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Gilbert Keith Chesterton: Menschenskind - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorGilbert Keith Chesterton
titleMenschenskind
publisherVerlag Herder KG
translatorN. Collin
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Das Gepäck eines Optimisten

Wir erinnern uns alle an die Märchen unserer Kindheit, die mit der wissenschaftlichen Hypothese spielten, wie es würde, wenn große Tiere in demselben Verhältnis springen könnten wie die kleinen. Wenn zum Beispiel ein Elefant so stark wäre wie ein Grashüpfer, könnte er (vermute ich) über den Zoologischen Garten hinwegspringen und trompetend auf dem Primroseberg landen. Könnte ein Walfisch wie eine Forelle aus dem Wasser springen, so würde man ihn vielleicht über Yarmouth schweben sehen wie die beschwingte Insel Laputa. Solche natürliche Energie, wenn sie auch herrlich ist, könnte sicher unbequem werden, ebenso wie die Ausgelassenheit und die guten Absichten des Grüngekleideten viel Unbequemes hatten. Er nahm überall zu viel Platz ein, weil er sowohl lebhaft wie sehr groß war. Durch eine glückliche physische Einrichtung sind sehr kompakte Menschen phlegmatisch, und die nicht eleganten Pensionen der weniger Begüterten Londons sind nicht für einen Menschen eingerichtet, der so gewaltig ist wie ein Stier und so übermütig wie ein Kätzchen.

Als Inglewood dem Fremden in die Pension nachging, fand er ihn in ernstem Gespräch (und wie der Fremde sich einbildete) in leiser Unterhaltung mit der hilflosen Frau Duke. Wie ein sterbender Fisch konnte Frau Duke, diese dicke, widerstandslose Dame, den riesig großen neuen Herrn nur anglotzen, der sich ihr höflich als neuer Mieter anbot, während er den großen weißen Hut mit einer Hand schwenkte und die gelbe Reisetasche mit der anderen. Glücklicherweise war Frau Dukes tüchtigere Nichte und Teilhaberin dort, um das Übereinkommen abzuschließen, denn alle Leute aus dem Hause hatten sich – warum, wußte niemand – in diesem Zimmer eingefunden. Dieser Umstand war in der Tat für die ganze Episode typisch. Der Besucher schuf eine Atmosphäre, durch die ein Wendepunkt, und zwar ein komischer, eintrat. Von dem Augenblick an, wo er in das Haus gekommen war und bis er es verließ, hatte er es auf irgendeine Weise fertigbekommen, die ganze Pensionsgesellschaft um sich zu scharen, und sie folgte ihm (wenn sie ihn auch belächelte), wie Kinder einem Hanswurst nachlaufen. Bis vor einer Stunde und in den ganzen vier Jahren vorher hatten diese Leute einander gemieden, wenn sie sich auch ganz gern gemocht hatten. In die trübseligen und verlassenen Räume waren sie hinein- und wieder hinausgeschlichen, um irgendeine Zeitung oder ihre Handarbeit zu suchen. Selbst jetzt kamen sie nur zufällig aus verschiedenen Gründen hinein, aber sie kamen alle. Da war der befangene Inglewood, der immer noch wie ein roter Schatten aussah, da war auch der unbefangene Warner, bleich, aber kräftig. Da war Michael Moon, dessen flotte Kleidung in rätselhaftem Kontrast zu dem düsteren Ernst seines Gesichtes stand. Jetzt gesellte sich Moons noch komischer wirkender Schatten, Moses Gould, hinzu. Wie der keckste aller kleinen schlauen Hunde stolzierte er auf seinen kurzen Beinchen einher, und seine lila Krawatte leuchtete von weitem. Auch darin glich er einem Hund, daß, wenn er auch noch so entzückt scharwenzelte und tänzelte, seine schwarzen Augen auf beiden Seiten seiner hervorstehenden Nase düster funkelten wie zwei schwarze Knöpfe. Da war Fräulein Rosamund Hunt, noch immer mit dem schönen weißen Hut, der ihr viereckiges, gutmütiges Gesicht einrahmte, und mit der ihr eigenen Miene, als sei sie für eine Gesellschaft angezogen, die niemals stattfand. Ebenso wie Herr Moon befand sie sich in neuer Gesellschaft, das heißt nur dem Leser neu; denn in Wirklichkeit war es eine alte Freundin und Protegierte von ihr. Diese war eine zarte, junge, dunkelgrau gekleidete Dame, die durch nichts als durch eine Fülle dunkelroten Haares auffiel. Es war so frisiert, daß es ihrem blassen Gesicht dasselbe dreieckige, fast spitze Aussehen gab, wie den Schönheiten aus der Zeit der Königin Elisabeth der hohe Kopfputz und die breite volle Halskrause. Ihr Vatersname schien Gray zu sein, jedoch Fräulein Hunt nannte sie Mary in jenem eigenartigen Ton, den man für Untergebene hat, die mit der Zeit Freunde geworden sind. Auf dem alltäglichen grauen Kleid trug sie ein kleines silbernes Kreuz, und sie war die einzige von der ganzen Gesellschaft, die in die Kirche ging. Als letzte, aber durchaus nicht als Unwichtigste nennen wir Diana Duke, welche den Neuangekommenen mit durchdringenden Blicken musterte und gewissenhaft jedem sinnlosen Wort, das er sagte, lauschte. Frau Duke hingegen lächelte ihn an, aber es fiel ihr gar nicht ein, ihm zuzuhören. Niemals in ihrem Leben hatte sie wirklich jemand zugehört, manche behaupteten, das sei der Grund, weshalb sie noch lebte.

