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Menschen untereinander

Hermann Heiberg: Menschen untereinander - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleMenschen untereinander
authorHermann Heiberg
yearca. 1905
publisherVerlag von Gustav Fock
addressLeipzig
titleMenschen untereinander
pages1-422
created20031126
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hermann Heiberg

Menschen untereinander


Erstes Kapitel.

In der Geschichte des deutschen Nordens hatte der Name der Grafen von Witzdorff von jeher einen guten Klang gehabt, da sie sich in ihren hohen und verantwortlichen Stellungen sowohl durch Diensttreue gegen die angestammten Herrscher hervorgethan, als auch durch kluge, aber ehrliche Wahrnehmung ihrer jeweiligen eigenen Vorteile bedeutendes Besitztum im Lande erworben hatten.

Freilich war dieses im Laufe der Zeiten durch die Verschwendung einiger unbemittelter Schwiegersöhne wesentlich vermindert worden; aber Graf Felix von Witzdorff, der als der älteste Vertreter dieses Geschlechtes im Anfang der sechziger Jahre nach fast dreißigjähriger Abwesenheit im Auslande in seine Heimat Schleswig zurückkehrte, blieb doch eine Persönlichkeit, deren Wiedererscheinen um eines durch Heirat wiedergewonnenen großen Vermögens, seines angesehenen Familiennamens und seiner Lebensstellung willen von den Bewohnern als ein Ereignis angesehen ward.

Bereits in jüngeren Jahren einer deutschen Gesandtschaft zugewiesen, hatte er sich in London mit der Tochter eines englischen Kaufmanns verheiratet. Aus dieser Ehe war ein einziger Sohn hervorgegangen, der nach einer alten Überlieferung der Witzdorffs in der Taufe den Namen »Kay«, eine Abkürzung des lateinischen »Cajus«, erhalten hatte.

Graf Felix hatte diesem Sohne eine Erziehung angedeihen lassen, die den höchsten Anforderungen entsprach, und von vornherein ins Auge gefaßt, daß er sich ebenfalls dem diplomatischen Dienst widmen solle. Allein schon nach Verlauf des ersten Universitätsjahres hatte derselbe eine besondere Neigung für den Kaufmannsstand zu haben erklärt, und war, als ihm Felix endlich mit größtem Widerstreben nachgegeben hatte, in ein Londoner Handelshaus eingetreten. In Folge seiner Fähigkeiten war er dort sehr rasch vorwärts gekommen, hatte sich in ungewöhnlich kurzer Zeit selbständig gemacht und durch glückliche Handhabung überseeischer Geschäfte ein sehr erhebliches Vermögen erworben.

Im achtundfünfzigsten Jahre verlor Graf Felix in der spanischen Hauptstadt, wohin ihn seine Regierung als Gesandten geschickt hatte, seine Gattin Emerence, und er beschloß nun, aus dem Staatsdienst auszutreten, nach seiner Heimat überzusiedeln und sich auf seinem Gute Dronninghof in der Nähe von Schleswig für den Rest seiner Lebenszeit niederzulassen. Wirklich traf Graf Felix von Witzdorff, Exzellenz, am 12. Juni zunächst in Hamburg ein und begegnete sich hier mit Kay, der zu jener Zeit im vierunddreißigsten Lebensjahre stand und soeben von einem Zweiggeschäft aus dem spanischen Südamerika zurückgekehrt war. Derselbe hatte gelegentlich seiner Niederlassung in London den Grafentitel abgelegt und nannte sich lediglich Kay Witzdorff.

Die Begegnung zwischen Vater und Sohn fand im »Hotel de l'Europe« statt. Der Graf, welcher Kay seit vielen Jahren nicht gesehen und ohne ihn an dem Sarge seiner Frau gestanden hatte, empfand eine gewisse Unbehaglichkeit und war etwas enttäuscht, als ihm in seinem Sohne ein sehr ernster Mann entgegentrat, der zwar seiner Freude über das Wiedersehen Ausdruck verlieh, aber keine sonderliche Wärme dabei an den Tag legte.

Er war in seiner Rede knapp und kurz, urteilte rasch und entschieden und äußerte seine Meinung in einem Tone und einer Weise, gegen die ein Widerspruch nur schwer aufkam.

Kay hatte auch einige Gewohnheiten, welche den Grafen, wie dieser sich mit einem bezeichnenden Fremdworte ausdrückte, äußerst »impatientierten«. Beim Sitzen legte er häufig den rechten Fuß auf das linke Knie, trug, von der Mode abweichend, breite, gelblederne Schuhe, und den Fuß bedeckten Strümpfe, die in sehr auffallenden Mustern gewirkt waren. Seine Uhr barg er lose in der Beinkleidertasche, aus der er auch kleines Geld hervorzog, während er Goldmünzen und Papier in einem kleinen juchtenledernen Täschchen trug, welches in der Weste steckte. Tief ausgeschnittene Hemden mit spitzauslaufenden, breiten Leinenkragen zeigten einen gebräunten Hals mit starken Halsknochen, und lange Manschetten reichten über die von zahlreichen Sommersprossen bedeckten Hände.

Kays Gestalt war hünenhaft, jedoch schlank und äußerst biegsam. Das Haar auf dem edel gebauten Kopf trug er zurückgestrichen, und ein heller, weit und locker sitzender Anzug umgab seinen Körper.

Besonders störten auch den Grafen Felix, der nur in schnellen Zügen spanische Zigarette rauchte, die vielen importierten Zigarren, von denen Kay während des Tages wohl ein Dutzend hervorzog, und deren Rauch er dann meistens durch die Nase stieß.

»Ah, meine gute Mutter!« hub Kay bewegt an, als nach einigen einleitenden Worten das Gespräch auf sie gekommen war, und der Graf ein Bild hervorgeholt hatte, das im letzten Lebensjahre der Verstorbenen angefertigt war. Er betrachtete es lange und mit wehmütigem Ausdruck, ließ sich von der Krankheit ausführlich erzählen und preßte die Lippen in starker Gemütserregung zusammen, als ihm sein Vater berichtete, wie sehr sie in ihren letzten Lebensaugenblicken nach ihm verlangt habe.

