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Memoiren einer Sozialistin - Kampfjahre

Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin - Kampfjahre - Kapitel 17
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authorLily Braun
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Siebzehntes Kapitel

Vor einem halben Menschenalter war's. Ich stand allein auf Bergesspitze im Gewittersturm. Dicht über mir hingen die Wolken, aus denen das Wasser brausend in die Tiefe schoß, unter mir ballten sie sich zusammen und verdeckten jeden Ausblick auf stille Dörfer und freundliche Heimstätten. Der Donner rollte; die Berge antworteten ihm, – ein Gelächter der Riesen über das kleine Menschengeschlecht. Jeder Blitz öffnete die Wolkenwand; das Himmelsgewölbe dahinter stand in Flammen.

Ich aber konnte nicht vor, – nicht zurück. Ich mußte mich dem Wetter preisgeben, – – und ich fürchtete mich – –


Wir lagen nächtelang wach. Jeder tat, als schliefe er, aus Schonung für den anderen. Unsere Arbeit lähmte Hoffnungslosigkeit. Wir lächelten, als wären wir froh, um dem anderen nicht wehe zu tun.

»Ilse meldet sich an –,« sagte Heinrich, als er eines Morgens die Post durchsah.

»Jetzt?!« rief ich erschrocken. Sie kam schon am nächsten Tage, hatte einen seltsam verängstigten Zug im Gesicht und ein erzwungen leichtsinniges Lächeln um die Lippen.

»Ich muß einmal wieder Großstadtluft atmen,« meinte sie; »die Stille bei uns ist oft schaurig.«

Mir schien, als zittere sie dabei. Von nun an war der Telegraphenbote unser häufigster Gast. Zuerst glaubte ich, ihres Mannes besorgte, sehnsüchtige Liebe käme in diesem Depeschenwechsel zum Ausdruck. Warum hatte sie denn nur jedesmal rote Augen, wenn ein Telegramm gekommen war?

Da, eines Morgens, stürmte einer in unser Zimmer, die Haare zerzaust, die Augen rot unterlaufen, – der Gatte meiner Schwester. Vor seinen Verfolgern sollten wir ihn schützen, schrie er verzweifelt und barg den dunkeln Kopf in Ilsens Schoß, die mit erloschenem Blick auf ihn niedersah, die kleinen schwachen Hände auf seinem Haar. Noch am selben Tage kam er ins Irrenhaus. Er war tobsüchtig. Dann brach auch Ilse zusammen; aber sie weinte nicht, sie sprach nicht über ihr Schicksal, sie war nur wie erstarrt. Auch als sich herausstellte, daß ein großer Teil ihres Vermögens am Sanatorium ihres Mannes verloren gegangen war, zuckte sie nur die Achseln.

Um so furchtbarer traf es uns. Bisher wäre der Verlust des Geldes, mit dem sie sich an der Neuen Gesellschaft beteiligt hatte, keine ernste Frage für sie gewesen. Jetzt war sie es. Hatte ich vor ihrem Kommen geglaubt, zusammenzubrechen, jetzt kam mir die Kraft zurück, eine des Fiebers.

»Wir müssen aushalten, Heinz, wir müssen!« sagte ich, und wenn eine seiner vielen Bemühungen, Hilfe zu schaffen, wieder vergeblich gewesen war, so trieb ich ihn zu immer neuen Versuchen an. Und hie und da glückten sie. Für ein paar Monate konnten wir weiter schaffen, konnten leben. Aber jedesmal, wenn wir Hoffnung schöpften, erschien sicherlich irgendein Hetzartikel in der Parteipresse gegen uns, oder in den Wahlvereinen wurden wir von radikalen Genossen einer neuen Ketzerei beschuldigt, oder der alte Vorwurf des Geschäftssozialismus wurde laut. Wir spürten das alles an der Abnahme der Abonnenten.

