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Memoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth

Wilhelmine von Bayreuth: Memoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth - Kapitel 20
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authorWilhelmine von Bayreuth
titleMemoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth
publisherIm Insel-Verlag
printrun9. bis 13. Tausend
year1923
firstpub
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Ende Oktober begaben wir uns nach Berlin. Meine jüngeren Brüder sowie alle Prinzen von Geblüt empfingen uns vor der Treppe. Ich wurde in meine Gemächer geführt, wo ich die regierende Königin, meine Schwestern und die Prinzessinnen antraf. Ich erfuhr hier zu meinem großen Leidwesen, daß der König alle drei Tage am Wechselfieber litt. Er ließ mir sagen, daß gerade ein Anfall ihn hindere, mich zu sehen, daß er aber hoffe, am nächsten Tage diese Freude zu haben. Als die ersten Begrüßungen vorüber waren, suchte ich meine Mutter, die Königin, auf. Ich fühlte mich von der tieftraurigen Atmosphäre, die hier noch herrschte, sehr benommen und wurde vom Schmerz über den Tod meines Vaters neuerdings ergriffen. Die Natur verlangt ihre Rechte, und ich kann in Wahrheit sagen, daß ich mich fast nie in meinem Leben innerlich so bewegt fühlte. Mein Wiedersehen mit der Königin war höchst rührend. Wir speisten abends unter uns, und ich fand Gelegenheit, mit meinen Brüdern und Schwestern, die ich seit acht Jahren nicht gesehen hatte, wieder bekannter zu werden.

Tags darauf sah ich den König. Er war abgemagert und sah sehr schlecht aus. Er war sehr zurückhaltend. Die Liebe macht hellsehend; die Freundschaft hat das mit der Liebe gemein. Ich ließ mich durch seine leeren Versicherungen nicht blenden und fühlte, daß er sich nichts mehr aus mir machte. Er lud mich ein, ihm nach seinem Lustschloß Rheinsberg zu folgen, wohin er zur Erholung gehen wollte; die regierende Königin sollte sich zu gleicher Zelt wie er hinbegeben. Da aber, wie er sagte, das Haus sehr klein sei, könne er mich nicht sofort dort aufnehmen. Er würde mir dort Gemächer instand setzen lassen und es mir melden, sobald sie bereit seien.

Ich will über meinen Aufenthalt nicht ausführlich berichten. Der Hof war in Trauer, es ging also eben nicht glänzend zu. Ich war täglich bei der Königin-Mutter, die nur sehr wenig Menschen sah und in tiefer Betrübnis war. Sie hatte stets gehofft, einen starken Einfluß auf den König, meinen Bruder, ausüben zu können und an der Regierung einigen Teil zu haben, sobald er den Thron bestiegen hätte. Der König hingegen zeigte sich auf seine Autorität eifersüchtig und zog sie in keiner Weise zu Rate, worüber sie sich gar nicht fassen konnte. Ich blieb nach der Abreise des Königs noch vierzehn Tage in Berlin. Die Ehren und Auszeichnungen, die mir zuteil wurden, hätten jeden andern als mich leicht blenden können, wenn man aber sein Glück in der Gegenliebe derjenigen Menschen sucht, die man selbst liebt, macht man sich nichts aus dem ganzen Flitter, und eine flüchtige Freundschaftsbezeigung gilt einem mehr als alles Gepränge. Während dieses kurzen Aufenthaltes konnte ich wahrnehmen, daß im Lande allgemeine Unzufriedenheit herrschte und der König viel von seiner Beliebtheit eingebüßt hatte. Es wurde in wenig gemessenen Ausdrücken offen über ihn gesprochen. Die einen klagten über seine Rücksichtslosigkeit seinen ehemaligen Freunden gegenüber, die er nun leer ausgehen ließe; andere über seinen Geiz, der, wie man versicherte, den seines Vaters noch überträfe, andere über seine Heftigkeit, wieder andere über seinen Argwohn, sein Mißtrauen, seinen Stolz und seine Verstellung. Diese Behauptungen waren nicht ganz unbegründet, wie ich bei mehrfacher Gelegenheit wahrnehmen mußte. Ich wollte mit ihm darüber sprechen, aber mein Bruder, der Prinz von Preußen, und die regierende Königin rieten mir ab. Ich werde dies in der Folge näher erläutern. Ich bitte alle, die diese Memoiren eines Tages lesen sollten, sich ihr Urteil über den Charakter dieses großen Fürsten vorzubehalten, bis ich mit meiner Darlegung zu Ende bin. Um diese Zeit traf die Nachricht vom Tode Kaiser Karls VI. ein, was der allgemeine Gesprächsstoff bei Hofe wurde und viele politische Mutmaßungen veranlaßte.

Zwei Tage später kam ich in Rheinsberg an. Der König hatte sich mittels Chinins von seinem Fieber befreit. Doch hütete er noch das Zimmer, während wir in Rheinsberg waren. Es ist erstaunlich, wie er trotz seines üblen Befindens alle Arbeiten zu erledigen vermochte; alles ging durch seine Hände. Er verbrachte seine wenigen Mußestunden in der Gesellschaft einiger geistvoller oder gelehrter Leute, wie Voltaire, Maupertuis, Algarotti und Jordan. Abends war Konzert, wo er trotz seiner Schwäche zwei oder drei Musikstücke auf seiner Flöte blies, und man darf ohne Schmeichelei behaupten, daß er die größten Meister dieses Instrumentes übertraf. Die Zeit nach dem Souper war der Poesie und Wissenschaft gewidmet, für die er unendlich viel Talent und Aufnahmefähigkeit hat. All diese Dinge waren für ihn nur Erholungspausen, der Hauptgedanke, der ihn erfüllte, war die Eroberung Schlesiens. Seine Vorkehrungen wurden so heimlich und mit solcher Umsicht getroffen, daß der österreichische Gesandte am Berliner Hof nicht eher Kenntnis von seinen Plänen erhielt, als bis sie reif zur Ausführung waren. Der Aufenthalt in Rheinsberg hatte für mich nur Reiz durch die anwesende Gesellschaft. Den König sah ich nur selten, und er gab mir keinen Grund, mit unsern Zusammenkünften sonderlich zufrieden zu sein. Wir kamen meistens über verlegene Höflichkeitsphrasen oder beißende Bemerkungen über die schlechten Finanzen des Markgrafen nicht hinaus, oft spottete er sogar über ihn und die Reichsfürsten, was mir sehr empfindlich war. Außerdem wurde ich auch noch in eine Skandalgeschichte verwickelt, die sehr verhängnisvoll werden konnte. Da sie bis heute unbekannt blieb und die Ehre gewisser Personen, denen ich Rücksicht schulde, dadurch kompromittiert wurde, will ich sie verschweigen und zu einem andern Thema übergehen, das vielleicht wenig interessant erscheinen wird, mit meinen späteren Memoiren aber so eng verflochten ist, daß ich es zur Erwähnung bringen muß.

