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Memoiren einer Sozialistin - Kampfjahre

Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin - Kampfjahre - Kapitel 19
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authorLily Braun
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Neunzehntes Kapitel

In Eis gepanzert, einen langen Mantel von Schnee um die Schultern, trat das neue Jahr seine Herrschaft an. Gleichgültig sahen seine kalten Augen über die Menge hinweg, die jammernd die Arme zu seinem Thron erhob

Die Not war groß. Brot und Fleisch waren teuer, und für die Menschenkraft, die sich billig anbot, gab es keine Arbeit. Der Winter trieb die Arbeitslosen in Scharen in die Wärmehallen; vom frühen Nachmittag an drängten sich die Obdachsuchenden vor den Asylen. Wer in ihre Nähe kam, den trafen Blicke, in denen der Haß gegen die Herrschenden, der Groll mit dem Schicksal flammte. Das waren keine Almosen heischenden Bettler mehr, keine in ein gottgewolltes Geschick Ergebenen.

Das Proletariat füllte den ganzen Winter über die Säle, um gegen eine Politik zu protestieren, die zwar mit den Insignien des Konstitutionalismus prunkte, aber nur ein Werkzeug des Absolutismus war. Es wußte von den Millionen neuer Steuern, die drohten, es hatte erfahren, daß es gegen die geeinte Reaktion machtlos war, daß die eiserne Hand Preußens auf ihm ruhte, wenn es sich aufrichten wollte. Es erkannte, daß es Mauern und Gräben zu bewältigen galt, ehe die feste Burg, der Staat, ihm zufiele. Junker und Pfaffen hielten sie besetzt, bereit, nur über ihre Leichen den Weg frei zu geben.

Der erste Akt des Dramas begann.


Vor dem Abgeordnetenhaus in Berlin eine dichtgedrängte Menschenmasse. Polizisten zu Fuß und zu Pferd, den Revolver im gelben Gürtel, halten die Zufahrt frei. Und hinter ihnen stehen Tausende, Männer, Frauen, Kinder. Sie warten. Sie besetzen die Auffahrt des gegenüberliegenden Kunstgewerbemuseums. Sie halten Umschau von oben. Und plötzlich biegt in scharfem Trabe eine Karosse um die Ecke der Prinz Albrechtstraße. »Der Reichskanzler!« gellt es laut. Die Menge flutet ihm entgegen, ihm nach, eine einzige dunkle Welle. Und brausend tönt es um ihn: »Hoch das freie Wahlrecht!« Dann wieder Stille. Sie wartet weiter.

Und auf der Rednertribüne des Abgeordnetenhauses erscheint Fürst Bülow zur Beantwortung des freisinnigen Antrags: Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts mit geheimer Stimmabgabe für den preußischen Landtag. Mit untergeschlagenen Armen, ruhig und selbstbewußt, den harten Ausdruck geborener Herrscher auf den Zügen, sitzt die Mehrheit vor ihm. Sie weiß, was sie zu erwarten hat; dieser Mann ist ein Erwählter des Kaisers, nicht des Volkes, und der Kaiser ist der Ihre.

»... Für die Königliche Staatsregierung steht es nach wie vor fest, daß die Übertragung des Reichstagswahlrechts auf Preußen dem Staatswohl nicht entspricht und daher abzulehnen ist. Auch kann die Königliche Staatsregierung die Ersetzung der öffentlichen Stimmabgabe durch die geheime nicht in Aussicht stellen.«

Scharf, ohne die liebenswürdigen Floskeln des Weltmannes, ohne das verbindliche Lächeln des Diplomaten, klingt die Erklärung durch den Saal.

Das Volk draußen wartet. Da nahen neue Schutzmannspatrouillen; hart schlägt ihr Tritt auf den Asphaltboden auf, Pferdehufe klappern dazwischen, – die Begleitung zum Text des Kanzlerliedes.

Das Volk zieht sich zurück.