»Jahre würde ich darum gegeben haben, wenn ich noch einmal in ihre schönen, zärtlichen Augen hätte schauen können,« stieß Kay hervor. »Es war mir nicht vergönnt.« Und nach kurzer Pause fuhr er fort: »Was gedenkst Du nun zu thun, Papa? Wirst Du sogleich nach Schleswig reisen? Ist das Herrenhaus bereits hergerichtet? –«

Der Graf neigte bestätigend den kurzgeschorenen, weißen Kopf. Sein Gesicht zeigte jene pergamentne Farbe, die man häufig bei solchen findet, die lange in südlichen Ländern gelebt haben. Seine Erscheinung war äußerst vornehm. Er trug einen untadelhaft gehaltenen schwarzen Anzug, aus dem eine schneeweiße Weste hervorsah, und seine frauenhaft geformten Hände spielten oft mit einem goldenen Monocle, das er von Zeit zu Zeit in das forschende graue Auge schob. Seine Bewegungen waren gemessen, ohne etwas Gemachtes zu haben; die Ruhe, mit der er sprach, die besondere, etwas fremdländisch klingende Betonung der Worte und seine gleichmäßige Höflichkeit kennzeichneten ihn als Weltmann. Hin und wieder krümmte er den elfenbeinglatten Zeigefinger der linken Hand, an dem der Nagel mit der mondweißen Zeichnung sehr lang gewachsen war, und berührte damit eine Stelle auf dem Kopfe. Namentlich, wenn ihn etwas tiefer beschäftigte, geschah dies; in kurzen Zwischenräumen zog er auch eine kleine, blitzende, durch langjährigen Gebrauch glattgewordene goldene Dose hervor, aus der er mit zierlich gespitzten Fingern eine Prise heraushob, deren Inhalt rasch, und ohne Spuren zu hinterlassen, in seiner scharf gebogenen Nase verschwand.

»Ich gedenke zunächst acht Tage hier zu bleiben und dann nach Schleswig zu reisen,« erwiderte er. »Vorher werde ich noch meinen Freund, den alten Grafen Schlieben, den früheren Postdirektor, besuchen, der mich dringend invitiert hat, einige Zeit hier zu verweilen. Ich fand auch schon bei meiner Ankunft ein Billet von seiner Hand. Er schlägt vor, daß wir heute bei ihm speisen. – Wenn Du nicht zu sehr ermüdet bist, bitte ich, daß Du Dich mir anschließest. Die Familie ist charmant. Ich bin sehr gespannt, die Gräfin, Komtesse Clementina-Julia und die Kleine wiederzusehen.«

Kay beugte sich etwas vor und sagte höflich, aber mit merklicher Betonung: »Wenn Du wünschest, werde ich Dich begleiten! Ist's der alte Graf Schlieben, der die zweite Frau, die schöne, südamerikanische Witwe geheiratet hat? Ich glaube mich dessen aus früheren Mitteilungen zu erinnern.«

Graf Felix neigte bejahend den Kopf. Und rasch einen anderen Gegenstand berührend, hub er an: »Wie lange denkst Du zu bleiben, Kay? Du gehst doch auf einige Tage mit nach Dronninghof?«

»Unmöglich!« stieß Kay hervor, lockerte das gelöste Blatt seiner Zigarre, benetzte es vorsichtig mit den Lippen und wickelte es sorgsam wieder um die Einlage. »Unmöglich!« wiederholte er, nun auch ein grasleinenes, zart gewebtes Schnupftuch hervorziehend, das er durch seine Finger gleiten ließ. »Ich stecke gerade in einer bedeutenden Geschäftssache, die meine Abwesenheit nicht gestattet. Vielleicht kann ich im Herbst einmal kommen, im Herbst, wo es ja auch schön in Dronninghof sein wird.«

»Hm!« stieß Graf Felix enttäuscht hervor, und nach einer Pause fügte er hinzu: »Bist Du mit den Geschäften zufrieden gewesen? Waren es Ungelegenheiten, die Dich nach Venezuela führten?«

Bevor Kay noch zu antworten vermochte, ward geklopft, und ein aristokratisch aussehender, hagerer alter Herr mit langem Hals und unmoderner, hoher Atlaskravatte, in der Hand ein spanisches Rohr mit goldenem Knopf, trat unter allen Anzeichen freudiger Überraschung ins Zimmer. Sein starkknochiges, langes Gesicht war eingeengt durch Vatermörder, und auf der seidenen Weste ruhte eine dicke Kette mit großem, goldenem Petschaft.

»Ah! Lieber Freund!« rief Kays Vater und eilte auf den Eintretenden zu. »Wie liebenswürdig, mir den ersten Besuch zu machen. Erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen Sohn vorstelle.«

Kay erhob sich langsam und machte eine förmliche Verbeugung. Während die Alten eifrig schwatzten, saß er fast teilnahmlos zurückgelehnt, rauchte und strich von Zeit zu Zeit seinen langen Kinnbart. Er mischte sich auch nicht in das Gespräch und zeigte selbst dann eine ziemlich gleichgültige Miene, wenn der Gast bei seinem lebhaften, etwas auf den Effekt berechneten Sprechen den hochgekämmten, mit spärlichem Haarwuchs bedeckten Kopf besonders zu ihm wandte.

»Also ich darf auf Ihr Erscheinen zum Diner rechnen? Auch auf das Ihrige, Herr Graf?« fragte der alte Herr beim Schluß der Unterredung und gleichzeitig sich erhebend. »Fünf Uhr, wenn ich bitten darf. Und Nachsicht für die einfache Küche habe ich im Namen meiner Frau im voraus von Ihnen einzuholen.«

Kay neigte höflich das Haupt, während Graf Felix den alten Freund auf die eckigen Schultern klopfte und ihn zur Thür geleitete. Wenig später entfernte sich auch Kay mit dem Bemerken, daß er einen Geschäftsfreund besuchen wolle.

