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Memoiren einer Sozialistin - Kampfjahre

Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin - Kampfjahre - Kapitel 4
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authorLily Braun
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Viertes Kapitel

An einem jener norddeutschen Apriltage, wo Frühling und Winter einander wie Feinde vor dem Ausbruch des Kampfes lauernd umschleichen, die Sonne auf hellen Plätzen Sommergrüße vom Himmel sendet und daneben der feuchtkalte Wind triumphierend durch schattige Straßen fegt, ging ich zum Abschiednehmen zu den Eltern.

Seit jenem Tage, wo mein Vater mich im Zorn verlassen hatte, war ich nicht mehr bei ihnen gewesen. Selbst die notwendigen geschäftlichen Auseinandersetzungen, die sich an den Tod einer Verwandten und der mir und meiner Schwester zugefallenen kleinen Erbschaft knüpften, hatte mein Vater schriftlich erledigt. Jetzt aber hatte er mich vor meiner Abreise noch einmal sehen wollen.

Er empfing mich ernst und gemessen. »Du siehst schlecht aus,« sagte er dann und ein liebevoll besorgter Blick strafte seine äußere Strenge Lügen. Ich wußte es: die letzten Monate hatten meine Nervenkraft erschöpft; ich bedurfte der Erholung, aber mehr noch des Fernseins von Berlin während des bevorstehenden Scheidungsprozesses. »Die Erbschaft kommt dir wirklich zustatten,« fuhr er fort. Er ahnte nicht, in welchem Umfang er recht hatte!

Eine konventionelle Unterhaltung entspann sich. Und doch war mir das Herz so voll: ich allein wußte von uns allen, wie weit ich mich mit diesem Abschied von ihnen entfernte, – vielleicht auf Nimmerwiedersehen. Ein Wort der Dankbarkeit, der Liebe hätte ich gern gesagt; – in der Temperatur, die zwischen uns herrschte, erfror es, noch ehe es über die Lippen kam.

»Es ist mir nicht recht, daß du allein in die Welt hineinreist,« sagte mein Vater, als ich schon an der Türe stand, »Ihr Jungen denkt anders darüber, – Einfluß habe ich keinen mehr, – ich kann nur hoffen, daß du dich stets erinnerst, was du deinem Namen schuldig bist.« Seine Augen ruhten forschend auf mir. Ich reichte ihm stumm die Hand: »Lebewohl, Papa –« Ich zwang meine Stimme, nicht zu zittern. »Lebwohl,« antwortete er mit einem Seufzer. Einen Kuß gab er mir nicht mehr.

Die Mutter begleitete mich auf den Flur.

»Hast du etwas besonderes zu schreiben,« sagte sie mit Betonung, »so lege stets einen besonderen Zettel dem Brief an mich bei, damit ich ihn Hans ohne Schaden zeigen kann.« Ich hatte die Empfindung, daß mein Weggehen sie erleichtere. Ilse kam noch bis auf die Straße mit mir.

»Du, Schwester, ist es wahr, daß Dr. Brandt sich deinetwegen scheiden läßt?!« flüsterte sie hastig mit glänzenden Augen. Aufs peinlichste überrascht starrte ich sie an. Sie preßte mir stürmisch die Hand: »Du, – das ist furchtbar interessant! Freilich –« und nachdenklich laute sie an der Unterlippe – »mit Papa werden wir wieder aushalten müssen!«

Ein Regenschauer trieb sie ins Haus zurück. Fröstelnd zog ich den Mantel fester, der Wind zerrte daran und warf mir eiskalte Tropfen ins Gesicht.

Am Abend fuhr ich nach München, wo Heinrich den Zug bestieg. Er hatte seine Söhne in Pension, Rosalie und den Kleinen mit der Pflegerin aufs Land gebracht.

»Es gab wieder eine Szene,« erzählte er, »ihre innere Stimme, an die sie nun einmal glaubt, hat ihr gesagt, daß du mich unglücklich machen würdest. Aus Mitleid wollte sie darum alles verzeihen und mich in Gnaden wieder aufnehmen. Als ich darauf verzichtete, prophezeite sie mir mit dem Pathos einer Kassandra, ich würde noch einmal kniefällig um ihre Liebe betteln. Und als auch das ohne Eindruck blieb, machte sie allerlei dunkle Andeutungen über Zeugenaussagen im Prozeß, und die Pflegerin lachte mich dabei so impertinent an, daß ich grob wurde.«

»Nicht umsonst habe ich mich immer vor ihr gefürchtet,« sagte ich trübsinnig.

»Mein armer, kleiner Angsthase!« lächelte er, halb ungeduldig, halb belustigt. Im Lexikon seiner Gefühle hatte das Wort »Furcht« keinen Platz gefunden. »Du bist so tapfer und kannst so feige sein! Haben wir nicht bisher schon über alles Erwarten Glück gehabt, und du willst verzagen – gerade jetzt, wo wir dem Frühling entgegenfahren?«

Voll tiefen Vertrauens lehnte ich mich in den Arm zurück, der mich umschlang, und sah still den weißen Flocken zu, die vor den Fenstern tanzten, und den in dunkeln Schleiern schwer herabhängenden Wolken, die der Zug durchschnitt. Es tat so gut, sich in der Obhut des Geliebten zu wissen, seinen starken Schultern aufzubürden, was ich allein nicht hätte tragen können.

