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Menschen und Städte

Per Daniel Amadeus Atterbom: Menschen und Städte - Kapitel 6
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authorPer Daniel Amadeus Atterbom
titleMenschen und Städte
publisherHans Dulk
editorChristel Matthias Schröder
year1947
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Bayreuth

Die bayrischen Postillone fahren im allgemeinen viel geschwinder als die sächsischen, und die bayrischen Wagen sind, gleich allen süddeutschen (wie man sagt), vortrefflich. Im übrigen mußte man aber hier wie überall in Deutschland Geld nach allen Seiten ausstreuen, wobei man noch obenein in jedem neuen Reiche und Fürstentume neue Stänkerei hatte, ehe man die tausendfach verschiedenen Münzarten und Rechnungsweisen verstehen lernte. Auf einer gewissen Poststation mußten wir herzlich lachen, als sich, während wir in der Stube saßen und auf Vorspannpferde warteten, draußen ein Zank zwischen B . . .'s Diener und einem Manne erhob, der durchaus den Wagen schmieren wollte, was der Diener für gänzlich überflüssig erklärte. Als Hjort hinausging, um Frieden zu stiften, wandte sich der Klagende mit sehr ernstem Gesichte, in welchem man deutlich die tiefste Ueberzeugung von der Gerechtigkeit seiner Sache lesen konnte, mit folgenden Worten an ihn: »Sehen Sie, mein Herr! Schmiergeld ist mein Fach, ist es nun einmal, sag ich, und nun darf ich nicht schmieren! Ist das billig? Jeder tue, als ein redlicher Bürger, was seines Amtes ist! Der Teufel hole die Leute, die kein Fach haben!« –