Von meinem ganzen Hofstaat waren mir nur Fräulein von Sonsfeld und die ältere Marwitz nach Rheinsberg gefolgt. Die Marwitz hatte sich hier mit zwei Fräulein von Tetow, beide Hofdamen der Königin, und mit der Frau von Morian sehr angefreundet. Die ersteren waren sehr liebenswürdig, hatten sich aber durch ihre bösen Zungen und ihre grausame Spottlust bei allen verhaßt gemacht. Frau von Morian – obwohl nicht mehr jung – war recht gut erhalten. Diese Dame war sehr weltgewandt, geistreich und temperamentvoll, sie hatte sich über alle Vorurteile hinweggesetzt; ihr Lebenswandel war skandalös; sie nahm nicht die mindeste Rücksicht und führte Reden an der Tafel der Königin, daß die Männer darüber erröten mußten. Dieser schöne Verkehr konnte auf ein junges Mädchen nur nachteilig wirken, und die Marwitz wurde dadurch wie umgewandelt. Das Gespötte, die freien Manieren, die Zweideutigkeiten, selbst die Albernheiten der Morian und der Tetows wurden nachgeahmt und durchweg zum Vorbild genommen. Diese Manieren hatten zur Folge, daß man den Gerüchten, die über sie umliefen, Glauben schenkte. Ein paar Witzbolde neckten sie wegen ihrer Liebschaft mit dem Markgrafen; andere machten sie auf den Einfluß aufmerksam, den sie auf ihn ausübte; mit einem Worte: sie hörte von nichts anderem. Dennoch geschah ihr unrecht. Sie wohnte und schlief bei ihrer Tante und sah den Markgrafen nur in ihrer Gegenwart oder bei mir. Ein Charakter verändert sich nur nach und nach. Ein junges Wesen, das plötzlich inmitten der großen Welt steht, läßt sich von einer abschüssigen Bahn mit fortreißen, vergißt sich aber nicht von einem Tag auf den andern. Die Marwitz war trostlos, als ich ihr diese Erwägungen zu bedenken gab; die Grundsätze, die ich sie gelehrt hatte, traten bei dieser Gelegenheit glänzend hervor. Sie wollte den Hof verlassen und zu ihrem Vater zurückkehren. Ich bot meine ganze Beredsamkeit auf, um sie davon abzuhalten, und es gelang mir endlich, sie zu beruhigen. Ich machte sogar jenen Gerüchten ein Ende durch das Zeugnis, das ich ihrer Tugend ausstellte, aber sie wurde dadurch auf Gedanken gebracht, auf die sie vielleicht nie geraten wäre, wie sich in der Folge zeigen wird.

Wir kehrten anfangs Dezember nach Berlin zurück. Der Tod des Kaisers hatte Wirren veranlaßt, die den Markgrafen nötigten, nach Bayreuth zurückzukehren. Ich blieb in Berlin aus Rücksicht auf den König noch zurück. Da der Hof die Trauer abgelegt hatte, nahmen die Lustbarkeiten des Karnevals, der in Berlin während der Monate Dezember und Januar abgehalten wird, ihren Anfang. Der König gab an Montagen maskierte Bälle im Schloß, Dienstag war öffentliches Konzert, und am Mittwoch und Freitag fanden bei den obersten Hofchargen Maskenfeste statt. Diese Vergnügungen währten nicht lange. Der große Plan des Königs kam mit einem Male ans Tageslicht. Die Truppen marschierten nach Schlesien, und der König reiste ab, um sich an ihre Spitze zu stellen. Wir nahmen gerührt Abschied voneinander. Er hatte ein Unternehmen gewagt, das sehr schwierig war und sehr schlimme Folgen haben konnte, falls es mißlang. Diese Gedanken erschwerten mir die Trennung von ihm. Ich hätte seine Rückkehr abgewartet (da er in sechs Wochen für einige Tage zurückkommen wollte), wenn eine Begebenheit, die ich verschwiegen habe und die mir stets im Sinne lag, sowie meine Ungeduld, den Markgrafen wiederzusehen, mich nicht nach Bayreuth zurückgetrieben hätten.

Ich machte mich also am 12. Januar des Jahres 1741 auf den Weg und kam elf Tage später in Bayreuth an. Die Wege waren in so argem Zustande, daß ich am Tage nur vier Meilen zurücklegen konnte. Die Marwitz und ihre Schwester jammerten mir auf dem ganzen Wege die Ohren voll, so ungern hatten sie Berlin verlassen. »So müssen wir denn«, klagte die Marwitz, »in das verwünschte Nest zurück, wo man sich hundemäßig langweilt, nachdem man die Freuden Berlins genossen hat.« Diese Redensarten verdrossen mich, ich schrieb sie aber ihrer Jugend zu, die durch die Freuden der Hauptstadt geblendet worden war, und entschuldigte sie. Sie schien mir bald darauf auch wirklich mehr in sich gekehrt und nachdenklicher. Ich nahm in Bayreuth mein gewohntes Leben wieder auf. Wir hatten viele Freunde zu Besuch, was unsern Karneval sehr belebte.

Die Einnahme von Glogau erfüllte mich mit Freude. Der König, mein Bruder, belagerte und erstürmte diesen Platz, wodurch er in Schlesien feste Position fassen konnte.

