Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelmine von Bayreuth >

Memoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth

Wilhelmine von Bayreuth: Memoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth - Kapitel 21
Quellenangabe
pfad/wilhelvb/memoiren/memoiren.xml
typeautobio
authorWilhelmine von Bayreuth
titleMemoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth
publisherIm Insel-Verlag
printrun9. bis 13. Tausend
year1923
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080611
projectid966b36ab
Schließen

Navigation:

Anhang

Briefe der Markgräfin von Bayreuth an Voltaire aus ihren letzten Lebensjahren

19. August 1757.

Man erkennt seine Freunde erst im Unglück. Der Brief, den Sie mir geschrieben haben, macht Ihrer Gesinnung alle Ehre. Wie sehr ich über Ihre Handlungsweise erfreut bin, kann ich Ihnen gar nicht ausdrücken. Der König ist ebenso angenehm berührt wie ich. Anbei erhalten Sie ein Billett, das ich Ihnen in seinem Namen übermitteln soll. Dieser große Mensch bleibt sich stets gleich. Er erträgt seine Mißgeschicke mit einem Mut und einer Entschlossenheit, die seiner würdig sind. Er konnte den Brief, den er an Sie richtete und der mit Versen anfing, nicht ins reine schreiben. Statt der Streusandbüchse ergriff er das Tintenfaß, und so blieb sein Schreiben unvollendet. Ich bin in einer furchtbaren Verfassung, und ich werde den Ruin meines Hauses und meiner Familie nicht überleben. Dies ist der einzige Trost, den ich noch habe. Sie werden für Ihre Tragödien mit schönen Vorwürfen versehen sein. O Zeiten! O Sitten! Sie würden mit einer theatralischen Aufführung vielleicht die Hörer zu Tränen rühren, während man sich trockenen Auges das Unglück eines ganzen Hauses ansieht, gegen das man im Grunde keine berechtigte Klage erheben kann. Ich kann Ihnen nichts mehr sagen; denn ich bin so verwirrt, daß ich nicht weiß, was ich tue. Aber was immer sich ereignen mag, seien Sie versichert, daß ich mehr denn je verbleibe Ihre Freundin

Wilhelmine.

12. September 1757

Ihr Brief an mich hat mich im Innersten berührt, Ihr Schreiben an den König, das Sie mir sandten, hat dieselbe Wirkung auf ihn gehabt. Ich hoffe, Sie werden mit seiner Antwort, was Sie angeht, zufrieden sein, aber seine Entschlüsse dürften Sie ebensowenig befriedigen wie mich. Ich hatte mir geschmeichelt, daß Ihre Erwägungen einigermaßen auf seinen Geist einwirken würden. Sie werden aus beiliegendem Billett das Gegenteil ersehen.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als sein Los, falls es schlimm ausfällt, mit ihm zu teilen. Ich habe mich nie als Philosophin aufgespielt, obwohl ich bemüht war, es zu werden. Der geringe Fortschritt, den ich machte, hat mich zwar gelehrt, die Reichtümer und Ehren zu verachten, aber ich habe nichts in der Philosophie gefunden, was die Wunden des Herzens heilen könnte, es sei denn das Mittel, sich dem Leiden zu entziehen, indem man beschließt, zu leben aufzuhören. Mein Zustand ist schlimmer als der Tod. Ich sehe den größten Menschen des Jahrhunderts, meinen Bruder, meinen Freund, den furchtbarsten Möglichkeiten ausgesetzt. Ich sehe meine ganze Familie Gefahren und Bedrängnissen entgegengehen, mein Vaterland von unerbittlichen Feinden zerrissen und das Land, in dem ich lebe, vielleicht von ähnlichem Schicksale bedroht. Wollte Gott, daß ich allein diese Leiden zu tragen hätte, die ich Ihnen hier berichte. Ich würde sie festen Mutes erdulden. Verzeihen Sie diese Abschweifung. Durch die Teilnahme, die Sie mir entgegenbringen, verleiten Sie mich, Ihnen mein Herz zu öffnen. Ach! die Hoffnung ist mir fast entschwunden. Wenn sich das Glück von uns wendet, zeigt es sich uns ebenso beharrlich abgeneigt, als es uns zuvor begünstigt hat. Die Geschichte ist hierin reich an Beispielen, doch fand ich keines dem ähnlich, das wir vor Augen haben, noch je zwischen zivilisierten Völkern einen so unmenschlichen und grausamen Krieg. Sie würden wehklagen, kennten Sie die traurige Lage Deutschlands und Preußens. Die Greuel, die die Russen in Preußen verübt haben, lassen das Blut erstarren. Wie glücklich sind Sie in Ihrer Einsiedelei, wo Sie auf Ihren Lorbeeren ausruhen und in voller Gemütsruhe über die Verblendung der Menschen philosophieren können! Ich wünsche Ihnen für dort alles erdenkliche Glück. Falls uns das Schicksal noch begünstigt, so rechnen Sie auf meine größte Erkenntlichkeit. Nie werde ich die Anhänglichkeit vergessen, die Sie für mich an den Tag legten. Dafür bürgt Ihnen mein dankbares Herz. Ich bin nie eine halbe Freundin gewesen und werde stets in Wahrheit die des Bruders Voltaire verbleiben.

