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Memoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth

Wilhelmine von Bayreuth: Memoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth - Kapitel 18
Quellenangabe
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authorWilhelmine von Bayreuth
titleMemoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth
publisherIm Insel-Verlag
printrun9. bis 13. Tausend
year1923
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Es wurden sodann die Trauer- und Beisetzungsfeierlichkelten geordnet, und man machte dem Markgrafen weis, hierfür habe der Ministerrat alle Sorge zu übernehmen. Der Markgraf war ein großer Neuling in derartigen Dingen und mußte wohl oder übel sich auf das verlassen, was man ihm sagte. Die Herren pflogen drei Wochen hindurch ihre Beratungen, wobei weiter nichts herauskam, als daß sie Tuch bestellten. Obwohl dies Sache des Hofmarschalls war, fingen sie an, sich unerträglich wichtig zu machen, besonders Herr von Voigt. Dieser Mann war mir auf alle erdenkliche Weise verpflichtet. Ich hatte zu Lebzeiten des verstorbenen Markgrafen stets seine Partei genommen. Er war mein Oberhofmeister und hatte sich als solcher jeden Tag bei mir zu melden. Nicht nur daß er dies unterließ: er entschuldigte sich nicht einmal, was mich sehr gegen ihn auftrachte. Indes wurde die Leiche des Markgrafen aufgebahrt. Die Beisetzung fand am 31. Mal ohne Gepränge, aber auf würdige Weise statt, wie er es vor seinem Tode angeordnet hatte. Sein Leichnam wurde nach Himmelkron gebracht und in einer Gruft, die er eigens hatte errichten lassen, beigesetzt.

Wir legten am 1. Juni tiefe Trauer an und trugen sie ein ganzes Jahr hindurch. Ich hielt an diesem Tage Cercle, um die Kondolenzen des ganzen Hofes entgegenzunehmen, und wir hielten zum ersten Male öffentliche Tafel, allein der ganze Trauerstaat und die damit verbundenen Formalitäten waren uns zu unbequem, so daß wir uns nach der Brandenburg begaben, wo wir einige Wochen verblieben.

Herr von Voigt kam eines Tages zu mir. Er sagte mir, er wisse, daß ich ungehalten sei, weil er mir nicht täglich seine Aufwartung mache; er hätte jedoch so viel zu tun, daß ihm kein Augenblick Zeit bliebe. Der Ministerrat versäume aber nicht, meiner zu gedenken, und habe den Beschluß gefaßt, beim Markgrafen ein Gesuch um Erhöhung meiner Einkünfte einzureichen. Diese großartige Eröffnung nahm ich sehr übel und erwiderte äußerst kalt, daß ich den Markgrafen selbst um eine Erhöhung meiner Einkünfte bitten würde, wenn ich sie benötigte; ich sei völlig überzeugt, daß er sie mir nicht verweigern würde; ich sei ihnen für ihre freundliche Absicht sehr verbunden, bäte sie jedoch, sich der Mühe nicht zu unterziehen, zu meinen Gunsten beim Markgrafen einzutreten, da ich dies persönlich besorgen wolle. Er war etwas verdutzt und meinte dann, es sei doch peinlich, für sich selbst Gnaden zu erbitten. »Aber noch peinlicher, mein Herr,« erwiderte ich, »durch andere darum bitten zu lassen, und damit Sie mich recht erkennen, sage ich Ihnen hiermit, daß selbst, wenn der Markgraf mir eine Zulage geben wollte, ich sie nicht annehmen würde, da seine Finanzen durch die großen Ausgaben, die er zu machen genötigt ist, zu sehr zerrüttet sind, als daß er mich ohne Schwierigkeit bereichern könnte; zudem, mein Herr, möchte ich ihm gerne für alle Vorteile, die er mir zuerkennen wird, selbst verpflichtet sein, ich hätte sonst keine Freude daran.«

Ich merkte wohl, daß mich die Herren auf denselben Fuß wie meine Schwester in Ansbach stellen wollten, die nicht vor ihnen zu mucksen wagte und sich stets an einen Dritten wenden mußte, um von ihrem Gatten etwas zu erlangen. Solche Erwägungen und die Kälte, die der Markgraf mir gegenüber zeigte, bekümmerten mich sehr. Ich zog mich mit meiner Hofmeisterin in mein Kabinett zurück und weinte bitterlich. Sie zuckte die Achseln und gestand mir, daß sie dieselben Besorgnisse hege: jene Herren ließen nur zu deutlich erkennen, daß sie den Markgrafen allein zu beeinflussen strebten; zu dem Zwecke müßte ich allgemach unter die Fuchtel gebracht werden; dabei kümmerten sie sich einzig um Bagatellen, da sie alles bis ins kleinste, was gar nicht in ihr Ressort gehörte, untersuchen wollten, und dabei die großen Dinge außer acht ließen. Sie beschwor mich, mit dem Markgrafen zu reden und ihm die Augen zu öffnen; sie wolle ihn ihrerseits auf das vorbereiten, was er von mir hören würde. Ich zögerte lange; allein sie machte so triftige Gründe geltend, daß ich mich dazu entschloß.

Ich sprach also mit dem Markgrafen; allein er nahm es sehr übel auf und sagte mir sehr harte Dinge. Ich bin lebhaft und kann mich bis zu einem gewissen Grade mäßigen, allein ich bin auch eine Frau und habe meine Schwächen wie alle anderen, und ich überwarf mich ernstlich mit meinem Gatten. Ich war so verzweifelt, daß ich in Ohnmacht fiel. Man brachte mich zu Bett. Die Sache hatte mich so gewaltig angegriffen, daß man mich für sterbenskrank hielt. Man rief eilends nach dem Markgrafen. Mein Zustand rührte ihn lebhaft; er war in größter Angst. Mir leisteten uns gegenseitig Abbitte, und nach einer langen Aussprache gestand er mir, daß man ihn auf das eindringlichste vor mir gewarnt habe; er bat mich tausendmal um Vergebung. Ich versprach ihm, mich in nichts hineinzumischen, sprach aber die Hoffnung aus, daß er nicht dulden würde, daß man Zwietracht zwischen uns beide säe und mich erniedrige, wie man es beabsichtige. Er erwiderte mir, daß es ihn nur freuen würde, wenn ich stets mit derselben Aufrichtigkeit wie bisher mit ihm verführe, er bat mich, ihm meine Gedanken stets ohne Umschweife mitzuteilen, er seinerseits würde nichts vor mir geheimhalten, so daß wir wieder enger vereint waren denn je zuvor. Bei allem, was vorging, fragte er mich um Rat. Ich sagte ihm, daß ich ihn zu gut kennte, um nicht zu wissen, daß er weniger als irgendeiner ertrüge, daß man ihn beherrsche, das Übergewicht, das er seinen Ministern ließe, würde ihn aber bald so weit bringen, daß er sich schwerlich wieder aus ihren Schlingen befreien können würde, wenn er ihnen einmal verfallen wäre, er müßte dann zu strengen Maßregeln greifen, um sie wieder in ihre Schranken zu weisen, er sollte der letzten Worte seines Vaters eingedenk sein, der ihm geraten hätte, seine Minister stets am Zügel zu halten, ihre Ratschläge stets anzuhören, aber sie wohl zu überlegen, bevor er sie befolge. Er dachte eine Weile nach, dann sagte er: »Was soll ich tun? Ich bin ja gezwungen, sie walten zu lassen. Ich bin in nichts eingeweiht, ich habe ihnen selbst gesagt, daß ich von ernsteren Dingen hören wollte und nicht von Lappalien, aber sie sagten mir, daß man nicht alles auf einmal bewältigen könne.«