Wie kann ich Geld schaffen, – wie?! Die Frage beherrschte meine Gedanken immer mehr. Ein »freier« Schriftsteller war ich, – einer von den Tausenden, die ausziehen, ihre Feder zu führen wie ein Schwert. Aber die Not heftet sich an ihre Füße, zuerst ein Zwerg, und dann ein Riese, der sie in seine Dienste zwingt.

»Lieber sterben!« stöhnte ich.

Doch dann sah ich mein Kind, – wie es blaß war, welch forschende Augen es auf mich richtete! Ich riß es in meine Arme:

»Unter jedes Joch beuge ich meinen Nacken für dich,« dachte ich verzweifelt.

Ich beschloß, Vorträge zu halten gegen Entree. Das war nichts Erniedrigendes. Jeder Dozent an der Universität bekommt ein Honorar für die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die er den Hörern vermittelt. Trotzdem widerstrebte es mir. Ein Gefühl grenzenloser Scham trieb mir den Angstschweiß jedesmal auf die Stirn, wenn ich die Rednertribüne betrat. Ich hatte immer einen vollen Saal. Ich »zog«, – ich war eine Sensation. Wie ein gezähmter Löwe im Zirkus. Gegen ein paar Mark Eintritt konnte sich nun die beste Gesellschaft, ohne sich etwas zu vergeben, die berüchtigte Sozialdemokratin ansehen, – mit dem Opernglas sogar. Meine Zuhörer trugen rauschende Kleider und viele Brillanten an den weißen Händen, mit denen sie Beifall klatschten, um zu erzwingen, daß ich mich vor ihnen verbeugte.

»Unglaublich von einer Genossin, in diesem goldstrotzenden Saal zu reden und sich von diesem Publikum bezahlen zu lassen –,« sagte eine Besucherin, als ich gerade an ihr vorüber ins Freie trat. Ich preßte die Lippen zusammen, um nicht heftig aufzufahren –.

Sobald ich sprach, erschrak ich vor der Stimme, die nicht mehr die meine war. Im letzten Wahlkampf hatte sie ihren Klang verloren, war heiser und rauh geworden. Und ich hatte sie geliebt, weil sie meine Worte so leicht und willig bis in jeden Winkel trug. Doch: – was bedeutete das jetzt?! Es war mehr verloren gegangen als der helle Ton meiner Stimme.

Ich fing an zu reisen; von einer Stadt in die andere. Zuweilen auf die Einladung irgendeines literarischen Vereines hin. In Hannover sagte mir der Vorsitzende:

»Nicht wahr, Sie richten sich darauf ein, daß Offiziere unter unseren Mitgliedern sind.«

In Köln hieß es: »Wir rechnen darauf, daß Sie auf unsere jungen Mädchen Rücksicht nehmen.«

Hätte ich ihnen doch den Rücken kehren können!

Wenn ich nach Hause kam, umklammerte mich mein Sohn mit überströmender Zärtlichkeit. Wie ich ihm fehlte! Niemand hatte Zeit für ihn! Und doch bedurfte er immer mehr der Freundschaft der Eltern! Über hundert Rätselfragen des Daseins begann er in seinen vielen einsamen Stunden nachzugrübeln. Und seine Phantasie, deren üppige Ranken ohne Stütze blieben, ohne die Hand des Gärtners, der sie zur rechten Zeit zu beschneiden versteht, überwucherten sein Gefühl. Er fürchtete sich oft vor seinen eigenen Träumen, so daß ich ihn des Nachts zu mir betten mußte.

»Du verzärtelst den Jungen –,« sagte Heinrich dann ärgerlich. Und für übertriebene Sentimentalität hielt er es, wenn ich von der Atmosphäre des Unglücks sprach, die sichtlich auf des Kindes Seele lastete. So lernte ich schweigen, auch über das, was mir am tiefsten das Herz bewegte. Und in sehr dunkeln Stunden bemächtigte sich meiner ein fremdes, böses Gefühl. Dann häufte ich auf meinen Mann alle Schuld.

In solch einer Stimmung traf mich Romberg. Er war voll aufrichtiger Teilnahme.