Wilhelmine.

Meine Empfehlung an Madame Denis. Ich bitte Sie, fahren Sie fort, an den König zu schreiben.

23. November 1757.

Ich war körperlich meinen seelischen Aufregungen unterlegen und dadurch verhindert, Ihnen zu antworten. Ich werde Ihnen heute mit viel interessanteren Nachrichten dienen als über meine Person. Ich hatte Ihnen mitgeteilt, daß die Armee der Verbündeten Leipzig blockierte; und ich fahre in meiner Erzählung fort. Am 26. Oktober warf sich der König mit einem Korps von zehntausend Mann in die Stadt; der Marschall Keith war schon mit einem gleichstarken Korps in dieselbe eingezogen. Es kam zu einem heftigen Gefecht zwischen den Österreichern, den Kaiserlichen und den Preußen; diese blieben auf der ganzen Linie Sieger und nahmen fünfhundert Osterreicher gefangen. Die verbündete Armee zog sich nach Merseburg zurück; sie verbrannte die Brücke dieser Stadt und die von Weißenfels; die Brücke in Halle war schon vorher zerstört worden. Man behauptet, daß dieser plötzliche Rückzug durch die lebhaften Vorstellungen der Königin von Polen veranlaßt worden sei, die mit Recht die gänzliche Vernichtung Leipzigs voraussah, wenn man fortfahren würde, es zu belagern. Der Plan der Franzosen ging dahin, sich der Saale zu bemächtigen. Der König ging gegen Merseburg vor, wo er die französische Nachhut überfiel. Er gewann die Stadt und nahm fünfhundert Franzosen gefangen. Die Österreicher, die ihm bei dem Scharmützel von Leipzig in die Hände fielen, waren in einem alten Schloß vor den Stadtmauern eingesperrt worden. Sie mußten ihre Lagerstätten, da sie bequemer waren, den fünfhundert Franzosen einräumen, während man sie in die Strafanstalt einsperrte. Ich teile Ihnen diese Bagatellen mit, um Ihnen zu zeigen, welche Aufmerksamkeiten man Ihrer Nation erweist. Der Marschall Keith marschierte gegen Halle, wo er die Brücke wieder instand setzte. Da es dem König an Brückenschiffen fehlte, ließ er auf Gerüsten Bretter befestigen und stellte auf diese Weise die beiden Brücken von Merseburg und Weißenfels wieder her. Das Korps, das er befehligte, stieß in Bornerode zu dem des Marschalls Keith. Dieser hatte achttausend Mann, die vom Herzog Ferdinand von Braunschweig befehligt wurden, unter sein Kommando gebracht. Am 4. November rekognoszierte man von der St. Michaelsanhöhe aus den Feind. Da der Posten nicht angreifbar war, ließ der König das Feldlager bei Notzbach in einer Ebene aufschlagen. Er hatte einen sehr sanft aufsteigenden Hügel im Rücken. Am 5., während der König ruhig mit seinen Generalen speiste, kamen zwei Patrouillen mit der Meldung, daß der Feind eine Schwenkung nach ihrer Linken unternähme. Der König stand von Tische auf; man rief die Kavallerie, die beim Futterfassen war, zurück und verhielt sich still, da man glaubte, der Feind marschiere nach Freyburg, einer kleinen Stadt, die er im Rücken hatte, plötzlich merkte man, daß es der Gegner auf die linke Flanke der Preußen abgesehen hatte. Da ließ der König das Lager aufheben und von links nach diesem Hügel defilieren. Dies geschah sowohl von der Infanterie wie von der Kavallerie im Galopp. Das Manöver wurde allem Anschein nach vollzogen, um die Franzosen zu täuschen; die Armee stellte sich denn auch bald wie auf ein Pfeifensignal in einer Linie kunterbunt in Schlachtordnung auf. Die Artillerie eröffnete ein so schreckliches Feuer, daß Franzosen, mit denen ich sprach, mir mitteilten, daß jeder Schuß acht oder neun Menschen getötet oder verletzt habe. Die Musketiere waren nicht minder erfolgreich. Die Franzosen zogen in Kolonnen heran, um mit dem Bajonett anzugreifen. Sie waren nur noch hundert Schritt von den Preußen entfernt, als sich die preußische Kavallerie, eine Umgehung machend, mit unerhörter Wucht in die Flanke des Feindes warf. Die Franzosen wurden über den Haufen gerannt und in die Flucht gejagt. Die französische Infanterie, in der Flanke angegriffen, von den Kanonen zerschmettert und von sechs Bataillonen und dem Gendarmerieregiment beschossen, wurde zusammengehauen und gänzlich auseinandergesprengt.