Oberst von Reitzenstein war nach Berlin geschickt worden und Herr von Hesberg nach Dänemark. Die Finanzen waren in einem so traurigen Zustand, daß ich mich genötigt sah, sechstausend Taler aufzunehmen, um diese Gesandtschaft bestreiten zu können. Ich schenkte sie dem Markgrafen, ich hätte ihm zuliebe mein Leben geopfert, er seinerseits erwies mir alle erdenklichen Aufmerksamkeiten und erwiderte die Gefühle, die ich ihm entgegenbrachte. Er hatte ein so gutes Herz, daß er niemandem wehtun noch eine erbetene Gnade verweigern konnte, diese zu große Güte hat ihm seitdem viel Verdruß eingetragen, sie war auch schuld, daß er den ganzen Hofstaat beibehielt, wie er war. Alle, die es gut mit ihm meinten, versicherten ihm, er müsse sich von all den Intriganten und Zwischenträgern, die sich am Hofe aufhielten, beizeiten befreien, aber er konnte sich nicht dazu entschließen. Er versäumte keine der Pflichten, die er dem Andenken seines Vaters schuldete, und entließ keinen seiner Diener, sondern behielt die meisten bei und versorgte die andern. Er rächte sich an keinem, der ihm Leid gebracht und ihm Zerwürfnisse mit seinem Vater zugezogen hatte. Als man ihm davon sprach, erwiderte er die schönen Worte: »Ich will das Vergangene vergessen. Es sollen in meinem Lande alle glücklich sein.«

Die Minister mißbilligten aufs höchste die großmütige Haltung des Markgrafen gegenüber den Dienern seines Vaters. Sie schickten Herrn von Voigt zu mir. Er kam ganz atemlos, um mir im Auftrag seiner Kollegen bittere Klagen vorzubringen. Seine Begründung war dabei die unverschämteste der Welt. »Der Markgraf«, sagte er, »hat etwas Unerhörtes getan, indem er ohne vorherige Beratung mit seinen Ministern Ämter und Würden austeilte« – dabei schlug er mit seinem Stock auf den Boden, »er darf ohne unser Wissen weder jagen«, fuhr er fort, »noch eine Magd in Dienst nehmen; wir fühlen uns alle in unserer Ehre verletzt und werden uns in corpore beim Markgrafen beschweren.« Ich erwiderte ihm, daß ich mich in nichts hineinmische und daß sie tun möchten, was ihnen beliebte. Der Markgraf, der im Nebenzimmer mit meiner Hofmeisterin war, hörte das ganze Gespräch. Er wäre auf Voigt losgefahren, wenn sie ihn nicht zurückgehalten hätte.

Kaum hatte sich Voigt entfernt, als er hereintrat und seinem Zorne freien Lauf ließ; er wollte die Minister verabschieden. Ich beruhigte ihn allmählich. Er sah jetzt die Wahrheit meiner Voraussagen ein und nahm sich vor, sich an einen ehemaligen Sekretär seines Vaters, namens Ellerot, zu wenden, der ein außerordentlich gescheiter Mensch war. Der verstorbene Markgraf hatte ihm in seinen letzten Tagen sein Vertrauen geschenkt und ihn seiner Geradheit wegen sehr geschätzt. Sein Sohn erinnerte sich jetzt, daß dieser Mann in die Angelegenheiten des Landes vollkommen eingeweiht war, und hielt es für das geratenste, ihn zu sich zu nehmen, um einen Rückhalt gegen die herrschsüchtigen Umgriffe der Minister zu haben. Ellerot machte ihn binnen kurzem mit allem vertraut und teilte ihm alle Pläne des verstorbenen Markgrafen mit.

Meine Gesundheit war indessen etwas kräftiger geworden. In Ermangelung eines besseren Arztes hatten wir Zeitz behalten müssen. Er gab mir Selterswasser und Ziegenmilch zu trinken und schrieb mir während meiner Kur viel Bewegung vor. Ich machte Schießübungen und ging fast jeden Tag mit dem Markgrafen auf die Jagd. Ich war noch zu schwach, um lange zu gehen. Der Markgraf hatte mir deshalb einen Wagen herrichten lassen, von dem aus ich bequem schießen konnte. Es geschah mehr zum Zeitvertreib als aus Liebhaberei; denn die Jagd machte mir keinen Spaß, und ich habe sie aufgegeben, sobald ich wieder andere Beschäftigungen hatte. Was ich liebte, war das Studium der Wissenschaften, die Musik und besonders ein angenehmer Verkehr. Diese drei Passionen konnte ich nicht mehr befriedigen, da meine Gesundheit mir jede angestrengte Tätigkeit untersagte und mit der Musik und der Gesellschaft es jämmerlich bestellt war.

Der Rheinische Feldzug verlief wie im Jahr zuvor unter Essen und Trinken. Zwölftausend Russen sollten zur Armee des Kaisers stoßen, und diese Truppen nahmen ihre Marschroute durch die Oberpfalz. Mir unternahmen dorthin einen Ausflug, um sie zu sehen. Vor unserer Abreise empfingen wir aber den Baron von Pöllnitz, der gekommen war, um uns im Auftrag des Königs zu kondolieren.

Dieser Mann hat zu viel von sich reden gemacht, als daß ich ihn mit Stillschwelgen übergehen könnte. Er ist der Verfasser der Memoiren, die unter seinem Namen erschienen sind. Der König ließ sich dieselben vorlesen. Die Schilderung, die er vom Berliner Hofe entworfen hatte, gefiel ihm so wohl, daß er Pöllnitz, der damals in Wien von der Gnade der Kaiserin lebte, wiederzusehen wünschte. Er kam nach Berlin und wußte sich so sehr beim König in Gunst zu bringen, daß er ihm eine Pension von fünfzehnhundert Talern gewahrte. Ich hatte ihn in meiner Jugend sehr gut gekannt. Er war sehr gebildet und äußerst geistreich, sehr angenehm im Verkehr und ohne Falsch, aber es fehlte ihm an Urteil und an Lebensart, sein Leichtsinn war zumeist an seinen Fehlern schuld. Er hat sich die Gunst des Königs bis zu dessen Ende zu bewahren gewußt, der ihm bis zum Tode beigestanden hat. Er war uns ein willkommener Gesellschafter und amüsierte uns sehr. Wir nahmen ihn bis zu einem Kloster mit, wo wir übernachteten, da die russische Armee nicht weit davon in der Nähe einer kleinen Stadt, namens Vilseck, durchmarschieren sollte.