Auf dem Brenner glänzte die Sonne über frisch gefallenem Schnee, aber von den Bergen stürzten schon frühlingsfroh die entfesselten Wasser. In Gossensaß, wo die Bergwände sich noch einmal finster zusammenschoben, braute wieder der Nebel um dunkle Fichten und winterstarres Gebüsch, hinter Franzensfeste jedoch stand das breite Tal in blühendem Lenzkleid und öffnete die Arme weit, um all die frierenden Wanderer an seine warme Brust zu ziehen. Frohlockend wiesen von allen Höhen weiße Kirchlein mit spitzen Fingern hinauf zur Sonne, die behaglich lachend am blauen Himmel stand. Auf den knorrigen Ästen alter Obstbäume saßen junge lustige rote und weiße Blüten. Ohne Ehrfurcht vor dem grauen Alter der Ruinen, der nüchternen Heiligkeit der Klöster, fluteten in blauen Kaskaden die süß-sehnsüchtigen Blumendolden der Glyzinien über die Mauern, vom Liebesspiel buntschillernder Käfer umtanzt.

Im brixener Gasthof zum Elefanten machten wir Rast. Nur das riesige Bild des Rüsseltiers, dem er seinen Namen verdankt, erinnerte noch an die Zeit, wo Kaiser und Könige auf der Romfahrt hier Einkehr hielten. Jetzt saßen nur wenige unscheinbare Leute in dem niedrigen, dunkel getäfelten Gastzimmer. Sicher: hier kannte uns niemand. Aber kaum saßen wir vor der Schüssel, die verheißungsvoll nach gut österreichischer Mahlzeit duftete, als ein Herr an unseren Tisch trat, Heinrich freudig begrüßend. Umsonst, daß dieser die abweisendste Miene machte, den Fremden weder nötigte, Platz zu nehmen, noch ihn mir vorstellte. In seiner Freude, einen Bekannten zu treffen, besorgte er das ohne weiteres selbst; er hielt mich für Heinrichs Frau und kündigte uns mit vielem Geräusch die Bekanntschaft seiner Familie an. »Wir werden nicht bleiben können,« sagte Heinrich langsam, als er sich endlich empfahl, »es sind Berliner.« Ich zuckte die Achseln. »Diesmal bin ich die Mutigere von uns beiden. Mir ist nichts so gleichgültig als der Klatsch.«

»Aber ich dulde nicht, daß man dich verdächtigt,« brauste er auf.

In aller Frühe am nächsten Morgen fuhren wir weiter bis nach Trient. »Hierher kommt keiner unsrer Landsleute,« hatte Heinrich gesagt. Und in der Tat: in den großen Palasträumen des Hotel Trento sprachen selbst die Kellner nur ein gebrochenes Deutsch. Ob wir uns hier ein paar Wochen würden ausruhen können? Wir hatten sehr das Bedürfnis danach.

Vor dem Balkon meines Zimmers lag der weite Platz mit dem ehernen Denkmale Dantes. Mächtig zeichnete sich seine schwarze Silhouette gegen den blauen Himmel ab, zu beiden Seiten von den starren Felskulissen der Berge eingerahmt. Aber der Platz zu seinen Füßen mit ein wenig Rasen und ein paar kleinen immergrünen Büschen sah im gelben Licht der Sonne öde aus.

Wir gingen durch die Straßen: lauter graue Häuser mit verwaschenen Farben und trüben Fenstern, Paläste dazwischen mit verblichenen Fresken, Höfe mit alten ausgetrockneten Brunnen und Säulengängen, unter denen zerlumpte Wäsche hing, stolze wappengekrönte Tore mit Firmenschildern aus Blech und Anzeigen aus Papier benagelt und beklebt; ein Dom, geschmückt mit den zierlichsten romanischen Galerien, die hohen Portale von säulentragenden Löwen bewacht, und darin auf dem ausgetretenen Estrich, zwischen den Grabmälern edler Geschlechter, ein paar alte Weiber, die kniend den Rosenkranz durch schmutzige Finger zogen und mit zahnlosem Munde Gebete plärrten. Und über der Stadt, sie beherrschend, der prächtige Renaissancebau des alten fürstbischöflichen Schlosses, ein unvergleichlicher Rahmen üppiger Hofhaltungen, – eine Kaserne heute. In der dämmernden Loggia auf dem Brunnenhof, wo die Würdenträger des fürstbischöflichen Stuhls in roten und violetten Gewändern beim Gesang des leise plätschernden Wasserstrahls die kunstvollen Lettern pergamentgebundener Bücher zu lesen pflegten, saßen Soldaten und putzten Gewehre; in den hohen Sälen, von bereit gemalten Decken die Götter des Olymps auf die tafelnden Priester des Gekreuzigten einst lächelnd herniedersahen, standen Eisenbetten mit rauher Leinwand gedeckt, an den Wänden, hinter deren kalkweißer Tünche prächtige Bilder schlummern, hingen in Reih und Glied Käppis und Tornister.