Tage später. Ein heller Wintersonntag. Mittags Unter den Linden das gleiche Bild wie immer: flanierende Damen und Herren, Offiziere und Studenten, hinter den Spiegelscheiben der Kaffees neugierige Sonntagsbummler.

Wir gehen langsam dem Schloßplatz entgegen. Schutzleute erscheinen. Aus allen Nebenstraßen blitzen ihre Helmspitzen auf. Im Zeughaus, vor dem Museum, am Dom und rings um das Schloß – lauter Pickelhauben. Mit klingendem Spiel zieht die Wache auf, bunt und glänzend, eine Augenweide für alle Farbenfrohen. An der Kreuzung der Friedrichstraße stockt der Zug der Soldaten, ein anderer überschreitet seinen Weg, ein einförmig dunkler: Arbeiter, die aus dem Innern der Stadt kommen, wo heute die Wahlrechtsversammlungen tagen. Schweigend zieht er vorüber. Es ist, als ob er auf alle Gesichter seinen Schatten geworfen habe.

Da – Signaltöne aus der Hupe. Die Spaziergänger stutzen; drei gelbe Automobile rasen vorbei, dem Schlosse zu. Der Kaiser. Kein Hurra, kein Gruß, alles bleibt still, – wie benommen.

Und plötzlich, als hätte die Erde sie ausgespieen, wimmelt es auf der breiten Straße von Menschen; im selben Augenblick bildet sich vor dem Schloß eine Mauer von Polizistenleibern. Die Menge mißt ihre Gegner mit dem spöttischen Blick der Überlegenheit: Wenn wir wollten –! Aber sie wollen nicht. Sie haben stärkere Mauern zu stürmen.

Aus der Ferne klingen Töne, wie Donnerrollen. Sie schwellen an. Sie begleiten den gleichmäßigen Tritt Tausender: – soweit das Auge die Friedrichstraße hinunter gen Süden reicht – ein Meer von Menschen. Es überflutet die Linden. Rechts und links weichen die Spaziergänger zurück. Noch nie hat die Allee der Fürstentriumphe solch einen Aufzug gesehen! Eine Schwadron Berittener sprengt den Demonstranten entgegen, mitten in ihren Zug hinein. Ein Aufkreischen ängstlicher Weiberstimmen, – dann gewitterschwangere Stille.

Einsam liegt das Königsschloß. Leer gefegt ist der weite Raum ringsum. Schwer hängt die Kaiserstandarte in der unbewegten Luft. Hier hält das Leben seinen Atem an.

Aber ringsum, von Norden und Osten, von Süden und Westen, strömen sie jetzt herbei in hellen Scharen. Sie singen. Niemand hat den Taktstock geschwungen, sie sehen einander nicht einmal, und doch ist es dasselbe Lied, das aus den Kehlen aller dringt, das die Bastille gestürmt hat und die Barrikaden: die Marseillaise. Es schlägt gegen die Mauern der Kirchen und der Paläste, – und ihr Echo muß es wiedergeben. Es braust sieghaft hinweg über die Ketten der Hüter der Ordnung. Hoch über dem Königsschloß fluten seine Töne zusammen, – es klingt wie das Klirren scharfer Klingen, – wie Wotans gespenstisches Heer.

Und nun hüllt der Abend die Stadt in seinen dunkeln Mantel. Der Gesang verstummt. Das Pferdegetrappel der Polizisten, das Geschrei der Verfolgten tönt nur noch von weit her.

Mir aber ist, als sähe ich in einen unermeßlichen Saal. An seinen Wänden prangen die Bilder verflossener Jahrhunderte: die Geschichten von den Königen und den Kriegen; Marmorstatuen stehen ringsum: Feldherrn und Fürsten, Priester und Propheten. In der Mitte aber auf goldenem Stuhl thront Er. Um das Haupt den Krönungsreif wie einen Heiligenschein; die Finger der Linken um den Reichsapfel gespannt, – die Weltenkugel; in der rechten das Zepter, – eine Peitsche, um Nacken zu beugen, Widerspenstige zu zähmen; auf der Brust ein großes leuchtendes Kreuz. Ich staune ihn an: Alles Vergangene lebt in ihm. Alles, was uns tot ist, umgibt ihn. Gegen die Nacht, die nur sein Glanz erhellt, erscheint das Licht des Tages grau und kalt.

