch herumtanzen!«

»Wieso? welchen Busch meinen Sie?« fragte Rosamund und sah sich mit einer gewissen übermütigen Keckheit um.

»Der Busch, der nicht vorhanden ist«, antwortete Michael, »der Ringelreihenbusch.«

Halb lachend, halb feierlich, faßten sie sich bei den Händen, und ehe sie sich wieder loslassen konnten, hatte Michael sie alle herumgewirbelt, gleich einem Dämon, der die Welt wie einen Kreisel dreht. Diana fühlte, wie sich der Horizont sofort um sie im Kreise drehte, und fern, überirdisch, spürte sie die Höhen, die London umgaben, und jene Winkel, die sie als Kind erklommen hatte. Fast schien sie die Krähen über den alten Kiefern von Highgate krächzen zu hören oder die Glühwürmchen zu sehen, die in den Wäldern von Boxhill eines nach dem anderen auftauchten und glühten.

Der Kreis zerbrach – wie alle solche vollendeten Kreise der Ausgelassenheit zerbrechen müssen – und schleuderte seinen Urheber, Michael, wie durch zentrifugale Kraft gegen die blauen Stäbe des Gatters. Als er dort taumelnd stehenblieb, stieß er hintereinander Schreie aus, die einen ganz neuen und dramatischen Klang hatten.

»Hallo! Da ist ja Warner!« rief er aus und schwenkte die Arme. »Es ist der lustige alte Warner – mit einem neuen seidenen Hut und dem alten seidenen Schnurrbart!«

»Ist das Dr. Warner?« rief Rosamund, und als sie sich plötzlich an ihn erinnerte, eilte sie amüsiert und doch bekümmert auf ihn zu. »Ach, es tut mir so leid. Sagt ihm doch, daß alles in Ordnung ist!«

»Wir wollen uns alle anfassen und es ihm sagen«, meinte Michael Moon. Denn in der Tat war, während sie geplaudert hatten, eine zweite Droschke schnell herangefahren und stand jetzt hinter der ersten dort wartenden. Dr. Herbert Warner hatte einen Kollegen in der Droschke gelassen, während er mit äußerster Behutsamkeit dem Wagen entstieg.

Wenn man ein bedeutender Arzt ist und von einer Erbin zu einem Tobsüchtigen telegraphisch herbeigerufen wird und dann von der Erbin, ihrer Wirtin und zwei der Herren Pensionäre begrüßt wird, indem sie im Kreise um einen herumtanzen und rufen: »Es ist alles in Ordnung! Es ist alles in Ordnung!«, so ist man geneigt, erregt und sogar ärgerlich zu werden. Warner war ein ruhiger, aber nicht leicht zu beruhigender Mann. Die beiden Eigenschaften sind durchaus nicht ein und dieselbe, und sogar als Moon ihm zu erklären begann, daß er, Warner, mit seinem hohen Hut und seiner großen, kräftigen Gestalt gerade einer solchen klassischen Statue gliche, wie sie von einem Kreis lachender Mädchen auf altem, goldenem griechischem Meeresgrund umtanzt werden müßte, schien er durchaus nicht den Grund dieses allgemeinen Jubels zu begreifen.

»Inglewood!« rief Dr. Warner und fixierte seinen ehemaligen Schüler mit starrem Blick. »Sind Sie verrückt?«

Artur errötete bis zu den Wurzeln seiner braunen Haare, aber er antwortete verhältnismäßig unbefangen und ruhig. »Nein, jetzt nicht mehr. Ich habe nämlich soeben eine ziemlich wichtige medizinische Entdeckung gemacht, Warner, die in Ihr Fach schlägt.«

»Was meinen Sie?« fragte der große Doktor steif. »Was für eine Entdeckung?«

»Ich habe entdeckt, daß Gesundheit ebenso ansteckend ist wie Krankheit«, antwortete Artur.

»Ja, geistige Gesundheit ist ausgebrochen und verbreitet sich«, sagte Michael, während er einen »pas seul« mit nachdenklichem Ausdruck vollführte. »Zwanzigtausend neue Fälle werden in die Krankenhäuser gebracht und Pflegerinnen Tag und Nacht verlangt.«

Dr. Warner musterte das ernste Gesicht und die tänzelnden Beine Michaels mit grenzenlosem Erstaunen. »Und ist das, wenn ich fragen darf«, sagte er, »die geistige Gesundheit, die sich verbreitet?«

»Ich muß Sie sehr um Entschuldigung bitten, Dr. Warner«, rief Rosamund Hunt herzlich. »Ich weiß, daß ich Sie nicht gut behandelt habe, aber es ist wirklich alles nur ein Mißverständnis. Ich war in fürchterlich schlechter Laune, als ich Sie herbeirief, aber jetzt erscheint mir alles wie ein Traum – und – Herr Smith wie der süßeste, vernünftigste, entzückendste alte Bursche, der jemals existiert hat, und er soll heiraten, wen er will – nur mich nicht.«

»Ich würde Frau Duke vorschlagen«, meinte Michael.

