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Memoiren einer Sozialistin - Kampfjahre

Lily Braun: Memoiren einer Sozialistin - Kampfjahre - Kapitel 11
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authorLily Braun
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Elftes Kapitel

Es war ein Sonntag, als wir Berlin wiedersahen. Mir schien, als wären wir Fremde. Wie klein, wie armselig war das alles: die Linden mit ihren kraftlosen Bäumen und stillosen Häusern, der Pariser Platz mit seiner bedrückenden Engigkeit. Und die neuen Stadtteile: eine gute Bürgersfrau, die sich herausgeputzt hat, und das bißchen echte Kultur, das sie besaß, darüber vollends verlor. Dazwischen die Feiertagsbummler: Der Kontrast zwischen ihrer kreischenden Lautheit in Tönen und Farben und dem matten Grau des Märztages tat Augen und Ohren weh.

»Ich möchte wissen, wo ich zu Hause bin,« seufzte ich und legte mich abends mit jenem Gefühl innerer Leerheit schlafen, das uns zuweilen überkommt, wenn wir eine Staatssoirée hinter uns haben. Mir träumte von einem riesigen Wasserfall. Noch im Halbschlaf am Morgen hörte ich sein Rollen und Rauschen, und je wacher ich wurde, desto stärker schwoll es an. Vom Potsdamer Platz herauf klang es; Straßenbahnen, Omnibusse, Lastwagen, eilende Menschenfüße waren die Instrumente dieses Konzertes; Berlin ging auf Arbeit. Da war kein Winkel ohne Leben.

Drüben in der Leipzigerstraße waren unter der Spitzhacke alte Mauern zusammengebrochen, und sieghaft erhob sich jetzt, von Riesengranitpfeilern getragen, ein mächtiges Warenhaus, wie selbst Paris es nicht kannte, aus dem märkischen Sand. Kein Basar, dessen Bau Gotik, Barock und Renaissance durcheinanderwirft, wie seine reklameschreienden Schaufenster die Waren, – ein Stück neuer Kultur vielmehr, die die Schönheit der Zweckmäßigkeit erkannte und doch allen Zauber der Kunst über sie ausgoß. Die Menschen strömten aus und ein. Sie trugen von all jenen glänzenden Goldblumen und köstlichen Steinreliefs, die seine inneren Räume schmückten, von den farbenleuchtenden Onyxplatten und gemalten Holzdecken, von den Feuertropfen und Lichtgirlanden einen Schimmer von Schönheit mit sich nach Haus.

Jenseits des Platzes waren Baumriesen gestürzt, denn dem Verkehr mußte die Straße sich weiten, und an der Peripherie der Stadt standen reihenweise die Holzgerüste, wie gewaltige Pallisaden, – Zeichen dafür, daß das alte Kleid ihrem Riesenleibe zu eng wurde.

Ein Emporkömmling ist sie, – gewiß! Aber keiner, den das Glück aufwärts trug. Vielmehr einer, der sich durch die Kraft seiner Fäuste den Weg bahnte.

Wie die Menschen liefen und hasteten! Sie kannten jenes gemächliche Schlendern nicht, mit dem Lächeln der Behaglichkeit auf den Lippen und kokettierenden Blicken hin und her. Aller Züge schienen gespannt von nervöser Eile, von sorgender Angst, von lastenden Gedanken.

Klingendes Spiel, feste Schritte im Takt kündeten das Nahen von Soldaten. Der Verkehr stockte. Wo in Preußen die bewaffnete Macht erscheint, gehört ihr die Straße. Und hypnotisiert durch den Marsch, durch die Masse, durch wehende Federbüsche und blinkende Uniformen, drängte jung und alt ihr nach, ihr voran.

Die Alexander-Grenadiere bezogen heute ihre neue Kaserne: in nächster Nähe des Schlosses war sie errichtet worden, eine Zwingburg mit Mauern und Schießscharten; und vom Lustgarten aus führte der Kaiser selbst seine Garde dem neuen Heime zu, während die Polizei in weitem Bogen das gaffende Volk beiseitedrängte, damit der Herrscher allein blieb mit seinen Truppen. »Ihr seid die Leibwache eures Königs,« sagte er, »und wenn diese Stadt noch einmal wie Anno 48 sich wider ihn erheben wird, so seid ihr berufen, die Frechen und Unbotmäßigen mit der Spitze eurer Bajonette zu Paaren zu treiben.«

Fürwahr, wenn ich mich bis jetzt wie in einem Traum befunden hatte, nun wußte ich: wir waren in Berlin.


Wir gingen mittags zu Erdmanns. Sie waren erst kürzlich von einer langen Seereise zurückgekehrt, die der Arzt ihnen verordnet hatte, und schienen, nach den Briefen meiner Schwester zu schließen, befriedigt von ihrem Erfolg. Und nun standen sie mir gegenüber, so anders als ich sie verlassen hatte. Scharf und eckig traten die Backenknochen aus meines Schwagers Gesicht hervor, sein Anzug hing um ihn, als wäre sein Körper nichts als ein Knochengerüst. Nur sein Geist schien lebensvoller als je und sprühte Funken. Das Schwesterchen dagegen war ebenso still, wie sie blaß und schmal war. Wo war das runde Kindergesicht und die glänzenden Augen? Seltsam: auch aus ihren Haaren war der Goldschimmer verschwunden; es lag wie Asche auf ihnen. Die einstmals lauter Wärme ausströmte, hatte eine Atmosphäre abweisender Kühle um sich. Ihre Lippen glichen jetzt denen meiner Mutter: scharf, schmal, blutlos. Ich sah, daß sie sich mir nicht öffnen würden, und forschte in ihren Zügen; aber auch sie blieben verschlossen. Ob sie unglücklich war, weil sie kein Kind hatte? Erdmann spielte stundenlang mit meinem Buben, während sie ihn kaum mit einem Blick streifte. Wir sprachen von der Mutter, die den Winter in Italien verlebt hatte und Briefe schrieb wie ein junges Mädchen, das zum erstenmal in die Welt sieht.

»Sie ist glücklich, seitdem sie allein ist,« sagte Ilse. Ein flehender, gequälter Blick ihres Mannes traf sie.

»Was spielst du jetzt?« fragte ich, zum Flügel deutend, um das Gespräch abzulenken.

»Ich habe die« Musik aufgegeben, sie macht mich nervös,« antwortete sie.

»Auch die Oper??«

»Die erst recht! Die offenen Mäuler und gespreizten Arme all der dicken Tenöre und Primadonnen zerstören jeden Rest von Illusion. Man kann sie bestenfalls ertragen, wenn man geschlossenen Auges zuhört. Aber da man immer den übrigen Pöbel um sich hat – –«

Sie unterbrach sich und schürzte ein wenig spöttisch die Lippen: »Ach so, – entschuldige! Ich vergaß, daß ich euer proletarisches Empfinden kränken könnte.«

Erdmann lachte. »Nun – nun,« meinte er begütigend, »der Pöbel des Parketts dürfte doch auch in euren Augen mit dem Proletariat nicht identisch sein. Übrigens bin ich mit Ilse einer Meinung: der Zirkus und das Überbrettl sind für unsereins allein noch erträglich. Hohe Kunst auf der Bühne ist verletzend für Menschen von Kultur. Man sollte dafür Marionettentheater schaffen, oder sechsfache Schleier vor die Darsteller hängen, damit sie wie Schatten wirken.«

»Unvergleichliche Wirkungen müßten sich dadurch erzielen lassen,« sagte Ilse, etwas lebhafter werdend, »zum Beispiel mit herrlichen Sachen, wie diesen hier.« Sie wies auf das neuste Heft der Blätter für die Kunst, das dramatische Gedichte von Schülern Stefan Georges enthielt.