Nichtsdestoweniger schmeichelte es Frau Duke, daß ihr neuer Gast sich ihr so ausschließlich widmete, denn niemand unterhielt sich jemals ernsthaft mit ihr, wie sie auch niemals jemand ernsthaft zuhörte. Und sie strahlte fast, als der Fremde mit noch lebhafteren, fast wirbelnden Gesten, die er mit dem Hut und der Tasche ausführte, sich entschuldigte, über die Mauer anstatt durch die Haustür eingedrungen zu sein. Er ließ durchblicken, daß er es einer unglücklichen Familientradition zuschrieb, so viel auf die Saubererhaltung seiner Kleidung zu geben.

»Meine Mutter war in dieser Beziehung sehr streng, wenn ich die Wahrheit sagen soll«, vertraute er Frau Duke mit etwas leiserer Stimme an. »Sie ärgerte sich stets, wenn ich meine Mütze in der Schule verlor. Und wenn jemand zur Ordnung und Sauberkeit erzogen worden ist, dann haftet es ihm auch später an.«

Fast sprachlos meinte Frau Duke mit schwacher Stimme, daß er eine gute Mutter gehabt haben müsse, aber ihre Nichte schien auf diese Frage näher eingehen zu wollen.

»Sie haben eine merkwürdige Auffassung von Ordnung«, sagte sie, »wenn diese darin besteht, Gartenmauern zu überspringen und auf Bäume zu klettern. Es ist nicht gut möglich, einen Baum zu erklettern und ordentlich dabei zu bleiben.«

»Aber er kann eine Mauer sehr sauber überspringen«, meinte Michael Moon, »ich habe es gesehen.«

Smith schien das junge Mädchen mit sichtbarem Erstaunen zu betrachten. »Meine liebe, junge Dame«, sagte er, »ich habe Ordnung auf dem Baum gemacht. Sie wollen doch nicht die Hüte vom vorigen Jahr darauf sehen, ebensowenig wie die Blätter vom vorigen Jahr. Der Wind entfernte die Blätter, aber bei dem Hut gelang es ihm nicht. Ich vermute, daß der Wind heute ganze Wälder aufgeräumt hat. Eine merkwürdige Auffassung, daß Ordnungmachen eine zaghafte, ruhige Sache ist, nein, Ordnungmachen ist eine Arbeit für Riesen. Man kann nicht irgendwo Ordnung schaffen, ohne selber dabei unordentlich zu werden. Wußten Sie das nicht? Sehen Sie nur meine Hosen an. Haben Sie nie ein Großreinemachen gehabt?«

»Aber natürlich«, sagte Frau Duke fast eifrig. »In dieser Beziehung werden Sie es hier sehr nett finden.« Zum ersten Male hatte sie zwei Worte von der Unterhaltung begriffen.