Dr. Warners Gesicht wurde immer ernster. Er zog einen rosa Zettel aus einer Westentasche, während seine blaßblauen Augen die ganze Zeit auf Rosamunds Gesicht gerichtet waren. Mit einer nicht unbegründeten Kälte sagte er alsdann:

»Sie haben mich wirklich noch immer nicht überzeugt, Fräulein Hunt. Erst vor einer halben Stunde telegraphierten Sie mir: ›Kommen Sie sofort, und bringen Sie, wenn möglich, einen Kollegen mit. Ein Mann – Innozenz Smith – ist in meinem Hause wahnsinnig geworden und richtet furchtbare Dinge an. Ist Ihnen irgend etwas über ihn bekannt?‹ Ich ging sofort zu einem angesehenen Kollegen, der zugleich Arzt und Privatdetektiv ist und eine Autorität auf dem Gebiete der Kriminalpsychologie. Er hat mich hierherbegleitet und wartet in einer Droschke vor dem Haus. Jetzt sagen Sie mir mit der allergrößten Ruhe, daß dieser kriminelle Wahnsinnige der entzückendste und geistig gesündeste Bursche der Welt ist, und geben mir Erklärungen, die mich über Ihre Begriffe von geistiger Gesundheit nachdenklich stimmen. Ich kann diese Veränderung nicht begreifen.«

»Aber wie kann man Veränderungen der Sonne, des Mondes und der Seele der Menschen erklären?« rief Rosamund verzweifelt. »Soll ich Ihnen eingestehen, daß wir alle die krankhafte Auffassung hatten, er sei verrückt, bloß weil er heiraten wollte; und dabei wußten wir nicht einmal, daß es nur daher kam, weil wir gern selber heiraten wollten! Wir werden uns vor Ihnen demütigen, wenn Sie wollen, Herr Doktor, denn wir sind so glücklich!«

»Wo ist dieser Herr Smith?« fragte Warner in schroffem Ton, zu Inglewood gewandt.

Artur fuhr zusammen. Er hatte die Hauptperson ihrer Posse vollkommen vergessen, weil sie schon über eine Stunde nicht mehr sichtbar war.

»Ich – ich glaube, er ist hinter dem Hause, bei den Müllkästen«, sagte er.

»Und wenn er sich auf dem Wege nach Rußland befindet, muß er gefunden werden«, sagte Warner. Darauf verschwand er mit großen Schritten um eine Ecke des Hauses am Sonnenblumenbeet.

»Ich hoffe«, sagte Rosamund, »daß er Herrn Smith kein Hindernis in den Weg legen wird.«

»Ebensogut könnte er den Gänseblümchen ein Hindernis in den Weg legen!« sagte Michael wütend. »Ein Mensch kann doch nicht eingesperrt werden, weil er sich verliebt – wenigstens ich hoffe es nicht.«

»Ich glaube, daß selbst ein Arzt ihm keine Krankheit einreden kann. Er würde den Arzt so wie die Krankheit abschütteln, meinen Sie nicht? Mir scheint, es handelt sich hier um eine Art heiliger Quelle. Ich halte Innozenz Smith einfach für eine unschuldige Seele, und darum ist er so merkwürdig.«

Rosamund hatte diese Worte gesprochen, während sie nervös mit der Spitze ihres weißen Schuhes Kreise im Grase zeichnete.

»Ich kann Smith gar nicht so merkwürdig finden«, meinte Inglewood. »Er wirkt nur darum so komisch, weil er so erstaunlich alltäglich ist. Wissen Sie nicht, wie es zugeht, wenn ein großer Familienkreis versammelt ist mit Tanten und Onkeln und ein Schuljunge zu den Ferien nach Hause kommt? Diese Tasche dort auf der Droschke ist nur die Reisetasche eines Schuljungen. Dieser Baum hier im Garten ist nur so ein Baum, auf den ein Schuljunge klettern würde. Ja, das ist es eben, was uns an ihm so gequält hat, wofür wir nicht den richtigen Ausdruck finden konnten. Ob er mein alter Schulkamerad ist oder nicht, er stellt jedenfalls alle meine alten Schulkameraden in einer Person dar. Er ist das ewig kuchenessende, ballspielende Geschöpf, das wir alle gewesen sind.«

»Das seid ihr nur, ihr lächerlichen Jungen«, sagte Diana. »Ich glaube nicht, daß irgendein Mädchen jemals so närrisch gewesen ist, und ich bin sicher, daß kein Mädchen je so glücklich war, außer...« – sie hielt inne.

