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Memoiren einer Sozialistin - Lehrjahre

Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin - Lehrjahre - Kapitel 20
Quellenangabe
typeautobio
authorLily Braun
titleMemoiren einer Sozialistin ? Lehrjahre
publisherVerlagsanstalt Herrmann Klemm A-G
correctorreuters@abc.de
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Neunzehntes Kapitel

In einem Tal des Friedens lebte ich. Sanfte Höhenzüge hüteten es vor der Welt, wie freundliche Wächter. Meine Wege kannten keine jähen Abhänge mehr, an denen der Fuß ängstlich strauchelt, nirgends drohte ein Fels, kein Habicht lauerte auf meine singenden Vögel. Die Bäche dämpften ihr Geschwätz, der Wind streichelte leise Blätter und Blumen, der Sonne Licht war wie ein mütterliches Lächeln.

Wie kam es nur, daß die Tage vorüberflossen ohne Angst – ohne Streit, daß die Stunden nicht mehr erfüllt waren von der lastenden Luft heimlichen Zornes? Und daß ich sagen durfte, was ich dachte?! Wie war es möglich, daß ich kein Kettenklirren hörte, wenn mein Fuß neue Pfade betrat, daß ich nicht allein war und mich doch niemand scheltend zurückriß, wenn ich vom Berge weit – weit in die Ferne sah? Einer war neben mir und hütete jeden meiner Schritte und ging mir zugleich voran, ein Pfadfinder.

Der Pöbel strömte herzu mit seiner Neugierde und seiner Niedrigkeit, aber unsichtbare Kräfte verschlossen ihm unser Tal des Friedens. Wir allein gingen ungehindert ein und aus. Aber ob wir gleich in der Welt wandelten und unsere Schwerter kreuzten mit Krämern und Philistern, so war doch unsere Seele immer in ihm. Und seine Quellen heilten alle unsere Wunden ...

Fieberhaft rasch klopfte damals das Herz der Zeit. Sie war, wie ein geniales Kind, das über dem Reichtum seines Innern unruhig von einem der goldenen Schätze zum anderen springt.

Der Kaiser hatte den Reichstag aufgelöst. Wieder einmal war der Monarch, der unter dem nivellierenden Rock des Europäers stets den mystisch-schimmernden Herrschermantel des Gottesgnadentums trug, mit dem Volk aufeinandergestoßen. Daß er es nicht begriff, nicht begreifen konnte, war weniger seine Schuld als die des unlösbar-tragischen Widerspruchs zwischen der uralten Tradition der Könige und der zum Bewußtsein ihrer selbst erwachten Menschheit. Väter pflegen selten zu begreifen, daß ihre Kinder Menschen werden. Für ihn blieb das Volk – »mein« Volk!, – das Kind, das willenlose, und immer nur waren es »Hetzer« und »Unberufene«, die sich als seine Wortführer aufspielten. Darum galt ihm das Heer, – ein durch die Macht der Disziplin in das Stadium der Kindheit zurückgedrängtes Volk –, stets als »die einzige Säule, auf der unser Reich besteht,« und ein Volksverräter war, wer seine Entwicklung hemmte. Im festen Glauben an die ihm von Gott selbst gegebene Macht, – »suprema lex regis voluntas,« hatte er ein Jahr vorher in das goldene Buch Münchens geschrieben –, verkündete er seinen Willen allen hörbar, und nahm die stummen Verbeugungen deren, die um ihn standen, als Zeichen für die allgemeine Ergebenheit.

Um die Militärvorlage tobte der Wahlkampf, der alte Parteien auseinanderriß und wie Scheidewasser die Geister voneinander trennte. In atemloser Spannung sah ich zu. Auch Egidy, der tapfere Träumer, der »Edel-Anarchist«, der keine Partei anerkannte und doch, getrieben von der unbestechlichen Wahrhaftigkeit seines Wesens, die Wahlparole der Sozialdemokratie nur in seine Sprache übersetzte, stand auf der Wahlstatt.

»Was sagen Sie dazu, daß unser gemeinsamer Freund sich zum Reichstag aufgestellt hat?« schrieb mir Wilhelm von Polenz. »Überrascht er nicht immer wieder durch seinen Mut und die Konsequenz seiner Entwicklung? Ich komme dieser Tage nach Berlin und möchte Sie gern in eine seiner Wahlversammlungen begleiten.«

Wenigen Ereignissen stand ich erwartungsvoller gegenüber als diesem ersten Besuch einer Volksversammlung!

Es war ein halbdunkler Raum, niedrig und verräuchert, in den wir eintraten. Er füllte sich nur langsam. Zuerst kam der Kreis der engeren Gemeinde Egidys, die seit seinem entschiedenen Eintritt in das praktisch-politische Leben sehr zusammengeschmolzen war; dann erschienen die vielen, die überall dabei sein müssen: sensationslüsterne Weiber, kühl-neugierige Skribenten; ganz nach vorn drängten sich die russischen Studenten und Studentinnen, die stets mit sicherem Instinkt die Luft geistiger Revolutionen wittern, und schließlich strömte es herein von Männern und Frauen, von denen ich nicht recht wußte, wohin sie gehörten. »Arbeiter!« sagte Polenz. Arbeiter?! Diese ernsten, ruhigen Menschen, deren bürgerliche Kleidung in nichts an den Kittel und das Schurzfell erinnerte?! Sie waren die stillsten, als Egidy sprach. Nur zuweilen warf einer eine ironische Bemerkung, einen derben Witz dazwischen, und die feinen Damen vorn entrüsteten sich und klatschten barbarischen Beifall, den der Redner vergebens zu beschwichtigen suchte.

»Kurage hat er!« flüsterte ein blasses Mädchen mit wund gestichelten Fingern am Tisch neben mir. »Wat ick mir dafor koofe!« brummte ihr Begleiter. »Jetzt red' er uns zum Mund, weil er in 'n Reichstag will – un nachher is er doch man bloß ein Junker mehr!«

»Bahn frei! Den neuen Männern und den neuen Zeiten!« – tönte es von der Rednertribüne, »aus dem Wege räumen, was eine kulturentsprechende, Gott gewollte Entwicklung hemmt« – irgendwo pfiff einer durch die Finger –, »wir Deutschen wollen das Christentum verwirklichen« – »Quatsch!« schrie jemand – »Sst – sst!« antwortete einmütig die Menge, – »ein Reich des Friedens gründen, wo jeder – Männer und Frauen – ein Recht an das Leben hat, wo niemand hungernd daneben steht, wenn die andern schwelgen.« – Die Studenten schrieen, und ihre Gefährtinnen winkten mit Hüten und Taschentüchern. – »Wir sind ein mündiges Volk und werden uns aus eigener Kraft andere Zustände schaffen. Die nächsten Wochen sollen uns einen tüchtigen Schritt vorwärts bringen. Das Alte stürzt, und neues Leben blüht aus den Ruinen, – damit an die Arbeit!« Ein kurzer Beifall, wie ein plötzlich ausbrechendes Gewitter, dann Stille, – die Damen rückten an den Stühlen, die kleine Gemeinde bildete erwartungsvoll an der Türe Spalier. Da plötzlich stand das blasse Mädchen mit den zerstochenen Fingern auf der Tribüne; sie war sehr klein, ein echtes Proletarierkind, dem die Not von je her die schwere Hand auf den Kopf gedrückt hatte, so daß es nicht wachsen konnte, und die Züge formte, so daß sie zeitlos blieben. Sie wechselte ein paar Worte mit Egidy, strich sich über den glatten, stumpfblonden Scheitel und begann mit einer Stimme zu reden, deren Ton etwas rauhes, knarrendes an sich hatte.

