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Menschen und Städte

Per Daniel Amadeus Atterbom: Menschen und Städte - Kapitel 9
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authorPer Daniel Amadeus Atterbom
titleMenschen und Städte
publisherHans Dulk
editorChristel Matthias Schröder
year1947
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Wien

Am 24. Januar 1819 verließ ich Wien, und seit der Mittagsstunde des 1. Februar bin ich hier in Breslau. Ich bin froh, daß ich nicht mehr in der Hauptstadt der Schlafmützen weile, woselbst ich während der letzten Wochen wieder anfing, über alle Maßen unruhig und schwermütig zu werden. Ungeachtet der schönen und astrologischen Lage Wiens – die eigentliche Stadt liegt nämlich wie ein Mittelpunkt (Sonne) in dem kreisrunden, durch ein weitläufiges Promenadenfeld von den Stadtbastionen getrennten Umfang ihrer Vorstädte (Planeten), in freundlicher Umgebung einer milden und kräftigen Natur; ein Arm der Donau, obschon der kleinere, fließt hindurch, und schöne Berge bilden die Südgrenze – ungeachtet dieser Lage bemerkt man doch in seinem Innern kein Zeichen der Freundschaft für Zoroasters Lichtlehre oder irgendwelchen morgenländischen Geist, und nur die naive Fröhlichkeit der niedersten Volksklassen ist das einzige, was dem Fremdling eine in ihrer Art poetische Seite der Anschauung bietet.

In dieser Lustigkeit und unbefangen sinnlichen Lebensfrohheit äußert sich oft eine wahrhaft erstaunliche Mischung italienischen Leichtsinns und deutschen Humors, und das Volkstheater der Leopoldstadt ist diejenige Stelle, wo der Wiener Volksgeist sich in seinem reichsten und liebenswürdigsten Glanze zeigt. So wie dies Theater war die englische Schaubühne zur Zeit des Auftretens von Shakespeare; es ist in seiner Wurzel, Richtung und Beschaffenheit vollkommen individuell-national und vielleicht in der gegenwärtigen Zeit, wenigstens in Deutschland, einzig in seiner Art, und fände es, wie einstmals das englische, seinen Shakespeare, d. h. einen wirklichen Dichter, der es unter seine Fittiche nähme, dann wäre mit einem Male der lebende Grund, die Basis für die deutsche Dramatik im allgemeinen gefunden. Aber hieran denkt gar nicht die große Menge der Wiener Theaterschriftsteller; denn mit Ausnahme von nur einigen, die für dies Theater arbeiten und sich bei ihren Arbeiten von einem dunklen, unsicheren Instinkt leiten lassen, halten sie sich alle für viel zu vornehm hierzu; ja, wenn sie doch mitunter von ihrer Höhe herabsteigen und etwas für das Volk hervorbringen, weil alles, was auf der Leopoldstädter Bühne aufgeführt wird, sich in pekuniärer Hinsicht trefflich lohnt, dann behalten sie so viel von ihrer halb französischen, halb Kotzebueschen Ueberhebung bei, daß der echte Volkswitz und Volkscharakter bald auch von diesem, seinem letzten Zufluchtsorte entfliehen wird. Indessen, obwohl dieses Theater in seiner jetzigen Gestalt ein unentwickeltes und (leider! wie es scheint) schon vor seiner Entwicklung untergehendes Phänomen ist, würde ich mich herzlich freuen, wenn wir Schweden ein solches in unserer Hauptstadt besäßen. Für den Aufschwung der schwedischen Dramatik, soweit hierbei ein verbessertes Theaterwesen nottut, sehe ich keine Aussichten; deshalb ließ mich die Nachricht vom Eingehen des Stockholmer Theaters ebenso kalt wie diejenige von der Wiedereröffnung desselben – alter Sauerteig bleibt alter Sauerteig. Aber so ist es noch mit vielem andern von mehr Gewicht in Schweden. Ein Verfasser, der sich dieser Schaubühne ausschließlich gewidmet hat, ist ein gewisser Adolf Bäuerle, über den die anderen Wiener Poeten jedoch die Achseln zucken, weil er hinsichtlich seiner Bildung ziemlich roh und in seinen Kompositionen nicht sonderlich kunstgerecht ist; nichtsdestoweniger ermangelt er keineswegs eines entschiedenen Talentes für naiven und (vielleicht bisweilen zuviel) massiven Volkswitz. Er besitzt auch schon eine große Popularität, die sich während meines Aufenthaltes in Wien bedeutend vermehrte infolge einer Art Parodie über Madame Catalani, »Die falsche Primadonna« genannt. Gleichzeitig ist er der Herausgeber der Wiener Theaterzeitung, in der seine eigenen Stücke immer gewaltig gelobt werden. Man behauptet, daß er selber diese Rezensionen schreibt. – Obwohl ein großes Genie, wenn es sich dieser Bühne annähme, aus derselben weit Vortrefflicheres machen würde, ist sie dennoch, so wie sie eben ist, schon deswegen eine angenehme und merkwürdige theatralische Erscheinung, weil auf ihr das geringere Volk das Recht hat, sich öffentlich über seine eigene Poesie und Possierlichkeit zu freuen, als über etwas, das von seinem eigenen Fleisch und Blut hervorgebracht und nicht bloß für Kammerherren, Kanzlisten, Gräfinnen und Grossierertöchter gemacht ist – welch letztere nichtsdestoweniger recht oft mehr oder minder verstohlen (je nach der Beschaffenheit des Stückes) dorthin gehen, um aus Herzensgrund zu lachen, obwohl sie sich hinterher schämen, dies einzugestehen. Der augenblicklich vorzüglichste Schauspieler dieses Theaters heißt Ignaz Schuster und ist der tüchtigste Komiker, den ich je gesehen habe. – Die Stücke, welche dort gewöhnlich aufgeführt werden, sind anfangs für Ausländer, ja sogar für fremde Deutsche, schwer verständlich, weil sie in Anschauungen, Sitten, Sprache, kurzum in allem vollkommen österreichisch und ganz besonders wienerisch sind; aber dieses Lokale und Temporäre ist gerade die Lebenswurzel alles Volkswitzes, ja, alle Komik ist nur in dem Maße echt, als sie die Färbung eines solchen unmittelbaren Zugegenseins des Volkes an sich trägt. Die Mühe, welche man anwenden muß, um die Aufmerksamkeit immer auf das Höchste gespannt zu erhalten und wobei einem trotzdem sehr oft ein Einfall, eine Anspielung, die man nicht versteht, verlorengeht, wird doch im allgemeinen reichlich belohnt. – Uebrigens muß man es der Zensur zum Lobe nachsagen, wie ängstlich pedantisch und lächerlich sie auch sonst in Wien auftritt, daß sie den Leopoldstädter Lustigkeiten ziemlich duldsam durch die Finger sieht, so daß mitunter die besternten und wohlgenährten Stützen des Kaiserstaates ebenso frei verspottet werden wie Strumpfstricker und Lohnkutscher. Krähwinkel heißt in allen diesen Farcen und Parodien die ideale Stätte der karikierten Wiener Narrheit, indem man nach diesem nicht vorhandenen Städtchen alle Personen und Handlungen verlegt.

Ein Kapitalbeispiel vornehmer Pfuscherei auf obengenannter Volksbühne war ein Raffael in Alexandrinern von einem gutgesinnten Menschen aber schlechten Poeten namens Castelli, der beim Wiener Publikum eine Art Favorit ist und mir ein Exemplar seiner sogenannten »Poetischen Kleinigkeiten« schenkte – bei denen das Beiwort des Titels »poetisch« vollkommen am unrechten Orte steht. Ich habe mich lange nicht so geärgert, als da ich diese, vom Verfasser keineswegs karikaturmäßig gemeinte Karikatur über Raffael und die heilige Cäcilie sah; selbst die Heilige wurde auf dem Theater dargestellt, nämlich wie Raffael sie malte; eine korpulente Schauspielerin stand eine volle Stunde lang als Cäcilias Urbild auf einem Holzgestell vor dem Maler, der von einem Manne gespielt wurde, welcher wie ein Reitknecht aussah, so gekleidet war und auch so deklamierte wie ein solcher. Im übrigen ward er als jämmerlich verliebt dargestellt und schließlich, gegen alle Geschichte, verheiratet. Es war, kurz gesagt, ein dummes Spektakelstück. – Dieser Castelli, ein anderer Wiener Poet namens Deinhardstein, ein dänischer Literat Fürst und eine große Menge anderer Reimer, Schauspieler, Schreiber, Kaufleute, Kapellmeister und Windbeutel, alles gutherzige, lustige und freundliche Lumpen, haben eine Gesellschaft gebildet, der sie nach einem Oehlenschlägerschen Schauspiel den Namen Ludlamshöhle beigelegt haben. Der eigentliche Zweck derselben ist Scherz, Abendessen und halb literarischer, halb musikalischer Zeitvertreib. Rückert und ich brachten dort unsere meisten Abende zu, obwohl wir keineswegs an dem dort herrschenden Tone Gefallen fanden, der sich mehr als zu oft in witzlosen Hurengeschichten und Zeitungsklatschereien Luft machte. Aber was sollten wir tun? – In einigen Häusern, wo wir eingeführt wurden, begegnete man uns mit vieler Artigkeit und Gastfreiheit, aber gleichzeitig auch mit solch tötender Langweile, daß wir uns bald wieder in unsere Einsamkeit zurückzogen. Es ist in dieser Hinsicht nicht um ein Haar besser in den Häusern der Gelehrten, z. B. bei Herrn von Hammer, dessen Häuslichkeit damit charakterisiert ist, daß er seinen kleinen Jungen eher französisch als deutsch sprechen lernen läßt. Er selbst ist, mit allen seinen Verdiensten, ein zerstreuter und eitler Geck; ich meinesteils hatte ihn bald überdrüssig, und Rückert setzte die Bekanntschaft bloß fort, weil er in Wien Persisch studierte. – Besser gefiel mir der bekannte Hormayr, der uns oft besuchte, und, obwohl auch er nicht frei von einer starken Dosis Eigenliebe ist, doch in seinem Wesen unendlich viel Gutes und Liebenswürdiges hat. Bei seiner milden, weichen, ziemlich jungen und etwas schwermütigen Physiognomie hat man Mühe, ihn sich als den feurigen Volksredner und beherzten Anführer im Tiroler Kampfe von 1809 zu denken.