Wir gingen schweigsam zurück. In den Gassen lärmten ein paar Kinder: Mädchen mit seidenen Schleifen im Haar und zerschlissenen Röckchen über den bloßen Beinen, Knaben, die gierig um ein paar Kreuzer rauften. Vor den Wirtshäusern auf dem schmalen Trottoir saßen in schäbiger Eleganz junge Leute, die lange Virginiazigarre zwischen den schwarzen Zähnen. Die Sonne schien, aber ihre Strahlen trafen auf keinen Lebenssamen, den sie hätten wecken können; die kahlen Mauern, die baumlosen Straßen warfen nur sengende Glut zurück. Fürsten erbauten diese Stadt, und Bettler haben sie daraus vertrieben.

Wir aber suchten den Frühling. Ein Postwagen mit vier Pferden davor entführte uns aus Trient. Je weiter wir uns von der Stadt entfernten, die wie ein steinerner Sarkophag in der Tiefe schlief, desto lachender wurde die Natur. Auf den Wiesen blühten Lilien und Glockenblumen, um die elendesten Hütten leuchteten in rosiger Pracht die Mandelbäume. In Caldonazzo, einem stillen Nest am Ende des Sees, der den klaren Himmel auf die Erde zu zaubern schien, blieben wir. Unter der Laube im Obstgarten der Trattoria, die von gelben Rosen überwuchert war, wurde uns gedeckt. Vino santo funkelte goldfarbig in den Gläsern, ein kleines Mädchen mit großen runden Augen, wie geschliffene Kohlen, setzte noch eine blaue Vase mit weißen Lilien mitten auf den Tisch. Dann war es ganz, ganz still um uns, ein heiliges Abendschweigen, das wir mit keinem lauten Wort zu stören wagten. Unsere Hände schlangen sich ineinander, fester zog mich sein Arm an seine Brust, und sehnsüchtiger wurden unsere Küsse.

Schlüsselklirrend ging der Wirt durch den Garten. Wir standen auf. Vor der Tür meines Zimmers blieben wir stehen, stumm, mit herabhängenden Armen, unsere Augen versanken ineinander, und die ganze verzehrende Qual unserer Liebe lag in unserem Blick. »Gute Nacht!« – er berührte mit den heißen Lippen nur meine Fingerspitzen.

Ich schlief nicht. Durch das offene Fenster strich die laue Luft und trug die süßen Gerüche der Wiesen auf ihren Flügeln. Ich preßte die Zähne zusammen, um nicht den zu rufen, nach dem mein Herz verbrannte, ich drückte die spitzen Nägel meiner Finger mir ins Fleisch, um mit dem Schmerz die Qual zu betäuben, die mein Blut durch die Adern peitschte.

Draußen im Garten knirschte der Kies, – das Weinlaub am Fenster bewegte sich, – schlich nicht ein Schatten leise vorüber? – O, warum kommst du nicht, – sind meine Arme nicht weich, lockt nicht mein Busen wie Perlmutter glänzend in der Stille der hellen Mondnacht? Was geht mich die Welt an?! Die sanften Höhen dieses blühenden Tales umschließen die meine! Und die Menschen? Da doch niemand ist, als ich und du! Und die Vergangenheit? Sie gehört uns nicht mehr! Und die Zukunft? Nichts ist unser als dieser Frühlingsnacht zauberische Gegenwart! – –

Aus kurzem, schwerem Morgenschlaf erwachte ich müde und einsam. Wir trafen uns in der Rosenlaube, und die Spuren nächtlicher Kämpfe lagen auch auf seinen Zügen.

Der Telegraphenbote riß uns aus der Versunkenheit unserer trüben Stimmung. Eine Depesche von Heinrichs Rechtsanwalt: »Frau Brandt verlangt Schlüssel Ihrer Wohnung, kehrt nach Berlin zurück. Stimmung nach Mitteilung ihres Anwalts wesentlich verändert.« Das Telegramm war uns von Bozen nachgesandt worden und trug das Datum von vorgestern. »Ich muß nach Berlin – sofort –. Sie kann alles zerstören,« knirschte Heinrich, »und du – du Arme?!« »Zunächst begleite ich dich, – alles weitere besprechen wir unterwegs.«

In sausender Fahrt ging es bergab. Die Peitsche des Kutschers pfiff über die schweißtriefenden Pferde. Wir mußten den Schnellzug erreichen. Unterwegs bekam ich einen Herzkrampf. Als ich wieder zu mir kam, ratterte der Wagen über das Pflaster Trients, und Heinrichs angstentstelltes Gesicht beugte sich über mich. »Wirst du weiter können?« Ich nickte. Man hob mich in den Zug. Ich erholte mich soweit, um ruhig denken zu können. Dicht bei Brixen lag unter großen Nußbäumen ein kleines Dorf, Vahrn genannt; dort wollte ich bleiben, bis –. »Bis alles gut ist, mein armer Liebling,« flüsterte er; »wenn ich nur sicher wäre, daß du deiner Angst, deiner Aufregung Herr wirst, – für mich ist der Kampf ein Kinderspiel –« Der Triumph des Sieges blitzte schon aus seinen Augen. In Brixen blieben uns noch ein paar Stunden bis zum Abschied. Auf der Post fand sich ein Brief an mich von der Mutter mit einer Beilage in verstellter Schrift: »Diesen anonymen Wisch bekam ich soeben. Ich habe ihn, Gott Lob, vor Hans verstecken können. Da aber Wiederholungen, womöglich direkt an ihn gerichtete, wahrscheinlich sind, und ich von deinem Anstandsgefühl doch noch so viel erwarte, daß der Inhalt dieses Schriftstückes eine Verleumdung ist und Dr. Brandt nicht mit dir reist, so ersuche ich dich, zu veranlassen, daß er uns seine Anwesenheit in Berlin auf irgendeine Weise dokumentiert...«

