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Menschen und Werke

Georg Brandes: Menschen und Werke - Kapitel 14
Quellenangabe
typeessay
authorGeorg Brandes
titleMenschen und Werke
publisherLiterarische Anstalt Rütten & Loening
year1894
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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12. Alexander L. Kielland.

(1883)

I.

Alexander Kielland hat einen in der Geschichte der neueren nordischen Litteratur beispiellosen Erfolg gehabt. Es sind nicht viele Jahre her, seit er aufgetreten; er machte schon mit seiner ersten kleinen Novellettensammlung viel Glück, und dieses Glück hat ihn seitdem nicht mehr verlassen, obgleich er eine reiche Produktivität entfaltet hat. Dies ist an und für sich in der Ordnung, denn mit Ausnahme des kleinen Bandes »Aus der Bühne« und einiger Kleinigkeiten unter den Novelletten stehen alle seine Arbeiten hoch; aber sein Glück ist nichtsdestoweniger eine Sache, die andere Ursachen als die Begabung hat, denn die allein genügt wahrhaftig nicht. Ein Franzose hat nicht ohne Grund das Talent cet empêche-tout, das stete Hinderniss auf dem Wege genannt.

Eine erste Ursache von Kielland's Erfolg ist die, dass das Publikum nicht Zeuge seiner Entwicklungs- und Lehrjahre gewesen; er hat nichts Naives oder Unreifes veröffentlicht. Der erste Eindruck, den ein Schriftsteller gemacht, ist immer mächtig, zuweilen unauslöschlich. Man fährt lange fort, in einer öffentlichen Persönlichkeit die Gestalt zu sehen, in der sie debutirte. Wie nach Beyle's Aeusserung ein Weib für seinen Verehrer stets das Alter hat, in dem er es zuerst sah, so sieht das Publikum ungereimt lange in einem Schriftsteller die halbwegs oder noch weniger fertige Persönlichkeit, die sich zuerst vor seinem Auge zeigte. Kielland war dreissig Jahre alt, als er auftrat und er lieferte nichts Unfertiges. Man hatte ihn nicht werden sehen – das allein war ein Prestige.

Von den neuesten nordischen Schriftstellern hatte nur J. P. Jacobsen so ausgeprägt, (in Wirklichkeit ausgeprägter) begonnen. Aber Jacobsen erforderte weit mehr litterarische Bildung, um verstanden zu werden, und er hatte, wie die meisten anderen Jüngeren, in einer Kampfzeit debutirt. Er hatte sich sein Publikum langsam zusammenlesen müssen, er sowohl wie andere Schriftsteller jener Periode, die sich unter den Augen des Publicums entwickelt haben. Jeder einzelne Schriftsteller der jüngeren Generation hatte sich gerade mühsam seinen Leserkreis gebildet, als Alexander Kielland auftrat. Er kam wie ein Erbe. Er übernahm mit seinen ersten Büchern das ganze Publikum, das erzogen worden, und diesmal, wie immer, siegte Alexander mit Philipp's Soldaten.

Dazu kam in Betreff Dänemarks, dass er Norweger war, nicht über dänische Verhältnisse schrieb, nicht durch Behandlung dänischer Stoffe Anstoss gab; und dass er Erfolg in Dänemark hatte, entschied auch sein Glück in Norwegen. Es nützt nämlich nichts, wenn die Norweger das leugnen; die Aufnahme eines norwegischen Buches in Dänemark ist zur Zeit entscheidend für seine Aufnahme in Norwegen. Ich sage damit durchaus nicht, dass dies Verhältniss Dänemarks grössere Urtheilskraft beweist, sage überhaupt nichts darüber, ob dies Verhältniss das gebührende sei, ich konstatire bloss das Faktische. Selbst Björnsons und Ibsens Dichterruf wurde in Dänemark begründet.

Eine Hauptursache, dass Kielland das Publikum so rasch eroberte, war der neue Ton, den er in der schönen Litteratur anschlug, der Weltton, der um so pikanter war, da er einen norwegischen Accent hatte und von Norwegen herüberklang, das man wegen vieler litterarischer Vorzüge gelobt hat, aber selten wegen seines Welttones. Von den norwegischen Dichtern hatte vielleicht bloss Welhaven diese Tonart angeschlagen, aber er war lyrischer Dichter, wenig ausserhalb Norwegens gelesen und längst vergessen. Nun ist es für ein Stadtpublikum immer schwer, einem Weltmanne in der Litteratur zu widerstehen, da in seinem Bewusstsein Weltton im Grunde das Ideal ist. Aber das Einnehmende, das Siegreiche an Kiellands Weltton war, dass er lauter Dinge in ihm vortrug, von denen »die Gesellschaft« früher nichts hatte hören wollen. Es war neu und neckisch, dass er der feinen Welt fürchterliche Spitzen in ihrer eigenen Gesellschaftssprache gab. Man war des alten Inhalts und des alten Respekts und all der artigen Poesie, die in Schafsmässigkeit ausgemündet, so satt. Man wollte andererseits aber auch von einer aus der Wissenschaft herausgeführten Opposition nichts wissen, angesichts welcher der ganze Vorstellungskreis, in dem man lebte, eng und dumm erschien; ebensowenig wollte man auf lyrisch verdammendes Pathos hören, auf lärmende Zigeunerlustigkeit und ungeschickten Künstlertrotz; hier bekam man einen Ersatz für die Gedanken und Stimmungen, deren man überdrüssig war, und er kam in geschliffenen Formen, ohne Tiefsinn, ohne Lyrik, ohne Pathos, ohne farbensatten beschreibenden Stil; er war witzig, und den Witzigen wird in den nordischen Hauptstädten Vieles, ja im Grunde Alles vergeben, wenn der Witz nicht direkt drohend ist, und das war er nicht hier.

In diesen Umständen: dass Kielland ohne Unfertigkeit begann, dass er ein von Anderen aufgezüchtetes Publikum als Erbe übernahm, dass seine Stoffe ausserhalb Dänemarks (und ausserhalb Deutschlands) lagen und dass er seinen geistigen Radikalismus in der Form des Welttons vorbrachte, hat man die Grundelemente seines Dichterglücks im Norden und im Ausland.

Er zeigte sich gleich im Besitz eines grossen Erzählertalents. Er wirkte durch seine Gedrängtheit, diese Haupteigenschaft des wirklichen Schriftstellers; er vermochte im kurzen, scharfen Riss bald eine bittere Lebenserfahrung oder überlegenen Spott niederzulegen, bald schmerzlichen, sehnsuchtsvollen, wehmüthigen, lustigen Stimmungen einen trotz der Kürze hinreichenden Ausdruck zu geben. Man erinnere sich der Wirkung, mit welcher am Schluss der »Schlacht von Waterloo« die Sehnsucht des jungen Mädchens nach dem Süden und der Freiheit fast mit Nichts gegeben, des Humors, mit dem in »Hoffnung ist grün« der unsäglich jämmerliche Studenten-Schwachkopf gezeichnet ist. Und welche ätzende Bitterkeit in den Schlussworten der »Welken Blätter«! Ein solcher Satz ist wie eine Essenz, in welche die Stimmungen vieler qualvoller Stunden zusammengedrängt sind.

Jemehr sein Talent sich nun entfaltete, auch in grösseren, schwierigeren Kompositionen, desto leichter wurde es, die Grundzüge und die ursprüngliche Methode desselben zu erkennen. Zu Anfang war der Geist dieses Schriftstellers augenscheinlich durch den Anblick und die Auffassung eines ganz einzelnen Gegensatzes, einer einfachen Lebensantithese geweckt worden, die in eine öfter wiederkehrende Antithese seiner Kunst überging. Es war der Gegensatz zwischen der Vorder- und der Rückseite des Lebens, zwischen der Wirklichkeit, wie sie sich vor den Augen der wohlhabenden und wohlgenährten Sorglosigkeit darstellt, und derselben Wirklichkeit, wie der sie sieht, dessen Blick zur Armuth mit all' ihrem Jammer, all' ihrer Verworfenheit, all' ihrer Verzweiflung, all' ihrem Hass gegen die Wohlhabenden hinabreicht.

Typisch für Kielland ist in dieser Hinsicht die Novellette »Volksfest«. Das junge, frohe Ehepaar sieht erst den Dorfjahrmarkt von der Vorderseite und erbaut sich an dem munteren, lebhaften, friedlichen Anblick; unmittelbar darauf sieht es denselben Jahrmarkt von der Rückseite, vom Weg hinter den Zelten aus und ist entsetzt über die geschminkte Noth und die pierrotgekleidete Rohheit.

Dasselbe Motiv ist in »Ballstimmung« variirt, wo der Vortrag, wenn man die Schlusspointe ausnimmt, leider einen Klang von altem Romanpathos hat. Es kommt dem jungen Attaché in seinem seligen Entzücken über die Pracht des Balls und die Schönheit einer Dame vor, als schaukele der Boden des Ballsaales unter ihrem Fuss; sie, die selbst ein armes Kind gewesen und unterwegs im Wagen den neidischen, hasserfüllten Blicken der umstehenden Menge begegnet ist, belehrt ihn, dass wenn die Diele zu schaukeln scheine, so sei es, weil sie unter dem Hass von Millionen zittere.