»Ich will Ihnen die Wahrheit über Innozenz Smith sagen«, meinte Michael Moon leise. »Doktor Warner wird ihn vergebens suchen. Er ist nicht hier. Ist es Ihnen nicht aufgefallen, daß wir ihn nicht mehr wiedergesehen haben, seitdem wir uns selbst gefunden haben? Er war ein Sternenkind, das wir hier geboren hatten; er war nur unsere eigene zurückgekehrte Jugend. Lange, ehe der arme alte Warner aus der Droschke kletterte, hatte sich das Wesen, das wir Smith nannten, in Tau und Licht auf diesem Rasenplatz aufgelöst. Noch ein- oder zweimal werden wir vielleicht durch die Barmherzigkeit Gottes das Wesen fühlen, aber den Mann werden wir nie wiedersehen. In einem Garten im Frühling werden wir den Duft, Smith genannt, spüren. In dem Knistern schwach brennender, trockener Zweige werden wir das Geräusch, Smith genannt, vernehmen. An den weißen Morgen, die den Himmel zerspalten, wie ein Junge weißes Tannenholz spaltet, und wenn all die unersättlichen und unschuldigen Lebewesen in den Gräsern Erde verschlingen, wie die Kinder Kuchen bei einem Feste, da können wir einen Augenblick vielleicht die Gegenwart einer starken Reinheit fühlen, aber Innozenz' Unschuld war zu eng mit der Unbewußtheit lebloser Dinge verknüpft, um sich nicht bei einer bloßen Berührung in den lieblichen Hecken und Himmeln wieder aufzulösen; er...«

Michael wurde unterbrochen durch ein Geräusch hinter dem Hause, das wie das Zerplatzen einer Bombe klang. Fast in demselben Augenblick sprang der Fremde, der in der Droschke gesessen hatte, heraus und ließ den hin und her schwankenden Wagen auf der Straße stehen. Der Mann klammerte sich an den blauen Gartenzaun und spähte neugierig herüber in der Richtung, aus welcher das Geräusch gekommen war. Er war ein kleiner, schlotteriger, doch behender Mann, sehr dünn, mit einem Gesicht, das aus Fischgräten zu bestehen schien, und sein weit ins Genick zurückgeschobener seidener Hut war ebenso steif und glänzend wie der Warners.

»Mord!« schrie er mit hoher, weibischer, doch sehr durchdringender Stimme. »Haltet den Mörder!«

Noch während er schrie, erschütterte ein zweiter Schuß die unteren Fenster des Hauses, und gleichzeitig mit der Detonation kam Dr. Herbert Warner wie ein hüpfendes Kaninchen um die Ecke gesprungen. Doch bevor er die Gruppe erreichte, hatte eine dritte Explosion sie alle halb betäubt, und mit ihren eigenen Augen sahen sie durch zwei kleine runde Löcher in dem zweiten Zylinderhut des unglücklichen Herbert zwei kleine Stückchen weißen Himmels. Im nächsten Augenblick strauchelte der flüchtende Arzt über einen Blumentopf, fiel auf die Hände und glotzte wie eine Kuh. Der Hut mit den beiden Schußlöchern rollte auf dem Kiesweg vor seinem Besitzer hinunter, und wie ein Eisenbahnzug kam Innozenz Smith um die Ecke gesaust. Er sah doppelt so groß aus wie gewöhnlich – wie ein grüngekleideter Riese –, der große Revolver rauchte noch in seiner Hand; aus seinem lebhaften Gesicht leuchteten die Augen wie Sterne, und sein gelbes Haar sträubte sich, so daß er wie ein Struwwelpeter aussah.

Obgleich diese Szene nur einen Moment dauerte, hatte Inglewood doch Zeit, noch einmal das Gefühl zu haben, das ihn bewegt hatte, als er die beiden anderen Liebenden auf dem Rasenplatz hatte stehen sehen, nämlich das Gefühl einer gewissen herausgeschnittenen farbigen Klarheit, die eher mit der Kunst als mit der Erfahrung zu tun hatte. Der zerbrochene Blumentopf mit seinen glühendroten Geranien, die grüne kompakte Gestalt von Smith und die schwarze Warners, dahinter die blauen Spitzen des Zaunes, von den gelben, geierartigen Klauen des Fremden umkrallt, sein darübergestreckter geierartiger Hals, der seidene Hut auf dem Kies und das kleine Rauchwölkchen, das über dem Garten so unschuldig wie der Rauch einer Zigarette lag – alles das schien unnatürlich deutlich und klar. Gleich Symbolen war jedes für sich, in einer Ekstase der Trennung. In der Tat trat jeder Gegenstand immer stärker hervor und schien um so kostbarer, weil das ganze Bild anfing zu zerreißen. Kurz vor dem Vergehen sieht alles immer am schönsten aus.

