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Menschen und Werke

Georg Brandes: Menschen und Werke - Kapitel 4
Quellenangabe
typeessay
authorGeorg Brandes
titleMenschen und Werke
publisherLiterarische Anstalt Rütten & Loening
year1894
correctorJosef Muehlgassner
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2. Ludwig Holberg.

(1887)

Die Schauspieldichtung Holberg's ist die Blüthe der Existenz des grossen Einsamen. Kein Werk gibt eine vollkommenere Vorstellung davon, was Dänemark und Norwegen ihm schulden und durch ihn einander verdanken. Dänemark ist und bleibt Norwegen tief verpflichtet, weil Holberg das Licht in der Stadt Bergen als das Kind norwegischer Eltern erblickte; Norwegen steht kaum in einer weniger tiefen Schuld zu Dänemark, weil es ihm die Bedingungen seiner Wirksamkeit gab, besonders die Möglichkeit, seine dichterischen Anlagen in der Form des Schauspiels zu entfalten. Aber beide Länder verdanken doch ihm unendlich viel mehr, als er ihnen verdankt. Ihnen wurde in ihm ein Herr und Meister geboren. Ludwig Holberg ist der erste Mann, dem Dänemark und Norwegen sich geistig unterworfen haben.

I.

In der neuesten Zeit ist viel gegen den Cultus des Genies gesprochen und geschrieben worden. Man hat gefunden, dass die von der litterarischen Kritik unternommenen Analysen des Genies von der Last der Dankbarkeit gegen dasselbe entbänden, indem sie Vieles in jedem Werk zu andern Urhebern als dem des Werkes zurückführten. Man hat das Genie für verringert, verkleinert angesehen, indem es als ein Erzeugniss seines Zeitalters und ein Ausdruck seines Volksstammes aufgefasst wurde. Man hat den Einfluss der grossen Männer für überschätzt gehalten. Alles wäre auch ohne sie erreicht worden, nur langsamer.

Hierzu gesellt sich bisweilen, besonders bei den Vertretern und Anhängern der Demokratie, die Ansicht, dass die Menschheit keiner leitenden Geister bedürfe, ja sich am besten ohne sie behelfe; der Glaube, mit andern Worten, dass sie sich durch Zusammenlegen vieler gewöhnlicher Tüchtigkeit und vieler begabter Mittelmässigkeit ersetzen lassen.

Aber dieser Hang zum geistigen Ostracismus des Genies, der durch das Studium der Naturwissenschaften angeregt wird, und im Uebrigen seine Nahrung von dem gemeinen und dem feinen Neid erhält, hat in einer falschen Grundanschauung seinen Ursprung.

Die Auffassung der Litteratur und der Kunst, nach welcher Ideen und Visionen in letzter Instanz von den Massen, dem Haufen herzuleiten sind – eine Auffassung, welche von dem französischen Denker Taine formulirt worden ist, der, obgleich in politischer Hinsicht ausgeprägter Aristokrat, in diesem Punkte merkwürdig demokratisch gesinnt ist – hat seine Wurzel in einer allzulange unterhaltenen Sinnestäuschung. Eine Idee, eine Kunstform, ein reformatorischer Gedanke keimt nie in dem Haufen. Selbst die Volkslieder des Mittelalters gingen nicht aus dem »Volke« hervor. Die Idee entsteht in dem einzelnen Mann, der über dem Haufen hervorragt und ihn zu sich hinanzieht. Er schafft sich langsam einen Kreis unter den Aufgewecktesten, besonders unter denen, die wie er angelegt sind, dieselben Neigungen, nur in geringerem Grade, besitzen. Doch die Initiative geht immer von dem grossen Individuum aus, niemals von einem Publicum oder von einer Bevölkerung.

Besonders die Verhältnisse des Alterthums, welche die Gebildeten Europa's in der Regel vor den modernen kennen lernen, haben die Denker der Gegenwart irre geleitet. Im Alterthum, als die Verkehrsmittel wenig entwickelt waren und die Völker mehr für sich lebten, bedeuteten die Herkunft und die Umgebung, welche mit dem Geburtsland gegeben waren, fast Alles. In der neueren Zeit ist es anders geworden. Eine Litteratur des Alterthums, wie die griechische, ist nothwendigerweise ganz durch den Charakter des Volkes bestimmt, in dessen Mitte sie erstand, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil die Schriftsteller von anderen Nationen nicht beeinflusst waren. So wird die Litteratur Griechenlands ein von einigen repräsentativen Männern gegebener, gedrängter Ausdruck der griechischen Cultur.

In der neueren Zeit drückt eine Litteratur in der Regel nur insofern den Charakter und die Eigenschaften eines Volkes aus, als das Volk im Stande gewesen ist, dieselbe zu bewundern und sich anzueignen. Man kann sich aber durchaus nicht immer darauf verlassen, dass der grosse, allmählig anerkannte Schriftsteller ursprünglich ein Ausdruck der Eigenschaften seines Volks gewesen ist. Zuweilen zeigt sich seine Grösse am stärksten eben darin, dass er die Eigenschaften des Volkes nach den seinigen umformt, indem er, langsam sich Bewunderung erzwingend, auf zahllosen Wegen die Gemüther beeinflusst.

Holberg ist ein Beispiel grössten Stils. Er ist kein Ausdruck der nationalen Cultur. Dieselbe war, da er als geistiges Individuum erwachte, sehr unbedeutend, stand hinter derjenigen Europa's zurück, konnte einem lernbegierigen, geschweige denn einem cäsarischen Geiste, keine hinreichende Nahrung bieten. Er stand ihr in all den Formen, in welchen sie ihm entgegentrat, fremd gegenüber; ihm fehlte der Sinn für sie, ja er schätzte sie gering in der naiven Gestalt der Volkslieder und Volksbücher; er verabscheute sie, wo sie sich in der bewussten und anspruchsvollen Form der Pedanterie und der Scholastik äusserte.

Wie bildete er sich denn? Wie sich heutzutage so manch' anderer freier und bedeutender Geist bildet. Durch die Berührung mit anderen freien und bedeutenden Geistern, in Europa dünn zerstreut, wie es jene waren, die er in ihren Büchern suchte oder deren Einfluss er in der Atmosphäre fremder Länder vernahm.

Seine gelehrte Bildung ist universell, vielen Menschenrassen und Völkern entstammend; seine künstlerische Bildung ist nahezu romanisch. Und was besondere Aufmerksamkeit verdient: seine Geistesrichtung ist – wie in meinem Werkchen: »Ludwig Holberg und seine Zeitgenossen« näher erörtert – der reine Classicismus, obgleich der Classicismus factisch sowohl gegen den allgemeinen germanischen Rassencharakter, wie gegen die speciell nordischen Volkseigenschaften der Skandinavier streitet.

Deshalb bildet er zu seinen Lebzeiten keine Schule, sondern steht in seinem Zeitalter ganz allein, und wird nichtsdestoweniger der volkstümlichste Name in der Litteratur der beiden Länder, der am allgemeinsten anerkannte Meister. In einem Zeitraum von anderthalb hundert Jahren hat er sämmtliche Gesellschaftsklassen zweier Völker erobert. Dänische und norwegische Volkseigenthümlichkeiten haben sich bis zu einem gewissen Punkte nach den seinigen geformt.

Er war nämlich völlig anders geartet als die anderen Nordländer seiner Zeit. Es gab Niemanden, der ihm gleich war, und er erinnerte an nichts Früheres in diesen Ländern. Seine Bedeutung beruht zum grossen Theile hierauf.

Denn Eine Gefahr droht immer der modernen Gesellschaft, Eine geistige Pest, die sich unaufhörlich mehr und mehr verbreitet. Diese Gefahr, diese Pest besteht darin, dass Alle einerlei werden, dass innerhalb des Kreises, den ein Land oder eine Kaste ausmacht, Alle einander und nichts als einander verstehen und dadurch nach und nach alle zusammen Durchschnittsmenschen werden, mit möglichst viel gemeinsamen Zügen, mit Vorstellungen und Vorurtheilen gemein, mit Lastern gemein, mit Tugenden gemein – kleinen Lastern, geringen Tugenden, ungeheurer Mittelmässigkeit ihnen allen gemein.

Zu den grossen Wohlthätern der Menschheit gehören die Männer, die mit Erfolg versucht haben, sich gegen den Strom zu stemmen, der im Leben der Gegenwart mit so reissender Kraft und Geschwindigkeit zum Gewöhnlichen und Einartigen führt. Kurze Zeit vor Holberg's Auftreten hatte der Engländer Molesworth Dänemark mit den folgenden Worten gebrandmarkt: »Ich habe nie ein Land kennen gelernt, wo der Sinn der Bevölkerung mehr nach einem Kaliber und von einer Art wäre als hier. Man findet Niemanden mit ungewöhnlichen Eigenschaften, Niemanden, der in besonderen Studien oder Geschäften sich auszeichnet.«

Holberg ist der grosse Stein, der von dem guten Geschick Dänemarks in die Mitte des Stromes geschleudert wurde und der einen Damm gegen ihn abgab. Er schilderte seine Zeitgenossen wie sie waren, mit ihren Dummheiten und Schwachheiten, ihren Urtheilen und Vorurtheilen, gab ihren Querschnitt und Durchschnitt, ihr Mittelmass und ihre Mittelmässigkeit in starken Zügen, in kühnem Stil, in hohem Relief. Er war so ganz anders geartet als seine Zeit, dass ihre Alltagsphysiognomie ihm eine heitere Caricatur wurde.

Und seine Absicht war nicht nur die, als Schilderer zu unterhalten; nein, er wollte die Rasse als Moralist verbessern.

Holberg ist der grosse Züchter der nordischen Völker. Er übernahm diese Heerde und strebte Menschen aus ihr zu machen. Er wirkte dadurch, dass er ihnen kräftige Kost und satirische Peitschenhiebe gab; er reinigte die Luft vom Aberglauben und die Wege von den Schranken der Dummheit.