Graf Kobentzel, der Gesandte der Königin von Ungarn, erschien bald darauf an unserm Hofe. Er brachte mir einen Brief der Kaiserin-Witwe. Diese Fürstin bat mich dringend, auf den König einzuwirken, daß es zum Frieden käme. Ihrer Tochter, der Königin, fehlte es an Geld und an Truppen, und sie sah sich auch noch unversehens angegriffen. Trotz ihrer traurigen Lage hatte sie sich auf das bestimmteste geweigert, den Forderungen meines Bruders, des Königs, nachzukommen, und sich entschlossen, lieber das Äußerste zu wagen, als die vier umstrittenen Herzogtümer aufzugeben. Alle Bemühungen des Grafen Kobentzel und all die vorteilhaften Bedingungen, die mir angetragen wurden, konnten mich nicht bewegen, mich in die Sache einzumischen. Ja, ich wollte die Sache dem König gegenüber nicht einmal erwähnen, um so mehr, als man über die Einzelheiten des Antrags nichts Näheres erklärt hatte.

Der König fuhr indessen fort, sich siegreich zu behaupten. Am 10. April kam es zur Schlacht von Mollwitz, die ganz zu seinen Gunsten ausfiel. Er legte durch diesen Sieg zugleich Proben seines militärischen Scharfblicks an den Tag, denn sein Wagestück erwies sich zugleich als Meisterstück. Der General Marwitz wurde in dieser Schlacht am Schenkel schwer verwundet. Die Belagerung und Einnahme von Neiße waren die Folgen dieses Sieges, der den Frieden herbeiführte. Meine Freude über diese guten Nachrichten läßt sich nicht beschreiben. Ich gab sie durch Feste kund, die ich veranstaltete.

Dieses Jahr ging für mich sehr friedlich vorüber. Es war zugleich das letzte, in dem mir einige Ruhe vergönnt war. Ich trete jetzt in einen neuen Abschnitt, der weit schwieriger und härter ist als alle die, die man mich im Laufe dieser Memoiren siegreich überstehen sah. Ich glaube wahr zu sein. So will ich die Fehler nicht beschönigen, die ich beging; ich habe vielleicht unpolitisch gehandelt, doch habe ich mich immer rechtschaffen gezeigt.

Da sich der General Marwitz von seiner Wunde nicht erholen konnte, bat er mich so dringend, seine Tochter ihm für eine Zeitlang zu überlassen, daß ich es ihm nicht verweigern konnte. Er war Gouverneur von Breslau geworden und Befehlshaber aller schlesischen Truppen. Seine Tochter schien sich auf diesen Besuch bei ihrem Vater sehr zu freuen.

Zwei Tage vor ihrer Abreise kam sie in Tränen und ganz verzweifelt zu mir. Ich fragte sehr erstaunt nach der Ursache. Sie vermochte vor Weinen kaum zu sprechen. »Ich sehe wohl,« sagte sie endlich, »daß ich Eure Königliche Hoheit verlassen muß; die Gerüchte, die in Berlin über mich umliefen, haben nur zu bereitwillig Glauben gefunden; die Schädigung, die mein Ruf hierbei erfahren hat, ist mir ärger als der Tod. Ich kann die Welt nur zum Schweigen bringen, indem ich mich vom Hofe zurückziehe. Ich werde namenlos unglücklich sein; denn ich fühle, daß ich die Trennung von Ihnen nicht ertragen kann, und zu meinem größten Unglück hat mein Vater die Absicht, mich zu verheiraten. So werde ich denn in doppelter Hinsicht hingeopfert werden, einmal durch meine Trennung von Ihnen, und dann durch meine Heirat mit einem Mann, der mir verhaßt sein wird.«

Ich war von diesen Tränen und Gefühlen lebhaft gerührt. Ich suchte sie zu bekämpfen, und nach zwei Stunden hatte ich sie nicht nur beruhigt, sondern sie hatte mir auch ihr Wort gegeben, in meinen Diensten zu bleiben. Wie konnte ich auf eine solche Unterredung hin dieser Person mißtrauen? konnte ich denken, daß sie mich grausam verraten würde, indem sie mir das Teuerste raubte, was ich besaß, nämlich das Herz meines Gatten? Sie wich fast nie von meiner Seite, und ihr Verhalten ihm gegenüber war so zurückhaltend, daß mir aller Argwohn, selbst wenn ich ihn gefaßt hätte, verscheucht worden wäre. Während ihrer Abwesenheit bezeigte mir ihre Schwester viel Anhänglichkeit. Ihre lustige, geistreiche und lebhafte Art unterhielt mich. Der Markgraf neckte sie viel, was ich jedoch keineswegs übelnahm. Er benahm sich so gut gegen mich und war so zärtlich, daß ich unbedingt an seine Treue glaubte. Wenn er vergnügt war, freute ich mich darüber, da mir aller Zwang zuwider war, wünschte ich ihm keinen aufzuerlegen.

Ungefähr um diese Zeit wurde der Kurfürst von Bayern zum Römischen Kaiser erwählt. Er kam im Anfang des Jahres 1742 inkognito durch Bayreuth. Er wollte nach Mannheim, um der Hochzeit des Prinzen und der Prinzessin von Sulzbach beizuwohnen, und von dort aus nach Frankfurt, um die Kaiserkrone zu empfangen. Er fuhr so armselig einher, daß wir seine Anwesenheit wohl nicht erfahren hätten, wenn er uns nicht einen seiner Kavaliere geschickt hätte, der uns seine Grüße und Entschuldigungen ausrichtete, daß er sich nicht habe aufhalten können. Der Markgraf setzte sich alsbald aufs Pferd, um ihm zu folgen. Er ritt so schnell, daß er den Kaiser drei Meilen von der Stadt einholte. Dieser verließ den Wagen, umarmte den Markgrafen und zeigte sich so herzlich und zuvorkommend, als man nur sein kann. Nach einer halbstündigen Unterredung schieden sie sehr befriedigt voneinander.

