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Gilbert Keith Chesterton: Menschenskind - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorGilbert Keith Chesterton
titleMenschenskind
publisherVerlag Herder KG
translatorN. Collin
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Das Banner des Hauses Leuchtfeuer

Den ganzen nächsten Tag herrschte im Hause Leuchtfeuer das närrische Gefühl, als ob alle Geburtstag hätten. Es ist üblich, von Gebräuchen wie von kalten und beengenden Dingen zu sprechen. Tatsache ist, daß, wenn sich Menschen in besonders gehobener Stimmung befinden und nach Freiheit und Neuerungen dürsten, sie immer Gebräuche schaffen müssen und es auch tun. Sind hingegen Menschen niedergeschlagen, so geraten sie in einen Zustand der Anarchie; aber wenn sie lustig und voller Kraft sind, stellen sie stets Regeln auf. Diese Tatsache, die durch die Geschichte aller Kirchen und Republiken bestätigt wird, bewahrheitet sich auch bei dem trivialsten Gesellschaftsspiel und dem unschuldigsten Tummeln im Freien. Wir sind immer erst dann frei, wenn uns ein Brauch befreit, und die Freiheit existiert nicht eher, als bis sie von einer behördlichen Autorität bescheinigt ist. Sogar die ungestüme Autorität des Spaßmachers Smith war auch Autorität, weil sie eine Menge närrischer Regeln und Bedingungen schuf. Er erfüllte jeden mit seinem eigenen halb-irrsinnigen Leben, das sich aber nicht in Zerstörung ausdrückte, sondern eher in einem schwindelerregenden und wackeligen Aufbau. Jeder, der ein Steckenpferd hatte, entdeckte, daß es sich in einen Brauch verwandelte. Rosamunds Lieder schienen sich zu einer Art Oper zu verschmelzen, Michaels Witze und kurze Artikel zu einem Magazin. Aus seiner Pfeife und Rosamunds Mandoline wurde zusammen eine Art zwangloses Konzert. Der schüchterne und verwirrte Artur Inglewood kämpfte fast gegen seine eigene zunehmende Bedeutung. Er hatte das Gefühl, als ob ohne sein Zutun seine Photographien sich in eine Bildergalerie verwandelten und sein Fahrrad in ein Sportfest. Aber niemand hatte Zeit, diese improvisierten Zustände und Ämter zu kritisieren, denn sie überstürzten sich wie die Reden eines Conférenciers.

Das Leben mit einem solchen Mann war wie ein Hindernisrennen, das nur angenehme Hindernisse bot. Aus dem einfachsten, trivialsten Vorkommnis konnte er, einem Zauberer gleich, Wunder schaffen. Nichts konnte unbedeutender, unpersönlicher sein als Arturs Photographieren. Und doch konnte man den verrückten, unglaublichen Smith sehen, wie er ihm in den sonnigen Morgenstunden eifrig half, und eine Reihe von unmöglichen Bildern, »Moralische Photographien« betitelt, begann sich in der Pension auszubreiten. Es war nur eine Version des alten photographischen Witzes, der dieselbe Gestalt zweimal auf eine Platte zu bringen vermag und einen Mann zeigt, wie er mit sich selbst Schach spielt, mit sich selbst ißt und so weiter. Aber es gab einige noch geheimnisvollere und ehrgeizigere Platten, wie zum Beispiel: »Fräulein Hunt erkennt sich nicht wieder.« Das Bild zeigt, wie die Dame entzückt sich selbst entgegengeht, dann aber entsetzt zurückfährt. Auf einer anderen Photographie: »Wie Herr Moon sich selbst vernimmt«, sieht man, wie Herr Moon fast verrückt gemacht wird durch seine eigene Selbstvernehmung, die er mit langem, drohenden Zeigefinger leitet, und wie sich auf seinem Gesicht grimmige Schalkhaftigkeit ausprägt. Eine höchst erfolgreiche Trilogie war die folgende: Auf dem ersten Bild erkennt Inglewood sich selbst, auf dem zweiten liegt Inglewood platt auf dem Bauch vor Inglewood, und auf dem dritten wird Inglewood tüchtig von Inglewood mit einem Schirm verhauen. – Diese Trilogie wollte Innozenz vergrößern lassen und in der Diele aufhängen, wie eine Art Freske mit folgender Inschrift:

»Selbstverehrung, Selbsterkenntnis, Selbstbeherrschung,
Diese drei Eigenschaften allein können aus einem
Menschen einen eingebildeten Fant machen.«
                                                  Tennyson

Nichts hingegen konnte nüchterner und unergründlicher sein als die häuslichen Leistungen von Fräulein Diana Duke. Durch Zufall hatte Innozenz die Entdeckung gemacht, daß ihre aus Sparsamkeit betriebene Hausschneiderei mit einer ganz hübschen Portion Eitelkeit gepaart war, der einzigen weiblichen Eigenschaft, die niemals ihrer verschwiegenen Selbstachtung gefehlt hatte. Infolgedessen quälte Smith sie mit einem Einfall (den er wirklich ernst zu nehmen schien), wonach Damen Sparsamkeit mit Schönheit verbinden könnten, indem sie auf einem einfachen Stoff allerlei Muster mit Kreide aufzeichnen, die sie dann abwischen können. Er errichtete »Smiths Blitz-Mode-Salon« mit zwei Wandschirmen, einem Plakat aus Pappe und einem Kästchen mit bunten Pastellstiften. Und wirklich gab ihm Fräulein Diana eine abgelegte schwarze Schürze oder einen Arbeitskittel, auf denen er seine Talente als Modezeichner ausüben konnte. Sofort entwarf er ein leuchtendes Gewand mit roten und goldenen Sonnenblumen. Als sie es sich einen Augenblick anhielt, sah sie wie eine Königin aus. Während Artur Inglewood einige Stunden später sein Fahrrad putzte (und dabei wie gewöhnlich aussah, als ob er ganz damit verstrickt sei), sah er zufällig auf, und sein glühendes Gesicht glühte noch mehr, denn Diana hatte sich lachend eine Sekunde in der Tür gezeigt, und ihr dunkles Kleid war reich mit großen phantastischen grünen und violetten Pfauen bemalt, so daß es einem geheimnisvollen Garten aus »Tausendundeiner Nacht« glich. Es durchzuckte ihn bei ihrem Anblick, ob schmerzlich oder freudig wußte er nicht zu sagen. Es fiel ihm ein, wie hübsch er sie vor einigen Jahren gefunden hatte, als er sich noch in jedes Mädchen verliebte, aber es war ihm wie eine Erinnerung an eine babylonische Prinzessin, die er in einem früheren Leben angebetet hatte. Als er sie wieder erblickte (und er ertappte sich dabei, daß er darauf wartete), war die rote und grüne Kreide abgewischt, und sie huschte in ihrer Arbeitskleidung an ihm vorbei.

Was nun Frau Duke anbelangt, so war es undenkbar, daß diese alte Dame dem Überfall, der ihr Haus auf den Kopf gestellt hatte, einen aktiven Widerstand entgegensetzen würde. Aufmerksame Beobachter behaupteten ernsthaft, daß sie Spaß daran hätte. Denn sie gehörte zu jenen Frauen, die in Wirklichkeit alle Männer ausnahmslos für verrückt halten, sie sogar als wilde Tiere von einer ganz besonderen Gattung ansehen. Es ist zweifelhaft, ob Smiths Schornstein-Picknicks und scharlachrote Sonnenblumen ihr merkwürdiger oder unverständlicher vorkamen als die Chemikalien Inglewoods oder die teuflischen Reden Moons. Höflichkeit hingegen ist etwas, was jedem verständlich ist, und Smiths Manieren waren ebenso höflich wie formlos. Sie sagte, er sei ein »wirklicher Gentleman« und meinte einfach damit, ein gütiger Mensch, was etwas ganz anderes ist. Stundenlang saß sie an dem oberen Ende des Tisches mit fetten gefalteten Händen und einem fetten, gefalteten Lächeln, während alle um sie herum durcheinanderschwatzten. Die einzige andere Schweigende war Rosamunds Gefährtin Mary Gray, deren Schweigen aber ein anderes war, ein gespanntes. Wenn sie auch nie sprach, so sah sie doch aus, als ob sie jeden Augenblick reden wollte. Vielleicht ist dieses die richtige Auffassung für eine Gefährtin. Mit demselben Eifer, mit dem er sich in alle anderen Abenteuer stürzte, schien sich Innozenz Smith in dieses Abenteuer zu werfen, nämlich sie zum Sprechen zu bringen. Es gelang ihm nie, doch ließ er sich nie entmutigen. Wenn er etwas erreichte, so war es nur das, die allgemeine Aufmerksamkeit auf dieses ruhige Mädchen zu lenken, und das bescheidene Veilchen um ein weniges in ein Rätsel zu verwandeln. Aber wenn sie auch ein Rätsel war, so sah jeder, daß sie ein frisches, unverdorbenes Rätsel war, so wie das Rätsel des Himmels und der Wälder im Frühling. Obgleich sie älter war als die anderen beiden Mädchen, hatte sie das Strahlende des frühen Morgens, den frischen Ernst der Jugend – Dinge, die Rosamund durch das bloße Ausgeben von Geld verloren zu haben schien und Diana durch das Behüten des Geldes. Smith sah sie immer wieder an. Ihre Augen und ihr Mund standen nicht richtig in ihrem Gesicht – aber dadurch gerade wirkten sie richtig. Sie besaß die Gabe, alles mit ihrem Gesicht auszudrücken; ihr Schweigen war eine Art ständiger Beifall.