Andere mildere Geister haben sich bestrebt, ein neues besseres Geschlecht durch Liebe zu erziehen, es heranzulieben; Holberg versuchte, das Geschlecht emporzuzüchtigen. Er ist der grosse, einsame, lachlustige Zuchtmeister des Geschlechts.

Seine Bedeutung für Dänemark ist deshalb eine ähnliche wie die Peter's des Grossen für Russland. Er führte Europa's Cultur in sein Land ein. Fehlte ihm auch, wie jenem Genie auf dem Throne Russlands, Sinn und Blick für mancherlei Werthvolles aus der Vorzeit des Landes, dieser Vorzeit; mit welcher er brach, so bewirkte er doch gleichzeitig, dass das Land von nun an unter den Mächten Europa's geistig mitgerechnet werden konnte.

Er war ein Todfeind aller eingerosteten Gewohnheit, aber er war nicht deshalb ein Fürsprecher politischer Freiheit. Er war wie der grosse Czar, dem er in seiner Jugend huldigte, und wie der grosse Preussenkönig, den er in seinem Alter bewunderte, ein reformatorischer Alleinherrscher, der die ersten Umrisse einer modernen Nationalität aus dem groben Material heraushieb.

Holberg ist der aufgeklärte Absolutismus in Dänemark-Norwegen.

Es gibt zwei Arten hervorbringender Geister: diejenigen, deren innerstes Wesen sich an den Tag legt in Befruchtung anderer Geister, und diejenigen, deren Begabung es ist, von den Ideen des Zeitalters befruchtet, dieselben künstlerisch in einer Gestaltenwelt herauszuformen. Die meisten modernen Dichter sind der letzteren Art: sie verhalten sich den Ideen gegenüber empfangend. Zum Ersatz sind sie es allein, welche fast jeden kleinen Zug der Gestaltung hervorbringen.

Mit Holberg verhält es sich anders; er ist in gleich hohem Grade ein befruchtender und ein gebärender Geist. Er, der angelegt war zu einem Herrscher und Herrn über die Gemüther anderer Menschen, hat völlig so viel gedacht und gewollt, als er gedichtet und geträumt hat. Er hat seine Ideen selbständiger als Andere hervorgebracht, und gleichzeitig war er abhängiger als heutzutage die Sitte erlaubt, mit Rücksicht auf Einzelnheiten der Formgebung.

Ausgezeichnete und gewissenhafte Forscher haben von Rahbek an bis Olaf Skavlan, Legrelle und Hoffory mit grossem Eifer Alles zusammengesucht, was in der älteren und neueren Litteratur Holberg als Comödiendichter zum Muster und Vorbilde gedient hat. Während man zu Holberg's Lebzeiten ihm bisweilen sein Benutzen und Umformen epischer Stoffe und dramatischer Elemente übel nahm, ist man in neuerer Zeit nicht weit davon entfernt, ihm dasselbe zur Ehre anzurechnen. Es ist an sich weder ein Vorzug noch ein Fehler. Die Hauptursache dieser starken Benutzung der Vorgänger war die improvisatorische Eile, mit welcher Holberg seine Schauspiele in zwei kurzen Perioden seines Lebens ausarbeitete: die ersten sechsundzwanzig Comödien in den Jahren 1722-1727, die letzten sechs in der Zeit von 1747-1754, also in einer solchen Hast, dass er ungefähr in drei Jahren nach einander jährlich nicht weniger als sieben seiner wichtigsten und besten Comödien geschrieben haben muss.

Gleichwohl hat man in der letzten Zeit auf der Jagd nach Holberg'schen Entlehnungen von seinem Eifer sich ein wenig zu weit führen lassen. In der geringsten Aehnlichkeit hat man Nachahmung gespürt; die zufälligste Uebereinstimmung hat man als Beweis dafür angesehen, dass Holberg ein einzelnes bestimmtes Vorbild gehabt habe; selbst in solchen Zügen, die mit Nothwendigkeit für verschiedene Bearbeitungen verwandter Stoffe gemeinsam werden, hat man sprechende Zeugnisse gefunden. Ohne dem natürlichen Eindruck Zwang anzuthun, wird indessen kaum Jemand, wie es geschehen ist, die »Maskerade« von Regnard's »Le joueur« beeinflusst, oder den Misanthropen Molière's, zuerst in »Der Wankelmüthige«, später in dem »Philosoph in der Einbildung« nachgeahmt finden.

Damit ist nicht ausgeschlossen, dass Holberg als Dichter der Erfindung älterer Zeiten stark verpflichtet ist. Dafür ist er, wie schon erwähnt, in weit geringerem Grade als die meisten anderen Poeten, ein Ausdruck von Ideen, denen gegenüber er sich nur empfangend verhielte. Er wollte sich nicht damit begnügen, ein Spiegel seines Zeitalters zu sein. Er war nicht damit zufrieden, in seiner Kunst nach Künstlerweise eine flüchtige Erscheinung in einem bleibenden Bilde festzuhalten.

Nein, er wollte diese Menschenheerde so aufzüchten, dass er die Rasse verbesserte. Er wollte diesen Haufen von grossen Thoren, diese Bevölkerung von grossen Kindern solcherweise erziehen, dass die Thoren sich schämten und aus den Kindern reife Männer und Frauen würden. Er ist unter den grossen Skandinaven der Volkserzieher.

II.

Ludwig Holberg wurde am 3. December 1684 in Bergen, der aufgewecktesten Stadt Norwegens und der am wenigsten nationalen der beiden Reiche, geboren.

Die Hanseaten hatten hier ihr »Comptoir«; deutsches und schottisches Blut hatte sich mit dem norwegischen der Bevölkerung vermischt, und holländische Sitte und Gebrauch, Arbeitsamkeit und Derbheit waren Vorbilder, die man beständig zur Nachahmung vor Augen hatte. Bergen war dazumal eine europäische Handelsstadt von Rang.

Ludwig Holberg's Vater, Christen Nielsen, der, wie es scheint, den Namen Holberg nach einem Hof im Drontheim'schen angenommen hatte, war ein Officier, der, als Bauernsohn geboren, sich vom einfachen Soldaten zum Oberstlieutenant aufgeschwungen hatte, ein Zug, der auf seltene Eigenschaften und ungewöhnliche Tapferkeit hindeutet, in einer Zeit, wo die Officiere des Heeres Adlige waren oder Eingewanderte, deren fremdländisches Wesen ihnen eine Art von Adel verlieh. Er war ein Abenteurer, der in seiner Jugend in maltesischen und venetianischen Kriegsdiensten gestanden und aus Reiselust Italien zu Fuss durchwandert hatte. Von ihm scheint Holberg die Neigung, sich gründlich in der Welt umzusehen, die Unruhe und die Kampfeslust im Blute, das phantastische und kriegerische Element des Gemüths geerbt zu haben; von der Mutter, Karen Lem, und ihren Verwandten hat er, dem Anscheine nach, »die Lust zum Fabuliren«, wie auch den Witz und den lustigen Sinn als Erbe erhalten.

Ludwig Holberg war von zwölfen das jüngste Kind. Nur ein Jahr alt verlor er seinen Vater, elf Jahre alt seine Mutter. Es liegt Etwas von der Frühreife und der Einsamkeit des jung Verwaisten über seinem Wesen und seiner Production.

Er war ein kleiner zarter Schulknabe, heftig, wenn er gereizt wurde, spöttisch, wenn er sich vertheidigen musste. Er besuchte in Bergen zuerst die deutsche Schule, dann das Gymnasium, lernte gut Deutsch in der ersteren, gut Latein in der letzteren, langweilte sich aber schon als Kind bei den lateinischen Disputir-Uebungen, mit welchen die Schüler vom Rector geplagt wurden.

Im Jahre 1702 wird er Student der Universität zu Kopenhagen, nimmt aber aus Armuth gleich eine Stelle an als Hauslehrer bei einem Prediger zu Voss in Norwegen, reist 1703 wieder nach Kopenhagen und macht im Laufe der nächsten Jahre sein philosophisches wie auch theologisches Examen, beschäftigt sich mehr mit Französisch und Italienisch als mit Metaphysik und Theologie, muss dann, arm wie er ist, abermals nach Norwegen zurück und von Neuem Hauslehrer werden, durchblättert hier zufälligerweise die Tagebücher, die der Herr des Hauses als junger Mann auf Reisen geführt hat und wird dadurch selbst von heftigem Reisetriebe ergriffen.

Neunzehn Jahre alt zieht er hinaus auf seine erste Reise, einundzwanzig Jahre alt auf seine zweite. Auf seinen drei ersten, mit kurzen Zwischenräumen unternommenen Reisen bleibt er sechs und ein halbes Jahr fort. Geld, um diese Reisen ins Ausland zu unternehmen, hat er nicht, aber er hilft sich so gut er kann, reist zu Wasser und zu Fuss, ficht wie ein armer Geselle, oder singt vor den Hausthüren, oder schlägt sich mit Musikunterricht (Geigenspielen), oder Sprachunterricht durch, oder er übernimmt die Stelle eines Hofmeisters. So sieht er Holland, England, Deutschland, Frankreich, Italien, indem er äusserst sparsam aus Notwendigkeit und äusserst diätetisch aus verständiger Rücksicht auf seine zarte Gesundheit lebt. Er hat eine Menge Reiseabenteuer, lernt Menschen aller Gesellschaftsklassen der verschiedenen Nationen kennen und studirt in den grossen fremden Bibliotheken. Denn sogar der Zutritt zu den Büchern war ihm im Norden sehr erschwert gewesen, und sein Wissenstrieb umfasste die Welt der Bücher, wie diejenige der Menschen. Er studirt die Schriftsteller des Aufklärungszeitalters Bayle und Grotius, Pufendorf und Thomasius, geleitet vom Drange, sein Gemüth von dem Staube gründlich zu befreien, mit welchem seine norwegische Schulbildung und seine Kopenhagener Universitätscultur es angefüllt hatte.