Bald darauf erfuhren wir, daß die Krönung für den 31. Januar festgesetzt sei. Die Neugierde trieb uns an, ihr beizuwohnen. Wir beschlossen, im strengsten Inkognito nach Frankfurt zu fahren, am Vorabend hinzukommen und tags darauf wieder abzureisen. Herr von Berghofer, der Gesandte unseres Hofes, trug für alles Sorge, was unsere Reise und unser Inkognito erleichtern sollte. Wir wollten uns in acht Tagen aufmachen, als die Herzogin von Württemberg auf den Gedanken verfiel, nach Bayreuth zu kommen. Diese sehr berüchtigte Fürstin war auf dem Wege nach Berlin, um ihre Söhne zu besuchen, deren Erziehung sie dem König anvertraut hatte. Diese beiden Prinzen waren kurz vorher durch Bayreuth gekommen. Der Herzog hatte sich in meine Tochter verliebt, die erst neun Jahre alt war (er zählte deren vierzehn), und diese kleine Liebschaft hatte uns sehr amüsiert. Ich fand die Herzogin ziemlich gut erhalten; ihre Züge sind schön, aber ihr Teint ist verblüht und sehr gelb; sie hat ein Mundwerk, das alles um sie her zum Schweigen bringt; ihre Stimme ist so laut und kreischend, daß sie die Ohren zerreißt; sie ist klug und drückt sich gewählt aus; sie kann, wenn sie will, sehr liebenswürdig sein, gegen die Männer ist ihr Ton sehr frei. Ihre Gesinnung und ihre Handlungen weisen seltsame Kontraste auf; teils wird ihr ganzes Auftreten durch Niedrigkeit, teils durch Hochmut gekennzeichnet. Sie war durch ihren Lebenswandel so verschrieen, daß mich ihr Besuch gar nicht erfreute. Während der Minderjährigkeit ihres Sohnes war sie Regentin. Ihren Charakter will ich hier nicht länger beschreiben. Sie wird in diesen Memoiren noch oft genug vorkommen.

Ich kehre zur Marwitz zurück. Sie hatte mich um eine Verlängerung ihres Urlaubs gebeten, und ich hatte sie bewilligt; als sie aber durch meine Briefe erfuhr, daß wir nach Frankfurt wollten, kam sie eilig zurück und traf am selben Tage wie die Herzogin ein, als ich sie am wenigsten erwartete. Ihr erstes Auftreten erregte mein Mißfallen. Sie trat mit arroganter Miene bei mir ein, sprach von nichts als von den großen Gütern ihres Vaters, dem Beifall, den sie in Berlin gefunden hatte, und wie man sie dort verwöhnt habe; und sie kam immer wieder auf das Opfer zu sprechen, das sie mir durch ihre Rückkehr gebracht habe. Ich bin feinfühlig, wo ich liebe, wie ich bereits erwähnte. Vielleicht verlange ich zu viel von meinen Freunden, aber ich fordere von ihnen ebensoviel Zartgefühl, wie ich ihnen gegenüber zu haben glaube. In dem Verhalten der Marwitz lag aber kein Zartgefühl. Ihre Ruhmredigkeit mißfiel mir. Man kann alles sagen, doch kommt es auf die Weise an. Man kann seinen Freunden zu fühlen geben, was man für sie tat, um ihnen zu beweisen, wie sehr man an ihnen hängt; so erwirbt man sich auch ihre Dankbarkeit. Einem einen Dienst oder eine Wohltat vorwerfen, heißt diese Tat ihres Wertes berauben. Was mich betrifft, so freue ich mich, wenn ich meinen Freunden Gutes erweisen kann, selbst wenn sie ihr Lebtag nicht erführen, daß sie es mir schulden; die Freude, ihnen nützlich gewesen zu sein, wäre mir Lohn genug. Da ich mich nie zu verstellen wußte, fühlte die Marwitz einige Kälte aus meinen Antworten heraus. Sie war darüber so böse, daß sie sich bei dem Markgrafen beschwerte. Er war einige Tage lang sehr frostig gegen mich. In meiner Sorge um die Ursache drang ich so lange in ihn, bis er sie mir eingestand. »Es ist herzlos von Ihnen,« sagte er, »Personen, die Ihnen ergeben sind, zu peinigen; die Marwitz ist ganz außer sich und glaubt, daß Sie sich nichts mehr aus ihr machen; sie hat sich bitterlich bei mir beklagt.« Ich war ebensosehr erstaunt wie erzürnt, daß diese Person sich an den Markgrafen gewandt hatte, um ihn in unsere kleinen Händel zu ziehen, da ich aber sah, daß er wider mich eingenommen war, ließ ich mir nichts merken und erwiderte, daß ich immer dieselbe sei. Auf diese Versicherung hin suchte sie mich auf, erging sich in allerlei Beteuerungen und Gefühlen und betörte mich von neuem, so daß ich überzeugt war, daß sie nur aus Unüberlegtheit und zu großer Vergnügungssucht gefehlt hätte. Der Friede war also wiederhergestellt.

Wir wollten am 27. Januar nach Frankfurt abreisen, als der wegen seiner Memoiren und seiner tollen Streiche berühmte Pöllnitz ankam. Er teilte uns mit, daß die Österreicher in Bayern eingedrungen seien. Der König habe dagegen der Ablenkung halber und um seinen Alliierten zu Hilfe zu kommen mit seiner Armee die böhmische Grenze überschritten. Die Herzogin, die hauptsächlich auch deshalb nach Berlin fuhr, um mit dem König zusammenzutreffen, empfand dies als einen so großen Strich durch ihre Rechnung, daß sie bis zur Rückkehr des Königs bei uns zu bleiben beschloß. Wir mußten alle erdenklichen Intrigen spinnen, um sie loszuwerden. Sie verließ uns am 28. Januar, um nach Berlin zu fahren, und wir reisten noch am selben Tage ab.

Die schlechten, aufgeweichten Wege zwangen uns, Tag und Nacht zu fahren. Wir sahen endlich am 30. Januar die Tore Frankfurts. Herr von Berghofer, den wir benachrichtigt hatten, kam uns einige Flintenschüsse vor der Stadt entgegen und teilte uns mit, daß die Krönung auf den 12. Februar verschoben sei, alle Welt wüßte schon von unserer Ankunft, und wir würden unmöglich inkognito bleiben können, falls wir an diesem Abend in die Stadt einzögen. Ich war todmüde und außerdem erkältet. Nachdem wir uns lange beraten hatten, beschlossen wir, umzukehren und die Nacht in einem kleinen Dorfe zuzubringen, das nur eine Meile von Frankfurt entfernt lag.