»Lange halte ich es nicht mehr aus,« sagte ich, den Kopf in den Händen vergraben. Er sollte nicht sehen, daß meine Kraft nicht einmal mehr ausreichte, um die Tränen zurückzuhalten.

»Ich wüßte eine Hilfe,« begann er dann langsam, »eine, durch die Sie frei würden und sorgenlos.«

Ich hob den Kopf; alles Blut strömte mir zum Herzen. Eine Hilfe! Er zögerte. Dann sah er mich an mit einem festen warmen Blick, der die Freundschaft langer Jahre in sich schloß und sagte, jedes Wort betonend:

»Trennen Sie sich von Ihrem Mann.«

Als Minuten vergingen, ohne daß ich antwortete, erhob er sich.

»Zürnen Sie mir?« fragte er.

»Nein,« antwortete ich, ihm die Hand entgegenstreckend. Dann überliefs mich kalt. Auch jetzt lag die seine schlaff und kraftlos zwischen meinen Fingern.

Ich überlegte seinen Rat und erschrak nicht einmal vor der kühlen Ruhe, mit der ich es zu tun vermochte. Er hatte recht: allein mit meinem Sohn, der Last der Zeitschrift ledig, die das meiste verschlang, was ich verdiente, würde ich, wenn auch noch so bescheiden, von meiner Arbeit leben können. Und ich wäre frei, – frei! Unwillkürlich streckte ich die Arme weit aus, als gelte es, die Welt zu umfassen. Aber dann sah ich ihn: meinen Mann, meinen Kampfgefährten, meinen Leidensgenossen, – den Vater meines Kindes! Ich fing an, ihn zu beobachten. Wie er leiden mußte! Und wie er mich liebte!

Er brachte mir täglich ein paar Blumen mit, und wenn es nur wenige Veilchen waren. Das schlimmste suchte er mir aus dem Wege zu räumen, so lange es ging. Er hatte eine ritterliche, zurückhaltende Zärtlichkeit für mich. Und mein Junge hing an dem Vater.

»Ich kann nicht, lieber Freund,« sagte ich mit einem wehen Lächeln, als Romberg wiederkam. Er runzelte die Stirn und wandte sich ab. Ich legte ihm die Hand auf den Arm.

»Sie müssen versuchen, mich zu verstehen. Sie vor allem!« bat ich. »Haben Sie mich nicht selbst verspottet, als ich einmal die freie Liebe predigte, weil ich überzeugt war, das Eheproblem dadurch lösen zu können? Heute weiß ich, daß der Zettel auf dem Standesamt nicht die stärkste Fessel ist, die sie unfrei macht. Ich habe Frauen gesehen, die sich voll Idealismus dem Mann ihrer Wahl vermählten, ohne ihren Bund nach außen sanktionieren zu lassen. Nach kurzer Zeit sind sie bedauernswertere Sklavinnen geworden als die staatlich abgestempelten Ehefrauen. Ihre und ihres Kindes Existenz war von ihrem Manne abhängig, und jeden Tag konnte er sie verlassen! Darum klammerten sie sich an ihn, unterwarfen sich ihm, ertrugen seine Brutalität, seine Launen, seine Treulosigkeiten. Ich erkannte, daß die wirtschaftliche Selbständigkeit der Frau die Voraussetzung des freien Liebesbundes sein muß ...«

»Nun – und sind Sie etwa wirtschaftlich abhängig?! Sie, mit Ihrer Begabung, Ihrer Arbeitskraft?« unterbrach er mich heftig.

»Nein, gewiß nicht,« entgegnete ich; »diese Fessel trag' ich nicht mehr, und keine Frau brauchte ihre Menschenwürde von ihr erdrosseln zu lassen, wenn sie arbeiten gelernt hat. Aber es gibt andere Fesseln, – zart und weich wie Seide, – die unzerreißbar sind. Mein Sohn liebt seinen Vater. Wie kann ich sein Kinderherz verwunden, solch einen Zwiespalt in seine Seele tragen?!«

»Ein Kind überwindet rasch,« antwortete Romberg mit einer wegwerfenden Handbewegung.