Aber von allen den übermütigen Experimenten dieses Feiertages (der eher acht Tage als einen Tag lang schien) ragte ein Experiment turmhoch über die anderen hinaus, nicht weil es närrisch war oder mehr Erfolg hatte, sondern weil aus dieser besonderen Torheit all die seltsamen Geschehnisse, die darauf folgten, entstanden waren. Alle anderen Späße verpufften und hinterließen keinen Eindruck; alle die anderen komischen Einfälle zerflossen und klangen wie ein Lied aus. Aber die Reihe greifbarer und überraschender Ereignisse – welche eine Droschke, einen Detektiv, eine Pistole und einen Trauschein mit sich brachten – waren alle von vornherein möglich geworden durch den Scherz des Gerichtshofes des Hauses Leuchtfeuer.

Dieser Scherz rührte nicht von Innozenz Smith, sondern von Michael Moon her. Ein seltsames Feuer und sprudelnder Übermut hatten ihn erfaßt, und er sprach unaufhörlich; doch war er niemals sarkastischer gewesen, ja er war sogar unmenschlich. Seine alten nutzlosen juristischen Kenntnisse wandte er an, um ergötzlich über einen Gerichtshof zu plaudern, der eine Parodie auf die pomphaften Widersprüche des englischen Gesetzes wäre. Der hohe Gerichtshof des Hauses Leuchtfeuer, erklärte er, sei ein herrliches Beispiel unserer freien und vernünftigen Konstitution. Sie war von König Johann, der Magna Charta zum Trotze, gegründet worden und herrschte jetzt unumschränkt über Windmühlen, Konzessionen für geistige Getränke, über Damen, die in der Türkei reisten, über Revisionen der Urteile wegen gestohlener Hunde und wegen Vatermordes sowie über alles, was sich in dem Städtchen Market-Bosworth ereignete. Die hundertundneun Seneschalle des Hohen Gerichtshofes von Haus Leuchtfeuer hielten alle vier Jahrhunderte einmal Sitzung ab, in der Zwischenzeit lag, wie Herr Moon erklärte, die ganze Macht der Institution in Frau Dukes Händen. Dadurch daß der Hohe Gerichtshof beständig mit der übrigen Gesellschaft in Berührung kam, verlor er seinen historischen und juristischen Ernst, denn er wurde häufig gewissenlos angerufen, um über häusliche Nichtigkeiten zu entscheiden. Goß jemand Worcestersoße auf das Tischtuch, behauptete er, es sei ein Ritus, ohne welchen die Sitzungen und Urteile des Hofes ungültig sein würden. Oder wünschte jemand, daß ein Fenster geschlossen bliebe, erinnerte er sich plötzlich, daß nur der dritte Sohn des Schloßherrn von Penge das Recht hätte, es zu öffnen. Sie gingen sogar soweit, Verhaftungen vorzunehmen und die Missetäter zu verhören. Das vorgeschlagene Verfahren gegen Moses Gould wegen mangelnden Patriotismus wurde als zu hoch für die Gesellschaft, besonders für den Missetäter selbst, abgewiesen, aber die Verhandlung gegen Inglewood, der wegen photographischer Verleumdung angeklagt worden war, und sein glänzender Freispruch auf Grund geistiger Gestörtheit gehörten, wie zugegeben wurde, zu den besten Traditionen des Gerichtshofes.