Friedrich Schlegel ist dagegen von seinem Fetwa und seiner eingebildeten Staatsmannschaft wie von einer undurchdringlichen Mauer umgeben. Ungeachtet Rückert und ich nicht über zurückstoßende Kälte seinerseits klagen konnten, fanden wir doch seinen Umgang so wenig erbaulich, daß wir unsere ganze Gemeinschaft mit ihm, trotzdem wir in einem und demselben Hause wohnten, auf einige Zeremonievisiten beschränkten. Er sagt, er sei damit beschäftigt, eine Sammlung seiner Schriften zu redigieren, welche das Hauptresultat seines ganzen Autorlebens enthalten solle. Außerdem hätte er noch eine Menge poetischer Pläne in petto. Schade um diesen an sich so vortrefflichen Mann, daß drei Umstände ihm schon eine hervortretende Anlage zu Midasohren verschafft haben: nämlich Völlerei, Staatsmannsaffektation und Stockkatholizismus. Mir kam er mehr aufgeputzt als imposant vor. Ursprünglich hat er ein recht angenehmes und geistreiches, aber von Ueberfülle prälatisch-aufgeblasenes Gesicht, ist bedeutend kürzer, aber vier- bis fünfmal dicker als ich; er spricht hierzu, teils aus physischer Bequemlichkeit, teils weil er glaubt, daß ein gewisser mystischer Nimbus immer einen Staatsmann umgeben muß, meist in rätselhaften Mienen und Gebärden, welche nur dann und wann ihre Bedeutung in einige ebenso rätselhafte Ausdrücke konzentrieren, die dann wahren Orakelsprüchen gleichen. Teilweise konnten wir wohl seine Mimik dadurch entziffern, daß wir in Italien seine rechte Hand, nämlich seine Frau, genau kennengelernt hatten, welche, obgleich im allgemeinen zugänglicher und gesprächiger, sich doch sehr oft jenes Kommunikationsmittels bedient; aber lebhaft konnte eine derartige Konversation doch unmöglich werden. Das Schlimmste bei dem guten Manne ist, daß die alten Perücken Wiens, unter denen er Sitz und Stimme zu erlangen strebt, ihm immer noch nicht recht trauen; obwohl er sich ihnen äußerlich soviel wie nur möglich gleichmacht; sie sehen in ihm immer noch den wilden Renommisten aus den Tagen des Athenäums und Lucindes, wie unschuldig er jetzt auch für solchen Unfug aussehen mag. Aus Rom hatten wir von Frau von Schlegel einen großen Rekommandationsbrief mitgebracht, dem ein Paket an Herrn von Pilat beigefügt war, der in Wien ein bedeutender Mann ist, auf großem Fuße lebt und noch dazu Schlegels Busenfreund ist. Wir waren gleichwohl bei ihm nur einen Abend, weil wir am anderen Tage erfuhren, daß dieser Pilatus und der Herausgeber der elenden Obskuranten-Zeitung »Der österreichische Botschafter« eins sei; wir werden ihn schwerlich wieder heimsuchen, und vielleicht hatte die durchaus nicht zweideutige Erklärung unserer Meinung einigen Einfluß auf Schlegels Stimmung gegen uns. Es war auch in dieser Hinsicht ebenso unpolitisch meinerseits, daß ich bei der ersten Unterhaltung mit ihm, als er das einzige Mal mit mir über Philosophie sprach, weil mich (zufolge eigener Aussage) Baader in einem Briefe gelobt, Schellings Partei nahm; aber was konnte ich tun? und Rückert machte mir noch Vorwürfe, daß ich dies nicht viel schärfer getan! Was sind wohl zehn Friedrich Schlegel gegen einen einzigen Schelling?

Friedrich v. Schlegel

Friedrich v. Schlegel

Man sagt, daß Schlegel nun päpstlicher Oberbibliothekar am Vatikan zu Rom werden soll. Das wäre gewiß wünschenswert!

Werner besucht Schlegel oftmals, doch hatte ich nicht das Vergnügen, dort mit ihm zusammenzutreffen. Weil mich kein drängendes Interesse trieb, die persönliche Bekanntschaft dieses wunderlich verunglückten Geistes zu suchen, da ich sowohl aus seinen letzten Predigten wie poetischen Produktionen genugsam gelernt, daß ich bei ihm nicht finden würde, was mir an Wissen, Licht und Trost noch fehlt, so verschob ich von Tag zu Tag den Besuch im Augustinerkloster, woselbst er jetzt (doch nicht als Mönch) lebt, bis es zu spät war. Jetzt ärgert mich meine Nachlässigkeit, denn einen solchen Mann in unmittelbarer Nähe zu sehen, ist immer lehrreich, obschon es zu betrübenden Betrachtungen Anlaß gibt. In einem neuen Taschenbuche, »Aglaja«, findet sich ein Gedicht Werners über Italien, welches mich in das lebhafteste Entzücken versetzte; denn es enthält Stanzen, die zum größten Teile eines Dante würdig wären. Ueber den Kampf in Werners Seele zwischen Hochmut und Demut, Heuchelei und Wahrheit, über den Ausbruch seiner nie ruhenden Reue und Gewissensbisse usw. ließe sich viel berichten! Gelegentlich mehr von ihm. – Eigentlich sollte man als Erwachsener nie seine frühesten Jugendabgötter von Angesicht zu Angesicht schauen! Das peinlichste unter den vielen Leiden unseres Erdenlebens ist, nach meiner Meinung, daß man mit jedem Jahre des Weiterschreitens immer weniger und weniger Gegenstände für das süße, unvertilgbare Bedürfnis des Bewunderns findet. Aber es soll wohl so sein, damit man bald zu der praktischen Gewißheit kommt, daß nur Gott allein bewundernswert ist. Doch macht es mich unendlich glücklich, daß wenigstens Schelling die Probe bestanden hat, ja, daß ich ihn nach gehabtem Anblick innerlich noch höher schätzen kann als früher.