»Der Herr Referent sagte mir, daß es in seinen Versammlungen nicht üblich ist, sich zur Diskussion zu melden. Er hat mir aber erlaubt, ihm eine Frage zu stellen, die mir und manchen meiner Parteigenossen« – ein paar Journalisten riefen höhnend »Aha«, reckten die Köpfe, und klemmten sich den Zwicker auf die Nase, um die Rednerin genauer ins Auge fassen zu können – »während seiner Ausführungen auf den Lippen schwebte. Was er sagte, ist für uns nichts Neues gewesen. Es gehört seit Jahrzehnten zum eisernen Bestand der Sozialdemokratie, die dafür von seiten der herrschenden Klassen unterdrückt, verfolgt und mißachtet wird,« – ein paar Damen steckten tuschelnd die Köpfe zusammen –, »die Gleichheit vor dem Gesetz, die allgemeine Einheitsschule, die Abschaffung der stehenden Heere, – das alles sind Forderungen des Erfurter Programms. Und für die Befreiung des weiblichen Geschlechts aus politischer und sozialer Versklavung kämpft eine Partei von anderthalb Millionen deutschen Arbeitern, während die bürgerlichen Damen in ihren Wohltätigkeitskränzchen so was nicht einmal unter vier Augen zu flüstern wagen.« – »Aber – aber!« rief eine Frauenrechtlerin kopfschüttelnd und hob die schweren Lider wie eine gut geschulte Tragödin. Ich jedoch zuckte zusammen, als müßt' ich mich persönlich getroffen fühlen. – »Und wenn der Herr Referent mit so viel dankenswertem Eifer für den gesetzlichen Arbeiterschutz eintritt, so hätte er – zur Aufklärung für all die Herrschaften, die in unsere Versammlungen doch nicht kommen – wohl ein Wörtchen darüber sagen können, daß wir es waren und sind, deren rastloser Arbeit, nach Fürst Bismarcks eigenem Ausspruch, das bißchen Arbeiterschutz zu verdanken ist, das wir haben. Den Herren da oben ist das schon zu viel, sie schreien nach Flinten und Kanonen gegen den inneren Feind und winseln nach Liebesgaben für ihre Taschen ...« Sie brach ab, ihre Stimme war kreischend geworden. Egidy stand ruhig mit verschränkten Armen und einer tiefen Falte auf der Stirn neben ihr.

»Und Ihre Frage, mein Fräulein?« frug er.

»Ach so – meine Frage –« ein verlegenes Lächeln ließ sie plötzlich ganz jung erscheinen, dann reckte sie sich, stemmte die Arme fest auf das Pult vor ihr, sah Egidy gerade ins Gesicht und sagte: »Wenn Sie dasselbe wollen, wie wir, – warum sind Sie nicht Sozialdemokrat?«

Ein spannender Moment: tausend Augenpaare bohrten sich in das blasse, erregte Gesicht Egidys. »Das hab' ich gefürchtet –« flüsterte Potenz neben mir.

»Ich habe den Soldatenrock ausgezogen um meiner Überzeugung willen, – darnach gibt es für mich kein Opfer mehr, das ich ihr nicht leichten Herzens bringen könnte. Ich bin nicht Sozialdemokrat, weil Ihre Partei das tiefste Bedürfnis der Menschenseele, das religiöse, niederhöhnt und niedertrampelt – –«

»Das ist gelogen!« schrie eine Stimme ihm entgegen; er wurde noch um einen Schein blasser.

»Ich lüge nie,« dröhnte es in den Saal. »Und ich bin nicht Sozialdemokrat, weil Ihre Partei für eine gute Sache mit schlechten Waffen kämpft –«

Ein allgemeiner Tumult verschlang, was er noch sagte. »Bravo« – »sehr richtig« klangs von der einen Seite – »Pfui« – dröhnte es langgedehnt aus dem Hintergrunde. Der Polizeileutnant griff nach dem Helm, Egidy stand regungslos wie eine Mauer und starrte auf die sich erschrocken hinausdrängende Menge, die kleine Näherin suchte sich vergebens Gehör zu schaffen.

Ein Mann, auf eine Krücke gestützt, wirre schwarze Haarsträhnen um gelbe, eingefallene Züge, brach sich in diesem Augenblick Bahn bis zur Tribüne. »Genosse Reinhard, – Gott Lob«, die kleine Näherin streckte ihm von oben die Hand entgegen, ein paar andere sprangen helfend herzu, und neben ihr stand er.

»Genossen –« wie unter einen Zauberschlag schwieg alles, – der Polizeileutnant legte den Helm auf den Tisch, die sich ins Freie Schiebenden wandten sich um, und blieben stehen, in Egidys steinerne Ruhe kehrte das Leben zurück; – »es ist unser unwürdig, eine Versammlung durch Lärm zu stören, in der wir nichts als Gäste sind. Noch weniger haben wir einen Grund, uns darüber aufzuregen, daß Herr von Egidy die Frage der Genossin Bartels ehrlich beantwortet hat. Mir war seine Antwort vielmehr höchst interessant. Alle jene bürgerlichen Ideologen, von den Ethikern an, die die Welt durch die Moral erobern wollen, bis zu den Christlichsozialen um Naumann würden uns eine ähnliche haben geben können. Und weil Sie so ehrlich sind, Herr von Egidy, –« er wandte sich mit einer kleinen Kopfneigung zu dem neben ihm stehenden, »darum lassen Sie sich auch unsere ehrliche Antwort gefallen: rechnen Sie nicht auf unsere Stimmen. Sie sind ein braver Mann – Sie mögen allerlei brave Leute hinter sich haben, – aber unsere Sache bedarf solcher Kerle, wie wir sind – die den Dreschflegel und den Hammer – ›die schlechten Waffen!‹ – zu führen gelernt haben, denen die Maschine die Glieder zerriß, –« er hob die Krücke wie ein Trophäe – »an deren Leibern die Tuberkelbazillen fressen« – er reckte den mageren Arm in die Höhe. »Neunzehnhundert Jahre haben wir gewartet, daß Eure christlichen Liebes- und Barmherzigkeitspredigten uns helfen möchten, – jetzt ist unsere Geduld erschöpft. Und wenn Euch unsere Waffen nicht ritterlich genug sind, – Ihr selbst seid daran schuld, daß wir sie brauchen müssen!« –

Die Augen des Redners weiteten sich, sie sahen ekstatisch in die Ferne, hinweg über die Menschen unter ihm, die Krücke fiel krachend zu Boden, und die Arme streckten sich aus. Still war's sekundenlang, man hörte nur die eigenen Atemzüge, – dann brach es los: »Hoch Genosse Reinhard« – »Hoch die Sozialdemokratie« – »Nieder der Militarismus«, – und plötzlich vereinigten sich die durcheinanderschreienden Stimmen zu einem einzigen vollen Gesang: der Schritt heranrückender Massen, die überwältigende Einheit eines beherrschenden Gefühls, die rücksichtslose Kraft der Jugend lag darin.

»Kommen Sie –« sagte Polenz leise. Wie aus einem Traume sah ich auf. Der Saal war schon halb leer. Nur droben auf der Tribüne stand Egidy noch mit der kleinen Näherin.

»Lassen Sie mich –« antwortete ich hastig und trat rasch auf die beiden zu. »Darf ich einmal zu Ihnen kommen?« – ganz zaghaft nur sprach ich dem jungen Mädchen meine Bitte aus. Sie sah mich an, noch mit dem Glanz strahlender Freude auf den Zügen: »Sicherlich!« – Und ich notierte ihre Adresse.

Nicht schnell genug konnte ich zu Hause sein und ließ mir nicht die Zeit, Hut und Mantel abzulegen, um Georg zu erzählen, was ich erlebt hatte. Er hörte mich lächelnd an. »Was ist mein Liebling für ein feuriger Redner,« sagte er, als ich endlich schwieg.

»Ich wollte, ich wäre es! Auf alle Tribünen der Welt würde ich steigen und die steinernen Herzen warm machen und die Schlafenden aufrütteln ...« Mit einem tiefen Seufzer warf ich mich in den Stuhl.