Befand sich Smith auf dem Gipfel der Ausgelassenheit, wurde er immer schweigsamer, während Michael Moon immer geschwätziger wurde. Den Vorschlag eines privaten Gerichtshofes, den Moon mit der Nachlässigkeit eines politischen Humoristen wieder fahren ließ, griff Smith mit dem Eifer eines abstrakten Philosophen auf. Es sei entschieden das beste, erklärte er, sogar für jeden einzelnen Haushalt die souveräne Macht zu fordern.

»Sie glauben an Home Rule für Irland; ich glaube an Home Rule für das Heim«, rief er Michael eifrig zu. »Es wäre besser, wenn jeder Vater das Recht hätte, seinen Sohn selbst zu töten, wie es bei den alten Römern Sitte war. Es wäre nämlich darum besser, weil dann niemand getötet werden würde. Wir wollen die Unabhängigkeitserklärung des Hauses Leuchtfeuer proklamieren. Wir könnten in unserem Garten genug Grünzeug anpflanzen, um uns selbst zu versorgen, und wenn der Steuerbeamte kommt, sagen wir ihm, wir sind Selbstversorger und bearbeiten ihn mit der Gartenspritze. ... Nun, vielleicht könnten wir doch nicht, wie Sie sagen, die Gartenspritze gebrauchen, da wir das Wasser vom Wasserwerk benutzen, aber wir könnten doch in diesen Kalkboden einen Brunnen bohren, und wir könnten schon eine ganze Menge mit Wasserkrügen erreichen. ... Wir wollen dieses Haus wirklich zu einem Haus Leuchtfeuer machen. Als Zeichen unserer Unabhängigkeit wollen wir ein Leuchtfeuer auf dem Dach anzünden und sehen, wie ein Haus nach dem anderen in dem Themsetal darauf antworten wird! Laßt uns die ›Liga der Freien Familien‹ begründen! Fort mit der Gemeinderegierung! Zum Teufel mit dem Gemeindepatriotismus! Jedes Haus soll wie dieses ein souveräner Staat sein und seine Kinder durch eigene Gesetze richten, wie wir es durch den Gerichtshof von Haus Leuchtfeuer tun. Fort mit allen Hilfskräften, wir wollen anfangen, zusammen glücklich zu sein, als ob wir auf einer einsamen Insel lebten.«

»Ich kenne diese einsame Insel«, sagte Michael Moon. »Sie existiert nur in Robinson Crusoe. Man spürt ein seltsames Verlangen nach irgendeiner Pflanzenmilch, und da fällt plötzlich einem eine Kokosnuß zu Füßen, von einem unsichtbaren Affen geworfen. Ein Literat fühlt sich disponiert, ein Sonett zu schreiben, und sofort stürzt ein diensteifriges Stachelschwein aus dem Dickicht, um eine seiner Stacheln als Feder anzubieten.«

»Sagen Sie nichts gegen Robinson Crusoe«, rief Innozenz mit großer Wärme. »Wissenschaftlich mag dies Buch nicht einwandfrei sein, aber es enthält eine ganz richtige Lebensphilosophie. Wenn man wirklich auf eine Insel verschlagen wird, findet man in der Tat auch alles, was man braucht. Ist man wirklich auf einer einsamen Insel, so findet man sie nicht einsam. Würden wir wirklich in diesem Garten belagert werden, so würden wir hundert einheimische Vögel und einheimische Beeren finden, von denen wir bisher keine Ahnung hatten. Sollten wir in diesem Zimmer eingeschneit sein, so würde es uns sehr guttun, denn wir würden eine Menge Bücher auf jenem Bücherregal finden, von deren Vorhandensein wir bisher noch nichts wußten, wir würden Unterhaltungen miteinander führen, gute, anregende Unterhaltungen, doch so werden wir ins Grab sinken, ohne diese Unterhaltungen gepflogen zu haben. Wir würden für alles das Erforderliche finden – für Taufen – für Trauungen oder Beerdigungen – ja sogar für eine Krönung – das heißt, falls wir uns nicht entschlössen, eine Republik zu sein.«