Von allen jüngeren Verfassern Wiens ist Grillparzer der einzige, der wahres Talent besitzt und für die Zukunft etwas verspricht. Ich sah die Sappho dieses auch persönlich recht liebenswürdigen Skalden auf dem kaiserlichen Hoftheater aufführen, und Madame Schröder stellte die Sappho des Dichters in einer Weise dar, daß ich glaubte, die Sappho der Vorzeit leibhaftig vor mir zu sehen. So habe ich in meinem Leben nicht Verse deklamieren hören; die ganze Musik der Poesie in ihren feinsten Nuancen, all der prosodische und rhythmische Zauber, der vor des Dichters Ohr erklingt, wenn seine Verse hervorstürzen, den aber eigentlich nur seine Feder, nicht seine Zunge auszudrücken vermag, vereinigte sich hier mit einer äußerst schönen, vollen und jede Saite der Seele anschlagenden Stimme. Der Kulminationspunkt ihrer Deklamationskunst war eine Hymne an Aphrodite, in der Grillparzer mit bewundernswerter Geschicklichkeit die uns übertriebenen größeren und kleineren Fragmente der Sappho zu einem berauschenden Ganzen zusammengeflochten hatte und die, ohne Zwang und Gepränge von Gelehrsamkeit, in Geist, Stil und Versmaß vollkommen griechisch klangen. Diese Hymne rezitierte sie mit einer an Gesang grenzenden Aussprache und begleitete sich dazu auf der Harfe. So ungefähr muß die wirkliche Sappho, so Corinna ihre Gesänge vorgetragen haben. Du kannst es glauben, wir vermeinten wahrhaftig, höhere Sphärenklänge zu vernehmen, und nicht bloß ich weinte, der ich stets ein leicht zu rührendes Heimchen war, sondern auch mein riesenhafter Herzensbruder Rückert war rein außer sich vor glückseligem Schmerz. Dieser Abend war einer der schönsten meines Lebens! Merkwürdig ist, daß die Einwohner Wiens, die im allgemeinen nichts weniger als ätherisch gesinnt sind, sich in dem Grade für diese Tragödie enthusiasmieren, die doch an sich nur eine dramatisierte Romanze ist, ja streng genommen sich in Stoff und Behandlung nicht einmal für das Theater eignet, – daß sie, jedesmal wenn dieselbe aufgeführt wurde, sich in derselben Unzahl einfanden und mit Spannung bis zu Ende lauschten. Ohne Zweifel hat hieran den Hauptteil Madame Schröders orpheische Stimme, die ja selbst bei den wilden Tieren himmlische Gefühle erregt und Leben in Stöcken und Steinen zu erwecken weiß. – Grillparzer, mit dem ich leider nur ein paar Mal zusammenkam, da er so entfernt von mir wohnt und ebenso ungern wie ich seine Wohnung verläßt, um Besuche zu machen, teilte mir mit, daß er niemals so angenehm überrascht war wie an dem Abend, da er bei der Probeaufführung seines Schauspiels zugegen war und hörte, wie Madame Schröder – die ihm persönlich ganz fremd war – jeden Ton und jede Silbe so ausdrückte, als ob sie in der Tiefe seiner Seele gelesen und seine geheimsten Gedanken belauscht hätte. Das kann ich mir lebhaft vorstellen! Wüßte ich, daß ein solches Organ auf die Erzeugnisse meiner geheimsten und heiligsten Flammen harrte, um mit seiner ganzen unverfälschten Wahrhaftigkeit und sinnlichen Bezauberung sie dem Publikum (das mir an sich ziemlich unwesentlich ist) vorzutragen, ja dann glaube ich wohl, daß schon das entzückende Bewußtsein dieses Glückes mich befähigen würde, vortreffliche Dramen zu komponieren. Ich bin neugierig, in Berlin die von Goethe ausgebildete Madame Wolff zu sehen, die bei meinem letzten Aufenthalt in Preußens Hauptstadt nicht anwesend war. Bis auf weiteres gilt mir Madame Schröder als das Höchste ihrer Art.

Franz Grillparzer

Franz Grillparzer

Schrieb ich Dir nicht von Dresden, daß ich sie dort einmal eine Gastrolle als Lady Macbeth geben sah? Auch in dieser Rolle kam sie mir wie ein non plus ultra vor. – Im übrigen muß sich wohl Sapphos Rolle von allen aktiv poetischen Frauenzimmern leicht auffassen lassen, weil sie in den Grundzügen ihre gemeinsame Lebensgeschichte enthält. Jedes derartig geschaffene Weib hat dieselbe unbegrenzte, unerfüllbare Sehnsucht erduldet, hat denselben Kampf mit den Fesseln weiblicher Zurückhaltung gekämpft, dieselbe Illusion von Liebe und heraufdämmernder Seligkeit erfahren, und schließlich – wenn auch nicht gerade körperlich – so doch gewiß geistig mit demselben salto mortale geendet. Entweder stürzen sie sich wie die von christlichen Grundsätzen nicht gebundene Sappho ins Meer, oder (was ohne Zweifel wohler getan ist) sie tun, so gut sie eben können, den Sprung aufwärts in die göttliche Gnade – aber in beiden Fällen ist doch die gänzliche Entsagung auf irdisches Glück das schließliche Resultat, welches sie erreichen. Ja sogar das Los der männlichen Skalden (obwohl diese in geschlechtlicher Hinsicht sich einer freieren Stellung zur Welt erfreuen) fällt im Grunde genommen nicht anders aus. Der unmeßbare Anteil von Erb- und Werksünde, den das Uebergewicht der Phantasie und besonders das gefährliche Geschenk Poesie mit sich führt, straft sich endlich selbst an dem Punkte des innersten Lebens des Sünders, wo die Strafe dann am fühlbarsten ist, weil bei diesem Punkte sich das Himmlische und das Irdische unmittelbar und wechselseitig mit ihrer ganzen Glut und Pracht berühren. Selbstverständlich meine ich mit diesem Punkte, was man Liebe nennt in der gewöhnlichen, menschlichen Auffassung. Und hier trifft ihn nun, als wohlverdiente Strafe dafür, daß er sich (ich zeichne auch mein Porträt! ) zu einem chamäleonartigen Phantom von Grillenfängerei, Eitelkeit, Unbändigkeit in Anspruch und Begierde gemacht hat, die doppelte Verdammnis, daß er sich entweder verliebt, wie Sappho und fast alle Kollegen aus beiden Geschlechtern, in ein Bild eigener Komposition, welches er durch eine optische Täuschung auf irgendwelche fremde Individualität überträgt (die übrigens in ihrer Art oft höchst vortrefflich, wenigstens edler und höher als des phantastischen Liebhabers eigne sein kann!) und dann über kurz oder lang seinen Irrtum einsieht, – was so inhaltsvoll und lakonisch von Grillparzers Sappho in diesem Vers an Phaon ausgedrückt wird:

»Ich suchte dich, und habe mich gefunden« – oder auch, wie mit mir der Fall, daß er, verlassen von der Lebhaftigkeit des Gefühls und der Flamme der Einbildungskraft gerade da, wo er beider am meisten bedarf, nicht einmal imstande ist, sich in diese Illusion zu versetzen, die doch wenigstens für Augenblicke den Puls meines Wesens freudiger und rascher schlagen lassen und gleichzeitig mein bißchen Talent zehndoppelt erhöhen könnte (das sich jetzt noch so wie früher ziemlich mager auf eigene Kosten nährt, obwohl ich eine lange, schillernde Südlandreise in dessen unstillbaren Schlund versenkt habe). Aber jeder Versuch, dieser gerechten Sündenstrafe zu entgehen, ist eine neue Sünde, und bezugnehmend auf den angeführten Vers kann man kühnlich behaupten, daß Egoismus und Uebermut – wenn auch noch so verborgen – schon bei dem bloßen Bemühen, ein Du zu suchen, ihr Schlangenhaupt emporrecken. Gott nur soll man suchen und nichts weiter. Gefällt es ihm, dann ist es für seine Macht ein Kleines, neben so vielen glänzenden Gaben auch das Weihnachtsgeschenk eines Du zu reichen – worunter man im übrigen, wenn man nicht ein wahrer Teufel im Hochmute ist, nicht ein gleiches, sondern ein im Herzen und Streben weit besseres, weit reineres Wesen, als man selbst ist, zu verstehen hat. Für mich sollte es weit leichter sein als für manchen anderen, in diesem Punkt den richtigen Weg zu wandeln, da ich seit längerer Zeit zu dem klaren Bewußtsein gekommen bin, daß sich wohl kaum ein Mann auf Erden findet, der – ausgenommen die positiv schlechten und verächtlichen – so wenig wert ist, die Liebe eines vorzüglichen Weibes zu verdienen, und der so wenig geeignet wäre, ein solches Weib glücklich zu machen, wie – der Schreiber dieser Zeilen. –