»Bereits morgen wird das geschehen,« sagte Heinrich, »du siehst, wie notwendig es ist, daß wir das Opfer dieser Trennung bringen. Es wird die letzte sein!«

Mit einem leisen Vorwurf sah ich ihn an: »Fast scheint's, als freutest du dich, daß du fort mußt!«

»Ich freue mich der Hindernisse, die sich uns in den Weg legen. Mir wäre bange geworden vor der Größe meines Glückes, wenn sein Besitz keine Opfer kosten würde.« Ich schämte mich meiner Trauer, und wir nahmen Abschied voneinander, fast als wäre es ein Willkommen.

Im Turmzimmer des Gasthofes zu Vahrn zog ich am selben Abend noch ein. Von meinem Fenster sah ich ins Schalderer Tal mit seinen dunkeln Fichten am klaren Bach. Stundenlang saß ich hier in wachen Träumen. Zuweilen folgte ich dem stillen Waldweg bis hinauf nach Schalders. Aber es mußte ein heller Tag sein, sonst fürchtete ich mich und sah, wie einst als Kind, hinter jedem Baum Gespenster lauern. Abends stieg ich nach Salern hinauf und saß zwischen dem alten Gemäuer der Ruine bis breite Bergschatten das Tal von Brixen verhüllten und die Spitzen der Dolomiten fern am Horizont aufglühten wie verlöschende Fackeln.

Des Nachts aber kamen die finsteren Gedanken. Dann las ich wieder und wieder seine Briefe und suchte zwischen den Zeilen, was er aus Schonung verschweigen mochte: »Rosalie macht Besuche bei allen Bekannten, und ich sehe an den Mienen der Leute, was sie erzählt –«, sie suchte Zeugen gegen mich; der Preis der Scheidung würde die Verhinderung unserer Heirat sein! »Sie hat neuerdings Freunde im Egidyschen Kreis« –, sie suchte eine Verbindung mit den Eltern, sie wird zum Vater gehen, ihm erzählen, – und er ertrüge es nicht, so nicht, – er würde Heinrich vor die Pistole fordern! Noch geschah nichts dergleichen. Meines Vaters Briefe waren erregt, aber nur über die Ereignisse des Tages: die Verurteilung Hammersteins wegen Urkundenfälschung zum Zuchthaus, »ein Menetekel für den Adel, dessen junger Nachwuchs das goldene Kalb umtanzt und dabei unabweisbar dem Schwindel verfällt,« den Austritt Stöckers aus der konservativen Partei, »dieses tüchtigen Mannes, den die Sozialdemokraten mit ihrer verdammten Manier der Veröffentlichung von gestohlenen Privatbriefen auf dem Gewissen haben,« über die in seinen Jubiläumsreden stets deutlicher zutage tretenden Weltmachtgelüste des Kaisers, »die uns vom erprobten geraden Wege altpreußischer Sparsamkeit und dem bewußten Sichbescheiden auf den angestammten Boden und seine Bearbeitung in die Politik abenteuernder Seefahrer hineinreißt.« Ich mußte mein Erinnerungsvermögen immer erst mühsam auf die Welt außer mir einstellen, wenn seine Briefe Antwort heischten.

Eines Morgens kam ein Expreßbrief von Heinrich, den ich in Erwartung erfüllter böser Träume zitternd öffnete. »Deine Liebe soll noch eine harte Probe bestehen,« schrieb er. »Rosalie will sich nur unter der Bedingung scheiden lassen, daß ich ihr mein ganzes Vermögen gebe. Es ist an sich nur klein, wie Du weißt, aber es ist alles. Wirst Du stark genug sein, einen Mann zu heiraten, der nichts besitzt? Der Dir nur seine Liebe in die Ehe mitbringt und seinen festen Willen, Dir trotz alledem ein glückliches Leben zu erkämpfen? ... Antworte mir nach reiflicher Überlegung. Aus Deiner Hand würde ich jedes Geschick ohne Murren empfangen. Fürchte nichts von mir, wenn Du nein sagen mußt. Das Glück, das Deine Liebe mir schenkte, war schon so groß, daß ich Dir auch dann noch dankbar bleibe ...« Ich lächelte, von einem Alpdruck befreit; so viele Worte um solch eine Kleinigkeit! Nicht einen Augenblick des Besinnens gab es für mich. »Gib, was sie fordert,« telegraphierte ich. Aber noch immer schien sie nicht genug zu haben. Ein paar Tage später verlangte sie eine Summe, die Heinrichs Vermögen übertraf. Und als der Anwalt ihr vorhielt, daß Heinrich Wucherschulden machen müsse, wenn er ihren Wunsch erfüllen solle, sagte sie ruhig: »Mag sein, – aber sonst lasse ich die Scheidung nicht zu.« Sie war unersättlich. In meinen nächtlichen Träumen sah ich sie: groß, dunkel, mit der Schleppe, die wie eine Schlange hinter ihr her raschelte, und den weißen Raubtierhänden.