»Eine Krönung nach Robinsons Art, vermute ich«, sagte Michael lachend. »Ich glaube, Sie würden es fertigbringen, alles zu finden. Wenn wir zum Beispiel etwas so Einfaches wie einen Krönungsbaldachin brauchten, würden wir in den Garten gehen, und hinter dem Geranienbeet würden wir den Baldachinbaum in voller Blüte finden. Brauchten wir eine solche Kleinigkeit wie eine goldene Krone, so würden wir Löwenzahn ausgraben und eine Goldmine unter dem Rasen finden. Wenn wir Öl für die Zeremonie nötig hätten, nun, dann käme, vermute ich, ein großer Sturm, der alles an Land schwemmt, und wir würden einen Walfisch auf unserem Grundstück finden.«

»Und wer weiß, ob sich nicht ein Walfisch auf dem Grundstück überhaupt befindet!« rief Smith aus und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Ich könnte wetten, Sie haben das Grundstück nie durchsucht. Ich könnte wetten, Sie sind nie dort hinten gewesen, wo ich heute morgen war – denn gerade das fand ich, von dem Sie sagten, es wüchse auf einem Baum. Dort, gegen den Müllkasten gelehnt, steht ein altes viereckiges Zelt, es hat drei Löcher in der Leinwand, und eine Stange ist zerbrochen. Als Zelt ist es nicht mehr zu gebrauchen, aber als Baldachin...« und seine Stimme versagte ihm vor Begeisterung. Dann fuhr er mit streitlustigem Eifer fort: »Sie sehen, ich nehme es mit jeder Herausforderung von Ihnen auf. Ich bin überzeugt, daß jedes blöde Ding, von dem Sie behaupten, es könne nicht hier sein, die ganze Zeit doch vorhanden gewesen ist. Sie sagen, ein Walfisch müßte wegen des Öles angeschwemmt werden. Aber es ist doch Öl in der Menage, die neben Ihnen steht, und ich glaube, daß keiner von Ihnen es seit Jahren berührt oder daran gedacht hat. Was nun Ihre goldene Krone anbelangt, so könnten wir, obgleich keiner von uns sehr wohlhabend ist, doch genügend Zehnschillingstücke zusammenbringen, die wir, aneinandergereiht, eine halbe Stunde lang um den Kopf eines Mannes legen könnten. Oder eines von Fräulein Hunts goldenen Armbändern wäre fast groß genug dafür...«

Die gutmütige Rosamund erstickte fast vor Lachen. »Es ist nicht alles Gold, was glänzt«, sagte sie, »und außerdem...«

»Da irren Sie sich!« rief Innozenz Smith und sprang in großer Erregung auf. »Alles ist Gold, was glänzt... besonders jetzt, wo wir ein souveräner Staat sind. Was nützt uns die unumschränkte Gewalt, wenn wir nicht unumschränkte Macht besitzen, unsere Werte zu bestimmen! Wir können alles zu einem kostbaren Metall machen, wie die Menschen es zu Beginn der Welt machen konnten. Sie wählten Gold, nicht weil es etwas Seltenes war. Eure Wissenschaftler könnten euch zwanzig Arten Schlamm nennen, die viel seltener sind als Gold. Sie wählten dieses Metall, weil es etwas Glänzendes war – weil es schwer zu finden war, aber schön, wenn sie es gefunden hatten. Man kann nicht mit goldenen Schwertern kämpfen und keine goldenen Biskuits essen, es ist nur zum Ansehen da – und sogar hier draußen können Sie es auch ansehen.«

Mit einer seiner unberechenbaren Bewegungen sprang er zurück und riß die Türen nach dem Garten auf. Gleichzeitig, mit einer Geste, die, wie alle seine Gesten, im Augenblick nicht so unkonventionell wirkte, wie sie es eigentlich war, reichte er Mary Gray die Hand und führte sie hinaus auf den Rasen wie zu einem Tanz.