Theater gibt es fünf in Wien, von denen jedoch keins ein sonderlich imponierendes Aeußere oder Innere aufzuweisen hat. Indessen, das Kaiserliche Burgtheater ist doch – obwohl es streng genommen weder schön gebaut noch tadellos zweckmäßig eingerichtet genannt werden kann – unter seinesgleichen das prächtigste, und das Theater an der Wien (oder, wie das Volk sagt, Wiedene) ist das heiterste, hat auch die geräumigste Szene. Darum eignet es sich auch vortrefflich zu Balletten. Zu diesen vornehmeren Theatern gehört auch das Am Kärntner Tor, am Ende einer der lebhaftesten Straßen der Stadt. Die Leopoldstädtische Schaubühne habe ich schon beschrieben. Am kleinsten und unbedeutendsten in jeder Hinsicht ist das Josephstädter Theater; dort werden fast nur erbärmliche Stücke aufgeführt, und ohne irgendwelche entschiedene eigentümliche Tendenz (außer der, erbärmlich zu sein!) bemüht sich diese Schaubühne, bald auf dem Kothurn des Würdevollen einherzuschreiten, bald nach der Art des Leopoldstädter Theaters eine Zufluchtsstätte für Volkswitz und Volksfreude zu werden. Oftmals, wenn eine witzige Parodie über irgendeine ernste dramatische Arbeit oder sonst ein hochtrabendes Bühnenstück auf der letztgenannten Bühne aufgeführt wird, dann kommt das Josephstädter Theater hinterher und parodiert die Parodie, gewöhnlich aber sehr dumm und ohne anderes Salz als grobe Plumpheit. Von den Verfassern und Schauspielern dieses Theaters gilt demnach, was der selige Fant einstmals in öffentlicher Vorlesung als Kennzeichen des Bourbonischen Stammes angab, nämlich »daß derselbe nicht fertil sei an guten Köpfen«. Trotz alledem leidet das Theater niemals Mangel an Zuschauern, und im allgemeinen hört und sieht man niemals, daß eins der fünf Theater Wiens leer steht. Es ist in der Ordnung, da das Volk so viel theatralische Schaulust hat, daß die Machthaber hier mehr für Schauspiel, Musik (welch letztere mir überhaupt mit Sorgfalt angeordnet und ausgeführt scheint), Tanz, Beleuchtung und Dekorationen tun, als vielleicht an irgendeinem anderen Theater in Deutschland geschieht. (Das große Berliner, welches rasibus abbrannte mitsamt seinem ganzen Inhalte, hatte doch noch hübschere und zahlreichere Dekorationen.) – Die Schauspieler auf dem Burg- oder Schloßtheater (Kaiserliche Hofschauspieler) sehen sich für bedeutend vornehmer an als die anderen. Doch sind alle drei zuerst genannten Theater von Rang und stehen unter gemeinsamer Leitung und Befehl. Ihre Schauspieler helfen einander gegenseitig aus; gleichwohl wechseln die Hofschauspieler nicht ohne Vorbehalte Plätze mit den übrigen. Als die beiden Hauptsachen, welche die Vervollkommnung des Wiener Theaterwesens verhindern, geben die Wiener selber an: 1) die übertriebene Strenge der Theaterzensur, welche aus der ungereimten Beschränktheit der Regierungszensur entspringt; ich war einmal mit Rückert bei Schreyvogel, der selber Regisseur und Zensor, im übrigen aber ein ziemlich verständiger und gebildeter Mann ist, und hörte, wie er auf das Jämmerlichste seine Not darüber klagte, daß durch die lichtscheue Illiberalität der Mächtigen teils Not um Stücke entstände, die überhaupt aufgeführt werden dürften, und daß andererseits die, welche endlich in Gnaden angenommen würden, fast alle in der bemitleidenswertesten Weise kastriert wären. Der Kaiser selber findet seine Regierungszensur zu streng; aber er bildet sich ein, daß sie ein Fatum wäre, welches er nicht ändern könne; Schreyvogel teilte uns mit, daß der Monarch eines Abends mit großem Vergnügen ein satirisch-komisches Schauspiel aufführen sah, von dem man glaubte, daß es auf gewisse Minister und Magnaten sowie auf verschiedene alte verrottete Staatsmaximen usw. abzielte. Als der Kaiser fortging, sagte er: »Nun, das ist mir schon lieb, daß ich dies lustige Stück gerade bei der ersten Aufführung zu sehen bekam; bis zum nächsten Male hat unsere Zensur gewiß die Hälfte davon gestrichen.« 2) Mangel an vollkommen eifrigem Zusammenwirken der Mitglieder der verschiedenen Theater für ein gemeinsames hohes Ziel und Mangel an gegenseitiger Unterstützung und Aufmunterung im Streben nach Erreichung dieses Ziels.

–Hierbei vergessen die Wiener einen dritten Punkt, der zum großen Teil den vorigen erklärt und vielleicht das wichtigste Hindernis ist: nämlich ihre eigene grenzenlose Genügsamkeit und Zufriedenheit mit allem, was man ihnen gibt, mit allem, was sie aufführen sehen. Selbstverständlich gilt diese Beschuldigung nicht allen ohne Ausnahme; aber wenn man das Berliner mit dem Wiener Theaterpublikum Masse gegen Masse vergleicht, dann ersieht man leicht, daß das erstere zu seinen Schauspielern und Sängern in einem kritischen, das letztere hingegen in einem bewundernden Verhältnis steht. Es ist begreiflich, daß da, wo sich bei den Genannten schon Neigung zu Nachlässigkeit und Bequemlichkeit findet, diese durch leichtgewonnene Bewunderung sehr befördert werden muß. Besitzt hingegen der Schauspieler wirklich Talent, Einsicht von der richtigen Beschaffenheit des Zweckes seiner Kunst und genug Charakter, um dies klar festzuhalten, so kann diese heitere und freundlich zuvorkommende Sinnesstimmung seines Publikums höchst vorteilhaft auf seine Ausbildung in der Kunst wirken durch das eigene herzliche Verhältnis, welches auf diese Weise ihn nach und nach fester und fester an seine Zuschauer und Zuhörer fesselt – eine persönliche freundschaftliche Inspiration. Sollte ich mich im übrigen für eins der beiden Extreme, zuviel Bewunderung oder zuviel Kritik, hinsichtlich ihres Nutzens oder Schadens bei ihrer Anwendung auf Poesie, Kunst, ja geistige Produktion im allgemeinen, entscheiden: dann schlüge ich mich ohne weiteres auf die Seite der Bewunderung. Lieben ist in jeder Hinsicht fruchttragender als beurteilen. Ich folgte auch in den Wiener Theatern dem Beispiel der Eingeborenen, so gut ich konnte; wenn ich auch gerade nicht alles, was ich dort sah, bewunderte, so befaßte ich mich wenigstens nicht viel mit Kritik.

Ich könnte Dir noch Verschiedenes über die Wiener Theater berichten, aber es ist, offen gestanden, alles nur von geringem Interesse. Nur die Kinderballette, welche bisweilen auf dem Theater der Wiedener Vorstadt aufgeführt werden, verdienen der Erwähnung; gäbe es nicht die allen Blicken unwillkürlich auffallende sublime gotische Stephanskirche (dieser herrliche Bau ist in Wien der einzige Gegenstand, welcher den Beschauer in eine ältere Zeit zurückversetzt, denn sonst herrscht in dieser Hauptstadt die Gegenwart und deren Genuß überwiegend vor), um welche ich jeden Abend meinen Spaziergang auf ihrem von Lampen und oft vom Mondschein phantastisch beleuchteten Platze machte, wobei ich die Bildwerke der Portale betrachtete, welche gnostische, ja vielleicht Tempelherren-Mysterien vorstellen, so hätte Wien kein einziges poetisches Objekt von eigenem Wiener Ursprunge aufzuweisen als die erwähnten Kinderballette; denn die bescheidene Caroline Pichler, eine gutmütige, verständige und fleißige Ehrenfrau, die in einer der Vorstädte wohnt und von Madame Staël recht witzig la Muse du faubourg genannt wurde, kann sich doch wohl nicht mit der Stephanskirche messen, obwohl sie und jene die beiden Hauptmerkwürdigkeiten sind, welche alle in Wien ankommenden Fremden aufsuchen (ich aber nicht, denn ich habe Frau Pichlers Bekanntschaft nicht gemacht, obwohl mich Rückert und mehrere andere zu ihr führen wollten; ich kenne schon mehr als zu viele Frauen!). Vom moralischen Standpunkt aus müßte man sicherlich die Wiener Kinderballette, deren außerordentliche Schönheit in ganz Deutschland bekannt ist, verdammen, denn es ist leicht zu begreifen, daß ein wahres Wunder dazu gehört, um aus dieser Masse armer Kinder, welche das Theater schon im zartesten Alter in dürftigen Sold nimmt, um sie dazu abzurichten, dem Vergänglichsten des Vergänglichen, nämlich der bloßen sinnlichen Lust, zu dienen (und um deren Seelenbildung sich im übrigen kein Mensch bekümmert), eins oder einige für eine höhere Aufgabe des Menschengeschlechts zu retten. Wohl kann man mit einem gewissen Schein von Wahrheit sagen: diese Kinder waren vom Schicksal dem Elende preisgegeben, und nun können doch viele von ihnen sich ihren Unterhalt verschaffen, ja sogar den ihrer Eltern (wie dies die schönste und talentvollste dieser jungen Tänzerinnen, Angiolina Mayer, tut, welche im Alter von 13 oder 14 Jahren schon 2000 Gulden Jahreseinkommen hat), und zwar in einer Weise, die wenigstens nicht verbrecherisch ist, während sie im anderen Falle wahrscheinlich usw. In jedem Falle werden diese Kinder moralisch dem Moloch geopfert, obwohl die Wiener die Sache nicht so strenge auffassen, im Gegenteil mir die Versicherung gaben, daß viele Mütter aus den höheren Ständen ihre Kinder aus freien Stücken den Ballettkindern und deren öffentlichem Auftreten auf dem Theater vor versammeltem Publikum beigesellten, damit sie in dieser gründlichsten Schule bei Zeiten die im gebildeten Gesellschaftsleben unentbehrlichen Künste des Tanzes und der Koketterie erlernten. Das Unrichtige, moralisch Schädliche der Sache zugestanden, kann man sich doch nicht enthalten, das glänzende Aeußere derselben höchst poetisch und sagenhaft entzückend zu finden; die Stoffe zu diesen Balletten werden kluger Weise immer aus Feengeschichten und ähnlichen Kindersagen gewählt, und man glaubt sich wirklich bisweilen auf Augenblicke beim Anschauen dieses Gewimmels von kleinen hübschen, luftigen, schimmernden Wesen in das Reich der Sylphen und Elfen versetzt, um so mehr, als alle nur mögliche magische und phantastische Pracht in Kleidung, Dekorationen, Beleuchtung usw. aufgewendet wird und man deutlich in den Gesichtern der hervorragenderen dieser Kinder lesen kann, wieviel Freude es ihnen macht, auf einem öffentlich ausgestellten, greifbar vorhandenen Zaubertummelplatz mit ihresgleichen Träume, Ahnungen und Wunder ihres Alters zu spielen. Besonders war ich beim zweiten Male entzückt, als ich ein derartiges Kinderballett, die Berggeister genannt, aufführen sah; in der ersten Berauschung schuf ich ein kleines Gedicht, welches natürlich die Sache nur von der schönen Seite ansieht. Ich will es Euch nach meiner Heimkehr mitteilen.