»Ich lese sie noch immer nicht,« entgegnete ich lächelnd; »weniger denn je kann ich heute die hochmütige Abkehr vom Leben vertragen, die das Kennzeichen all dieser Menschen ist. Sie berauschen sich am Klang der Sprache und bekommen, wenn es zu handeln gilt, zittrige Hände wie Absinthtrinker.«

Wir gerieten in eine Debatte, die sich immer schärfer zuspitzte. Ilse bekam heiße Wangen und mitten im Gespräch einen heftigen Hustenanfall, der mich angstvoll aufhorchen ließ. Erdmann sah in diesem Augenblick wie verstört drein. Und wie um gewaltsam den Eindruck abzuschütteln, beschloß er, uns durch den Tiergarten zum Hotel zurückzubegleiten.

»Ich bin zu müde –,« sagte Ilse.

»In der frischen Luft wirst du schon munter werden,« damit drängte er sie hinaus.

Wir begegneten vielen Menschen, die Erdmanns grüßten. Das stimmte ihn fröhlich. »Lauter Leute, die ich einrichte,« sagte er. »Wenn ich erst all den Berlin-W.-Protzen zu anständigem Wohnen verholfen haben werde, kann ich den ganzen Kram an den Nagel hängen und Pinsel und Palette wieder vorholen. Was, mein kleines Ilschen?!« Und zärtlich schob er seinen Arm in den ihren. Aber sie senkte den Kopf nur noch tiefer.


Als die Mutter zurückkehrte, äußerlich und innerlich verwandelt, frisch und strahlend, dabei mit gesteigertem Lebensdurst, der sich auf alles stürzte, was sich ihr bot, lag Erdmann fiebernd zu Bett.

»Er wird sich erholen, sobald es warm wird,« sagte sie zuerst, und erzählte voll freudigem Eifer von ihren schweizer Sommerplänen. Ein paar Tage später sah ich sie wieder: gerade, steif, mit zusammengekniffenen Lippen, wie damals, als der Vater noch lebte. Die Ärzte hatten sie aufgeklärt. Erdmann hatte die Schwindsucht, Ilse schien angesteckt.

Wir nahmen Abschied von Erdmanns. Sie sollten in ein Heidelberger Sanatorium übersiedeln. Die seidene Decke, unter der er lag, bauschte sich kaum sichtbar über dem Körper; die mageren Finger führten eifrig den langen Bleistift über das Papier auf seinem Schoß. »Ich muß doch für Prinzessin Ilse Geld verdienen,« und ein leidenschaftlicher Blick traf die schöne junge Frau, die ihm mit gesenkten Lidern, ruhig und pflichttreu, die Arznei zum Munde führte.

Ich kämpfte mit den Tränen, als ich nach Hause kam. Nicht nur, weil meine Schwester in einem Augenblick, wo ich sie unglücklich wußte, mir fremd, fast feindselig gegenüberstand, sondern weil sie das Opfer einer Ehe war, von der ich sie vielleicht hätte zurückhalten können. Ich empfand ihre Kühle wie einen Vorwurf.

»Vor Kinderschmerzen hast du mich einst gehütet,« schienen ihre Augen zu klagen, »warum hast du mich vor dem schlimmsten nicht bewahrt?« Und wenn sie meinen Buben geflissentlich übersah, so wußte ich, was sie damit sagen wollte: »Du hast mich über ihm vergessen.«


Unser Einzug in die neue Wohnung, – einem Gartenhaus der Uhlandstraße, – war kein fröhlicher. All die tausenderlei Dinge, die mit ihm zusammenhingen, vom Auslösen der Möbel auf dem Speicher bis zu den Löhnen der Handwerker, hatte unser letztes Geld verschlungen.

»So mach dir doch nichts draus, – quäle nicht dich und mich mit unnützen Sorgen,« rief Heinrich heftig, als ich ihm unsere Lage auseinandersetzte. Ich schwieg verletzt. Er war wie ein geistig Weitsichtiger, der das Nächste nicht sieht, dem immer nur das Ferne gegenwärtig ist. Der Plan seiner Zeitschrift beherrschte ihn völlig. So mußte ich mir selber helfen. Ich bat den Verleger meines Buches um mein Honorar. Er erfüllte meinen Wunsch ohne weiteres. Heinrich aber wunderte sich nicht einmal, wieso ich plötzlich Geld hatte. Für ihn schienen die pekuniären Seiten des Lebenskampfes nicht zu existieren, mir dagegen nahmen sie alle Schwungkraft und machten mich bis zur Grausamkeit bitter gegen ihn. Bat ihn jemand um ein Almosen oder um ein Darlehn, so gab er, was er in der Tasche hatte. Wagte ich einen leisen Vorwurf, so gruben sich seine Stirnfalten noch tiefer, und es kam immer häufiger vor, daß er mir mit einem: »Sieh lieber, daß deine Berta dich nicht betrügt!« antwortete. Dann erst war die Entzweiung eine vollkommene. Nichts schien mir ungerechter, als dieses Mädchen zu verdächtigen, das sich für uns aufopferte und nicht einmal eine Aufwärterin zu ihrer Hilfe zuließ. Daß sie allmählich in ihrem Aussehen und Benehmen zu einem »Fräulein« geworden war, schien mir im Interesse meines Jungen nur vorteilhaft, während Heinrich es als Folge meiner Verwöhnung ansah und behauptete, ich verdürbe nur das einst so schlichte Bauernmädchen.

Lange freilich währten unsere gegenseitigen Verstimmungen nie. Vor den klaren Augen unseres Kindes, denen nichts entging, schämten wir uns ihrer. Seine Jugend sollte nicht durch den Unfrieden seiner Eltern vergiftet werden, wie die meine.

»Nu lach doch wieder ein ganz kleines bißchen!« Damit kletterte er schmeichelnd auf seines Vaters Knie. »Nich wahr, Mamachen, du gibst dem Heinzpapa gleich einen dicken, runden Kuß!« Damit lief er zu mir und legte das weiche Bäckchen zärtlich an meine Wange.

Waren wir so versöhnt, so fühlten wir den Stachel nicht, der sich trotzdem immer tiefer in unsere Herzen bohrte.


Gleich nach unserer Ankunft hatte ich den Genossinnen meine Rückkehr mitgeteilt. Auch das war der Anlaß zu einer kleinen Auseinandersetzung zwischen uns gewesen.

»Willst du dich wirklich wieder in die unfruchtbare Arbeit stürzen?!« sagte mein Mann ärgerlich.

»Gewiß,« entgegnete ich mit jener Gereiztheit, die mich immer überkam, wenn ich meine persönliche Freiheit durch ihn gefährdet glaubte. »Ich sehe die Frauenbewegung mehr denn je als das Gebiet an, auf dem ich wirken muß.«

»Du wirst in unserer Zeitschrift genug für sie tun können, – mehr als in eurem Kaffeekränzchen!«

Ich zuckte spöttisch die Achseln und meinte gedehnt: »Wenn ich darauf warten soll!« Im selben Moment aber bereute ich schon, ihn an seiner empfindlichsten Stelle verletzt zu haben. Es lag wahrhaftig nicht an ihm, wenn seine Idee noch nicht verwirklicht war.