Nachdem er gegangen, stellte sich Graf Felix vor den Spiegel, strich behutsam mit den fein geformten Händen über das kurzgeschorene Haar, prüfte sein glatt rasiertes Gesicht und bewegte den Oberkörper, als wolle er die Biegsamkeit seiner Glieder prüfen. Und dann ließ er sich in einen Sessel nieder, nahm eine Prise und sann, ganz in Gedanken verloren, nach. Irgend eine bedeutsame Angelegenheit schien sein Inneres ausschließlich zu beschäftigen.

*           *
*

»Und sie hieß?« fragte Clementina-Julia, Kay rasch anblickend, während sie neben ihm in dem Garten einherschritt, der das von dem Grafen bewohnte Haus auf der Uhlenhorst umschloß. Es war in dieser Woche bereits das vierte Mal, daß Kay der Einladung der Familie Folge geleistet hatte. Aus den ursprünglich festgesetzten wenigen Tagen seines Aufenthaltes waren schon vierzehn geworden.

»Seltsamerweise ähnelte sie Ihnen nicht allein, sondern hieß auch genau wie Sie selbst. Komtesse Clementina-Julia,« erwiderte Kay. Er brach ab, blieb stehen und zupfte an den Blättern eines Strauches.

So lange stand er, und so verloren war er in seine Gedanken, daß dem Mädchen das Rot des Unmuts in die Wangen schoß und sie zuletzt allein weiterschritt.

Als Kay sie einholte und keine Entschuldigung aussprach, bewegte sie mit einem Anflug von finstrer Auflehnung den Kopf und ging wortlos neben ihm her.

»Wir sprachen von Clementina-Julia,« hub Kay, das so unvermittelt abgebrochene Gespräch wieder aufnehmend, an. »Darf ich Ihnen eine Beschreibung von ihr machen?«

»Es wird mich gewiß interessieren!« tönte es einsilbig zurück. Kay sah überrascht empor, aber er überging die Empfindlichkeit, die sich in dem Ton der Sprecherin kundgab. »Sie hatte Augen,« begann er, »die den Drang zu haben schienen, sich in sich selbst zurückzuziehen, wunderbare, fragende, aber niemals herausfordernde Augen. Sie lagen zwischen den feinen Linien ihres Angesichts wie stille Abgründe, und die zusammengewachsenen dunklen Brauen unter der Stirn verschärfen das Geheimnisvolle ihrer Schönheit. Ihre Lippen waren stets mit jenem rätselhaften Ausdruck geschlossen, der uns reizt, in das Innere eines Menschen zu dringen. Und doch, wenn der Mund lächelte, war's das Lächeln eines Kindes, das von einem fröhlichen Gedanken beherrscht wird. Die Haare waren tiefer als sonst bei Menschen in die Stirnseiten gewachsen, und diese blauschwarzen, glänzenden Fäden stiegen zu der reichsten Fülle empor, die nur immer den Kopf einer Frau umrahmen konnte. Ihre sanften Bewegungen ließen sie so vornehm erscheinen, wie sie wirklich in ihrem Inneren war. Nur bei bestimmten Anlässen verließ sie diese Ruhe, und in ihrer Zärtlichkeit drückte sich jene stumme Leidenschaft aus, der im Übermaß der Empfindung das Wort fehlt. Nie habe ich wieder ein weibliches Wesen gesehen, das in so eigener Weise einen anderen Menschen umhalste. Ihre Bewegungen waren dann rasch und heftig, und ihre Arme schienen sich zu verlängern. Die ganze Kraft ihres tiefen Gefühls drückte sich bei dieser Gelegenheit aus. Einen Fehler hatte sie –«

Kay hielt inne.

»Einen Fehler?« wiederholte Clementina-Julia.

Kay nickte. »Ja!« sagte er kurz und mit einem Anflug von plumper Gradheit im Ton. »Sie hinkte auf dem linken Bein, es war ein wenig zu kurz.«

Clementina-Julia legte die Hand auf die Brust und biß die Lippen aufeinander. Ein kurzer Laut entfuhr ihrem Munde. Auch sie war lahm und bewegte sich schwerfällig beim Gehen.

»Es erscheint unzart, wenn ich hinzufüge: wiederum wie Sie, Komtesse,« fuhr Kay, sein offenes Auge auf sie richtend, fort. »Aber ich will sagen,« und hier senkte er die Stimme und sprach langsamer, »eben das zieht mich auch zu Ihnen hin.«

Eine Meise ließ sich im grünen Gebüsch vernehmen. Von ihrem unschuldigen Gesang begleitet, wandten beide die Schritte zu einem einsamen Plätzchen, auf dem Rosen in den Beeten blühten, und das von Jasminbüschen umstanden war. Die Luft war erfüllt von einem zudringlichen, die Sinne reizenden Duft.

»Ganz wie ich,« flüsterte Clementina-Julia. »Und mir zerstörte dieses Leiden mein ganzes Leben! – Ah! – wie oft habe ich mir schon gewünscht –«. Sie stockte.

»Sie wollten sagen?« knüpfte Kay rücksichtslos an und hemmte den Schritt.

Clementina-Julia heftete ihre Augen auf einen kleinen Hügel, den ein Maulwurf aufgestoßen hatte. Sie schien nicht zu hören. Mit der Spitze des Sonnenschirms zerteilte sie in zerstreuten Gedanken die frische Erde, und ihre Brust hob und senkte sich unruhig.

»Haben Sie schon einmal geliebt?« stieß Kay unvermittelt heraus.

Das Mädchen erhob für Sekunden den Blick, und eine rasch aufsteigende Röte trat in ihr Gesicht, aber auch ein Ausdruck von stolzem Befremden blieb darin haften. Sie mochte Kays Art, – er war anders als andere, – aber sie fand ihn formlos, und sein gerades, kurzes und derbes Wesen stieß sie zurück.