Herr von Berghofer suchte uns hier am nächsten Tage auf. Er hatte alle Leute auf eine falsche Fährte zu bringen gesucht und die Sache so eingerichtet, daß wir uns abends in aller Stille zu ihm begaben, um von seiner Wohnung aus den Einzug des Kaisers zu sehen, der am folgenden Morgen erfolgen sollte. Ich hatte nur die beiden Marwitz mitgenommen, meine liebe Sonsfeld war in Bayreuth geblieben, da sie den Reiseanstrengungen nicht mehr gewachsen war. Meine Garderobe war sehr schlecht bestellt. Meine Damen und ich hatten weiter nichts als ein schwarzes Schleppkleid mitgenommen. Ich hatte es so bestimmt, damit wir möglichst wenig Gepäck mitzuführen brauchten. Die Grafen von Chatelet und von Schönburg waren nur in Uniform gekommen; und um nicht erkannt zu werden, hatten sie sich die Augenbrauen geschwärzt, was vortrefflich zu ihren schwarzen Perücken paßte. Ich erstickte fast vor Lachen, sie so verändert zu sehen.

Wir kamen also zu Berghofer, und zwar in einem Aufzuge, der uns selbst für ihn fast unkenntlich machte. Ich hatte mein Kleid ausstopfen lassen, was mir ein sehr respektables Aussehen gab, und wir alle hatten Kappen übergezogen, die uns das Gesicht verdeckten. Er fand uns so verändert, daß er uns vorschlug, in die französische Komödie zu fahren. Es läßt sich denken, daß wir ja sagten, und wir kletterten zur zweiten Logenreihe hinauf.

Der Einzug des Kaisers, den wir tags darauf sahen, verlief äußerst prachtvoll. Ich will mich bei einer Beschreibung desselben nicht aufhalten. Am selben Abend hatte ich das Vergnügen, auf einen Maskenball zu gehen, wo ich mir, da mich niemand kannte, den Spaß machte, recht viele Masken zu necken.

Um aber inkognito zu bleiben, mußten wir uns tags darauf in einem kleinen Sommerhause einlogieren, das einem Privatmann gehörte, und einige Tage dort bleiben. Die Kälte war unleidlich, und für das bißchen Vergnügen, das ich in Frankfurt gehabt hatte, mußte ich jetzt büßen; denn die beiden Marwitz bereiteten mir viel Verdruß. Sie wurden unerträglich hochmütig, wollten auf eine Weise bedient und ausgezeichnet werden, die nur mir gebührte. Die ältere hatte die jüngere mit ihrem Stolz angesteckt; diese trieb hingegen die ältere zum Spott und zur Klatscherei an. Sie studierten die Fehler und Lächerlichkeiten eines jeden und machten sich über den ganzen Hof unbarmherzig lustig; dabei schonten sie nicht einmal die anwesenden Personen. Da sie sehr amüsant waren, unterhielten sie den Markgrafen mit ihren Bemerkungen. Er steckte den ganzen Tag in ihrem Zimmer und merkte nicht, daß er oft der Gegenstand ihres Gespöttes war. War ich selbst zugegen, so sagten sie mir kein Wort und gaben mir nicht einmal Antwort auf meine Fragen, sondern sie setzten sich in eine Ecke und lachten dort wie närrisch. Dies alberne Benehmen konnte ich auf die Dauer nicht ertragen. Ich verlor endlich die Geduld und sagte ihnen sehr deutlich meine Meinung. Zugleich suchte ich auf sie einzuwirken. Die jüngere schwieg, aber die ältere machte mir eine regelrechte Szene. Wollte Gott, ich hätte es damals zum endgültigen Bruch mit ihr kommen lassen. Wie viel Kummer wäre mir erspart geblieben! Aber ich wollte keinen Skandal und hoffte immer noch, sie würde sich wieder bessern; daher mäßigte und verstellte ich mich.

Ich kehrte nach Frankfurt zurück, wo ich mich zerstreute und die traurigen Betrachtungen wieder zu verscheuchen wußte, zu denen jener Auftritt mich veranlaßte. Ich verfehlte kein Theater und keinen Ball. Eines Tages während der Komödie verschob sich meine Kappe. Prinz Georg von Kassel sah zufällig zu mir herüber und erkannte mich. Er sagte es dem Prinzen von Oranien, der neben ihm saß. Sie schlichen alsbald in meine Loge herauf, als ich gerade am wenigsten daran dachte. Es war nicht möglich zu leugnen. Die beiden Prinzen wollten uns nicht mehr verlassen. Sie nahmen mich ln ihren Wagen und baten den Markgrafen um Erlaubnis, mit uns zu soupieren, was er nicht abschlagen konnte. Von diesem Tage ab steckten sie immer bei uns. Der Prinz von Oranien ist so bekannt, daß ich ihn nicht zu schildern brauche. Ich war von seinem Geist und seiner anregenden Unterhaltung sehr entzückt. Die Prinzessin von England, seine Gemahlin, war in Kassel. Er versprach mir, sie aufzufordern, nach Frankfurt zu kommen, um mit mir bekannt zu werden. Aber er konnte sein Versprechen nicht erfüllen, denn er blieb nur noch so kurze Zeit, daß er die Prinzessin den Beschwerlichkeiten der Reise nicht aussetzen konnte.

Tags darauf gingen wir auf den Ball. Der Kurfürst von Köln, der erfahren hatte, was sich tags zuvor in der Komödie zugetragen, ließ uns auflauern. Sobald ich erschien, kam er auf mich zu, forderte mich zum Tanz auf und sagte, er wisse, wer ich sei. Er unterhielt sich sehr lange mit mir und stellte mir seine Nichte, die Prinzessin Clementine von Bayern, die zwei Prinzessinnen von Sulzbach und seinen Bruder, den Prinzen Theodor, vor. Sie holten dann den Markgrafen und erwiesen ihm alle erdenklichen Aufmerksamkeiten. Unser Inkognito ließ sich nicht länger aufrechterhalten. Es fehlte uns aber an dem Nötigen, um uns öffentlich zu zeigen. Wir mußten also wieder in unser Landhaus flüchten, und nach langem Beraten wurde ein Kurier nach Bayreuth gesandt, der uns unsere Sachen bringen sollte.