Am 26. November 1817, abends 8 Uhr, erreichten wir Bayreuth und restaurierten uns nach vielen Mühen und Nachtwachen mit einem vortrefflichen Abendbrot und einem guten Nachtlager. Das Wirtshaus Zum goldenen Anker kann in Wahrheit allen Reisenden rekommandiert werden, sowohl wegen der Eleganz der Zimmer und Aufwartung, als wegen der Vortrefflichkeit der Speisen und Getränke (inklusive der Liköre) und der erstaunlichen Billigkeit der Preise. Am anderen Morgen, den 27., sahen wir uns etwas in der ziemlich hübschen und bedeutenden Stadt um, während wir einen Lohnbedienten mit unserem Rekommandationsbrief von Frau von Chézy an Jean Paul abschickten und anfragen ließen, wann ihm unser Besuch gelegen komme. Antwort: »Um 11 Uhr wären wir willkommen!« Also begaben wir uns um 11 Uhr auf die Wanderung nach der Wohnung dieses merkwürdigen Wesens. In einem geräumigen und zierlichen Hause der schönsten Gasse der Stadt stiegen wir zwei Treppen hinauf, die prosaischer aussahen als jene des Lustschlosses in Lilas Park. Unser Diener ergriff die Klingel der Saaltür und schellte – aber niemand kam, um zu öffnen; hierauf legte ich die Hand an eine Seitentür, die sofort aufging und in ein kleines Gemach führte, dessen ganzer Inhalt weibliche Tätigkeit und weiblichen Aufenthalt verriet. Ein noch in der Knospe eingeschlossenes, ungefähr nur zum sechsten Teile erblühtes Mädchen, schlank gewachsen und höchst einfach gekleidet, stand überrascht und verlegen vor mir und blickte mich mit den großen blauen Augen, die halb von den langen Wimpern beschattet waren, geradeso sittsam und ehrbar an wie das Miniaturbild einer Holbeinschen Madonna. »Wohnt hier der Herr Legationsrat von Richter?« fragte ich. »Sind Sie der schwedische Dichter?« erwiderte sie halblaut. »Ja freilich bin ich der!« war meine Antwort. »Ei, das will ich gleich dem Vater sagen!« rief sie, und damit hüpfte sie durch eine Tür zur Rechten, die sich gleich darauf auch für mich und Hjort öffnete. Wir gelangten nun in ein größeres Gemach, welches wahrscheinlich (obwohl im übrigen höchst simpel) die Ehre und Würde eines Vorzimmers bekleidete; daselbst saß eine andere, jedoch kleinere Tochter Jean Pauls und spielte Klavier an der Seite eines Musiklehrers, den ich in der ersten Verwirrung für Jean Paul selbst hielt, aber natürlich meinen Irrtum sehr schnell einsah. In demselben Augenblick öffnete sich eine andere Tür und siehe da! eine Gestalt, watschelte auf uns zu, die das Aussehen eines wohlhabenden Gastwirtes hatte: feist und kahlscheitelig, einen alten grauen Ueberrock nachlässig über den stattlichen Bierbauch zugeknöpft, im übrigen ohne Halstuch und Weste, und offenstehend über der breiten, ziegelroten, behaarten Brust, mit einem Worte im tiefsten Negligé. Von seinem Gesicht hat man in Schweden ein Porträt, das ihm ziemlich ähnlich ist – ich glaube, es wird sich zwischen meinen Papieren in Uppsala finden –, gleichwohl ist sein Hängekinn jetzt größer und sein Aussehen im allgemeinen älter, hat er doch auch gewiß seine 60 Jahre hinter sich. Ungeachtet all des physischen Gastwirtsäußeren trägt sein Antlitz doch einen höchst geistreichen und gleichzeitig höchst herzlichen Ausdruck; die Stirn ist hoch und offen, die Augen, blau wie die seiner Tochter, drücken Güte, Humor und Melancholie aus, doch schienen sie mir etwas abgespannt und schläfrig; ich will dahingestellt sein lassen, inwiefern hierzu seine bekannte Passion für das Biertrinken beigetragen hatte. Schon lange vorher habe ich von Steffens und Schütz gehört, daß sich Jean Paul sehr ungleich ist, je nachdem man ihn trifft, wenn er viel oder wenn er wenig Bier getrunken hat; im letzteren Falle soll er bedeutend liebenswürdiger sein als im ersteren. Da ich noch keine Gelegenheit zu einem Vergleiche hatte, weiß ich nicht, ob er sich bei meinem Besuche im abnehmenden oder zunehmenden Monde befand. – Der Scheitel ist, wie gesagt, kahl, und das überbliebene, schon ziemlich ergraute Haar umgibt gleich einem Ehrenkranze dieses Haupt, das so viele göttliche und so manche lustige Sachen erdachte. Er steht gern, ebenso wie ich, und ist während der Konversation in einer unaufhörlichen Bewegung, die darin besteht, daß er sich beständig von