Unsere Gesinnungsgenossen, mit Einschluß von Bernstein, der sie noch von London aus in Briefen an meinen Mann lebhaft begrüßt hatte, stimmten ihr rückhaltlos zu, aber es fand sich niemand, der auch nur einen Pfennig für sie gegeben oder sich sonst um ihre Ausführung bemüht hätte. Daß auch dies nur ein Symptom für die Uneinigkeit und Unklarheit des Revisionismus war, empfand jeder von uns. Eine Bewegung war vorhanden, aber es fehlte ihr die starke Hand eines Führers, der sie zusammenzufassen und ihr Richtung zu geben vermag. Wir erwarteten für die Sache wie für unseren Plan, der ja nur in ihren Diensten stehen sollte, von dem persönlichen Eingreifen Bernsteins nicht wenig.

An einem Maienabend des Jahres 1901, dessen Luft vom Brodem lebensschwangerer Erde so gesättigt war, daß er selbst mitten in der steinernen Öde der Stadt fühlbar wurde, drängten sich die Menschenmassen in einem engen Saal dicht zusammen; sie trugen in ihren Haaren und Kleidern den Duft des Frühlings mit herein, und der ganze Raum schien erfüllt von seinem Fieber. Es waren keine Arbeiter. Aber die intellektuelle Jugend war es. Besann sie sich endlich auf sich selbst? War sie im Begriff, Ideale aufzurichten, die einer großen Kraft und eines großen Kampfes würdig waren? Die sozialwissenschaftliche Studentenvereinigung Berlins hatte diese Versammlung einberufen und Eduard Bernstein zum Redner gewählt. Ihre berühmtesten Lehrer saßen unter ihnen, dazwischen die politischen Führer jener Linken, – die Barth, die Naumann, die Gerlach, – die, abgestoßen von allen anderen bürgerlichen Parteien, zwischen ihnen und der Sozialdemokratie die unfruchtbare Rolle des Puffers spielte. Sie alle hofften, – bewußt oder unbewußt, – daß dieser Abend irgendeine Quelle erschließen würde, an der sie nicht nur ihren Durst stillen könnten, sondern deren Wasser sich zum Strome weiten und alle ihre irrenden Schiffe zu tragen vermöchten.

»Wie ist wissenschaftlicher Sozialismus möglich?« lautete die Frage, auf die Bernstein die Antwort geben wollte. Er trat an das Rednerpult. Hinter den Brillengläsern sahen seine kurzsichtigen Augen mit einem verlegen-erstaunten Blick auf die Menge der Zuhörer. Dann sprach er. Mit einer Stimme, die brüchig klang. In abgehackten Sätzen. Ein Mann, der an die Enge der Studierstube gewohnt war, nicht an die Volksversammlung. Schon zog der Schatten der Enttäuschung über den hoffnungsfrohen Glanz auf den Gesichtern. Schüchtern und leise tauchte hie und da schon die Frage auf: »Was hat er eigentlich? – Was will er?«

Daß der Sozialismus von spekulativem Idealismus erfüllt und darum nicht Wissenschaft sei, die im voraussetzungslosen Streben nach Erkenntnis bestehe; daß die Arbeiterbewegung vom Wollen eines bestimmten Zieles, vom Glauben an ein bestimmtes Zukunftsbild getragen sei und nicht vom Wissen, – es war kaum möglich, aus der langen Rede etwas anderes herauszuhören, als diese wenigen, für den Ausgangspunkt einer neuen Bewegung viel zu negativen Gedanken.

Zuweilen schien es, als ob der Vortrag nichts wäre als das laut gewordene Grübeln eines Menschen über Dinge, die ihn selbst noch als Probleme quälen. Er war so mit sich beschäftigt, daß er nicht fühlte, wie jener elektrische Strom, der ihn zuerst mit den Zuhörern verband, sich mehr und mehr verflüchtigte, statt daß er ihn benutzt hätte, um die unerschütterten, befreienden Gedanken des Sozialismus diesen offenen Seelen einzuprägen, ihnen den Willen zur Tat zu vermitteln, nach dem ihre junge Kraft sich sehnte.

Wir hatten einen Künder neuer Wahrheit erwartet, und ein Zweifler war gekommen, dem des Pontius Pilatus Frage Geist und Gewissen bewegte.

Ein feiner durchdringender Regen rieselte hernieder, als wir den Saal verließen. Mich fröstelte. Ich wäre am liebsten still nach Hause gegangen.

»Nun?! In diesem zweieinhalbstündigen Redefluß sind Ihnen wohl alle Felle weggeschwommen?« sagte eine sarkastische Stimme neben mir. Ich sah in Rombergs lächelndes Gesicht und machte eine abwehrende Bewegung; mir war nicht zum Scherzen zumute. »Und nun rasch, kommen Sie beide mit, in irgend einen gemütlichen Winkel. Wir haben uns eine Welt zu erzählen;« damit versuchte er, einen Weg durch die Menge zu bahnen. Seine aufrichtige Freude über unser Wiedersehen tat mir in diesem Augenblick, in dem ich so viel verloren zu haben glaubte, doppelt wohl.

»Lassen wir's heute,« meinte mein Mann mißmutig, »wir würden nur Ihre gute Laune verderben.«

»Oder ich Ihre schlechte, da meine die dauerhaftere ist,« lachte Romberg.

Wir gingen zusammen in eins der zunächst gelegenen Restaurants, aber der »gemütliche Winkel«, den wir uns aussuchten, wurde rasch zum Kriegsschauplatz, denn eine ganze Gesellschaft Versammlungsbesucher fand sich allmählich ein, und jeder hatte das Bedürfnis seinem Herzen Luft zu machen. Es zeigte sich nun erst recht, wie unklar Bernstein gesprochen hatte: je nach der politischen oder philosophischen Richtung, der der einzelne zugehörte, gab er seinen Worten eine andere Deutung.

»Das Todesurteil des Marxismus!« triumphierte der Nationalsoziale.

»Nein,« antwortete scharf einer unserer radikalen Parteigenossen, »ein Todesurteil seiner selbst! Er hat als wissenschaftlicher Sozialist abgedankt.«

Und nun wurden aus seiner Rede einzelne Sätze herausgerissen, die der und jener sich notiert hatte, und betrachtet und zerpflückt. Als eine Rückkehr zum Utopismus wurde bezeichnet, daß er die »Wünschbarkeit einer sozialistischen Gesellschaftsordnung« für den Hebel der Agitation und die werbende Kraft der Partei erklärt hatte.

