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Menschen und Werke

Georg Brandes: Menschen und Werke - Kapitel 13
Quellenangabe
typeessay
authorGeorg Brandes
titleMenschen und Werke
publisherLiterarische Anstalt Rütten & Loening
year1894
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150819
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11. Kristian Elster.

(1882)

Im Jahre 1869 kam mir zufälligerweise eine Nummer des norwegischen »Aftenbladet« vor Augen, in welcher sich eine dramaturgische Kritik befand, die mit Kraft und einer gewissen Schärfe die Satire in dem Schauspiele Henrik Ibsen's »Der Bund der Jugend« abwies, insofern dieselbe als gegen den Charakter und das Streben der norwegischen Fortschrittspartei gerichtet aufgefasst wurde. Dieser Artikel, der mit den Buchstaben K. E. unterzeichnet war, fesselte mich durch seine jugendliche Begeisterung, seine männliche Sprache, sein Persönlichkeitsgepräge so stark, dass ich durch Vermittelung des Blattes an den anonymen Kritiker ein Schreiben richtete, in welchem ich, ohne mehr als diesen einzigen Aufsatz von ihm zu kennen, seinem Talente meine Huldigung darbrachte und ihn bat, mir seinen Namen sowie seine sonstigen litterarischen Arbeiten zu nennen. Kristian Elster antwortete mir, dass er bisher nur ein paar Zeitungsartikel veröffentlicht habe, und sprach sich über die Schwierigkeiten aus, die seinem Vorwärtskommen in einem Lande begegneten, wo er wegen seiner Ueberzeugungen mit allen Autoritäten gespannt lebte und wo noch Ideen, über welche Europa längst hinausgekommen sei, die Herrschaft besässen. »Die Kritik hierzulande«, schrieb er, »ist eine Gespenster-Kritik, die wie so viel anderes Todtes an unserer Universität herumspukt, die z. B. die Ehre hat, heutzutage der Hauptsitz oder, richtiger, der Alleinsitz des Hegelianismus zu sein«. Es war derselbe Gedanke, der in »Gefährliche Leute« in den Worten ausgedrückt ist: »Unser Schicksal ist unabwendbar; unser Land ist einer von den stillen Plätzen, wo die Ideen, die sich ausgelebt haben, eines friedlichen Todes sterben.«

Jener Artikel war das erste Glaubensbekenntniss einer unruhig suchenden, aber charakterfesten Seele; er war zwar bis zu einem gewissen Grade gegen Henrik Ibsen gerichtet, jedoch einem Geiste entsprungen, der sich diesem Dichter gegenüber tief verpflichtet fühlte. In der frühen Jugend Elster's hatte die »Nordische Heerfahrt«, die in seinem achtzehnten Jahre erschien, ihn völlig bezaubert. Er und seine jungen Kameraden sahen in diesem von Ibsen's späteren Werken so völlig überstrahlten Drama die wahre Auferstehung des alten Nordens, für dessen Kraft sie schwärmten; sie fanden darin jenes ursprünglich Norwegische, welches eine neue Poesie und eine volksthümliche Politik in Verbindung mit dem sprachlichen Streben der Jugend, das sogenannte »Maalstraev« (ein Versuch, aus den verschiedenen Bauerndialekten einen gemeinsamen, den Bauern verständlichen zu bilden) auf's neue zu Ehren und Anerkennung bringen sollte. Ein kleines, ungedrucktes Schauspiel, das Elster in seinem neunzehnten Jahre verfasste, war eine Nachahmung der nordischen Dramen Ibsen's; seine kleine Erzählung »Ein Kreuzgang« zeigt, dass er gleichzeitig Björnson zu studiren anfing und in dem Stile schrieb, den Björnson's Bauern-Novellen eingeführt hatten.