Während Fräulein Diana Duke den Fremden betrachtete, schien sie krampfhaft etwas zu berechnen; denn ihre schwarzen Augen sprühten vor Entschlossenheit, und sie sagte, falls er es wünsche, könne er ein bestimmtes Schlafzimmer in dem obersten Stockwerk haben. Der schweigsame und feinfühlende Inglewood, der durch die fortwährenden Mißverständnisse Folterqualen gelitten hatte, erbot sich jetzt eifrig, ihm das Zimmer zu zeigen. Smith nahm vier Stufen auf einmal, als er die Treppe hinaufging, und als er, oben angelangt, mit dem Kopf gegen die Decke stieß, hatte Inglewood die merkwürdige Empfindung, daß das hohe Haus viel niedriger geworden sei, als es früher war.

Artur Inglewood folgte seinem alten Freund – oder seinem neuen Freund, denn er war sich über diesen Punkt nicht ganz klar. In der einen Sekunde ähnelte das Gesicht dem seines alten Schulkameraden, und in der nächsten sah es ganz anders aus. Inglewood wurde seiner angeborenen Höflichkeit so weit untreu, daß er plötzlich fragte: »Heißen Sie nun Smith?« Aber er erhielt nur die ganz unbefriedigende Antwort: »Ganz recht, ganz recht! Sehr gut! Ausgezeichnet!« Als Inglewood diese Antwort überlegte, kam sie ihm eher wie die Sprache eines neugeborenen Kindes vor, das einen Namen annimmt, als die eines Erwachsenen, der ihn bestätigt.

Trotz seiner Zweifel über die Identität des neuen Gastes sah der unglückliche Inglewood ihm beim Auspacken zu und stand im Zimmer mit der ganzen Hilflosigkeit eines männlichen Freundes umher. Mit derselben wirbelnden Sorgfalt, mit der er einen Baum erkletterte, packte Herr Smith aus. Den Inhalt seiner Tasche warf er heraus, als ob er die Sachen wegwerfen wollte, und doch brachte er es fertig, ein richtiges Muster um sich herum auf dem Fußboden herzustellen.

Währenddessen sprach er in derselben atemlosen Weise weiter (er hatte ja vier Stufen auf einmal genommen, aber auch ohnedies war seine Art zu sprechen atemlos und abgerissen), und seine Bemerkungen waren noch immer aneinandergereihte, mehr oder minder vielsagende, aber oft getrennte Bilder.

»Wie am Tage des Jüngsten Gerichtes«, sagte er und warf eine Flasche heraus, aber so geschickt, daß sie aufrecht stand, wenn sie auch noch zuerst etwas hin und her schaukelte. »Die Leute sprechen vom unendlichen Weltall... von Unendlichkeit und Astronomie; nicht sicher... ich glaube, die Sachen liegen zu dicht zusammen... eingepackt, für die Reise... die Sterne liegen auch zu dicht nebeneinander... die Sonne ist ein Stern, zu dicht, um überhaupt gesehen zu werden... zu viele Kieselsteine am Strand; sie müßten alle in Kreise gelegt werden; zu viele Grashalme, um sie betrachten zu können... es sind so viele Federn auf einem Vogel, daß das Gehirn es nicht faßt; warten, bis die große Tasche ausgepackt ist... so kommen wir dann alle auf unseren richtigen Platz.«

Jetzt hielt er inne, buchstäblich um Atem zu holen – warf alsdann ein Hemd in die entfernteste Ecke des Zimmers, eine Flasche Tinte hinterher, die, gut gezielt, neben das Hemd fiel.

Mit immer stärkeren Zweifeln blickte Inglewood in dieser sonderbaren, halb symmetrischen Unordnung umher.