Der Tag der Entscheidung nahte. Am Vorabend fuhr ich nach München.

Die Stunden schlichen, die Zeiger an der Uhr wollten nicht von der Stelle rücken. Ich hörte, wie das Leben draußen verstummte, die letzten Pferde müde zum Stalle trotteten, das letzte Läuten der Straßenbahn verklang. Und ich hörte wieder, wie es erwachte, wie die ersten Marktwagen im Dämmerlicht grauenden Morgens über das Pflaster ratterten und die Tritte der Bäckerjungen straßenweit zu verfolgen waren; wie das Räderrollen allmählich anschwoll zu einem brausenden Ton, und kein einzelner Schritt unter den vielen mehr zu unterscheiden war. Dann kamen die Stunden, die über mein Schicksal entschieden. Sie waren wie lebendige Wesen, die mit meinem Herzen Fangball spielten. Frei!« – Ich hatte das Telegramm dem Boten aus der Hand gerissen, – ich starrte das Wort an, bis mir die Augen übergingen. Im Zimmer ertrug ich's nicht mehr. Zu groß war mein Glück. Und selbst als der Himmel sich über mich spannte, war mir's, als müßte es sein blaues Gewölbe zersprengen.

Zwei Tage mußte ich des Geliebten warten. »Nachdem Dein heimlicher Wunsch, Du emanzipationslüsterne Frau, eine freie Ehe zu schließen, an meinem reaktionären Eigensinn endgültig zu Schanden wurde,« schrieb er neckend, »muß ich unserer altmodisch ordentlichen Verbindung auch eine bürgerliche Grundlage schaffen.«

Ich lief indessen in der Stadt umher und suchte, meinem übervollen Herzen Luft zu machen. Ein Bettler stand an der Ecke mit einem Plakat vor der Brust »Ein armer Taubstummer bittet um eine milde Gabe,« ich drückte ihm ein Goldstück in die Hand, was ihn so verblüffte, daß er seiner Stummheit vergaß und ein Mal über das andere ein »Vergelt's Gott« stammelte. Vor allen Schaufenstern blieb ich stehen, in denen die Maisonne zärtlich über Spitzen und Schleier strich. Und das Schönste, was ich sah, war nur gerade schön genug, um mich für ihn zu schmücken.

Meines Lebens hohe Zeit stand vor der Türe; königlich sollte sie empfangen werden. Niemand durfte ihr begegnen, der Trauergewänder trug. Keines Menschen Träne durfte den Willkommtrunk verbittern, mit dem ich sie begrüßen wollte. Und im geschliffenen Kristall des Pokals sollte sich nur die Sonne spiegeln.

Der Gedanke an die Eltern krampfte mir das Herz zusammen. Ich sah sie in der dunkeln Wohnung hinter den schweren Vorhängen, die immer an den Winter glauben ließen. Würde mein Glück hell genug sein, um hindurchzudringen? Ich fühlte, wie dumpf die Luft bei ihnen war. Würde mein Glück stark genug sein, sie zu zerstreuen?

An einem hellen Morgen, über den der Himmel leuchtete wie ein geheimnisvoll gleißender Opal, trug ich ein weißes Kleid und Rosen im Gürtel, die lauter Sonnenlicht getrunken hatten und die Blütenköpfe senkten, schwer von Schönheit. Ich wartete des Geliebten. Durch die vielen Scheiben der Bahnhofshalle funkelte und sprühte das Morgenlicht und malte tanzend helle Flecke auf den Asphalt. Wie blasse Mondscheiben, wenn der Tag noch herrscht, standen die großen, runden Bogenlampen über dem hastenden Leben. Hin und her strömten bunte Menschenschwärme. Reisefieber, das in blaue Fernen treibt, sorgender Ernst, der der Tagesarbeit entgegenstrebt, lachende Hoffnung, die in die Arme der Liebe verlangt, bange Angst, die vor der Fremde zittert, malten sich in den vielen Gesichtern. Die Züge brachten und empfingen sie in unaufhörlichem Wechsel. Ich allein stand in der Flut ganz still, die Augen auf das helle riesige Bogenrund gerichtet, in das die großen schwarzen Schlangen fauchend untertauchten, und aus dem sie, die welterobernden Ungeheuer, brausend hervorquollen. Endlich! Ein schriller Pfiff aus einer Lokomotive, die ihre mächtigen, blanken Glieder majestätisch hereinwälzte, zwei zischende Garben weißer Wasserdämpfe –, sie stand. Lauter Schatten liefen und drängten an mir vorüber, ich sah nur ihn, – und er zog mich in die Arme, ganz fest –, alle Rosen fielen mir aus dem Gürtel, und streuten ihre Blätter um uns, glutrote...


Und unsere Hochzeit, mein Lieb, wo soll sie sein?«

»Irgendwo zwischen hohen Bergen, im Walde, wo der Dompfaff uns traut –«

»Und wann, – wann?« heiß flüsterte seine Stimme an meinem Ohr.