Alexander L. Kielland hat in der kurzen biographischen Skizze, die er der von ihm besorgten Ausgabe der kleineren Erzählungen Elster's vorausgeschickt hat, die äusseren Umrisse von dem Leben des zu früh verstorbenen Autors mitgetheilt. Man erhält den Faden der Begebenheiten in einer kurzen, ernsten Existenz, die nie von dem vollen Sonnenlicht erhellt, nur ab und zu von dem Reflexlichte schöner »Sonnenwolken« belebt wurde. »Sonnenwolken« ist der Titel einer der schönsten Novellen Elster's. Eine Seelengeschichte zu liefern, lag nicht in der Absicht Kielland's, der Elster nicht gekannt hat; ich bin leider nicht im Stande, diese Lücke auszufüllen: es ist schwierig, beinahe unmöglich, aus einigen Büchern, aus halbwegs ähnlichen Porträts und wenigen Briefen von einem Autor oder über ihn – dem einzigen Material, das ich über Elster sammeln konnte – sich ein richtiges Bild von einer Persönlichkeit zu formen, die man nie gesprochen, ja nie gesehen hat. Ich muss mich daher auf einige Andeutungen über Elster als Menschen beschränken.

Kristian Elster war ein ganz unweltlicher und zugleich ein praktisch angelegter Mensch, unweltlich in dem Sinne, dass er ein Enthusiast und nie auf seinen Vortheil bedacht war, praktisch insofern er keine Anlagen zu schulmässigen Grübeleien, keine Gabe für zusammenhängende theoretische Studien, hingegen lebendigen Sinn für die Natur und für die Politik besass, welche Volkserziehung und Fürsorge für das Volk ist. Ich glaube desshalb auch, dass ein praktisches Amt wie das seine – er war Förster im Drontheim'schen – mit der steten Beschäftigung im Freien, die es veranlasste, sich für seine Anlagen gut eignete.

Elster war eine sehr spröde und scheue Natur, verschlossen und schroff gegen Fremde, auch in diesem Sinne durchaus kein Weltmann. Viel von diesem Wesen war wohl Folge seiner Kränklichkeit, denn seine Constitution war nicht stark. In dem Briefe, den er mir mit seinem Roman »Tora Trondal« schickte, sagte er: »Meine Erzählung war im Wesentlichen bereits vor acht Jahren fertig. Krankheit hat mich verhindert, sie zu Ende zu bringen.« Durch einen Brief, den ich von seinem besten Freunde, Herrn Pastor Just Ebbesen in Drontheim, erhielt, bekommt man den Eindruck sowohl von der steten Gebrechlichkeit seiner Gesundheit wie auch von seinem eigenthümlich verschlossenen Wesen: »Er war im täglichen Umgang der liebenswürdigste Mensch, den Sie sich denken können. Trotz gichtischer Kopfschmerzen, trotz ökonomisch kleiner Verhältnisse war seine gute Laune unverwüstlich, und so schweigsam er unter Fremden war, so lebhaft war er zu Hause. Er meinte immer, dass er an der Gicht sterben werde, von der er Jahre hindurch geplagt ward; aber es kam anders. Eine heftige Lungenentzündung machte in neun Tagen seinem Leben ein Ende. Er war fest überzeugt, dass er wieder aufkommen werde; er wollte so gern leben. Die letzte Nacht verbrachte ich bei ihm; da sah er ein, dass es schlimm mit ihm stehe, und er sprach ganz ruhig mit mir über die Anstalten, die ich treffen möge, wenn er gestorben sei; aber selbst jetzt noch verstand ich, dass er im Grunde nicht glaubte, dass er sterben müsse.«

Man glaubt es ungern, wenn man, wie er, nur vierzig Jahre alt ist und den Kopf voll Pläne hat; ihm musste das Fortgehen doppelt schwer sein, denn er vergötterte seine Gattin und hinterliess kleine Kinder.

Wie scheu er war, bewies er in seinem Verhalten mir gegenüber. Er legte grossen Werth auf mein Urtheil über litterarische Dinge, einen so grossen, dass es mich nun schmerzt, nicht schon zu seinen Lebzeiten in der Lage gewesen zu sein, seine Production ausführlicher zu besprechen. Wir waren überdies durch ein ganz besonderes Band mit einander verbunden. Die Gährung der Gemüther, welche meine ersten Vorlesungen veranlassten und die er während eines Besuches in Kopenhagen miterlebte, beschäftigte ihn sehr, und es war, wie ich aus bester Quelle weiss, unter dem Eindruck der Agitation gegen dieselben, dass er seinen Roman »Gefährliche Leute« verfasste, dessen wesentliche Partien er im Jahre 1872 in Kopenhagen schrieb. Nichtsdestoweniger war er, der doch bereits im brieflichen Verkehr mit mir gestanden hatte, zu schüchtern um mir einen Besuch zu machen oder mich seinen Aufenthalt in Kopenhagen wissen zu lassen.