»Meine Frage ging aus wärmstem Anteil für Sie hervor,« ergänzte Kay. »Nehmen Sie an, ich hätte nichts gesagt, wenn meine Worte Sie verletzten. Es macht mich traurig, zu denken, daß ein so schönes und liebenswertes Mädchen wie Sie nicht glücklich sein sollte, Komtesse.«

»Vielleicht antworte ich Ihnen ein andermal, Graf Witzdorff,« erwiderte Clementina-Julia. »Übrigens kann Sie schwerlich etwas interessieren, was nicht einmal mich mehr beschäftigt. – Späte Rosen! Ich bin jetzt über die Zeit hinaus, in der ich Wünsche für meine Zukunft haben dürfte. Ich verzichtete für immer.«

Sie sah ihn bei diesen Worten wiederum offen und mit einem guten Ausdruck in Augen und Mienen an.

»Teures Mädchen!« murmelte Kay. »Liebe Komtesse –« wiederholte er hörbarer und ließ seinen Blick auf ihr ruhen. Und als sie nun unwillkürlich den ihrigen senkte, trat er ihr näher und drückte sie, hingerissen von ihrem Anblick, mit sanfter Bewegung an sich.

Wie ein Kind erschien sie in diesem Augenblick neben ihm, obgleich sie das Durchschnittsmaß weiblicher Erscheinungen überschritt.

»Graf Witzdorff!« stieß Clementina-Julia hervor und löste sich mit rascher Bewegung und schwer empörter Miene aus seiner Umarmung.

»Nein – ich bitte – es giebt keine Entschuldigung,« fügte sie, atemlos ansetzend, hinzu, erhob mit abweisendem Stolz das Haupt und durcheilte, trotz ihres schwerfälligen Ganges. rasch die Steige des Gartens.

Als Kay später das Haus verließ, – Graf Felix blieb auch zum Thee in der Familie, – trat der Diener auf Komtesse Clementina-Julia zu und überreichte ihr ein Billet. Auf einem Zettelchen stand geschrieben:

»Einige wenige Worte, die unausgesprochen blieben, weil Sie mich unnahbar mieden! Hat nur die inhaltlose Form Berechtigung, Komtesse? Ist's ein Vergehen, zu zeigen, daß man mit jemandem fühlt, und legt die Natur nicht den Drang in ihre Geschöpfe, sich einander zu nähern? Ich nahm Sie wie ein guter Freund in meine Arme. Ich bin

Ihr Freund

K. W.

*           *
*

Kay wandte sich, nachdem er mit einem Dampfschiff den Jungfernstieg wieder erreicht hatte, in einem starken Drang nach anderen Eindrücken zu Fuß nach St. Pauli. Er ging über den Neuen Wall und betrat den Steinweg. Zur Rechten und Linken ging das lebhafte Treiben an ihm vorüber. Die Geschäfte, die Fabriken waren eben geschlossen. Nun entleerten sich die Kontore in der Geschäftsgegend und die großen, rauchumwirbelten Steinmassen in den Vorstädten. Ruhebedürftige und Vergnügungssüchtige wogten auf und ab. Die Omnibusse jagten von Altona kommend oder dahin ihren Weg nehmend vorüber.

In jedem Hause fast ein Laden mit geöffneten Thüren; das Hunderterlei und Tausenderlei, das der Menschheit Bedürfnis befriedigt, aufgeschichtet in meist engbemessenen Räumen. Große und kleine Schaufenster von Lichtströmen übergossen, und unter ihnen hell erleuchtete Keller mit steil hinabführenden Treppen.

Kay entwand sich dem Gedränge und richtete seine Schritte nach dem Spielbudenplatz, guckte in einige Theater und trat endlich noch in später Abendstunde in eine Musikhalle, die sich schon von weitem durch ein rot beleuchtetes Schild bemerkbar machte.

Er hörte auf den Gesang und hörte ihn doch nicht; den Vorstellungen im Centralhallen-Theater war er nur mechanisch mit dem Auge gefolgt; seine Gedanken waren zerstreut. Immer wieder trat ihm Clementina-Julias gebietende Gestalt vor die Augen. Sie glich derjenigen, die er geliebt und verloren hatte, und war doch eine völlig andere. Clementina-Julia Rivas, die er im spanischen Südamerika kennen gelernt und geheiratet hatte, war eine echte Südländerin gewesen, während Clementina Schlieben nicht minder schön, wenngleich über die erste Jugend hinaus, die Eigenart des Südens und Nordens in sich vereinigte. Als sie heute von ihm fortgeschritten war mit dem schleppenden Gange, stieg der Verstorbenen Bild vor ihm ans, als sei sie wieder lebendig geworden. Nur ein kurzes Glück hatte er neben seinem Weibe genossen; bei der Geburt eines Mädchens hatte Clementina Rivas ihr junges Leben eingebüßt.

So sehr sich Kay dagegen auflehnte, er mußte sich eingestehen, daß Clementina Schlieben schon bei der ersten Begegnung einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Und doch glaubte er nicht eigentlich ein Gefühl von Liebe für sie zu empfinden; nur ihre eigentümliche Schönheit, jenes Verwandte mit der Verstorbenen in ihrer Erscheinung zog ihn an, und wenn er überlegte, ob er sie als seine Frau heimführen solle, dann tauchte sein kleines Mädchen mit einem ihn tief beunruhigenden, ängstlich vorwurfsvollen Blick vor ihm auf.

Aber auch noch durch einen anderen Umstand wurde Kay von dem Gedanken an eine Heirat abgelenkt. Er gedachte seines Vaters, und seine Lippen preßten sich in der Erinnerung an ihn wiederholt aufeinander. Wenn er sich alle Einzelheiten aus den letzten Tagen ins Gedächtnis zurückrief, schien's ihm zweifellos, daß sein Vater Clementina liebte. Zorn, ja Empörung regten sich in ihm. Seine Mutter war kaum ein halbes Jahr tot! Sein Vater trat ins Greisenalter und beschäftigte sich mit einem solchen Gedanken! Und dieses Mädchen – seine Stiefmutter?