Prinz Heinrich, der zur Rechten des Königs kommandierte, hat den größten Anteil an dem günstigen Ausgange der Schlacht, in der er leicht verwundet wurde. Die Verluste der Franzosen sind sehr groß. Außer fünftausend Gefangenen und über dreihundert Offizieren, die in dieser Schlacht blieben, büßten sie auch fast ihre gesamte Artillerie ein. Was ich Ihnen melde, habe ich übrigens von den Flüchtlingen selbst vernommen und nur zum Teil von einigen preußischen Offizieren gehört. Der König hatte eben nur Zeit, mir seinen Sieg anzuzeigen, und konnte mir keinen Bericht zusenden. Er zeichnet übrigens die französischen Offiziere aus und behandelt sie wie seine eigenen. Er ließ die Verwundeten in seiner Gegenwart verbinden und hat strengen Befehl erteilt, daß es ihnen an nichts fehlte. Nachdem er den Feind bis Spielberg verfolgt hatte, kehrte er nach Leipzig zurück, das er am 10. wieder verließ, um nach Torgau zu marschieren. Der Generalfeldmarschall der Österreicher machte Miene, mit dreizehn- oder vierzehntausend Mann in Brandenburg einzufallen, er zog sich aber vor dem Anmarsch der Preußen nach Bautzen in der Lausitz zurück. Der König verfolgte ihn, um ihn, wenn irgend möglich, anzugreifen. Er beabsichtigt, sodann in Schlesien einzudringen. Leider haben wir heute die Übergabe von Schweidnitz an den Gegner erfahren müssen, das sich am 13. ergeben hat, nachdem es der Belagerung lange widerstanden hatte. Diese Nachricht erfüllt mich wiederum mit größter Sorge.

Um auf die Punkte Ihrer beiden Briefe einzugehen, werde ich Ihnen sagen, daß die Taubheit in Frankreich zu einem epidemischen Übel wird. Wenn ich es wagen dürfte, würde ich bemerken, daß man die Blindheit noch hinzufügt. Mündlich könnte ich Ihnen gar manches sagen, was ich der Feder nicht anvertrauen kann, was Sie aber von den guten Absichten überzeugen würde, die man Frankreich gegenüber hatte. Man hat sie noch; ich werde dieser Tage an den Kardinal schreiben. Versichern Sie ihm, ich bitte darum, meiner vollkommensten Hochachtung, und sagen Sie ihm, daß ich noch immer beim System von Lyon beharre, aber sehr wünschen würde, daß viele Leute so dächten wie er, in diesem Falle wären wir bald einig. Es ist recht töricht von mir, mich in Politik zu mischen. Ich bin geistig zu nichts mehr nutze als zum Spital. Ich muß mich Ihretwegen sowohl geistig wie körperlich anstrengen, um einen so langen Brief zu schreiben. Ich kann Ihnen nur mit Berichten Freude machen. Dies muß ich wohl benützen, da ich Ihnen keine größeren bereiten kann, die meine Dankbarkeit erkennen lassen würden. Viele Empfehlungen an Madame Denis, und verlassen Sie sich darauf, daß Sie keine bessere Freundin haben als