Und wirklich, je mehr man von Herrn Smiths Feriengepäck sah, um so weniger konnte man daraus klug werden. Eine Eigentümlichkeit fiel Inglewood besonders auf. Der Grund für das Vorhandensein aller dieser Dinge schien ein ganz verkehrter; alles, was bei anderen Menschen nebensächlich ist, war bei ihm Hauptsache. War ein Topf oder eine Pfanne in braunes Papier eingepackt, so entdeckte der gedankenlose Zuschauer, daß der Topf wertlos oder sogar überflüssig war, während sich das braune Papier als etwas wahrhaft Kostbares herausstellte. Er holte zwei oder drei Zigarrenkisten aus der Handtasche hervor und setzte mit schlichter, aber verwirrender Aufrichtigkeit auseinander, daß er nicht rauche, jedoch das Holz der Zigarrenkisten für Schnitzarbeiten am besten geeignet sei. Ungefähr sechs kleine Flaschen Wein, weißen und roten, zog er hervor, und als Inglewood eine Flasche Volnay darunter entdeckte, den er als ausgezeichnet kannte, vermutete er zunächst, daß der Fremde ein Weinkenner sei. Wie erstaunt war er, als er sah, daß die nächste Flasche ein widerliches Rotweinsurrogat aus den Kolonien war, den selbst die Kolonienbewohner (man muß ihnen diese Gerechtigkeit widerfahren lassen) nicht trinken. Erst als Inglewood bemerkte, daß alle sechs Flaschen leuchtende Metallkapseln von verschiedenen Farben hatten, wurde ihm klar, daß der Fremde sie nur darum gewählt hatte, weil es sich um die drei Grundfarben, rot, blau und gelb und um die drei Mischfarben: grün, violett und orange handelte. Das unheimliche Gefühl, ein ganz kindisches Geschöpf vor sich zu haben, befestigte sich immer mehr in Inglewood. Denn Smith war wirklich, soweit es menschliche Psychologie zuläßt, ein Kind. Er hatte die Sinnlichkeit eines unschuldigen Kindes; das Klebrige des Leims entzückte ihn, und weißes Holz zerschnitt er mit derselben Begeisterung, als zerschnitte er einen Kuchen. Für diesen Mann bedeutete Wein nichts Bedenkliches, das man verteidigen oder verdammen mußte, für ihn war er nur ein merkwürdig gefärbter Sirup, wie die Kinder ihn in Schaufenstern sehen. Er riß das Wort an sich und machte sich zum Mittelpunkt der Gesellschaft, aber er beanspruchte diesen Platz nicht wie ein Übermensch in einem modernen Theaterstück. Er vergaß sich einfach wie ein kleiner Junge bei einer Gesellschaft. Unbewußt war er mit einem Riesenschritt von der Kindheit zum Mannesalter gelangt, und auf diese Weise hatte er die Krisenzeit der Jugend, in der die meisten von uns alt werden, übersprungen.

Als der Fremde seine große Handtasche fortschob, bemerkte Artur die Buchstaben I. S. darauf gezeichnet, und er erinnerte sich, daß Smith in der Schule »Innozenz Smith«, der Unschuldige, genannt worden war, ob das nun ein Vorname oder ein Spottname sein sollte, wußte er nicht mehr. Er war im Begriff, noch eine Frage zu wagen, als an die Tür geklopft wurde und die gedrungene Gestalt von Herrn Gould auftauchte, hinter ihm, wie sein langer, schräger Schatten, der melancholische Moon. Der Herdentrieb des Menschen hatte sie veranlaßt, den beiden anderen Männern die Treppe hinauf nachzugehen.

»Hoffentlich stören wir nicht«, sagte der liebenswürdige Moses mit der größten Freundlichkeit, aus der aber nicht die geringste Spur einer Entschuldigung klang.