A propos Kinder, da fällt mir der kleine Napoleon ein, welcher der gemeinsame Abgott aller Wiener ist. Ich sah ihn einmal im Prater aus einiger Entfernung; er hat eine ansprechende Gesichtsbildung und helles, lockiges Haar; das Blonde hat er natürlich von der Mutter. Diese, nachdem sie eine Zeitlang eine exemplarische Treue und Ergebenheit für das Andenken ihres Gemahls an den Tag legte, hat ihn nunmehr in den Armen Neippergs vergessen, der ihr Günstling und Steuermann ist, auf dessen Person sie alle höheren Staatsämter und Würden der Herzogtümer Parma und Piacenza zusammengehäuft hat. – Der Sohn hat zum Lehrer den äußerst tüchtigen und achtungswerten Literaten Matthäus von Collin (Bruder des verstorbenen Dramatikers, von dessen wohlgemeinten tragischen Federgeburten ich auf dem kaiserlichen Schloßtheater die »Horatier und Curiatier« gesehen habe und herzlich Gott dankte, als sie ausgespielt waren!), Herausgeber der »Wiener Jahrbücher der Literatur«, welche sich die Uppsalenser Lesegesellschaft anschaffen sollte, da sie gegenwärtig sicherlich die beste literarische Zeitschrift Deutschlands bilden; auch Professor v. d. Hagen und Büsching arbeiten fleißig an diesem Journal. – Der Knabe Napoleon soll einen durchdringenden Verstand und sehr viel Eigensinn besitzen; durch Fragen, welche seinen Vater und dessen Schicksal betreffen, setzt er mitunter diejenigen, welche mit ihm umgehen, in große Verlegenheit; auch glaubt man zu bemerken, daß er viel mehr über seinen Vater nachdenkt und von ihm weiß, als er mit Worten verrät. Dieser Prinz, falls er wirklich etwas von seines Vaters Genie besitzt und es dem österreichischen Hofe nicht gelingen sollte, ihn dumm zu machen, – kann der heiligen Allianz noch sehr gefährlich werden. Der Held des Volkes würde er augenblicklich, und die jetzige Zeit ist so mit Revolutionsstoffen überfüllt, daß es wohl nicht lange dauern kann, bis eine neue Kette von Explosionen beginnt. Wäre es möglich, daß in ihm ein veredelter Pater redivivus erstehen könnte, dann hätte Europa alle Ursache sich zu freuen. – Hast Du Fichtes kleines Buch über den Begriff des wahrhaften Krieges gelesen? In ihm findet man, nach meiner Ansicht, die vernünftigste und billigste Charakteristik Napoleons, die ich bis jetzt gesehen; es steht kein Wort darin, das nicht den Nagel auf den Kopf träfe.

Erzherzog Karl ist ein kleiner Mann geistreichen Aussehens. Wäre er Kaiser geworden und hätten ihn die Ausschweifungen seiner Jugend nicht erschlafft, dann wären wohl zuerst die Franzosen und jetzt die Russen in Schach gehalten worden. – Kaiser Franz sieht aus wie ein alter gemütlicher Oberstleutnant, der sich auf dem Lande zur Ruhe gesetzt hat; in Wien heißt er allgemein das gute Fränzel. Uebrigens läßt nachgerade selbst die österreichische Geduld nach: man klagt laut über das Papiergeld, den Zensurzwang, die Monopole usw. – Erzherzog Karl, der viel liest und ein großer Freund der Poesie ist, lud neulich unsern Rückert zu sich ein, wobei sich die Adjutanten, Kammerjunker usw. nicht wenig über des Dichters Riesengestalt wunderten und ob seiner altdeutschen Tracht entsetzten. Man hat am österreichischen Hofe eine ungeheure Abneigung gegen alles, was im vollkommenen Ernste deutsch sein will, so z. B. darf des vortrefflichen Uhlands gediegene Tragödie Herzog Ernst von Schwaben auf den Wiener Theatern nicht aufgeführt werden, weil sie allzu deutsch ist! Ich bin neugierig, wie es mit dem guten Grillparzer gehen wird, der nun, bis auf weiteres, von der Regierung sehr begünstigt ist, vermutlich, weil er sich bis jetzt nur eines gewissen Griechentums befleißigte und außerdem sich ordentlich zwei Stunden täglich auf einem Zollbüro aufhält, bei dem er angestellt ist (in Wien muß man nämlich alle Poeten in Büros und Kollegien aufsuchen!); aber er beichtete mir in seinem gutmütigen Wiener Dialekt, daß er nach Vollendung einer ebenfalls der Griechenwelt entnommenen Trilogie »Das goldene Vliess« (die Geschichte von Jason und Medea) auch beabsichtigt, sich recht ernsthaft mit dem Mittelalter und vaterländischer Geschichte anzustrengen. Da dürfte ihn denn doch die österreichische Zensur in die Klemme bringen, wenigstens fürchtet er dies schon im voraus. – Hat nicht auch Wallmark, um die Anhänger der Romantik in Schweden zu ärgern, die aus französischen in italienische Blätter übergegangene lächerliche Nachricht über diesen jungen Dramaturgen als einen Umstürzer des Ansehens der romantischen Schule verbreitet? – Sehr eifrig arbeitet dagegen eine alte Schauspielerin, die Frau Johanna von Weissenthurn, die in demselben Hause mit uns und Freund Fürst wohnt, durch dramatische Arbeiten aus eigener Feder einen gesunden Anti-Shakespeareschen Geschmack aufrechtzuerhalten oder besser wiederherzustellen. Sie ist recht nett, aber weder ich noch Rückert hatten Lust, die durch den Dänen Fürst angeknüpfte Bekanntschaft fortzusetzen, seitdem wir eins ihrer Ritterschauspiele, »Adelheid von Burgau«, gesehen haben. Es war in jeder Hinsicht ein Ragout aus alten Lederhosen.

Grüße Häffner und sage ihm, daß ich am 8. Dezember 1818 im kaiserlichen Redoutensaal Händels Alexanderfest prachtvoll von 400 Amateurs unter dem Kapellmeister Hauschgas aufführen hörte. Das Ganze machte einen trefflichen Eindruck; die Musik ist erhaben, aber ich lernte nun zum ersten Male, daß der Text zu derselben (von Dryden) recht dumm ist. – Beethoven habe ich auch bei einem Privatkonzert gesehen. Der Mann ist kurz gewachsen, aber stark gebaut, hat tiefsinnige, melancholische Augen, eine hohe, gewaltige Stirn und ein Antlitz, in dem sich nun keine Spur von Lebensfreude mehr lesen läßt. Seine Taubheit trägt hierzu in betrübender Weise bei, denn er ist jetzt, was man stocktaub nennt. Dies macht auch, daß er am liebsten in der tiefsten Einsamkeit lebt und selten ein Wort spricht. Er lebt von einer fürstlichen Pension und schafft mit rastlosem Feuer und Fleiße allerhand musikalische Arbeiten; gleichzeitig erzieht er einen armen Bruderssohn mit vieler Liebe und Sorgfalt. Man sagt, und dies will ich gern glauben, daß er von Gemüt und Charakter herzlich, redlich, uneigennützig und kraftvoll sei. – Er dirigierte selbst das Konzert, bei dem ich ihn sah; man führte nur Stücke von ihm oder von Meistern auf, die er hinlänglich kannte, um deren Musik innerlich zu hören, denn daß er mit dem äußeren Ohre von ihnen nichts hörte, obwohl sein scharfes Auge die Art ihrer Ausführung fast immer gewahrte, sah ich besonders bei einer großen, obwohl kurzen Taktverwirrung der Spielenden und dann bei einem Piano, welches dieselben in der Hast nicht als solches ausdrückten. Beethoven merkte nichts von allem. Er stand wie auf einer abgeschlossenen Insel und dirigierte den Flug seiner dunklen, dämonischen Harmonien in die Menschenwelt mit den seltsamsten Bewegungen, so z.B. kommandierte er pianissimo damit, daß er leise niederkniete und die Arme gegen den Fußboden streckte, beim fortissimo schnellte er dann wie ein losgelassener elastischer Bogen in die Höhe, schien über seine Länge hinauszuwachsen und schlug die Arme weit auseinander; zwischen diesen beiden Extremen hielt er sich beständig in einer auf- und niederschwebenden Stellung.