Er ist kein einzelner. Er ist die Welt, die wir überwinden müssen.


Eine kleine Gruppe von Parteigenossen fand sich in einem Restaurant der Friedrichstadt in der Nacht nach den Wahldemonstrationen zufällig zusammen. Die Erregung, die in allen noch nachzitterte, verscheuchte jede Müdigkeit. Große Ereignisse lösen die Lippen. Auch die Kühlen waren warm geworden. Man diskutierte lebhaft: über die heutige Eroberung der Straße, über die künftige Entwickelung der Bewegung, über die Möglichkeit, in diesem Augenblick, wo es sich nicht um die Aufrichtung des Zukunftsstaates, sondern um die Niederwerfung der Junkerherrschaft handelte, das liberale Bürgertum und alle Schmollenden, die unsicher abseits standen, mobil zu machen. »Ein Riesenkampf gegen die Reaktion, – das ist's, was die stagnierenden Gewässer in Fluß bringen würde!« sagte einer.

»Er würde die Geister scheiden, wie nichts zuvor –,« ergänzte enthusiastisch ein anderer.

»Sie glauben wirklich, daß das Ziel des allgemeinen Wahlrechts für den preußischen Landtag solch weltbewegende Kräfte entfesseln könnte?« fragte ich. Mein Spott rötete die Gesichter der Begeisterten noch mehr.

»Und gerade Sie waren vor einer Stunde bis zur Stummheit ergriffen!« meinte vorwurfsvoll mein Nachbar.

»Ich bin es noch,« antwortete ich; »mir war, als hätte ich wirklich den Flügelschlag der neuen Zeit gefühlt. Ich fürchte nur, sie rauscht an uns vorüber.«

»Das aber liegt doch an uns!« rief über den Tisch herüber ein junger Literat, der darauf brannte, sich die politischen Sporen zu verdienen. »Wir müssen sie festhalten, wir müssen das Eisen schmieden, solange es warm ist.«

»Womit, wenn ich fragen darf?« –

Die Antworten schwirrten von allen Seiten durcheinander: »Durch die Aussicht auf eine wahrhaft liberaldemokratische Ära,« – »auf wirtschaftliche Reformen großen Stils,« – »Verminderung der Steuern,« – »der Militärlasten,« – »Trennung von Kirche und Staat –«

»Lauter Einzelforderungen, die große, heute noch indifferente Massen kaum begeistern, die heterogene Elemente nicht zusammenschweißen werden, die, vor allen Dingen, kein sicher wirkendes Scheidewasser sind,« sagte ich ruhig.

»So nennen Sie es, wenn Sie es wissen!«

Ich sah mich scheu im Kreise um. Sobald ein Gespräch Fragen berührte, die mir sehr nahe gingen, überkam mich oft eine gewisse verlegene Unbeholfenheit. »Stünde ich vor einer Volksversammlung, so würde es mir leichter werden als vor all Ihren forschenden, erwartungsvollen und – lächelnden Mienen,« meinte ich.

»So wollen wir streng parlamentarisch verfahren,« sagte mein Nachbar sichtlich belustigt; »wir sind die letzten Gäste, beherrschen also im Moment die Situation. Silentium, meine Herren! Frau Alix Brandt hat das Wort.«

Ich sah zu meinem Mann hinüber. Er nickte mir zu. Ich klammerte meinen Blick an den seinen und erhob mich. Was mir diese Nacht zum erstenmal klar vor Augen gestanden hatte, das sollt' ich in Worte fassen. – Mir war die Kehle wie zugeschnürt. Und doch fühlte ich, es mußte sein. Nicht um dieser Tafelrunde willen, – sondern meinetwegen. Der Gedanke zerflattert, wenn er nicht in die Form der Sprache gepreßt wird.