Am nächsten Tage brachen wir früh auf und speisten in Vilseck. Der General Keith, der diesen Truppenteil befehligte, hatte von unserer Ankunft vernommen und schickte uns alsbald eine Leibwache von Infanteristen zu. Sie waren alle gestiefelt und hatten uns zu Ehren Gamaschen übergezogen. Ich hatte nie etwas so Groteskes gesehen und staunte um so mehr, als ich an die Sauberkeit der preußischen Truppen gewöhnt war, die immer blitzblank aussahen. Herr von Keith ließ sich sogleich bei uns melden. Dieser General, ein Irländer von Geburt, hat sehr gute Manieren, und man merkt ihm den Mann von Welt an. Er bat uns, noch einen Augenblick zu verweilen, da er den Truppen Befehl gegeben habe, sich in Schlachtordnung aufzustellen. Wir stiegen in den Wagen, um sie zu sehen. Es waren nichts wie kleine, gedrungene Männer, die nicht nach viel aussahen und sich sehr schlecht ausnahmen. Der General begnadigte mir zu Ehren zwei Deserteure, die gehängt werden sollten. Er ließ sie vorführen. Sie warfen sich zu Boden und schlugen dabei so heftig mit ihren Köpfen auf, daß diese sicherlich geborsten wären, hätten sie nicht Russen angehört. Ich sah auch ihren Geistlichen, der mir viele Komplimente machte und sich entschuldigte, daß er seine Heiligenbilder nicht mit hätte, um sie mir vorlegen zu können. Dieses Volk lebt fast wie das liebe Vie; sie tranken Wasser aus Pfützen und aßen giftige Schwämme, die sie im Grase pflückten, ohne daß es ihnen im geringsten schadete. Sobald sie in ihren Quartieren waren, krochen sie in den Backofen, wo sie sich in Schweiß brachten, und wenn sie recht schwitzten, so stürzten sie sich in kaltes Wasser und zur Winterszeit in den Schnee, wo sie eine Zeitlang verharrten. Dies ist ihr Universalmittel, das sie, wie sie glauben, gesund erhält. – Wir nahmen Abschied vom General und kehrten in das Kloster und von da nach der Brandenburg zurück.

Ich vergaß zu erwähnen, daß am 3. August mein Geburtstag gefeiert worden war. Der Markgraf hatte mir prachtvolle Juwelen, eine jährliche Zulage und die Eremitage geschenkt. Ich wollte die Zulage erst für das nächste Jahr annehmen. Den ganzen Monat August hindurch war ich damit beschäftigt, die Wege nach der Eremitage instand setzen zu lassen, und legte eine Menge von Spazierwegen an. Täglich fuhr ich hinaus, und es machte mir Spaß, die Pläne selbst zu entwerfen und diesen Ort anziehend zu machen.

Unsere Gesellschaft erhielt um diese Zeit einen Zuwachs. Es waren die Herren von Baument, Major in einem kaiserlichen Regiment des Markgrafen, und Graf von Burghausen, Hauptmann in demselben Regiment. Dieser letzte war ein Neffe meiner Hofmeisterin. Der Markgraf hatte bisher sein Vermögen verwaltet und liebte ihn sehr. Der junge Mann war hervorragend begabt, aber so unbesonnen, daß es unerträglich war. Sein Vater, ein Mann von sehr hoher Geburt und einer der ersten Familien Schlesiens entstammend, hatte es fertiggebracht, vierhunderttausend Taler, die er besaß, zu vergeuden und außerdem auch noch Schulden zu machen, so daß alle Kinder ruiniert waren und in Schlesien nur von mildtätigen Gaben des Adels und meiner Hofmeisterin lebten. Der Sohn war sehr oft nach Bayreuth gekommen, seitdem ich dort verheiratet war, und hatte sich sterblich in seine Base, die Marwitz, verliebt. Diese hatte ihn stets sehr von oben herab behandelt, und da er sehr lebhaft war, hatte ihn seine Verzweiflung zu allerlei exzentrischen Handlungen hingerissen, die ihm geschadet hatten. Ich werde noch auf diese Liebe, die in der Folge in diesen Memoiren öfters erwähnt werden wird, zurückkommen.

Meine Hofmeisterin ließ damals auch ihre andern beiden Nichten Marwitz kommen. Die ältere hieß Albertine und die jüngere Karoline. Ich werde sie künftig bei ihren Taufnamen nennen, um sie von ihrer älteren Schwester zu unterscheiden. Die jüngste war noch keine vierzehn Tage in Bayreuth, als sie eine Eroberung machte. Sie war sehr hübsch, ihr anmutiges Gesicht, ihr herrlicher Teint und ihr liebenswürdiges Wesen erregten überall Aufmerksamkeit.

Sobald der Markgraf die Regierung übernommen hatte, vergrößerte er meinen Hofstaat. Graf Schönburg wurde mein Kämmerer und ein gewisser Herr von Westerhagen mein diensttuender Kammerjunker. Schönburg war der Sohn eines regierenden Reichsgrafen, sein Vater lebte noch. Er war reich, und alle adligen Fräuleins in Bayreuth suchten ihn einzufangen. Es war vergebene Mühe, nur die schönen Augen Karolinens hatten es ihm bald angetan: er faßte eine leidenschaftliche Neigung zu ihr. Sie war ihm wohlgesinnt. Sie schlossen eine innige Freundschaft, deren Folgen ich später berichten werde.

Was die Marwitz betrifft, so war ich ihr leidenschaftlich zugetan, wir hatten nichts voreinander geheim. Ich habe nie derartige Beziehungen zwischen zwei Charakteren gesehen, sie konnte nicht ohne mich leben noch ich ohne sie, sie tat keinen Schritt, ohne mich vorher zu fragen, und alles lobte ihre Haltung. Wir begaben uns alle nach dem Park, der Markgraf wollte zur Hirschbrunst dort sein. Dieser Ort liegt eine Meile von der Stadt entfernt, und da wir nur eine kleine gewählte Gesellschaft waren, unterhielten wir uns nach Herzenslust. Jeden Tag war Ball, und wir tanzten sechs Stunden hindurch in einem sehr unbequemen, gepflasterten Saal, so daß unsere Füße ganz wund davon wurden. Diese Bewegung kam mir trefflich zustatten. Der Markgraf war gerne lustig und liebte frohe Gesellschaft, – sein höfliches und zuvorkommendes Wesen machte ihn unendlich beliebt, und wir lebten in vollkommenster Eintracht.

Der Friede schien überall einzuziehen. Die Unterhandlungen zwischen dem Kaiser und Frankreich waren schon im Gange. Sie kamen im Winter zum Abschluß. Die Spanier nahmen die Königreiche Neapel und Sizilien, die sie dem Kaiser weggenommen hatten, in Besitz. Der Herzog von Lothringen überließ sein Gebiet den Franzosen und wurde dafür in das Großherzogtum Toskana eingesetzt. Frankreich und Spanien willigten ihrerseits in die Pragmatische Sanktion ein. So war der Friede in Deutschland wiederhergestellt.