Erst »Tora Trondal« brachte uns nach zehnjähriger Pause auf's neue in Berührung mit einander. In dem Briefe, der das Buch begleitete, dankte er mir aufs neue mit allzu grosser Bescheidenheit für mein Lob seines alten Artikels sowie für den Antheil, den ich an seiner eigenen Entwicklung und an dem zu jener Zeit in dem geistigen Leben Norwegens sich vollziehenden Umschwung habe. Das Buch, das den Gegensatz zwischen dem Beamtenstand und der Landbevölkerung Norwegens darstellt, war gediegen und gut; ich las es mit Vergnügen und konnte nicht die Spuren von Nachahmung Björnson's finden, die Andere darin entdecken wollten. Es war allerdings eine Arbeit, die nicht ganz auf der Höhe der Zeit stand, in welcher sie erschien; der dargestellte Gegensatz zwischen ästhetisch und ethisch angelegten Naturen war der durch die Werke Kierkegaard's und seiner Nachahmer in den Sechziger-Jahren aller Welt im Norden geläufige; man merkte dem Buche an, dass es jahrelang fast vollendet in dem Schreibtisch des Autors gelegen hatte. Man ahnte indessen, dass der Verfasser, der in den ganz jungen Jahren so hatte schreiben können, als reifer Mann höchst Bedeutendes zu leisten im Stande sein müsse.

Einige Zeit darauf, im Februar 1880, erhielt ich wieder einen Brief von Elster – einen rührenden Brief. Er bat mich um eine Empfehlung für ein norwegisches Reisestipendium, welches damals frei war. Er fühlte ein so heftiges Verlangen, sich ausserhalb Norwegens ein wenig umzusehen! »Ich bewerbe mich«, schrieb er, »um ein ganz kleines Stipendium; es ist nicht eines von denjenigen, welche an die bereits Anerkannten oder Berühmten ausgetheilt werden, sondern ein völlig unschuldiges, das jedes Jahr vielen Malern, Musikern und Litteraten verliehen wird, die bei dieser Gelegenheit zum ersten- und letztenmale genannt werden. Ich glaube also nicht, dass ich unbescheiden hohe Ansprüche erhebe. Ich werde mich aber kaum in der Vermuthung irren, dass Diejenigen, welche hier die Entscheidung zu treffen haben, gegen mich ungünstig gestimmt sind, und sollte die Sache gelingen, könnte dies nur dadurch geschehen, dass Jemand, an dessen Sachkenntniss kein Zweifel herrscht, es wagt, sich zu meinem Vortheil auszusprechen ...« Es war das erstemal, dass sich Jemand an mich wandte um eine Empfehlung für ein öffentliches Stipendium in Skandinavien, an mich, von dem eine Empfehlung in allen mir bekannten Fällen die sicherste Misscreditirung sein würde. Um so viel wie möglich Elster's Naivetät abzuhelfen und selbst befangen in dem naiven Glauben, dass man meinen Worten vielleicht doch rein litterarisch einiges Gewicht beilegen würde, schrieb ich einen eindringlichen Empfehlungsbrief, in welchem ich die Worte an die Spitze stellte, dass mir Herrn Elster's Lebensanschauung, seine religiösen und sonstigen Ansichten unbekannt seien, dass dieselben aber, soweit ich vermuthen könne, von meinen eigenen Anschauungen sehr bedeutend abwichen.

Es war umsonst. Die Regierung, die in Norwegen damals, wie in Dänemark immer, die politische Reaction und die kirchliche Orthodoxie vertrat, verweigerte aus kleinlicher politischer Rancune dem armen Schriftsteller das nachgesuchte Stipendium, obwohl er von dem sachverständigen Comité als Erster vorgeschlagen war. Einige Monate später kam ein neuer Brief, dessen Inhalt mich schmerzte. Elster theilte mir das Resultat mit und sprach die Ueberzeugung aus, dass er nun sicher nie werde reisen können, so grosses Bedürfniss er auch danach fühle. »Das ist nun,« heisst es unter Anderem in dem Briefe, »allerdings schlimm genug, insofern als mir dadurch der Weg zu der Ausbildung versperrt wird, die man nur durch den Besuch der grossen Culturländer erhält. Hingegen scheint es mir, dass ich mich in das Urtheil über mich als Schriftsteller ruhig finden kann, welches in einer solchen Abweisung liegt. Die Aeusserungen, welche mir bei dieser Gelegenheit von Ihnen wie von Henrik Ibsen zugegangen sind, haben jedenfalls für mich einen ganz anderen Werth als die Anerkennung, welche Einem dadurch zu Theil wird, dass man ein öffentliches Stipendium erhält.« Ich ersah hieraus, dass er weder Mittel besass noch je zu erlangen meinte, um eine Reise ins Ausland zu unternehmen – ein Glück, das heutzutage in das Loos selbst sehr wenig bemittelter und begabter Menschen zu fallen pflegt. Das Vorgehen der norwegischen Regierung ist um so beklagenswerther, als Elster, wenn er auf Reisen gegangen wäre, wahrscheinlich noch leben würde.