»Mir scheint,« begann ich zögernd, »daß es nicht so sehr darauf ankommt, einzelne praktische Ziele zu setzen. Das haben die Parteien schon längst getan und sind über die Verschiedenheit ihrer Einzelforderungen in Gruppen und Grüppchen auseinander gefallen. Alle großen entscheidenden Weltbewegungen sind von einem Geist getragen worden –« »Und die materialistische Geschichtsauffassung?!« unterbrach mich ein Genosse.

»Von einem Geist –,« fuhr ich unbeirrt fort, »der sich selbstverständlich erst aus den allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen heraus entwickeln konnte und immer erst dann entstand, wenn der Widerspruch der Gegenwart zur Vergangenheit überall schmerzhaft fühlbar geworden war. Das gilt für das Christentum, – den Muhamedanismus –« »die Revolution,« rief einer dazwischen.

»Nein,« antwortete ich. »Es gibt Zeiten, in denen der Geist der Verneinung, wie ich ihn einmal nennen will, nicht zu reinem, vollem Ausdruck kommt, wo er nur beschränkte Schichten des Volkes ergreift, – wie zur Zeit der Renaissance, der Revolution, – und wo er darum schließlich gezwungen wird, mit dem Geist der Vergangenheit zu paktieren. So baute die Renaissance christliche Kirchen, und die Revolution übernahm die Phraseologie des Christentums. Auch wir versuchen mit jener Geistesfaulheit, die sich scheut, zu Ende zu denken, neuen Wein in alte Schläuche zu gießen. Ich erinnere an die Bemühungen, die Kirche zu modernisieren, an das Bestreben, in der Partei die Ethik Kants für den Sozialismus in Anspruch zu nehmen.«

Hier unterbrach mich mein Nachbar, ein begeisterter Kantianer, und vergaß im Eifer des Widerspruches die von ihm selbst gewollte parlamentarische Ordnung.

»Der kategorische Imperativ, von seiner transzendentalen Herkunft losgelöst, ist tatsächlich der dirigierende Geist, auf den Sie offenbar hinauswollen,« rief er.

»Das bestreite ich. Schon weil er sich von dieser transzendentalen Herkunft nicht loslösen läßt, weil er Geist vom Geist des Christentums ist, weil wir auf Grund unserer Kenntnis der historischen Entwicklung und Umwandlung sittlicher Ideale wissen, daß es ein allgemein gleiches, verpflichtendes Sittengesetz nicht gibt, weil nicht einmal zwischen Einzelindividualitäten eine Äquivalenz der Handlungen besteht –«

»Ich höre Alix Brandt, und es ist Friedrich Nietzsche!« spottete jemand. Die anderen lächelten vielsagend.

»Sie haben mir vorgegriffen,« entgegnete ich ruhig. »Ich hätte den Namen des Mannes genannt, der zwar nicht der Erlöser, wohl aber sein Prophet sein kann.«

»Aber, Genossin Brandt, Sie verirren sich,« hörte ich entrüstet rufen; »wie vermögen Sie Ihre sozialdemokratische Gesinnung mit dem Nachbeten Nietzschescher Lehren zu vereinigen?! Denken Sie doch an seine Vergötterung der ›Herrenmenschen‹, an seine Verhöhnung jedes ›Sklavenaufstands‹!«

»Diesen Einwand mußte ich erwarten. Ich erinnere Sie demgegenüber zunächst nur daran, daß es derselbe Nietzsche war, der anerkannte, daß die einzelne starke Individualität am leichtesten in einer demokratischen Gesellschaft sich erhalten und entwickeln könne. Aber diese Idee ist zwischen uns, wie ich glaube, schon so sehr zum unbestreitbaren Gemeinplatz geworden, daß ich nicht weiter darauf einzugehen brauche. Natürlich gebe ich den Nietzsche preis, der unsere große soziale Bewegung weder kannte, noch kennen wollte. Und ich kann das um so leichter, weil er unbewußt selbst im Flusse dieser Bewegung schwamm, weil er dem Sozialismus das gab, was wir brauchen: eine ethische Grundlage.«

Von allen Seiten wurde mir heftig widersprochen, aber jetzt, da ich mir selbst immer klarer wurde, störte mich das nicht mehr.