»Still muß es um uns sein, ganz still, dann wird die Stunde kommen, der wir gehorchen müssen ...«


Wir fuhren nach Augsburg zu Tante Klotilde, meines Vaters Schwester. Vielleicht, daß sie sich für uns gewinnen ließ, daß ihr Einfluß den Vater beruhigen könnte. Am Bahnhof trennten wir uns, er ging ins Hotel, mich führte ihr Wagen durch das alte schmiedeeiserne Tor vor das schöne Haus mitten im blühenden Garten. Mit ungewohnter Zärtlichkeit empfing sie mich: »Du hast mir etwas zu sagen, Kind? Fürchte dich nicht –, du weißt, ich habe viel an dir gut zu machen.« Ich fürchtete mich doch, – aber nicht vor ihr. Wenn sie mich verdammte, so wußte ich: das Herz würde ihr darum nicht bluten. Um den Vater nur bangte mir, wenn sie die Verständigung nicht würde herbeiführen wollen. Ich erzählte, daß ich verlobt sei. Ich verschwieg nicht, daß er sich hatte scheiden lassen, – um meinetwillen. Aber von der ersten Ehe erzählte ich nichts, und nichts von dem Kinde, das vor wenigen Monden erst geboren worden war. Ich bekannte ehrlich, daß er, wie ich, Sozialdemokrat von Gesinnung sei, aber ich betonte, daß seine Tätigkeit allein auf neutralem wissenschaftlichem Gebiete liege. Und als sie die Frage stellte, die, wie ich wußte, für sie von ausschlaggebender Bedeutung war: »In welcher Lage ist er?« – da log ich: »In der besten –« Was ging das alles die anderen an?! Mein Leben war es, für das ich allein die Verantwortung trug. Nur dem Vater wollt' ich es leicht machen, und die Mutter sollte sich nicht grämen, und mein blondes Schwesterchen sollte nicht weinen!

Heinrich wurde zum Essen geladen. Seine ruhige, fast hochmütige Zurückhaltung der »Frau Baronin« gegenüber imponierte ihr. Sie schrieb noch am Abend einen langen Brief an den Vater. Und am nächsten Mittag kam seine telegraphische Antwort: »Tief gerührt über die Liebe, mit der du Alix in deinen Schutz nimmst, versage ich ihr nicht den Segen ihrer schmerzbewegten Eltern.«

Heinrich reiste nach München zurück, – es wäre ja nicht passend gewesen, ein Brautpaar beieinander zu lassen! – ich blieb noch, um in ein paar Tagen mit Freunden, – wie ich vorgab, – nach Tirol zu gehen. Inzwischen kamen die Briefe der Eltern. Von der Mutter zuerst. Sehr liebevoll, aber doch voller Sorge. »Ich danke Gott und der lieben Klotilde,« schrieb sie, »daß Dein Vater die große unerwartete Sache so aufnahm und ruhig ist, trotzdem ihm alles furchtbar schwer wird und er noch nicht imstande ist, an Dich zu schreiben. Wenn nur seine Gesundheit aushält, um die ich oft sehr besorgt bin, besonders bei so großen Erschütterungen... Ilschen hat sich reizend benommen; ihre kindliche, zärtliche Art, ihrem Papa alles recht gut und schön darzustellen, ihre Bitten und Tränen haben ihn tief gerührt... Um Deines Vaters willen bitte ich Dich, Deine Verlobung wenigstens solange geheimzuhalten, bis er bei Klotilde in Grainau ist, die ihn so freundlich einlud und ihn am leichtesten wird beruhigen können. Auf diese Weise entgeht er am besten dem Zeitungsklatsch, an dem es wohl leider nicht fehlen wird ... Mir ist das Herz so übervoll, daß ich keine Worte finde. Gott führe alles zum Besten...« Und dann kam der erste Brief des Vaters, aus dem ich erfuhr, daß er wußte, was ich ihm schonend verschwiegen hatte. »Wenn Du älter geworden sein wirst,« hieß es darin, »so wirst Du verstehen, daß ich nicht Dein Glück stören will, sondern nur mit der Erfahrung eines Mannes, der am Ende seines Lebens steht, da kein Glück sehe, wo Du seinen Gipfel glaubst erstiegen zu haben... Dr. Brandt mußte bei mir und Mama zuerst um die Erlaubnis zur Verbindung mit Dir nachsuchen, es mußten mir ganz klar die äußeren Verhältnisse dargetan werden, die zur Scheidung führten, und die Lebenslage, die Dr. Brandt Dir bietet. Von alledem ist nichts geschehen, und ich bin und bleibe der vor Gott und den Menschen für Dich verantwortliche Vater; auf mir, Mama, Ilse bleibt jeder öffentliche Skandal sitzen. Sage selber, wie soll ich Vertrauen zu einem Manne haben, der zweimal geschieden ist? Ich kenne die Gründe nicht, kann also nur bei meinem theoretischen Urteile bleiben, daß es ihm zweimal nicht gelungen ist, seine ihm ›bis der Tod uns trennt‹ angetraute Frau an sich zu fesseln. Es kommt hinzu, daß selbst roheste Naturen Pietät dafür haben, wenn dem Manne eben von seiner Frau ein Kind geschenkt worden ist. Diesen Augenblick zur Scheidung zu wählen, ist gewiß nicht feinfühlig. Meine Tochter ist mir zu schade, als daß ich ruhig zusehen könnte, wenn sie in solche Verhältnisse verwickelt wird...«