Die Antithese kehrt in »Siesta« zurück, einer Kleinigkeit, die übrigens zu Kielland's am wenigsten geglückten Erzählungen gehört, in welcher der Verfasser (wie z. B. in der Zeichnung des Deutschen) allzu sklavisch einer Tradition folgte, an die das nordische Publikum gewöhnt war. Das lustige, kosmopolitische Souper mit den schönen gefrässigen Kokotten wird von den Improvisationen des irischen Gastes auf dem Klavier unheimlich unterbrochen. Er spielt die Armuth, Irlands Hungersnoth, so herzergreifend, zuletzt so fürchterlich, dass die Gesellschaft ein ungekanntes Uebelbefinden fühlt und ihren Enthusiasmus verliert.

Das Motiv tritt in neuer Verkleidung als der Gegensatz zwischen der Vorstellung der reichen Grosshändlersfrau von Armuth und Wohlthätigkeit auf der einen Seite und ihren Erfahrungen im Armenquartier auf der anderen in der an Strindberg erinnernden Novelle »Ein gutes Gewissen« hervor. Das ganz neue Gesicht, das das Elend ihr plötzlich zeigt, wirkt versteinernd; das Geheul, das sie aus seinen Lungen hört, zerreisst ihre und des Lesers Illusionen und lässt eine weit tiefere Kluft in der Gesellschaft ahnen, als die »anständigen« Leute glauben oder zugeben wollen.

Eine Andeutung ist genug, um zu zeigen, wie ganz die grössere Erzählung »Else« sich um denselben Grundgegensatz dreht, und er enthält einen kaum weniger schneidenden Ausdruck in dem ausgezeichneten Kapitel von »Garman & Worse«, wo der Konsul und Marianne gleichzeitig begraben werden.

Nehmen wir nun die beiden Glieder der Antithese einzeln vor, so finden wir an Kielland in der Art, wie er rings umher in seinen Schriften das feinere Wohlleben schildert, etwas, das Vertrautheit damit, bis zu einem gewissen Grade Vorliebe dafür verräth; ja zuweilen wird Einem schwer, recht an seine Indignation darüber zu glauben; in der Art dagegen, wie die von der Gesellschaft stiefmütterlich Behandelten, die Verworfenen, dem gegenüber gestellt werden, liegt etwas Empörerisches, eine Neigung, Aergerniss zu erwecken, ein gewisser Trotz und viel Hohn. Obgleich Kielland etwas vom Hang der Romantik übrig hat, die unteren Klassen als aus herzensreineren und edlerdenkenden Menschen bestehend zu schildern, als die höheren, so zeichnet er doch die Armen mit ihren Lastern; aber er wirft alle wesentliche Schuld für die Lasterhaftigkeit unter ihnen auf die glücklich Gestellten, welche die Anderen Hunger und Noth leiden lassen, wenn sie sie nicht selbst verführen, verderben und noch dazu verdammen. Er ist in diesem Punkt, wie die übrigen norwegischen Schriftsteller, im höchsten Grade Gesellschaftsmoralist.

Man erhält also den Eindruck eines Schriftstellers, dessen Freisinn unbestreitbar, der jedoch radikal nicht durch Blut und Temperament, sondern aus Mitgefühl und kraft seines Lebens und Denkens ist. Er scheint, soweit man errathen kann, den Schlund zwischen denen, die es gut, und denen, die es schlecht haben, für unausfüllbar zu halten, er erwartet augenscheinlich nichts von Entsagung der Wohlhabenden und ist selbst kein Freund von Entsagung, sondern verherrlicht die Gesinnung, die sich der Nothleidenden annimmt, und bestrebt sich, sie durch seine Schriften hervorzurufen. Er ist also zugleich verfeinert in seinen Neigungen und moralisirend in seiner Tendenz, aristokratisch in seiner Haltung und seinem Weltton und volksthümlich aus Ueberzeugung und Prinzip. Was er in der Umgebung bekämpft, scheint er zuvor in sich selbst bekämpft zu haben.

Vielleicht beruht es hierauf, dass eine häufig wiederkehrende Gestalt bei ihm der von der Natur wohlausgerüstete junge Mann ist, der hübsch, stutzerhaft und guter Kopf genug ist um die Menschen für sich einzunehmen, ein Verlangen nach dem Echten und Geraden fühlt und doch zu genusssüchtig und zu frivol ist, um sich von der Welt des Scheins loszureissen, in der er sich wie der Fisch im Wasser wohl befindet. Skizzirt ist diese Gestalt als der junge, routinirte Dandy – in der reizenden Novellette »Im Pfarrhof« – der flüchtig von der kindlichen Reinheit des unschuldigen jungen Mädchens ergriffen wird. Reicher ausgeführt wird sie zu Alphonse in »Zwei Freunde«, jenem Liebling des Glücks und der Menschen, der gewöhnt ist, als Erster durch alle Thüren zu gehen, Dienste anzunehmen, verzärtelt und umhuldigt zu werden und der das ganze Wohlwollen eines liebenswürdigen Egoisten als Entgelt dafür anzubieten hat. Trotz aller seiner Vorzüge ist kein Halt in ihm und trotz aller seiner Fehler ist es unmöglich, ihm böse zu werden.

Kielland zieht diesen Charakter aufs Neue in »Garman & Worse« hervor. Da ist er Delphin. Er liebt Madeleine, weil er sich zu dem Frischen und Volksthümlichen hingezogen fühlt und er lässt sich doch in ein Liebesverhältniss mit Fanny ein, weil er dem Ueppigen, dem Glänzenden, dem Parfümirten nicht widerstehen kann. Er bereut zu spät, als er Madeleine's verlustig geht. Im Grunde ist kein grosser Unterschied zwischen dem jungen gefährlichen Delphin und dem alten Onkel Richard auf dem Pferd Don Juan. Onkel Richard ist Delphin, ein Menschenalter zurückversetzt, darum mehr aus Einem Guss, weniger unzufrieden mit sich selbst. In »Arbeitsleute« taucht die Gestalt von Neuem auf, diesmal runder, mit allen Seiten ihres Wesens ausgestattet: humoristisch überlegen über die Situation, in der sie als königlicher Beamter und Müssiggänger steht, unvergleichlich unverschämt gegen ihre Brüder in der bureaukratischen Vornehmheit, Besitzer des echten Christianiaschen Salonwitzes, beständig von Hilda Bennechen angezogen, weil das echt Menschliche, das sich hinter einem unansehnlichen Aeussern verbergen kann, stets Macht über ihn hat, beständig mit dem gemeinen Mann sympathisirend, weil er fühlt, wie viel Recht der gemeine Mann hat und wie wenig ihm eingeräumt wird, aber voll falscher Scham über die besten Regungen seines Herzens, so dass er weder das hässliche Mädchen, das er lieb hat, zu heirathen, noch die Partei des einfachen Volks zu ergreifen wagt, mit dem er fühlt.

Man erinnere sich noch der Variante Ferdinand in »Das Ganze ist ein Nichts« – ein kleines Proverbe, das trotz ein paar schrecklicher Seiten, in denen der Dialog aus lauter Citaten zusammengestückelt ist, seinen Werth hat. Hier ist der Held ein schöner geschmeidiger Bursche mit einem Anstrich ländlicher Eleganz, witzig bis an die Grenze der Plumpheit, zu marklos, das Leben zu ertragen, zu geistreich um recht ernst werden zu können, zu eifersüchtig auf seine Unabhängigkeit um sich Pflichten aufzuerlegen.

Man findet in den Werken vieler moderner Dichter Gestalten, die augenscheinlich dem persönlichen Ideal des Verfassers entsprechen. Sie geben idealisirte Schilderungen von ihm selbst; man sieht an solchen Erscheinungen wohl keineswegs was der Verfasser ist, sondern was er sein möchte, oder doch scheinen möchte, und man braucht da in der Regel nur eine kräftige Subtraktion vorzunehmen, um den Dichter hinter seiner Figur zu finden. Bei Kielland ist das Entgegengesetzte der Fall. Er scheint, gleichsam als Warnung vor sich selbst, beständig sein niedriges Ich skizziren zu müssen; er verfolgt es, wie Paludan-Müller das seinige in »Adam Homo« verfolgte; er schneidet beständig neue humoristische und karikirende Silhouetten nach dem Schatten, den sein Wesen wirft, und will man ihn selbst in seinem Werk finden, so ist man genöthigt, sowohl eine Reduktion, wie eine Addition vorzunehmen. In der Delphingestalt hat er dem Schattenbild Festigkeit gegeben und es in erfundene Situationen gestellt. Man hat hier die Schale seines Wesens, die Weltmannsschale; will man sein wahres Ich finden, so muss man die Schale mit ihrem Kern vervollständigen.

Er liebt es, seinen aristokratischen Gestalten gröbere Menschen gegenüberzustellen, die das Gegenstück zu ihnen bilden und sie ergänzen. Die Ersteren haben, was in Oehlenschlägers »Aladdin« als »jenes Aeusserliche, das man Glück nennt«, definirt wird, die Anderen haben den Fleiss, die Tüchtigkeit in demokratischen ungraziösen Formen – jene repräsentiren das Prinzip Garman, diese das Prinzip Worse.

Diese Prinzipien treten wie in einem ersten Entwurf schon in den »Zwei Freunden« hervor: Alphonse ist ein echter Garman, Charles ein echter Worse. Sie machen sich scharf und ausgeprägt geltend in den auf die Noveletten folgenden Romanen als Patrizierton und demokratische Tendenz. In enger unverbrüchlicher Kompagnieschaft geben sie dem Hause Alexander L. Kielland Glanz und Solidität.

II.