Die weit geöffneten Glastüren ließen einen Abend hineinfluten, schöner als der des vorigen Tages. Der Westen war in leuchtende Farben getaucht und der Rasen wie in eine schläfrige Flamme gehüllt. Die gewundenen Schatten, die der eine oder die beiden Bäume im Garten auf den schimmernden Rasen warfen, waren nicht wie bei gewöhnlichem Tageslicht grau oder schwarz, sondern sie glichen Arabesken, die mit leuchtender violetter Tinte auf die goldene Seite eines orientalischen Buches geschrieben sind. Der Sonnenuntergang war eine jener festlichen und doch geheimnisvollen Feuersbrünste, die den gewöhnlichsten Dingen solche Farben verleiht, daß sie seltsam und kostbar erscheinen. Der Schiefer auf dem schrägen Dach schimmerte wie die Federn eines ungeheuren Pfaus in den geheimnisvollsten Nuancen von Blau und Grün. Die rotbraunen Ziegel der Mauer glühten in allen herbstlichen Schattierungen von Rubin- und Weinrot. Die Sonne schien jeden Gegenstand mit einer verschieden gefärbten Flamme anzuzünden, wie jemand, der Feuerwerk anzündet. – Sogar auf Innozenz' sonst so fahlblondem Haar lag eine Flamme heidnischen Goldes, als er über den Rasen auf die Grotte zuschritt.

»Was würde uns das Gold nützen«, sagte er, »wenn es nicht glänzte. Wir würden uns ebensowenig aus einem schwarzen Geldstück etwas machen wie aus einer schwarzen Sonne zu Mittag. Ein schwarzer Knopf würde ebensogut sein. Finden Sie nicht, daß alles auf diesem Hof wie ein Edelstein aussieht? Und wollen Sie mir freundlichst sagen, was einem zum Teufel ein Edelstein nützt, wenn er nicht wie ein Edelstein aussieht? Hören Sie auf, zu kaufen und zu verkaufen, und fangen Sie an zu sehen! öffnen Sie die Augen, und Sie werden in dem neuen Jerusalem aufwachen.

Es ist alles Gold, was glänzt,
Sowohl Bäume als Messingturmspitzen;
Golden flutet die Abendluft
Und vergoldet das Gras.
Laßt den Ruf nach Jericho dringen,
Wie gelber Schlamm verkauft wird;
Es ist alles Gold, was glänzt,
Denn der Glanz ist das Gold.«

»Und wer schrieb das?« fragte Rosamund amüsiert.

»Es wird niemals geschrieben werden«, erwiderte Smith und sprang mit einem Satz über das Grottenwerk.

»Er müßte wirklich in ein Irrenhaus geschickt werden«, sagte Rosamund Hunt zu Michael Moon. »Finden Sie nicht auch?«

»Wie, bitte?« fragte Michael ziemlich verstimmt. Sein länglicher, schwarzer Kopf hob sich dunkel vom Abendhimmel ab, und – war es Zufall, war es durch seine Stimmung hervorgerufen – er machte den Eindruck, mitten in dieser ganzen Pracht des Gartens allein und sogar feindselig zu stehen.

»Ich sagte nur, Herr Smith müßte in eine Irrenanstalt kommen«, wiederholte die Dame.

Das magere Gesicht schien immer länger zu werden; denn es war klar, daß Moon höhnisch wurde. »Nein«, sagte er, »ich halte das gar nicht für nötig.«

»Was meinen Sie?« fragte Rosamund – »Warum nicht?«

»Weil er sich jetzt schon in einer befindet«, antwortete Michael Moon ruhig, aber boshaft. »Wußten Sie das denn nicht?«

»Was?« rief das junge Mädchen, und ihre Stimme bebte, denn das Gesicht und die Stimme des Irländers wirkten tatsächlich fast unheimlich. Durch seine dunkle Gestalt und seine dunklen Worte machte er in dem strahlenden Sonnenschein den Eindruck eines Teufels im Paradies.

