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Mensch und Staat

Niccolò Machiavelli: Mensch und Staat - Kapitel 8
Quellenangabe
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typeaphorism
authorNiccolo Machiavelli
titleMensch und Staat
publisherInsel-Verlag
printrun18. bis 27. Tausend
editorMatthias Jónasson
year1940
firstpub1832
translatorJohannes Ziegler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080903
projectidbb627433
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Das Heer

Von wem soll auch das Vaterland größere Treue verlangen als von dem, der in seinem Dienste zu sterben versprechen muß?

Ein gutes Heer ist der Grundpfeiler aller Staaten

Ein Fürst muß notwendigerweise seine Macht auf gute Grundlagen stützen, da er sonst unvermeidlich stürzen würde. Die stärksten Grundlagen aller Staaten, sowohl der alten wie der neuen und vermischten Form, sind gute Gesetze und gute Waffen. Da aber dort keine guten Gesetze bestehen können, wo keine guten Waffen sind, wo diese aber gut sind, jene schon deshalb gut sein müssen, so will ich an dieser Stelle nichts von den Gesetzen sagen, sondern nur von den Waffen sprechen.

Das Heer, das ein Herrscher zur Verteidigung seines Staates hält, besteht entweder aus heimischen Truppen oder aus Söldnern oder aus Hilfstruppen oder aus gemischten Truppen. Die Söldner und Hilfsheere sind unnütz und gefährlich. Wenn ein Herrscher auf sie seine Macht gründet, wird er nie sicher sein. Denn sie sind uneins, ehrgeizig, ohne Kriegszucht, treulos, stark unter Freunden, feig vor dem Feind; sie haben weder Furcht vor Gott noch Redlichkeit gegen die Menschen; der Sturz des sie befehligenden Fürsten verzögert sich nur so lange, wie er den Angriff verschiebt. Im Frieden wirst du von ihnen, in dem Kriege, den du mit ihrer Hilfe führst, von den Feinden geplündert. Sie verbindet keine Liebe mit dir; in deinen Dienst treten sie nur des Soldes wegen, der sie aber doch nicht zu bewegen vermag, ihr Leben für dich aufs Spiel zu setzen. Sie wollen wohl deine Soldaten sein, solange du keinen Krieg führst; wenn es aber zum Kriege kommt, so fliehen sie entweder aus der Schlacht oder sie geben schon vor ihr den Dienst bei dir auf.

 

Zwar habe ich schon an anderer Stelle gesagt, daß der Grundpfeiler aller Staaten ein gutes Kriegswesen sei und daß, wo dieses fehle, weder gute Gesetze noch überhaupt etwas Gutes bestehen könne; allein es scheint mir nicht überflüssig, dies hier nochmals zu betonen. Aus jedem Blatte der römischen Geschichte geht diese Lehre hervor. Man ersieht daraus, daß die Heere nicht gut sein können, wenn sie nicht geübt werden, und daß man sie nicht üben kann, wenn sie nicht aus eigenen Untertanen bestehen. Nicht immer steht man im Felde, und man kann nicht immer darin stehen; es ist daher notwendig, die Soldaten im Frieden zu üben; wegen der Kosten aber kann man nur mit eigenen Untertanen diese Übungen vornehmen.

 

Um des allgemeinen Wohles willen ist eine Bürgerschaft in Stände gegliedert. Diese allein bringen jedoch sämtlichen Institutionen, die zu dem Zwecke geschaffen werden, daß die Menschen in der Furcht Gottes und der Gesetze leben, keinerlei Nutzen, wenn nicht Maßnahmen zu ihrer Verteidigung bestehen. Ist diese gut organisiert, so vermag sie sogar Staaten zu erhalten, deren übrige Einrichtungen mangelhaft sind. Die trefflichsten Institutionen müssen hingegen ohne den Schutz der Waffen ebenso zugrunde gehen wie ein prunkender Königspalast, dessen Räume mit Gold und Edelsteinen geschmückt sind, aber kein Dach zur Abwehr des Regens haben.