Lange bevor Arturs Phantasiegebilde begonnen, geschweige denn aufgehört hatte, war er zu Smith hinübergegangen und hatte einen seiner Arme gepackt. Gleichzeitig war der kleine fremde Herr die Stufen hinaufgeeilt und hatte den anderen Arm genommen. Smith brach in schallendes Gelächter aus und übergab ihm bereitwilligst seinen Revolver. Moon half dem Doktor auf die Füße und ging dann an den Gartenzaun, an den er sich mürrisch lehnte. Die jungen Mädchen sahen ruhig und aufmerksam zu, wie es vernünftige Frauen meistens bei einer Katastrophe tun, aber auf ihren Gesichtern war deutlich zu lesen, daß der Himmel sich für sie verdunkelt hatte. Als der Doktor aufgestanden war, seinen Hut und Verstand aufgelesen und sich mit der Miene höchsten Verdrusses den Staub abgewischt hatte, wandte er sich mit einer kurzen Entschuldigung an die Damen. Durch den soeben ausgestandenen Schreck war er sehr bleich, jedoch sprach er mit vollkommener Selbstbeherrschung.

»Sie werden uns entschuldigen, meine Damen«, sagte er, »mein Freund und Herr Inglewood sind beide Gelehrte auf verschiedenen Gebieten. Ich halte es für das beste, wenn wir alle Herrn Smith ins Haus führen und Ihnen später Bericht erstatten.«

Und unter der Bewachung der drei Naturphilosophen wurde der entwaffnete Smith taktvoll ins Haus geführt, während er sich noch vor Lachen schüttelte.

Während der nächsten zwanzig Minuten konnte man ab und zu sein dröhnendes Lachen durch das halbgeöffnete Fenster hören, aber es drang kein Echo von den ruhigen Stimmen der Ärzte zu den draußen Verweilenden. Die jungen Mädchen gingen zusammen durch den Garten und munterten einander auf, so gut sie konnten; Michael Moon lehnte sich noch schwer gegen den Zaun. Ungefähr nach Ablauf dieser zwanzig Minuten kam Dr. Warner aus dem Hause. Er sah nicht mehr so bleich aus, aber noch strenger, und der kleine Mann mit dem Fischgrätengesicht schritt ernst hinter ihm her. Glich das Gesicht Warners im Sonnenlicht dem eines Richters, der die Todesstrafe eben verhängt hat, so erinnerte das Gesicht des kleinen Mannes hinter ihm an einen Totenkopf.

»Fräulein Hunt«, sagte Dr. Herbert Warner, »ich möchte Ihnen meinen wärmsten Dank und meine Bewunderung aussprechen. Dank der Geistesgegenwart und Besonnenheit, die Sie veranlaßten, uns heute abend herzurufen, sind wir in der Lage, einen der grausamsten und schrecklichsten Feinde der Menschheit festzunehmen und unschädlich zu machen – einen Verbrecher, dessen Raffiniertheit und Erbarmungslosigkeit noch nie seinesgleichen gehabt hat.«

Mit blassem, verständnislosem Gesicht und blinzelnden Augen sah ihn Rosamund an. »Wen meinen Sie?« fragte sie. »Sie können doch nicht Herrn Smith meinen?«

»Er hat schon viele Namen geführt«, sagte der Doktor ernst, »aber nicht einen, an dem nicht Verwünschungen haften. Dieser Mann, Fräulein Hunt, hat auf seinem Weg durch die Welt eine Spur von Blut und Tränen hinterlassen. Ob er nur verrückt oder auch schlecht ist, wollen wir im Interesse der Wissenschaft nun feststellen. Jedenfalls werden wir ihn, ehe wir ihn in eine Irrenanstalt bringen, erst dem Richter übergeben müssen. Aber die Irrenanstalt, in die er eingesperrt wird, muß wie eine Festung mit dicken Mauern und Kanonen umgeben werden, sonst wird er wieder ausbrechen und von neuem Gemetzel und Entsetzen in die Welt bringen.«

Rosamund sah die beiden Ärzte an und wurde immer bleicher. Dann irrten ihre Blicke zu Michael hinüber, der am Gitter lehnte. Aber ohne sich zu rühren, stand dieser dort und sah mit abgewandtem Gesicht auf die in der Dämmerung versinkende Straße.

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