Kielland stammt von einem Geschlecht wohlhabender Kaufleute, die in langen Jahren in seiner Geburtsstadt Stavanger gelebt und gehandelt haben. Sie beherrschten die Stadt, theilten Geschäfte und Konsulate unter sich, waren unternehmend, einflussreich, umschmeichelt und beneidet in ihrer Eigenschaft als Provinzpotentaten. Kielland hat als Schriftsteller etwas von dem glücklichen Gleichgewicht, das eine solche Abstammung giebt. Durch seine Herkunft schien er vorherbestimmt, Kleinstadtmatador zu werden. Aber er ward am 18. Februar 1849 geboren, und ist man indiscret genug von seinem Geburtstag rückwärts zu rechnen, so sieht man, dass er augenscheinlich in seinem Ursprung von einem Zeitpunkt herstammt, der um den 17. Mai jenes schicksalsschwangeren Revolutionsjahres 1848 herum liegt. Der 17. Mai ist der norwegische Konstitutions- und Festtag. Die Astrologie wäre keine Wissenschaft, wenn sein Horoskop sich nicht aus dieser Konstellation von europäischer Revolution und norwegischer Freiheitsfestlichkeit stellen liesse.

Er hat ohne Zweifel tiefe Natureindrücke von der wilden Küste empfangen, an der er geboren wurde, von den malerischen Landschaften des Jäderen, mit denen er so vertraut ist, von dem rauhen, windigen Wetter, vom Meere, von Seefahrt und Fischerei – tiefere Eindrücke als von seinen juristischen Studien in Christiania und von seiner Wirksamkeit als Ziegeleibesitzer bei Stavanger, die ja übrigens das Gute mit sich brachte, dass er Menschen von anderen Gesellschaftsklassen als seiner eigenen kennen lernte. Erst als seine Sehnsucht, sich ausserhalb Norwegens umzusehen, – besonders durch einen längeren Aufenthalt in Paris – Nahrung erhalten hatte, bekam er Lust und Muth zu schreiben.

In den Jahren, die er droben in Stavanger als Ziegelbrenner verbrachte, hatte er angefangen, eine Menge zu lesen, doch nicht mehr, als dass man die Summe der Eindrücke berechnen kann, die ihn vorzugsweise als Geist und Schriftsteller beeinflussten.

Er hat als erklärter Bewunderer Heine's begonnen. Er hat, wie die meisten Jetztlebenden, für das Buch der Lieder und die Reisebilder geschwärmt, er hat Heine Zeile für Zeile gelesen und aus ihm den Radikalismus des jungen Deutschland eingesogen, an dem er festgehalten hat, wenn diese Gesinnung auch in ihm in anderen und weniger scharfen Formen zum Ausdruck kommt.

Nach Heine hat Kierkegaard die Herrschaft über seine Seele gehabt. Man spürt ihn stark in der Auffassung vom Wesen des Leidens, ich meine in dem Nachdruck, der auf die physischen Leiden, als die eigentlichen und tiefsten gelegt wird, in dem Selbsthass gegen das Aesthetische im Menschen, in der Festigkeit und Sicherheit, mit der ein ethischer Massstab angelegt wird, der zuweilen eher ein überlieferter, als ein vom Verfasser selbst justirter zu sein scheint, schliesslich in Kiellands tiefem Respect vor der Menschenliebe, die sich durch Opferbringen an den Tag legt, in seiner Sympathie für die Religiosität, die (wie Hauge's) ein Ausdruck der persönlichen Innerlichkeit und herzergreifenden Frömmigkeit ist, und endlich und am auffälligsten und deutlichsten in seiner Auffassung der Staatskirchen und ihrer Geistlichkeit.

In der Nähe ist dann Kielland von der Litteratur beeinflusst worden, die nach 1870 in Dänemark entsprang. Obgleich er niemals irgendwem nachgeahmt hat, so lebt und dichtet er doch aus Gedanken heraus, die in Dänemark gedacht worden; er ist näher mit seinen dänischen Zeitgenossen, als mit seinen norwegischen Vorgängern verwandt. Unter den Einflüssen, die über Dänemark sich stark auf Kielland geltend gemacht haben, genügt es, diejenige Stuart Mills zu nennen. Man fühlt Mills Einwirkung besonders in der Auffassung der gesellschaftlichen Stellung der Frau, die er durch seine Frauencharaktere an den Tag gelegt hat.

Hierzu kommt einige Beeinflussung durch die ausländische schöne Litteratur. Kielland hat nicht ohne Nutzen die modernen Franzosen gelesen; er hat die Ideen zu einer Familiengeschichte durch mehrere Bände von Balzac und Zola gewonnen, aber er hat in seiner norwegischen Natur weniger Affinität mit ihnen, als mit den etwas älteren Engländern; besonders hat Dickens bei ihm in die Tiefe gewirkt (ungefähr wie bei Daudet) und das augenscheinlich nicht blos durch seinen humoristischen Erzählerstil, sondern durch die Vorliebe, die er in seinen Romanen für die unteren Gesellschaftsklassen an den Tag legt, und durch sein grösseres Verständniss für die Tugenden der einfältigen Herzen als für die der reichentwickelten Persönlichkeiten. Man spürt an Dickens ein gewisses Misstrauen gegen den Nutzen vieler Kenntnisse, das nicht selten auch bei Kielland dem Leser begegnet.

Alle diese Einflüsse und Einwirkungen verschmolzen in seinem Geist, während er in Stavanger seine Ziegel brannte und verkaufte, und nachdem sie sein Gefühlsleben, seine Kindheits- und Familienerinnerungen genügend befruchtet hatten, wurden auf einmal beim Eintreten ins reifere Mannesalter sein Natursinn und seine Beobachtungsgabe produktiv, und es bedurfte nur einer Losreissung von den gewohnten Verhältnissen, nur der Aufmunterung und bereitwilligen Anerkennung, so war der Novelletten- und Roman Verfasser fertig.

Das Bewusstsein, aus dem heraus Kiellands Romane geschrieben sind, ein Bewusstsein, das man nirgends bei Björnson und Ibsen in ihren ersten Werken findet, ist, dass es ein Europa und ein achtzehntes Jahrhundert giebt. Er stellt von Anfang, vom ersten Abschnitt seiner ersten Novellette an allgemein europäische Sitten und Gebräuche den norwegischen gegenüber, und man fühlt ihm beständig an, dass die Lebensanschauung des neunzehnten Jahrhunderts in ihm der des achtzehnten gegenüber relativ geworden ist. Er sah von Anfang an mit historischem Blick auf die Generationenreihe, die er schildern wollte: die alte, etwas französirte rationalistische Generation, das orthodox-konservative Geschlecht der Zeitgenossen und die freidenkerische Jugend.

In seinem ersten Roman »Garman & Worse« hatte er die Absicht zwei Generationen einander gegenüberzustellen, wie z. B. Turgenjew in »Neuland« gethan. Es gelang nicht ganz, weil die einfachen Grundlinien des Plans wie überwuchert waren von dem Reichthum des Stoffs. Der Verfasser war noch zu jung und »Garman & Worse« sprudelte von Jugend über. Das Buch wird immer hoch stehen unter Kiellands Romanen, denn es war wie das erste Glas Champagner, das von selbst hervorsprudelt, wenn die Flasche geöffnet wird. Die späteren Gläser sind vielleicht ebenso gut, aber die schenkt man ein. Die Mängel des Buches waren Kiellands bleibende: allzu viele Personen; darum allzu oberflächliche und springende Psychologie. Kielland ist überhaupt mehr Physiognomiker als eigentlich Psycholog. Er giebt daher meisterlich, wie in »Schiffer Worse«, die Physiognomie eines alten Gartens, oder einer ganzen kleinen Stadt (5. Kap. des Buchs) indem er alle einzelnen Züge zu einem lebensvollen, markirten, ausdrucksvollen Bilde sammelt. Er ist wie die japanesischen Künstler ein Meister in der Wiedergabe des Aussehens eines Menschen oder Gegenstandes mit fünf Strichen, und er vermag ein Seelenleben, oder eine Seelengeschichte in erstaunlich raschem Aufriss zu geben; darum begann er auch mit Novelletten. Aber das Seelenleben, das zu tief oder zu verwickelt ist, um mit jenen fünf Strichen, oder Farbenklecksen gegeben zu werden, das liegt, oder lag wenigstens ursprünglich ausserhalb der Tragweite seiner Fähigkeiten. Sein Talent ist, anzudeuten, nicht auszuführen. Seine Devise ist die alte französische: »Glissez, n'appuiez pas!« Er hat deshalb kaum jemals Höheres erreicht, als in seiner kleinen Novelle »Karen«, einem Meisterwerk des andeutenden Stils. Wir erfahren direkt nicht das Geringste über Karen und ihr Seelenleben, aber durch die Art, wie das Lampenlicht sich in den königlich dänischen, rothen Tuchrock des Postillons verliebt und ihn in einen Purpurmantel verwandelt, ahnen wir, wie Karen sich in den schönen treulosen Kerl verliebt hat. Wir erfahren direkt nichts von Karens Selbstmord, aber durch die Betrachtungen des Fuchses über die unvermuthete und unbegreifliche Flucht des Hasen begreifen wir, was geschehen ist. Wo es dagegen nicht genügt, anzudeuten, wo es sich um Vertiefung handelt, wo das Rechte wäre, wie Hamlet immer eine Elle tiefer graben zu können, als die Andern, da reichen Kiellands Talent und Stil nicht aus.

Hierauf beruht es, dass der ausserordentliche Muth, mit dem Kielland einen Stoff ergreift und sich zurechtlegt, nicht von einer entsprechenden Kühnheit in der Ausmalung begleitet ist.