Der Markgraf hatte die Huldigungen der Bayreuther noch nicht entgegen genommen; diese Feier fand bei unserer Rückkehr statt. Sie sollte sich in Erlangen wiederholen. Der Bischof von Bamberg und Würzburg befand sich eben auf seinem prachtvollen Landsitz Pommersfelden, der nur vier Meilen entfernt lag. Er hatte uns gebeten, zu ihm zu kommen, und hatte auch den Markgrafen und die Markgräfin von Ansbach eingeladen; er wollte sich mit uns anfreunden, um ein gutes Einvernehmen im Umkreis herzustellen.

Herr von Bremer, der ehemalige Hofmeister des Markgrafen von Ansbach, war in Bayreuth. Ich trug ihm einen Gruß an meine Schwester auf und bat ihn, ihr in meinem Auftrag mitzuteilen, daß ich von dem gewaltigen Hochmut des Bischofs gehört hätte, er würde wahrscheinlich lächerliche Forderungen betreffs des ihm zu gebenden Titels an uns stellen, und ich sähe da Reibereien voraus; wir seien Schwestern, hätten dieselben Vorrechte und dieselbe Etikette; ich sei entschlossen, dieselbe Haltung einzunehmen wie sie, und ließe sie bitten, mir ihre Absichten kundzugeben; alle würden das Augenmerk auf uns gerichtet halten, und ich sei der Meinung, daß wir uns auch nicht das geringste vergeben sollten. Herr von Bremer stimmte mir vollkommen bei. Wir nennen die Bischöfe und die neuen Reichsfürsten nur »Euer Liebden«. Der Bischof bestand auf einem ehrenvolleren Titel und wollte »Euer Gnaden« von uns genannt werden, sonst würde er uns nicht »Königliche Hoheit« titulieren. Ich erfuhr dies alles unter der Hand. Ich hätte mich hierüber in Diskussionen einlassen können, allein man riet mir davon ab und versicherte mir, daß er von selbst einlenken würde.

Herr von Bremer begab sich nach Ansbach und brachte mir eine sehr günstige Antwort von meiner Schwester zurück. Sie ließ mir sagen, daß sie sich ganz nach mir richten würde und mit allem, was ihr Herr von Bremer von mir ausgerichtet habe, vollkommen einverstanden sei. Ich habe stets meine Vorrechte als Königstochter zu wahren gewußt, und der Markgraf hat mich hierin immer unterstützt; ich hatte diesen Schritt mit seiner Genehmigung unternommen, und er sagte mir oft, er hege eine schlechte Meinung von Leuten, die vergessen, was sie sich schuldig sind.

Mir machten uns also im November auf und brachten die Nacht in Baiersdorf zu. Tags darauf zogen wir in Erlangen ein. Man hatte mehrere Triumphbögen errichtet; ein Magistratsherr hielt dem Markgrafen vor den Toren der Stadt eine Ansprache und übergab ihm die Schlüssel, die ganze Bürgerschaft und das Militär bildeten in den Straßen Spalier. Der Markgraf und ich fuhren in einem Galawagen, der mit Tuch ausgeschlagen war. Der Trauer wegen bekamen wir beide an diesem Tage sattsam Ansprachen zu hören. Tags darauf nahm der Markgraf die Huldigung entgegen. Es wurde große Tafel und abends Empfang abgehalten. Wir hielten uns mehrere Tage in Erlangen auf und begaben uns von dort nach Pommersfelden.

Dort kamen wir um fünf Uhr abends an. Der Bischof empfing uns vor der Treppe mit seinem ganzen Hofstaate. Nachdem wir uns begrüßt hatten, stellte er mir seine Schwägerin, die Gräfin Schönborn, und seine Nichte gleichen Namens vor, die Äbtissin eines Domkapitels in Würzburg war. »Ich bitte Sie, Madame,« sagte er, »geruhen Sie dieselben ganz als Ihre Dienerinnen anzusehen, »ich habe sie eigens kommen lassen, damit sie die Honneurs bei mir machen.« Ich zeigte mich diesen Damen äußerst zuvorkommend und wurde dann vom Bischof in meine Gemächer geführt. Er ließ Stühle herbeirücken. Ich nahm in einem Lehnstuhl Platz, und wir wollten ein Gespräch anfangen, als die beiden Gräfinnen ins Zimmer traten. Ich war überrascht, meine Hofmeisterin nicht mit ihnen eintreten zu sehen, ließ aber keine Äußerung darüber fallen. Meine Toilette war sehr in Unordnung geraten; ich nahm dies zum Vorwand, um mich einen Augenblick zurückzuziehen. Der Bischof und seine Damen taten desgleichen.

Kaum war ich allein, als ich meine Damen holen ließ und meine Hofmeisterin fragte, warum sie mir nicht gefolgt wäre. »Weil ich mich keinen Beleidigungen aussetzen wollte,« sagte sie, »denn diese Gräfinnen haben mich wie einen Hund behandelt und kein Wort zu mir gesagt; sie sind mit großartiger Miene an mir vorübergegangen, und ohne einen der Herren des Hofes, der mir unbekannt ist, würde ich Ihre Gemächer gar nicht gefunden haben.« »Ich bin sehr froh, es zu wissen,« sagte ich ihr; »der Markgraf hat mir erlaubt, auf meinem Recht zu bestehen, und ich weiß bestimmt, daß meine Hofmeisterin höchstens den reichsunmittelbaren Gräfinnen den Vortritt zu lassen hat; sie sind das nicht und können ihn also in keiner Weise beanspruchen.«

Der Markgraf meinte, ich sollte mit Herrn von Voigt reden, der als mein Oberhofmeister – seiner Charge gemäß – das Wort für mich fuhren sollte und hierüber Beschwerde zu erheben habe. Ich ließ ihn rufen und erklärte ihm den Fall. Herr von Voigt war der größte Hasenfuß, den es auf Gottes Erdboden gab; er sah überall Schwierigkeiten und war immer von panischen Ängsten erfüllt. Er machte ein langes Gesicht. »Ew. Königliche Hoheit«, sagte er, »ermessen nicht die Tragweite des Befehles, den Sie mir erteilt haben; man ist hier zusammengekommen, um die Einigung der Mitglieder des Fränkischen Bundes zu erzielen; ist dies der Augenblick, um Händel zu führen? Der Bischof wird einen sehr herrischen Ton anschlagen; er wird sich verletzt fühlen, auf seinem Standpunkt beharren, und falls Sie den Ihrigen nicht aufgeben, wird sich das ganze Reich in den Streit hineingezogen sehen.« Ich lachte hell auf. »Das ganze Reich!« rief ich. »Nun, um so besser! Damen sind bisher in Reichshändel nie verwickelt gewesen, und es wird etwas ganz Neues sein.« Der Markgraf zuckte die Achseln und sah ihn verächtlich an. »Aber wie dem auch sei, ich bitte Sie, dem Bischof zu sagen,« fuhr ich fort, »daß ich die größte Achtung für ihn hege und deshalb mir nichts so unlieb sein könnte, als ihm Unannehmlichkeiten zu bereiten; er hätte sich aber vorsehen müssen, um jede Streitigkeit zu vermeiden; er muß die Vorrechte einer Königstochter kennen, da er lange in Wien gewesen ist; ich bin stolz darauf, die Gattin des Markgrafen zu sein, aber deshalb werde ich nicht das geringste von dem aufgeben, was mir zukommt.« Herr von Voigt erhob noch allerlei Bedenken, aber der Markgraf sagte ihm, er solle sich beeilen, es sei schon spät und höchste Zeit, dem allem rasch ein Ende zu machen.