Daheim lebte und athmete man noch in lutherischer Orthodoxie, in dem barbarischen Aberglauben eines vergangenen Jahrhunderts, in theologischer Scholastik und philologischer Pedanterie. Holberg kehrt heim mit der Lust und dem Beruf, ein Schriftsteller im Dienste der Aufklärung zu werden.

Er debutirt als popularisirender Historiker und Rechtsphilosoph und hat mit dem später so berühmten Juristen Andreas Hojer eine erste Polemik, in welcher seine satirische Laune am frühesten hervorbricht.

Nach einigen knappen Jahren, in welchen er zu tiefer Armuth hinabsinkt und armselige und demüthigende Unterstützungen annehmen muss – zuletzt sogar aus dem Armengeld der Trinitatis-Kirche – wird er an der Universität für das zufällig ledige Fach der Metaphysik angestellt. Dieser Berufung für eine Wissenschaft, die für ihn keine Wissenschaft war, sondern als leeres nebelhaftes Wesen ein Gegenstand seiner Geringschätzung und seines Abscheus, folgte er nur, weil er dringend einer gesicherten Stellung bedurfte und weil dieser Platz gerade frei war.

Er selbst kam sich gewiss in dieser Stellung als Metaphysiker aus Hunger, Metaphysiker gegen seinen Willen, tragikomisch vor.

Und nach und nach schärft sich nun sein Blick für das Komische rings um ihn her. Diese ganze Gelehrsamkeits-Anstalt, der er einverleibt, und von welcher nützliches Wissen ausgeschlossen ist, wo nur die orthodoxe Theologie und die formale Logik der damaligen Zeit mit Eifer getrieben werden, steht vor ihm in komischem Schimmer, im Glanz der Lächerlichkeit, und bald mit ihr das Schulwesen, das darauf vorbereitet, die Gelehrten, die daraus hervorgehen, die Advokaten und Richter, die Küster und Pfarrer, die Philosophen und Aerzte, welche an ihren trockenen Brüsten die Pedanterie eingesogen haben. So kommt er nach und nach dahin, diese ganze Gesellschaft, das ganze kleine Land, dem er angehört, als einer züchtigenden und befreienden Satire anheimgefallen zu sehen.

Und »Peder Paars« entsteht, dieses älteste spöttisch witzige Wort über Dänemark, welches unter der Form, alte Epopeen zu parodiren, und unter dem Anschein, einen Peter zu besingen, der, um seine Dorthe zu besuchen, eine Reise vornimmt, die Geistlichkeit, die Gerichte, den Kriegerstand geisselt, Spiessbürger und Pedanten, Bauern und Fischer, die Plackerei der Leibeigenen und die Plünderung der Gestrandeten, jegliche Dummheit und jeglichen Missbrauch stäupt und damit endigt, den Nutzen und das Recht des scharfen Spottgedichtes zu behaupten.

Obgleich »Peder Paars« als eine That der Jugend die ganze Kraft der Satire gegen das ältere Geschlecht mit der Abgeschmacktheit ihrer Gebräuche, der Rohheit ihrer Gewohnheiten und der Welkheit ihrer Kenntnisse richtet und die Laster und Lächerlichkeiten des jüngeren Geschlechts unbedingt schont, enthält das Stück doch eine ganze Schaar der bekannten Comödienfiguren, wie in den Windeln.

Mit reissender Geschwindigkeit folgen nun in den Jahren 1722-1724 mehr als zwanzig ausgezeichnete Schauspiele. Es ist, als ob die in Erwägung gezogene und am 23. September 1722 ins Werk gesetzte Eröffnung der nationalen Bühne die Schleusen für einen überströmenden Productionsdrang in Holberg geöffnet hätte.

Von seinem siebenunddreissigsten bis zu seinem vierzigsten Jahre muss er in dem fast ununterbrochenen Fieberzustande des Schaffens verbracht haben, kaum seinen eigenen Körper empfindend, mit einem Gefühl stets sich erneuernder Klarheit im Gehirn, die bisweilen zu einer Art von innerer Illumination sich gesteigert hat.

Trotz all' der Widerwärtigkeiten Holberg's mit dem Theater, das den harten und aussichtslosen Kampf gegen das Fallissement führte, trotz all' der Verdriesslichkeiten, die er in seiner Eigenschaft als Professor ausstehen musste, weil er sich auf eine so frivole Hantirung wie die, Schauspiele für die Bühne zu schreiben, einliess, trotz seiner Demüthigung, als Mitglied des Consistoriums an dem unklugen und grausamen Vorgang gegen die armen Studenten, die auf den Brettern aufgetreten waren, theilnehmen zu müssen, und trotz des Hasses der – wirklich oder scheinbar – in den Schauspielen Angegriffenen, muss dies eine glückselige Zeit seines Lebens gewesen sein, aller menschlichen Wahrscheinlichkeit nach die glücklichste Periode desselben.

III.

Es ist nicht leicht, sich eine Vorstellung darüber zu bilden, wie es in der Seele Holberg's ausgesehen hat, zu jener Zeit, wo er auf ein Mal den Henrik leibhaftig in der Gestalt eines Bergenschen Strassenjungen aus dem Staub alter Comödienfiguren schuf, und Pernille, das Weib nach dem Herzen dieses Mannes, aus einer seiner Rippen formte, damit sie ihm eine Hilfe sei; als er ferner dem Kannengiesser seinen Ehrgeiz und dem Meister Gert seine Suada gab, die beiden grossen Popanze Tyboe und Menschen-Schreck formte, den Seeländischen Bauern in Jeppe und den Jütländischen in Studenstrup malte und die unsterblichen Schattenbilder Ulysses und Chilian ausschnitt. Sicherlich sah es jedoch in seinem Innern festlich aus. Und fast gleichzeitig gibt er dem Kopenhagener Publikum seine prächtigen lärmenden Winterbilder aus der Provinz und der Hauptstadt in der »Weihnachtsstube« und »Maskerade« und seine lustigen Sommerbilder von Stadt und Wald in »Der elfte Juni« und die »Reise nach der Quelle«. Und während er mit wilder Ausgelassenheit sich in dem gravitätischen Ernst seiner Schullehrer und Küster gehen lässt, legt er seinen ganzen Tiefsinn in die Gestaltung der ewigen Situation des »Erasmus Montanus« nieder und nimmt mit sicherem Selbstgefühl Rache an seinen Feinden in dem »Glücklichen Schiffbruch«, welcher zugleich seine Selbstvertheidigung und die Apotheose seiner Kunst ist.

Hätte man ihn gleich darnach bekränzt und im Triumph getragen, es wäre ein geringer Lohn und ein ohnmächtiger Dank dafür gewesen, was er in diesen Jahren seinen Landsleuten schenkte.

Aber Triumphe hat Holberg nicht aufzuzeigen und Kränze bekam er erst, als er in seinem Grabe lag.

Obgleich Holberg in Wahrheit der grösste Dichter Dänemark's ist, darf Niemand erwarten, eine neue und tiefe Ansicht über Leben und Tod in seinen Schauspielen zu finden; hielt er sich doch streng innerhalb der Begrenzung seines Talentes. Er hat es nie versucht, ein nicht-komisches Drama zu schreiben, und er hat überall in den Charakteren, Lebensverhältnissen und Situationen ungefährliche, verhältnissmässig unschädliche, Ungereimtheiten gesehen. Was er auch hervorbringt, er nimmt Alles von der lustigen Seite. Das Leben tritt in diesen Comödien als die Schaubühne hervor, auf der es einen Ueberfluss an Narren gibt, theils sympathische, theils gutmüthige, theils blödsinnige, und auf der ein beständiges Treiben herrscht von Thoren, die zu Markte kommen, von Dummköpfen, die sich selbst und Andere plagen, von Gecken, die ihre Einfalt preisgeben, von leeren Prahlern, harmlosen Lügnern, beschränkten Schulfüchsen, thörichten Sonderlingen, possirlichen Fressern und noch possirlicheren Säufern, von Langweiligen, deren Langweiligkeit amüsirt, von kleinen Heuchlern und plumpen, leicht gefoppten Schlingeln, von unwissenden abergläubischen Stümpern, dickköpfigen Spiessbürgern und Matronen, heirathslustigen alten Jungfern, Caricaturen von Charlatans, von naiven guten Köpfen, von verliebter und vergnügungssüchtiger Jugend beiderlei Geschlechts, und ausserdem von Spassmachern, Schelmen und Schalken.

Das Leben, das ist das Sich-Aeussern und Sich-Entfalten des Wesens dieser Menschen, ihre Handlungen und Begebenheiten, ihre Wünsche und verschiedenartigen Begierden, ihre Pläne und Ziele, ihre Anziehung an einander, ihr Unwille und ihre Schachzüge gegen einander. Der Tod kommt nicht vor, ebensowenig wie ernstes Unglück, ernste Krankheit oder Sorge, tiefe Leidenschaft oder wirkliches Verbrechen, oder tragikomische Begeisterung, oder Kampf fürs Leben, oder rein geistiges Streben nach Bildung und Einsicht, oder das Spiel starker Gefühle, oder die Begierde eines kräftigen, geschweige denn eines mächtigen Willens nach der Herrschaft.