Es entspann sich eine erregte Korrespondenz. Ich war viel zu empfindlich, besonders gegenüber Angriffen auf den Geliebten, als daß ich mich wenigstens äußerlich hätte beherrschen können. Mein strahlendes Glück hatte mich blind gemacht für die Welt, in der meine Eltern lebten und dachten. Ich empfand als bittere Kränkungen, was von ihrem Standpunkt aus sorgende Liebe war. »Ich begreife nicht, daß Du scheinbar gar nicht ahnst, wie schwer uns Deine Heirat werden muß,« schrieb Mama in Beantwortung eines meiner Briefe, »willst Du denn durchaus nicht die Wirklichkeit sehen? Muß ich ganz deutlich werden und dir sagen, wie selbst Dir wohlwollende Menschen über Dich den Kopf schütteln? Du ahnst wohl gar nicht, was und wie man über Euch spricht! Und jetzt erwähnst Du wie etwas Selbstverständliches, daß Ihr Euch hier in Berlin wollt trauen lassen. Ich finde den Gedanken unglaublich. Denke doch nur an das Aufsehen, und was das für ein Licht auf uns alle werfen würde! Wir wollen der Welt gegenüber betonen, daß Du mit unserem Segen heiratest –, hier würde nicht einmal unser Pfarrer, der so streng über Scheidungen denkt, Euch trauen wollen ... Heiratet in irgend einem stillen Ort Süddeutschlands, wohin ich und Ilse zur Trauung kommen werden, und überlegt vor allem, ob es nicht besser wäre, wenn Ihr Euch dann fern von Berlin niederlaßt? Für alle Teile würde es besser sein, solange der gemeine Klatsch über Euch nicht verstummt ist. Ich habe auch an Deinen armen Vater zu denken, den Du ganz zu vergessen scheinst, und dem jede neue Aufregung erspart werden muß ...«

Ich erwähnte in meiner Antwort der Schwierigkeiten, die eine Heirat an anderem Orte bereiten würde. Wir hatten längst beschlossen, uns ohne alles Aufsehen trauen zu lassen und gehofft, daß die Eltern angesichts der vollzogenen Tatsache sich um ihr Was und Wie nicht kümmern würden. Im nächsten Brief meiner Mutter schrieb sie: »Du erwähnst nur der standesamtlichen Schwierigkeiten, also wollt Ihr wohl die Kirche umgehen, – wenn Du mir das noch antust, dann wäre es besser, wir sehen uns nie wieder, denn das kann ich nicht überwinden, das würde ich nie verzeihen, und Vater, Schwester und Tante auch nicht! Bedenket wohl, was Ihr damit tut: Ihr gebt unseren Beziehungen den Todesstoß ...«

Ich war schon wieder abgereist, als mir in Innsbruck berliner Zeitungen in die Hände fielen. Sie brachten mit mehr oder weniger hämischen Randbemerkungen die Mitteilung von Heinrichs Scheidung und meiner Verlobung. Und gleich darauf kam ein Brief des Vaters: »Was zu erwarten war, ist geschehen: alle Zeitungen beschäftigen sich mit Dir und ziehen meinen guten Namen in die Skandalgeschichte meiner Tochter. Sie sagen, daß Du Dich nun ganz der Sozialdemokratie in die Arme geworfen hast... Du nahmst die Gewohnheit an, bei Deinen Handlungen nie an Deine Eltern, nie an Deine Schwester zu denken. Trotzdem bleibst Du unser Kind, und wir tragen an Dir mit, gleichgültig welches die Bürde ist, die Du uns auferlegst. Wenn eine Tochter frank und frei erklärt, sie gehöre zur Sozialdemokratie, so bleibt an den Eltern etwas hängen. Ich bin alt und gebrechlich, meine Tage sind gezählt, aber ich bin notwendig für Deine Mutter und Deine Schwester. Unehre jedoch ertrage ich nicht; wenn man mich ehrengerichtlich belangt, wegen Deiner Beziehungen zu einer staatsvernichtenden Partei, so mag man mich begraben. Daß die Sozialdemokratie es jetzt freudig ausbeutet, wenn die adlige Tochter eines allgemein bekannten Generals sich zu ihr bekennt, das begreife ich, es ist ihr Vorteil. Wer ein einziges Mal diese gemein aussehenden Leute im Reichstage gesehen hat und sich vergegenwärtigt, daß diese Rotte unheimlicher Kreaturen von den Pfennigen der Arbeiter sich mästet, die um so reichlicher fließen, je mehr alles in den Schmutz getreten wird, was uns heilig ist, der muß am Rande der Verzweiflung stehen, wenn er die eigene Tochter unter ihnen weiß...« Ich antwortete nicht. Wie viel besser wäre der offene Bruch gewesen, als daß ich, vom Verstande unkontrollierten Gefühlen hingegeben, eine Brücke über Unüberbrückbares zu schlagen versucht hatte. Ich hatte nicht wehe tun wollen –, litten die Eltern jetzt nicht mehr, wo sie mich von schleichender Vergiftung befallen glaubten, als wenn ich ihnen ganz gestorben wäre?