»Alle seine großen Ideen leben in uns: der Trieb zur Persönlichkeit, die Umwertung aller Werte, das Jasagen zum Leben, der Wille zur Macht. Wir brauchen die blitzenden Waffen aus seiner Rüstkammer nur zu nehmen, – und wir sollten es tun. Mit dem Ziel des größten Glücks der größten Anzahl, – an das ich glaubte, wie Sie alle, – schaffen wir eine Gesellschaft behäbiger Kleinbürger .... Und spüren Sie den Geist der Verneinung nicht in allem, was heute lebenskräftig ist und vorwärts will? Kunst und Literatur, Wissenschaft und Politik setzen ihr Nein der Vergangenheit entgegen, die noch Gegenwart sein will. Was ihr Tugend war, – Unterwürfigkeit, Demut, Ergebung in das Schicksal, Ungehorsam gegen sich selbst, wenn der Gehorsam gegen Obere es fordert, – erscheint uns mindestens als Schwäche, wenn nicht als Unrecht. Der Glaube an die gottgewollten Zustände von Armut und Reichtum, von Herrschaft und Dienstbarkeit ist weit über die Kreise der Partei hinaus zerstört. Und mit alledem, das wir unbewußt und bewußt von uns geworfen haben, panzert sich der Riese der Reaktion. Vor neunzehnhundert Jahren unterwarf die Moral des Christentums die heidnische Welt. Vergebens hat die Renaissance und die Revolution sich gegen sie empört, – die Zeit war noch nicht reif. Heute aber ist sie es; der Sozialismus hat ihr den Boden bereitet. Wäre ihre Fahne voll entfaltet, so würden sich vor ihr die Feigen von den Mutigen, die Schwachen von den Starken sondern, und alles würde ihr zuströmen, was jungen Geistes ist, was Zukunft in sich hat. Den Weg zu unserem Ziel finden wir nur, wenn die Idee der ethischen Revolution der Idee der ökonomischen Umwälzung Flügel verleiht ...«

Die Türe ging auf. Ein verschlafener Kellner musterte mißmutig die seßhaften Gäste. Ich erwachte wie aus einem Traum. Die anderen blieben stumm. Ob aus Überraschung, aus Empörung, aus Müdigkeit? »Ich möchte heim,« sagte ich leise zu meinem Mann. Wir gingen allein und schweigsam nach Hause.

Ich hörte danach, daß man mich verspottete: Die Sozialdemokratin und Verkünderin der »Herrenmoral«! Mir schien, als gingen mir die Genossen noch mehr als sonst aus dem Wege. Aber es kränkte mich nicht.


Ein feuchter Märzwind strich durch die Straßen. Die Bäume und Büsche zitterten in seiner Umarmung, denn er flüsterte ihnen vom Frühling die frohe Botschaft zu. Auch um meine Stirne wehte sein weicher Atem. Hatte ich nicht geglaubt, daß ich den Lenz wie alte Leute grüßen würde: versunken in Erinnerungen? – Ich saß am Fenster und las meines Sohnes Briefe. Seit einiger Zeit schrieb er mir oft: Seiten und Seiten voller Fragen und erregter Geständnisse. Zum erstenmal stand sein junger Geist in offenem Kampf mit der Mehrheit und den Autoritäten. Und er unterwarf sich nicht. Er war mein Kind.