Hier kommt verhältnissmässig selten eine andere Stimmung als die des guten Humors zum Vorschein, äusserst selten ein Zug von Wehmuth, nur ein einziges Mal ein Anstrich vom Rührenden. Und hier ist so zu sagen nie eine Spur von Naturstimmung. Weder Jahreszeit noch Tageszeit spielt irgend eine andere Rolle als die rein äussere. Die offene Strasse, auf welcher die Handlung so oft vorgeht, ist eine abstracte Scenerie. Niemals werden die Personen von einem Gewitter überrascht, niemals spürt man Regen oder Schnee, niemals fällt ein Sonnen- oder Mondenstrahl durch die Fensterscheiben ins Zimmer. Wird des Regens einmal erwähnt, so geschieht es nur, die Lächerlichkeit des Montanus zu illustriren, der sich aus gelehrter Zerstreutheit durchweichen liess und sich seinen Mantel nicht ausbat. Das Leben hier ist bürgerliches Familienleben, oder Bauernleben, oder Schauspielerleben, oder Schriftstellerleben, oder sonst irgend Etwas, aber es wird immer im Geiste des französischen Classicismus aufgefasst und ist deshalb nie Leben in oder mit der Natur.

Dieses Leben, in welches der Tod nie eingreift, und aus welchem ernste Noth und Krankheit, ernste Leidenschaft und Schuld verbannt sind, ist nun so eingerichtet, dass demjenigen, was dem Autor als Gerechtigkeit erscheint, immer Genugtuung zu Theil wird.

Es gibt vielleicht keinen optimistischeren Komiker als Holberg. Er scheint, so niedergeschlagen er auch persönlich sein konnte, den Optimismus als Beruf und Pflicht des Dichters betrachtet zu haben. Es geht immer über Diejenigen her, welche die Niederlage verdient haben. Und selbst wenn es nicht gerade die Tugend ist, welche siegt, wie in der »Weihnachtsstube« oder »Der verpfändete Bauernjunge«, so erhält der Gefoppte doch nur, was er für seine Beschränktheit oder Leichtgläubigkeit verdient hatte. Die sogenannte poetische Gerechtigkeit wird immer mit Eifer gehandhabt.

Das liegt schon in dem Wesen der Holberg'schen Comödie als Kunstart. Sie geht in gerader Linie darauf aus, das Lachen zu erwecken. Aber das Lachen, das über dem Gecken oder dem Schwätzer oder dem Heuchler schwebt, ist schon eine Strafe; die Stockprügel, die Niederlage des unglücklichen Bewerbers, oder der spanische Mantel (ein Werkzeug der Criminaljustiz), sind nur die einfache Consequenz jener Strafe, welche folgerichtig das Gelächter des naiven Publicums noch um einen Grad steigert. Der Genuss, den Holberg in letzter Instanz seinen Zuschauern bereiten will, ist derjenige der berechtigten Schadenfreude.

Die Welt, die er vor unsern Augen ausbreitet, ist daher eine solche, in welcher unendliche Unvernunft sich frei herumtreibt, aber über welcher herrschend eine Vernunft schwebt, die zuletzt die Unvernunft vernichtet oder – in weniger hohem Stil – mit allen Schwierigkeiten fertig wird und die ganze Bude in Ordnung bringt.

Das Hauptvergnügen bei diesen Comödien besteht deshalb darin, dass durch die Art, wie sie gebaut sind, diese überlegene Vernunft während der ganzen Zeit ihren Sitz in des Lesers oder Zuschauers eigenen Kopf verlegt zu haben scheint. Unaufhörlich appellirt Holberg an das Ueberlegenheitsgefühl des Lesers dem dargestellten Charakter oder der stattfindenden Situation gegenüber. Von Angesicht zu Angesicht mit dieser Komik sitzt der Zuschauer in ununterbrochenem Selbstgenuss, kommt sich besser, verständiger, einsichtsvoller, feiner vor als die komischen Helden und Heldinnen, und geniesst entweder dieses sein Bessersein oder wie bei »Ulysses von Ithaca« (mit dessen Anachronismen und Ungereimtheiten) ausschliesslich sein Besserwissen und seinen reinen Geschmack, der eine Folge desselben ist.

Holbergs ungewöhnliche Popularität beruht zu nicht geringem Theil darauf, dass es im Grunde genommen für frisch empfängliche Gemüther, wie sein erstes Publicum, und für die Durchschnittsmenschen der neueren Bildung überhaupt keine einschmeichelndere Art von Schauspielen als eine solch rein komische Kunst wie die seine gibt. Wenn es mit Recht gesagt werden muss, dass Holberg als Geist sein Volk gezüchtet und gezüchtigt hat, so muss es auch auf der anderen Seite hervorgehoben werden, wie unendlich einschmeichelnd sein Unterricht und die ganze Form seiner Mittheilung an den Leser und Zuschauer ist.

Er gehört nicht zu den Schriftstellern, nicht zu den Dichtern, die darauf ausgehen, dass der Leser sein eigenes Nichts fühlen solle, oder zu denen, die ihr Vergnügen darin finden, ihre Ueberlegenheit über ihn hervortreten oder ahnen zu lassen. Im Gegentheil, er wendet sich immer an jenen gesunden Menschenverstand, den er sicher ist, bei den Zuschauern zu finden, und zwischen den Zeilen scheint er immer zum Leser zu sagen: Du und ich, wir zwei, wir lachen über diese Thoren.

Nur beim allerersten Hervortreten der Comödien konnte es geschehen, dass der Eine oder der Andere im Publicum, irgend ein Pedant wie Tychonius, auf den es wohl noch dazu direct abgesehen war, sich persönlich getroffen oder verspottet fühlte. Bald darnach war das unmöglich. Selbst Derjenige, welcher an derselben Schwachheit litt, selbst Derjenige, welcher ein wenig zu politischer Kannengiesserei neigte oder sich nicht frei von »Jean-de-Francerie« fühlte, genoss als Zuschauer seine unendliche Ueberlegenheit über Hermann von Bremen oder Hans Frandsen, und wurde doch naturgemäss, nachdem er durch das Vergrösserungsglas der Comödie das lustige Zerrbild seiner Schwäche betrachtet hatte, darauf hingeleitet, seinen Fehler zu verbergen, zurückzudrängen oder wohl ganz und gar abzulegen.

Und was die Schauspiele nicht so schnell dem Einzelnen gegenüber auszurichten vermochten, das bewirkten sie langsam durch den stillen, stetigen Einfluss auf die eine Generation nach der andern.

Mehrere von Holberg's entschieden moralisirenden Schauspielen gehören zu seinen ausgezeichnetsten. Aber dichterisch steht er am höchsten, wo er sich jenseits der Pädagogik, jenseits aller Sorge über Erlaubtes und Unerlaubtes bis zum Uebermoralischen erhebt. Daher ist er so göttlich im Ulysses. Daher ist er so gross in den beiden herrlichen Culturbildern, der kühnen »Weihnachtsstube« und der übersprudelnden »Wochenstube«. Künstlerisch betrachtet, in Bezug auf dramatische Architektur, stehen diese beiden Meisterwerke nicht hoch; aber in poetischer Hinsicht sind sie unübertroffen. Die Beobachtungsgabe, die verschwenderisch reiche Fähigkeit zur Charakteristik, die über Alles sich hinwegsetzende Lustigkeit und der übermüthige Witz, der sich in diesen beiden Figurengalerieen aus einer fernen Vorzeit findet, stellt sie nicht weit unter Montanus und hoch über viele regelmässig angelegte und correct durchgeführte pädagogische Comödien wie z. B. »Das arabische Pulver«, oder »Ohne Kopf und Schwanz«.

IV.

Das Gefühl des Komischen ist ein eigenthümliches Mischgefühl, welches dadurch entsteht, dass ein und derselbe Gegenstand auf einmal ein Gefühl von Lust und ein Gefühl von Unlust, ein angenehmes und ein unangenehmes Gefühl auf eine solche Weise hervorruft, dass diese beiden Gefühle einander in Stärke nicht sehr ungleich sind, und das angenehme, durch das überwundene Unbehagen gestärkt oder gewürzt, die Oberhand behält.

Wo Holberg nicht nur seine Zeitgenossen amüsirt hat, sondern noch heutzutage unterhält, da stehen die Lust- und Unlustgefühle, welche das Komische bei ihm erweckt, im richtigen Verhältniss zu einander. Wenn er mit gewissen Stücken oder gewissen Einzelnheiten entweder das Lachen überhaupt nicht mehr erwecken kann, oder doch nicht mehr die feineren oder die conventionell erzogenen Naturen (die Damen, die jungen Mädchen) zum Lachen bringt, so beruht das darauf, dass in diesen Fällen, zum wenigsten diesen Zuschauern gegenüber, das innere Spiel in der Komik, der Wettstreit zwischen den Gefühlen weggefallen und das Unlustgefühl als allein dominirend übriggeblieben ist.

Hier ein paar Beispiele von dem Bleibenden und dem Vergänglichen in seiner Komik. Die Trunksucht des Jeppe vom Berge ruft insofern ein Unlustgefühl beim Zuschauer hervor, als jegliche Betrunkenheit einem entwickelten Menschen zuwider ist – dieselbe ist aber nicht allein unschädlich, ungefährlich; die Bedingung für das Entstehen einer komischen Wirkung überhaupt – sondern sie ist höchst unterhaltend. Die Betrunkenheit macht nicht nur Jeppe immer unzurechnungsfähiger, sie macht ihn witzig, schalkhaft, humoristisch, sie gibt sowohl seiner Naivetät wie der Schlauheit seines hellen Kopfes einen Hochdruck und eine vermehrte Wirkungskraft. Der Zuschauer findet kaum Gelegenheit, den Trunkenbold unschön zu finden, bevor er schon Interesse für ihn gefasst hat. Und Alles, was Jeppe sagt, selbst das Ungereimteste, das als ungereimt missfällt, ist zugleich von einer gewissen Seite oder doch von seinem Standpunkt aus gesehen, so plausibel, dass es berückt. Wenn er sich als den passiven Tummelplatz des inneren Krieges seiner Glieder schildert; wenn er versichert, dass sein Magen und seine Beine nach der Schenke wollen, sein Rücken aber in die Stadt, so scheint diese pseudonaive Erklärung des Kampfes zwischen Lust und Furcht abwechselnd unmöglich und annehmbar, Albernheit und pfiffige Wendung, Fiktion und Symbolik, Deliriumsgeschwätz und guter Spass, dies Alles in blitzschnellem Wechsel, bis der Eindruck des Komischen entsteht und bleibt, als ein dauerndes, rhythmisch von Behagen unterbrochenes Gefühl, das sich in Lachen Ausdruck gibt.