»Nur alte wundergläubige Weiber lockt man damit hinter dem Ofen hervor,« spottete einer; »auch das himmlische Jerusalem war ›wünschbar‹, und doch haben wir die Fahrt dahin aufgegeben, weil seine Existenz unbeweisbar blieb.«

»Vollends lächerlich,« fügte ein anderer hinzu, »ist die Behauptung, daß die Einsicht in die größere Gerechtigkeit sozialistischer Einrichtungen uns zu Sozialisten gemacht hat. Mag sein, daß Mitleid mit den Armen, Empörung gegen die Ungerechtigkeit manch einen zuerst in unsere Reihen trieb. Aber bloße Empfindungen verflüchtigen sich, wenn die Erkenntnis sie nicht auf realen Boden zwingt. Würde Bernstein wirklich die Frage nach der Wissenschaftlichkeit des Sozialismus verneinen können, so wäre er so viel wert, als das Christentum bisher gewesen ist.«

Romberg hatte zuerst ruhig zugehört.

»Jetzt zerzausen sie den armen Bernstein, weil er ihnen nicht die letzte Wahrheit gab!« sagte er nun, während aller Augen sich auf ihn richteten. »Die Wissenschaft ist doch nichts Fertiges, sondern ein ewiges Suchen! Er sucht, und beweist dadurch, daß er denkt. Wissenschaftlich abgedankt hat nicht er, sondern haben diejenigen seiner Gegner, die jeden Satz im Lehrgebäude des Sozialismus für ein unersetzliches Glied in der Kette der sozialistischen Beweisführung halten. Dieser Dogmatismus könnte die Bewegung töten, nicht aber der Revisionismus, auch wenn er sich noch so täppisch gebärdet.«

»Bernsteins Kritik vernichtet doch aber geradezu grundlegende Ideen des Marxismus?« wandte der Nationalsoziale ein.

»Und wenn schon?!« antwortete Romberg. »Der Bau des marxistischen Systems ist so genial, daß sich Mauern herausbrechen lassen, ohne ihn zu gefährden. Die Tatsache des Klassenkampfes schaffen Sie nicht aus der Welt, sie allein genügt, um die Naturnotwendigkeit des Sozialismus zu beweisen.« Er trank sein Glas leer und erhob sich mit einem hochmütigen Blick auf die verdutzten Gesichter der Tischgenossen. »Unser Schicksal ist unentrinnbar, – damit muß man sich abfinden,« sagte er, »aber wünschbar – weiß Gott! – ist's für unsereinen nicht. Ich bin bloß froh, daß die berühmte ›lutte finale‹ sich erst auf meinem Grabe abspielen wird.«

Wir gingen zusammen.

»Ich danke Ihnen,« sagte ich, als wir draußen waren; der niederdrückende Eindruck der Rede Bernsteins war verwischt.

»Im Grunde habe ich ja auch nur für Sie gesprochen –,« es war der teilnehmende Blick eines Freundes, mit dem er mir bei den Worten in die Augen sah, – »ich bin so gewohnt, Sie stark zu sehen, daß mir Ihr Kummer förmlich weh tat.«

Er begleitete uns bis nach Haus. Mein Mann weihte ihn in unsere Pläne ein.

»Und Sie sind einverstanden? Sie wollen am Ende gar mittun?!« wandte er sich an mich.

»Mit allen Kräften, – gewiß!« antwortete ich. »Was können Sie dagegen haben, nach all den Gedanken, die Sie heute über den Sozialismus entwickelten.«

»Ich mag Sie mir nicht vorstellen, – auf dem Drehschemel vor dem Redaktionspult, – die Schmierereien anderer Leute korrigierend. Sie gehören ins achtzehnte Jahrhundert –«

»Gewiß! An die Seite der Madame Roland –!« unterbrach ich ihn rasch.

Nach und nach erwärmte er sich für unseren Gedanken. »Mit all dem Kleinbürgerlichen, Philiströsen in Ihrer Partei werden Sie gründlich abrechnen müssen,« meinte er im Laufe des Gesprächs, »weite Horizonte geben, die über den Misthaufen des Nachbarn hinausgehen.« Und er verbreitete sich über die Stellung der Partei zur auswärtigen Politik.

»Hier trennen sich unsere Wege, lieber Professor,« sagte mein Mann. »Sie werden kaum erwarten, daß ich als Sozialdemokrat auf diesem Gebiet Ihre Wandlungen mitmache.«

»Wandlungen?! Wieso?!« ereiferte sich Romberg. »Es entspricht der Konsequenz meiner Entwicklung, daß ich für den Kolonialbesitz Deutschlands eintrete und demzufolge für die Flottenvorlage agitiert habe. Traurig genug, daß ihr Sozialisten euch, scheint es, erst belehren lassen werdet, wenn ihr die Macht im Staate habt! Das ist, – verzeihen Sie, liebe Freundin! – der unglückselige feministisch-sentimentale Einschlag in der Sozialdemokratie, der sie für die notwendigen, großen, – wenn Sie wollen – grausamen Forderungen der Kultur blind und taub macht. Der Kampf um die Macht ist die Bedingung unserer Entwicklung. Die Frage, die uns die Weltgeschichte stellt, ist einfach die: soll uns die Erde gehören oder den Negern und den Chinesen? Die Antwort scheint mir nicht zweifelhaft.«

Ich sah empört zu ihm auf: »So sind Sie für das Chinaabenteuer mit all seinem Gefolge von Hunnentum und für die Kolonialkriege mit all ihrer Unmenschlichkeit?! Das heißt doch nicht, Forderungen der Kultur erfüllen, sondern die Kultur preisgeben, die wir haben!«

»Ich bin für die Erschließung Chinas, die für unseren Handel eine Notwendigkeit ist; ich bin für die Kolonialkriege, die den Boden gewinnen für unsere Volksvermehrung, aber daraus folgt doch nicht, daß ich die Greuel des Krieges verteidige. Ich nehme sie nur um der größeren Werte willen in den Kauf, wenn sie unvermeidlich sind ... Wir würden heute noch in Urwäldern wohnen, wenn wir mit den wilden Tieren Mitleid gehabt hätten.«

Eine lebhafte Debatte über die volkswirtschaftliche Bedeutung der Kolonien und der »offenen Tür« Chinas entspann sich zwischen meinem Mann und Romberg. Ich hörte kaum zu; der Gedanke an die Urwälder und die wilden Tiere ließ mich nicht los und spann sich wie von selber weiter. Ich horchte erst auf, als Romberg sagte: »Wenn die Sozialdemokratie sich nicht entschließt, die Sache der Starken zu führen, so wird ihr Sieg eine Niederlage der Menschheit sein.«

Vor unserer Haustür nahmen wir Abschied voneinander.

»Was wird denn aber mit dem Archiv?« wandte sich Romberg noch einmal an Heinrich; »es wäre ein Jammer, wenn es zugrunde ginge!«

Mein Mann zuckte die Achseln. »Wissen Sie einen Käufer dafür?« fragte er statt einer Antwort.

»Einen Käufer? – Vielleicht!« meinte Romberg nachdenklich.

Eine leise Hoffnung stieg in uns auf.

An einem der folgenden Tage kam ich zum erstenmal seit meiner Rückkehr mit den Genossinnen zusammen. Man empfing mich kühl, – fast als bedaure man, mich überhaupt wieder zu sehen. Ich unterdrückte den aufsteigenden Ärger. Bald würden sie mir ganz anders begegnen. Lag erst mein Buch in ihren Händen, – das Buch, das eine wissenschaftliche Leistung und ein Bekenntnis war, – so würden sie mich alle freudig willkommen heißen.