einem Bein auf das andere wiegt und dazu mit den Füßen auf- und niedertritt; dies verhinderte mich zu sehen, ob er hüftlahm sei, wie ich gehört hatte (ich glaube von Frau v. Helvig). Wenn ich nun hinzufüge, daß er grundehrlich aussieht, etwa in demselben Stile spricht, wie er schreibt, und daß sein Gesicht dazu mitunter wunderliche Grimassen macht, dann wirst Du leicht einsehen, was mir immer ahnte, nämlich daß er in dem Bibliothekar Schoppe eigentlich nur sich selbst porträtiert hat. Er ist im höchsten Grade ungekünstelt und freundlich, reichte sofort jedem von uns beiden die Hand und bat uns, ihm zu sagen, wer der Schwede und wer der Däne wäre. Hierauf eröffnete er das Gespräch mit einer Menge Fragen nach dem gegenwärtigen Zustande der nordischen Bildung und Literatur und sagte, daß er schon durch die deutschen Zeitungen meinen Namen und das Allgemeinste über mein Verhältnis zu meinem Vaterlande erfahren, auch daß Frau von Chézy in ihrem Briefe berichtet hätte, ich wäre derjenige, welcher hauptsächlich dazu beigetragen, daß die schwedische Nation nun anfinge, sich aus dem Französischen ins Schwedische zurück zu übersetzen (wollte Gott geben, ich verdiente dieses Lob!!). Er bedauerte, daß er ebensowenig Schwedisch wie Dänisch könne, und bat mich, dem Beispiele Oehlenschlägers zu folgen, der gleichzeitig für Deutschland und Dänemark schriebe. Ueber diesen sprach er sich sehr rühmend aus – sie sind auch persönlich miteinander bekannt – und war der Ansicht, daß man ihm wohl seine etwas lächerliche Eitelkeit verzeihen könne, weil er ein so naiver und aufrichtiger Narzissus wäre. Unter diesen Diskursen über Dänemark und Schweden, wobei er sich u. a. sehr genau über die schwedischen Sommernächte unterrichten ließ, die, wie er sagte, immer so wunderbar vor seiner Phantasie geschwebt hätten wie im allgemeinen Schweden selbst, kam endlich auch seine Frau herein, vermutlich um zu sehen, wie diese Skandinaven aussehen könnten. Jean Pauls Gattin ist eine angenehme, sehr angenehme Frau, geistreich und heiter und gefiel uns beiden sehr gut. Nun wurde die Unterhaltung lebhafter, und wir kamen auf Gott weiß welche verschiedenartigen Stoffe. Einmal war er draußen im anderen Zimmer und trank Bier, wie ich an seinem Atem merkte, als er wieder hereinkam. Unter andern entsinne ich mich, ihm berichtet zu haben, daß die Frauen in Dresden Roquairols Charakter unnatürlich fänden und behaupteten, in ihrer Praxis niemals einen solchen angetroffen zu haben. Dies gab ihm Veranlassung zu vielen komischen Betrachtungen über die Frauen und Männer der Zeit. Unter allen Roquairolen, die er selber kenne, sagte er, wäre Brentano der vornehmste, der leibhaftige Roquairol par excellence; dies schloß er besonders daraus, daß Brentano ihm einstmals selbst im vollen Ernst gestanden hätte, daß er im Roquairol »mit Vergnügen« seine eigene Persönlichkeit wiedererkannt hätte und sich nur wunderte, wie Jean Paul, ohne ihn zu kennen, sein Bild so vorzüglich treffen konnte. Ueber Frau v. Helvig, die er sonst sehr lobte, machte er doch die Bemerkung, daß sie »gar zu besonnen« wäre, doch gab er gleicher Zeit zu, daß Helmina von Chézy, für welche er sich weit mehr interessierte, als ich geglaubt hätte, »ganz ohne alle Besonnenheit« wäre. Meine Beschreibung ihres wunderlichen poetischen Nomadenlebens erbaute ihn sehr, gleichwohl pries er sich glücklich, keine solche Frau zu besitzen. Er hat sie als Mädchen gekannt und behauptet, daß sie vor 18 Jahren unwiderstehlich bezaubernd und verführerisch gewesen sei; seitdem hat er sie nicht gesehen, doch wechselt er dann und wann Briefe mit ihr. Er fragte auch, wie sie jetzt aussähe; aber nachdem ich seine erste Frage, ob sie noch ihre schlanke Taille hätte, beantwortet, bat er mich, einzuhalten und nicht die Gestalt zu verderben, die er von ihr im Andenken bewahrte. Ueber Goethe fällte er manche scharfsinnige Reflexion. Der Zug aus Goethes Kindheit, von dem er in seiner Biographie berichtet, nämlich, daß er sich über den Zweifel freute, nicht seines ehelichen Vaters Sohn zu sein, und dann unter einer Menge Bilder gleichzeitiger Prinzen umhersuchte, um einen zu finden, bei dem er Aehnlichkeit der Gesichtszüge mit den seinigen