Kiellands zweiter Roman »Arbeitsleute« hatte in seinem Plan verschiedene Momente zu deren Hervorziehen ein echter Künstlermuth gehörte, so Christinens Krankheit und das Verhältniss des Staatsraths zu seinem Fräulein Nielsen. Bewunderungswürdig ist besonders die Kühnheit und der Takt, womit Christinens Geschichte erzählt ist. Aber Kielland hat nur den Muth zu seiner Wirklichkeitstreue unter der Bedingung, dass er sie nicht lange zu nähren braucht. Er hat das Bedürfniss, so rasch wie möglich abzuspringen; er deutet das Schlimmste an und schweigt. Kielland lässt z. B., so unwahrscheinlich das ist, Christine an ihrer Krankheit sterben; er darf der Wirklichkeit nicht so lange in die Augen sehen, dass er sie mit ihrer Krankheit leben lässt. Ebenso deutet er das Verhältniss zwischen dem Staatsrath und Fräulein Eveline blos an; aber nicht ein einziges Mal sehen wir den Staatsrath bei ihr. Kielland vertraut uns flüsternd, dass ein Thier im Menschen lebt, aber er zeigt uns das Thier nicht, will es uns nicht zeigen; dazu hat er zuviel von dem feinen Mann an sich, der sich nicht damit abgiebt, Thiere vorzuzeigen, und zu wenig von dem Künstler, der von seiner Vision besessen ist und sie mit künstlerischer Rücksichtslosigkeit ausmalen muss.

War am meisten Jugend in »Garman & Worse«, so war am meisten Leidenschaft in »Arbeitsleute« und »Else«. In »Schiffer Worse« ist am meisten Würde, Reife und Ruhe. Die anderen Bücher hat Kielland schreiben müssen, dieses hat er schreiben wollen. Es zeichnet sich vorzugsweise in einem einzelnen Punkte vortheilhaft von den andern aus, und dieser Punkt ist, dass dies Buch deutlich genug das erste ist, zu dem Kielland mehrere Vorstudien gemacht hat. Man erräth hinter dem Werk das Bestreben, einem Seelenleben, das dem Verfasser fremd war, dem der Haugianer, bis auf den Grund zu gehen. Das ist ein grosser Fortschritt; denn das Studium ist für Kielland der zu betretende Weg. Er ist hier dem Drang gefolgt, nicht bei seinem ersten, unmittelbaren Blick auf die Dinge stehen zu bleiben, sondern seine Verfahrungsweise zu modificiren und sein Gebiet zu erweitern – ein echt künstlerischer Drang. Denn der ist kein Künstler, der nicht den Trieb nach Selbsterneuerung fühlt, und man ist nur Künstler, so lange man ihn hat. Kraft dieses Studiums ist es Kielland geglückt, ein lebendiges und unparteiisches Bild vom Leben und Thun religiöser Sektirer zu geben; es war ein kleiner Triumph für ihn, dass das Publikum ihn dessen nicht für fähig gehalten und froh überrascht wurde. Leider hatte er noch nicht den rechten Griff, seine Studien so zu benutzen, dass man sie nicht als solche spürt. Er hat allzu viele und zu lange Citate, und die gewählten Citate sind nicht charakteristisch genug; er hätte besser daran gethan, sie selbst zu schreiben, statt sie als unverarbeitete Wirklichkeit aus Gebet- und Andachtsbüchern zu nehmen; nun stehen sie sonderbar hart und unverdaut im Texte.

Obgleich er in diesem Buch sich mehr als jemals concentrirt hat – es enthält weniger Personen und man erfährt mehr von ihnen – so wäre es doch richtiger gewesen, wenn Kielland die Concentration so viel weiter geführt, dass die Hauptperson des Buches deutlicher und voller hervorgetreten wäre. Die Hauptperson ist ja nämlich nicht der Schiffer Worse des Titels, sondern der »Held«, Hans Nielsen Fennefos. Es ist eine schöne Gestalt, aber so idealisirt, dass ich meines Theils einige Zweifel hege, ob man sie wahr nennen kann. Dieser junge, kräftige, begeisterte Bauer und Laienprediger, der über die einzige Versuchung seines Lebens ohne andere Veränderung in seinem Wesen wegkommt, als die, dass er doppelt streng gegen sich selbst und Andere wird – er kommt mir unvollständig vor. Ich glaube nicht an ihn, und ist er wirklich, so sehe ich nicht mit den Augen des Verfassers auf ihn; ich lege seiner sexuellen Reinheit nicht denselben Werth und dasselbe Gewicht bei, wie der Verfasser. Dass er sein Liebesverhältniss zu Sara abbricht, sobald es ihm bewusst wird, ist ganz sicher korrekt und eine Consequenz seines Charakters. Aber dass er ohne Schwanken den Bruch offen erhält, dass er sie verlässt, selbst nachdem sie Wittwe geworden, das scheint mir mehr logisch als psychologisch. Das schmeckt nach einer Consequenzmacherei, die das Publikum nun einmal gewohnt ist, von seinen Romanen zu verlangen, der aber ein Schriftsteller von Kiellands Rang nicht entgegenkommen sollte. Das Leben ist nicht so regelrecht; seine Linie folgt nicht dem Lineal, auch nicht dem moralischen Lineal; es ist eine Wellenlinie. Der Mensch ist auch als Laienprediger eine zusammengesetztere Maschine als bei Kielland.

Es ist Grund vorhanden, einen Augenblick an diesem kitzlichen Punkt zu verweilen, weil wir sonst, ehe wir uns dessen versehen, dahin gelangen, dass es einen ebenso grossen Abstand zwischen der privaten und der dichterischen Auffassung des Menschenlebens bei den modernen Schriftstellern giebt, wie der war, über den wir uns so lange bei den romantischen geärgert haben. Wenn nicht die nordischen besten Dichter einmal den Muth zu einem energischen Bruch mit dieser alten Convenienz finden, wird unsere skandinavische Romanlitteratur sich nie sonderlich über den Standpunkt der englischen Damenromane erheben. Typisch für die Verzagtheit in diesem Punkt ist Björnsons Schilderung des Ehemanns in »Magnhild«. Kielland ist nun ganz gewiss viel kühner als Björnson, aber auch er ist verzagt, oder richtiger: der Druck der Opinion ist in den nordischen Ländern hier so stark, dass ein Schriftsteller die Feder ergreifen kann, mit der besten Absicht, ehrlich sein zu wollen – er schreibt doch nolens volens etwas Anderes, als ihm vorschwebte. Die Versuchung und Neigung, die Schamhaftigkeit des Publikums und der Journalisten nicht in Harnisch zu bringen ist so stark, dass sie die Feder zurückhält. Aber es ist nothwendig, einmal auf die Gefahr aufmerksam zu machen, und die Gefahr besteht darin, dass der himmelweite Unterschied zwischen einem Dichter und einem Unterhaltungsschriftsteller in Vergessenheit geräth. Es ist natürlich, dass gewisse Ausschläge des französischen Naturalismus die nordischen Dichter bedenklich gemacht haben, aber es ist ein Graben auf jeder Seite des Weges.

Uebrigens ist nur Gutes von Kielland's Roman »Schiffer Worse« zu sagen. Die Beschreibungen und die Charakterzeichnungen stehen auf gleicher Höhe. Die Beschreibung der Stadt Stavanger ist vielleicht das Beste im Buch, und in ihr ist wieder ein solcher kleiner Zug, wie die Begegnung zwischen dem Gymnasiasten und den Mädchen, die die Fische auskehlen, eine Perle.

Aufrichtigste Bewunderung verdienen die wichtigsten Charaktere in »Schiffer Worse«, Sara und der Schiffer. Sie sind vortrefflich und wahr. Sie sind ausserdem in Kiellands Schriftstellerwirksamkeit epochemachend, denn sie sind die ersten, in denen er eine Charakterzeichnung durchgeführt hat. Dass er von der Auffassung und Darstellung eines Charakters als von etwas Gegebenem und Festem, sich zur Darstellung seiner gradweisen Verwandlung erhoben hat, ist der Hauptfortschritt in diesem Romane, der auf die Entwicklungsmöglichkeit bei Kielland selbst hindeutet.

Auf der Tüchtigkeitsstufe, die er zur Zeit einnimmt, ist er in der nordischen Gesellschaft eine litterarische Macht ersten Ranges. Seine Kühnheit, die so vertrauenerweckend ist, weil sie von der männlichen Festigkeit des Charakters getragen wird, gewann ihm von Anfang an zahlreiche Bewunderer und Freunde. Sie sahen und applaudirten in ihm den Combattanten. Seine seelenvolle Humanität, seine wahre und gefühlte Toleranz gewann ihm die Herzen, die sein Witz allein nicht klopfen machte. Auch ausserhalb des Nordens hat er einen zahlreichen und aufmerksamen Leserkreis. In den grösseren und kleineren Städten Deutschlands giebt es Viele, die mit Begierde nach jedem neuen Buch von Kielland greifen, und ich habe einige der kunstverständigsten Männer Deutschlands ihn an die Seite Alphonse Daudet's, ja sogar über Daudet setzen hören. Er ist von Natur kaum weniger begabt als der weltberühmte Franzose. Dieser hat in der Hauptsache nur die so viel interessantere Stoffwelt vor Kielland voraus. Aber wäre Daudet der Romanverfasser geworden, als den ihn Alle kennen, wenn es ihm eingefallen wäre, sich in seiner kleinen Geburtsstadt in der Provence niederzulassen, statt nach Paris zu ziehen?

III.