Tapferkeit, nicht Reichtum verbürgt den Sieg

Da jeder einen Krieg nach Belieben anfangen, nicht aber endigen kann, so muß ein Fürst, ehe er sich in eine kriegerische Unternehmung einläßt, seine Kräfte abwägen und danach handeln. Er muß jedoch so viel Klugheit besitzen, daß er sich nicht über seine Kräfte täuscht, und jedesmal wird er sich täuschen, wenn er sie nach dem Gelde, nach der Natur des Landes oder nach dem Wohlwollen der Untertanen bemißt, auf der anderen Seite aber einer bewaffneten Macht entbehrt. Die genannten Dinge vergrößern wohl seine Kräfte, aber sie geben ihm keine. An und für sich sind sie nichtig, und ohne treue Soldaten nützt ihm viel Geld ebensowenig wie die Festigkeit des Landes; die Treue und Anhänglichkeit der Untertanen aber ist nicht von Dauer, da sie ihm nicht treu sein können, wenn er sie nicht verteidigen kann... Unter anderen Dingen, die Krösus, König von Lydien, dem Athener Solon zeigte, war auch ein unzählbarer Schatz, und als er fragte, was ihn von seiner Macht dünke, erwiderte Solon, er halte ihn darum nicht für mächtiger; denn Krieg führe man mit Eisen, nicht mit Gold, und es könne einer kommen, der mehr Eisen habe als er, und ihm sein Gold nehmen.

Ich sage daher, nicht Gold, wie die gemeine Meinung schreit, ist der Nerv des Krieges, sondern gute Soldaten; denn Gold genügt nicht, gute Soldaten zu finden, wohl aber genügen gute Soldaten, Gold zu finden. Hätten die Römer mehr mit Geld als mit Eisen Krieg führen wollen, so hätten alle Schätze der Welt dazu nicht hingereicht, so groß waren ihre Unternehmungen und so viel Schwierigkeiten hatten sie dabei zu überwinden.

Nicht allein in Lazedämonien werden kriegerische Männer geboren, sondern überall, wo es Menschen gibt. Nur muß sich einer finden, der sie kriegstüchtig zu machen versteht.

In jedem Lande lassen sich durch Ausbildung Soldaten zur Kriegstüchtigkeit erziehen, und wenn die natürliche Anlage mangelt, hilft das Drillen nach, das in diesem besonderen Falle sogar mehr vermag als Begabung.

Männer und Waffen, Gelder und Brot sind die Grundbedingungen des Kriegführens. Aber von diesen vieren sind die beiden ersten die notwendigsten; denn Männer und Waffen finden Gelder und Brot, aber Brot und Gelder finden nicht Männer und Waffen.

Der gerechte Krieg

Nur die Kriege sind gerecht, die notwendig sind, und die Waffen sind fromm, auf denen die letzte Hoffnung beruht. Der Fürst, der Adlige, der Mann aus dem Volke, jeder möge freudig in den Kampf ziehen, um Frieden zu haben, aber niemals den Frieden stören, um Krieg zu haben.

Nicht, wer zuerst die Waffen ergreift, ist Anstifter des Unheils, sondern wer dazu nötigt.

Die kühle Sachlichkeit

Fast ausnahmslos erweisen sich persönliche Leidenschaften als dem allgemeinen Wohl schädlich.

Ich halte es für einen der klarsten Beweise menschlicher Klugheit, sich der Drohungen und Beleidigungen durch Worte zu enthalten. Beides entzieht dem Feinde keine Kräfte, vielmehr machen ihn Drohungen vorsichtiger, und Beleidigungen erregen in ihm nur noch größeren Haß gegen dich und reizen ihn, mit größerer Anstrengung auf dein Verderben zu sinnen.

Ein Feldherr darf einem offenbaren Fehler des Feindes nicht trauen, denn immer wird ein Betrug dahinter stecken, da man die Menschen vernünftigerweise nicht für allzu unvorsichtig halten darf. Allein häufig verblendet uns das Verlangen zu siegen so sehr, daß wir nur sehen, was uns günstig zu sein scheint, und für alles andere keine Augen haben.

Wird ein Fürst von einem weit mächtigeren Gegner angegriffen, so kann er keinen größeren Fehler machen, als jeden Vergleich abzuweisen; denn nie wird ein so unvorteilhafter Vertrag angeboten werden, daß das Wohl des Annehmenden nicht einigermaßen berücksichtigt werden sollte und dieser nicht dadurch einiges von dem erreichte, was ihm der Sieg geben würde.

 

Wer sich mit einem halben Siege begnügt, handelt allzeit klug; denn immer verliert, wer einen Sieg bis zur Vernichtung des Gegners anstrebt.

 

Während sich auf anderen Gebieten Irrtümer bisweilen wieder gutmachen lassen, ist dies bei Fehlern, die man im Kriege begeht, unmöglich, weil sie sich sogleich rächen.

Die militärische Führung

Ein Fürst soll kein anderes Ziel haben, keine anderen Gedanken, er darf nichts anderes für seinen Beruf halten als den Krieg und das Studium seiner Bedingungen und seiner Technik.