Ich verstummte. Er, der mir so nahe gewesen war, rückte plötzlich weit, weit von mir ab. Ihm von Heinrichs Liebe, von seinem Unglück und den anderen für mich unzerreißbaren Fesseln zu reden, wäre mir wie eine Preisgabe vorgekommen.

Und doch: irgend etwas mußte geschehen.

»Bald, – bald reise ich nicht mehr fort ohne dich,« hatte ich immer wieder beim Abschiednehmen mein Kind getröstet.

»Wann bleibst du wieder bei mir, Mamachen?« fragte es, und jedesmal wurde der Ausdruck seines Gesichtchens quälender.


Meine nächste Vortragsreise führte mich nach Leipzig. Dort wohnte einer jener stillen Genossen, der für den Revisionismus eine offene Hand zu haben pflegte. Als mein Mann sich im Interesse der Neuen Gesellschaft einmal schriftlich an ihn gewandt hatte, war seine Antwort ein unfreundliches glattes Nein gewesen. Trotzdem hoffte ich noch auf die Wirkung einer persönlichen Unterredung. Es galt einen letzten verzweifelten Versuch.

Ich werde die Reise nie vergessen, nie den Augenblick, wo ich, zitternd vor Scham und Angst, in des reichen Mannes Zimmer trat. Er mochte ahnen, daß ich als Bittende kam. Es dauerte Sekunden, ehe er mich zum Sitzen nötigte. Vielleicht würde er es gar nicht getan haben, wenn er nicht gesehen hätte, daß mir die Kniee bebten. Ich hatte einen Mantel an. Während der Zeit, die ich bei ihm war, nahm er ihn mir nicht ab. Er ließ mich reden, ohne eine Miene zu verziehen. Und dann sprach er – langsam, jedes Wort betonend, sodaß es mir weh tat, wie lauter Schläge:

»Ihr Mann ist ein guter Redakteur; das hat er am Archiv bewiesen. Aber er ist ein schlechter Geschäftsmann, sonst hätte er das prosperierende Archiv, das ihm eine sichere und angesehene Stellung bot, nicht hingegeben, um ein aussichtsloses Unternehmen zu beginnen. Ich mag nicht Wasser in ein hohles Faß schöpfen.«

»Und doch erkannten Sie, wie ich hörte, selber an, daß die neue Aufgabe, die er sich stellte, wichtig, ja notwendig war,« wandte ich ein.

»Ja. Für einen Mann, der ausreichende Mittel hat, um die Sache durchzuführen.« Damit erhob er sich.

Ich war entlassen. Mir klebte die Zunge am Gaumen. Nun war der Moment, der einzige, der mir noch blieb. Ich war ja nicht gekommen, um einen Rechtsanspruch durchzusetzen, – ich mußte bitten – bitten. Ich fühlte die Tränen der Aufregung mir heiß die Augen füllen. Nur nicht weinen, – jetzt nicht weinen, dachte ich und biß die Zähne aufeinander. Da aber sah ich plötzlich mein Kind vor mir – ganz deutlich: mit dem ernsten Blick und der sehnsüchtigen Frage auf den Lippen. Mein Kind! Glühende Schweißtropfen bedeckten meine Stirn, der Atem stockte. Mit einer raschen Bewegung warf ich den schweren Mantel von mir und riß das Fenster rücksichtslos weit auf. Ein konvulsivisches Schluchzen, dessen ich nicht Herr werden konnte, erschütterte meinen Körper. Dann wandte ich mich um und hob den Mantel von der Erde auf.

»So will ich gehen –,« kam es tonlos über meine Lippen, – ich konnte nicht bitten, ich konnte nicht!

»Setzen Sie sich!« – Es war wie ein Kommando. Die Erschöpfung, nicht der Gehorsam zwang mich, ihm zu folgen. »Ich werde Ihnen helfen, – Ihnen persönlich, – dieses eine Mal –«

Ich kehrte zum Hotel zurück. Plötzlich fiel mir ein, daß ich die kühle Hand mit meinen Fingern dankend umschlossen hatte. Die Hand des Mannes, vor dem ich mich so erniedrigt hatte!