Wilhelmine.

27. Dezember 1757.

Wenn sich mein Körper allen Einflüsterungen meines Geistes gefügig zeigen wollte, würden Sie mit jeder Post Nachrichten erhalten. »Ich bin«, werden Sie mir sagen, »ebenso hinfällig wie Sie und schreibe dennoch«. Daraufhin gebe ich Ihnen zurück, daß es auf der Welt nur einen Voltaire gibt und daß er die anderen nicht nach sich selbst beurteilen darf. Was schwätze ich da? Ich sehe Ihre Ungeduld, die Dinge zu hören, die Sie interessieren. Eine gewonnene Schlacht; Breslau im Besitze des Königs; dreiunddreißigtausend Mann, siebenhundert Offiziere und vierzehn Generale gefangengenommen, außerdem hundertundfünfzig Kanonen und viertausend Wagen mit Proviant, Gepäck und Munition: dies sind die Nachrichten, die ich Ihnen geben kann. Ich bin nicht zu Ende. Viertausend Tote sind auf dem Schlachtfeld geblieben, viertausend Verwundete fanden sich in Breslau vor, und man zählt an viertausendfünfhundert Deserteure. Sie dürfen versichert sein, daß es eine Tatsache ist, die nicht nur vom König und der ganzen Armee, sondern sogar von einer Menge österreichischer Deserteure beglaubigt wurde. Die Preußen haben fünfhundert Tote und dreitausend Verwundete. Diese Schlacht steht einzig da und grenzt ans Fabelhafte. Die Österreicher waren achtzigtausend Mann stark, die Preußen zählten nur sechsunddreißigtausend Mann. Man kämpfte heiß um den Sieg; aber der ganze Kampf dauerte nur vier Stunden. Ich bin außer mir vor Freude über diese unerwartete, glückliche Wendung. Ich muß noch eine Tatsache erwähnen: das Korps, das der König befehligte, hatte in vierzehn Tagen zweiundvierzig deutsche Meilen zurückgelegt und nur einen einzigen Rasttag gehalten, bevor es die denkwürdige Schlacht lieferte. Der König kann wie Cäsar sagen: Ich kam, ich sah, ich siegte. Er meldet mir, daß er jetzt nur um Platz und Nahrung für eine so ungeheure Anzahl von Gefangenen verlegen ist. Der Brief, den Sie ihm schrieben und in dem Sie ihn um den Bericht über die Schlacht von Roßbach ersuchten, ist wie der meinige unterschlagen worden. Zum Glück stand nichts darin, was Ihnen übel gedeutet werden könnte. Ich sende Ihnen beiliegenden Brief für den »Kardinalshut«. Schelmereien stehen keine darin; aber für Schmeicheleien bürge ich nicht. Wir hatten vor drei Tagen vier Meilen von hier drei Erdbeben, man behauptet, der erste Stoß sei sehr heftig gewesen und man habe ein unterirdisches Getöse vernommen. Schaden ist keinerlei angerichtet worden. Aber ein solches Ereignis ist in diesem Lande unerhört, ich stellte es Ihnen anheim, die Gründe dafür zu finden. Viele Empfehlungen an Madame Denis. Seien Sie meiner vollsten Hochachtung versichert.

Wilhelmine.