»Offengestanden«, fügte Michael Moon recht höflich hinzu: »wollten wir nur sehen, ob Sie auch alles haben, was Sie brauchen, Fräulein Duke ist ziemlich...«

»Ich weiß«, rief der Fremde und sah strahlend von seinem Auspacken auf, »sie ist prachtvoll, nicht wahr? In ihrer Nähe glaubt man Militärmusik vorbeiziehen zu hören... wie bei Jeanne d'Arc.«

Inglewood fuhr zusammen und starrte den Sprechenden an, wie jemand, der eben ein phantastisches Märchen gehört hat, das trotzdem eine kleine, längst vergessene Wahrheit enthält. Denn er erinnerte sich, daß er vor Jahren selber an Jeanne d'Arc gedacht hatte, als er, eben mit der Schule fertig, zum erstenmal diese Pension betrat. Schon lange aber hatte der zerstörende Materialismus seines Freundes Dr. Warner solche jugendlichen Torheiten und ungereimten Träume vernichtet. Unter dem Einfluß des Warnerianischen Skeptizismus und der Theorie der verkümmerten menschlichen Typen betrachtete sich Inglewood schon lange selbst als einen furchtsamen, unfähigen und »schwächlichen« Typ, der sich nie verheiraten würde, Diana Duke als ein materialistisches Dienstmädchen und seine erste Schwärmerei für sie als die unbedeutende, geschmacklose Spielerei eines Studenten, der die Tochter seiner Wirtin küßt. Jedoch bewegte ihn der Vergleich mit der Militärmusik ganz eigenartig, als hätte er fernes Trommeln gehört.

»Es ist nur natürlich, daß sie jeden Winkel ausnützen muß«, sagte Moon und blickte in dem zwerghaften Zimmer umher, das durch seine schrägen Wände an die spitz zugehende Kapuze eines Zwerges erinnerte.

»Das ist eine recht kleine Bude für Sie«, meinte Herr Gould witzig.

»Es ist doch ein herrliches Zimmer«, antwortete Herr Smith begeistert, ohne seinen Kopf aus der Reisetasche herauszunehmen. »Ich liebe diese spitz zugehenden Zimmer, sie sind so gotisch. Übrigens«, rief er und zeigte so plötzlich auf eine Tür, daß die beiden Herren erschreckt zusammenfuhren, »wohin führt diese Tür da?«

»Zum sicheren Tode, meine ich«, antwortete Michael Moon und sah zu einer staubbedeckten unbenutzten Falltür in dem schrägen Dach der Mansarde auf. »Ich glaube kaum, daß sie zu einem Boden führt, aber ich wüßte nicht, wo hinaus sie sonst gehen sollte.« Bevor Moon ausgesprochen hatte, war der Mann mit den kräftigen grünen Beinen an die Tür in der Decke gesprungen. Er schwang sich auf ein darunter vorstehendes Brett, riß die Tür mit Mühe auf und zwängte sich hindurch. Einen Augenblick sahen die anderen die beiden symbolischen Beine, die einen Moment wie eine verstümmelte Statue dastanden und dann verschwanden. Durch das in dem Dach entstandene Loch war der leere und klare Abendhimmel zu erblicken, an dem eine große bunte Wolke gleich einer auf den Kopf gestellten Landschaft dahinschwebte.

»Hört mal!« klang seine Stimme von so fern, als ob sie von einer weit abgelegenen Turmspitze käme, »kommt hier herauf und bringt von meinen Sachen etwas zum Essen und zum Trinken mit. Hier ist ein feiner Platz für ein Picknick.«

Impulsiv griff Michael nach zwei von den kleinen Weinflaschen, in jeder kräftigen Faust hielt er eine Flasche. Wie hypnotisiert streckte Artur Inglewood die Hand nach einer Keksbüchse und einem großen Topf Ingwer aus. Die gewaltige Hand von Innozenz Smith zeigte sich an der Öffnung wie die eines Riesen in einem Märchen, und diese Hand nahm diese Tribute entgegen und trug sie zur luftigen Höhe. Dann schwangen sich die beiden anderen Männer aus dem Fenster hinaus. Sie waren beide Athleten und auch Turner, Inglewood durch sein Interesse für Hygiene, und Moon durch sein Interesse für Sport, der nicht ganz so müßig und dilettantenhaft betrieben wurde, wie es bei den Durchschnittssportmenschen der Fall ist. Beide hatten auch ein sonderbares Gefühl des Überirdischen, als die Tür im Dach aufgerissen wurde, gleich einer Tür zum Himmel, durch welche man auf das Dach des Weltalls klettern konnte. Beide waren sie Männer, die schon lange unbewußt in dem Alltäglichen gefangen waren, wenn auch der eine es komisch, der andere es tragisch hinnahm. Jedoch waren sie beide Männer, in denen das Gemüt noch nicht ertötet war. Im Gegensatz zu ihnen beiden verachtete Herr Moses Gould ihre selbstmörderische Athletik und ihre unbewußte transzendentale Philosophie, darum stand er da und belächelte sie mit der unverschämten Objektivität einer anderen Rasse.