Am Morgen meines Geburtstages erwartete ich den Geliebten. Stille Wehmut dämpfte die Freude, mit der ich Heinrich empfing. Vor lauter Glück bemerkte er meine Stimmung nicht. »Ich bringe dir ein schönes Geburtstagsgeschenk,« rief er, mich zärtlich umarmend. »Herr Charles Hall, der Deutschamerikaner, von dessen sozialpolitischen Interessen ich dir oft erzählte, hat sich bereit erklärt, meine Zeitschrift zu unterstützen. Siehst du, nun hab' ich auch das durchgesetzt: die bürgerliche Grundlage unserer gut bürgerlichen Ehe! – Dürfen wir nun nicht Hochzeit feiern?!« fügte er leiser hinzu. Ich schüttelte den Kopf und hing mich fest an seinen Arm: »Laß mich erst wieder froh werden, mein Heinz!«

An einem regenfeuchten Julitag kamen wir nach St. Jodok, einem kleinen Bergnest, das die Brennerbahn fauchend umkreist. »Morgen früh scheint d' Sunn,« versicherte der Führer, mit dem wir über unsere Pläne verhandelten, und so beschlossen wir, noch am Nachmittag zur Geraerhütte zu gehen. Es war ein einförmig düsterer Weg durch die Wiesen des Valser Tales mit ihren zahllosen braunen Heuschobern, auf die der Nebel tief hinunterhing, und dann die Anhöhe hinan auf steinigem Pfad, von schwarzgrauen Bergen umgeben, deren Gipfel sich in den Wolken verloren. Und in der Nacht tobte der Wind um die Holzhütte, und der Regen klatschte an die kleinen Fenster, daß ich mich fröstelnd in die Decken hüllte und eine undurchdringliche Finsternis noch vor mir zu haben meinte, als der Führer morgens an die Türe pochte. »Schön wird's,« sagte er mit unerschütterlicher Sicherheit. Wir traten hinaus, dicht vermummt, wie zu einer Winterreise. Fast wäre ich schwindelnd zurückgewichen vor dem Bilde, das die flackernde Laterne unsicher beleuchtete: wie auf einer Insel im Wolkenmeer standen wir. Unten im Tal lagen die Nebel dicht geballt, nur hie und da streckte es sich aus ihnen hervor wie lange schwarze Arme, die, kaum daß sie unsere Höhe erreichten, verschwanden wie Gespenster beim Glockenschlag. Wir stiegen aufwärts. Schritt vor Schritt, lange Serpentinen bis zum Alpeiner Ferner. Frischgefallener Schnee deckte ihn wie ein Leichentuch, nur hie und da glänzte das Eis hervor in tiefen, dunkelgrünen Spalten, – geheimnisvoll lockende Gräber. Kein Leben ringsum; selbst der Sturm war verstummt, unhörbar versanken unsere Füße im Schnee. Mich grauste. War es nicht das Reich des Todes, das wir betreten hatten?

Da begann der Himmel über uns sich rosig zu färben; noch einmal sah ich hinab in das Nebelmeer der Tiefe, dann stieg ich, so rasch meine Füße mich tragen konnten, um die Höhe zu erreichen, wenn die Sonne kam.

Und sie war da. Glühend in junger Liebe, als küsse sie die Erde zum erstenmal. In der heißen Umarmung ihrer Strahlen ward die keusche Braut zum Weibe, das sich dem Geliebten schrankenlos hingibt. Sie warf die dunkeln Schleier von sich, in die sie sich eben noch scheu gehüllt hatte, und auch die letzten weißen duftigen Hüllen zerriß sie. In ihrer prangenden Schöne stand sie vor ihm, die schimmernde weiße Stirn stolz gen Himmel gehoben, den schneeigen Busen rosig überhaucht von dem Gruß dessen, der sie erlöste.

Wir standen ganz still und schauten uns an und lasen einander die Gedanken von den stummen Lippen. Auf dem Weg durch die Nacht und empor bis hierher, hatten wir die Vergangenheit noch einmal durchlebt, zusammengedrängt in wenige Stunden. Nun aber war es vorüber. Der Gipfel war unser. Und über das Schneefeld hinab, der Sonne zu, lag eingebettet in grüne Matten ein kleines, helles Haus. Mit dem Bergstock, dessen Spitze rote Alpenrosen schmückten und weiße Edelweißsterne, wies ich hinab: »Dort will ich Hochzeit halten,« flüsterte ich. Da hob mich der Liebste jubelnd hoch empor, und miteinander sausten wir über den Schnee in die Tiefe.

»Arg verliabt san's,« brummte der Führer gutmütig, als wir aufatmend unten standen.

Zitherspiel und Gesang empfing uns in der Dominikushütte. Ein paar junge Männer, Studenten mit blondem Kraushaar und blitzenden Augen, saßen um den Tisch, und ihre Stimmen füllten den Raum mit lauter Frohsinn. Seil, Steigeisen und Eispickel lagen neben ihnen; die verstaubten Stiefel und die braunen Gesichter bewiesen: sie waren echte Höheneroberer. Solche Söhne will ich haben –, zog es mir durch den Sinn, als spräche es aus unbekannter Tiefe meines Wesens.

Feierlich, mit Millionen goldenen Sternen am Himmel, senkte sich die Nacht in das Tal. Von Wiesen und Wäldern ein starker Duft füllte unsre braune Kammer. Und leise Winde, die von den Gipfeln kamen und noch feinen Staub getragen hatten, flüsterten in den Fichten vor dem Fenster. Da bin ich sein Weib geworden ...

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