Herr von Voigt sprach also in meinem Auftrag mit Herrn von Rotenhan, dem Oberstallmeister des Bischofs. Nach langem Hin- und Herreden wurde endlich der Beschluß gefaßt, daß sich die beiden Gräfinnen entfernen würden, sobald sie meine Schwester empfangen hätten.

Kaum war man sich hierüber einig geworden, als der Hof von Ansbach in Pommersfelden eintraf. Ich ließ alsbald meiner Schwester einen Gruß entbieten und ihr sagen, ich würde zu ihr kommen, sobald sie allein sei. Es war keineswegs an mir, ihr den ersten Besuch abzustatten, da ich als älteste vor allen meinen Schwestern den Vortritt hatte und dem Markgrafen von Bayreuth der Vorrang vor dem Markgrafen von Ansbach zustand. Ich hatte also ein doppeltes Vorrecht; da wir aber alle vom selben Blute sind, wollte ich nie auf meinem Rechte bestehen. Meine Schwester ließ mir sagen, daß sie zu mir kommen würde. Sie erschien einen Augenblick später mit dem Markgrafen. Sie schienen mir beide sehr frostig zu sein. Meine Schwester war guter Hoffnung. Ich äußerte meine Freude und erwies ihr alle erdenklichen Aufmerksamkeiten, aber sie erwiderte sie nicht. Ich sagte ihr, welche Haltung ich eingenommen hatte; sie antwortete nichts. Der Bischof kam, uns zu besuchen. Sie eilte fort und kehrte in ihre Gemächer zurück. Sie benützte diese Zeit, um sich die Herren vom Hofe des Bischofs vorstellen zu lassen. Sie sprach mit ihnen über die Gräfinnen und äußerte, daß sie mein Vorgehen sehr mißbillige; sie sei nicht so hochmütig wie ich und würde es nie geduldet haben, wäre sie zugegen gewesen. Ihr Benehmen wurde von allen getadelt.

Wir holten sie ab, um zur Tafel zu gehen. Ich saß am oberen Ende derselben. Sie wollte sich nicht neben mich setzen, sondern den Bischof zwischen uns beiden haben. Sie nannte ihn Hoheit, soviel er nur wollte, unserm Übereinkommen zum Trotz. Was mich betraf, so tat ich nach meinem Dafürhalten und blieb dabei; ich zeigte mich dem Bischof und seinem Hofstaat äußerst zuvorkommend und erwies ihm alle Aufmerksamkeiten, die ich nur konnte. Ich muß hier einiges über ihn sagen. Bekanntlich ist die Familie Schönborn eine der ersten und angesehensten in Deutschland; sie hat dem Reiche mehrere Fürsten und Bischöfe gestellt. Der, von dem hier die Rede ist, war in Wien erzogen worden. Seine großen Fähigkeiten verhalfen ihm zum Posten eines Reichskanzlers, einem Amt, das er lange verwaltete. Als die Bistümer von Würzburg und Bamberg durch den Tod ihrer Bischöfe frei wurden, benützte der Hof zu Wien diese Gelegenheit, Schönborn für die geleisteten Dienste zu belohnen, und wußte einen solchen Einfluß auf die Wahl auszuüben, daß er zum Verwalter und Bischof dieser beiden Bistümer berufen wurde. Er kann mit Recht für ein großes Genie und einen großen Politiker gelten. Dieser letzten Eigenschaft entspricht auch sein Charakter; denn er ist falsch, heimtückisch und schlau; sein Wesen ist hochfahrend, sein Geist nicht anziehend, weil er zu pedantisch ist; dennoch gewinnt man bei näherer Bekanntschaft mit ihm Fühlung und besonders, wenn man von ihm zu lernen sucht. Ich war so glücklich, mir seine Gunst zu erwerben. Wir führten oft Zwiegespräche, die sich vier bis fünf Stunden hinauszogen. Dabei langweilte ich mich nie; er machte mich mit vielen Dingen bekannt, von denen ich nichts wußte. Man durfte wohl sagen, daß er einen universalen Geist besaß. Es gab nichts, worüber wir nicht zusammen gesprochen hätten.

Nach der Tafel gab ich meiner Schwester das Geleite bis zu ihren Gemächern, und der Bischof begleitete mich zu den meinen. Es herrschte darin eine schreckliche Kälte. Ich legte mich sofort zu Bett und schlief ein. Kaum hatte ich eine Stunde geruht, als mich der Markgraf weckte, um mir zu sagen, daß man in meinem Zimmer einbrechen wolle. Die Tür desselben ging auf einen Gang hinaus, in dem ein Husar Posten stand. Ich hörte in der Tat, wie man das Schloß zu sprengen suchte. Wir riefen ganz leise nach unsern Leuten, damit sie nachsehen sollten, was los sei, und sie fanden richtig den Herrn Husaren mitten in der Arbeit. Er bat den Markgrafen um Gnade, und dieser war großmütig genug, ihn nicht anzuzeigen.

Sobald ich am folgenden Morgen aufgestanden war, besichtigte ich das ganze Schloß. Pommersfelden ist ein großes Gebäude, dessen Mittelbau von den Flügeln getrennt ist; dieser Mittelbau hat vier Nebenflügel; er ist viereckig und sieht von weitem wie eine Steinmasse aus. Nach außen weist er viele Fehler auf, kaum aber betritt man den Hof, so ändert sich der Eindruck, den man von diesem Schlosse erhält, und man gewahrt hier eine Großartigkeit, die man zuvor nicht ahnte. Erst steigt man fünf bis sechs Stufen empor, um durch ein schmales und schwerfälliges Tor zu kommen, das den Bau sehr verunziert; man gelangt nun zu einer prachtvollen Treppe, die die ganze Höhe des Schlosses freiläßt, denn diese Treppe reicht bis zur Kuppel empor; die Decke ist mit Fresken bemalt, die Geländer sind aus weißem Marmor und mit Statuen geschmückt; diese Treppe führt zu einer großen Vorhalle mit einem marmornen Fußboden, und man betritt von hier aus einen goldverzierten Saal. Hier hängen Bilder der größten Meister, wie Rubens, Guido Reni und Paolo Veronese. Die Ausschmückung selbst gefiel mir zwar nicht. Sie war mehr die einer Kapelle als die eines Saales, und es fehlte jene edle Architektur, die die Pracht mit dem Geschmack vereint; dieser Saal läuft in zwei Zimmerreihen aus, die alle mit Bildern geschmückt sind; eines dieser Zimmer enthält eine Ledertapete, die man sehr hochhält, da sie von Raffael gezeichnet ist. Die Bildergalerie ist wundervoll; die Maler können sich hier weiden. Da ich eine große Bilderliebhaberin bin, blieb ich mehrere Stunden lang hier, um die Gemälde zu betrachten.