2. Januar 1738.

Den zweiten Januar, denn Gott sei Dank sind wir mit dem unheilvollsten aller Jahre zu Ende. Sie sagen mir für das laufende so viel verbindliche Dinge, daß ich Ihnen gegenüber einen Grund mehr zur Dankbarkeit habe. Ich wünsche Ihnen alles, was zu Ihrem vollkommenen Glück beitragen kann. Was mich betrifft, so mag das Schicksal über mein Los entscheiden, wünscht man doch oft Dinge, die uns zum Nachteil wären, wenn sie uns wirklich zuteil würden, auch wünsche ich nichts mehr. Wenn etwas auf der Welt mir Befriedigung gewähren kann, ist es der Friede. Über den Krieg denke ich wie Sie, wir wissen einen Dritten, der gewiß so denkt wie wir. Aber darf man stets nach seinem Gutdünken handeln? Ist es nicht geboten, sich gar manchen Vorurteilen, die seit dem Beginn der Welt bestehen, zu unterwerfen? Der Mensch ist hinter dem klingenden Ruhme her, jeder erstrebt ihn innerhalb seines Berufes und seiner Talente: man will unsterblich werden. Muß man diesen schimärischen Ruhm nicht innerhalb der wahren oder falschen Begriffe suchen, die sich der menschliche Geist von ihm macht? Demokritus hatte wohl recht, über die menschliche Torheit zu lachen! Ich sehe einerseits eine Heuchlerin,Maria Theresia. die mit den Prozessionen einherläuft und die Heiligen anruft, dabei aber bemüht ist, ganz Europa zu entzweien und es seiner Einwohner zu berauben. Ich sehe auf der anderen Seite einen PhilosophenFriedrich II. Ströme menschlichen Blutes (wenn auch wider Willen) vergießen. Ich sehe ein geiziges VolkDie Engländer. wider das Heil der Menschen verschworen, um seine Reichtümer zu häufen. Aber genug! Ich könnte zu viel sehen, und es ist nicht nötig. Sie müssen sich dieses Mal mit meinem Geplauder und meinen Betrachtungen zufriedengeben, denn ich habe keine Neuigkeiten mehr seit dem letzten Brief, den Sie von mir erhielten.

Was Sie mir vorschlagen, ist ein wenig schwierig; ich spreche mich über diesen Punkt in dem Briefe aus, den ich an Sie abgehen lasse.Man weiß nicht, was für ein Brief dies ist. Wahrscheinlich handelt er über den Frieden. Ich komme auf meine alte Behauptung zurück, daß man in Ihrem Lande mit Taubheit geschlagen ist. Wenn ich mit Ihnen sprechen könnte, würden Sie vielleicht anders urteilen, als Sie es tun. Der König ist in der Lage des Orpheus, wenn das Glück ihn nicht aus der Klemme zieht. Er wünscht den Frieden, doch gibt es viele Aber. Wenn der Friede nicht vor dem Frühjahr zum Abschluß kommt, wird ganz Deutschland verheert und verwüstet werden. Die Lage meines Vaterlandes ist schon jetzt entsetzlich. Mag man noch so weise Vorkehrungen treffen, so kann man sich dennoch vor Raub und Gewalttaten nicht schützen. Ich würde nie aufhören können, wollte ich Ihnen eine eingehende Schilderung von der Not dieses Landes entwerfen. Es ist eine Schmach, daß in einem zivilisierten Zeitalter noch mit solcher Grausamkeit vorgegangen wird. Der König ist nicht davon betroffen. Das Sachsenvolk liebt ihn, was man auch sagen darf; nur der Adel haßt ihn, weil er sich der Pensionen und Gehälter beraubt sieht, die er bezog. Man verleumdet den König auf die greulichste Weise. Darf man solchen Gerüchten Gehör schenken? Sie stammen von seinen Feinden. Der Neid hat alle großen Männer verfolgt; man muß die Gehässigkeit hinzufügen. Warum verschließt man sein Ohr ihren vergifteten Pfeilen nicht? ... Wie gesagt, ich muß schließen, denn ich merke, daß ich zu sehr ins Plaudern komme. Seien Sie meiner vollsten Anerkennung versichert, und daß ich mein Lebtag lang die aufrichtige Freundin des Schweizer Bruders verbleiben werde.

Wilhelmine.

 << Kapitel 20 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.