Schon einige Male war Kay im Begriff gewesen, abzureisen, und doch hielt's ihn in Hamburg. Er lag wie im Zauber, aus dem er sich nicht zu lösen vermochte. – Und doch, wenn er unbefangen alle Umstände abwog, mußte er sich gestehen, daß er eigentlich gar kein Recht habe, seinem Vater einen Vorwurf zu machen. Vielleicht bedurfte auch er eines Ersatzes, einer Besänftigung für den Schmerz. Es konnte sogar im Sinne der Verstorbenen gehandelt sein, daß er eine neue Ehe einging. – Und wenn er – Kay selbst – ihr seine Hand nicht bieten wollte, weshalb sollte nicht ein anderer dem nach Glück verlangenden Mädchen ein guter Freund fürs Leben werden?

Sein Vater war äußerlich, weltlich, ein Egoist, aber wenn schon Kay deshalb nie rechte Wärme für seinen Vater hatte empfinden können. so hatte er doch darunter eigentlich nie gelitten.

Alle diese Gedanken wurden indessen zeitweilig verwischt, als Kay seine Schritte in das Innere der Stadt zurücklenkte. Ein starkes Gefühl der Sehnsucht nach seinem Kinde bemächtigte sich seiner, und dazwischen drängten sich geschäftliche Dinge, die vor der Entscheidung standen und seine Gedanken in Anspruch nahmen.

*           *
*

Graf Felix saß um die Morgenstunde dem Grafen Schlieben in dessen Wohnung gegenüber. Dieser paffte aus einer alten, prächtig angerauchten Meerschaumpfeife und horchte mit emporgezogenen Augenbrauen in dem etwas einfältigen Gesicht auf des alten Diplomaten geläufige Rede.

Sein Zimmer enthielt die sorgfältig gearbeiteten, blank polierten Mahagoni-Möbel der guten alten Zeit. Auf der ausgezogenen Platte des Schreibpultes standen Fidibusse in einem von einer blauen Perlenstickerei umgebenen Becher; Zeitungen lagen, gradlinig aufgeschichtet, daneben, und oben auf dem Pult stand eine mächtige vergoldete Uhr mit einem Schäfer und einer Schäferin. Letztere hatte den Zeigefinger auf die Lippen gelegt, und der Schäfer schaute sinnend auf ein Schaf zu seinen Füßen. Das ovale Glasgehäuse hatte einen Riß; er war mit einem schmalen Papierstreifen überklebt, aber, da die schadhafte Seite nach hinten gerichtet war, nur aufmerksameren Augen bemerkbar. Eine Anzahl nützlicher Gegenstände lag in pedantischer Ordnung umher. Die altmodischen, aber wohl erhaltenen Tische, die Kommoden und Stühle glänzten in einem gewissen Schimmer ehrwürdigen Alters und zeigten die täglich säubernde Hand. Ein dumpfer, aber nicht unangenehmer Tabakspfeifengeruch erfüllte den Raum.

Graf Schlieben, der noch im späteren Alter zum zweiten Male geheiratet hatte, besaß neben seiner Tochter Clementina-Julia aus der ersten noch ein Mädchen aus der zweiten Ehe, das gegenwärtig kaum sechzehn Jahr alt war und sich zur Zeit bei Anverwandten des Grafen im Holsteinschen befand.

Seine beiden Frauen waren Schwestern gewesen und ähnelten einander vermöge ihrer Sanftmut und Herzensgüte. Der Graf war ohne Vermögen, aber seine Gemahlin hatte ihm ein kleines Heiratsgut mitgebracht, das neben seiner Pension ausreichte, der Familie eine sorgenfreie Existenz zu ermöglichen.

Clementina-Julia – so genannt nach ihrer spanischen Mutter – war nie ein Heirats-Antrag gemacht worden. Ihr körperliches Leiden und die bescheidenen Verhältnisse ihres Vaters hatten eine Annäherung der Männer verhindert.

Ihre Schwester Mercedes war von einer ebenso eigenartigen Schönheit wie sie, aber in ihrer lang aufgeschossenen, noch etwas unentwickelten Gestalt schienen die Gliedmaßen nicht hinreichend befestigt, und noch fehlte ihrem Wesen jene einheitliche Ruhe, die das Ergebnis der Jahre ist. Sie lachte laut mit etwas tiefer Stimme, ging ein wenig vorgebeugt, und ihre Arme und überschlanken Glieder schienen sich in den Gewändern, die sie trug, in einem fortwährenden, unsicheren Schwanken zu befinden. Eine Brustreizung, die sich neuerdings bei ihr bemerkbar gemacht, und die ihr eine krankhafte Röte auf die Wange getrieben, hatte Schlieben veranlaßt, sie auf's Land zu schicken.

»Und nun habe ich noch eine andere Angelegenheit, eine für mich sehr wichtige Angelegenheit, die ich mit Ihnen besprechen möchte, verehrter Freund«, begann Graf Felix, indem er sich vorbeugte und die Zigarette in einen kleinen Porzellanaschenbecher warf, in dem einige gut nachgebildete Silber- und Goldmünzen gemalt waren. »Sie werden mich an sich leicht verstehen, weil Sie selbst einen solchen Schritt gethan haben, aber allerdings sind die Verhältnisse und Umstände sonst verschiedener Art.

»Ich möchte« – hier schob der Graf das goldene Monocle ins Auge und richtete es auf den alten Freund – »Ihre Tochter Clementina-Julia zu meiner Frau machen und bitte Sie, mir zu sagen, wie Sie darüber denken?«

Auf Graf Schliebens Stirn bildeten sich Falten, in dem herabgezogenen Munde malten sich maßlose Überraschung neben glückseliger Freude, und im Nu war Graf Felix von einer Rauchwolke umhüllt, die jener in seiner Erregung rasch und ohne Unterbrechung aus der Pfeife hervorholte. Das Kinn verschwand in seiner hohen, schwarzen Atlaskravatte, die linke Hand löste den Deckel des Meerschaumkopfes, und der Daumen bohrte sich wiederholt und heftig in die Asche.