In dem Jahr meiner Abwesenheit waren die Fortschritte der Arbeiterinnenbewegung nicht erheblich gewesen. Man hatte versucht, durch Einrichtung von Beschwerde- und Auskunftsstellen einen persönlichen Zusammenhang mit den der Bewegung noch fremd gegenüberstehenden Arbeiterinnen zu schaffen. Ich lächelte unwillkürlich, als ich davon hörte. Vorschläge der Art hatte mein so leidenschaftlich bekämpfter Plan eines Zentralausschusses für Frauenarbeit enthalten.

Für den Arbeiterinnenschutz und gegen die Beschränkung der Fabrikarbeit verheirateter Frauen war auf Grund eines Parteitagsbeschlusses eine größere Agitation entfaltet worden. Die Erfolge waren minimal.

»Es fehlt uns immer noch an packenden Schriften, die wir verbreiten könnten,« meinte eine der Frauen.

»Ist denn Genossin Orbins Broschüre noch nicht erschienen?« fragte ich und begegnete erstaunten Gesichtern.

»Genossin Orbins Broschüre?!« wiederholte Ida Wiemer. »Von der wissen wir nichts!«

»Ich habe doch darauf hin meine eigene Absicht, eine solche zu schreiben, aufgegeben!« rief ich aus, – noch immer wollte ich nicht glauben, woran doch nicht mehr zu zweifeln war: sie hatte mich nur an der Arbeit hindern wollen! Martha Bartels lächelte ironisch. Ich hörte, wie sie ihrer Nachbarin zuflüsterte: »Sie will sich nur aufspielen, – uns glauben machen, daß sie auch mal was zu arbeiten die fromme Absicht hatte –,« und ich sah wie ihre Worte von Mund zu Mund gingen und die Mienen sich klärten.

»Wenn Sie sich mit der Frage beschäftigt haben,« sagte sie dann laut und hochmütig, »so können Sie ja ein paar Referate übernehmen.«

Ich war bereit dazu.

»Vielleicht sprechen Sie auch bei uns?« fragte die Vorsitzende des Arbeiterinnenbildungsvereins; »es müßte freilich ein anderes Thema sein.«

»Gern!« antwortete ich und war entschlossen, die Frage der Haushaltungsgenossenschaft bei der Gelegenheit zur Erörterung zu bringen.

»Frauenarbeit und Hauswirtschaft« nannte ich meinen Vortrag, der schon eine Woche später stattfand. Der niedrige, enge Raum der Arminhallen war überfüllt, als ich eintrat. Eine Anzahl bürgerlicher Frauenrechtlerinnen suchten sich in den Winkeln des Saales zu verbergen. Sie hatten mein Auftreten bei Gelegenheit des internationalen Frauenkongresses nicht vergessen und zeigten nicht gern ihr Interesse für mich.

Ich stellte in großen Zügen die Entwicklung der Frauenarbeit dar, von ihrer ersten Beschränkung auf das Haus bis zu ihrer heutigen Ausdehnung auf alle Berufe, und die parallel laufende Evolution der Hauswirtschaft von jenen Zeiten an, wo innerhalb ihres Kreises alle Bedürfnisse der Familie hergestellt wurden, bis zur Gegenwart, wo nichts von ihr übrig geblieben war als der Herd. Ich schilderte die Lage der erwerbstätigen Familienmütter, die physischen und seelischen Gefahren, denen ihre Kinder ausgesetzt sind, und ich erörterte die Zunahme der Berufsarbeit verheirateter Frauen nicht nur auf dem Gebiet der manuellen, sondern auch auf dem der geistigen Arbeit. »Die unausbleiblichen Folgen dieser Tatsachen liegen auf der Hand: entweder bricht der weibliche Körper unter der doppelten Arbeitslast des Hauses und des Berufs vorzeitig zusammen und der Geist büßt seine Leistungskraft ein, oder die Häuslichkeit wird vernachlässigt, und die junge Generation wird durch Mangel an Pflege und hygienisch einwandfreier Ernährung aufs äußerste geschädigt... Die Gefahr ist zu groß, zu dringend, als daß wir uns mit dem Appell an die Hilfe des Staats genügen lassen dürften, wir müssen zu gleicher Zeit zur Selbsthilfe greifen.« Und nun entwarf ich meinen Plan. »Hungernde englische Weber waren die Schöpfer der Konsumgenossenschaften, deren Kauffahrteischiffe heute die Meere durchziehen; der Wohnungsnot armer Arbeiter entsprang die Idee der Baugenossenschaften, deren Häuser überall aus der Erde wachsen, – sollte der Jammer der Frauen und der Kinder nicht die Haushaltungsgenossenschaft ins Leben rufen können?«

Ich fühlte die wachsende Erregung, die sich der Zuhörerschaft bemächtigte. Es war das Zentrum der Interessensphäre der meisten, in das ich getroffen hatte. Aber auf den Sturm, der sich erhob, war ich doch nicht gefaßt gewesen. Alle jene Gründe, mit denen die Sozialdemokratie vor Jahrzehnten der Selbsthilfe der Gewerkschaften entgegengetreten war, mit denen sie heute noch vielfach den Genossenschaften entgegentritt, – als Ablenkungen vom Hauptziel, der Verwirklichung des Sozialismus, und vom allein wichtigen Kampf: dem politischen; als Versöhnungen des Proletariers mit dem Gegenwartsstaat, – wurden mir wie ein Hagel von Pfeilen entgegengeschleudert. Es fehlte nicht an scharfen Seitenhieben auf meinen Revisionismus, der sich darin dokumentiere, daß ich innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung sozialistische Ideen verwirklichen wolle, wie die alten, überwundenen Utopisten.

Nur wenige unterstützten mich. Die Frauenrechtlerinnen schwiegen.

Bereits am nächsten Morgen ging mein Vortrag durch die Presse, entstellt, verspottet, beschimpft.

»Der Zukunfts-Karnickelstall, wo sich das Familienleben auf das Schlafzimmer beschränkt«, hieß es in der konservativen Presse; von der »Kaserne als Idealzustand« sprach die liberale. Als die Spottlust befriedigt war, kamen die pathetischen Artikel, die angesichts der drohenden Zerstörung der Familie ihre Kassandrastimme erhoben. Und in den »Sprechsälen« und »Frauenecken« zeterten die guten Hausfrauen, deren einziges Zepter der Kochlöffel war. Hatte ich sie schon durch die Dienstbotenbewegung gegen mich aufgebracht, – jetzt standen sie mir als ein Heer gerüsteter Feinde gegenüber. Der Kochherd war wirklich nicht nur der Inhalt, sondern die Grundlage ihres Familienlebens.

»Die Männer werden überhaupt nicht mehr heiraten, wenn sie keine Hausfrau brauchen,« jammerte eine ehrliche Naive.

Ich wartete vergebens auf die Unterstützung der Frauen, die mir ihre Not oft selbst geklagt hatten: der Schriftstellerinnen, Ärztinnen, Künstlerinnen.