»So versuch es doch einmal...«

Ich sprang auf: »Meinst du?!«

Schon am nächsten Morgen ging ich zu Martha Bartels. Weit draußen im Osten wohnte sie. Durch zwei schmutzige Fabrikhöfe mußte ich hindurch bis zu dem niedrigen Häuschen mit der wackligen Holztreppe, die an einem Stall vorbei hinauf in ihre Wohnung führte. Das Rattern der Nähmaschine wies mir den Weg; eine laute gleichmäßig lesende Männerstimme begleitete es. »... die Befreiung der Arbeiterklasse kann also nur ein Werk der Arbeiterklasse selbst sein,« hörte ich durch die Türe. Ein graubärtiger Alter öffnete mir. »Laß die Dame nur herein, Vater,« rief Martha Bartels aus dem Zimmer, »das ist sicher die Frau Professor –« Mit ausgestreckter Hand kam sie mir entgegen.

Ein freundlicher Raum wars, in den ich eintrat: auf den beiden Betten lagen rotgewürfelt und glattgestrichen die Kissen, vor dem alten braunen Sofa mit dem sorgfältig gestickten Bezug stand auf drei geschwungenen Beinen ein runder Tisch, auf dem nicht ein Stäubchen sich zeigte. Nur um die Maschine am Fenster bauschte sich weiße Leinwand, sonst herrschte peinlichste Ordnung überall. Als einziger Schmuck prangten die Bilder von Marx und Lassalle an den Wänden.

Mit Fragen begann ich das Gespräch; Vater und Tochter ergänzten einander im Erzählen: wie er einst, als kleiner Schuhmachermeister, lange und hartnäckig den Kampf gegen die übermächtige Fabrik geführt habe, wie sie – früh mutterlos – schon als Schulkind mit verdienen mußte und der kleine Haushalt überdies auf sie allein angewiesen war.

»Damals haderte ich mit dem Geschick,« sagte der Alte, »an den lieben Gott zu glauben hatte ich längst aufgehört, und oft wüßt ich nicht, sollt ich den Fabrikanten erschlagen, oder lieber mit dem Kinde zusammen dem elenden Leben ein Ende machen.«

»In der Werkstatt, wo ich mit immer müden Augen und einem Stumpfsinn, der mir bald alles gleichgültig machte, Knopflöcher nähte, – Tag aus, Tag ein, vom grauen Morgen bis tief in die Nacht immer bloß Knopflöcher! –« fuhr die Tochter fort »lernte ich einen Bügler kennen, der nahm mich zuerst in Versammlungen mit und steckte mir heimlich Zeitungen und Flugblätter zu. Wie mir da die Augen aufgingen!«

Der Alte streichelte mit der runzligen Hand die Wange der Tochter. »Sehen Sie, und damit hat mir die Kleine das Leben gerettet! Wir waren auf einmal nicht mehr allein, und Her Mühe wert wars auch für uns arme Leute, zu leben! Hier in diesem Zimmer sind wir während des Sozialistengesetzes oft genug mit den Genossen zusammen gekommen, und draußen in der Fabrik, wo ich arbeitete – der Meisterhochmut war mir glücklich vergangen! –, und in der Werkstatt, wohin die Martha ging, haben wir ganz im stillen immer neue Freunde geworben.«

Die Tochter lachte: »Jetzt gehts dem Vater eigentlich viel zu friedlich zu! Sie hätten ihn sehen sollen, wie er mit seinem ehrlichen Gesicht den Spitzeln eine Nase drehte und unsere Zeitungen überall einzuschmuggeln verstand! – Na, lange dauerts nicht mehr, und er wird sich seiner alten Künste erinnern müssen!«

Und dann erfuhr ich von ihrer jetzigen Tätigkeit: wie sie für ihre Gewerkschaft auf Agitationsreisen ging, wie sie in täglicher Kleinarbeit für die Partei die Kollegen und Kolleginnen zu gewinnen suchte, wie sie im Arbeiterinnenverein die Proletarierfrauen durch Vorlesen aus Büchern und Zeitschriften zu geistigen Interessen erzog.

»Wo aber nehmen Sie bloß die Zeit und die Kenntnisse her?« frug ich mit steigendem Erstaunen. »Sie müssen doch wohl verdienen, wie ich sehe!«

»Gewiß muß sie das und für Zwei sogar!« antwortete der Vater, »mich will sie durchaus nicht mehr in die Fabrik gehen lassen.«

»Er ist mir zu nötig!« unterbrach sie ihn. »Er liest mir vor, wenn ich nähe, und wenn wir Feierabend machen, brauch' ich ihn wieder. Er hat eine bessere Schulbildung als ich und erklärt mir, was ich in unseren Büchern nicht verstehe.« Sie sah nach der Uhr: »Seien Sie nicht böse – aber jetzt muß ich fort, – wir tragen heut in unserem Bezirk Wahlflugblätter aus –«

Wir gingen zusammen. Unterwegs erzählte sie mir von ihrem Frauenverein, von den polizeilichen Verfolgungen, denen er ausgesetzt wäre. »Sie sollten mal hinkommen, Frau Professor!«

»Mit Freuden, wenn ich darf! Aber – bitte – nennen Sie mich nicht ›Frau Professor‹, Frauentitel sind mir zuwider, wenn sie nicht selbst erworben sind.«

Sie blinzelte mich von der Seite an: »Ja – wie soll ich Sie sonst anreden – ich verschnappe mich am Ende noch mal und sage: Genossin!«

Sie hatte ihr Ziel erreicht. Vor einer kleinen Kneipe strömten die Menschen zusammen, Frauen und Männer, junge und alte Leute. Sie grüßten einander, wie lauter Freunde. Still trat ich beiseite. Wie sie alle fröhlich waren und siegesbewußt! Ein paar mißtrauische Blicke streiften mich, mit spöttischem Augenzwinkern gingen Arm in Arm ein paar Mädchen an mir vorüber. Und mit jähem Schmerzgefühl empfand ich: daß ich hier eine Fremde war.

Acht Tage später begleitete ich Georg zum Wahllokal. Während er im Rollstuhl vor der Tür stand, streckten sich ihm von allen Seiten die Hände mit den Wahlzetteln entgegen. »Wir wählen den Sozi,« sagte er laut und lustig, »meine Frau und ich!«

Aber der Rollstuhl ging nicht über die Stufen. Der Diener, der ihn schob, mußte den Gelähmten hineintragen. Ein Auflauf Neugieriger entstand. Ich deckte rasch die schwarze Pelzdecke über den armen, schmalen Körper – »Frauen raus!« sauste mich eine rauhe Stimme an, kaum daß ich den Fuß auf die Schwelle setzte. Ich ballte unwillkürlich die Fäuste und schritt mit zurückgeworfenem Kopf an dem Schreier vorbei in den Saal, wo ich vor dem Tisch des Bureaus stehen blieb, bis Georg seinen Zettel in die Urne geworfen hatte.

Daß wir uns innerlich mit wachsender Sicherheit zum Sozialismus bekannten, spiegelte sich in jeder Nummer unserer Zeitschrift wieder. Wir hatten des alten Bartels Selbstbiographie veröffentlicht und, dadurch angeregt, durch die sozialdemokratische Presse Aufforderungen zur Einsendung solcher Lebensbilder verbreiten lassen. Von allen Seiten kamen sie uns zu, und wir erwarteten Wunder von den Folgen der in ihrer Einfachheit doppelt erschütternden Bekenntnisse. Aber statt dessen liefen aus den Mitgliederkreisen der Ethischen Gesellschaft Klagen um Klagen ein über den »aufreizenden, unethischen Ton«, den wir anschlügen, und Professor Seefried, Georgs alter Gegner, erschien in Berlin, um durch einen öffentlichen Vortrag die politische Neutralität der Gesellschaft aufs neue scharf zu betonen und sich in ihrem Namen gegen die »einer höheren ethischen Welt- und Lebensauffassung widerstreitenden Ideen des Kollektivismus« zu erklären. Eine heftige Debatte in unserer Zeitschrift schloß sich daran; und in den Sitzungen und Versammlungen der Gesellschaft traten die tiefen geistigen Gegensätze zwischen Sozialisten und Antisozialisten trotz aller Aufrechterhaltung ethischer Formen immer deutlicher hervor. Ich beteiligte mich bald genug nur aus Rücksicht auf Georgs Wünsche an den Vereinsversammlungen.