Die Hauptperson in »Gift« ist ein junger norwegischer Schulknabe, Abraham Löwdahl. Der Verfasser hat seinen Blick über die Generation hinschweifen lassen, der er selbst angehört, und nachdem sein Auge diese weiten Felder von Unmännlichkeit, diese Steppen von geistiger Dürre, diese ungeheuren Flächen von Unselbständigkeit durchwandert, hat er sich selbst die Frage gestellt: Wie kann ein ganzes Geschlecht so werden? Wie kann es in dem Grade gelingen, alles Fruchtbare und Hervorragende schon im ersten Keime zu knicken? Und er hat sich ein Bild von der Werdegeschichte dieser Generation gemacht und Abraham Löwdahl's Elternhaus und Schulleben geschildert, um uns zu zeigen, von was für einer Art Filtern die Glücklichgestellten und Bestveranlagten in dieser Generation abstammen und was für eine Erziehung sie in Schule und Heim erhalten haben – ein ebenso ausgezeichnetes, wie einfaches Thema.

Wir sehen erst das Kind umhergeführt auf der grossen dürren Kenntnisswiese mit demselben magern Futter für Alle, sehen es erzogen werden mit mechanischem Auswendiglernen, mit unfruchtbaren Kenntnissen zu todten Dingen und Personen, mit Unwissenheit über das lebendige Leben und Geringschätzung gegen dasselbe, mit Vorstellungen einer privilegirten Stellung kraft dieser so sehr zweifelhaften Bildung. Wir sehen den Hochmuth sich im selben Grade entwickeln, wie die Fragelust erstickt wird. »Es ist eine harte Zeit«, heisst es im Roman, »die vom vierzehnten zum fünfzehnten Jahr. Die Augen offen ..., erwachende Fähigkeit und Wille, Alles zu verstehen, ein flammender Drang die Welt zu erobern und was hinter der Welt ist und was hinter dem Dahinter ist – und nichts als Staub! uralter, extrafeiner Staub, niederrieselnd in jede Pore, hingeweht über jede sprossende Frage!« ... Es ist der ganze Unterricht der gelehrten Schule, der in diesem Licht gesehen wird, doch die Spitze der Angriffe ist gegen den Lateinunterricht gewendet und ich glaube, dass Kielland hier richtig gezielt und gut getroffen hat.

Ist das Gehirn des Kindes nun vorläufig mit Vocabeln und Regeln und Namen vernagelt, so entfaltet die Schulzucht in der schlechten Schule ihre Wirksamkeit. Wir sehen, wie sie im Verein mit dem Einfluss des Hauses nach und nach die individuelle Urtheils- und Widerstandskraft ausrottet, das frische, unmittelbare Gerechtigkeitsgefühl mit der Wurzel ausreisst, auf den charakterlosen Fleiss Prämien setzt, den Jüngling aus aller Kraft in Gehorsam und Correctheit treibt und mit ihrer Aufgabe erst ganz fertig ist, wenn der letzte Funke von Trotz erloschen. Der Jüngling hat gelernt, sich dessen zu schämen, was in seinem Seelenleben nicht uniformirt ist, gelernt, sich danach zu sehnen, wie die Anderen zu sein. Stück für Stück werden die Vorsätze seines Kindheitslebens und die Ideale seiner Knabenjahre niedergebrochen und der Erde gleich gemacht.

Ist der Fünfzehnjährige endlich so weit, dann tritt – wie Kielland zeigt – noch eine Macht hinzu und streut Salz auf die Ruine seiner geistigen Selbständigkeit. Das ist der Katechismusunterricht mit seinem barbarischen Aufsagen, der in dem leichtsinnig und theatralisch, aber doch widerstrebend, abgegebenen Confirmationsgelübde gipfelt.

Nun steht die Persönlichkeit in ihrer ganzen Anlage fix und fertig vor uns, bereit, ein Bureaukrat von untadelhafter Correctheit, oder ein Fabrikant zu werden, der seinen Betrieb dadurch stützt, dass er mit allen guten Mächten der Gesellschaft geht. Und Kielland fügt nun noch den einen, in Wahrheit genialen Zug hinzu, der übrigens leider nur angedeutet, nicht ausgeführt ist: Als der Trotz des Jünglings gebrochen ist, verschwindet er nicht spurlos; denn so verschwindet nichts. Was in der frühesten Jugend noch Kraft, Vorsätze, Oppositionsgeist gegen das Officielle, Anlauf zu uneigennütziger That war, das verwandelt sich auf echt nordische Art in ohnmächtiges Hohnlächeln, in matten Spott, in jenes Belächeln und Bewitzeln, das in der officiellen Sprache der ausserordentliche und hoch entwickelte Sinn für das Komische in den nordischen Ländern genannt wird. Dieser gelobte Sinn für das Lächerliche ist bekanntlich in der Regel nur das Versteck und die Waffe der Ohnmacht. Man lacht theilweise über das, worüber man nicht lachen sollte – um sich den Schein der Ueberlegenheit zu geben – theils über das, was man niederschlagen sollte; im letzteren Fall ist die Spitzigkeit und Witzigkeit der befreiende Knips, den man in der Tasche schlägt. Hat man gelacht, so hat man immer den Eindruck, dass man eine gewisse Opposition gemacht und eine gewisse Selbständigkeit an den Tag gelegt hat.

Was wir bei Kielland überblicken, ist also der zeitig begonnene und rasch beendete Bildungsprocess, durch den ein braver und tüchtiger Knabe in eins der Normalexemplare der höheren Klassen verwandelt wird. Wie wahr ist dieses Lebensbild! Wer kennt es nicht aus dem privaten und öffentlichen Leben! Wie typisch ist nicht dieser Process! Es giebt keinen, von dem ein Mann im Norden so häufig Zeuge gewesen wäre. Im Gesellschaftsleben, in der Litteratur, im politischen Leben.

Im Gesellschaftsleben begegnen wir dem jungen Mann, der wie der Student in Kielland's »Ein Mittag« in glühenden Worten davon redet, dass für ihn »Recht immer Recht sein solle«, der von dem Respect für die Wahrheit spricht, »woher sie auch kommt«. Der Adjunkt, der die Welt und die Menschen kennt, sagt kaltsinnig: »Ja, ja, das ist Alles ganz gut; aber wartet nur; ich behalte doch Recht; er wird noch gerade so wie die Anderen.« Und der Adjunkt behält Recht.

In der Litteratur tritt der junge Schriftsteller mit der Unbändigkeit der Jugend und der Unerfahrenheit des Idealismus hervor. Dann beginnt die Erziehung Abraham Löwdahl's. Jedesmal, wenn er etwas Muthiges schreibt, wird es Machwerk genannt; so oft er etwas Farbloses schreibt, wird es gelobt; begeht er endlich etwas Charakterloses oder Niedriges, so ist des officiellen Entzückens kein Ende; ewige Aufmunterung jeder Schwäche, ununterbrochenes Anspornen zur Verrätherei gegen das, was ihm am heiligsten sein müsste; wenn er endlich keinen Funken des heiligen Feuers mehr in seiner Seele übrig hat, so ist Alles gut; er wird von der feinen und guten Gesellschaft acceptirt, er ist »gerade so wie die Anderen« geworden.

Was endlich die Confirmationsvorbereitung zur politischen Rechtgläubigkeit angeht, so pflegt sie sich sehr rasch zu vollziehen. Man ist so gewohnt, Leute, die grosse Gelöbnisse als Männer der Opposition gegeben, im Handumdrehen in Confirmanden verwandelt zu sehen, dass nichts mehr überrascht. Das Gelübde wird auf der Wahltribüne abgelegt, ebenso wie das andere Gelübde im Grunde widerstrebend, aber leichtsinnig und theatralisch.

Es ist etwas Allgemeingiltiges, Adam-Homo-Artiges an dem jungen Herrn Abraham Löwdahl. Wie wir ihm im Roman begegnen, ist er von Anfang an ungewöhnlich glücklich gestellt, da er eine ausgezeichnete Mutter hat. Aber er erbt ihre Gesinnung nicht, oder nimmt sie wenigstens nicht in das Mannesalter hinüber. Das ist seine eigene Schuld, insofern er nach und nach allzu verschüchtert und feig wird, um dem Druck der ihn umgebenden Welt, besonders dem des weltklugen und, nach kleinen Verhältnissen, begabten Vaters widerstehen zu können; und es ist der Mutter Schuld, insofern sie, die sich dem Augenblick genähert hat, wo sie, gerade am kritischen Zeitpunkt im Leben des Sohnes, ihren Mann durchschaut, stark von einem anderen Mann in Anspruch genommen ist, der, wie untergeordnet er auch als Charakter sei, sie durch eine gewisse Gemeinschaft der Ansichten und eine anscheinende Kühnheit und Vorurtheilslosigkeit gewinnt; es ist schliesslich keines Einzelnen, sondern die Schuld des öffentlichen Zustandes, wie Kielland ihn schildert, eines Zustandes, so schlaff und dumm, pharisäisch und verheuchelt, dass die Besten sich isolirt, von allen Seiten im Stich gelassen fühlen. Durch die unvermeidliche Berührung mit der ansteckenden Schwachheit der Anderen besudelt, empfinden sie sich in den entscheidenden Augenblicken so unnütz, so verzweifelt befleckt, so fertig mit sich selbst und Allem, dass es ihnen ist, als wären alle Meerstrassen geschlossen und kein anderer Ausweg übrig, als der letzte.