Ich speiste an diesem und den folgenden Tagen allein mit meiner Schwester, unseren Hofmeisterinnen und zwei Geheimrätinnen aus Ansbach. Der Bischof und die Markgrafen gingen jeden Tag auf die Jagd und kehrten erst um fünf Uhr abends zurück. Ich langweilte mich sehr, da ich den ganzen Tag mit meiner Schwester, die mit mir schmollte, eingesperrt saß. Waren die Fürsten zurück, so versammelte man sich in einem Saale, um einer sogenannten Serenade beizuwohnen. Serenaden sind verkürzte Opern. Die Musik war miserabel; sechs Katzen und ebensoviel deutsche Kater zerrissen uns die Ohren mit ihrem Gesang. Vier Stunden lang mußte man dies bei der größten Kälte aushalten. Dann wurde soupiert, und man ging erst gegen drei Uhr morgens zu Bett, von lauter Nichtstun ganz erschöpft.

Man bot uns eine neue Lustbarkeit an, die für Geistliche recht geeignet war. Nämlich nach Bamberg zu fahren, um dort die Kirchen und Reliquien anzusehen. Ich ließ meiner Schwester sagen, ich würde gehen, falls sie ginge; lehne sie aber den Ausflug ab, so wolle ich hier bleiben und ihr Gesellschaft leisten. Sie ließ mir antworten, daß sie gern nach Bamberg ginge, und ich möge doch annehmen. Die Jagd sollte in jener Gegend stattfinden, und die Markgrafen wollten uns begleiten und dort mit uns speisen. Man weckte mich um sieben Uhr morgens, um mir zu sagen, es sei Zeit, aufzustehen und fortzufahren, denn man brauche vier Stunden bis nach Bamberg; und da die Jagd nicht lange dauern sollte, würde mir kaum Zelt bleiben, etwas anzusehen, wenn ich nicht bald aufbräche. Ich stand recht widerwillig auf, ich war krank, die Kälte und die Ermüdungen setzten meiner noch wenig festen Gesundheit sehr zu.

Sobald ich angekleidet war, ging ich zu meiner Schwester. Ich war sehr überrascht, sie noch im Bett zu finden. Sie sagte mir, sie fühle sich nicht wohl und führe nicht nach Bamberg. Dabei sah sie sehr gut aus und arbeitete in ihrem Bett. Ich sagte ihr, sie hätte so freundlich sein können, mir dies früher mitzuteilen; ich hätte fragen lassen, wie es ihr ginge, und die Antwort erhalten, sie befände sich wohl. Frau von Budenbrock, ihre Hofmeisterin, zuckte die Achseln und machte mir ein Zeichen, um zu sagen, daß es sich nur um eine Laune handle. Sie verstand es auch, ihr so gut zuzureden, daß sich meine Schwester doch noch entschloß, aufzustehen und sich anzuziehen. Ich sah nie jemanden so langsam Toilette machen. Sie brauchte mindestens zwei Stunden dazu.

Man hatte zwei prachtvolle Galawagen angespannt. Der erste war für mich bestimmt, der zweite für meine Schwester. Ich schlug ihr vor, zusammen zu fahren. Sie lehnte es aber ab. »Steigen Sie doch ein«, sagte ich. »Gott behüte mich!« gab sie zurück. »Sie haben den Vortritt, und ich werde mich hüten, zuerst Platz zu nehmen.« »Ich kenne keine Rangunterschiede mit meinen Schwestern«, sagte ich, »und werde hierüber niemals Streitigkeiten haben.« Der Obermarschall des Bischofs, ein ziemlich beleibter Mann, nahm mich bei der Hand und sagte: »Hier ist Ihr Wagen, Madame, wollen Sie geruhen einzusteigen.« Ich bestieg ihn also mit meiner Hofmeisterin und hatte nicht einmal Zeit, meinen Pelz zu verlangen. Wir fuhren im Schritt. Wir waren ganz erfroren und konnten vor Kälte die Hände und Füße nicht mehr bewegen. Ich ließ dem Kutscher sagen, er solle schneller fahren, und er befolgte den Befehl so pünktlich, daß wir binnen drei Stunden nach Bamberg kamen.

Man führte mich geradeswegs in die Kirche, wo die Priester ihre Reliquien ausgebreitet hatten. Eine Reliquie vom heiligen Kreuz lag in einer goldenen Kapsel eingeschlossen; dann sah man zwei Krüge, die bei der Hochzeit von Kanaan gedient hatten, Gebeine der heiligen Jungfrau, einen kleinen Flecken vom Gewand des heiligen Joseph; den Schädel des Kaisers Friedrich und den der Kaiserin Kunigunde, Schutzpatrone von Bamberg und Stifter des Ordens; die Zähne der Kaiserin erinnerten durch ihre Länge an Wildschweinhauer.

Ich war so erfroren, daß ich nicht gehen konnte. Ich stieg in den Wagen, um zum Schlosse zu fahren. Es waren dort Gemächer für mich bereitet worden. Aber ich spürte jetzt Schmerzen am ganzen Körper und in allen Gliedern. Meine Damen zogen mich aus und frottierten mich so lange, bis ich mich wieder etwas belebter fühlte.

Sobald meine Schwester angekommen war, ließ ich mich nach ihrem Befinden erkundigen und mich entschuldigen, daß ich nicht zu ihr kommen könnte, da es mir nicht gut ginge. Sie ließ mir antworten, sie wolle sich hinlegen, um etwas zu schlafen; da sie sehr müde sei, bäte sie mich, nicht zu ihr zu kommen. Ich schickte mehrmals hin, und man sagte mir jedesmal, daß sie schliefe. Ich fühlte mich indessen wohler nach all der Pflege und langweilte mich so sehr, daß ich anfing, Tokadille zu spielen.

Die Fürsten kamen erst um sechs Uhr zurück. Sie speisten an einem eigenen Tisch; der unsere wurde in meinem Zimmer aufgetragen. Meine Schwester erschien mit einer beleidigten Miene. Ihr ganzer Hof und besonders die Damen ließen ziemlich bissige Bemerkungen fallen. Ich tat, als verstünde ich sie nicht; denn es wäre unter meiner Würde gewesen, etwas darauf zu erwidern.

Nach Tische ging meine Schwester mit mir in ein Kabinett, wo wir den Kaffee einnahmen. Ich sagte ihr, daß ich wohl merkte, sie sei böse auf mich, und sie möchte mir doch den Grund sagen; denn ich wäre zu jeder Genugtuung gern bereit, falls ich das Unglück gehabt hätte, sie zu kränken. Sie erwiderte mir im kältesten Ton, daß sie nichts gegen mich habe, sie sei krank und könne also nicht guter Laune sein; und zugleich lehnte sie sich gegen einen Tisch und fing an, nachdenklich vor sich hinzustarren. Ich setzte mich ihr gegenüber und tat ebenso.