»Wir müssen uns vor dem zweisamen Egoismus hüten, Kindchen,« mahnte er oft; »das hieße den Frieden und die geistige Eintracht unseres persönlichen Lebens höher stellen, als unsere Sache.«

Und so mußt ich denn so manchen Abend opfern und kam doch fast immer mit einem Gefühl peinlicher Leere nach Hause. Gearbeitet wurde, – zweifellos. Da war eine kluge, warmherzige Frau, die eine Auskunftsstelle für Bedürftige und Verlassene gegründet hatte und der Sorge für die vielen Fragenden all ihre Zeit opferte; da war eine andere, die voll tiefen Erbarmens Tag aus, Tag ein denen nachging, die eigene Leidenschaft und männliche Lüsternheit in des Lebens tiefste Abgründe riß; eine Gruppe gab es, die zu einer künftigen Volksbibliothek die Bücher Stück für Stück mühselig zusammentrug. Und Reden wurden gehalten, zu Tagesfragen Stellung genommen, und manch ein Schwankender sicherlich auf neue Wege geführt.

Aber was galt das alles mir? Entsprach dieser Verein mit seinen paar hundert Mitgliedern jener großen Bewegung, wie ich sie erwartet hatte? Vergebens erinnerte mich Georg daran, daß wir im ersten Anfang unserer Entwickelung stünden. Mir kam es vor, als ob die mit vielem Eifer ergriffene praktische Arbeit innerhalb der Gesellschaft den großen starken Strom der Idee in hundert klägliche Wasserleitungen teile, deren jede grade nur ausreichte, ein paar dünne Süppchen zu kochen.

Oder fehlte es unserer Sache nur an den richtigen Menschen? Unsere Zeitschrift und unser Haus wurden allmählich der Mittelpunkt, um den sich scharte, was unseres Geistes war. »Eine gefährliche Nebenregierung!« hatte Dr. Jacob mir einmal mit sauersüßem Lächeln gesagt, – derselbe Dr. Jacob, der, wie mir dienstfertige Freunde berichteten, jedem anvertraute, daß Fräulein von Kleve den Professor von Glyzcinski nur geheiratet hätte, um eine Rolle zu spielen.

Selten nur waren wir nachmittags an unserem Teetisch allein. Georgs Beziehungen zu den Gelehrten des Auslands zogen uns Gäste aus aller Herren Ländern zu; Amerikaner und Engländer fehlten nie; aber auch Russen, Rumänen und Japaner fanden sich ein: Studenten und Studentinnen, die heißhungrig in wenigen Monden Deutschlands ganze Kultur in sich aufzunehmen verlangten, Professoren, die dem alten Witzblattypus in nichts mehr glichen, für die das Leben Wissenschaft und die Wissenschaft Leben war.

Ein geistvoller Kopf, mit den Spuren mancher Säbelmensur auf den Zügen, tauchte häufig zwischen ihnen auf: der des Sozialdemokraten Schönlank. Niemand verstand wie er, die Ideen der Partei darzustellen und zu verteidigen, und stets umgab ihn eine aufmerksame Zuhörerschaft. Auch Egidy kam, und Martha Bartels und ihr Vater. Eines Tages brachte sie sogar den lahmen Reinhard mit, den Professor Tondern, unser sozialpolitisch am meisten links stehendes Vorstandsmitglied, sofort mit Beschlag belegte, um mit der Gewerkschaftsbewegung Fühlung zu gewinnen. Auch der Leiter der Neuen Freien Volksbühne war ein häufiger Gast, und manch ein junger Theologe, voll ehrlicher Begeisterung für die neuen Aufgaben, die der christlichsoziale Kongreß den Vertretern der Kirche stellte, fand den Weg zu uns. Bertha von Suttner erschien, sobald sie in Berlin war, beseelt von jenem strahlenden Glauben an die Sache, der das Kennzeichen geborener Reformatoren ist, und über den nur engherzige Alltagsleute lächeln. Denselben heiteren Optimismus, der die ganze Atmosphäre in starke Schwingungen zu versetzen scheint, brachte Frances Willard in unseren Kreis, die tapfere Amerikanerin, die auf dem Feldzug gegen Laster und Not entdeckt hatte, daß ihrem Geschlecht zu seiner Durchführung die Waffen fehlten, und die nun mit einer Energie ohne Gleichen den Gedanken des Frauenstimmrechts von einem Ende der Welt zum anderen trug.

So verschiedenartig die Menschen waren, die über den dunkeln Hof und die finstere Treppe den Weg in unsere hellen Zimmer fanden, – zweierlei war ihnen allen gemeinsam: die Überzeugung, daß unsere Welt sich das Lebensrecht verscherzt habe, und die Kraft, die Welt der Zukunft mit der Hingabe des ganzen Lebens aufzubauen.

»Ist das nicht recht eigentlich unsere Ethische Gesellschaft?« sagte Georg eines Tages, als unsere Gäste all ihre Reformpläne und Umsturzideen miteinander ausgetauscht hatten und im Rausch der eigenen Begeisterung bis zum späten Abend bei uns geblieben waren. »Von allen Seiten bohren sie schon den Felsen an, der unser Nordland vom Zukunftssüden trennt!« Er strahlte wieder wie ein Kind.

»Ich möchte auch bohren, Georg!« meinte ich – eine tiefe Unzufriedenheit mit mir selbst hatte mich innerhalb dieses Kreises selbständig schaffender Menschen ergriffen –, »nicht immer bloß nachschleichen, wo die anderen schon den ersten Schritt getan haben.« Schon längst beschäftigte mich der Gedanke, daß die Frauen vor allem berufen seien, Trägerinnen der sozialen Bewegung zu werden, die notwendig zum Sozialismus führen müsse.

»Unsere politische Rechtlosigkeit, unsere wirtschaftliche Abhängigkeit, unsere soziale Unterdrückung stellt uns auch ohne unser Wissen und Wollen auf die Seite aller Entrechteten. Unsere mütterlichen Empfindungen machen uns überdies hellsichtiger für Not und Elend. Hätten wir die Frauen, – wir hätten die Welt!« Ich lief aufgeregt im Zimmer umher – »das ist eine Aufgabe, die sich der Mühe lohnt – –«

»Und die meine Alix erfüllen kann,« unterbrach mich Georg, mir beide Hände entgegenstreckend.

Gleich am nächsten Tage ließ ich mich in die Vortragsliste der Ethischen Gesellschaft einzeichnen. Da es immer an Rednern fehlte, wurde meine Anmeldung mit Freuden begrüßt. Und nun ging ich an die Vorbereitung. Durch amerikanische und englische Frauenzeitschriften war ich über den Stand der Bewegung im Ausland vollkommen orientiert; der »Vorwärts,« die Arbeiterinnenzeitung, die Versammlungen des Arbeiterinnenvereins, die ich mit Martha Bartels besuchte, hatten mir ein Bild von der Lage der Proletarierinnen, ihren Wünschen und ihren Bestrebungen gegeben; nur von der deutschen Frauenbewegung wußte ich noch nicht viel.

Seit einem halben Jahrhundert kämpfte sie um die Eröffnung bürgerlicher Berufe, um höhere Bildung. Sie kämpfte?! Ach nein; sie hatte in Vereinen und Vereinchen Resolutionen und Petitionen verfaßt, – aber die Welt außerhalb ihrer Kreise wußte nichts von ihr. Ich las die Broschüren von Helma Kurz; ich besuchte Frau Vanselow, die ich bei Egidy kennen gelernt hatte, und deren Ruf, von allen Frauenrechtlerinnen die radikalste zu sein, sie mir sympathisch machte. Aber die Tendenzen ihres Vereins und seines kleinen Organs waren keine anderen als die der Kurz.