Es ist ein schneidender Kummer in einer solchen Schilderung. Es ist dieselbe Stimmung in ihr, die in den »Stützen der Gesellschaft« von Ibsen, den »Jungen Tagen« von Schandorph, den »Arbeitsleuten« von Kielland die Besten nach dem fernen Westen auswandern liess, welche hier die einzige reine und strenge Gestalt in der kleinen Gesellschaft sich hinüberretten lässt in das dunkle Jenseits. Sie ist die Ueberwundene, die sich verloren giebt. Ueber ihrem Grabe bläst das grosse, ineinandergeknetete Philisterium, das sie zu Grunde gerichtet, seinen Trauer- und Siegeschoral. Es hat bei dieser Gelegenheit wieder die Fähigkeit seines kräftigen Organismus bewiesen, allen Krankheitsstoff auszustossen, der ihm ein Pfahl im Fleisch und ein Dorn im Auge ist.

Sie war kein grosses Weib, die arme Frau Wenche, kein »Eisen« und kein Genie, aber sie war, wie der Typus der frischen, wahrheitsliebenden Frauen im Norden ist, ernst in ihrem Gefühlsleben, auf dem rechten Weg in ihrem Gedankenleben, arm an Kenntnissen und unsicher in ihrem Raisonnement. Sie war dem ausgesetzt, sich zu einem Manne hingezogen zu fühlen, der viel geringer als sie selbst war, weil sie in den kleinen norwegischen Städten, die sie kannte, nie einen anderen, geschweige denn einen besseren Alliirten gefunden, als diesen Herrn Mordtmann. Sie war eine Phantastin in ihrem Verhältnisse zu diesem Mann. Als die Phantasterei zerreisst, nimmt sie sich das Leben. Und sie nimmt sich das Leben, wie man es in der Regel thut, aus Mangel an Phantasie. Ihre Phantasie zeigt ihr kein anderes Mittel, sich von ihrer Qual zu befreien, als dieses eine. Auch dieser Zug hat eine tiefe Wahrheit. Die Erklärung der ungeheuren Zahl von Selbstmorden in den nordischen Ländern dürfte die sein, dass diese kleinen Gesellschaften zugleich überaus phantastisch und überaus phantasielos sind. Phantasterei und Phantasielosigkeit im Verein erzeugen Selbstaufgeben.

Abraham Löwdahl hat in der Schule einen Freund gehabt, der ihn bewunderte und dessen Beschützer er als Entgelt war, einen armen kleinen Bastard, der den kriegerischen und römischen Namen Marius führte und den der gelehrte Unterricht, Mathematik und Latein, um Verstand und Leben bringt. Alles, was in Abrahams Gemüth an uneigennütziger Hingabe und an Trieb, sich der Kleinen und Schwachen in Vertheidigung anzunehmen, vorhanden war, kommt im Verhältniss zu diesem Freund zum Ausbruch. Seinetwegen vergisst Abraham sich einem Lehrer gegenüber und bricht (übrigens bei einer allzu unbedeutenden Gelegenheit und auf eine zu geringfügige Art) die Disciplin der Schule. Als Marius stirbt, stirbt mit ihm das Gefühl der Knabenritterlichkeit in Abrahams Gemüth; und als Frau Wenche nicht lange danach die Giftflasche leert, nimmt sie Alles, was an Hochherzigkeit und Wahrheitstreue im Sinne des Sohnes übrig war, mit sich ins Grab. Ihr Tod gehört organisch mit in das Buch, dessen Held Abraham ist, denn mit ihr stirbt alles Beste in ihm.

»Gift« ist ein wahres Buch, an einzelnen Stellen tief in seinem Gedankengang, und es ist im Grossen und Ganzen untadelhaft geschrieben. Es fehlt weder an Witz in den humoristischen Abschnitten, noch an Feinheit und Geist in den letzten schwerernsten Partien. Die Erzählertechnik ist hier sehr entwickelt; mit sicherer Gewandtheit hat Kielland überall, für den Leser unmerkbar, verstanden, auf einigen wenigen Seiten in den Einschlag der Erzählung Alles hineinzuweben, was für die Vorgeschichte der Personen nöthig war.

Aber eine Einwendung ist doch gegen den Bau des Romans zu machen.

Das Buch schliesst sich nicht genug zusammen. Es enthält zwar nicht wie »Schiffer Worse« ein Kapitel, dessen einzige Bestimmung es ist, die Brücke zu einem andern Roman zu schlagen, aber es ist gleichwohl nicht so einfach und kräftig componirt, wie es »Schiffer Worse« war. Das beruht, wie mir scheinen will, darauf, dass die nordischen Dichter überhaupt nicht hinreichend künstlerisch beim Anlegen ihrer Bücher zu Werk gehen. Sie opfern selten oder nie für die Einheit des Buches eine Partie, die aus dem einen oder andern Grund auszuführen sie amüsiren könnte. Daraus entspringt nicht selten eine gewisse Unproportionirtheit im Bau der Erzählung. Hier breiten sich anfangs die Schulscenen, besonders die, welche den kleinen Marius zum Mittelpunkt haben, so stark aus, als wäre Marius die Hauptperson des Buches und als wäre ihm eine ganz andere Zukunft vorbehalten, als die an Gehirnentzündung zu sterben. Ein langes Gespräch über Schulwesen, welches das ganze vierte Kapitel ausfüllt, ist auch im Verhältniss zu seiner Unterhaltsamkeit recht breit.

Doch was sich gegen diese Partie anführen lässt, sind nicht allein die Bedenken hinsichtlich der Länge und Breite; es wäre vortheilhafter in Betreff der Idee des Buches gewesen, wenn dies Gespräch und das fünfte Kapitel über die Eulen und über das Latein, das sich daran schliesst, dem Roman mehr Perspective gegeben hätte durch eine gedankenreichere und tiefergehende Auffassung der pädagogischen Bedeutung, welche der Lateinunterricht von ehemals hatte und jetzt noch hat.

Es ist wahr, die Rolle, die der Lateinunterricht in unseren Tagen spielt, ist in der Regel viel zu gross. Er ist ein Ueberrest der Kultur älterer Zeiten, der nicht auf die Dauer stehen bleiben und anderen, nützlicheren Kenntnissen den Platz wegnehmen darf, seien sie nun von ideeller oder praktischer Art. Man kann nur lächeln, wenn man die Argumente hört, mit denen der Lateinunterricht heutzutage vertheidigt wird, das Argument von dem Verstandbildenden an der lateinischen Grammatik, oder das andere von der Erleichterung, die das Latein dem gewährt, der von dieser Sprache zu dem Italienischen oder Spanischen übergehen will. Als ob Einer von Hunderten dazu käme, Italienisch oder Spanisch zu lernen, und als ob es nicht besser wäre, sich gleich eine dieser lebenden Sprachen bis zur Vollendung anzueignen. Wahrlich, nicht mit solchen kümmerlichen Argumenten vertheidigte ein Gelehrter zur Reformationszeit oder während der Renaissance das Lateinstudium. Er betonte mit Recht dessen Unentbehrlichkeit, weil Latein die Universalsprache der Bildung war, die Sprache, in der sozusagen alle bekannte zeitgenössische und ältere Kultur vorlag. Man vermisst bei Kielland einen Eindruck davon, ein Verständniss, wie bedeutungsvoll und reich die Bildung gewesen, deren einziges Organ einmal das Latein war, eine Einräumung davon, dass wir nicht geradezu von Absurditäten, sondern von einem Erbe leben. Wenn man sein Eulenkapitel liest, in dem schon zur Zeit der ersten Mönche der bleiche Mann seine Stirn »an der dunklen Stelle im Tacitus« reibt, so nimmt sich das aus, als sei das Lateinstudium auch im Mittelalter schon eine philologische Pedanterie gewesen. Kielland übersieht ganz die Bedeutung davon, dass allein durch diese Sprache Männer, die im orthodoxen Christenthum erzogen waren, die Philosophie des Alterthums kennen lernten, dass Männer, die in orthodoxer Moral erzogen waren und unter einer rechtlosen Tyrannei lebten, durch sie allein von den Thaten der grossen Heiden unter den Republiken des Alterthums erfuhren. Die Auffassung Kielland's hat einen Beigeschmack von Amerikanismus, der mir persönlich keine Sympathie einflösst. Es nimmt sich aus, als erkenne er keine andere Erziehung, als die utilitaristische an. Ich glaube, sein Buch hätte noch stärker gewirkt, falls er dem Studium der klassischen Sprachen mehr Vernunft zugestanden und seine Angriffe auf den Madvigianismus allein gerichtet hätte. Es muss sich doch ein Mittelweg zwischen Amerikanismus und Madvigianismus finden lassen.

Es lässt sich noch eine kleine Einwendung gegen die Schreibweise machen. Kielland ist mit seinem fast englischen Stil ein Erzähler ersten Ranges, kein Schilderer. Zu einer Zeit, wo die beschreibende Darstellung so stark um sich gegriffen hat, dass man seitenlang vom Spielen der Sonnenstrahlen auf ein paar Fortepianobeinen lesen muss, ist es im höchsten Grade wohlthuend, einem Schriftsteller zu begegnen, der gerade auf die Sache losgeht, die er dargestellt haben will, und mit Gemüthsruhe alle Nippesgegenstände auf einer Etagere in der Ecke überspringt. Aber Kielland ist auf mehreren Stellen allzu wenig Maler, so wenig, dass man die Scene, von der er erzählt, gar nicht vor sich zu sehen vermag. Wenn der Tod des kleinen Marius so geringen Eindruck macht, wenn er so dürr und tendenziös wirkt, dass man im Grunde gar nicht an ihn glaubt, so beruht das zu einem wesentlichen Theil darauf, dass er wie ein logisches Resultat, ein mathematisches Facit mitgetheilt wird. Man sieht das Zimmer nicht vor sich, in dem der kleine Marius stirbt. Wir brauchen das nicht Zug für Zug ausgepinselt zu haben, aber wir müssen es sehen; nun geht Marius' Tod in dem abstrakten Raum vor sich, und wir haben weder einen Eindruck des Lichts, noch der Luft, noch der Physiognomien in diesem abstrakten Raum.