Als der eigentümliche Smith, der rittlings auf einem Schornstein saß, erfuhr, daß Gould nicht nachkam, trieben ihn seine kindliche Hilfsbereitschaft und seine Gutmütigkeit, wieder in die Mansarde hineinzutauchen, um Gould zu trösten oder zu überreden. Als Inglewood und Moon auf dem schmalen graugrünen Dachfirst allein gelassen waren, die Füße gegen die Dachrinne gestemmt und den Rücken gegen die Schornsteine gelehnt, blickten sie einander fremd an. Ihr erstes Gefühl war, daß sie aus der Ewigkeit gekommen waren und daß diese Ewigkeit einer auf den Kopf gestellten Welt glich. Einer von den beiden fand eine Erklärung – nämlich, daß er in das Licht jener klaren, strahlenden Unkenntnis gelangt war, aus der jeder Glaube entstanden ist. Der Himmel über ihnen war voll Mythologie. Er schien unermeßlich genug, um alle Götter zu enthalten. Wie eine große unreife Frucht färbte sich allmählich der Ätherkreis von grün zu gelb. Rings um die untergegangene Sonne schimmerte er zitronengelb, während er im Osten goldgrün leuchtete und an eine Reineclaude erinnerte, nur hatte das Ganze noch die Nüchternheit des Tageslichtes und nichts von dem Geheimnisvollen der Dämmerung. Hingeschleudert über diesem gold- und blaßgrünen Hintergrund lagen hier und da schuppenähnliche Wölkchen und zerrissene Massen dunkelvioletter Wolken, als ob sie aus ihrer gewaltigen Höhe auf die Erde fallen wollten. Eine dieser Wolkenmassen glich tatsächlich einem vielköpfigen, vielbärtigen, vielbeflügelten assyrischen Götzen, der, mit dem Riesenkopf nach unten, aus dem Himmel geschleudert worden war, wie ein falscher Jehova, vielleicht ein Satan. Alle die anderen Wolken mit ihren gewaltigen turmartigen Formen sahen aus, als ob sie die Paläste des Gottes wären, die man ihm nachgeschleudert hatte.

In die lautlose Katastrophe, die in dem leeren Himmel vor sich zu gehen schien, drang aus den menschlichen Behausungen, über welchen sie saßen, hie und da ein schwacher, trivialer Laut zu ihnen hinauf, der einen ungeheuren Kontrast bildete. Einige sechs Straßen weit unter ihnen hörten sie die Rufe eines Zeitungsträgers und das Läuten einer Glocke, die zum Gottesdienst aufforderte. Auch konnte man die Stimmen aus dem Garten unten vernehmen, und es wurde ihnen klar, daß der unverwüstliche Smith Herrn Gould nachgegangen sein mußte, denn man hörte eine eifrige und bittende Stimme, dazwischen die halb humoristischen Proteste von Fräulein Duke und das herzliche, so jugendliche Gelächter von Rosamund Hunt. In der Luft lag jene kühle Freundlichkeit, die auf ein Gewitter folgt. Michael Moon sog sie so feierlich und andachtsvoll ein, wie er den Rotwein aus der kleinen Flasche geschlürft und sie mit einem Zug geleert hatte. Inglewood kaute weiter langsam an seinem Ingwer mit einer Andacht, die so unergründlich war wie der Himmel über ihm. Die Luft war noch so bewegt und frisch, daß die Männer den Geruch der Gartenerde und den Duft der letzten Herbstrosen zu spüren glaubten. Plötzlich kamen aus dem dunkelnden Garten feine hohe Töne, die ihnen sagten, daß Rosamund ihre lang vernachlässigte Mandoline herausgeholt hatte. Nach den ersten paar Noten hörte man wieder das ferne, glockenähnliche Gelächter.