Ich wartete nur noch auf den Markgrafen, um in den Wagen zu steigen, als ich eine Dame eintreten sah, die er mir als Frau von Belle-Isle, Gemahlin des Gesandten von Frankreich, vorstellte. Ich war ihr bisher sorgfältig ausgewichen, da ich vermutete, sie würde Ansprüche erheben, die ich nicht zuzubilligen gesonnen war. Ich faßte mich alsbald und empfing sie wie alle andern Damen, die mich besuchten. Sie blieb nicht lange. Das Gespräch drehte sich um nichts anderes als um das Lob des Königs. Ich fand Frau von Belle-Isle ganz anders, als ich erwartet hatte. Sie war sehr weltgewandt, aber sie sah wie eine Soubrette aus, und ihr Wesen war nichts weniger als vornehm.

Ich blieb noch zwei oder drei Tage in meinem Gartenhause, wo uns der Prinz von Oranien treulich Gesellschaft leistete, und kehrte erst am Vorabend der Krönung in die Stadt zurück. Ich werde hier nicht näher darüber berichten. Der arme Kaiser durfte nicht lange derselben froh werden. Er war an der Gicht und einem Steinleiden schwer erkrankt, und seine Lage gestaltete sich aufs schlimmste. Die Linzer Vorfälle hatten die Franzosen genötigt, vor den Österreichern zurückzuweichen, und diese waren in Bayern eingedrungen, wo sie die greulichsten Verheerungen anrichteten. Zwar wurden seine Hoffnungen durch das Einrücken meines Bruders ln Böhmen ein wenig aufgerichtet; da er sich aber ohne Geld und ohne Truppen sah, zwangen ihn die Umstände, sich um die Gunst der Reichsfürsten zu bewerben, um von ihnen Hilfe zu erlangen. Deshalb zeichnete er auch die Vertreter der Fürsten sehr aus, und besonders Herrn von Berghofer und Herrn von Montmartin, die Gesandten des Markgrafen. Diese beiden waren nicht von hoher Abkunft und fühlten sich über die Aufmerksamkeiten, die ihnen der Kaiser erwies, sehr geschmeichelt. Der Marschall von Belle-Isle gewann sie vollends für den Kaiser durch den Reiz des Goldes, das er vor ihren Augen blinken ließ. Sie entwarfen einen Vertrag, den sie dem Markgrafen am Tage seiner Abreise unterbreiteten. Der Markgraf sprach mit mir davon und sagte mir, daß die Bedingungen desselben so vorteilhaft seien, daß er nicht umhin könne, ihn gutzuheißen. So wurde er denn noch vor unserer Abreise unterschrieben, sollte aber erst seine Bestätigung erhalten, wenn der Markgraf die ersten Satzungen desselben erfüllt hätte. Berghofer trug Sorge, ihn so gut zu verwahren, daß der Markgraf ihn mir nicht zu lesen geben konnte.

Ich kehre zu meinem Thema zurück. Die eben erwähnte Angelegenheit nötigte uns, noch einige Zeit in Frankfurt zu verweilen. Da auch unsere Sachen indes eintrafen, hielt ich unter dem Namen einer Gräfin Reuß großen Empfang, und unser Haus war immer voll. Selbst Herr von Belle-Isle suchte uns mehrmals auf.

Ich weiß nicht, was Herrn von Berghofer bewog, dem Markgrafen zu versichern, ich könne nicht abreisen, ohne die Kaiserin begrüßt zu haben. Berghofer war ein sehr kluger Mann und hatte durch die Dienste und durch die angeblichen Vorteile des erwähnten Vertrages großen Einfluß auf meinen Gatten gewonnen. Der Markgraf gestattete ihm, mir diese Zusammenkunft vorzuschlagen, doch ohne irgendeinen Zwang auf mich ausüben zu wollen. Ich lehnte sie glatt ab, da die Etikette die Fürsten hindert, einander aufzusuchen. Als Königstochter mußte ich die Ehre meines Hauses wahren; und da kein Präzedenzfall vorlag, wo eine Königstochter und eine Kaiserin zusammengetroffen waren, so wußte ich nicht, welche Ansprüche mir zukamen. Berghofer wurde durch meine Weigerung so aufgebracht, daß er es sogar an der schuldigen Achtung fehlen ließ. Er rief aus: durch meine Weigerung würde ich den Markgrafen ins Verderben stürzen; die Frauen könnten nie anders als Händel anstiften, und ich hätte viel besser getan, in Bayreuth zu bleiben, als hier die Interessen des Markgrafen durch meinen Hochmut zu gefährden. Sein Geschrei rührte mich gar nicht; ich lachte nur darüber. Um ihn zu beruhigen, stellte ich ihm meine Bedingungen: ich verlangte erstens, daß mich der Hofstaat der Kaiserin vor der Treppe empfinge; zweitens, daß sie mir bis vor ihr Schlafzimmer entgegengehe, und drittens beanspruchte ich den Armsessel. Er versprach mir, mit der Oberhofmeisterin der Kaiserin zu reden und alles aufzubieten, um mich zufriedenzustellen. Ich riskierte nichts mit meinen Bedingungen; indem ich sie aufstellte, behauptete ich meine Würde, und eine Verweigerung diente mir als Entschuldigung, von dem Besuche abzusehen.