»Alle Wetter! Bravo!« stieß er sodann heraus. Und als Graf Felix nicht gleich etwas erwiderte, fügte er in raschem Besinnen hinzu: »Ganz vortrefflich – sehr schön – begreife auch vollkommen, – aber Clementina-Julia?«

Ja, das war's! Zwischen Wunsch und Erfüllung lag ein Strom von unnennbarer Breite.

»Ja! Clementina-Julia!« wiederholte der alte Mann und schien durch seine Miene sich Rat bei demjenigen einholen zu wollen, der ihn um einen solchen angegangen hatte.

»Ich denke,« fuhr Graf Felix ruhig fort, »Sie sprechen mit Ihrer Tochter, welche die Motive, die mich bei meinem Antrage sowohl in Bezug auf mich selbst als auch auf sie leiten, würdigen wird. Es bedarf wohl keiner Erklärungen, wie sehr ich verstehe, daß die Komtesse ihn mehr mit dem Verstande als mit dem Herzen in Überlegung ziehen wird. Bitten Sie sie auch, sich nicht zu entscheiden, bevor ich noch einmal mit ihr gesprochen habe. Sagt sie auch dann nein – nun, dann reden wir nicht mehr über die Sache.

»Sie würden mich auch sehr verbinden, lieber Graf, wenn Sie jetzt gleich Ihre Frau Gemahlin von meinen Wünschen in Kenntnis setzen und vielleicht gemeinsam mit ihr mit der Komtesse reden möchten. Falls Sie mich von dem Resultat im Laufe des Vormittags nicht benachrichtigen können, – es würde mir dies sehr wertvoll sein, – komme ich in der Nachmittagsstunde, und wir überlegen das Weitere bezüglich dieser Mariage, die, ich hoffe es, allen Teilen zum Guten gereichen wird.«

Der alte Graf nickte wie ein Kind, dem man einen für sein geringes Fassungsvermögen deutlichen Auftrag giebt, reichte Witzdorff die Hand und sagte: »Verlassen Sie sich darauf, liebe Exzellenz, daß es an mir nicht fehlen soll. Und was die Sache selbst anlangt, so danke ich Ihnen für die große Ehre. – Es ist ein Tag, ein Tag,« fügte er, den alten Kopf in seiner Bewegung heftig schüttelnd hinzu, »der, der –«

Graf Witzdorff unterbrach den Freund mit einer verbindlichen Bewegung, berührte mit dem kleinen, gekrümmten Finger das Haupt, tupfte auch noch einmal behutsam auf seinen Rock, an dem ein Stäubchen von der Zigarette hängen geblieben war, und erhob sich.

»Also noch im Laufe des Vormittags werde ich Nachricht von Ihnen erhalten, lieber Graf? Nehmen Sie meinen aufrichtigen Dank und empfehlen Sie mich gütigst der Gräfin.«

Noch ein Händeschütteln; dann trennten sich die beiden Männer.

*           *
*

Etwa eine Stunde nachdem Graf Felix Schlieben verlassen hatte, betrat Kay das Haus. Als er den geöffneten Flur durchschritt und sich nach dem Diener umschaute, der ihn melden sollte, öffnete eben Clementina-Julia die Thür des Wohngemaches.

Ihre Mienen waren äußerst ernst; sie errötete und erbleichte in raschem Wechsel, als sie Kays ansichtig ward, und bat ihn nach einer kurzen, steifen Begrüßung, in die Empfangszimmer einzutreten.

»Ich komme, Ihnen Adieu zu sagen,« erklärte Kay. »Ich reise morgen ab. Ich hatte insbesondere auch das Bedürfnis, Sie noch einmal zu sprechen, Komtesse. Ich wollte mir Gewißheit darüber verschaffen, daß kein Schatten mehr zwischen uns liegt. Darf ich es hoffen?«

Clementina-Julia bejahte stumm und sah Kay mit einem vertieften Blicke an. Zugleich drückte sie unter bedrängtem Atemholen die Hand auf die Brust und fügte hastig hinzu: »Auch ich möchte mit Ihnen reden, Herr Graf. Nach dem, was heute morgen vorgefallen, treibt es mich, von dem Rechte der mir gebotenen Freundschaft Gebrauch zu machen.«

»Heute morgen? – Ich verstehe nicht, Komtesse!«

»Wie? Sie wissen nicht? –« stieß Clementina-Julia hervor, und in ihre Mienen trat jener Ausdruck von Unschlüssigkeit, der uns zeigt, daß jemand sprechen, etwas ihn Bedrückendes aus seinem Innern hervorholen möchte, und doch keinen Entschluß zu fassen vermag.

Da in diesem Augenblick der Diener erschien und mit den Resten des eben beendeten Frühstücks vorüberschritt, wurden die Sprechenden getrennt. Clementina-Julia stieg die Treppe empor, und Kay trat ins Wohnzimmer.

Der Graf ging bei seinem Eintritt mit großen Schritten auf und ab. Aus der Pfeife drangen blaue Wolken, und er sowohl wie die Gräfin hatten offenbar Mühe, die durch ein soeben abgebrochenes Gespräch hervorgerufene Bewegung zu unterdrücken. Aber Kays ruhiges und unbefangenes Benehmen blieb nicht ohne Wirkung auf sie. Wenige Minuten später saßen die drei plaudernd auf dem nach dem Garten belegenen Balkon beisammen und sprachen über des Gastes bevorstehende Reise, seine etwaige baldige Rückkehr und andere naheliegende Dinge mit jenem ausschließlich dem Gegenstande zugewandten Interesse, das eben so gut eine gesellschaftliche Äußerlichkeit, wie eine aus guter Erziehung hervorgehende, aufrichtige Teilnahme bezeichnen kann.

Einmal nahm Graf Schlieben einen Anlauf und war im Begriff, die Dinge zu berühren, die ihn ausschließlich beschäftigten. Aber die Gräfin unterbrach zufällig seine Rede, und das Gespräch ward wieder auf Allgemeines gelenkt. Kay warf hin, daß er seinen Vater an dem heutigen Morgen noch nicht gesehen und gesprochen habe, und äußerte sein Befremden, als er vernahm, daß er bereits dagewesen sei. Bald darauf trat Clementina-Julia ins Zimmer, reichte Kay die Hand und ließ sich stumm in einen Sessel nieder.