»Es tut mir leid«, fuhr er mit einer Art schroffer Bescheidenheit fort, »natürlich sprechen wir nicht viel darüber – aber ich dachte, wir wüßten es alle.«

»Was wüßten wir?«

»Nun, daß Haus Leuchtfeuer in gewisser Beziehung kein gewöhnliches Haus ist«, erwiderte Moon; »ein Haus, wo manche Schraube los ist, wollen wir sagen. Waren Sie nicht anwesend, als er schon früher einmal vorsprach? Da wir fast alle an Melancholie leiden, muß er natürlich übertrieben heiter sein. Uns erscheint selbstverständlich geistige Gesundheit als etwas sehr Anmaßendes, Außergewöhnliches. Über eine Mauer zu springen, einen Baum zu erklettern ist seine Art, seine Patienten zu behandeln.«

»Wie können Sie sich erlauben, so etwas zu sagen!« rief Rosamund wütend. »Wie können Sie sich erlauben, anzudeuten, daß ich...«

»Nicht mehr als ich selber«, warf Michael besänftigend ein; »nicht mehr als wir alle hier. Ist es Ihnen noch nie aufgefallen, daß Fräulein Duke nicht stillsitzen kann? Ein unverkennbares Symptom. Haben Sie niemals beobachtet, daß sich Inglewood andauernd die Hände wäscht? – Ein bekanntes Zeichen von Geistesgestörtheit. Ich leide natürlich an Säuferwahnsinn.«

»Ich glaube Ihnen nicht«, platzte seine Gefährtin erregt heraus. »Ich habe zwar gehört, daß Sie so manche schlechten Gewohnheiten haben...«

»Alle Gewohnheiten sind schlecht«, meinte Michael mit vernichtender Ruhe. »Nicht durch einen Ausbruch, sondern durch ein Nachgeben kommt Wahnsinn, durch das Sichverbohren in einen engen Kreis kleinlicher, gemeiner, sich immer wiederholender Ideen, denen man keinen Widerstand entgegensetzt. Geld hat Sie verrückt gemacht, weil Sie geerbt haben.«

»Das ist eine Lüge«, rief Rosamund wütend. »Ich bin niemals unanständig in Geldsachen gewesen.«

»Schlimmer als das waren Sie«, sagte Michael leise und doch heftig. »Sie haben andere Leute dafür gehalten. Sie dachten, daß jeder Mann, der in Ihre Nähe kam, nach Ihrem Geld trachtete. Sie haben sich deshalb nie so gegeben, wie Sie wirklich waren, und nie gezeigt, daß Sie gesunden Menschenverstand besitzen, und jetzt sind Sie verrückt, und ich bin verrückt, und das geschieht uns ganz recht.«

»Sie brutaler Kerl!« rief Rosamund. »Und ist das alles wahr?«

Mit jener geistigen Grausamkeit, deren die Kelten fähig sind, wenn ihre niedrigsten Instinkte in Aufruhr sind, schwieg Michael einige Sekunden und trat mit einer ironischen Verbeugung zurück. »Natürlich nicht buchstäblich wahr«, sagte er, »jedoch ist es wahr. Könnte man es nicht eine Allegorie nennen, eine soziale Satire?«

»Ich hasse und verachte Ihre Satiren!« rief Rosamund Hunt, und gleich einem Wirbelwind brach ihre bisher zurückgehaltene, kraftvolle Weiblichkeit hervor, und jedes Wort sprach sie mit der Absicht zu verwunden. »Mir sind Sie verhaßt, wie mir Ihr ekelhafter Tabak verhaßt ist, und Ihr widerliches Herumlungern und Ihr Geschimpfe und Ihr Radikalismus und Ihre alten Anzüge und Ihr Käseblättchen und Ihr klägliches Mißlingen bei allem, was Sie unternehmen. Es ist mir ganz egal, ob Sie das Snobismus nennen oder nicht, ich liebe das Leben und den Erfolg – alles Schöne und Tatkräftige. Sie können mir als Diogenes nicht imponieren. Ich ziehe Alexander vor.«

»Victrix causa deae –«, sagte Michael düster, und sie ärgerte sich noch mehr, weil sie nicht verstand, und sie glaubte, er wollte witzig sein.

»Oh, ich kann mir denken, daß Sie Griechisch können«, sagte sie mit sorgloser Ungenauigkeit, »aber damit konnten Sie anscheinend auch nichts anfangen.« Und sie schritt durch den Garten und ging dem verschwundenen Innozenz und Mary nach.