Der Bischof unterbrach diese stumme Unterhaltung, er geleitete mich zum Wagen zurück, den ich mit meiner Hofmeisterin bestieg. »Es ist ganz schrecklich,« sagte sie, »der Teufel scheint am Ansbacher Hofe los zu sein; man hat meine Schwester und die Marwitz abscheulich behandelt; Frau von Zoch hat ihnen nichts wie Unverschämtheiten gesagt; ich bin gerade noch rechtzeitig dazugekommen, sonst wären sie sich, glaube ich, in die Haare gefahren. Sie sagten vor aller Welt, Ew. Königliche Hoheit habe dem Kutscher, der die Markgräfin von Ansbach fuhr, befehlen lassen, im Galopp zu fahren, um ihr eine Fehlgeburt zuzuziehen; sie waren voll Mitleid für die arme Fürstin, die, wie sie sagten, von dem Schütteln des Wagens ganz gerädert sei.«

Ich wurde furchtbar aufgebracht, als ich diese Nachrichten vernahm, und wollte mir Genugtuung wegen dieser Verleumdung verschaffen, aber meine Hofmeisterin riet mir so dringend ab, daß ich ihr zu folgen versprach.

Da meine Schwester nicht soupieren wollte, ließ ich mich auch beim Bischof entschuldigen. Meine Damen kamen, um mir die ganze Geschichte zu erzählen. Ich sah endlich selbst ein, daß wir die Klügeren sein mußten, um allen Folgen und Schwätzereien vorzubeugen. Ich befahl ihnen daher, die Sache fallen zu lassen und sich nach wie vor den Damen des Ansbachschen Hofstaates höflich zu erzeigen; denn ich zweifelte nicht, daß aller Tadel auf die zurückfallen würde, die den Zwist ausgeheckt hatten. Der ganze Hof wußte tags darauf, was vorgegangen war, und man sagte sich ins Ohr, daß die Geheimrätinnen zu tief ins Glas geschaut hätten. Selbst der Markgraf von Ansbach ergriff meine Partei und war sehr böse über die Unverschämtheiten, die gegen mich gesagt worden waren.

Wir reisten endlich zwei Tage später ab und kehrten nach Erlangen zurück. Ich erlebte dort einen kleinen häuslichen Verdruß. Mein kleiner Bologneser, den ich seit neunzehn Jahren hatte, starb. Ich hatte das Tierchen, das mein Gefährte in allen meinen Leiden gewesen war, sehr lieb, und sein Tod ging mir zu Herzen. Die Tiere scheinen mir auf ihre Art vernünftige Wesen zu sein; ich kannte deren so kluge, daß ihnen nur die Sprache fehlte, um sich deutlich auszudrücken. Ich finde in dieser Hinsicht das System des Descartes sehr lächerlich. Ich ehre die Treue des Hundes; er scheint mir hierin einen Vorzug vor den Menschen zu haben, die so wankelmütig und veränderlich sind. Wollte ich der Sache auf den Grund gehen, so würde ich zugleich Beweise liefern können, daß mehr Vernunft unter den Tieren herrscht als unter den Menschen. Aber ich schreibe hier meine Memoiren und nicht eine Lobrede des Tiergeschlechts, obwohl meine Worte als Grabschrift meiner kleinen Hündin dienen können. Wir hielten uns nur einige Tage in Erlangen auf und kehrten nach Bayreuth zurück.

Das Jahr 1736 verlief ziemlich ereignislos. Ich sagte schon, daß zwischen dem Kaiser und den Franzosen Friede geschlossen wurde. Er brachte uns den Durchzug der österreichischen Truppen, der den Reichsfürsten, die wider jegliches Recht für die Einquartierungen zu sorgen hatten, eine schwere Last aufbürdete. Da nichts dagegen zu machen war, wollten wir wenigstens den möglichen Vorteil daraus ziehen. Wir sahen jeden Tag viele Leute bei uns. Die österreichischen Offiziere waren meistens sehr liebenswürdig; ich sah auch einige ihrer Frauen, die es auch waren. Mir unterhielten uns vorzüglich. Fast jeden Tag war Ball, und meine Gesundheit fing an sich zu kräftigen.

Am 10. Mai, dem Geburtstag des Markgrafen, gab ich im großen Schloßsaal ein prachtvolles Fest. Im Hintergrund erhob sich der Parnaß. Ich hatte einen recht guten Sänger engagiert, der als Apollo auftrat; neun Damen in wundervollen Kostümen stellten die Musen dar; unter dem Parnaß hatte ich eine Bühne errichten lassen; Apollo sang eine Arie und befahl den Musen, diesen glücklichen Tag zu feiern; sie stiegen alsbald von ihrem Standorte hernieder und tanzten ein Ballett; unter der Bühne befand sich ein großartig dekorierter Tisch mit hundertfünfzig Gedecken; der übrige Teil des Saales war mit Wappen und Laub ausgeschmückt. Wir stellten alle heidnische Götter vor. Ich habe nie etwas so Schönes gesehen wie dieses Fest, das allgemeinen Beifall fand. Seitdem der Markgraf Ellerot berufen hatte, waren seine Finanzen wieder im Aufschwung begriffen. Man fand, daß die Einkünfte sich bedeutend höher gestalten ließen; vermutlich hatten die Herren der Rechnungskammer sie bisher bezogen. Der Markgraf löste diese Kammer auf und berief andere Mitglieder an Stelle der früheren. Ellerot entdeckte außerdem verjährte Außenstände des Markgrafen von Bayreuth, die sehr weit zurückreichten, und er war so geschickt, die Zahlung derselben zu erlangen. Statt arm zu sein, waren wir mit einem Male reich geworden.

Während dieses Jahres ging zwar ein Krieg zu Ende, aber ein neuer brach aus. Rußland führte wider die Türken Krieg und hatte dem Kaiser die schon erwähnten zwölftausend Mann nur unter der Bedingung gestellt, daß er den Waffenstillstand aufheben und die Türken in Ungarn angreifen würde. Alle Truppen dieses Monarchen fingen an, sich in Marsch zu setzen. Man darf dieses Ereignis als ein Vorspiel zum Niedergang des Hauses Österreich ansehen.

Der Kaiser feierte um diese Zeit die Hochzelt seiner ältesten Tochter, der Erzherzogin Maria Theresia, mit dem neuen Großherzog von Toskana.

Auch der Prinz von Wales vermählte sich in diesem Jahre mit der Prinzessin von Sachsen-Gotha. Sein Vater, der König, war es, der diesen Bund beschloß. Das Herz des Prinzen hatte keinen Anteil daran, da die Prinzessin weder schön noch geistreich war. Dennoch leben sie sehr gut zusammen. Ich komme auf meine eigenen Angelegenheiten zurück.