Man findet es zuweilen als eine Partei- oder Schulerscheinung bezeichnet, dass nordische Bücher unserer Tage sich so häufig angreifend verhalten. Sie werden von Unzufriedenheit mit der Gesellschaftsordnung, wie sie ist, getragen und sie erwecken Unzufriedenheit mit ihr. Zufriedene Leute sehen hierin nur eine Mode wie die, sein Haar à la malcontent zu tragen. Es ist indessen nichts Zufälliges in dem negativen Gepräge, das die gute nordische Poesie des letzten Jahrzehnts gehabt. In unseren Tagen wird mit Nothwendigkeit alle Dichtung im Norden, die gesunde Lebenskraft in sich hat, gesellschaftskritisch werden. Was von idyllischer Litteratur, d. h. von Litteratur, in der sich keine Unzufriedenheit mit dem Bestehenden spüren lässt, erscheint, wird unumgänglich eine Poesie sein, die auf Reminiscenzen der alten Weltauffassung und der Kunst einer älteren Zeit erbaut ist, deren Auflösung wir erleben.

Die Ursache ist einfach: alle Kunst ist der Ausdruck einer Lebensanschauung. Je stärker und voller die Uebereinstimmung zwischen der Lebensanschauung des Künstlers und der ihn umgebenden Gesellschaft ist, desto harmonischer wird er scheinen oder sein. Aber man lebt augenblicklich im Norden in einer Periode, in der ein fast schreiender Gegensatz zwischen der theologisch-pädagogisch-politischen Grundanschauung, auf der die officielle Gesellschaft ruht, und der Weltbetrachtung besteht, die fortgeschrittene Geister sich angeeignet haben. Daher der Conflict zwischen der Litteratur und der Gesellschaft. Was in der nordischen Litteratur heutzutage idyllisch ist, was, nachdem es seine Waffen niedergelegt, mit wehenden Fahnen und voller Musik aufzieht, das wird in der Regel nur das sein, was mit der Vergangenheit kapitulirt hat. Die wirklich lebendige Litteratur ätzt und zehrt vor unseren Augen ein Bruchstück nach dem andern von der Lebensanschauung weg, auf deren Grund die Poesie der Vorzeit ihre leichten, hellen Festsäle aufführte. Die neue Litteratur fragt sich vorwärts, gräbt sich vorwärts. Die Probleme, die sie wie Maulwurfshügel aufwirft, verrathen ihre unterminirende Arbeit. Erst wenn eine neue positive Weltanschauung, die, welche man jetzt tastend mit Namen wie Humanismus oder Naturverehrung zu bezeichnen sucht, als Macht in der nordischen Gesellschaft anerkannt ist und die Staats- und Gesellschaftsformen mit ihrem Freiheitsgeist durchdrungen hat, erst dann wird wieder eine Poesie erstehen können, die harmonisch ohne Süsslichkeit und lebensfroh ohne Geistlosigkeit und Flachheit ist.

IV.

(1891)

Die Romane Alexander Kiellands sind bisher zu gleicher Zeit, wie sie in Kopenhagen herausgegeben wurden, in deutscher Sprache in der »Deutschen Rundschau« erschienen. Mit seiner letzten Erzählung »Jacob« ist dies nicht der Fall. Vielleicht ist der Roman der immer etwas concilianten Zeitschrift zu scharf und angreifend, zu pessimistisch vorgekommen, vielleicht hat man gefunden, dass er auf deutsche Verhältnisse nicht passe. Jedenfalls ist der hier geschilderte Zustand specifisch nordisch.

Die Erzählung theilt uns mit, wie ein junger Bauer, der vom Lande in die Stadt eingewandert ist, mit seinem Wolfshunger nach Gold und jeglicher Art Lebensgenuss, stark durch das Generationen hindurch niemals angegriffene Kapital von physischer Kraft, sparsam bis zum Geiz, geldgierig bis zum Diebstahl und Wucher, durch eine Rücksichtslosigkeit, die weder Scham noch Scheu kennt, sich in kürzester Zeit zum mächtigen Mann emporarbeitet, vom Ladenjungen zum grossen Kaufmann und Bankdirektor steigt und, nachdem er sich kühn, geschickt, undankbar, brutal, aller Skrupel ledig erwiesen, durch Allianz mit der Geistlichkeit und allen conservativen Mächten einerseits, durch die Sympathien, die ihm die Volkspartei wegen seiner volksthümlichen Herkunft entgegenbringt, andererseits, Mitglied des Storthings, bald decorirt, und gefeierte Stütze der Gesellschaft wird.

Ganz glatt ist diese Laufbahn nicht. Zwar begegnet Törres Wold keinem ernsten Widerstand, aber er begeht hie und da eine Unvorsichtigkeit, einen Fehlgriff. Doch mit der Hartnäckigkeit des völlig Gewissenlosen bringt er das Verlorene wieder ein, macht den Fehler wieder gut und verbleibt auf allen Punkten Sieger. In der Mitte des Buches sagt ihm eine schöne, kokette Dame: »O – Sie nehmen alles so grob; kennen Sie etwas, das mächtiger ist als das Weib?« – »Ja, den Mann, wenn er Geld hat,« antwortet der Held, mit seinen gelbweissen, starken Bauernzähnen lächelnd. Und die Erzählung giebt ihm Recht, denn sein zusammengestohlenes, durch Wucher vermehrtes Geld verschafft ihm Reichthum, und schöne Frauen wie politische Macht fallen ihm dann von selber zu.

Es giebt in der Anlage des Buches etwas, das an die Carrière Octave Mourets in Zolas »Au bonheur des dames« erinnert, anderes, das die Rücksichtslosigkeit und die Triumphe Bel-Ami's bei Maupassant ins Gedächtniss ruft. Doch von jeglichem anderen Unterschied zu schweigen, ist der Geist des Kiellandschen Romans ein ganz anderer, als der Geist der französischen Erzähler. Die Franzosen sind reine Künstler. Sie haben ihre Freude daran, zu beschreiben, und schildern um der Schilderung und Beschreibung willen. Sie leben in grossen Verhältnissen, wo Alles sie interessirt, wo Vieles sie entrüstet, und wo selbst die Keckheit und Frechheit der Emporkömmlinge – von einer Seite gesehen – sie unterhält. Es wird vor ihren Augen ein reiches Schauspiel, eine im grossen Stil gehaltene Tragikomödie aufgeführt.

Es ist anders in einer so kleinen und engen Gesellschaft wie der norwegischen. Was Kielland zum Schreiben inspirirt, erweckt fast ausschliesslich seine Entrüstung und eine Verachtung, die Masken abreissen und strafen will. Sein kleines Land verträgt nicht den immer wiederkehrenden Sieg solcher Elemente, die vom Bauern die ursprüngliche Kraft und von der Stadt die Verderbtheit und die Heuchelei haben. Er schreibt als Patriot, und es ist ein glühender Patriotismus, der ihn zum satirischen Dichter macht.

Deshalb hat er dafür gesorgt, seiner Schilderung einen sehr genau bestimmten historischen Hintergrund zu geben. Die Handlung spielt in unseren Tagen, und es wird sorgfältig gezeigt, wie nur zu einer solchen Zeit ein solches Geschehniss möglich sei.

»Die Jahre,« heisst es, »in welchen Törres Wold sich in der Stadt emporarbeitete, waren von der allgemeinen Schlaffheit des Landes gezeichnet. Die Massen athmeten noch wie eine schwüle böse Luft die alten Gedanken ein, während die neuen gebunden gehalten oder durch Verschweigen und Heuchelei verketzert wurden. Seit langen Zeiten hatte die Priesterschaft nicht eine solche Macht gehabt; überall war der Pfarrer da – nicht nur wie vorher in der Schule und im Haus, sondern überall in dem öffentlichen Leben; in der Politik hatte jede Partei ihren Pfaffen, und die Scheinheiligkeit durchdrang das ganze Dasein, hob das Niedrige empor und verkrüppelte das Gesunde. Die Wissenschaft kroch feige mit kleinen reservirten Notizen hervor; alles höhere geistige Leben wurde verdächtigt; die Litteratur und die Kunst wurden verhöhnt, weil sie neu waren, und alles wurde für den gemeinen Mann zurecht gelegt. Deshalb wurde die Lebenslust grell und ausschweifend, wo sie hervortrat, während das Frische und Volksthümliche im Leben und in der Denkweise schlammig getrübt ward. Denn wenn die höchste Arbeit des Gedankens und des Geistes keinen Pfifferling werth sein sollte im Vergleich mit dem flachen »Bekenntniss«, so gab es keine Ursachen, sich zu geniren, und die Niedrigsten und der Kultur am fernsten Stehenden gaben für das ganze Land den Ton an. Es war die alte sogenannte Intelligenz, die das herbeigeführt hatte. Durch die Pfaffen und die Presse hatte sie einen solchen Hohn gegen moderne Kultur und modernes geistiges Leben verbreitet, dass sie in ihren Anschauungen sich mit dem ganz plebejischen Knechtssinn von unten begegnete. Und gemeinsam blieb dann nur die officielle Religiosität, an der Alle, wenn sie nicht ausgesondert sein wollten, theilnehmen mussten. So war die Gesellschaft den niedrigsten Instinkten offen gelegt.«

Das ist der Grundgedanke des Romans: wenn ausser der Rechtgläubigkeit alle geistigen Werthe nichts gelten sollen, so bleibt als entscheidende Potenz in einer Gesellschaft nur das Geld übrig; und so stehen im Norden augenblicklich die Sachen.