»Ich begreife nicht, wie Sie bei solchen Forderungen stehen bleiben können!« rief ich, als Frau Vanselow mir ihre Prinzipien auseinandersetzte. »Und wenn wir schon Pastoren, Professoren und Advokaten werden können, was haben wir dann besonderes, als einige Berufsphilister und Bildungsproleten mehr! Damit ist die Frauenfrage ebenso wenig gelöst, wie sie etwa bei den Arbeiterinnen gelöst ist, die längst das Recht haben, zu schuften wie die Männer.«

»Ich bin ganz Ihrer Meinung – ganz und gar–« nickte Frau Vanselow eifrig und hob die schweren Lider von den berühmt schönen Augen – »aber wir müssen vorsichtig – sehr vorsichtig sein, um zunächst nur einzelne Konzessionen zu erringen. Sie sind jung, – kämpfen Sie erst so lange Jahre wie ich, meine liebe Freundin, und Sie werden einsehen, daß wir Frauen nur Schritt für Schritt vorgehen dürfen. Ich besonders habe schwer zu ringen – niemand versteht mich – meine Vereinsdamen sind die Ängstlichkeit selbst–«, sie griff nach meiner Hand und behielt sie in der ihren – »wie froh wäre ich, in Ihnen eine frische Hilfskraft gewinnen zu können!« Ich errötete erfreut; hier bot sich mir eine neue Gelegenheit, um zu wirken. »Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen,« antwortete ich, »aber ehe ich mich Ihnen verpflichte, sollten Sie erst abwarten, was ich leisten kann.«

Mit steigendem Eifer arbeitete ich an meinem Vortrag. Ich lernte ihn Satz für Satz auswendig. Am Abend vor der Versammlung war »Generalprobe« vor Georg als meinem einzigen Zuhörer. »Wenn ich mich schon vor dir so fürchte, wie soll das bloß morgen werden!« sagte ich, und das Papier zitterte in meinen Händen. Da klingelte es, – ich hörte eine Stimme, die mir in diesem Augenblick gespannter Erregung die Tränen in die Augen trieb: mein Vater! Ich hatte seine Rückkehr noch nicht erwartet und nun stand er vor mir – sehr gealtert, ganz blaß, die Hände schwer auf den Stock stützend –, wie an den Boden gewurzelt.

»Papa!«

»Mein liebes Herzenskind!« Ich lag in seinen Armen. Und dann nahm er meinen Kopf zwischen seine Hände und sah mich an. »Wie rosig du aussiehst – und wie – wie glücklich!« Mit einer raschen Bewegung näherte er sich Georg und reichte ihm die Hand. »Verzeiht mir, Kinder, verzeiht! – Und du, hab Dank, tausend Dank, daß ich meine Alix so wiederfinde!« Er konnte sich nicht trennen; jedes Bild an der Wand, jeder Zimmerwinkel mußte einmal und noch einmal besichtigt werden. »Wie hübsch und friedlich es bei Euch ist!« Er legte mit einem Seufzer die Hand über die Augen. »Da werdet Ihr mich so leicht nicht mehr los werden!«

Von allem erzählte er, was ihn in den Monaten seit unserer Trennung beschäftigt hatte, und vergaß in der Lebhaftigkeit rasch, wen er vor sich sah: »Diese Rasselbande, die die Militärvorlage ablehnte, – und dann diese infamen Wahlen – –.«

Wir schwiegen, aber ein harter Zug trat auf Georgs Gesicht. Er räusperte sich vernehmbar. Der Vater stockte. »Ach soo –« sagte er gedehnt, biß sich heftig auf die Lippen und stand auf. Ich begleitete ihn hinaus. An der Türe hielt er meine Hand noch einmal fest: »Auf allen Litfaßsäulen steht dein Name – mich hat das nicht wenig entsetzt – du wirst kaum auf mich rechnen in der Versammlung – Mama wird mir berichten. – Gute Nacht, mein Kind.«


Am Abend darauf trat ich in den hellen, dicht gefüllten Saal des Langenbeck-Hauses. Einen Augenblick lang schien die Erde zu schwanken, die Lichter tanzten einen wahnsinnigen Ringelreihen, und mir war, als müßten die vielen Menschen auf den amphitheatralisch hoch aufsteigenden Bänken wie eine Lawine auf mich niederstürzen. Da fiel mein Blick auf Georg: seine strahlenden Augen ruhten fest auf mir, und ein Gefühl sicherer Ruhe überkam mich. Ich sprach zuerst nur für ihn. Allmählich aber strömte etwas mir entgegen wie ein lebendig gewordenes Verstehen, – ich fühlte die Menschen, die unter meinen Worten ein Mensch geworden waren, – mit einem klopfenden Herzen, einem horchenden Verstand.

»Jedes Stück unserer Kleidung, von der Leinwand an bis zu dem Seidenkleid, von den Nägeln unserer Stiefel bis zu dem feinen Leder unserer Handschuhe könnte von hohläugigen, müden Frauen, von blassen um ihre Jugend betrogenen Mädchen qualvolle Leidensgeschichten erzählen. Der hohe Spiegel, der das Bild der schönen, glücklichen Frau wiederstrahlt, hat vielleicht ein keimendes Leben vernichtet ... Und der Damast, der unsere Tafeln deckt, – Leopold Jakoby singt von ihm: ›Daraus hervor grauenhaft – das Gespenst des Hungers grinst mich an – über den Tisch ...‹«

Ein Aufseufzen ging durch den Saal wie eine schwere Woge, die mich trug – mich empor hob – hoch – immer höher, so daß meine Stimme über alle hinweg in die Ferne drang.

»... die Prostitution ist das einzige Privilegium der Frau ... Ein Mädchen darf, solange es minorenn ist, ohne die Einwilligung ihres Vaters nicht heiraten, aber es darf sich preisgeben, ohne daß sein Vater es daran hindern kann. Die Frau darf – bei uns in Deutschland! – nicht Medizin studieren, weil man für ihre Weiblichkeit so zärtlich besorgt ist und ihre Sittlichkeit hüten will, aber sie darf sich einen Gewerbeschein verschaffen, der sie berechtigt, sich und andere physisch und moralisch zugrunde zu richten. Sie darf – bei uns in Deutschland! – an keiner öffentlichen Wahl sich beteiligen, aber sie darf von ihrem durch den Verkauf ihres Körpers schmählich erworbenen Geld dem Staate Abgaben zahlen ...«

Jetzt war es der Sturm, der von drüben mir entgegenschlug, – der Sturm der Empörung, und mein war die Macht, ihn zu lenken, wo es Ruinen einzureißen, dürre Bäume zu stürzen galt!

»... Was tun? fragen wir mit dem großen russischen Dichter, dessen Werk nur ein Ausdruck des Gefühls von Hunderttausenden ist. Wir werden nicht mehr petitionieren, sondern fordern, uns nicht mehr hinter den verschlossenen Türen unserer Vereine über unsere frommen Wünsche unterhalten, sondern auf den offenen Markt hinaustreten und für ihre Erfüllung kämpfen, gleichgültig, ob man mit Steinen nach uns wirft...«

Brausender Beifall unterbrach mich, – ich sah nur Georg, der weit vorgebeugt in seinem Rollstuhl saß und die Augen nicht von mir ließ.

»...Aber was wir auch fordern mögen zugunsten unseres Geschlechts, das die wirtschaftliche Entwicklung aus dem Frieden des Hauses hinaus in den Kampf ums Dasein trieb, – man wird uns mit Phrasen und kläglichen Pflastern für unsere Wunden abspeisen, solange die politische Macht uns fehlt...«

Erneuter, dröhnender Beifall, – aber von irgendwo her mischte sich ein giftiger, zischender Laut hinein.