»Nur ein Jahr lang sollten unsere männlichen Kollegen Suppe kochen und Strümpfe stopfen,« hatte einmal eine von ihnen ausgerufen, »und wir würden an dem Fehlen großer Leistungen ihre geistige Minderwertigkeit beweisen können!«

In den Blättern der Frauenbewegung fand mein Plan keinen Widerhall. Helma Kurz rief Ach und Wehe über mich, die ich »alle Frauen aus der trauten Häuslichkeit in die Kaserne« treiben wolle. Keine der Führerinnen der Frauenbewegung begriff, daß die Befreiung der erwerbstätigen Frau von der Sklaverei der Küche eine ihrer Programmforderungen sein müßte. Nur eine kleine Gruppe Menschen, die in der Öffentlichkeit unbekannt waren, schloß sich mir allmählich an, und ein paar Baumeister meldeten sich, die den Mut gehabt hätten, ein Haus nach meinem Plan aufzuführen, – mit abgeschlossenen kleinen Wohnungen und Speiseaufzügen aus der Zentralküche. Wir waren überzeugt, nur ein lebendiges Beispiel würde genügt haben, um die Bewegung in Fluß zu bringen. Aber wir waren zu wenige, um das Bestehen des Hauses zu sichern, und mein Name, – der der Sozialdemokratin, – schreckte viele ab. Sie fürchteten den kommunistischen Zukunftsstaat im Kleinen.

Inzwischen kam Wanda Orbin nach Berlin und bat mich, da sie krank sei, »in wichtiger Angelegenheit« um meinen Besuch. Sie reichte mir nur die Fingerspitzen, als ich eintrat.

»Sie haben die Interessen der Partei auf das schwerste verletzt,« begann sie im Ton eines Inquisitors, »und da es nicht das erste Mal geschieht, so bin ich verpflichtet. Sie zu warnen.«

Ich griff mir an die Stirn: was war es nur, was ich verbrochen hatte?!

»Ihre Agitation für die Haushaltungsgenossenschaft –« ich lachte ihr ins Gesicht; sollte sie mit so strenger Miene scherzen?! Aber sie runzelte die Stirn, – es war ihr Ernst, blutiger Ernst! – »hat weitere Kreise gezogen, als gut ist. Dergleichen verwirrt die Köpfe, stört die Einheitlichkeit des Vorgehens –«

Ich stand auf. »Möchten Sie mir wohl noch mitteilen, worin meine erste Verletzung der Parteiinteressen bestand?« fragte ich ruhig.

»Sollten Sie Ihren Plan eines Zentralausschusses für Frauenarbeit schon vergessen haben?« rief sie aus.

»Und durch ihn habe ich die Partei geschädigt?! – Sie sind ja jetzt schon im Begriff, teilweise auszuführen, was ich wollte –!«

Wanda Orbins Augen funkelten mich zornig an: »Wenn Sie die Unterschiede nicht verstehen, so beweist das nur wieder Ihren Mangel an proletarischem Bewußtsein –;« dabei kreischte ihre Stimme wie auf der Rednertribüne.

»Mag sein!« entgegnete ich scharf. »Mir fehlt das Demagogentalent, um mich zur Proletarierin aufzuspielen.« Damit wandte ich mich zum Gehen, auf das tiefste verwundet.

Mein Vortrag erschien im Verlag des »Vorwärts« als Broschüre. Wanda Orbin »vernichtete« ihn in vier Leitartikeln, und ihre Autorität war viel zu gewichtig, als daß sich innerhalb der Partei irgendeine Stimme für ihn erhoben hätte. Wie die Schnecke, wenn ihre Fühlhörner unsanft berührt werden, sich in ihr Haus zurückzieht, so hatte ich das Bedürfnis, mich zu verkriechen.

»Laß deine Ideen erst Wurzel fassen, Liebste,« tröstete mich mein Mann; »sind sie lebenskräftig, so fällt dir die Frucht von selbst in den Schoß.«

Ich lächelte wehmütig über den Irrtum, in dem er sich befand. Was mich schmerzte, war nicht das momentane Scheitern eines Planes, sondern daß ich Wanda Orbin so klein gesehen hatte, die mir, auch mit ihren Fehlern, so groß erschienen war. Und daß sie die anderen beherrschte, zum Teil mit Mitteln, gegen die ich mich waffenlos fühlte!

Nun galt es, statt alle Kräfte auf den Kampf für die gemeinsame Sache zu konzentrieren, sich für den eklen Streit im eigenen Lager stets gewappnet zu halten.

Wenn ich mich abseits stellen, einer jener Eigenbrödler werden könnte, mit Scheuklappen vor den Augen, immer nur ein Teilchen des allgemeinen Zieles verfolgend?! Daß ich unfähig dafür war, bewies mir die Erfahrung mit meinem eigenen Plan. Hätte ich das Talent und die Zähigkeit des Organisators gehabt, ich würde ihn in jahrelanger steter Arbeit, unbekümmert um die Spötter, haben durchsetzen können. Und nun stand ich da und sah erschrocken auf meine Hände, die so leer geworden waren und so kraftlos.

Die Sonne brannte auf dem Asphalt, braun und verdorrt hingen die Blätter an den armen Bäumen, zu ihren steingepanzerten Wurzeln drang keine Luft und kein Tau. Grauer Staub deckte die Büsche wie mit Trauerschleiern. Wer draußen im Wald den Sommer suchen ging, den empfingen die Kiefern schwarz und ernst und die blumenlosen Felder. O, daß ich empor auf einen Berg steigen könnte zu reiner Luft und klaren Quellen! Heimweh packte mich, – Heimweh nach den schmalen Pfaden zwischen duftenden, bunt blühenden Wiesen, nach dem stillen See im Buchenwald, wo zwischen Moos und Gestein Märchenblumen ihre Kelche öffnen. Heimweh nach der großen Einsamkeit!

Ob nicht der Geist der Frauen verkümmert und ihr Gemüt verdorrt, weil sie nicht einsam sein dürfen?

»Geh, – erhole dich, – ruh' dich aus, und wenn es nur ein paar Tage sind, – es wird dir gut tun,« sagte mein Mann, dem meine Schlaflosigkeit, meine Blässe auffiel; »ich und die Berta hüten den Jungen.«

Es bedurfte keiner Überredungskünste, meine Sehnsucht, allein zu sein, ganz allein, war zu groß. Ich fuhr nach dem Harz. Aber schon unterwegs packte mich die Unruhe: was konnte dem Kleinen inzwischen nicht alles geschehen! Tausend Fragen und Sorgen schreckten mich am Tage, ängstliche Träume verfolgten mich bei Nacht. Und die Berge hier, die mir fremd waren, blieben mir stumm, und die rauschenden Quellen sprachen eine fremde Sprache.

Da erreichte mich ein Brief meiner Mutter aus Heidelberg. »Erdmann ist aufgegeben,« hieß es darin, »und Ilse hat Lungenentzündung, deren Ausgang unabsehbar ist. Sie spricht oft von Dir ...«

Am selben Abend schrieb ich an meinen Mann: »Liebster! Ich halte es nicht aus ohne Dich, ohne Otto. Aber ehe ich zurückkehre, muß ich Ilse wiedersehen. Nach den Andeutungen meiner Mutter ist alles zu fürchten. Du hast mich ausgelacht, als ich Dir einmal sagte, daß ich mich ihr gegenüber schuldig fühle. Es kommt ja aber auch nicht darauf an, ob eine Schuld im Sinne landläufiger Moral besteht, sondern darauf, ob ich sie empfinde. Ich muß das gut machen, – damit ich mich nicht quäle, wenn das arme Kind sterben sollte, und damit sie mir wieder vertraut, wenn sie lebt und meiner bedarf ...«

Ich reiste am selben Abend noch ab. Meine Mutter empfing mich am Bahnhof.