In diesem Augenblick hörte man das ängstliche Gegacker eines Huhnes, das von dem Haushunde gejagt ward. Graf Schlieben sah sich dadurch veranlaßt, in den Garten hinabzutreten, und auch die Gräfin wurde gleich darauf von der eintretenden Magd abgerufen. Als beide gegangen waren, erhob sich Clementina-Julia rasch, streifte das künstliche Wesen ab und sagte ohne Übergang und in starker Erregung:

»Sie wissen also nicht, Herr Graf, daß Ihr Herr Vater heute morgen um meine Hand angehalten hat?«

»Mein Vater? Ah – –!« rief Kay erblassend. »Und Sie?«

»Darüber eben mit Ihnen zu sprechen hatte ich das dringende Bedürfnis. Ich möchte Ihren Rat – Ihren –«

»Wenn Sie den wollen,« unterbrach Kay kurz und schroff ihre Rede, »dann sagen Sie nein!«

»Und die Gründe?«

Kay stand auf und schaute in den Garten hinab. Zugleich glitt ein dumpfer Zornlaut über seine Lippen.

»Ist das der Freund?«

Kay wandte sich rasch wieder um. In seinem Gesicht zuckte es, und mit leidenschaftlicher Bewegung ergriff er des Mädchens Hand.

»Sie haben Recht! Verzeihen Sie, Komtesse! Mein Gefühl riß mich fort. Ich dachte zu sehr an mich, zu wenig an Sie. – Sie lieben meinen Vater?« Seine Augen suchten die ihrigen mit langem, tiefem Blick. Für Sekunden erlag sie dem Einfluß seines Wesens und vermochte nicht zu sprechen.

»Sie antworten nicht, Komtesse? Nun, so will ich für Sie reden: Nein! Sie lieben ihn nicht! Sie können ihn nicht lieben! Aber Ihre Umgebung dringt auf Sie ein, und – die Zukunft erscheint vor Ihrem Blick. – Gründe? Alle diejenigen, welche sich Ihnen aufdrängen, habe auch ich Ihnen anzuführen. Aber es giebt noch andere, die ich ihnen nicht bezeichnen kann, ohne Gefahr zu laufen, von Ihnen mißverstanden zu werden, und vielleicht Dinge zu berühren, die besser zwischen uns unausgesprochen bleiben. Denn es giebt etwas Unausgesprochenes zwischen uns, Komtesse – nicht wahr –?«

»Nein!« erwiderte Clementina-Julia fest. »Wenigstens nicht bei mir! Diesen Irrtum möchte ich Ihnen nehmen! Hören Sie, wie ich denke, und berichtigen Sie mich, wenn ich mich täusche. Darum bitte ich Sie! Ihr Herr Vater ist ein vollendeter Kavalier. Ich habe Veranlassung, ihm höchste Achtung zu zollen und ebenso großes Vertrauen entgegenzubringen. Aber eines ängstigt mich. Ich nehme und gebe keine Liebe, und ich werde – Ihre Mutter! Und Sie lieben mich; Sie deuteten es an. –« »Ja, Clementina-Julia!« drang es aus Kays Munde.

»Mich ehrt diese Zuneigung – sie rührt mich – ich danke Ihnen. – Aber nun meine Frage! Irre ich mich in dem Urteil über Ihren Vater?« »Nein, Komtesse – –«

»Also wie ich dachte! Sie geben mir meine Ruhe zurück und befestigen meine Entschlüsse! Und nun eine Bitte: Sie schrieben mir, Sie seien mein Freund. Wohlan! So erbitte ich von Ihnen einen Dienst, den größten vielleicht, den Menschen unter gleichen Verhältnissen zu fordern und zu gewähren vermögen: Sie verlassen Hamburg!«

»Ja, Komtesse!«

»Und Sie kehren niemals zurück?« »Ich verspreche es!« klang es nach kurzer Pause dumpf resigniert aus Kays Munde.

»So ist denn alles zwischen uns geordnet! Ich werde ihrem Vater das Jawort geben. Leben Sie wohl, Graf Kay! Vergessen Sie mich nicht, und nehmen Sie Dank aus einem Ihnen tiefverpflichteten Herzen.«

Da in diesem Augenblick Graf Schlieben und die Gräfin zurückkehrten, wurden die Sprechenden getrennt. Eine kurze, allgemeine Unterredung folgte, und dann empfahl sich Kay. Als er in der Thür Clementina die Rechte reichte, zitterte ihre Hand in der seinen. Er hielt sie für Sekunden, und sie sahen einander in die Augen wie zwei Menschen, die sich in tiefer Bewegung für immer Lebewohl sagen.

*           *
*

Als Kay zu seinem Hotel zurückgekehrt war und das gemeinsame Wohngemach betrat, fand er seinen Vater dort anwesend. Nach kurzer Begrüßung und nach dem Ausdruck des Bedauerns, ihn an dem heutigen Tage noch nicht gesehen zu haben, teilte er ihm sogleich mit, daß er in wenigen Stunden abreisen werde.

»Und aus welchem Grunde mußt Du so plötzlich Hamburg verlassen?« warf Graf Felix in starker Verwunderung hin. In Wirklichkeit drückte die Frage weniger Bedauern als angenehme Überraschung aus. Sein Sohn stand ihm im Wege, da ihm ein unbestimmtes Gefühl sagte, daß er seinen Heiratsgedanken würde durchkreuzen können.

Kay gab Antwort und erwähnte zugleich, daß er sich bereits von Schliebens verabschiedet habe.

»Du warst dort? Jetzt eben?« fragte Graf Felix, seine Enttäuschung nur schlecht verbergend. Es schien ihm nun plötzlich unnatürlich, daß er Kay bisher von seinen Plänen keine Mitteilung gemacht hatte.

Kay ahnte, was in seinem Vater vorging, und ein Gefühl selbstloser Güte trieb ihn, der erste Verkünder einer guten Botschaft zu sein.