»...Von der geistigen Inferiorität der Frau höre ich große und kleine Leute sprechen, die, darauf gestützt, unsere Forderung der politischen Gleichberechtigung glauben ablehnen zu dürfen. Aber erst wenn die Frauen ebenso viele Jahrhunderte lang wie die Männer die Hilfe der Wissenschaften, die Schulung des Lebens und den Sporn des Ruhmes genossen haben werden, wird es an der Zeit sein, zu fragen, wie es mit ihrem Verstande steht. Das weibliche Geschlecht – so wirft man weiter ein – habe noch kein Genie hervorgebracht. Hat man bei den Negern Amerikas auf das Genie gewartet, ehe man ihnen politische Rechte gab? Hat man ihre Gewährung beim Mann von einer Prüfung seiner Geisteskräfte abhängig gemacht? ... Sie können der Wehrpflicht nicht genügen, darum kommt den Frauen das Stimmrecht nicht zu, lautet das letzte Argument der in die Enge getriebenen Gegner. Ich aber frage: der Mann, der sein Leben vor dem Feinde in die Schanze schlägt, und die Frau, die mit Gefahr ihres Lebens dem Staate die Bürger gebiert – haben sie nicht die gleiche Berechtigung über das Wohl und Wehe des Vaterlands zu entscheiden? Jede dreißigste Frau stirbt an diesem ihrem natürlichen Beruf, und sie wird trotz aller Fortschritte der Wissenschaft auch dann noch in Lebensgefahr schweben, wenn der Völkermord längst der Erinnerung angehören wird...«

Ich hatte geendet – mir war, als versänke ich in einem vom Orkan gepeitschten Ozean. Es dunkelte mir vor den Augen – ich fühlte Händedrücke – sah in hundert unbekannte Gesichter, – – vor all diesen fremden Menschen hatte ich eben gesprochen?! Wie war das nur möglich gewesen?! – Meine Mutter stand auf einmal vor mir, mit heißem, erregten Gesicht – meine Schwester umarmte mich stürmisch. – An der Tür drängte sich Martha Bartels durch die Menge, – ich fühlte nur, wie sich ihre heißen Finger schmerzhaft fest um die meinen preßten. Endlich – endlich sah ich Georg! Was galten mir die anderen alle, – von ihm allein erwartete ich die Wahrheit: seine Augen waren feucht, – er beugte den Kopf über meine Hand und küßte sie.

Die Menschen hatten sich verlaufen. Fast unbemerkt traten wir in die stille, dunkle Ziegelstraße, und leise rollten die Räder des Fahrstuhls über das Pflaster. An einer Straßenecke legte sich mir eine Hand auf die Schulter. Erschrocken wandte ich den Kopf: Mein Vater stand vor uns. »Ich habs zu Hause nicht ausgehalten, – und nun ließ ich all deine Zuhörer Revue passieren. Wie stolz bin ich auf deinen Erfolg!« Und er ging den ganzen langen Weg durch die Karlstraße und den nachtdunkeln Tiergarten mit uns.

Diese Nacht schlief ich nicht: die alten wachen Kinderträume umgaukelten mich. Strahlte nicht auf meiner Fahne, wie auf der Johannas von Orleans, das Bild der Mutter des Menschen? Heute hatte ich sie entfaltet, – im Sturme würde ich sie zum Siege führen!

Als mir Professor Tondern am nächsten Tage spöttisch von der »Premieren-Publikums-Begeisterung« sprach, »an deren Feuer sich kaum ein Nachtlicht anzünden läßt«, empfand ich seine Bemerkung nur als Ausfluß seiner pessimistischen Weltanschauung. Georg bestärkte mich darin.

»Ihr Unglauben an die Menschennatur lähmt Ihre Tatkraft,« sagte er ihm.

»Und Ihr weltfremder Idealismus wird zwar nicht Sie, wohl aber Ihre Frau in einem Meer von Enttäuschung untergehen lassen,« antwortete er ärgerlich und fuhr sich nervös mit allen zehn Fingern durch die langen, roten Haare.

»Warum halten Sie mich allein für gefeit?« frug Georg lächelnd.

»Weil Sie vom Frieden Ihres Zimmers aus die Welt betrachten – und Ihre Frau mit beiden Füßen zugleich mitten in den Strudel springt –«, Professor Tondern ging aufgeregt im Zimmer auf und ab. »Weil Ihnen gegenüber alle bösen Triebe der lieben Nächsten sich in den dunkelsten Winkel verkriechen – Verleumdungssucht, Ehrgeiz, Neid – und sie Ihrer Frau um so zähnefletschender an die Gurgel springen ...«

Ich sah ihm fest in die Augen: »Sie würden so nicht sprechen, wenn Sie nicht gewichtige Gründe hätten. – Trotzdem: ich will – ich darf nicht Ihrer Ansicht sein! Auf meinem Glauben an die Menschen beruht meine Kraft.«

Er nagte nervös an der Unterlippe. »Glauben Sie an die Sache, – das wäre besser für Sie und uns!«

Frau Vanselows Besuch unterbrach unser Gespräch. Sie hatte nicht Worte genug, um die Größe meines Erfolgs zu schildern. »Und nun dürfen Sie sich uns nicht mehr entziehen,« sie richtete ihre feucht gewordenen Augen mit einem Ausdruck zärtlichen Flehens auf mich, »sie müssen ihren Vortrag in unserem Verein wiederholen!«

»Nein, verehrte Frau!« Meine Energie ließ mich fast erschrecken. »Ich wiederhole weder diesen Vortrag, noch spreche ich vor Vereinsmitgliedern. Veranstalten Sie eine Volksversammlung! Wir müssen die gewinnen, die noch nicht die unseren sind, – wir müssen vor der breitesten Öffentlichkeit die Forderung des Frauenstimmrechts erheben!«

Sie starrte mich entgeistert an: »Eine Volksversammlung?! Aber das ist ja – das ist ja – sozialdemokratisch!« Es bedurfte jedoch nur eines kurzen Zuredens, an dem Georg sich lebhaft beteiligte, um sie zu gewinnen.

»Sie haben ganz und gar meine Ansicht ausgesprochen, mein teuerster Herr Professor, und der Verein Frauenrecht wird es sich nicht entgehen lassen, auch in diesem Fall an der Spitze zu schreiten! – Aber nicht wahr – meine liebe junge Freundin –, Sie werden ihre Wünsche vor unserem Vorstand selbst vertreten?«

Ich versprach ihr, was sie wollte, und wandte mich, als sie fort war, mit einem triumphierenden »Nun?!« an Tondern. Er fuhr, wie erschrocken, aus seiner Schweigsamkeit auf: »Erlassen Sie mir die Antwort! Sonst entdecken Sie am Ende noch Ihre Seelenverwandtschaft mit S. M., und verlangen von dem Nörgler, daß er den Staub von seinen Pantoffeln schüttele!« Und mit überstürzter Hast empfahl er sich.

Frau Vanselow führte mich im Vorstand des Vereins Frauenrecht ein: »Sie werden sich mit mir freuen, meine Damen, daß es mir gelungen ist, diese junge vielversprechende Kraft gerade unserem Verein gewonnen zu haben.« Die Damen begrüßten mich mit neugierig-kühler Reserviertheit. Ich war doch wieder in recht beklommener Stimmung. All diese Frauen, die seit Jahrzehnten in der Bewegung standen, die an Wissen, an Erfahrungen, an Verdiensten reich waren, sollte ich – ein Neuling auf allen Gebieten – meinem Willen gefügig machen!

Aber je öfter ich mit ihnen zusammenkam – und es bedurfte zahlreicher Sitzungen, um nur um kleine Schritte vorwärts zu kommen –, desto mehr erstaunte ich. Es war, als ob der Verein um ihr Denken und Streben eine Mauer gezogen hätte. Von dem, was jenseits lag, wußten sie nichts, und nur widerstrebend ließen sie sich von mir an einen Ausguck ziehen, von wo aus sie den Feminismus im Ausland, seine großen Kämpfe und Siege und den Stand der Stimmrechtsbewegung überschauen konnten.