»Inglewood«, sagte Michael Moon, »haben Sie jemals gehört, daß ich ein Schurke bin?«

»Ich habe es nicht gehört, und ich glaube es nicht«, erwiderte Inglewood nach einer verlegenen Pause, »aber ich habe gehört, daß Sie... na, das sind, was man einen Durchgänger nennt.«

»Wenn Sie gehört haben, daß man mich wild, einen Durchgänger nennt, so können Sie diesem Gerücht widersprechen«, sagte Moon mit außergewöhnlicher Ruhe, »ich bin zahm. Ich bin ganz zahm; ich bin ungefähr das zahmste Tier, das kriecht. Ich trinke jeden Abend zur selben Zeit zuviel von derselben Sorte Whisky. Ich trinke sogar auch immer dieselbe zu große Menge. Ich gehe in dieselbe Anzahl Wirtshäuser. Ich treffe dieselben verwünschten Weiber mit den geschminkten Gesichtern. Ich höre dieselbe Anzahl schmutziger Geschichten – meistens dieselben. Sie können meine Freunde beruhigen, Inglewood, Sie sehen einen Mann vor sich, den die Zivilisation gründlich zahm bekommen hat.«

Artur starrte seinen Gefährten mit solchem Entsetzen an, daß er fast vom Dach heruntergefallen wäre, denn wenn des Irländers Gesicht immer finster war, so sah es jetzt fast dämonisch aus.

»Himmeldonnerwetter!« rief Moon aus und packte plötzlich die leere Rotweinflasche, »das ist der dünnste und übelste Wein, den ich jemals durch die Kehle gegossen habe, aber es ist der erste Trunk, der mir seit neun Jahren wirklich geschmeckt hat. Ich bin niemals wild gewesen, erst vor zehn Minuten bin ich es geworden.« Und er schleuderte die Flasche wie ein Glasrad weit fort hinter den Garten in die Straße hinein, und in der tiefen Abendstille hörte man, wie sie zerbrach und auf dem Pflaster zerschellte.

»Moon«, sagte Artur Inglewood etwas heiser, »Sie dürfen nicht so verbittert sein. Jeder muß die Welt so nehmen, wie sie ist, natürlich findet man sie oft ein wenig langweilig...«

»Jener Bursche findet sie nicht langweilig«, sagte Michael entschieden; »ich meine Smith. Mir scheint, sein Wahnsinn hat Methode. Es sieht so aus, als ob er nur einen Schritt von der gewöhnlichen Straße abzuweichen brauchte, um jede Minute in ein Wunderland zu gelangen. Wer hätte an diese Falltür gedacht? Wer hätte geahnt, daß dieser üble Kolonialrotwein so gut zwischen den Schornsteinen schmecken könnte? Vielleicht ist das der wirkliche Schlüssel zum Märchenlande. Vielleicht müßte man nur die widerlichen kleinen Empirezigaretten von dem langnasigen Gould auf Stelzen oder etwas derartigem rauchen. Vielleicht würde die ewige kalte Hammelkeule von Frau Duke gut schmecken, wenn man sie oben auf einem Baum äße. Vielleicht würde sogar mein abscheuliches Gesöff, dieser alte Bill-Whisky...«

»Seien Sie nicht so hart gegen sich«, sagte Inglewood ernstlich bekümmert. »Daß alles so langweilig ist, ist nicht Ihre Schuld noch die des Whiskys. Leute, die... Leute wie ich, meine ich – haben genau dasselbe Gefühl wie Sie, daß alles recht flach und zwecklos ist. Aber die Welt ist eben so. Es ist alles überlebt. Manche Leute sind dazu gemacht, weiterzukommen, wie Warner, andere wiederum, wie ich, bleiben auf demselben Fleck. Man kann seinen Charakter nicht ändern. Ich weiß, Sie sind viel klüger als ich, aber Sie können nichts dafür, daß Sie die leichtlebige Art eines armen Literaten haben, und ich kann nichts dafür, daß ich von den Zweifeln und der Unbeholfenheit eines kleinen Gelehrten geplagt werde, ebensowenig wie ein Fisch dafür kann, daß er schwimmt, oder ein Farnkraut, daß sich seine Blätter kräuseln. Die Menschheit – wie Warner so richtig in seinem letzten Vortrag sagte –, besteht tatsächlich aus ganz verschiedenen Tiergattungen, die alle als Menschen verkleidet sind.«