entdecken konnte und der somit möglicherweise sein eigentlicher, geheimer Vater sein könnte – dieses ist, nach Jean Pauls Ermessen, ein Zug, der so tief in die Beschaffenheit von Goethes moralischer Natur blicken läßt, daß, hätte Goethe hiervon nur die geringste Ahnung gehabt, er ihn niemals in einer Lebensbeschreibung hätte bekannt werden lassen, bei der alles so genau durchdacht und berechnet ist. Während dieser Unterhaltung saß seine zuvor erwähnte älteste Tochter an einem Tische und zeichnete, hörte aufmerksam zu und blickte mich so oft und so genau an, daß ich fast glaubte, sie zeichnete mich ab. Jean Pauls Abschied war recht herzlich; er gab mir väterliche Warnungen mit, nicht des Nachts zu reisen und genau auf meine Gesundheit zu achten. »Denn«, sagte er, »nach Ihrem Aeußeren zu schließen, so scheinen Sie mir, obwohl im Norden geboren, doch gar nicht für diese Jahreszeit gemacht zu sein!« Nun wurden wir auf spezielle Veranlassung seiner Frau auf einem anderen Wege, auf einem wahren Prachtwege, hinausgeleitet, nämlich durch den Saal, der wirklich sehr schön und mit verschiedenen Malereien versehen war; u. a. zeigte mir die Mutter eine von ihrem Sohne (den ich nicht sah) nicht ohne Geschick gemachte Kreidezeichnung nach Battonis Magdalena. In dieser Weise nimmt die ganze Familie an ästhetischer Beschäftigung teil. – Nachdem uns Jean Paul im Vorzimmer verlassen und sich mit seiner Frau zurückgezogen hatte, bemerkte seine Tochter, daß ich ohne Ueberrock war, und besann sich, daß ich diesen gerade bei ihr gelassen hatte – worauf ich zum zweiten Male mit ihr, in ihrem Zimmer, wohinein sie mich jetzt selbst führte, ein tête-à-tête hatte und noch dazu ganz solo. Leider konnte ich diese Visite nicht sonderlich ausdehnen. – Lebe wohl, hübsche Mamsell Richter! Lebe wohl, Du wunderbarer Jean Paul! Ich wünsche innerlich zu Gott, daß ich Euch noch einmal wiedersehen möge! Erinnerst Du Dich, daß im Hesperus eine Art europäischer Brahmin vorkommt, der Emanuel heißt und seinen Todestag vorauszuwissen glaubt? Frau Niethammer teilte mir mit, daß Jean Paul nun selbst auf diese Einbildung verfallen ist: er glaubt nämlich im Geheimen steif und fest, daß er am nächstkommenden 14. Januar sterben wird, und seine Frau, die auf irgendeine Weise hinter diese Todesahnung gekommen ist, soll sich darüber innerlich auf das Schrecklichste ängstigen und grämen. Das will ich wohl glauben! – Was die Sache selbst betrifft, da will ich hoffen, daß die Prophezeihung fehlschlägt; er sah mir zu wohl aus, doch hat man viele Beispiele, wie mächtig in diesem Falle eine fixe Idee oder die Phantasie wirken kann. Es wäre wahrhaftig sehr betrübenswert! Man sagt, daß er jetzt an einem Werke arbeite; welches der deutsche Don Quichotte heißen solle; andere behaupten, daß der Titel ein ganz anderer wird, daß aber das Buch und der Held des Buches ein deutsches nationales Gegenstück zum Don Quichotte werden solle. – Ungekünstelt bescheiden äußerte er sich über sein Talent; als ich ihm erzählte, daß nunmehr Goethe, Schiller, Tieck und er überall in Schweden gelesen würden, rief er ganz naiv aus: »Ich? Ich? Ich auch? Wahrlich, das hätt' ich nicht geglaubt! Das freut mich sehr! Also gibt's doch wirklich Leute da oben, die meine wunderlichen Produktionen kennen und lieben?«

Jean Paul

Jean Paul

Ich sehe, daß ich in meiner Beschreibung Jean Pauls Aussehen feist genannt habe. Dies ist, soweit das Gesicht in Betracht kommt, nicht so zu verstehen, als ob dasselbe fett und sehr voll wäre; es hat mehr das Gestell eines vollen Gesichts, denn da sein Kopf überhaupt groß ist, muß sein Gesicht verhältnismäßig breit sein. –

Endlich haben wir Nürnberg erreicht, die für Kunst- und Altertumsfreunde merkwürdigste und fesselndste Stadt Europas. Hier sieht man erst recht, was deutscher Nationalgeist und deutsches Genie zu der Zeit war, da das heilige römische Reich noch im Flor stand. Welche Schätze altdeutscher Kunst und Freiheit, welch historische, welch poetische Erinnerungen und Anregungen enthalten doch diese ehrwürdigen Mauern! Ich erwartete viel von Albrecht Dürers Stadt, aber das Gefundene übertrifft meine Erwartungen!

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