»Das ist alles ganz schön und gut, aber nichts für uns deutsche Frauen,« meinte kopfschüttelnd ein rundliches, bebrilltes Persönchen, dessen Doktortitel sie mir äußerst interessant erscheinen ließ; »wir würden das Wichtigste gefährden: die endliche Zulassung der deutschen Frauen zum Medizinstudium, wenn wir so bedenkliche Fragen wie die politischer Rechte berühren wollten!«

»Und unser Verein, der sowieso schwer genug kämpfen muß, würde zweifellos seine einflußreichsten und opferwilligsten Mitglieder verlieren,« jammerte ein dürre alte Jungfer.

»An das Gefährlichste denken Sie natürlich zuletzt, meine Damen,« fügte eine Dritte hinzu und setzte eine geheimnisvoll-wissende Miene auf. »Angesichts der jetzigen Strömung innerhalb der Regierungskreise würde es unseren Verein politisch anrüchig machen und der Gefahr der Auflösung aussetzen, wenn wir öffentlich eine sozialdemokratische Forderung aufstellen würden.«

»So lassen Sie doch den Verein zugrunde gehen; sein Märtyrertum wird nur der großen Sache nützen!« rief ich ungeduldig. Mitleidiges Lächeln, mißbilligendes Kopfschütteln waren die Antwort. Es blieb bei der Ablehnung, das letzte Argument war ausschlaggebend gewesen.

»So werde ich versuchen, Helma Kurz und ihren Verein zu gewinnen.« Ohne jeden Nebengedanken hatte ich ausgesprochen, was mir eben durch den Kopf gegangen war.

Frau Vanselow, die mir bisher nur vielsagend-melancholische Blicke zugeworfen hatte, war aufgesprungen. »Helma Kurz?! – Niemals!« rief sie. »Das, meine Damen, werden Sie nicht zugeben!« Eine erregte, von allen zugleich geführte Debatte entspann sich. Ihr Resultat war, daß der Verein als solcher sich statutengemäß für die Stimmrechtsfrage nicht engagieren könne, daß er jedoch unter der Hand das Arrangement und die Kosten einer öffentlichen Versammlung und seine Vorsitzende ihre Leitung übernehmen wolle.

Ich mußte mich nur noch verpflichten, meinen Vortrag vorher in extenso der Zensur des Vorstandes zu unterwerfen.

Nicht wie eine Siegerin kam ich nach Hause. Vergebens suchte Georg mich zu trösten: »Das Wichtigste ist doch, daß du die Sache durchgesetzt hast!«

»Meinst du? – Wenn aber der Sache die Träger, die Menschen, fehlen?!«

»Bist du nicht da? – Und bin ich nicht bei dir?« Er streichelte mir leise den herabhängenden Arm, eine Bewegung, bei der mich immer ein Gefühl tiefer Ruhe überkam.

Dankbar küßte ich seine Stirn, – unter meinen Lippen stieg es auf wie eine Flamme.

»Sag, Georg – lieber Georg – sag es mir ganz ehrlich –« flüsterte ich und trat beschämt von ihm zurück, »hast dus nicht gern, wenn ich dich küsse?«

Mit einem langen, tiefen Blick aus dunkel erweiterten Pupillen sah er zu mir auf. Und ich sank vor ihm in die Kniee, preßte das erglühende Gesicht in die schwarze Pelzdecke und fühlte, wie seine zitternden Finger mir zärtlich die Locken von den Schläfen strichen...

Meinen neuen Vortrag schrieb ich wie im Fluge, kaum daß die Feder den einstürmenden Gedanken zu folgen vermochte. Und die Stimme zitterte mir vor Erregung, als ich ihn das erste Mal vorlas. Meine gestrengen Zuhörerinnen aber blieben merkwürdig kühl. Nur Frau Vanselow nahm meine beiden Hände mit einem verständnisinnigen Druck zwischen die ihren.

»Ich habe mir die Punkte notiert, die Sie ändern, respektive fortlassen müssen,« sagte das rundliche Fräulein Doktor und rückte die Brille fester auf ihr viel zu kurz geratenes Näschen. »Zunächst dürfen Sie nicht sagen, daß die Existenz von Wohltätigkeitsvereinen ein Armutszeugnis für den Staat sei und die Gebenden sich ihrer Wohltätigkeitsakte ebenso schämen müßten, wie die Empfangenden. Sie schlagen damit die Besten vor den Kopf –.«

Ich verteidigte meine Anschauung, aber die Abstimmung entschied gegen mich.

»Auch Ihre Elendsschilderungen sind viel zu übertrieben und wirken in höchstem Maße aufreizend,« meinte die Hagere.

»So sollen sie wirken!« entgegnete ich, »und überdies stammen all meine Angaben aus amtlichen Quellen.« Nach einer kurzen, scharfen Auseinandersetzung gab meine Kritikerin seufzend nach.

»Unbedingt notwendig aber ist es, daß Sie den Satz über die Sozialdemokratie streichen,« erklärte eine andere Vorstandsdame, deren verwandtschaftliche Beziehung zu einem freisinnigen Abgeordneten ihr eine Art Respektstellung geschaffen hatte.

»Das ist im Rahmen meines Vortrags einfach unmöglich;« widersprach ich. »Die Sozialdemokratie ist die einzige Partei, die für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts eintritt.«

»Schlimm genug! Wir werden darum immer verdächtig erscheinen, wenn wir ihre Wünsche zu den unseren machen, – das habe ich ja schon oft betont, ohne Gehör zu finden.«

Ich hielt hartnäckig an dem beanstandeten Satze fest und war nahe daran, den ganzen Vortrag zurückzuziehen. Aber mußte ich nicht Konzessionen machen, um nur überhaupt etwas durchzusetzen?! Ich wurde wieder überstimmt, – Frau Vanselow allein enthielt sich mit einem bedauernden Achselzucken der Abstimmung.

In dem großen Saal des Konzerthauses in der Leipzigerstraße fand an einem Sonntag Vormittag die Versammlung statt. Bis in die Gallerien hinauf drängten sich die Menschen. An langen Tischen unter der Rednertribüne saßen mit blasierten Gesichtern und gespitzten Bleistiften die Journalisten. Mit triumphierendem Lächeln, den Kopf von einem Spitzenschleier malerisch bedeckt, die ebenmäßige Gestalt eng von schwarzer Seide umschlossen, stand Frau Vanselow neben mir. »Helma Kurz, – sehen Sie nur! Ganz grün ist sie vor Ärger –« hatte sie mir noch hastig zugezischelt. Ein Polizeileutnant saß an meiner anderen Seite, ein weißes Papier breit vor sich auf dem Tisch, an dessen Kopf zunächst nichts weiter als mein Name stand.

Und dann sprach ich, und wieder trug mich die Woge, und ich empfand die dunkle Menge vor mir wie Ton, der sich nach meinem Willen formte. Achtlos zerknitterte ich mein Manuskript zwischen den Händen. Ich bedurfte seiner nicht. Vor dem Rednerpult fielen mir kräftigere Worte und stärkere Beweisführungen ein als am Schreibtisch. Gestern erst hatte Martha Bartels mir von der polizeilichen Auflösung eines Arbeiterinnenvereins berichtet. Gab es ein besseres Beispiel als dies, um die Rechtlosigkeit der Frauen zu beleuchten? »Die Rücksicht auf die Weiblichkeit gebietet solch ein Vorgehen, sagen die Männer,« rief ich aus, »aber die Rücksicht auf dieselbe Weiblichkeit hat noch keinen Mann verhindert, Frauen in die Steinbrüche und Bergwerke zu schicken, und werdende Mütter in die Giftluft der Fabrik!« frenetischer Beifall von den Galerien herunter ließ mich minutenlang nicht zu Worte kommen. Der Polizeileutnant stenographierte, – entgeistert sah Frau Vanselow mich an: »Das ist gegen die Abmachung!« flüsterte sie erregt. Ich lächelte.

