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Mensch und Richter

Artur Landsberger: Mensch und Richter - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorArtur Landsberger
titleMensch und Richter
publisherSieben-Stäbe-Verlag
printrun1. Auflage
year1931
firstpub1931
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071127
projectidedce4244
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I.

Emil Gugenzeil reiste ständig zwischen seinem Berliner Büro und seinen Fabriken in Schlesien hin und her. Die wenigen Abende, die er in Berlin verbrachte, waren mit gesellschaftlichen Pflichten ausgefüllt. Wenn er aus dem Büro kam, lag der Frack bereit, und seine junge Frau wartete meist schon ungeduldig in der Halle. Das Gespräch war immer das gleiche:

»Guten Abend, Liebes!«

»Tag, Emil! Bitte, beeil dich!«

Er stürzte die Treppe hinauf, wandte sich oben um und rief hinunter:

»Du siehst heute abend wieder prachtvoll aus.«

Sie lächelte und rief zurück:

»Ich freue mich, daß ich dir gefalle.«

Dann verschwand er, der Diener half ihm in den Frack – während Kaete unten vor dem Spiegel stand und das Kunstwerk – denn das war sie – noch einmal einer Prüfung unterzog. – Meist rief sie dann die Zofe, die irgend etwas an der Toilette in Ordnung bringen mußte. Inzwischen war ihr Mann auch schon angezogen – die Zofe half Frau Kaete in den Abendpelz, der Fabrikant stülpte den stumpfen Zylinder auf den Kopf, und sie bestiegen ihr Auto.

Regelmäßig, wenn der Wagen aus dem Gittertor heraus und auf offener Straße war, fragte Frau Kaete:

»Wie gehen die Geschäfte?« Und er erwiderte dann jedesmal:

»Danke! sie gehen. Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen.«

»Ich kann mir also den Pelz« – manchmal war es auch ein neuer Wagen oder ein neues Pferd – »kaufen?«

»Gewiß!« erwiderte er – »aber übertreibe es nicht.«

»Das sagst du jedesmal.«

»Etwas muß ich doch sagen – schon, damit du nicht übermütig wirst.«

»Ich bin es von den Eltern her gewöhnt, mich verwöhnen zu lassen.«

»Sooft ich dich sehe, sagst du mir das.«

»Weil du mir Vorwürfe machst.«

»Aber, Liebling, dazu habe ich ja gar keinen Grund.«

»Gut, daß du das einsiehst.«

»Bin ich so rechthaberisch?«

»Blind bist du!«

»Blind? Sage ich dir nicht jedesmal, wenn wir von einer Gesellschaft kommen, daß du von allen Frauen wieder die schönste und eleganteste warst?«

»Das ist eine billige Redensart.«

»Es ist meine Überzeugung.«

»Nun sage nur noch, daß du mich liebst.«

»Tue ich das etwa nicht?«

»Dir fehlt ja die Zeit dazu.«

»Dazu braucht man keine Zeit. Man braucht nicht einmal zusammenzusein.«

»Da denke ich über die Liebe doch realistischer.«

»Grade wenn ich allein bin – die Abende in Schlesien – aber nicht nur die Abende – auch tagsüber in der Fabrik ...«

»Was ist da?« fragte Frau Kaete erstaunt.

»Ja, was ist das? Daß ich dann immer an dich denken muß!«

»Du meinst, das ist Liebe?« – Frau Kaete schien erstaunt. – »Vielleicht ist es Eifersucht.«

»Habe ich dazu Grund?«

»Natürlich nicht.«

»Ich weiß, daß du nicht allein reitest, nicht allein Bridge und Tennis spielst.«

»Du glaubst also, alles von mir zu wissen?«

»Ich denke doch.«

»Na, dann will ich dir sagen, daß du dich ganz gewaltig auf dem Holzwege befindest.«

»Du verschweigst mir etwas.«

»Es scheint fast so.«

»Und das erzählst du mir jetzt – auf dem Wege zu einem Fastnachtsball?«

»Wann hattest du denn sonst Zeit für mich?«

»Seit wann ... ist das?«

»Das läßt sich nicht so genau bestimmen.«

»Ich bitte dich, weiche mir jetzt nicht aus.«

»Du vergißt, daß ich es dir aus freien Stücken ...«

»Ich hätte es dir schon angemerkt.«

»Schaf!«

»Also seit wann?«

»Daß ich mir darüber klar bin? – Etwa acht Monate.«

»Acht Monate also spielst du vor mir Theater!«

»Du wirst mir eine gewisse schauspielerische Begabung also nicht absprechen können.«

»Ich ersuche dich, sei ernst. Meine Güte hat Grenzen.«

»Wenn es anders wäre, hättest du mich ja nicht lieb.«

»Also – wer ist es?«

»Das kann ich dir genau erst in vierzehn Tagen sagen.«

»Du spielst mit mir!«

»Mit so ernsten Dingen spielt man nicht.«

»Du liebst ihn womöglich?«

»Ich glaube bestimmt, daß ich ihn sehr liebhaben werde.«

»Kaete!«

»Gleichgültig, ob es ein Junge oder Mädchen wird.«

Gugenzeil schrie vor Freude laut auf, ergriff ihre Hände und bedeckte sie mit Küssen. Sie ließ es lächelnd geschehen.

»Mein großes Kind wird Mutter!« rief er und drückte sie an sich. »Weißt du denn, daß wir uns noch lange nicht genug liebhaben.«

»Wenn du doch nie Zeit hast.«

»Das wird jetzt anders werden! Wo es sich um das Kind und seine Mutter handelt, da gibt es keine Abhaltung! Die gehen vor – jedem Geschäft.«

»Nicht übertreiben, Emil! So ein Kind kostet Geld. Und eine Frau ist am Ende noch teurer, wenn sie Mutter ist.«

»Ich werde das eine tun und das andere nicht lassen. Und auf dem Fastnachtsball heute gibt es nur einen Tänzer für dich.«

»Etwa dich?«

»Den Vater deines Kindes!«

»Nein, Emil! Wo du so schlecht tanzt!«

»Hast du Furcht, es vererbt sich?«

»Möglich ist das schon – und da heutzutage für eine Frau soviel davon abhängt, daß sie gut tanzt.«

»Das wird, bis sie groß ist, hoffentlich nicht mehr der Fall sein.«

»Wenn es nun ein Junge wird?«

»Das kommt bei uns gar nicht in Frage, wo wir uns seit Jahren ein Mädchen wünschen – und wissen, warum.«

»Also gut! Ich tanze nur mit dir – aber den Tango lassen wir aus – wo es doch nur noch vierzehn Tage sind – vielleicht nicht einmal –«

»Weißt du, was? Wir sollten überhaupt diesen Ball Ball sein lassen.«

»Und was tun?«

»Nach Haus fahren – eine Flasche Champagner aus dem Keller holen, uns ganz dicht zusammensetzen und uns über uns und unsere Zukunft unterhalten.«

»Das wäre das erstemal in unserer Ehe.«

Der Chauffeur bekam die Weisung, umzukehren. Eine Viertelstunde später hielt der Wagen wieder vor ihrer Tür.

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