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Gilbert Keith Chesterton: Menschenskind - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorGilbert Keith Chesterton
titleMenschenskind
publisherVerlag Herder KG
translatorN. Collin
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Wie der Sturmwind Haus Leuchtfeuer verließ

Mary ging langsam zwischen Diana und Rosamund im Garten auf und ab; sie schwiegen, und die Sonne war untergegangen. Die wenigen noch hellen Lichtstreifen am westlichen Himmel hatten einen warmen weißen Ton, der nur mit Sahnekäse vergleichbar war, und die Reihen von daunigen Wölkchen, die darüberschwebten, hatten einen weichen, aber satten, violetten Flaum, so daß sie wie violetter Rauch aussahen. Der ganze übrige Schauplatz verging und zerfloß in ein Silbergrau und schien sich mit Marys dunkelgrauer Gestalt zu verschmelzen und zu vereinigen, so daß sie gleichsam mit dem Garten und dem Himmel bekleidet war. Es lag etwas in diesen letzten ruhigen Farben, das ihr eine Art Einfassung und eine gewisse Erhabenheit zu geben schien; auch das Zwielicht, das Dianas stattlichere Figur und Rosamunds prunkhafteres Gewand verbarg, hob Mary hervor, stellte sie in den Vordergrund und machte sie zur alleinigen Herrin des Gartens.

Als sie endlich sprachen, wurde offenbar eine Unterhaltung wiederaufgenommen, die schon lange in Schweigen verfallen war.

»Wohin wird dich dein Mann führen?« fragte Diana mit ihrer prosaischen Stimme.

»Zu einer Tante«, sagte Mary, »das ist ja gerade das Spaßige dabei. Es existiert wirklich eine Tante, und wir ließen die Kinder bei ihr, als wir verabredeten, daß ich mich aus der anderen Pension dort am unteren Ende der Straße herauswerfen lassen würde. Wir nehmen uns immer nur acht Tage für diese Art Ferien, aber manchmal nehmen wir sie zweimal hintereinander.«

»Aber was sagt die Tante dazu?« fragte Rosamund harmlos. »Es ist wohl sehr pedantisch von mir, aber ich habe viele Tanten gekannt, die so etwas – nun – für sehr töricht halten würden.«

»Töricht«? rief Mary sehr vergnügt. »Ach du meine Güte! Und ob es töricht ist! Aber was kannst du anderes erwarten? Er ist wirklich ein guter Mann, und es hätten auch Schlangen oder etwas Derartiges sein können.«

»Schlangen?« fragte Rosamund ganz verwundert.

»Ja, Onkel Harry hielt sich Schlangen und behauptete, daß sie ihn liebten«, erwiderte Mary mit größter Selbstverständlichkeit. »Tantchen erlaubte ihm, sie in seinen Taschen aufzubewahren, aber nicht im Schlafzimmer.«

»Und du –«, begann Diana und runzelte leicht die Stirn.

»Ach, ich mache es wie Tantchen«, sagte Mary, »wenn wir nicht länger als vierzehn Tage von den Kindern fort sind, mache ich mit. Er nennt mich ›Menschenskind‹, und man muß ein ›s‹ dazwischenschieben, sonst wird er ganz aufgeregt.«

»Aber wenn die Männer solche Ideen haben«, begann Diana.

»Ach, was hat es für einen Zweck, über Männer zu sprechen?« rief Mary ungeduldig, »das tun nur Schriftstellerinnen oder so scheußliche Wesen. Männer gibt es gar nicht. Es gibt nur einen Mann in Variationen.«

»Es gibt also gar keine Sicherheit«, sagte Diana leise.

»Das weiß ich nicht«, antwortete Mary leichthin, »es gibt nur zwei Dinge, die man mit Sicherheit von den Männern sagen kann. Zu gewissen merkwürdigen Zeiten sind sie eben gerade imstande, für uns zu sorgen, aber für sich selbst sorgen können sie niemals.«

»Ein Sturm erhebt sich«, sagte Rosamund plötzlich. »Sieh jene Bäume dort drüben an, da hinten, und die Wolken jagen sich förmlich.«

»Ich weiß, woran du denkst«, sagte Mary, »seid nicht töricht. Hört nicht auf die Schriftstellerinnen. Geht nur den geraden Weg, für Gottes Wahrheit, sie gehört Gott. Ja, dein lieber Michael wird oft recht unordentlich sein. Artur Inglewood wird noch schlimmer sein – er ist ordentlich. Aber wozu sind sonst all die Bäume und Wolken, ihr törichten Kätzchen?«