»Und nun frage ich euch, meine Schwestern, habt ihr wirklich nichts zu tun für euer Geschlecht? – Denkt an die jüngste Vergangenheit, wo der Vertreter Sr. Majestät des Kaisers, der Kanzler Leist, Frauen schändete, aber dessen ungeachtet für einen tüchtigen und pflichttreuen Beamten erklärt wurde, – und dann wagt es noch, zu sagen: wir haben keine Bürgerpflicht! ... Von Ort zu Ort will ich wandern und jene heilsame Unzufriedenheit, die die Mutter aller Reformen ist, in die Herzen der Frauen pflanzen!...« Der Polizeileutnant wurde rot vor Eifer, ich hörte das Kritzeln seines Stifts durch alles Klatschen hindurch. Und ich vergaß mein Versprechen und sprach von der Sozialdemokratie, von »den Rittern der Arbeit, die heute die einzigen Ritter der Frauen sind.«

Jetzt brauste der Beifall wie der Frühlingssturm, der die dürren Blätter jauchzend niederschüttelt, um den jungen Knospen Licht und Luft zu schaffen ...

Die folgenden Tage waren ein einziger Ikarussturz, – nur daß die Arme der Liebe mich auffingen, ehe ich den harten Boden berührte. Im Verein Frauenrecht kam es fast zu einem Staatsstreich, um den Vorstand aus dem Sattel zu heben; mit Vorwürfen wurde ich überschüttet. Die Zeitungen berichteten halb höhnisch, halb wegwerfend über die »verkappte Genossin«, konservative Blätter unterließen nicht, den »unerhörten Seitensprung der Frau eines preußischen Universitätsprofessors« an die große Glocke zu hängen, und Georg kam eines Morgens ernst und versonnen aus seiner Vorlesung zurück: »Althoff hat mir einen wohlmeinenden Wink gegeben!« sagte er. Auch mein Vater erschien und machte mir eine Szene, als wäre ich noch zu Haus.

»... Mit Fingern weisen die Leute auf mich ... Im Reichstag – im Klub kann ich mich nicht mehr sehen lassen ...« schrie er. Georg hatte sich, auf beide Hände gestützt, hoch aufgerichtet.

»Exzellenz vergessen,« sagte er kalt und scharf, »daß Sie sich bei mir befinden!« Einen Moment lang maßen sich die beiden Männer mit einem Blick angriffsbereiter Feindschaft, dann verließ mein Vater wortlos das Zimmer, und erschöpft sank Georg in den Stuhl zurück.

Von Mama erhielt ich einen langen Brief: »Ich bin viel zu erregt, um Dich sehen zu können. Wie könnt Ihr Ethiker es vor Eurem Gewissen verantworten, dem eigenen Vater die Türe zu weisen! In welche Abgründe die Gottlosigkeit Euch treibt, das hast Du freilich durch Deinen Vortrag schon bewiesen: Was ist es anders als eine teuflische Eingebung, in einer Zeit, wo dem Volke nichts so nottut als christliche Ergebenheit und Demut, die Unzufriedenheit zu predigen!...«

So schwer es mir wurde, Georg allein zu lassen, dessen fahle Blässe mich jetzt oft entsetzte, so empfand ichs persönlich doch wie eine Erleichterung, daß meine Delegation zur Generalversammlung der Ethischen Gesellschaft mich für einige Tage von Berlin fortführte. Wir fuhren zusammen: Geheimrat Frommann, Frau Schwabach, die Leiterin der Auskunftsstelle, Professor Tondern und ich. Schon unsere Eisenbahnunterhaltungen gaben einen Vorgeschmack der kommenden Diskussionen. Mit einer Schärfe, die von der milden, versöhnlichen Form kaum abgeschwächt wurde, gab unser Vorsitzender mir zu verstehen, wie wenig unsere Zeitschrift der Aufgabe, allgemein menschliche Ethik zu verbreiten, entspräche, und Frau Schwabach hielt mir ernstlich vor, wie unethisch meine Angriffe auf die bürgerliche Gesellschaft in meiner letzten Rede und in jedem meiner Artikel wären.

»Sie würden unendlich viel stärker wirken, wenn Sie alle Negation beiseite ließen –« sagte sie.

»Und die guten Leute streichelten, damit sie im besten Fall schnurren wie die Katzen,« fügte Tondern höhnisch hinzu.

»Wer keine Kritik verträgt und dem Spiegel nicht dankbar ist, der alle Flecken und Falten wiedergibt, – der soll sich nur gleich begraben lassen!« Noch am Abend in Leipzig zeigte er mir den Antrag, den er stellen wollte: »Die Ethische Gesellschaft nimmt mit Genugtuung davon Kenntnis, daß der Kongreß für Hygiene sich für den Achtstundentag ausgesprochen hat, und erklärt, von ethischen Gesichtspunkten ausgehend, sich dieser Forderung anzuschließen.«

»Das wird uns vorwärts bringen!« sagte ich und gab ihm freudig meine Unterschrift.

Er verzog die Mundwinkel zu einem spöttischen Lächeln: »Vorwärts bringen?! Gewiß, die reinliche Scheidung der Geister ist allemal ein Fortschritt!«

Zwei Tage später saßen wir einander an demselben Tisch gegenüber: seine Augenwinkel zuckten nervös, unruhig trommelten seine Finger auf der Tischplatte, während ich, totmüde von den langen Verhandlungen, gedankenlos in einer Zeitung blätterte.

»Was sagen Sie nun?!« unterbrach er unser langes Schweigen. »Ich – ich bin noch ein Optimist gewesen! Eine Ethische Gesellschaft, die geschlossen gegen uns beide den Achtstundentag ablehnt! – Weil er ein ›Schlagwort‹ ist! – Weil seine Annahme den Verein sprengen würde! – Weil es ›unethisch‹ ist, andere zu ›verletzen‹! – Was meinen Sie: ist es vom Standpunkt unserer Privatethik aus zu rechtfertigen, wenn wir immer noch nichts als heimliche Sozis sind?!«

Ich senkte den Kopf tiefer. Ich dachte an Georg, an seine strahlenden, hoffnungsvollen Kinderaugen, an seine zarten, schmalen Hände, seinen armen gelähmten Körper. »Nur eine Aufgabe kann ich erfüllen,« hatte er einmal gesagt, »von meinem Katheder aus die Jugend ›vergiften‹!« Und dann fiel mein Blick auf den breiten Trauring an der Hand meines Gefährten, – er hatte ein Weib daheim und vier kleine Kinder.

»Sind wir so frei, um tun zu können, was wir wollen?« kam es mir leise, wie im Selbstgespräch über die Lippen.

»Sie haben recht – wir müssen uns abfinden – so oder so!« ...

Früher, als Georg mich erwartet hatte, kam ich nach Haus. Ganz leise schloß ich die Wohnungstür auf, – um die Zeit war er immer in seine Studien vertieft, dann hörte und sah er nichts. Aber kaum hatte ich den Fuß über die Schwelle gesetzt, klang mir schon seine Stimme entgegen –

»Alix!!« – Ein einziger Laut, – und der Jubel, die Sehnsucht, die Liebe eines ganzen Herzens darin! Ach, und wie seine Lippen bebten und brannten, – zum erstenmal hatte er mich auf den Mund geküßt.

»Das Leben ist kurz, Alix, viel – viel zu kurz! Du mußt mich nie mehr verlassen!«

»Nie mehr, Georg – nie mehr!« – Angstvoll forschte ich in seinen Zügen. – »Hast du gelitten, – mehr als sonst?«

»Sprechen wir nicht davon, – jetzt ist es ja gut – alles gut!« Und er lächelte mit seinem strahlendsten Lächeln.

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