Und nun ging es zu Ende. Unweigerlich. Trotzdem ich noch hergab, was ich eben empfangen hatte. Ein einziges Mal noch stieg unsere Hoffnung hoch auf, wie eine Leuchtkugel. Heinrich erhielt von einem, der helfen konnte, ein festes Versprechen. Er schloß darauf hin aufs neue mit dem Drucker ab und mit dem Papierlieferanten. – Aber die Leuchtkugel zerplatzte, und es wurde ganz, ganz dunkel.

Ich verlangte Klarheit von meinem Mann, – rückhaltlose. Er gab sie mir mit einer Ruhe, von der ich glaubte, daß sie eine erzwungene sei: Alles war verloren. Da wir den Konkurs vermeiden wollten, blieb uns eine Schuldenlast, an der wir Jahre zu tragen haben würden. Um die allernächsten Zahlungen leisten und selbst leben zu können, gab es nur einen Ausweg.

»Wir verpfänden unsere Möbel –,« sagte Heinrich, mit einem Ton, als spräche er von dem Gleichgültigsten von der Welt.

Bisher hatte ich zusammengekauert auf dem großen Stuhl gesessen, der mir immer wie etwas Lebendiges gewesen war, weil seine Lehne den müden Kopf stützte, seine Arme sich schützend an mich schmiegten.

Jetzt fuhr ich auf. »Das Letzte soll ich hergeben?! Und du meinst, ich täte das so kaltblütig wie du es aussprichst?!« rief ich, vor Entrüstung am ganzen Körper zitternd. »Das hier ist der Rest Heimat, den ich habe. Fast jedes Stück erinnert mich an den Vater, – die Großmutter, – an Georg, an meine Jugend –« Tränen erstickten meine Stimme.

Mein Mann maß mich mit einem kühl-erstaunten Blick. »Stellung, Vermögen, Familie, – alles hast du geopfert ohne ein Wort der Klage, und nun jammerst du um diesen Trödel,« sagte er kopfschüttelnd. Mein Verstand gab ihm recht, aber mein Herz blutete, als wäre ihm die schwerste Wunde geschlagen worden.

In der Nacht darauf öffnete sich die Tür zu meines Sohnes Zimmer, er stürzte auf mich zu, umschlang meinen Hals und schluchzte verzweifelt: »Warum weinst du nur so? Warum weinst du nur so?!«

In diesem Augenblick wußte ich, daß ich ein Opfer bringen mußte wie keines zuvor. Ich weinte nicht mehr. Ich war ganz still und ganz entschlossen. »Otto darf den Zusammenbruch nicht mit erleben,« sagte ich zu meinem Mann. »Schon jetzt ist er wie vergiftet, – gar kein Kind mehr –«

Ich erwartete eine heftige Szene.

Statt dessen erhellten sich Heinrichs Züge. »Nun bist du wieder meine tapfere Alix,« – damit drückte er mir die Hand, so herzlich wie seit Monden nicht – »natürlich ist das für alle Teile das Beste. Wir beide bauen ungehindert ein neues Leben auf, und er wird irgendwo auf dem Land wieder ein starker, froher Junge ...«

Ich hörte seine Stimme nur noch wie ein fernes Brausen. So nahm er auf, wovon ich nie gesunden würde: – fast froh! Ich starrte ihn an; die schreckliche Erregung verzerrte mir sein Bild, als hätte ich ihn noch nie gesehen. Mit diesem Mann hatte ich mein Leben verknüpft, – und eben noch den Gedanken an eine Trennung weit, weit von mir gewiesen?! Mir schien, als wäre die Trennung vollzogen, lange schon, sonst hätte er in dieser Stunde, da mein ganzes Leben zusammenbrach, so nicht zu mir sprechen können, – so nicht!