In dem dämmerigen Garten unten hörten sie, wie das Schwirren der Unterhaltung plötzlich durch Fräulein Hunts Instrument unterbrochen wurde, er war eine laute, flotte Melodie, die an das lärmende Geknatter der Artillerie erinnerte. Rosamunds Stimme tönte voll und stark herauf, und man vernahm die Worte eines albernen modernen Niggergesanges:

»Wir Neger singen ein Lied auf der alten Plantage,
Singen es, wie wir es in den längst vergangenen Tagen sangen.«

Inglewoods braune Augen bekamen einen noch weicheren und traurigeren Ausdruck, als er seinen resignierten Monolog zu den Klängen einer so ausgelassenen und romantischen Melodie fortsetzte. Aber Michael Moons blaue Augen leuchteten in einer harten Klarheit, die Inglewood nicht verstand. So manche Jahrhunderte und so manche Dörfer und Täler wären glücklicher gewesen, wenn Inglewood oder Inglewoods Landsleute beim ersten Aufleuchten dieses Lichts verstanden oder erraten hätten, daß es der Schlachtstern Irlands war.

»Nichts kann jemals etwas daran ändern; es liegt in den Rädern des Weltalls«, fuhr Inglewood leise fort, »manche Menschen sind schwach und andere stark, und das einzige, was wir tun können, ist, zu erkennen, daß wir schwach sind. Ich habe mich unzählige Male verliebt, aber es führte zu nichts, denn der Gedanke an meine eigene Treulosigkeit hielt mich zurück. Ich habe meine Ansichten gehabt, aber ich hatte nicht die Dreistigkeit, sie durchzusetzen, weil ich sie oft wechselte. Das ist des Pudels Kern, alter Bursche. Wir können uns nicht auf uns selbst verlassen – und dafür können wir nicht.«

Michael hatte sich erhoben und balancierte nun in einer gefährlichen Haltung am Rande des Daches, so daß er einer dunkeln Statue glich, die über dem Giebel schwebte. In der schweigenden Anarchie des Himmels drehten sich hinter ihm gewaltig große Wolken von seltsam tiefvioletter Farbe langsam um. Ihre Drehung ließ die dunkle Gestalt noch schwindelerregender erscheinen.

»Lassen Sie uns...«, sagte er und schwieg plötzlich.

»Lassen Sie uns was?« fragte Artur Inglewood, der sich jetzt ebenso schnell, wenn auch etwas vorsichtiger, erhob, denn seinem Freund schien das Sprechen schwerzufallen.

»Lassen Sie uns gehen und einige jener Dinge tun, die wir nicht tun können«, sagte Michael.

In diesem Augenblick wurde die Falltür unter ihnen aufgerissen, und der leuchtende Schopf und das gerötete Gesicht Innozenz Smiths erschien und rief ihnen zu, sie möchten herunterkommen, das »Konzert« wäre im vollen Gange und Herr Moses Gould wäre gerade im Begriff, »Jung-Lochinvar« vorzutragen.

Als sie sich in Innozenz Mansarde herunterließen, wären sie fast wieder über die ergötzlichen Hindernisse, die überall auf der Erde umherlagen, gefallen. Bei ihrem Anblick mußte Inglewood unwillkürlich an ein unordentliches Kinderzimmer denken. Deshalb war er um so erregter und sogar erschreckt, als seine Blicke auf einen großen, blankgeputzten amerikanischen Revolver fielen.

»Nanu!« rief er und fuhr vor dem stählernen Glanz zurück, wie man vor einer Schlange zurückschreckt, »haben Sie Angst vor Einbrechern, oder wann und warum streuen Sie den Tod mit dieser Pistole aus?«

»Ach, die Pistole!« sagte Smith und warf einen flüchtigen Blick darauf, »Leben streue ich damit aus«, und er sprang die Treppe herunter.

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