Und so verhält es sich im grösseren Stil allen Charakteren gegenüber. Peter der Küster amüsirt unaufhörlich, weil seine naive Selbstsicherheit so solide ist, dass sie seinen Worten im ersten Augenblick immer einen gewissen Nachdruck verleiht. Einige Sekunden zum wenigsten gelingt es ihm, durch den formellen Zusammenhang zwischen seinen Vorstellungen und Gedanken uns mit seiner Ansicht anzustecken, uns seine Auffassung als möglich aufzuzwingen; dann werfen wir sie wieder aus unserm Bewusstsein durch einen Stoss des Lachens hinaus; sie kehrt zur neuen Beschauung zurück, als begreiflich und vernünftig vom Gesichtspunkte des Küsters, als verwandt mit Wendungen, die wir kennen und an die wir aus der Denkweise unserer Umgebung gewohnt sind, und wird dann abermals mit ruckweis wiederkehrendem Lachen zurückgestossen. Es geht so zu, wie wenn der Bär mit dem Kopf den Holzklotz zurückstösst, der in einer Schnur vor dem Bienenstock hängt; der Holzklotz bekommt seinen Stoss, der Honig wird genossen, der Klotz kommt wieder, wird wieder fortgestossen, nur dass der Klotz und der Honig hier ganz anders blitzartig abwechseln als in der Fabel, und dass es der Honig und nicht der Klotz ist, der zuletzt den Ausschlag gibt.

In den entscheidenden Situationen in »Erasmus Montanus« beruht deshalb die Wirkung darauf, dass das Unbehagen, welches die pedantische Wichtigthuerei der Hauptperson hervorruft, sich im Vergnügen über Jacob's naives Durchhauen seiner Beweisgründe verliert, und namentlich im Genuss darüber erlischt, wie der Küster mit der ganzen Dreistigkeit des Unwissenden durch noch tollere Sinnlosigkeit, die im Kreise dieser Zuhörer Recht behält, die Paradoxen des Erasmus weit überbietet.

Die Strafe, die hierin liegt, und die so dialektisch, so reich an innerem Wiederspruch ist und die daher einen so grossen Apparat von Unlust- und Lustgefühlen in Schwingung setzt – diese Strafe ist Strafe genug und die einzige angemessene. Die Stockprügel hingegen unterhalten uns nicht mehr, weil kein Spiel, kein Wettkampf zwischen den Gefühlen stattfindet, die sie hervorrufen. Es langweilt uns zu sehen, wie der Bursche Prügel bekommt, und die Brutalität der Prügel gibt ihm gerade das Recht, welches der Dichter ihm durchaus nicht einräumen wollte.

Dieses Hervortreten des Unlustgefühls ist ab und zu den Comödien Holberg's bei der Nachwelt schädlich gewesen. Bisweilen hat er sich schon selbst darin geirrt, dass er das Plumpe für das Witzige genommen hat (man kann z. B. nicht mehr über die groben lateinischen Schimpfworte lachen, die Petronius dem Jacob von Tyboe für Ehrenverse verkauft); häufiger jedoch beruht die Kälte des Lesers darauf, dass sein Nervensystem feiner als das der ursprünglichen Zuhörer ist. Das Eine oder Andere kommt uns kindisch vor, was damals in gleicher Höhe mit den Voraussetzungen des Publicums stand oder wohl gar ein gutes Stück über der Durchschnittshöhe lag. Hieran lässt sich nichts ändern. Der Fehler ist in diesem Falle weder Holberg noch uns zuzuschreiben. Die Schuld fällt auf die Zeitumstände, über welche hinaus selbst ausgezeichnete Kunstwerke sich niemals vollständig erheben. Was dagegen ausschliesslich der Fehler des modernen Lesers oder der modernen Leserin ist, das ist der Mangel an Bildung, der sich durch den kühnen Scherz zurückgestossen fühlt, die Prüderie, die Aergerniss nimmt, die Rohheit, die durch eine freie Sprache ohne Schlüpfrigkeit gelangweilt wird, schliesslich die Farbenblindheit vor einer Grösse, die nicht in dem gedämpften farblosen Gewände unserer Zeit einherschreitet, sondern das uns so ferne, bunte Costüm des beginnenden achtzehnten Jahrhunderts trägt.

V.

Man lernt Holberg gründlicher durch seine Comödien, als durch die Gesammtheit seiner andern Werke kennen.

Wir werden in seine Auffassung darüber eingeweiht, welches Verhältniss das geziemende zu allen Lebensmächten sei; und erfahren, wie er sich die verschiedenen menschlichen Gemüthsbewegungen und Triebe in ihrer Wirksamkeit und im Streit mit einander vorstellt.

Derjenige, welcher sich z. B. einen Einblick in seine Ansicht über Politik verschaffen will, erhält ihn durch den »Kannengiesser«, der so humoristisch den Nutzen politischer Specialkenntnisse verkündigt, und durch »Jeppe vom Berge«, dessen ausgesprochene Absicht es ist, gegen einen Umsturz der gesellschaftlichen Ordnung zu warnen, für welche übrigens damals nicht zu fürchten war, und dessen Moral ein wenig ungeschickt kommt, weil der arme Jeppe selbst keinen Augenblick in Wirklichkeit daran gedacht hat, sich die siebenspitzige Freiherrnkrone aufs Haupt zu setzen.

Es sind besonders die Handwerker und Bauern, in deren Hände die Macht zu legen, Holberg unmöglich findet. Aber »Don Ranudo« zeigt, dass der Gedanke an eine Adelsaristokratie ihm ebenso fern lag. Seine Politik ist ein treuer Ausdruck und directer Ausfluss der Befreiung des Bürgerstandes von jeglichem Adelsdruck und der von demselben ausgehenden kindlich vertrauensvollen Uebertragung der Alleinherrschaft auf den König.

Besonders in »Ohne Kopf und Schwanz«, in »Hexerei«, in dem »Arabischen Pulver« findet man Holberg's Verhältniss zur Religion, zum Glauben und Unglauben ausgesprochen. Das erste Stück erscheint als eine Verherrlichung der rechten Mitte zwischen dem Hange, alles Uebernatürliche zu glauben und alles zu leugnen. Er zeigt darin, wie die Neigung zum Aberglauben in ihrer Leidenschaftlichkeit dem Missbrauch von Betrügern, und wenn der Betrug entdeckt wird, wieder dem Umschlag zur entgegengesetzten Aeusserlichkeit ausgesetzt ist, und er zeigt durch ein anderes Beispiel, wie der principielle Unglaube, der nicht der Ausdruck einer erkämpften Ueberzeugung, sondern einer mit allen Schwierigkeiten leicht fertigen Frivolität ist, ebenfalls auf äusserst schwachen Füssen steht, und sich in die scheinheiligste Bigotterie verwandeln kann.

Er legt seine eigene Ansicht, die er als den Vernunftstandpunkt betrachtet, eine Skepsis, die es nicht wagt, principiell zu leugnen, in den Mund der leider langweiligen Person Ovidius. Es ist ihm hier noch weniger gelungen, sein Abbild auf der Bühne interessant zu machen, als in dem »Glücklichen Schiffbruch«. Aber wenn man bedenkt, dass Holberg, obschon den meisten Gespenstergeschichten gegenüber völlig ungläubig, nicht unbedingt wagte, die Existenz von Gespenstern zu leugnen, ja sogar sich einbildete, selbst ein Gespenst gesehen zu haben, so versteht man, dass mehr von seinem eigenen Wesen in dem blutlosen Ovidius steckt, als man glauben sollte. »Hexerei«, ein unendlich viel besseres Schauspiel, ist ganz und gar ein lustiger Ausfall gegen den Aberglauben als den damaligen Hauptfeind der Cultur und der Kunst.

Die Ansichten Holberg's über Poesie und besonders über das Wesen des Schauspiels liegen klar zu Tage in dem »Glücklichen Schiffbruch« und in »Ulysses«; weniger deutlich treten sie in »Melampe« hervor. Er legt grosses Gewicht auf die sittliche Sendung der wahrheitsliebenden Satire und überschüttet in gleichem Masse mit seinem Spott das affectirte Tragödienpathos und die Spectakelphantastik mit ihrer Vernachlässigung aller Gesetze der Wirklichkeit und aller Regeln des Classicismus.

In der animalischen Welt, die der menschlichen zu Grunde liegt, und auf welcher sie gebaut ist, sind der Hunger und die geschlechtliche Liebe die zwei grossen Grundtriebe. In der Gesellschaft, wie wir sie in unserm Jahrhundert kennen, sind Geldgier, Genusssucht, Streben nach Macht und Ansehen die uns begegnenden Grundtriebe, welche die vielen komischen, tragischen, rührenden und abscheulichen Schauspiele, die uns das Leben zeigt, veranlassen.

Holberg sieht die Gesellschaft nicht so. Möglicherweise war sie auch zu seiner Zeit insofern nicht gleicher Art, als die Concurrenz unendlich viel weniger scharf war. Die Begierde nach Geld spielt eine verhältnissmässig geringe Rolle in der Welt seiner Comödien. Sie beseelt den einen schmutzigen Schlingel Rosiflengius, den alten Heuchler Jeronimus in »Pernille's kurzem Fräuleinstande« und eine Menge armer Leerbeutel und Oldfuchse; sie ist Henrik nicht fremd, am wenigsten dem Kannengiesserlehrling, obgleich sie nicht einmal bei Henrik als geschmeidigem Lakai besonders hervortritt. Bei Polidor, dem einzigen, der in Liebe zum Golde aufgeht, verliert sie sich ganz in der Hoffnung auf eine magische Gewalt kraft der Alchymie.