»Die Wolken und Bäume schwanken hin und her«, sagte Rosamund. »Ein Sturm ist im Anzuge, und dieses Gefühl macht mich ganz nervös, ich weiß nicht, warum. Michael ähnelt eigentlich dem Sturm ein wenig: er ängstigt mich und macht mich glücklich zugleich.«

»Ängstige dich nicht«, sagte Mary. »Diese Männer haben insgesamt einen Vorteil: Sie gehören zu denen, die aus sich herausgehen.«

Ein plötzlicher Windstoß, der durch die Bäume ging, wehte die welken Blätter auf den Pfad, und die drei hörten das ferne Rauschen der Bäume.

»Ich meine«, sagte Mary, »sie gehören zu denen, die hinausschauen und sich für die Welt interessieren. Es ist gleich, ob es sich durch Debattieren äußert, durch Radfahren oder dadurch, daß einer die Welt aus den Fugen reißt, wie es der arme, gute Innozenz macht. Halte dich an den Mann, der aus dem Fenster schaut und die Welt zu verstehen sucht. Mache einen Bogen um jenen Mann, der in das Fenster hineinschaut und dich zu verstehen sucht. Als der arme Adam im Garten grub (Artur will immer im Garten graben), kam die andere Art des Weges und schlängelte sich hinein – die scheußliche alte Schlange!«

»Du stimmst also mit deiner Tante darin überein«, sagte Rosamund lächelnd, »du willst keine Schlangen im Schlafzimmer haben.«

»Ich stimme mit meiner Tante nicht sehr überein«, erwiderte Mary, »aber ich finde, sie hatte recht, Onkel Harry Drachen und Greifen sammeln zu lassen, solange es ihn außerhalb des Hauses beschäftigte.«

Fast im selben Moment blitzten alle Lichter in dem dunklen Hause auf und verwandelten die beiden Glastüren, die in den Garten führten, in Tore aus getriebenem Gold. Die goldenen Tore sprangen auf, und der riesige Smith, der so viele Stunden wie eine plumpe Statue dagesessen hatte, kam herausgestürzt und schlug den ganzen Rasenplatz hinunter Rad vor Vergnügen, während er andauernd schrie: »Freigesprochen, Freigesprochen!« Den Ruf wie ein Echo wiederholend, lief Michael auf Rosamund zu und riß sie stürmisch mit sich zu einigen Tanzschritten, die ein Walzer sein sollten. Aber die Gesellschaft kannte nun Innozenz und Michael nachgerade, und ihre Verdrehtheiten wurden mit Humor aufgenommen und als selbstverständlich betrachtet. Viel merkwürdiger war es, daß Artur Inglewood spornstreichs auf Diana zuging und sie küßte, als wäre es der Geburtstag seiner Schwester. Sogar Doktor Pym, obgleich er nicht mittanzte, sah mit wirklichem Wohlwollen zu; denn diese ganzen lächerlichen Enthüllungen hatten ihn weniger als die anderen erregt, weil er im stillen dachte, solche verdrehten Gerichtshöfe und irrsinnigen Diskussionen gehörten zu den mittelalterlichen Mummenschanzereien der alten Welt.

Während der Sturm wie mit Trompetenstößen den Himmel zerriß, wurde ein Fenster nach dem anderen im Hause hell. Ehe die kleine Gesellschaft zwischen Lachen und Windstößen sich wieder ins Haus zurückgetastet hatte, sah sie die große, affenartige Gestalt von Innozenz Smith auf dem Dach. Er war aus seinem Mansardenfenster herausgeklettert, und nun brüllte er immer wieder: »Haus Leuchtfeuer« und schwenkte dabei um seinen Kopf einen riesigen Holzscheit oder Klotz von dem Holzfeuer unten. Von diesem brennenden Scheit strömte eine leuchtende rote Flamme und ein violetter Rauchstreifen in die lärmende Luft hinaus.

Innozenz war so deutlich sichtbar, daß man ihn von drei Grafschaften aus hätte erblicken können; aber als sich der Wind legte und die Gesellschaft auf dem Gipfel ihrer Fröhlichkeit wieder nach Mary und Smith suchte, waren die beiden nicht zu finden.

 


 

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