Ich schrieb an einen Freund Egidys, den ich seit der Zeit, da ich ihn in dessen Hause traf, hie und da wiedergesehen hatte. So selten das gewesen war, mit einem Gefühl warmer gegenseitiger Anteilnahme waren wir uns immer begegnet. Jetzt leitete er eine Schule hoch oben im Thüringer Wald. Ich sprach ihm rückhaltlos von der Lage, in der wir uns befanden. »Mein Sohn leidet darunter, halb unbewußt, und ich will ihm das Schlimmste ersparen, will seine Jugend nicht hineinreißen in den Strudel unseres künftigen Lebens. Sie sehen, es ist ein Freundschaftsopfer das ich von Ihnen erwarte –,« hier zitterte mir die Hand und versagte den Dienst.

Er antwortete umgehend, mit einem zarten Takt, der mir wohltat: »Ihr Sohn soll uns von Herzen willkommen sein. Und kein drückendes Gefühl darf Ihnen daraus entspringen. Überlassen Sie ruhig der Zukunft die materielle Seite der Sache. Da er Ihr Kind ist, wird er unserer Schule mehr geben, als er erhält und sich durch Gold aufwiegen läßt ...«

Zu Ostern wollte ich ihn hinbringen, aber ich verschob es von Tag zu Tag, mit ihm davon zu sprechen; er war so glücklich, daß ich auf einmal immer bei ihm war, mit ihm spielte, mit ihm spazieren ging, ihm Geschichten erzählte wie in der schönen alten Zeit.


Indessen erschien die letzte Nummer der Neuen Gesellschaft, mit einem kurzen Abschiedswort an die Leser. Keiner von unseren Gesinnungsgenossen hatte ein Wort des Bedauerns dafür, niemand von denen, für deren Überzeugung sie gekämpft hatte, ohne sich durch gehässige Angriffe und gemeine Verleumdungen vom Wege ablenken zu lassen, der ihr als der rechte erschien, kümmerte sich um uns. Keinem konnte es ein Geheimnis sein, daß wir alles verloren hatten, aber kaum ein einziger hatte auch nur eine teilnehmende Frage danach. Wir waren abgetan, – fertig. Die Genossen gingen über uns hinweg wie die Soldaten im Krieg über die gefallenen Kameraden auf dem Schlachtfeld.

Damals hatte ich dafür nur eine verächtliche Gebärde. Große Schmerzen sind ein Palliativmittel gegen die kleinen.

Nur eins erfüllte mich mit tiefer Bitterkeit: daß auch Romberg nicht wiederkam. Er hatte eine Auseinandersetzung mit meinem Mann gehabt, bei der seine lange im stillen herrschende Feindschaft gegen ihn zu offenem Ausbruch gekommen war. Ich erfuhr nicht viel davon. Aber um mich mochte sich's gehandelt haben und darum, daß Romberg meinem Mann vorwarf, unser Unglück verschuldet zu haben, und dieser sich jede Einmischung in unser Tun und Lassen verbat. War das Grund genug, um mich gerade jetzt im Stich zu lassen? Und an seine aufrichtige Freundschaft hatte ich geglaubt!


Ein Ostermorgen war es, hell und leuchtend. Ein Auferstehungsfest, das die geflügelten Musikanten der Natur mit hundertstimmigem Gesang begrüßten. Mit lauter lustigen goldgelben Flecken bedeckte die Sonne den Erdboden unter den Kieferstämmen. Wir gingen durch den Grunewald nach Schildhorn, mein Sohn und ich. Wie er sich freute! Jedes armselige Blümlein, das der karge Sand hervorsprießen ließ, bewunderte er. Und die Luft, die ein Odem erwachenden Lebens war, sog er ein mit tiefen durstigen Zügen.

»Ich hasse die Stadt,« sagte er mit der ganzen Energie seiner zehn Jahre. »Warum können wir nicht auf dem Lande leben?«

Das war der rechte Augenblick, um ihm von Waltershof zu sprechen, der Schule im Thüringer Wald. Mit stockender Stimme begann ich, und erzählte von dem freien Leben dort und den vielen Kindern.