 

Um der Versuchung, ungerecht und undankbar zu werden, zu entgehen, soll ein Fürst persönlich seine Feldzüge leiten, wie es anfangs die römischen Kaiser taten ... Siegt er dann, so fällt der Ruhm der Eroberung ihm allein zu. Hat er hingegen die militärische Führung einem anderen übertragen und gebührt daher der Ruhm des Sieges diesem, so glaubt er, sich der Eroberung nicht erfreuen zu können, bis er den Ruhm des anderen, den er selber nicht zu gewinnen wußte, verdunkelt hat. So wird er undankbar und ungerecht, und sein Verlust ist zweifellos größer als sein Gewinn.

Besser ist es, ein kriegerisches Unternehmen nur einem Manne von normaler Klugheit anzuvertrauen, als zwei ganz vorzüglichen Männern, die gleiche Befehlsgewalt haben.

Bündnisse und Kriege

Bündnisse, die mit Fürsten geschlossen werden, deren Heere wegen der weiten Entfernung, infolge mangelnder Ordnung oder aus einem anderen Grunde dem Verbündeten nicht zu Hilfe kommen können, mögen sein Ansehen erhöhen, bringen ihm aber keinen wirklichen Nutzen.

 

Wenn viele Mächte gegen eine Macht verbündet sind und sie alle zusammen auch mächtiger sind als diese, so darf man jedoch von jener einen schwächeren mehr erwarten als von den vielen, obgleich sie sehr stark zu sein scheinen ... Der allein Handelnde wird immer mit ein wenig Geschicklichkeit die vielen entzweien und so sie, die in ihrer Gesamtheit stark waren, schwach machen können.

 

Will ich mit einem Fürsten Krieg anfangen und es bestehen zwischen uns seit längerer Zeit gehaltene Verträge, so werde ich mich ganz anders rechtfertigen und meine Handlungsweise viel besser beschönigen können, wenn ich einen seiner Verbündeten angreife, als wenn ich ihn selbst angreife. Greife ich aber den Freund des Fürsten an, so wird der Fürst entweder darüber aufgebracht sein, und dann habe ich meine Absicht, Krieg mit ihm, erreicht, oder er verhält sich dabei ruhig und entdeckt damit jedermann seine Schwäche oder Treulosigkeit, da er einen Schutzbefohlenen nicht verteidigt. Beides muß seinem Ansehen schaden und meine Pläne erleichtern.

 

Hast du mehrere Feinde, so wird es immer eine kluge Maßregel sein, einem von ihnen, wenn auch der Krieg schon eröffnet ist, einige deiner Besitzungen abzutreten, um ihn dir wieder zu gewinnen oder um ihn von den anderen gegen dich verbündeten Mächten zu trennen.

 

Ein Staat befindet sich in der unglücklichsten aller Lagen, wenn er weder den Frieden annehmen noch den Krieg fortsetzen kann. Ein solcher Fall tritt ein, wenn er durch die Friedensbedingungen allzusehr leiden, bei einer Fortsetzung des Krieges aber entweder die Beute eines Helfers oder die des Feindes werden müßte. In eine so üble Lage gerät man durch Ungeschicklichkeit und dadurch, daß man seine Kräfte überschätzt hat, wie wir schon vorher gesagt haben.

Diplomatisches Ränkespiel

Kein Plan ist besser als der, der dem Feind verborgen bleibt, bis ihr ihn ausgeführt habt.

 

Hat ein Mann eine Unternehmung im Sinne, so muß er sich zunächst sorgfältig darauf vorbereiten, damit er bei günstiger Gelegenheit bereit ist, seinen Plan auszuführen. Wer sich aber mit Vorsicht vorbereitet, macht sein Vorhaben nicht bekannt.

 

Nichts gelingt so leicht wie ein Unternehmen, dessen sich der Feind nicht versieht; denn zumeist naht ein Unheil den Menschen von der Seite, wo sie es am wenigsten erwarten.

 

Obgleich Betrug sonst mit Recht als schändlich gilt, so ist er doch im Kriege löblich und ruhmvoll, und wer den Feind durch Betrug überwindet, wird in gleichem Maße gelobt wie der, der ihn mit Gewalt besiegt. So werden von den Verfassern von Lebensbeschreibungen großer Männer Hannibal und andere Feldherren, die sich in dieser Art zu verfahren auszeichneten, hoch gepriesen. Man liest hiervon eine Menge Beispiele, die ich nicht wiederholen will. Ich denke nicht daran, jeden Betrug ehrenvoll zu nennen, den du dir durch Brechen deines gegebenen Wortes und der geschlossenen Verträge zuschulden kommen läßt; denn obgleich du dir dadurch manchmal Zepter und Reich erwerben kannst, wie ich vorher erörtert habe, so wirst du dir doch auf diese Weise niemals Ruhm erwerben. Ich spreche nur von dem Betrug, durch den du den Feind, der dir sowieso nicht traut, hintergehst, worin eigentlich die Kunst der Kriegführung besteht.

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