Ludwig van Beethoven

Ludwig van Beethoven

Musik scheint in Wien beim ersten Anblick einen populäreren Grund und Boden zu haben als irgendwo anders, und man hat über den Geschmack der Wiener in dieser Beziehung viel Rühmendes drucken lassen; wahr ist, daß hier fast alle Leute von beiden Geschlechtern Amateurs sind, daß die Menge der Virtuosen auf allen Instrumenten kaum zu zählen ist und daß unaufhörlich Konzerte, sowohl öffentliche wie private, aufgeführt werden. Aber ob wohl nicht hier wie überall die Menge in der Musik bloß einen Sinnenkitzel und ein Modevergnügen sucht? Man kann hiergegen einwenden, daß dies für den Komponisten ebensowohl wie für den wirklichen Musikliebhaber ganz gleichgültig sein kann, wenn nur die Leute die Arbeiten tüchtiger Meister gut bezahlen und geschickt ausführen, da in jedem Falle die großen Komponisten eigentlich bloß für sich selber und einige verwandte Seelen komponieren. Aber leider haben mir gründlich Unterrichtete versichert, daß die elegante Gesellschaftswelt in Wien ebenso wie an anderen Orten den höchsten Wert bei Wahl und Beurteilung von Musikalien nur in die Neuheit setzt, nur das schätzt, was der Tag hervorbringt, und dies bald vergißt, um Platz für etwas anderes ebenso Ephemeres zu machen. Und so kommt es, daß wie Oesterreichs Hauptstadt gleichsam eine eigene Literatur besitzt, aus Poeten, Tageblattschreibern und allerhand Büchern bestehend, die in Wien gedruckt und verkauft werden, aber außerhalb der österreichischen Grenzen vollkommen unbekannt bleiben, so hat es auch seine eigenen Tag-Komponisten, deren Namen ich dort zum ersten Male hörte, obwohl sie mehr in Mode sind als Haydn und Mozart. Um die Riesen Bach und die Helden der älteren Musik kümmert man sich noch viel weniger. Vor Beethoven hat man zwar einen gewissen Respekt, aber dies rührt vermutlich zum Teil davon her, daß er noch körperlich unter ihnen umherwandelt und von Zeit zu Zeit durch neue Arbeiten von sich hören läßt, zum Teil auch davon, daß seine Musik gern künstlich und seltsam zu sein pflegt und deshalb Virtuosen und Amateurs ein weites Feld öffnet, auf dem sie mit Spielfertigkeit glänzen können. – Wann wird man endlich in der Musik anfangen, womit man in Poesie und Malerei schon begonnen hat, nämlich sich historisch und philosophisch zu orientieren? – Einer der modernen, netten Wiener Komponisten, der Moscheles heißt, ist auch Mitglied der Ludlamshöhle (ich feierte dort mit ihm und einer Menge anderer Musiker den Neujahrsabend und begrüßte zwischen Punschglas und Gesang das neugeborene Jahr). Er macht verschiedene recht niedliche Sachen. Ein anderer, welcher eigentlich tieferes Genie und Streben hat, ja den Weg der alten Meister ernstlich betreten will, heißt Kanne und ist gleichzeitig Poet; aber er hat trotz größter musikalischer und poetischer Anlage das wunderbare Mißgeschick, in beiden Kindbetten immer Mißgeburten zu gebären. Er hat mir eins seiner poetischen Werke, die Tragödie Padmana, geschenkt, die Dir beweisen kann, wie poetisch die Natur dieses Menschen ist und welches entschiedene Künstlerungeschick er gleichzeitig hat. Er ist hierüber äußerst schwermütig und, isoliert von seinen Wiener Mitbrüdern, die er in Natur und gutem Willen wirklich übertrifft, schloß er sich in rührender Weise an Rückert und mich an, besonders aber an mich, dessen milderes und freundlicheres Auftreten ihm mehr Vertrauen einzuflößen schien als Rückerts äußerlich stolzeres und strengeres Wesen. Er ist überdies ein Ehrenmann und ein Jugendfreund von Steffens. Aber womit sollte ich ihn trösten? Fortiter agere et fortiter pati – ach! wenn man dies nur immer könnte! – Ein poetisches Schauspiel in Wien ist auch das bisweilen vorgenommene Schneeschaufeln bei Fackelschein; betrachtet man dies vom Ende einer langen Gasse aus und blickt so hinab, dann macht es einen eigentümlich prächtigen Eindruck. Ich sah es nur einmal, weil kein Schnee mehr fiel. Erinnere mich doch, wenn wir erst wieder mündlich miteinander verkehren, an einen herrlichen Abend im Prater (während des Winters sieht man von diesem Sommer-Elysium der Wiener nur die kahlen Baumgänge und die zahllosen, aber nun zum größten Teile leeren Kaffee- und Vergnügungshäuser, welche gleichsam trauernd in der weiten Oede zerstreut umherliegen), da die Kaiser von Rußland und Oesterreich dort zusammen speisten. Denke Dir ein non plus ultra von himmlischer und irdischer Beleuchtung, Mond, Sterne, weißfarbiges griechisches Feuer, rotflammende Marschälle und Windlichter in allen Alleen vom Prater bis Wien; in den wunderbaren Abwechselungen von Licht und Schatten Soldaten, Jäger, Pferde, glänzende Wagen, alle möglichen Farbentöne und buntes Menschengewimmel. – Man sieht in Wien eigentlich keinen gemeinen und häßlichen Pöbel wie in den meisten Hauptstädten. Das fröhliche wohlhabende Volk sieht ebenfalls ordentlich und auch gutmütig aus. Viel Angenehmes liegt im Wiener Dialekt; ich hörte nie den hier allgemein gebräuchlichen Gruß »Grüß Dich Gott«, ohne daß mir nicht ordentlich wohl ums Herz wurde, so naiv und herzlich klang die Wiener Aussprache. Die österreichischen Volksmelodien sind, zum größeren Teile unendlich schön. Sie sind mit den schwedischen verwandt, aber doch lustiger; sie stehen etwa in der Mitte zwischen schwedischen und Tirolern.

Das weibliche Geschlecht sieht heiter, frisch und blühend aus, aber, wie ich im allgemeinen zu finden glaubte, nicht besonders seelenvoll; eine gewisse ungekünstelte Freundlichkeit und Gutmütigkeit, allein zugleich ein ungezügeltes sanguinisches Temperament, Mangel an bestimmter Individualität, starke Neigung zur Wollust usw. spricht unverkennbar aus dem Aeußeren der Wiener Schönen, aus ihren Gesprächen und Benehmen. Man beschuldigt sie, daß sie im allgemeinen sehr ausschweifend seien, sowohl im unverheirateten als verheirateten Stande, besonders aber doch als Ehefrauen. Ich lasse es dahingestellt, wieviel von dieser Beschuldigung begründet sein mag, nur so viel muß ich sagen, daß ich sie nicht allein von Fremden, sondern auch von eingeborenen Wienern aussprechen hörte; doch muß ich hierbei bemerken, daß diese letzteren selber in einer Weise lebten, die keineswegs zur Verbesserung der Moralität der Frauenzimmer geeignet war, und in Verbindungen, deren Beschaffenheit billigerweise nicht als ausschließlicher Maßstab angewendet werden darf. Also mag es wohl auch in Wien manche Beispiele weiblicher Keuschheit und im allgemeinen weiblicher Tugend geben (in welcher Beziehung übrigens ein einziges reines Individuum mehr beweist als tausend befleckte). Was mich betrifft, so hatte ich weder Gelegenheit noch Lust, mehr als die Oberfläche zu studieren, und will bloß die unschuldige Bemerkung einflechten, daß die Schönheit der Wienerinnen weder die edle Regelmäßigkeit noch den majestätischen Ausdruck zeigt, welche beide zum Gepräge der römischen Schönheiten gehören, sogar mitunter der ausgesprochen liederlichen; freilich ist dies Grandiose, Feierliche, Vollreife, welches stets einen Schein des ewig Idealen trägt, bei den meisten wohl nur eine physische Eigenschaft; aber diese ist doch ein sichtbares Zeichen, wieviel eine andere Erziehung oder auch nur etwas Erziehung, gleichviel von welcher Beschaffenheit (denn die römischen Mädchen erhalten eigentlich gar keine), aus diesen Naturen bilden könnte – und herrlich ist in jedem Falle diese göttliche Begünstigung, welche bewirkt, daß ein wirklich schönes römisches Weib, auch wenn es der niedersten Klasse angehört, neben einer Wiener Modeschönheit sich geradeso ausnimmt wie eine Königin neben einer Bürgermamsell. Und trotz alledem werden doch die französischen Damen, deren Schönheit und sonstiges Wesen nichts ist als das vollendete Kammerjungferideal, den Römerinnen vorgezogen von allen Leuten ihres Geschmackes, für deren Geist innere Poesie, Bildhauerei und Malerei fremde Dinge sind; bei allen Männern ohne Phantasie siegen die Französinnen über die mächtigen römischen Nebenbuhlerinnen etwa in derselben Weise wie Ruderkanonenboote über Linienschiffe im seichten Wasser.