Da es echt dänische Naturen sind, die Holberg immer schildert, d. h. schwache und spröde, die statt des Willens nur Stetigkeit und statt der Leidenschaft nur Eitelkeit haben, ist das Leben in seinen Schauspielen nicht Wille zur Macht (Nietzsche). Nur der Kannengiesser seufzt nach Macht, doch für ihn ist das Erreichen derselben auch fast nur Sache der Eitelkeit.

Einen viel tieferen Eindruck hat Holberg augenscheinlich von der Bedeutung der Geschlechtsliebe als Triebrad in der Weltmaschine empfangen. Er hat nicht nur, theilweise aus Rücksicht auf eine ihm unentbehrliche dramatische Convention, fast allenthalben das Verlangen zweier Liebenden nach Vereinigung zum Mittelpunkt seiner Schauspiele gemacht, sondern seine Stücke sind von kühnen und derben Anspielungen auf das Geschlechtliche so durchzogen, dass man sieht, wie seine Phantasie von dem Thema erfüllt, ja überfüllt gewesen ist. So schwer es ihm auch fällt, eine feinere oder reichere und tiefere Erotik darzustellen, so wohl bewandert zeigt er sich in Allem, was die Art von Liebe berührt, welche aufs Tapet kommt, wo Dienstmädchen und Knechte, Domestiken und Bauern, Kleinbürger und Handwerker, Ochsenhändler und Schauspieler, Spassmacher, Dirnen und alte Weiber ihrer Rede freien Lauf lassen.

Er benutzt mit voller Rücksichtslosigkeit die Sprache der damaligen Strassen und Wohnzimmer, ja der Gesindestuben und Küchen, nicht so, dass man jemals den Eindruck bekommt, als wäre er selbst eine stark sinnliche Natur gewesen – er ist das so wenig, wie eine zärtlich erotische – sondern so, dass man den humoristischen Beobachter herausfühlt, der Bescheid weiss und der, obschon selbst in seinem persönlichen Leben völlig ausserhalb des Spieles, auf das ganze Treiben mit höchst wachsamem Blick für die komischen Seiten desselben herabsieht, immer zu einem Lächeln oder einem Scherz bereit.

Höchst interessant ist es nun zu beobachten, mit welcher Bestimmtheit Holberg, obgleich er erst nahe den Vierzigen Schauspiele zu schreiben anfing, in dem grossen Process zwischen den Trieben der Jugend, ihrem verliebten Hang, ihrer Vergnügungssucht und der als Moral verkleideten Ohnmacht, dem als mürrisches Wesen sich formenden Ernst des Alters überall und hartnäckig, auf jedem Punkte, Partei für die Jugend nimmt. Leonard sagt in der »Maskerade«:

»Er wird schon ehrbarer werden, Schwager. Wir waren ja in unserer Jugend ebenso, und wir kehrten der Welt unseren Rücken nicht eher zu, als sie den ihrigen vorher uns zukehrte. Wären wir jetzt so munter und muthig als wie vor zwanzig Jahren, so gingen wir auch auf die Redouten. Wenn wir unsere Kinder der Lustbarkeiten wegen, die wir doch selbst in unseren jungen Jahren geliebt und geübt haben, nun aber Alters halber nicht mehr mitmachen können, verfolgen wollen, so scheint es, als ob wir ihnen darum neidisch wären. Das kommt mir just für, als wenn einer, der Hühneraugen am Fuss hat, das Tanzen verfluchen wollte.«

Ein anderer nordischer Dichter, der in gleichem Alter wie Holberg schriebe, würde in der Regel weder wie sein Henrik noch wie sein Leonard denken oder reden, sondern wie sein Jeronimus, da, wo dieser sich am würdigsten zeigt. Aber Holberg steht hoch über dieser seiner Creatur. Man lese in »Dietrich Menschen-Schreck« die Scene zwischen Jeronimus und Henrik:

Henrik:

Sollte sich ein Vater nicht darüber freuen, dass sein Sohn in seine Fussstapfen tritt? Hat Herr Jeronimus nicht selbst erzählt, dass er in seiner Jugend ganz närrisch war vor Liebe zu einem vornehmen Frauenzimmer im Auslande?

Jeronimus:

Darfst Du Hund mir vorwerfen, dass ich ...

Henrik:

Weit davon entfernt, ich erwähne dieses nur zum Ruhme des Herrn Jeronimus, denn ich würde nicht vier Schillinge für einen jungen Menschen geben, der keine Liebe fühlt.

Jeronimus:

Liebe und Liebe sind zweierlei Dinge ... Ich habe selbst in meiner Jugend grassat gelaufen; ich bekenne meinen Fehler, aber ich habe meine Sünden bereut und Pönitence dafür gethan.

Henrik:

Monsr. Leander wird auch Pönitence thun, wenn er alt wird.

Regelmässig legt also Holberg durch den älteren toleranten Bürger oder durch den lebhaften aufgeweckten Diener seine Sympathien für das Recht der Lebensfreude an den Tag. Selten oder niemals dagegen hat er vermocht, die Naivetät in ihrer göttlichen Reinheit und Einfachheit Convenienz und Heuchelei entblössen zu lassen. Die Pseudonaivetät muss bei ihm, wie bei La Fontaine, immer die wahre Kindlichkeit ersetzen. Jacob in »Erasmus Montanus« kommt ihr am nächsten, aber selbst er ist doch äusserst schlau und bewusst. Holberg, der bisweilen – wie in der »Weihnachtsstube« – Kinder auf die Scene bringt, verstand es nicht, den naheliegenden Vortheil aus ihrer Naivetät zu ziehen. In diesem Punkt fühlt man den Hagestolz, der zu keiner beständigen täglichen Beobachtung Anlass hatte. Die Kinder wiederholen bei ihm mechanisch und komisch die armselige Weisheit ihres Schulmeisters; aber von dem Urverstande der Naivetät, der oft, so sicher wie unbewusst, den Nagel auf den Kopf trifft, hat der grosse dichterische Repräsentant des Verstandes keinen Gebrauch zu machen gewusst.

Was dem modernen Leser bei ihm besonders auffällt, ist jedoch das Folgende: Nicht von Menschen, die in rastlosem und komischem Wettstreit nach Geld und Geldeswerth, nach groben oder feinen Genüssen, nach beständigerem oder flüchtigerem Glücke, nach Ansehen und Macht jagen, sah Holberg die Welt erfüllt, sondern von Menschen, die fast alle und durchgehends für etwas Anderes oder mehr gelten wollen als das, was sie sind, oder die aus Dummheit (wie Peter der Küster) oder aus Eigensinn (wie Vielgeschrey) sich verrückt und ungereimt betragen. Einige wollen nur scheinen, wie Jean de France, Jacob v. Tyboe, Don Ranudo oder Jeronimus in »Die honnette Ambition.« Andere (Kannengiesser, Jeppe) sind arme Unwissende, welche die Situationen, in die sie gebracht werden, nicht verstehen. Wieder Andere sind Sonderlinge, wie die Wankelmüthige oder der Goldmacher; oder sie haben eine Manie, wie Gert Westphaler oder eine fixe Idee, wie der eingebildete Hahnrei in der »Wochenstube«. Mit einem Wort, es sind die intellectuellen Thorheiten, die logischen Ungereimtheiten, für die Holberg's Auge und Gemüth empfänglich sind. Dieser Ausschnitt ist es, den er vorzugsweise vom Weltall erblickt. Ihm erscheint die Welt nicht von Leidenschaft erfüllt, nicht schlecht, nicht gut, nicht gross und sublim, auch nicht fürchterlich und schreckeneinflössend, sondern ungereimt und schnurrig, eine Herberge für Thoren, darum des Lachens werth. Lächerlich ist sie. Sie der Lächerlichkeit preisgeben, das heisst also ihren Werth richtig schätzen und ihr mit ihrer eigenen Münze zahlen.

O du Welt stetiger Bornirter und eingebildeter Thoren und possirlicher Maulaffen und einfältig wichtiger Pedanten in Schwarz und in Roth, auf die Bretter sollst du! Einen Tanz sollst du tanzen, über den du dich wundern wirst – nach dem Bogen des einsamen Geigers!

Ja nach dem Spiel seiner Saiten sollst du tanzen, du Landsmann, o du Narr! Du Hans und du Peter, du Rasmus und du Ranudo! Und du holde Landsmännin, wie du heissest, du Ingeborg Bleideckerin, du Anna Kannengiesserin, du Arianche Buchdruckerin, du Else Schulmeisterin und ihr Barbaras und ihr Dortheen, o ihr charmanten Zweibeinigen! Ihr sollt dazu gezwungen werden, euer Innerstes herauszukehren, damit Jedermann all das Nichts sehen kann, das euer einziger Inhalt ist! Eine Welle von Gelächter, breit und mächtig wie eine Wasserfluth, soll glatt und eben, aber unwiderstehlich über das Land hingleiten, Euch bespülen, untertauchen, baden, reinigen und überall ihr scharfes Salz absetzen.

VI.

Und so stand durch das Machtgebot des Genies die dänische Schaubühne da. Und das Volk kam und wunderte sich und lachte und zürnte, verstand hier und da etwas, ging vergnügt und vergesslich fort, betrachtete das dänische Theater wie ein Vergnügungslokal weniger feinen Ranges, vermochte nicht sich bis zu dem Gedanken emporzuschwingen, dass das Publicum dem gegenüber auch eine Pflicht habe, die Pflicht, es zu unterstützen und aufrecht zu erhalten, und sah es mit Gleichgültigkeit am Rande des Bankerotts schwanken, wieder und wieder auf eine Zeitlang geschlossen werden, um schliesslich nach nur vierjähriger Existenz solcherart zu unterliegen, dass es am 25. Februar 1727 mit Holberg's wehmüthig lustigem »Das Leichenbegängniss der dänischen Comödie« seine Wirksamkeit endgültig abschliessen musste.