Unterwegs traf sie Inglewood, der mit nachdenklicher Miene ins Haus zurückkehrte. Er gehörte zu denen, die ganz klug sind, aber keinen sehr beweglichen Geist haben. Als er aus dem sonnenbeschienenen Garten in das dämmerige Wohnzimmer zurückkam, sprang Diana Duke rasch auf und begann das Teegeschirr wegzuräumen. Jedoch hatte Inglewood noch Zeit genug gehabt, ein Bild in sich aufzunehmen, so einzig, daß es sich gelohnt hätte, es mit seiner geliebten Kamera festzuhalten. Diana hatte nämlich vor ihrer angefangenen Arbeit gesessen, das Kinn in die Hand gestützt und aus reiner Zerstreutheit verträumt aus dem Fenster gestarrt.

»Sie sind beschäftigt«, sagte Artur, der sich seltsam befangen fühlte, daß er sie überrascht hatte. Er tat jedoch so, als hätte er nichts gesehen.

»Für Träumereien hat man in dieser Welt keine Zeit«, erwiderte die junge Dame, ohne sich umzudrehen.

»Ich habe mir in den letzten Tagen überlegt«, sagte Inglewood leise, »daß man zum Aufwachen keine Zeit hat.«

Sie schwieg, und er ging an das Fenster und schaute in den Garten hinaus.

»Ich rauche nicht, noch trinke ich, wissen Sie«, sagte er unvermittelt, »weil das meiner Meinung nach Betäubungsmittel sind. Und wiederum scheint es mir, daß jedes Steckenpferd, so wie meine Kamera und mein Zweirad, ebenfalls Betäubungsmittel sind. Den Kopf unter ein schwarzes Tuch stecken, sich in ein dunkles Zimmer einsperren – heißt in ein Loch kriechen. – Mich mit Geschwindigkeit, Sonnenschein, Müdigkeit und frischer Luft betäuben – die Pedale der Maschine so schnell drehen, daß ich selber zur Maschine werde. Daran kranken wir alle, wir sind zu beschäftigt, um aufzuwachen.«

»Und wenn man aufwacht, was erwartet einen dann?« fragte das Mädchen schwerfällig.

»Es muß eben einen etwas erwarten, wenn man aufwacht!« rief Inglewood und drehte sich in sonderbarer Erregung um. »Unser ganzes Tun ist Erwartung. – Ihr Reinmachen – mein Gesundheitsbedürfnis und Warners wissenschaftliche Apparate. Immer erwarten wir etwas – etwas, das niemals eintritt. Ich lüfte das Haus, und Sie fegen es, aber was wird im Haus geschehen?«

Sie sah ihn ruhig an, doch ihre Augen glänzten, und sie schien nach Worten zu suchen, die sie nicht fand.

Bevor sie sprechen konnte, wurde die Tür aufgerissen, und die stürmische Rosamund Hunt in ihrem auffallenden weißen Hut, ihrer Boa und ihrem Sonnenschirm stand auf der Schwelle. Sie glühte, und auf ihrem offenen Gesicht lag ein Ausdruck kindlichen Erstaunens.

»Das ist eine schöne Geschichte!« sagte sie atemlos. »Was soll ich bloß tun? Ich habe nach Dr. Warner telegraphiert; etwas anderes ist mir nicht eingefallen.«

»Was ist denn passiert?« fragte Diana ziemlich schroff, aber sie machte ein paar Schritte auf sie zu, wie jemand, der gewohnt ist, zu Rate gezogen zu werden.

»Es handelt sich um Mary«, sagte die Erbin, »meine Gesellschafterin Mary Gray! Euer übergeschnappter Freund Smith hat ihr vorhin im Garten nach zehnstündiger Bekanntschaft einen Heiratsantrag gemacht, und er will jetzt mit ihr fortgehen, um sich auf dem Standesamt einen Heiratskonsens zu beschaffen.«

Artur Inglewood ging an die offenen Glastüren und sah in den vom goldenen Abendlicht noch besonnten Garten. Nichts bewegte sich dort, nur ein paar Vögel hüpften umher und zwitscherten, aber hinter der Hecke und dem Zaun stand auf der Straße vor der Gartentür eine Droschke, und oben lag die gelbe Reisehandtasche.

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