Drei Dinge fand ich in Wien völlig unausstehlich; 1) das Klima, welches mit rastloser und größter Schnelligkeit bisweilen mehrere Male des Tages in schneidenden Wind und drückende Feuchtigkeit umwechselt – nur wenige Tage erlebte ich dort, die wirklich schön genannt werden können; nächstdem 2) der hohe Preis des Weines und dazu dessen erhitzende Eigenschaft – es verging lange Zeit, ehe ich mich, von Italien kommend, daran erinnern konnte, daß Wein nördlich von den Alpen anders wirkt und anders bezahlt wird als Dünnbier; – endlich 3) das entsetzliche Fahren und Lärmen der Fiaker, welches in Wien noch schlimmer ist als in Neapel (bekanntlich die Stadt Europas, wo man am meisten schreit und lärmt), so daß in Wien eine besondere Kunst dazu gehört, besonders zur Schlußstunde der Theater, sich durch die Gassen zu bewegen.

Oehlenschlägers Ansehen in Deutschland beginnt nun auf die Neige zu gehen, sogar hie und da in Wien, woselbst er viele persönliche Freunde hat und eine Zeitlang die Zuneigung des Publikums in hohem Grade besaß. Die Eitelkeit, welche ihn einst zur Deutschschreiberei trieb und noch treibt (auch ich war nahe daran, bei meinem ersten Besuch Deutschlands in vollem Ernste denselben Irrweg zu betreten, und erst in Italien glückte es mir, mich von dieser Torheit loszumachen!), hinderte ihn gleichwohl nicht, dies in einer so leichtfertigen Weise zu tun, daß die Deutschen endlich seiner überdrüssig geworden sind. Es ist auch neben vielem anderen wunderbar, wie dieser Mann, der doch so manches lange Jahr deutsch geschrieben hat, die deutsche Sprache miserabel behandelt.–

Aus Rücksicht auf die Gelehrten muß ich wohl auch über die Universität etwas berichten, doch ist darüber nicht viel zu sagen. Sie lebt im alten Schlendrian fort und soll sich nur in der medizinischen Abteilung auszeichnen, so behaupten wenigstens die Wiener. Uebrigens habe ich mich um diese Universität nicht weiter bekümmert, als daß ich einmal den neuesten Katalog der Vorlesungen las, den sich der nach Konstantinopel durchreisende Berggren gekauft hatte. Unter den Lehrern fand ich kaum zwei oder drei Namen, die außerhalb Wiens in der gelehrten Welt bekannt gewesen wären. Man sagte mir (und dies halte ich für glaublich, da die katholischen Universitäten im allgemeinen schulmäßiger sind als unsere), daß sowohl die Lehrer wie die Hörer weit strenger an vorgeschriebene Pflichten und Verhalten gebunden sind als bei uns, und zwar die ersteren in Wahl der Lehrgegenstände und Lehrbücher, in Methode und Vortrag, die letzteren aber hinsichtlich des Besuches der Vorlesungen der Erstgenannten. Es läßt sich schwerlich leugnen, daß die größere geistige Freiheit, nach beiden Seiten hin, den protestantischen Universitäten den sichtbarlichen Vorzug gibt, dessen Vorhandensein auch von allen verständigen und frei gebildeten Katholiken eingeräumt wird. Vielleicht wird aber hierdurch, besonders auf den norddeutschen Universitäten, das Lossein von allem Zwang zu sehr befördert, also ein Streben nach falscher Freiheit oft vorherrschend. Ich glaube, daß wir in Uppsala den Mittelweg halten, der hierin gewiß der rechte ist. – Zufolge des oben Gesagten darfst Du Dich nicht darüber wundern, daß hier Disputationen viel mehr in Gebrauch sind als in Norddeutschland, doch treibt man wohl nunmehr dieses pedantische Unwesen, durch welches in unserer Zeit äußerst selten etwas Brauchbares hervorgebracht wird, nirgends so arg wie in Schweden. Unsere latinisierenden Professoren sind nicht wenig stolz darauf, daß ihre deutschen Mitbrüder zum größeren Teil das Lateinische schlechter sprechen und schreiben, obwohl sie nichtsdestoweniger diese Sprache lesen und verstehen. Diese hingegen finden es von jenen höchst lächerlich, daß sie dahinleben und ins Grab steigen, ohne etwas mehr als ein Dutzend Dissertationen hervorzubringen, von welchen überdies die meisten bloß zum Hausbedarf verwendet werden und kaum ein einziges Flugblatt über die Ostsee kommt. Hierzu kommt noch, daß ihre Latinität obendrein trotz aller Mühe dürr und verschimmelt ist und daß das bißchen Inhalt, welches man nach Abschaben des Schimmels herausholt, gegenwärtig fast immer aus den ordentlichen und reichhaltigen Büchern genommen ist, welche die unlateinischen Deutschen mittlerweile in ihrer eigenen Muttersprache schreiben, die viel wissenschaftlicher ist als die lateinische.

Von der Kaiserlichen Bibliothek und Herrn von Hammers Büchersammlung habe ich mir gemerkt, was mich von dem Gesehenen am meisten interessierte; aber Du erläßt mir wohl das Niederschreiben meiner Wahrnehmungen. In jedem Falle, dies muß ich von vornherein gestehen, wird der bibliographische Teil meiner Reiseaufzeichnungen, wenn ich überhaupt dazu komme, sie zusammenhängend niederzuschreiben, der dürftigste werden. Aber ich tröste mich damit, daß sowohl Hammarsköld als Schröder vor meiner Abreise genügend damit bekannt waren, wie ungelehrt und unbibliothekarisch ich bin. Am meisten gefiel mir unter Hammers reichem persischen Büchervorrat ein länglicher, zierlich geschriebener und von Wohlgerüchen duftender Musenalmanach, den Hammer in die Tasche zu stecken pflegt, wenn er spazierengeht, außerdem unter den kaiserlichen Manuskripten verschiedene rare und alte Andachtsbücher mit Goldbuchstaben und köstlichen Miniaturmalereien auf Pergament, z. B. ein von Karl dem Großen in Versen dem Papste dediziertes Psalterium.