Noch immer hatte ich mich gescheut, Heinrich zu zeigen, was er schrieb. Wir waren früher heftig aneinander geraten, weil ich schon des kleinen Kindes Selbständigkeit respektierte. Und jetzt hatte ich mehr zu fürchten als nur den väterlichen Zorn. Ein Prüfstein würde es sein auch für unsere Beziehungen. Ich liebte meinen Mann. Viel mehr, viel tiefer als zu jener Zeit, da ich mich ihm zuerst verband. Denn damals kannte ich ihn nicht. Aber meine Liebe war zu groß, um Unterwerfung ertragen zu können. Wenn er das Kind nicht verstand, so würde er auch mich nicht verstehen. Wieder aneinander gebunden sein, so daß jeder selbständige Schritt des einen den anderen ins Fleisch schneiden muß; die Blume der Liebe, die nichts als der Persönlichkeit reichste Entfaltung ist, abpflücken, nur damit sie die Brust des anderen schmückt, zu frühem Welken verurteilt, – das vermochte ich nicht mehr –

Es läutete draußen, lang und heftig. Ich sprang auf, beide Hände auf das wild klopfende Herz gepreßt. Wer lärmte zu früher Morgenstunde so ungeduldig an der Türe? Wer?! Schon sprang sie auf, und ins Zimmer flog es herein wie ein Wirbelwind, und zwei Arme umschlangen mich, und ein glühendes Gesicht mit zwei glänzenden Augen hob sich zu mir empor. »Mein Kind! Mein Kind!« – –

Der Rucksack flog im Bogen von den Schultern. »Davongelaufen bin ich – bei Nacht und Nebel, – ich hielt's nicht länger aus,« sprudelte es hervor, atemlos, triumphierend.

Ich hörte kaum, was er sprach, ich sah nur, daß er da war, wirklich da war!

Ein fester Tritt auf dem Flur weckte mich aus meiner Versunkenheit. »Der Vater!« rief ich angstvoll und legte wie schützend den Arm um meinen Sohn. Der aber riß sich los, lachte mich an und lief mit einem: »Ich fürchte mich nicht!« dem Kommenden entgegen.

Ich stand wie angewurzelt. Ich hörte einen Wortwechsel, dann ein langes, ernstes Gespräch. Frage und Antwort. Hand in Hand kamen sie zu mir ins Zimmer. »Nun werden wir den Schlingel doch wohl behalten müssen,« lächelte mein Mann, »und heute soll für uns drei ein Feiertag sein.«

Wir gingen durch den Wald nach Paulsborn. Die Kiefern standen schwarz gegen den hellen Himmel, und lichtgrün schmiegten sich die Büsche ihnen zu Füßen. Auf dem See tanzten die Sonnenstrahlen. Und weit voraus sprang unser Sohn.

»Weißt du noch?!« sagte Heinrich.

»Ich weiß! Damals schüttelte der Sturm die Bäume. Mich fror, und du schlugst deinen Mantel um mich –«

»Und habe dich doch nicht schützen können –«

»Ich danke es dir, denn dadurch wurde ich stark.«

»So stark, daß du allein zu gehen vermagst –,« seine Stimme schwankte dabei. Mich traf's wie blendendes Licht, – ich sah auf dem Wasser nichts mehr als die goldene, schimmernde Sonnenstraße.

»Damals warnte ich dich vor mir,« fuhr er fort.

»Ich aber ließ dich nicht –«

»Und heute?! –«

»Du siehst: ich gehe auf eigenen Füßen, aber neben dir –«

Wo die dunkle Allee sich der weiten, sonnenbeglänzten Wiese öffnet, tauchte die schlanke Gestalt unseres Sohnes auf. Er hielt einen Zweig jungen Grüns in der hochgehobenen Hand. Der wehte über ihm wie eine Fahne.


Und dann kam das Leben wieder und der Alltag, und sein Pfad blieb rauh. Aber ich hatte ihn freiwillig gewählt, und meines Herzens Glut schützte mich vor dem Frost. Er blieb einsam. Aber ich wußte vorher: wer eigene Wege sucht, findet wenig Gefährten. Und über das Donnern der Sturzbäche hinweg flog siegreich hin und her der Gruß der Liebe.

Einmal, als der Föhn mich umheulte und die Steine meine Füße verwundeten, sah ich forschend zurück. Und ich erkannte, daß ich nicht irre gegangen war.

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