»Es geht zu Ende,« sagte sie auf meinen fragenden Blick. »Und Ilse?« »Sie fiebert noch immer! Meine Ahnung betrog mich nicht. Diese unglückselige Ehe!«

Die letzten drei Worte stieß sie zwischen den Zähnen hervor. Es war kein zärtliches Mitleid, das sie empfand, sondern Empörung gegen das Geschick.

»Das ist lieb, daß du kommst, gute Schwester,« rief mir Ilse entgegen, als ich an ihr Bett trat. Seit langem hörte ich wieder den alten warmen Ton in ihrer Stimme, und ihr Gesichtchen hob sich rund und rosig von den weißen Kissen ab, als wäre es wieder das des süßen kleinen Mädchens von einst. Wußte sie nicht, daß ein paar Türen weiter ihr Mann im Sterben lag? Der Arzt trat ins Zimmer mit den Tropfen und dem Fieberthermometer. Ich sah, wie ihre Augen jeder seiner Bewegungen folgten, wie sie ihn anlächelte, voll dankbaren Vertrauens. Und in der Sorgfalt, mit der er ihr die Kissen rückte und den Vorhang am Fenster weit zurückschlug, damit die Sonnenstrahlen ihre Haare umspielen konnten, lag tiefere Empfindung, als die des Arztes. Blühte dem armen Kinde eine Herbstrose auf dem Totenacker?

»Du gehst zu ihm?« fragte sie und lehnte sich mit geschlossenen Augen müde zurück.

»Ja,« antwortete ich leise. Das Lächeln aus ihrem Antlitz verschwand, die Lippen preßten sich zusammen.

In Decken gehüllt, am weit offenen Fenster lag er. Die weißen Wände des Zimmers, die Betten, das weiße Geschirr, von blinkenden Metall unterbrochen, die weiße Schürze der Pflegerin strahlten über sein eingefallenes gelbes Gesicht eine grausame Helle aus. Er war so geistvoll, so lebendig wie je; das hätte täuschen können, wenn mein Auge nicht eben auf die Morphiumspritze in der Hand der Diakonissin gefallen wäre.

»Sieh nur, wie wunderschön das ist!« sagte er und sein Blick umfaßte in leidenschaftlicher Liebe das bunte Herbstlaub der Bäume draußen. Er hatte den Schoß voll kleiner Skizzen und ließ den Pinsel nur aus der Hand, wenn die Schwäche ihn übermannte.

»Hast du Ilse gesehen?« fragte er schließlich.

Ich nickte.

»Sie ist noch viel, viel schöner als die Berge und der Wald,« flüsterte er sehnsüchtig.

Am nächsten Tage verließ ich Heidelberg wieder. Eine bleierne Müdigkeit bemächtigte sich meiner. Ich hätte immerfort schlafen mögen. Dabei fand ich lauter dringende Briefe vor: der Verleger wünschte eine raschere Erledigung der Korrekturen, der Verein für Haushaltungsgenossenschaften lud mich zur nächsten Sitzung, ein paar Parteigenossen erinnerten an die ihnen bereits zugesagten Vorträge.

Eine mir selbst Fremde stand ich auf der Rednertribüne. Jene Glut der Leidenschaft, die allein fähig ist, den Eisenmantel zu schmelzen, den Kummer und Not um die Herzen der Ärmsten schmiedete, jene Klarheit der Überzeugung, die allein das Dunkel des Vorurteils und der Unwissenheit zu durchleuchten vermag, fehlten mir und ließen sich nicht erzwingen.

»Ich bin unfähig, zu sprechen, – erlassen Sie es mir diesmal,« bat ich einen der Genossen; »die Menschen kehren heim, ohne einen Gran Kraft und Klugheit gewonnen zu haben.«

Aber er bestand auf seinem Schein: »Ihr Name zieht, und wir brauchen einen vollen Saal.«

Eines Abends sollte ich bei den Textilarbeitern referieren. Als ich kam, war der Saal leer, und der Wirt erzählte mir, daß die Versammlung schon vor zwei Tagen stattgefunden und man mich vergebens erwartet habe. Ich zog die Einladungskarte aus der Tasche: nur das Datum war angegeben, nicht der Tag, und dieses stimmte. Der Vertrauensmann der Gewerkschaft, zu dem ich ging, mußte mir bestätigen, daß der Irrtum nicht auf meiner Seite lag. Wenige Tage später hörte ich, eine der Genossinnen habe behauptet, ich hätte das Datum gefälscht, um mich der Aufgabe zu entziehen, und habe hinzugefügt, sowas sei bei mir schon öfter vorgekommen. Auf das äußerste empört, verlangte ich eine Untersuchung der Angelegenheit. Ein Schiedsgericht trat zusammen. In endlosen Sitzungen wurden Zeugen vernommen, die Einladungskarte geprüft, verglichen. Ich ballte die Fäuste unter dem Tisch vor Erregung und konnte mich doch dem Eindruck nicht entziehen, den die ruhige Gründlichkeit all dieser Arbeiter auf mich machte. An Ernst und Objektivität, an Takt und Würde standen sie turmhoch über ihren weiblichen Klassengenossen, mit denen ich bisher zusammengekommen war. Eine formelle Ehrenerklärung, die mir schriftlich zuging, war das Resultat der Verhandlungen. Aber die Empfindung, besudelt zu sein, wurde ich lange Zeit nicht los.

Ich vertiefte mich in die Korrekturen meiner »Frauenfrage«. Und die Genugtuung über meine Arbeit wirkte wie ein stärkendes und reinigendes Bad.

Mitten in der Arbeit an den letzten Druckbogen besuchte mich die weibliche Vertrauensperson meines Wahlkreises. Für eine große Volksversammlung, die in den allernächsten Tagen stattfinden und sich mit den von der Regierung angekündigten Zollerhöhungen beschäftigen sollte, hatte man mir den Vortrag zugedacht. Ich lehnte ab. Meine Besucherin wurde immer dringender.

»Sie müssen kommen,« erklärte sie schließlich.

»Ich muß?! Warum?!« fragte ich verwundert.

»Wir haben Ihren Namen schon auf die Plakate gedruckt!«

»Das ist Ihre Schuld, – nicht die meine,« entgegnete ich; »selbst wenn ich Zeit hätte, mich binnen zwei Tagen auf ein schwieriges Thema, wie den drohenden Zolltarif, vorzubereiten, würde ich bei meiner Ablehnung bleiben und Sie die Folgen eines so unverantwortlichen Vorgehens tragen lassen.«

Sie warf mir noch einen rachsüchtigen Blick zu und ging.


Mein Buch erschien. Die Aufnahme, die ihm zuteil wurde, entschädigte mich für viele Schmerzen und gab mir das Vertrauen in die eigene Kraft zurück.

»Sie haben mehr geleistet, als ich erwartet hatte, und das will viel sagen,« schrieb mir Romberg. »Ihr Werk ist eine wissenschaftliche Leistung, dem keine Kritik und keine Zeit den Charakter eines standard work nehmen wird, und – was für mich seinen größten Wert ausmacht – der Ausdruck einer starken Persönlichkeit. Die objektive Wissenschaft ist zweifellos etwas sehr Großes, aber der Mensch bleibt immer das Allergrößte ...«

Nur zwei Zeitschriften rissen meine Arbeit herunter; die Monatsblätter von Helma Kurz und – die »Freiheit« von Wanda Orbin.