Ein Jahr darnach machte der grosse Brand in Kopenhagen jegliche Theatervorstellung zu einer Unmöglichkeit. Vom Jahre 1728 an und während der ganzen Regierungszeit Christian's VI. herrschte der geistliche Einfluss uneingeschränkt, und Schauspiele wurden von den Tonangebenden bei Hofe und in der Gesellschaft als ein gegen die gute Sitte streitendes Aergerniss betrachtet.

Wie innerlich sich auch Holberg mit dem dänischen Schauplatz verbunden fühlte, er musste als dramatischer Dichter verstummen.

»Dies ist etwas einzig Dastehendes. Man mag weit umher suchen, um etwas Aehnliches zu finden. Man denke vergleichsweise an die Kämpfe Molière's, um »Tartuffe« auf die Bühne zu bringen, oder an das jahrelange, energische Streben des Beaumarchais, »Figaro« aufgeführt zu sehen. Hierin ist Etwas, das einen Dichter anspannt, etwas Begeisterndes, Elektrisirendes. Aber einem Volk eine Litteratur, eine Bühne schenken, seine hervorragendste, eigentliche Wirksamkeit im Alter von siebenunddreissig Jahren eröffnen, um schon vier Jahre darnach ihr Leichenbegängniss feiern zu müssen, nachdem die Trauerglocken im Grunde die ganze Zeit mit Ausnahme des ersten halben Jahres geläutet haben – hat jemals eine geistlose Regierung im Verein mit einem unreifen Volk einem blühenden Genie, geschweige dem Hauptschriftsteller eines Landes schlimmer mitgespielt? – Andere grosse Dichter haben mit Armuth, mit Feinden zu kämpfen gehabt; sie haben, rein äusserlich genommen, weit mehr gelitten und ganz anderes Uebel erduldet. Aber wo findet sich ein Seitenstück zu diesem? Holberg hat seinem Lande das erste lesenswerthe Gedicht geschenkt, führt dann – gleichsam gelegentlich, bloss weil ein paar Schauspieler ein Gebäude errichten – eine im Lande ganz neue Kunstart ein, schreibt als Anfang zwei Dutzend Meisterwerke, steht in seinem kräftigsten Alter, einige vierzig Jahre alt – und man streicht zwanzig Jahre aus seinem Leben als dramatischer Schriftsteller, sage zwanzig Jahre! Der Pietismus schickt sein dramatisches Genie in die Besserungsanstalt zu zwanzigjähriger gelehrter Strafarbeit, sperrt es ins Zellengefängniss, verdammt es zur Einsamkeit, zum Schweigen! Es siecht denn auch hin; aber so lebenskräftig, so mittheilungsbedürftig ist dieser Genius, dass er, sobald er aus seinem einsamen Kerker, geschwächt wie ein durch die Haft ergrauter Gefangener, freigelassen wird, sich mit der untrüglichen Sicherheit des Instinctes von Neuem dem Theater zuwendet – und mit zitternder Greisenhand entwirft Holberg seine letzten Figuren und Scenen für die Bühne.« Georg Brandes, »Ludwig Holberg und seine Zeitgenossen«, S. 237.

Holberg, der zeitig vom metaphysischen Lehrstuhl zum historischen versetzt worden war, gab sich nun fast ausschliesslich dem wissenschaftlichen Studium hin, und wirkte als Verfasser historischer, populär philosophischer und journalistischer Arbeiten. Er gab seine Geschichte Dänemarks heraus, verfasste seine Kirchengeschichte, seine Geschichte von Helden und Heldinnen, seine Beschreibung der Stadt Bergen, seine Moralischen Gedanken, die in dicken Bänden erschienene Reihe seiner Episteln u. s. w. und schrieb (jedoch lateinisch) das Eine kühne Dichterwerk »Niels Kliem«, einen philosophisch-allegorischen Roman, der indirect durch Schilderung der Lebensweise phantastischer Gesellschaften und abenteuerlicher Völker dasjenige, was in Dänemark für das unbedingt Gebührende galt, relativ machte und ein ironisches Licht darüber fallen liess.

»Niels Kliem« erinnert, durch den Unwillen, den er hervorrief und durch die Weise, auf welche er eine Gruppe, (die letzte) von den dramatischen Erzeugnissen Holberg's vorbildet, an die Rolle, welche »Peder Paars« in Holberg's Jugendproduction spielt. Wie seiner Zeit die Vornehmen und die Gelehrten Rostgaard und Gram sich bemüht hatten, Peder Paars zu unterdrücken, so ereiferten sich jetzt die Hofpriester Bluhme und Pontoppidan dafür, ein Verbot gegen »Niels Kliem« ausgefertigt zu erhalten. Zum Glück für Holberg scheiterte diese letztere Bestrebung wie die erstere. Und wie »Peder Paars« schon die Umrisse zum Kannengiesser, Gert Westphaler, Peter dem Küster, und die ersten Anlagen zu Pernille, Dietrich Menschen-Schreck, Philemon enthält, ebenso veranlasst »Niels Kliem« theils direct, theils durch die Studien von Lucian und Anderen, die Holberg wegen dieses Romans unternahm, entweder den ganzen Plan oder doch zahlreiche Einzelnheiten der Schauspiele aus seinem Greisenalter: »Philosophus in der Einbildung«, »Sganarel's Reise ins Land der Philosophen«, »die Republik« und »Plutus.«

Es war im Jahre 1747, als das Theater nach der Thronbesteigung Friedrichs V. von Neuem eröffnet wurde, dass Holberg der Bühne die letzte Brut seiner Geisteskinder schenkte; im Vergleich mit den von Gesundheit strotzenden Sprösslingen seiner Jugendzeit, bleiche Kinder eines gealterten Vaters.

Ihr Erfolg ist wahrscheinlich nicht gross gewesen, hatte sich doch der neue Geschmack sogar von seinen Jugendwerken abgewendet. Das einfältig verfeinerte Publicum fasste das Verhältniss so auf, als hätte sich Holberg schon in jenem Moment überlebt, wo der Entwicklung noch ein halbes Jahrhundert fehlte, damit sie zu der Höhe gelange, auf der man angefangen hat, ihn vollständig zu verstehen.

Wie Molière von Destouches verdrängt worden, wurde jetzt Holberg theils von den deutschthümlichen Volksschauspielen mit ihrer Scenerie, theils von dem neufranzösischen Lustspiel mit dessen stattlicher Ehrbarkeit verdrängt. Man stiess sich daran, »Henrik in der Kannengiesser-Comödie auftreten zu sehen, mit ungekämmtem Haar und blossen Händen«. Daher sind Holberg's letzte Episteln voll von bitteren Klagen: »Man wirft unsere Originale auf die Seite«; »man zieht ihnen schlecht zusammenhängende Marktschreier-Stücke vor.« Die letzten Worte, die wir aus seiner Feder besitzen, sind die letzten Seufzer seiner Qual: »Man fragt nicht mehr darnach, ob ein Schauspiel gut oder schlecht ausgearbeitet ist, sondern ob es mit Gesang und Tanz schliesst ... Ein jeder Schriftsteller kann jetzt Comödien-Schreiber agiren, und Keiner fürchtet sich davor, seine Arbeit vergeudet zu sehen, wie mager, elend und schlecht zusammenhängend sie auch sei.« (Die 539., letzte Epistel, nach seinem Tode gedruckt.)

Selbstverständlich müssen sich in jenen Jahren Viele gefunden haben, die seine Bücher mit Interesse lasen, sonst wäre der verhältnissmässig starke Verkauf derselben nicht zu erklären. Aber während seine Schriften im Begriffe standen, Volksbücher zu werden, genoss er weder bei den Kindern der Welt noch bei den Schriftgelehrten das Ansehen, das er so reichlich verdiente, geschweige den grossen Ruhm, der jetzt so lange nach seinem Tode seinen Namen umstrahlt.

Er hatte schon in einem ziemlich jungen Alter seine Biographie unter der Form »Dreier Episteln an einen berühmten Mann« herausgegeben, in lebhaftem, aber nicht vollendetem Latein abgefasst. Man verdachte ihm sowohl die kleinen Fehler seines Lateins wie den Umstand, dass er die Oeffentlichkeit mit seiner eigenen Person unterhielt, warf ihm Selbstlob vor und beschuldigte ihn der Absicht, die Herzen durch Klagen über seine Feinde rühren zu wollen.

Mit seinem Hange, so viele Fächer wie möglich zu umspannen, und überall eine Uebersicht mitzutheilen, hatte er ausserdem bisweilen in seinen Schriften, wie in seinem statistisch-topographischen Werk, »Beschreibung Dänemarks und Norwegens«, mit dem Historischen, besonders der Geschichte des nordischen Alterthums, es etwas zu leicht genommen; dadurch lag die Beschuldigung gegen ihn nahe, dass es ihm überhaupt an Gründlichkeit fehle.

Schliesslich war er durch seinen Widerwillen gegen den Autoritätsglauben und sein Festhalten an der Vernunft als dem Kern der Religion wie der Moral, als Freidenker verdächtig, und das umsomehr, je stärker die religiöse Reaction sich geltend machte.

Er hatte schon seit längerer Zeit seine Professur niedergelegt. Die scharf kritische Methode, welche Gram in die Geschichtsforschung eingeführt hatte, vermochte er nicht sich anzueignen; er hatte zu seiner Zeit mehr als Lehrer und Schriftsteller, denn als Forscher und Gelehrter, mehr durch den erklärenden Ueberblick als durch das analytische Eindringen gewirkt. Deshalb verliess er, sobald er sich in der historischen Kritik überflügelt sah, das Feld der Geschichte Dänemarks und vertauschte seine Professorenstellung mit dem Amte eines Quästors.