Seine Augen glänzten. »Das denke ich mir riesig fein!« rief er.

»Möchtest du am Ende gar selber hingehen?« fragte ich zögernd.

Er machte einen Luftsprung: »Natürlich! Aus der scheußlichen Stadt heraus auf die Berge, – was gibt es Schöneres!«

Ich hätte mich freuen müssen, – aber die Tränen traten mir in die Augen. So würde ihm der Abschied nicht allzu schwer werden!


Ein paar Tage später reisten wir ab. Er war wie umgewandelt; in leuchtenden Farben malte er sich das Leben aus, das seiner wartete. Zuweilen schien er zu stutzen, wenn er mich ansah.

»Und du besuchst mich oft, sehr oft, nicht wahr, Mamachen? Und zu den Ferien komme ich immer nach Haus?« sagte er dann, im Gefühl, mich trösten zu müssen.

Von der Station fuhren wir mit dem Wagen bergauf durch dichte Tannenwälder. Mein Sohn verstummte und schmiegte sich an mich. Ob ihn nun der Abschiedsschmerz packen würde? Das Herz klopfte mir erwartungsvoll. »Ein bißchen geniere ich mich doch vor den fremden Jungens,« meinte er.

Oben auf der Hochebene, wo der Wind über freie Felder strich und mit den kleinen runden Frühlingswölkchen spielte wie ein Kind mit dem Fangball, verlor er seine scheue Stimmung wieder.

»Wie wunder – wunderschön das ist,« sagte er mit einem Blick in die Ferne.

In stiller großer Einsamkeit reihte sich Berg an Berg; die kleinen grauen Menschenwohnungen verschwanden in den tiefen Tälern.

Der Direktor begrüßte uns wie vertraute Freunde. Die Schüler betrachteten aus gemessener Entfernung den Ankömmling. Er umfaßte wie schutzsuchend meine Hand. Jetzt, – jetzt wird er bei mir zu bleiben verlangen! – Da trat ein brauner Bursche aus der Schar.

»Sieh mal die Wiese dort,« sagte er zu meinem Jungen und wies auf den gelbblühenden Abhang, der sich hinter dem Hause in die Tiefe senkte; »willst du da hinunter mit mir um die Wette laufen?«

Und im selben Augenblick, – kaum daß er Zeit gefunden hatte, mir Mantel und Mütze zuzuwerfen, – flog er mit ihm davon. Wie heller Sonnenschein tanzten ihm die blonden Locken um den Kopf. Ich starrte ihnen nach. Mir gingen dabei die Augen über. Hinter den Fichtenstämmen, – weit, weit im Tal, erloschen sie.

»Er wird sich rasch zu Hause fühlen,« sagte der Direktor.

Er wird sich rasch zu Hause fühlen –!

Ich verließ Waltershof schon am nächsten Morgen. Jede Stunde, die ich blieb, kam wie ein verschlagener Räuber und stahl mir stückweise mein Liebstes.

Ehe ich in den Wagen stieg, umarmte mich mein Sohn mit stürmischer Heftigkeit. Nun endlich wird es ihn übermannen –! Ich preßte ihn an mich, ich hielt ihn fest. Dieser Schoß hat dich geboren, an diesem Herzen wuchsest du empor, – schrie es in mir, – nur ein Wort der Liebe sag mir, ein Wort der Sehnsucht, und ich verteidige deinen Besitz gegen Hölle und Himmel! Aber er schwieg. Seine Augen blieben hell. Ringsum standen die Lehrer und die Schüler –. Ich nahm seinen Kopf zwischen meine Hände und küßte ihn. Ich grüßte noch einmal lächelnd nach rechts und links. Dann zogen die Pferde an –


Damals, vor einem halben Menschenalter, als ich im Gewittersturm auf dem Berge stand, dem Wetter preisgegeben, fürchtete ich den Tod. Was hätte ich jetzt noch fürchten können?

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