Indessen fand ich Zeit, die Herren von Schwerin und von Klingraeve, Gesandte des Königs, zu Rate zu ziehen; der zweite stand am Kaiserlichen Hofe in großer Gunst. Sie waren beide der Meinung, daß ich zwar auf den Armsessel keinen Anspruch erheben könnte, sie würden aber trotzdem danach trachten, daß er mir bewilligt werde, und sie wollten nach irgendeinem Ausweg suchen, um das Zeremoniell zu regeln. Sie stellten mir vor, wie eng der König mit dem bayrischen Königshause verbunden sei und wie sehr die Interessen des Markgrafen mit Bayern verknüpft seien; ich würde als Gräfin Reuß zur Kaiserin gehen, und als solche könnte ich nicht alle Ehren beanspruchen, die mir als einer königlichen Prinzessin von Preußen und als Markgräfin von Bayreuth zuständen. Hätte ich Zeit gehabt, an den König zu schreiben, so würde ich ihm die Entscheidung anheimgestellt haben; aber selbst wenn ich einen Kurier zu ihm gesandt hätte, wäre mir die Antwort nicht mehr rechtzeitig zugekommen. So mußte ich mich denn fügen. Man verhandelte den ganzen Tag wegen der von mir gestellten Bedingungen. Die beiden ersten wurden zugestanden. Alles, was man betreffs der dritten erreichen konnte, war, daß die Kaiserin nur einen sehr kleinen Armsessel nehmen und mir einen Sessel mit hoher Lehne zuweisen würde.

Ich sah die Kaiserin am folgenden Tage. Ich muß gestehen, daß ich an ihrer Stelle alle Etiketten und Zeremonielle der Welt hervorgesucht hätte, um mein Erscheinen zu verhindern. Die Kaiserin ist sehr klein und kugelrund; sie ist schrecklich häßlich, ohne Grazie und Ansehen; ihr Geist stimmt mit ihrem Äußeren überein: sie ist entsetzlich bigott und verbringt ihre Tage und Nächte in ihrem Bethaus; die Alten und Häßlichen wählen sich gewöhnlich den lieben Gott zum Anteil. Sie empfing mich zitternd und mit so verlegener Miene, daß sie kein Wort hervorbrachte. Wir nahmen Platz. Nachdem wir eine Weile geschwiegen hatten, fing ich das Gespräch auf französisch an. Sie antwortete mir in ihrem österreichischen Kauderwelsch, daß sie diese Sprache nicht gut verstehe, und ich möchte gefälligst deutsch reden. Unsere Unterredung währte nicht lange. Der österreichische und der niedersächsische Dialekt sind so grundverschieden, daß man sich, ohne einander gewöhnt zu sein, nicht verstehen kann. So geschah es auch uns. Wir hätten einen Dritten, der uns zugehört hätte, zu hellem Gelächter bringen können; denn wir griffen nur ab und zu ein Wort auf und mußten das übrige erraten. Die Kaiserin war der Etikette so sklavisch unterworfen, daß sie geglaubt hätte, ein Majestätsverbrechen zu begehen, wenn sie sich einer fremden Sprache bedient hätte, denn sie verstand Französisch. Der Kaiser sollte bei diesem Besuche zugegen sein; allein er war so schwer erkrankt, daß man für sein Leben fürchtete. Er hätte ein besseres Los verdient; er war milde, leutselig und human und wußte sich die Herzen zu gewinnen. Von ihm durfte man sagen: Einer, der an höchster Stelle versagt, kann an zweiter Stelle glänzen. Sein Ehrgeiz war größer als sein Geist. Er war klug; aber Klugheit allein genügt nicht, um ein bedeutender Mann zu werden. Er war seiner Lage nicht gewachsen, und zum Unglück hatte er niemanden zur Seite, der seine mangelnden Talente ersetzen konnte. – Ich blieb noch einige Tage in Frankfurt, in welcher Zeit ich mich nur durch Feste unterhielt.

Ende Februar war ich endlich wieder in Bayreuth. Herr von Montaulieu, Oberhofmarschall der Herzogin von Württemberg und herzoglicher Minister, traf bald nach uns ein. Er überbrachte dem Markgrafen und mir Briefe vom König, der Königin, meiner Mutter und der Herzogin, die mir einen Heiratsantrag für meine Tochter mit dem jungen Herzog von Württemberg machte. Da dieser Bund sehr vorteilhaft und außerdem vom König und der Königin befürwortet wurde, sagten wir zu, verschoben jedoch den Abschluß desselben bis zur Rückkehr der Herzogin von Berlin.

Unsere eigene Rückkehr veranlaßte den Kaiserlichen Hof, uns zur Erfüllung der ersten Bedingungen des Vertrages aufzufordern. Da Herr von Berghofer dies politische Meisterstück dem Markgrafen zugesandt hatte, gab er es mir zu lesen. Es war folgenden Inhaltes:

Der Markgraf verpflichtete sich: 1. dem Kaiser ein Infanterieregiment von achthundert Mann zu stellen; 2. ihm in Franken alle Dienste zu erweisen, die in seiner Macht lagen; 3. den fränkischen Kreis für ihn zu gewinnen, sobald die Umstände es erlauben würden. Der Kaiser ernannte dagegen den Markgrafen zum Befehlshaber des besagten Regiments und überließ ihm die Ernennung der Offiziere bis zum Hauptmann, fünfundzwanzig Gulden pro Mann, die nötigen Waffen und Uniformen inbegriffen; 4. erließ er dem Markgrafen das Jus appellandum; trat ihm 5. das Städtchen Redwitz und dessen Gebiet ab (diese letzte Klausel konnte nur in Kraft treten, falls sich der Kaiser Böhmens bemächtigte, denn Redwitz lag auf böhmischem Boden); und versprach ihm 6. seine Fürsprache beim Fränkischen Kreis, damit ihn dieser zum Befehlshaber und Marschall der Bundestruppen erwähle.

Der Markgraf hatte in Frankfurt nur dem Vergnügen gelebt und die Nächte mit Lustbarkeiten verbracht; dazu kam, daß er in Berghofer ein blindes Vertrauen setzte, so daß er die Folgen des Vertrages nicht reiflich erwog. Bei einer zweiten Durchsicht sah er die Sache mit andern Augen an. Die Bedingungen schienen ihm nun ebenso schimärisch, wie er sie anfangs vorteilhaft gefunden hatte. Die zur Werbung des Regiments ausgesetzten Summen waren so bescheiden, daß der Verlust offenbar war. Das Jus appellandum gereicht nur einem ungerechten Fürsten zum Vorteil; ein gerechter Fürst besitzt es ohnedies, da er seinen Untertanen keinen Anlaß gibt, an den kaiserlichen Rechtsspruch zu appellieren. Der Oberbefehl der Bundestruppen läuft in einen leeren Titel hinaus, ohne andere Vorrechte, als die Truppen in Kriegszeiten zu befehligen. Das Städtchen Redwitz bedeutete erst recht nichts, erstens war noch gar nicht gesagt, daß es verfügbar werden würde, und dann waren die Vorteile ebenso gering wie die der andern genannten Artikel. Diese sowie viele andere Bedenken veranlaßten den Markgrafen, von diesem Vertrage zurückzutreten.