Es liegt in dem Satze kaum so viel Uebertreibung wie die künstlerische Darstellung an sich mit sich führt. Für Norwegen und Dänemark sind die Zeiten Christians des Sechsten, die Herrschaft des öden Pietismus und der officiellen Frömmigkeit, zurückgekehrt, und in Schweden steht es nicht besser, eher schlimmer.

Deshalb hat in dem neuen Roman von Kielland der Held Charakterzüge, die man bei den Emporkömmlingen verwandter Art in französischen Büchern niemals findet, die ursprüngliche Furcht vor der Bildung, den Neid auf sie als einen ihm unerreichbaren Vorzug, den Hass gegen sie, weil sie Ueberlegenheit über ihn bedeutet, die freudige Erleichterung, als er von dem Pfarrer erfährt, dass diese Bildung der »Gebildeten« gar nichts auf sich hat, längst von Frömmigkeit überflügelt worden – und schliesslich ein stetig wachsendes Selbstgefühl, je besser es ihm gelingt, die Gebildeten für sich zu gewinnen oder sie zu demüthigen.

Der Pastor, ein Landkind wie er selbst, sagt dem Helden das erlösende Wort, indem er ihm erklärt, wie er von »der bäuerischen Dummheit« geheilt worden, dass es eine Kluft zwischen den Bauern und den sogenannten Gebildeten gäbe. Auch er habe sich anfänglich vorgestellt, Bildung und Gelehrsamkeit seien das Höchste. Sobald er es aber bis zum stetigen Verkehr mit den Beamtenfamilien gebracht, habe er nicht allein die Roheit ihrer Sitten entdeckt, sondern auch erfahren, dass »sogar, wenn die Herren anständig unter den Damen sassen und in vollem Ernst sprachen, nie anderes zu hören gewesen sei als einstimmiges Heruntermachen alles dessen, was er, der Pastor, als zur Bildung gehörend betrachtete«; jeder Name eines Zeitgenossen, zu dem er emporzuschauen gelernt, wurde geschmäht, neue Kunst und neue Litteratur waren lauter Hässlichkeit und Unsittlichkeit, die Wissenschaft wurde als etwas sehr Unzuverlässliches hingestellt, womit nur einige wenige Auserlesene sich abgeben dürften. Die ewige Wahrheit sei doch nur dem kindlichen Glauben zugänglich.

Da Törres Wold diese Erfahrungen des Pastors recht verstanden hat, erhält seine Lebensansicht die sichere Form. Er begreift, dass er für die Zukunft nur auf sein Geld und seinen Willen zu rechnen braucht. Er weiss jetzt auch, wie er als Storthingsmitglied aufzutreten habe. Er fühlt sich in dem Storthingsgebäude, »diesem Palast für die schwindelnde Wichtigkeit,« wohl zu Muthe. Er hat keine Eile damit, als Redner aufzutreten, er weiss, dass er schon durch sein Geld und seinen gesellschaftlichen Einfluss einen nicht geringen Platz im Reichstage einnimmt, und es liegt ihm nur daran die Gelegenheit zu ergreifen, eine einzige, nicht lange Rede zu halten – eine Rede, die Jedermann, der nordische Reichstagsverhandlungen verfolgt hat, auswendig weiss, so oft hat er sie gehört:

»Eines Vormittags, da der Saal und die Gallerie vollzählig besetzt waren, erhob er sich in einer Debatte über etwas zum Schulwesen Gehöriges und sagte, dass er, was ihn beträfe, ausschliesslich auf dem Boden des kindlichen Glaubens stehe. Es sei ihm nicht unbekannt, dass man heutzutage, wenn man für einen gebildeten, einen fortgeschrittenen Mann gelten wolle, so was nicht sagen dürfe: aber er wolle es doch sagen – einfach und bieder wie er nun einmal sei, aus der Wurzel des Volkes emporgeschossen – ja es sei ihm sogar sehr lieb, in diesem Saale es bekennen zu dürfen, dass er nicht weiter gekommen sei, als bis zum niedrigen, demüthigen Boden des kindlichen Glaubens, und er wolle zu Gott beten, dass er nie weiter komme!«

In Deutschland mag diese Rede vielleicht sonderbar erscheinen; in den nordischen Ländern ist durchaus nichts Sonderbares an ihr. Diese Reden, von solchen Lippen gehalten, sind unser tägliches Brod.

Es findet sich auf diesem Gebiet Aehnlichkeit zwischen den skandinavischen Reichen und England. Der Hauptmann Eduard Hope Verney, Mitglied des Unterhauses, Mitglied des Rathes für die Grafschaft London, der kürzlich wegen Verbrechens gegen die Sittlichkeit zu zwölfmonatlicher Gefängnissstrafe verurtheilt wurde, war bekanntlich ausserdem eines der wirksamsten Mitglieder der nationalen Gesellschaft für die Unterdrückung des Lasters; er hatte sich als Specialität die Aufhebung der Privilegien der beiden Etablissements »Empire« und »Alhambra« erwählt und forderte mit der ganzen Autorität seiner Stellung und seines tugendhaften Lebens, dass die Unterröcke der Ballettänzerinnen an den verschiedenen Schaubühnen Londons bedeutend verlängert würden. – Ein Mr. Verney würde im Norden ganz genau solche Antecedenzien haben. – –

Vorzüglich angelegt und gedacht, wie der neue Roman Kiellands ist, wird er doch nicht mit Recht als ein völlig gelungener Wurf bezeichnet werden können. Kielland hat das Schema eines guten Buches geliefert, nicht das Buch selbst. Nur drei oder vier Kapitel des Werks sind wirklich ausgeführt, im Uebrigen ist es bei den Kapitelüberschriften geblieben.

Nicht dass Kielland oberflächlich gearbeitet, sich nicht Mühe genug gegeben hätte. Durchaus nicht; er ist der gewissenhafteste Künstler, und er hat mehrere Jahre geschwiegen, bevor er jetzt sprach.

Die Ursachen liegen tiefer, und es giebt deren zwei. Erstens ist Kielland, wie schon gesagt, zwar ein ausgezeichneter Erzähler, aber kein Maler. Er sieht nicht lebhaft vor seinen Augen, was er berichtet; er ist niemals dichterisch hallucinirt.

Wie der Raum, in welchem der kleine Marius stirbt, fast der abstrakte Raum, kein Zimmer, geschweige denn ein Krankenzimmer ist, so ist der Storthingssaal, in welchem Törres Wold seine gottergebene Rede hält, ein leerer, unbestimmter Raum; man sieht ihn nicht vor sich, hat nicht den geringsten Eindruck des Sichtbaren der Situation. Die Rede wirkt in dem Romane fast, als wäre sie von dem Phonographen abgelesen worden.

Kielland ist zweitens mit all seiner scharfen Beobachtung und seiner moralischen Feinhörigkeit ein schwacher, niemals tiefer Psycholog. Seine schlechten Personen besonders sind immer zu böse, nie dumm genug. Sie haben allzu viel Vorsätze und Pläne und handeln fast immer genau so wie sie sich vorgenommen haben. Das heisst: sie sind nie unbewusst genug. Kiellands ganze Psychologie ist ein Verständniss des bewussten Menschenlebens. Wo das unbewusste Leben anfängt, hört seine Weisheit auf. Und das ist recht schlimm, da das Unbewusste und Halbbewusste einen so viel grösseren Theil unseres Ichs ausmacht als jene Partien unseres Wesens, die von der Sonne des Bewusstseins beleuchtet sind. Deshalb lässt er seinen Pastor so sprechen, wie Kielland selbst über das Verhältniss der »Intelligenz« zur Kunst und Wissenschaft denkt und spricht. Kielland schiebt ihm ein Bewusstsein unter, das ihm und seines Gleichen völlig abgeht. Und deshalb macht er aus seinem Bauern Törres Wold einen aus norwegischem Holz geschnittenen Macchiavelli.

Dieser letzte Roman »Jacob« hat – nicht wie er vorliegt, aber in seinem innersten Wesen – mehr Aehnlichkeit mit den philosophischen Romanen des vorigen Jahrhunderts, Voltaires zum Beispiel, in denen der Autor im Interesse der Satire immer mitspricht und immer durch die Personen spricht, als mit dem, was wir heut zu Tage Roman nennen. Es ist ein sehr, sehr geistreiches Buch, aber nicht mehr.

Kielland hat Worte, Bezeichnungen geschaffen, die in seinem Vaterlande sprichwörtlich geworden sind: z. B. das Wort »Die Kaninchen« für die pietistisch pfäffische Partei (»St. Johannisfest«) und so z. B. hier jene oben angeführte Bezeichnung des Storthingsgebäudes »dieser Palast für die schwindelnde Wichtigkeit«. Diese Fähigkeit ist aber eher die des spirituellen und witzigen Mannes, als die eines phantasiereichen Poeten. Kielland hat Witz wie kein anderer Norweger; und er ist nicht allein geistreich, er hat viel Gefühl, so viel, dass seine Satire immer eine Satire aus Begeisterung für Ideen und Ideale ist. Es liegt viel von der gebundenen Lyrik, die den Dichter macht, und viel von der ernsten Ueberzeugung, die den Character bedingt, in seinen grösseren und kleineren Werken. Kurz: er ist so nahe daran, ein bedeutender Dichter zu sein, wie man es sein kann, wenn man kein Maler und kein Psychologe ist.

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