Wenn ich einmal ans Briefschreiben komme, dann will es auch kein Ende nehmen; deshalb muß ich mich beeilen, zum Schluß zu gelangen! – Ich kann nicht begreifen, woher ich soviel Geplapper über Wien nehme, das doch im ganzen auf mich nur einen unbedeutenden Eindruck gemacht hat. Wien ist, obgleich die Straßen im allgemeinen etwas eng sind, eine ziemlich wohlgebaute Stadt mit hohen Häusern und munteren Einwohnern, aber weiter auch fast gar nichts. Ich lebte sehr still, schrieb Verschiedenes und übersetzte u. a. meine deutschen Sonette über die Jungfrau Maria, welche Schelling so sehr gefielen, vom Deutschen ins Schwedische. Auch entwarf ich den Plan zur Redaktion meiner Reiseerinnerungen und einer Sammlung meiner Jugendschriften, mit deren Herausgabe ich nach meiner Heimkehr beginnen will. Im übrigen waren Rückert und Fürst meine täglichen Gesellschafter, und wir verlebten wenigstens einen Teil unserer Abende immer in Gemeinschaft. Während der Mittagsstunde promenierten wir auf den Bastionen. Außer drei Malern, Olivier und zwei Brüdern Schnorr (in der liebenswürdigen Familie des ersteren feierte ich einen angenehmen Weihnachtsabend, der durch einen prächtigen Christbaum und ein vom Hausvater selbst vorzüglich gemaltes Transparent, Christus in der Krippe vorstellend, verherrlicht war), alle drei Künstler von ausgezeichnetem Werte (sie gehören zu der sogenannten neuen deutschen, aus der altdeutschen sich bildenden Malerschule, deren Hauptsitz in Rom ist; der ältere Schnorr hat bestimmte Aussicht, der Direktor der Malerakademie Wiens zu werden) und ungekünstelte, herzliche Menschen, erwarb ich auch einen originellen sonderbaren Bekannten in der Person eines gewissen Wähner, der den ersteren in naher Freundschaft verbunden war und in seinem Leben allerhand seltsame Schicksale durchgemacht hatte. Er hat Norddeutschland, woselbst er geboren worden und Priester gewesen ist, nebst diesem Stande aufgegeben und lebt nun unabhängig von der ganzen Welt. Er hat sich in Wien niedergelassen und dort angefangen, eine Zeitschrift namens Janus herauszugeben, vermittelst welcher er die Wiener von ihrer Philisterei bekehren will und mit ihnen sowie mit seinen Tageblattskollegen etwa so schwiert wie früher Polyfem in Stockholm. Bei alledem konnte ich in Oesterreichs Hauptstadt nicht gedeihen. Nachdem ich von Frau Helvig schließlich durch den zum Legationsprädikanten in Konstantinopel ernannten Berggren Antwort auf das erhalten hatte, was ich ihr gleich nach meiner Ankunft in Wien geschrieben, wurde meine Abreise doch noch beinahe um drei Wochen durch die Schwierigkeiten verzögert, welche sich mir im Auftreiben einer bequemen und einigermaßen billigen Reisegelegenheit von Wien nach Breslau entgegenstellten; meine Stimmung verdüsterte sich mehr und mehr, und meine Gesundheit verschlechterte sich; zuletzt bildete ich mir ein, daß ich Gicht, Steinpassion und Lungenentzündung zu gleicher Zeit hatte und in Wien sterben würde, wenn ich nicht bald davonkäme. Es half mir wenig, daß man mich in jeder möglichen Weise zu zerstreuen suchte, mich mit einigen närrischen Kaufleuten bekannt machte, mich unter sogenannten Merkwürdigkeiten umherführte, mir Giraffen und brasilianische Vögel, Malereien von Rubens (in der kaiserlichen Bildergalerie ist, außer in einigen Zimmern, die mit guten altdeutschen Malereien gefüllt sind, nicht viel zu holen für einen, der aus Italien kommt), im Schönfeldschen Museum altertümlicher Kunstarbeiten einen kleinen häßlichen Baffometus und die Uhr zeigte, welche Hus gehört hatte, sowie im kaiserlichen Arsenal Scanderbegs Schwert. Hier muß ich doch bemerken, daß ich noch nirgends ein so geschmackvoll dekoriertes Arsenal gesehen habe. Das Venetianische ist zwar in mancher Hinsicht imposanter, aber nicht so malerisch eingerichtet. Das Wiener war auch reich an prachtvollen, vollständigen Rüstungen, welche berühmten Monarchen und Rittersleuten angehört hatten, so standen dort z. B. alle Altvorderen des Hauses Habsburg, von Rudolf an, gewappnet und mit porträtähnlichen Wachsmasken versehen in einer ehrwürdigen Runde; in ihrer Gesellschaft befand sich auch der erwähnte tapfere Epirot Scanderbeg, den ich mit nicht geringerem Gefallen betrachtete wie sein gewaltiges Schwert, wobei ich mich daran erinnerte, wie sehr ich mich in meinen Kinderjahren beim Lesen seiner Geschichte freute, in der berichtet wird, daß er bei jedem Treffen so viel Türkenblut vergoß, daß der Schwertgriff an seiner Hand kleben blieb, so daß nach beendigtem Streite jedesmal erst eine Schüssel warmes Wasser herbeigeschafft werden mußte, um darin den geronnenen Blutkitt aufzulösen. Hätten wir doch einen ähnlichen Christen in Schweden, um die Russen zur Ader zu lassen! – A propos! närrische Kaufleute: die ästhetische Kultur hat unter den Grossierern Wiens so große Fortschritte gemacht, daß einer von diesen – seinen Namen habe ich vergessen, obwohl ich selbst bei dem lächerlichen Spektakel zugegen war – jeden Sonntagvormittag um 11 Uhr in seinem Hause Deklamatorien gibt, bei denen er freilich in eigener Person, bisweilen ganz allein, bisweilen in Wechselrezitation mit seinem Sohne, Verse deklamiert, daß Gott sich erbarmen möge. Glücklicherweise war das Gedränge von Herren und Damen so groß – viele kamen aus Werners Predigt! –, daß ich unbemerkt in einem Winkel mit Rückert bald aus Herzensgrunde fluchen, bald lachen konnte. Für Rückert war es übrigens etwas schwieriger, in solcher Weise seinen Gefühlen Luft zu machen, alldieweil er die ganze Gesellschaft um eines Hauptes Länge überragte. Goethes Erlkönig wurde vom Kaufmanne selbst, mit einer schnarrenden, eintönigen Viertel-Baßstimme rezitiert in einem Rhythmus, der ungefähr dem ähnelte, was Häffner einen Trippeltakt nennt, so daß er, kurz gesagt, 50 Stockprügel verdient hätte. Auch ein Stück Rückerts, eine Art Preis- oder Wettgesang (sogenanntes Tenzone) zwischen ihm und seinem Freunde Uhland, wurde von den beiden ehrbaren Reimerhäuptlingen Castelli und Deinhardstein (dieses Deinhardsteins Vorname ist Muckerl, d. h. Nepomuk in der Wiener Aussprache; da er nun gefunden hat, daß es für einen großen Mann unpassend ist, Muckerl zu heißen, so hat er sich die Vornamen Ludwig Ferdinand zugelegt) mit einem so verkehrten Pathos vorgelesen, daß Rückert darob in Raserei geriet, obgleich das Ganze nur geschah, um ihm, der jetzt in Deutschland ein großes Ansehen genießt, ein Kompliment zu machen. Ein anderer Kaufmann namens Rupprecht, welcher Mitglied der Ludlamshöhle ist und zu deren Vergnügen dann und wann Hurenlieder komponiert, obwohl er persönlich ein stiller, nüchterner, magerer und ordentlicher Ehemann ist, hat auf eigene Kosten eine sehr zierlich gedruckte Sammlung von Uebersetzungen aus englischen Dichtern herausgegeben, um, wie er in der Vorrede sagt, die deutsche Poesie auf einen vernünftigeren Weg zu führen; zu diesem Endzwecke hat er sich die dürrsten und prosaischsten Originale ausgesucht und das Ganze dann seiner Frau gewidmet, die als Kupferstich vor dem Titelblatt in Nonnentracht genau als Heloise gezeichnet paradiert; die Frau Grossiererin sitzt und schreibt, hält einen gegen den Busen erhobenen Brief in der Hand, und darunter sind die beiden folgenden Zeilen zu lesen:

»Vergebens ist Heloisens Widerstand;
Ihr Herz befiehlt – und willig ist die Hand!«

Einige Tage nach meiner Bekanntschaft mit diesem Buche präsentierte mich der Verfasser vor Heloisen, die ein großes, fettes, robustes und freundliches Frauenzimmer ist, so daß ich still in meinem Innern seufzte: Gott helfe dem armen Abälard! Was diese Familie noch merkwürdiger macht, ist eine junge Schwägerin, welche dazugehört und Witwe oder sonst etwas Aehnliches ist, sich mit Blumenmalerei beschäftigt und von allen ihren Verwandten, besonders von Herrn Rupprecht, als ein großes autodidaktisches Genie angebetet wird. Diese autodidaktische Blumenmalerin hat das Unglück, über alle Maßen lasziv auszusehen; auch wird ihr nachgeredet, daß sie mit einem jungen Menschen in einer Vertraulichkeit lebt, die, dem Gerücht zufolge, sich huldreich noch auf mehrere ausdehnt; doch wird ihre Zunge dabei von so hoher Achtung vor des Weibes vornehmster Tugend gelenkt, daß sie anstatt Vögel immer Federvieh sagt und für Singvögel sich stets aus edler Achtsamkeit für keusche Ohren des Ausdrucks Singfedervieh bedient. Aber für diesmal genug mit Wiener Narrheiten! Ich mußte Dir auch einmal Kuriosa von einer anderen Art auftischen, obwohl mein Brief dabei schließlich das Aussehen von Herrn von Schönfelds Kunstkabinett erhält, in welchem sich die seltsamsten Streugüter aus der ganzen Welt zusammengelesen vorfinden, sogar malabarische Pagodenbilder, grönländische Sonntagsjacken und Pantoffeln aus einem Königshof in Kalifornien. –

Das Papier geht zu Ende gerade in dem Augenblick, da ich an ein Thema komme, bei dem ich beabsichtigte, weitläufig zu werden: die Kunstsammlungen. Ich will Dir nur sagen, daß, obgleich ich für meinen persönlichen Geschmack in Wien bei weitem nicht so viel von großem Interesse fand wie in Dresden, ja wie in München, so sind doch die Kaiserlichen und Liechtensteinschen Bildergalerien keineswegs zu verachten, und »wenn man auch aus Italien kommt«. Meine Aeußerung hierüber war übereilt. Gute Originalgemälde von Raffael, Leonardo, van Dyck usw. sind keine Bagatelle. Dahingegen ist das Antikenkabinett nicht besonders reich. – Das Kaiserliche Zeughaus gefiel mir unendlich wegen der äußerst geschmackvollen und glänzenden Zusammenstellung und Zusammenflechtung aller möglichen Mordgewehre zu Pfeilern, Deckendekorationen, Wappenbildern usw. Auf einem Wappen sitzt der mit roten Federn geschmückte Samthut Gottfrieds von Bouillon. – Unter den größeren europäischen Städten, die ihre Kunstschätze weder selber produziert noch zusammengeplündert haben, ist Wien ohne Zweifel eine der reichsten, eine der ärmsten hingegen – Berlin. – Die allzu subjektiven Betrachtungen hinsichtlich der Grillparzerschen Sappho, zu denen ich mich beim Schreiben meines Briefes hinreißen ließ, wollte ich beim letzten Durchlesen erst wegstreichen, aber nach einigem Besinnen ließ ich sie doch stehen, denn ich glaube, Du kennst Deinen Freund genugsam, um ihm dergleichen geisteskranke Episoden zu verzeihen. Diese Art schmachtende Sehnsucht und Verzweiflung hast Du vermutlich niemals kennengelernt; ich glaube auch, daß sie allen gesunden Naturen fremd ist. Aber Du wirst mir einräumen, daß kein Bewußtsein, kein Gedanke fataler ist als der, selbst bloß wie ein Gedanke auf Erden zu leben! – Ueber diese Tragödie als solche wage ich nicht eher ein bestimmtes Urteil zu fällen, als bis ich sie gelesen habe. Es ist möglich, daß die bezaubernde Stimme der Madame Schröder und die zierlichen, melodischen Verse mich teilweise . bestochen haben. –

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