Er war ein tüchtiger Finanzmann – in eigenen wie in fremden Angelegenheiten. Er war der erste – und ist wohl noch bis jetzt der einzige – dänische Schriftsteller, der sich durch seine Schriften ein Vermögen erworben hat. Er legte es in Grundbesitz an, kaufte sich ein Landgut, Terslösehof, auf dem er die Sommerzeit zu verbringen pflegte, liess sich dreiundsechzig Jahre alt, vom König Frederik V. zum Baron erheben und vermachte testamentarisch sein ganzes Capital an Grundbesitz und baarem Gelde der neuen Akademie in Soröe, sogar dergestalt, dass die Akademie noch bei seinen Lebzeiten den Niessbrauch der Zinsen hatte. So war er auf jegliche Weise und bis in seine letzten Jahre ein Wohlthäter seines Landes und Volkes.

Es scheint, dass ihn bei dem Gesuch um Erhebung in den Freiherrnstand derselbe ehrgeizige Trieb geleitet hat, der ihn sein Leben lang dazu anspornte, sich in den verschiedensten Fächern zu versuchen, immer eifrig bemüht, sich auf jeglichem, innerhalb seiner Fähigkeit liegenden Gebiete auszuzeichnen, auf welchem Andere sich hervorgethan hatten. Er wollte Baron sein, um es auch auf ganz äusserliche Weise einleuchtend zu machen, dass er durch eigene Kraft und Klugheit sich aus einer unscheinbaren gesellschaftlichen Lage und aus ärmlichen Verhältnissen bis zu einer Höhe hinaufgeschwungen hatte, die das Niveau des gelehrten Standes im Norden überragte. Er wollte, dass man die schöne Litteratur in seiner Person geadelt sehen sollte; es hat ihn als eine Art Rache über die Verächter und Feinde des Theaters befriedigt. Seinen grossen Meister Moliere hatte man wie einen heimathlosen Zigeuner behandelt und ihm ein ehrenhaftes Grab verweigert. Er wollte ihnen zeigen, dass ein Comödienschreiber sich gleichen Rang mit Denen, die ein adeliges Wappen führten, zu sichern vermochte. Ein blosser Titel würde ihn nicht gereizt haben, aber da er schon dem Besitze nach Freiherr war, d. h. da er reichlich so viel Land besass, wie zu einer Baronie erfordert wurde, wollte er es auch dem Namen nach sein.

Was bei einigen feiner Empfindenden Verwunderung und Anstoss erregt hat, ist nur, dass Holberg nicht zu stolz war, um diese Auszeichnung zu wünschen. Es berührt ein wenig peinlich, dass er solche Würde als commensurabel mit Verdiensten wie den seinen betrachtete. Doch ist es wiederum völlig ungereimt, einen andern Massstab an Holberg in jenen Tagen zu legen, als man, noch dazu so viele Jahre später, an Goethe, Schiller und Victor Hugo legt. Niemand hat es sonderbar gefunden, dass Goethe und Schiller sich in den Adelstand erheben liessen, Wenige haben es Hugo verübelt, dass er sich zum Pair von Frankreich ernennen liess.

Interessant ist es zu sehen, dass Holberg in dem Wappen, um dessen Bewilligung er nachsuchte, seine dichterische Wirksamkeit und nicht seine gelehrte Schriftstellerei als seine hauptsächliche Berechtigung zum adeligen Rang geltend gemacht, und dass er die Aufmerksamkeit auf seine norwegische Abstammung hinzulenken gewünscht hat. Die Tanne in seinem Wappen bedeutet augenscheinlich Norwegen, wie die Leier die Poesie, während der hohle Berg selbstverständlich auf den Namen anspielt.

Es war zu erwarten, dass man Holberg seine Aufnahme in den Adelstand zur Last legen würde. Man berief sich gegen ihn auf sein Schauspiel »Die honnette Ambition«, obgleich keine Aehnlichkeit zwischen seinem Fall und dem von ihm verspotteten zu finden ist. Holberg musste sich sogar während eines Processes, den er mit einem betrügerischen Verwalter führte, darin finden, dass man über seinen Baronstitel Witze machte; denn auch die Person, welche den Verwalter in jener Rechtssache vertrat, war Verwalter und hasste ihn wegen der vielen Ausfälle gegen seinen Stand in der »Beschreibung Dänemarks und Norwegens«, wie auch in den Comödien. Er versagte es sich daher nicht, in seiner Eingabe den baronisirten Dichter mit dessen eigenem »Jeppe vom Berge« zu vergleichen, der als Baron seinen Verwalter examinirt, ihn gehenkt sehen will, und der auf die Frage des Verwalters, was ihm Böses zur Last gelegt würde, einfach antwortet: »Bist du nicht Verwalter und Du fragst noch? Trägst Du nicht silberne Knöpfe?«

Dieses Beispiel ist nicht das einzige dafür, wie wenig Ehrerbietung Holberg in seinen alten Tagen erzeigt wurde; und die, welche man ihm spendete, war mehr officiell als gefühlt.

Ein Franzose, ein Herr Beaumelle, der in Kopenhagen eine kleine klatschhafte Zeitschrift in französischer Sprache, »La Spectatrice Danoise« herausgab, machte sich zum Organ der Ansichten, die man in der eingebildet feinen Gesellschaft über Holberg hegte. Er griff ihn unter den Namen Plautiberg an, um ihn dadurch der unerlaubten Benutzung von Situationen und Charakteren des Plautus zu zeihen. Plautiberg wird von Beaumelle als Derjenige bezeichnet, »der in allen Gattungen schreibt und sich in keiner einzigen auszeichnet, sondern zugleich als Humanist, Philosoph, Schöngeist, Theolog, Epigrammatiker, Rechtsgelehrter, Historiker und Moralist sich durch Plagiate bereichert«. Und Holberg wird dafür beschuldigt, in seinem Urtheil über seine Landsleute und über Franzosen wie Destouches, sich nur vom Neid leiten zu lassen, indem es über ihn heisst, »dass er die Werke Anderer und insonderheit die der Fremden herabsetzt, weil seine eigenen, Dank dem guten Geschmack, nicht mehr gelobt werden«.

Unter diesen Umständen kann sich keiner darüber wundern, dass Holberg's Lebensanschauung eine dunklere Schattirung erhielt, als sie in seiner Jugend gehabt hatte, wo das Lachen ihm half, seine Sorgen zu verscheuchen. Zehn Jahre vor seinem Tode schrieb er (in den »Moralischen Gedanken«): »Die guten Tage, so ich im Leben hatte, sind leicht gezählet; der grösste Theil meines Daseins ist hingegangen in Kümmerniss, Krankheit und Mangel an alledem, was die Welt Gutes nennet. Wenn Andere mehr gute Tage zählen können, soll es mir lieb sein; denn ob man gleich sich in immerwährender Qual befindet, soll man Andern ihr kurzes Vergnügen nicht missgönnen.«

Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in strenger Zurückgezogenheit, nach Vermögen sich von der Welt absperrend, deren Dankbarkeit und Treue er kennen gelernt hatte. Er hielt bis zuletzt an derselben Sparsamkeit fest und arbeitete mit demselben Fleiss, durch welchen er sich als Jüngling ausgezeichnet hatte. Seine Gesundheit war immer schwach gewesen. Nun litt er an immer wiederkehrenden Kopfschmerzen und hektischen Anfällen, die zuletzt in Schwindsucht übergingen. Die Musik, die ihn sein ganzes Leben zerstreut hatte, erfreute ihn nicht mehr wie vorher. Er suchte Trost in Studien, in der Beschäftigung mit Sprachen des Alterthums, in welche sich zu vertiefen ihm früher die Zeit oder (wie dem Altnordischen gegenüber) das Interesse gefehlt hatte, aber er fühlte mit Wehmuth, dass seine Fähigkeit zum Lernen verringert war.

Er starb in seinem siebzigsten Jahre nach Mitternacht am 28. Januar 1754. Der Eindruck, den dieser Todesfall machte, war gering. Die Bevölkerung Kopenhagens war gleichgültig. Es gab keine Trauer der Gemüther, und keine dem Todten würdige Aeusserung über die Bedeutung des Verlustes wurde gehört oder erschien. Nur Wenige verstanden, dass es der grösste Mann Dänemarks und Norwegens war, der jetzt auf der Bahre lag, und noch geringer war die Zahl Derer, die Etwas dabei fühlten. Nicht einmal von der Bühne her, welche Holberg geschaffen hatte, wurde seines Scheidens aus dem Leben erwähnt, während neun Tage später ganz Kopenhagen in Aufregung über den Tod der jungen, leichtfertigen Schauspielerin, Jungfer Thielo, gerieth: Die Studenten trugen sie zu Grabe, und ein grosses Leichengefolge aus allen Ständen legte von der allgemeinen Trauer Zeugniss ab. Als dagegen am Ende des Jahres die Leiche Holberg's von Kopenhagen nach Soröe zur Beisetzung gebracht wurde, bestand das ganze Trauergefolge aus den zwei Bauern, die den Leichenwagen fuhren.

Ungefähr fünfundzwanzig Jahre später Hess die Akademie von Soröe in der Stadtkirche über Holberg's Sarg ein von Wiedewelt ausgeführtes Denkmal errichten. Eine wirklich gute Statue von ihm ist in Dänemark niemals errichtet worden. Das einzige ihm würdige Denkmal, welches bis jetzt existirt, ist dasjenige, welches er sich selbst in der Dänischen Schaubühne geschaffen hat.

Man kann auf dieses Werk ein Wort anwenden, welches in einer andern Sprache über ein anderes Werk gesagt worden ist: In jedem Dänen und Norweger, der lesen lernt, gewinnen Holberg's Comödien einen Leser mehr.

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