Im Frühjahre 1881 erfuhr ich, dass er gestorben sei, ferner, dass er eine Wittwe und drei Kinder hinterlassen habe. Ich brauchte sie nicht zu kennen, um mir eine Vorstellung zu machen, wie schwierig ihre Verhältnisse sein müssten, wenn ihr Ernährer sich nicht einmal Hoffnung auf eine grössere Reise machen konnte: ich forderte öffentlich das norwegische Storthing auf, an Kristian Elster's Hinterlassenen zu sühnen, was die Regierung gegen den Dichter verbrochen hatte und habe die Freude gehabt, dass das Storthing, allen Regeln zuwider, der Wittwe eine Pension von 800 Kronen gesichert hat.

Erst nach dem Tode Elster's wurde es offenbar, was für einen wahren, echten Dichter Norwegen in ihm besessen hatte – als kurze Zeit darauf der Roman »Gefährliche Leute« erschien. Auch an diesem Buche, dessen Erscheinen er nicht erlebte, hatte er acht volle Jahre gearbeitet. Der Roman ist vielleicht von der Kritik nicht ganz nach Verdienst gewürdigt worden, weil er gleichzeitig mit den ersten, leichtgeschriebenen und glänzenden Arbeiten Alexander Kielland's erschien. Und doch ist es unzweifelhaft, dass die norwegisch-dänische Litteratur sehr wenig solche Bücher besitzt. Das Werk hat einzelne Mängel und Sonderlichkeiten, aber es ist ein Roman, welcher seinen Autor in gleichen Rang mit den ersten Schriftstellern des Nordens stellt. Es findet sich hier eine Sicherheit in der Charakterzeichnung und ein männlicher Ernst in der Lebensanschauung, die in ihrer Art einzig sind. Kielland besitzt trotz all seiner Anmuth und Schärfe nicht die Tiefe Kristian Elster's.

Ich erklärte in meinem Aufrufe an das norwegische Storthing, wie schön und bedeutend ich seinen Roman fände. Elster selbst meinte, dass derselbe »einen grossen Mangel« habe, fürchtete aber, dass es ihm zu viel Zeit nehmen würde, eine Umarbeitung zu unternehmen, und dass der Roman dann wie »Tora Trondal« zu spät erscheinen werde. Welcher dieser vermeintliche Mangel war, ist mir nicht mitgetheilt worden. Ich denke mir aber, dass Elster selbst die unzweifelhafte Lockerheit der Komposition missbilligt, so wie das Verhältniss des Helden zu dem Pampasweibe unbefriedigend dargestellt gefunden hat. Der junge Norweger, der seine Vaterstadt zu reformiren strebt, geht daran zu Grunde, dass er sich verpflichtet fühlt, ein fremdes Mädchen zu heirathen, mit dem nur die Aufwallung eines Augenblickes ihn verbunden hat. Dieser Zug ist durch den Charakter der Hauptperson durchaus nicht hinlänglich motivirt und macht desshalb den Eindruck des romanhaft Unwirklichen; dagegen glaube ich, dass die Lebensansicht, die hier dem Helden zugeschrieben wird, diejenige Elster's war. Er gehörte augenscheinlich zu den von J. P. Jacobsen in »Niels Lyhne« sogenannten »pietistischen Freidenkern«, das heisst, er hatte erst in so reifen Jahren sich von den Voraussetzungen der Orthodoxie befreit, dass tiefe Wurzeln dogmatischer Moral in seinem Innern stecken geblieben waren.