Und doch, als er sprechen wollte, versagten ihm die Worte. Er sah seine verstorbene Mutter vor sich, und als er sich gar Clementina-Julia in den Armen seines Vaters vorstellte, schauderte ihn.

Anders Graf Felix. Die Ungeduld, zu erfahren, ob man seines Antrages Erwähnung gethan, ob Clementina-Julia bereits eine Entscheidung getroffen habe, zerstreute seine bisherigen Bedenken. Zum erstenmal vielleicht in seinem Leben verließ den Mann nun, da es sich um eigene Herzenssachen handelte, die kühle Überlegung.

»Eine Mitteilung von Wichtigkeit, bevor wir uns trennen, Kay« – begann Graf Felix und beobachtete voll Spannung seines Sohnes Mienen. »Eine solche bin ich Dir schuldig. Ich habe heute morgen um Komtesse Clementina-Julias Hand angehalten.«

Aber statt Überraschung an den Tag zu legen, neigte Kay lediglich den Kopf, stieß den Rauch der Zigarre durch die Nase und sagte tonlos: »Ich weiß.«

Der Graf atmete erleichtert auf. Nicht nur die unbequemen Folgen seines Bekenntnisses wurden durch diese Antwort beseitigt, sondern auch die Aussicht auf Nachrichten, vielleicht gute, eröffnete sich.

»Sprachen der Graf und die Gräfin mit Dir von meinem Antrage?«

Kay machte eine verneinende Bewegung. Eine kurze Pause trat ein. Der Graf zog die goldene Dose, öffnete und schloß sie, krümmte den kleinen Finger und kratzte den Kopf. Es ward ihm schwer, noch einmal zu fragen, unsagbar schwer. Das stumme Wesen seines Sohnes verletzte ihn aufs äußerste.

Der Mensch, der da mit seiner gleichgültigen Ruhe vor ihm saß, mit einer Ruhe, in der sich Tadel und Herablassung zugleich ausdrückten, war ihm unerträglich. Und dennoch fragte er:

»Also war's die Komtesse selbst, die von meiner Werbung sprach?«

»Ja! Papa!« – Wiederum beschränkte sich Kay auf dies eine Wort.

»Ich bitte Dich, rede, Kay. Deine sparsamen Worte sind peinlich und wenig artig.«

Kay schwankte; er bestand einen schweren Kampf. Diese schlecht versteckte Liebesungeduld, die bei einem jungen Liebhaber begreiflich schien, aber die Würde eines so alten Mannes herabsetzte, reizte Kay.

»Nun, Kay?« wiederholte Graf Felix.

»Was soll ich Dir sagen, Papa.«

Die Mienen des alten Herrn veränderten sich in auffallender Weise. Das Gesicht ward dunkler, die grauen Augen erhielten einen boshaften Ausdruck, und die Rechte zerrte an dem Monocle.

Aber noch einmal überwand er die aufsteigenden Gefühle der Leidenschaft und beschloß, den so oft angewandten Regeln der Klugheit zu folgen.

»Nun wohl, Kay! Ich vermag zu begreifen, was in Dir vorgeht. Du bringst meine Pläne mit Deiner verstorbenen Mutter in Verbindung und zürnst mir, daß ich sie scheinbar so früh vergessen konnte. Du irrst! Gerade weil ich mich in der Ehe mit dieser unvergleichlichen Frau so glücklich fühlte, reifte der Entschluß in mir, noch einmal zu heiraten. Meine vorgerückten Jahre, Deine Person, andere naheliegende Gründe riefen selbstverständlich in mir Bedenken hervor; dennoch siegte die Furcht vor der Vereinsamung, die Furcht vor der Hingebung an den Schmerz. Stünden wir uns näher, Kay, zeigtest Du ein lebhafteres Bedürfnis, in meiner Nähe zu sein, dürfte ich hoffen, Ersatz in Deiner Liebe und Freundschaft zu finden, so wäre ein solcher Gedanke kaum in mir aufgestiegen. Aber Du kommst und gehst wie ein Fremder. Ich weiß nicht einmal, ob ich Dich überhaupt wiedersehen werde, und, Kay, wie wenig Du Dich mit mir im Zusammenhang fühlst, das beweisen frühere Vorgänge. Selbst von Deiner Ehe hast Du mit mir nicht eher gesprochen, als sie bereits eine Thatsache war. –«

Der Graf hielt inne und Kay erschrak. Er ward durch diese einsichtsvolle Sprache gerührt. Alle Worte des Grafen klangen in seiner Seele nach und schufen nicht nur eine andere Auffassung, sondern riefen ein reuevolles und warmherziges Gefühl in ihm wach.

»Du hast Recht, Papa!« entgegnete er mit sanfter Fügsamkeit im Tone. »Ich billige alles, was Du sagtest. Verzeih mir meine Zurückhaltung Und noch mehr! Ich bringe Dir gute Nachrichten. Clementina-Julia wird Dir das Jawort geben.«

Den alten Mann befiel bei Kays Worten ein heftiges Zittern. Er umarmte seinen Sohn und drückte nach langen Jahren zum erstenmal einen Kuß auf seine Wangen.

»Kay, mein Junge!« flüsterte er, und etwas von unverfälschter, durch Dankempfindung erhöhter Liebe drang aus den grauen Augen.

»Lebe wohl, mein lieber Papa! Mögest Du glücklich werden!« gab Kay zurück. »Ich werde bald von mir hören lassen!«

Nach diesen kurzen, rasch das Gespräch abbrechenden Worten reichte er seinem Vater die Hand und verließ das Zimmer.

Nachdem Kay gegangen war, stellte sich Graf Felix vor den Spiegel. Mit einem rotseidenen Taschentuch tupfte er eine Träne aus den Augen, dann aber schob er den durch die Erregung etwas gebückten Körper in die alte Haltung zurück und lächelte mit der zufriedenen Miene eines Menschen, der durch weise Beschränkung nicht nur seinen Gegner bezwungen, sondern ihn sich zum Diener gemacht hat.

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