Der König schrieb mir hierüber im gereizten Ton mehrere Briefe. Er beklagte sich bei mir sehr bitter, daß man sich in solche Unterhandlung ohne sein Wissen eingelassen habe. Ich unterdrückte die ersten seiner Briefe und ließ den Punkt unbeantwortet. Endlich schrieb er mir, daß ich in seinem Auftrag mit dem Markgrafen darüber sprechen und ihm zu fühlen geben solle, wie ungehörig es sei, Verträge abzuschließen, ohne den Chef des Hauses um Rat zu fragen. Der Markgraf war empört. Er diktierte mir die Antwort, die in sehr starken Ausdrücken gehalten war. Von nun an war es mit dem Frieden vorbei. Ich erhielt nur noch sehr harte Briefe vom König und erfuhr sogar, daß er in sehr beleidigender Weise von mir spräche und mich öffentlich lächerlich mache. Dieses Verhalten kränkte mich sehr; dennoch behielt ich meinen Kummer für mich und verfuhr mit ihm wie in früheren Zeiten.

Inzwischen war die Herzogin von Württemberg angekommen. Der Vertrag betreffs der Heirat unserer Kinder war in Berlin zum Abschluß gekommen, und man hatte sich verabredet, daß er nur dann in Kraft treten solle, wenn beide Teile im reiferen Alter ihre Einwilligung dazu gäben. Dieser Vertrag mußte mich wohl oder übel zu einem näheren Verkehr mit der Herzogin veranlassen. Ich sage wohl oder übel, denn sie war so verschrieen, daß man von ihr wie von einer Laïs sprach. Die Herzogin besitzt eine gewisse Redegewandtheit und ein oberflächliches Wissen, das eine Zeitlang unterhält, aber auf die Dauer langweilt, sie trägt fast immer eine maßlose Heiterkeit zur Schau, da ihr Haupttrieb die Gefallsucht ist, so ist all ihr Tun daraufhin gerichtet: Neckereien, Schäkereien, Augengezwinker, kurz, alles, was man Koketterie nennt, muß bei ihr herhalten. Die beiden Marwitz bildeten sich ein, daß solche Manieren französisch seien und zum guten Ton gehörten. Die ältere, die um diese Zelt schon angefangen hatte, einen großen Einfluß auf den Markgrafen auszuüben, trieb ihn an, den Hof umzumodeln. Sie folgte der Herzogin auf Schritt und Tritt und ahmte ihr blindlings in allem nach. Vierzehn Tage genügten, um einen so großen Umschwung herbeizuführen. Es wurde jetzt Mode, sich zu schlagen, sich Servietten an den Kopf zu werfen, wie ausgelassene Pferde hintereinander herzulaufen, endlich gewisse zweideutige Lieder zu singen und sich zu küssen. Dabei waren sie weit entfernt, französischen Damen ähnlich zu sehen. Ein Franzose, der um diese Zeit zu uns gekommen wäre, hätte sicher geglaubt, daß er sich in Gesellschaft von Komödianten befände. Ich tat mein möglichstes, um diesem Unwesen ein Ende zu machen, allein es war vergebens. Die Hofmeisterin wetterte auf ihre Nichten los, aber diese kehrten ihr einfach den Rücken. Und doch, wie glücklich war ich damals noch! Ich ließ mich noch von der Marwitz täuschen und ahnte nicht einmal, was sie im Schilde führte. Da der Markgraf mir stets dieselbe Aufmerksamkeit bezeigte, schlief ich ruhig, während man emsig an meinem Unglück arbeitete.

Ich hoffte, daß nach der Abreise der Herzogin alles wieder wie früher sein würde, allein ich mußte bald einsehen, wie tief das Übel eingewurzelt war. Die Marwitz, wie ich seitdem erkannte, hatte von da ab ihren Plan gefaßt. Ihr Ehrgeiz war maßlos. Um ihn zu befriedigen, trieb sie den Markgrafen zur Vergnügungssucht an (wozu er nur allzusehr neigte), um ihn von dem Eifer, den er bisher seinen Geschäften zugewandt hatte, abzubringen. Man täuschte mich noch, indem ich von den hauptsächlichen Vorkommnissen in Kenntnis gesetzt wurde, um mir durch das Vertrauen, das der Markgraf mir bezeigte, jeden Argwohn zu nehmen. Indessen behielt sie sich die Verteilung der Ämter und Gnaden und der Gelder vor. Die Gerüchte, die in Berlin über sie eingelaufen waren, brachten sie auf ernstliche Erwägungen über ihre Lage und ihren Einfluß auf den Markgrafen. Ihre Herrschsucht ließ alle andern Rücksichten außer acht. Sie hatte seine Neigung für sie wahrgenommen und nützte sie aus, um nach Willkür zu gebieten. Indem sie sich mein Vertrauen bewahrte und alle Anlässe vermied, die meinen Argwohn wecken konnten, dachte sie mich zu täuschen und endlich so mächtig zu werden, daß ich, selbst wenn ich ihre Ränke durchschaute, nicht mehr imstande wäre, sie zu vereiteln. In der Tat war ihr Verhalten sowie das des Markgrafen so vorsichtig, daß ich von ihrem heimlichen Einverständnis nicht die geringste Ahnung hatte. Ende Juli begaben wir uns nach Stuttgart, um einer Einladung der Herzogin von Württemberg zu folgen. Ich will mich bei einer Schilderung dieses Hofes nicht länger aufhalten; er war höchst unerfreulich, umständlich und steif.

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