Uebrigens meine ich das Vorbild gefunden zu haben, nach welchem Elster unbewusst das Verhältniss Knut Holt's zum Mädchen aus den Pampas ausgeführt hat; es ist ohne Zweifel die Katastrophe in dem Roman Turgenjew's »Ein adliges Nest«, wo das Benehmen des Helden freilich besser begründet ist.

Auch in diesem Werke kommt die folgende Situation vor: Ein im Leben und auf Reisen stark hin- und hergeworfener Mann gewinnt nach seiner Rückkehr in die Heimath die Liebe eines völlig reinen und edlen Mädchens; er wagt zuerst nicht recht, sich ihr zu nähern, denn er ist an eine ganz verworfene und verlogene Frau gebunden, die ihn betrogen und von der er sich getrennt hat. Endlich athmet er auf; eine Zeitung kommt ihm vor Augen, in welcher er von ihrem Tode liest; er ist frei, er darf das Glück ergreifen. Er hält es schon in seiner Hand, als er eines Tages, wie er nach Hause kommt, im Corridor Koffer und Kasten aufgehäuft findet und ein Duft von Patchouli ihm entgegenschlägt, der ihm meldet, dass seine Frau noch zu den Lebenden gehört und sich in seiner nächsten Nähe befindet. Die Rückkehr der vermeintlich Verstorbenen raubt Lawretzky Glück und Zukunft; er und seine Geliebte geben einander auf; er verlässt das Land, sie geht in ein Kloster. Der Unterschied ist bei Elster nur der, dass ein Moschusgeruch an die Stelle des Patchouligeruches getreten ist, dass jenes Weib, das für todt gehalten wird, halbwild, nicht verderbt, endlich dass sie nicht die legitime Frau des Helden ist. Elster hat das Motiv aufgenommen und durch moralischen Rigorismus überspannt.

Es ist gewiss kein Zufall, dass er dazu gekommen ist, Turgenjew ein Motiv zu entlehnen. Seine besten Novellen (»Sonnenwolken«, »Ein fremder Vogel«) verrathen eine Verwandtschaft mit der Betrachtungsart und der Vortragsweise des grossen Russen. Die Frauengestalten, besonders die jungen Mädchen bei Elster, diese seine Heldinnen, die so viel Seelenadel und so wenig Cultur, so viel Enthusiasmus und so wenig gesellschaftliche Form, so viel Wahrheitsliebe und eine so feine, unsinnliche Erotik besitzen, welche endlich alle einen Hintergrund norwegischer Küstenlandschaft haben, sind mit den wahrhaften, seelenvollen, jungen, russischen Mädchen Turgenjew's verwandt. Elster nähert sich in seinen besten Capiteln Turgenjew durch seine bewunderungswürdige Gabe, eine Naturstimmung hervorzurufen, durch sein eindringliches Studium der seelischen Nuancen und durch die feine und melancholische Selbstironie des Erzählers. Im Uebrigen liegt natürlicherweise zwischen diesen beiden Persönlichkeiten die ganze Kluft, welche einen armen norwegischen Autodidakten, der von kleinstädtischen Autoritäten mit Rücksicht auf die Frage abhängig ist, ob er einmal in seinem Leben Paris und London sehen werde, von einem vornehmen Russen trennt, der altem Adel entsprungen, völlig unabhängig, sehr vermögend, von seiner frühesten Jugend mit Allem in Verkehr gestanden, was Europa zu einer Zeit Interessantes und Ausgezeichnetes erzeugt hat.

Kristian Elster hat damit angefangen, seine grossen Landsleute unter den Dichtern zu studiren und in ihrer Weise zu fühlen und zu formen; er hat sodann im Anfang der Siebziger Jahre sich von einer nur nordischen Individualität zu einem allseitig empfänglichen modernen Geist entwickelt, und seine Dichterbegabung ist durch die geistige Entwicklung gewachsen. Am Schlusse des Jahrzehnts stand er in der ersten Reihe der Männer, welche die Höhepunkte der Civilisation des skandinavischen Nordens bezeichnen. Er war noch nicht berühmt, nicht einmal anerkannt und konnte es nicht sein, denn seine vorzüglichsten Arbeiten wurden theils erst nach seinem Tode herausgegeben, theils erst dann gesammelt. Aber er war der Meisterschaft nahe, als er starb.

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