»Alix Brandts Buch ist jeder Mütterlichkeit und jeder Wissenschaftlichkeit bar,« hieß es in dem einen Blatt: »die Genossin Brandt hätte in der Kleinarbeit der Agitation erst lernen und sich bewähren müssen, ehe sie etwas für die Arbeiterinnenbewegung wirklich Nützliches hätte schaffen können,« lautete das Endurteil in dem anderen.

Ich lachte zuerst und dachte daran, wie ich von einer meiner bürgerlichen Gegnerinnen einmal pathetisch als ein »Tribünenweib« bezeichnet worden war, »deren Lenden nie ein Kind getragen haben«, und eine Genossin mir als schwere Unterlassungssünde die Tatsache vorgehalten hatte, daß ich eine wichtige Parteipflicht – die, Flugblätter auszutragen – noch nicht erfüllt hätte.

Aber dann verging mir das Lachen. Mein ganzes Ich lag in dem Buch, all mein Wissen, mein Glauben, mein Hoffen. »Meinem Mann und meinem Sohn« stand als Widmung vor dem Titel. Das war keine bloße Form, es war ein Bekenntnis: ich hätte es nicht schreiben können ohne das Doppelerlebnis der Liebe und der Mutterschaft, das aus dem Kinde erst den Menschen macht, das Schleier von den Augen reißt und eiserne Klammern von den Herzen. Es sind Männer gewesen, die die Madonna zur Mutter Gottes erhoben, denn nur der lebendig befruchtete Schoß vermag Lebendiges zu gebären. Und arme Irre waren es, die die Jungfrauschaft mit dem Heiligenschein krönten. Denn die Voranleuchtenden sind nur, die des Lebens Tiefen erschöpften.

An die Mütterlichkeit hatte ich appelliert mit jedem Satz, den ich niederschrieb. Aus einem primitiven Empfinden, das über die Wiege des eigenen Kindes kaum hinausging, sollte sie zu weltumspannender Kraft sich entfalten. All die Tausende und Abertausende Hilfloser und Entrechteter hatte ich aufgeboten, daß sie die Mütter suchen sollten. Einst pochte ihr Murmelgebet: »Heilige Maria, bitte für uns!« umsonst an das Tor des Himmels, – sollte ihre stumme Not auf der Erde keine Antwort finden?

Waffen hatte ich geschmiedet für die Proletarierinnen, Waffen, – ich wußte es, – die unzerbrechlich waren. Ich erwartete keinen Dank dafür, denn daß ich sie schaffen konnte, war Dank genug. Nur nehmen, nur gebrauchen sollten sie meine Klingen und Pfeile.

»Warte die Zeit ab,« sagte mein Mann. Aber ich fieberte nach Tat, nach Wirken, – ich konnte nicht warten.

Dem Arbeiterinnen-Bildungsverein und einzelnen der führenden Genossinnen hatte ich mein Buch zur Verfügung gestellt. Eines Morgens bekam ich einen Brief von Martha Bartels. Schon freute ich mich, – ich werde sie wiedergewonnen haben, dachte ich, und erinnerte mich, wie sie mir, der Fremden, einst entgegengekommen war, als ich noch Alix von Glyzcinski hieß.

Ich ließ ihren Brief in den Schoß fallen, als ich seine wenigen Zeilen durchflogen hatte, und lehnte mich mit einem Gefühl von Schwindel in den Stuhl zurück.

»Nachdem Ihre Unzuverlässigkeit in der Ausführung übernommener Parteipflichten wieder offenbar wurde,« schrieb sie, »haben die Genossinnen einstimmig beschlossen, Sie zu unseren Sitzungen nicht mehr einzuladen.«

Ein formeller Ausschluß also, – ohne Gründe anzugeben, – ohne mich zu hören! Und das in einer Partei, die die Ideale der Demokratie vertritt! Ich verlangte, mir zu gewähren, was die Gesetzgeber des kapitalistischen Staates den Mördern und Dieben zugestehen: mich vor meinen Richtern verteidigen zu können. Man antwortete mir nicht. Ich erfuhr schließlich, daß jene Genossin, die mich vergebens zu einem Vortrag hatte pressen wollen, die Sache so dargestellt hatte, als ob ich mein gegebenes Wort gebrochen hätte. Und ich hörte weiter, daß meine »Fälschung« jener Einladungskarte zum Referat bei den Textilarbeitern noch immer in aller Munde sei. Ich sandte die Ehrenerklärung der Gewerkschaft ein, ich zwang die Lügnerin, ihre Behauptung zu widerrufen. Es nützte nichts.

»Wir erkennen an, daß in diesen beiden Fällen ein Irrtum vorlag,« schrieb Martha Bartels, »aber es stehen noch so viele andere fest, wo Sie sich als unzuverlässig erwiesen haben, daß die Genossinnen an ihrem einstimmigen Beschluß, Ihre Mitarbeit abzulehnen, festhalten.«

Ich ging zum Parteivorstand, um die Einsetzung eines Schiedsgerichts zu fordern. »Liebe Genossin,« sagte Auer, mir gutmütig die breite Hand auf die Schulter legend, »tun Sie das nicht! Lehren Sie mich unsere Weiber kennen! Jedes Schiedsgericht wird Ihnen recht geben, – natürlich! Aber, glauben Sie, daß damit geholfen ist?! Schon am nächsten Tag werden die Klatschmäuler, denen Sie nun einmal ein Dorn im Auge sind, neue, noch schlimmere Sünden über Sie zu verbreiten wissen, und das modernisierte Gerichtsverfahren der heiligen Fehme wird alle demokratischen Schiedssprüche umstoßen. Überlassen Sie der Wanda die Weiber! Für Ihren Tätigkeitsdrang ist in der Partei noch Raum genug.«

Ich fügte mich seiner Ansicht. Ob aus Einsicht, aus Müdigkeit, aus Ekel? Ich weiß es nicht mehr. Auers Hand umspannte die meine schmerzhaft fest.

»Wollen Sie von mir alten Kerl noch einen Rat auf den Weg nehmen?« fragte er. »Wer auf hoher Warte steht, dem sollten die leid tun, die sich von unten im Schweiße ihres Angesichts abmühen, mit Steinen zu werfen. Er sollte immer über sie hinwegsehen. Dann hören sie von selber auf und besinnen sich, daß ein Weg da ist, auf dem auch sie aufwärtssteigen könnten ... Wer die Distanz nicht wahren kann, ist kein Politiker.«

»Die Distanz, – das bedeutet Fernsein, Kühle,« antwortete ich mit einem leisen Seufzer, »– ich liebe die Menschen; ich möchte von ihnen geliebt sein.«

»Sie lieben die Menschen, – diese Menschen?! Sie scherzen!« Er reckte sich zu seiner ganzen Größe. »Wir würden sie erhalten, wenn wir sie lieben würden. Aber wir wollen sie überwinden – mit dem gewaltigen Erziehungsmittel einer neuen Gesellschaftsordnung –, also hassen wir sie.«

Ich schüttelte den Kopf. War das eine hohe Warte? Würde ich sie je erreichen, – erreichen wollen?!

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