Wir verbrachten die schöne Jahreszeit auf der Brandenburg. Der Markgraf verfiel dort einer Krankheit, er hatte Schwächezustände und furchtbare Kopfschmerzen, was ihn zwar nicht hinderte auszugehen; doch ich befand mich in einer schrecklichen Unruhe. Es gibt kein ungetrübtes Glück auf Erden. Ich wußte das meine im vollen Maße zu schätzen, allein meine Sorge um eine so kostbare Gesundheit warf einen Schatten auf alle meine Freuden. Der Arzt fürchtete, daß die Anfälle des Markgrafen Vorboten eines Schlages seien. Ich war manchmal so verzweifelt, daß ich mich nicht mehr auskannte. Endlich wurde ich von meiner Angst befreit. Der Markgraf wurde von Hämorrhoiden befallen, die ihm Erleichterung verschafften. Da diese Krankheit nur dann gefährlich ist, wenn man sich nicht schont, und sie zur Erhaltung des Markgrafen beitragen konnte, war ich sehr froh.

Seitdem der Markgraf zur Regierung gelangt war, war er um die Freundschaft des Königs und der Königin von Dänemark sehr bemüht gewesen. Als apanagierte Tochter eines jüngeren Fürsten des Hauses hatte die Königin keine Mitgift erhalten; ein gleiches Gesetz galt im brandenburgischen Hause, sonst würde der Apanagen und Mitgiften kein Ende sein und dadurch das Haus unweigerlich ruiniert werden. Die Königin ließ dem Markgrafen sagen, daß, wenn er ihr die ihrige überließe, sie ihm dagegen Vorteile zusichern wolle, die es ihm vierfach lohnen würden. Der Markgraf gewährte sie ihr und verließ sich auf ihr Wort.

Der König und die Königin sollten für einige Zeit nach Altona fahren. Sie luden ihn ein, dorthin zu kommen, und man gab ihm unter der Hand zu verstehen, daß die Königin große Pläne für ihn hege und ihm glänzende Beweise ihrer Dankbarkeit geben wolle. Der Markgraf hatte einiges zu ordnen, wodurch seine Abreise verschoben wurde. Der König von Dänemark sandte ihm eine Stafette, um ihm mitzuteilen, daß er nicht länger als vierzehn Tage in Altona bleiben würde, der Markgraf müsse sich also beeilen, wenn er ihn noch sehen wolle.

Der Markgraf machte sich auf und wollte Tag und Nacht fahren, um seinen Onkel, den König, zu treffen. Man muß, um nach Altona zu kommen, das Gebiet meines Vaters, des Königs, berühren und durch Halberstadt fahren, das nur zwölf oder dreizehn Meilen davon entfernt liegt. Der Markgraf hielt sich dort auf, um beim General Marwitz zu speisen, und vernahm, daß der König in drei oder vier Tagen zu einer Truppenschau erwartet werde. Es galt also zu wählen, entweder den König von Dänemark oder den von Preußen zu verfehlen. Der Markgraf war mit diesem unzufrieden und hatte andererseits dem König von Dänemark sein Wort gegeben; dies sowie die Vorteile, die man ihm von dieser Seite in Aussicht gestellt hatte, trieben ihn zur Weiterfahrt. Er sprach sich mit Marwitz ausführlich über die Gründe aus, die ihn zu seiner Reise bestimmt hatten, und bat den General, dem König zu versichern, daß er ihn auf seiner Rückreise bestimmt aufsuchen würde, falls dieser sich dann in Berlin aufhielte.

Er verließ Halberstadt am Nachmittag und kam tags darauf nach Braunschweig, wo er speiste. Er wurde von seinem alten Freund, dem Herzog, und meiner Schwester aufs beste empfangen. Von dort fuhr er nach Celle, woselbst er Briefe von Altona vorfand, die ihm die Mitteilung brachten, daß der König von Dänemark schwer erkrankt sei. Er hielt also in Celle Rast und traf einige Tage später in Altona ein.

Dort wurde er von dem Oberhofmarschall und dem ganzen Hofstaate in einem Hause empfangen, das für ihn bereitgestellt worden war; denn in dem des Königs war kaum genügend Platz für diesen selbst. Er fand bei der Königin, seiner Tante, und dem König die liebevollste Aufnahme. Die Königin war sehr schön gewesen, allein Anstrengungen und Krankheitsfälle hatten ihr arg zugesetzt. Ihre Frau Mutter, die Markgräfin von Kulmbach, die immer bei ihr geblieben war, beherrschte sie vollkommen und infolgedessen auch den König, und ebenso den ganzen Hof. Diese Fürstin war sehr klug; sie sah ein, daß sie am besten ihre Macht behielt, wenn sie den König und die Königin zur Bigotterie anhielt. Der König war von Natur aus vergnügungssüchtig; um ihn davon abzubringen, flößte sie ihm Bedenken über die unschuldigsten Dinge ein. Dieser Monarch besaß sehr gute Eigenschaften, aber sehr wenig Geist; der Verstand der Königin ist dem seinen angemessen, sie ist nicht klüger als er. Die Markgräfin fand also einen guten Boden für ihre Lehrsätze vor. Dieser Hof trug noch eine gewisse Größe zur Schau, aber im Grunde war er das reine Kloster, und es wurde nur gebetet und Trübsal geblasen. Der Markgraf erzählte mir, daß ihm die Zeit noch nie so lang geworden sei. Man erwies ihm allerlei Ehren und sagte ihm allerhand Schönes, vergaß aber alle Versprechen, und er kehrte zurück, froh, von diesem Hofe wieder fortzukommen.

Da mein Vater, der König, schon wieder unterwegs war, kam der Markgraf unmittelbar nach Bayreuth zurück, obwohl mein Bruder ihm davon abriet; dieser wünschte, daß der Markgraf in Braunschweig bliebe, um dort die Rückkehr des Königs nach Berlin, die in sechs Wochen stattfinden sollte, abzuwarten. Ich hatte wegen jener Reise nach Dänemark einen sehr unfreundlichen Brief von meinem Bruder erhalten; sein Ton war ganz anders geworden. Er lautete:

»Ja, Ihr Brief ist mir zugekommen, meine liebe Schwester; aber wenn Sie wollen, daß ich Ihnen mit gewohnter Aufrichtigkeit antworte, so kann ich unmöglich billigen, daß der Markgraf sich zehn oder zwölf Meilen von dem Orte aufhält, den der König besuchen soll, ohne ihm seine Aufwartung zu machen. Es wurde, offen gesagt, als eine Grobheit empfunden, was ich nicht leugnen kann. Der Markgraf kann seinen Fehler noch gutmachen; er braucht auf dem Rückweg nur nach Berlin zu fahren, wenn der König wieder dort sein wird. Denn ich muß Ihnen gestehen, daß ich mich über den Unwillen des Königs keineswegs wundere. Ein solches Verfahren einem König gegenüber, der zugleich sein Schwiegervater ist, muß wirklich als sehr rücksichtslos empfunden werden. Die Vorteile, die der Markgraf vom König von Dänemark erhofft, scheinen mir sehr zweifelhaft; sie stehen jedenfalls in keinem Vergleich zu denen, die ihm von selten des Königs zuteil geworden sind, da er einen so kostbaren Schatz, wie Sie es sind, sein eigen nennt. Ich hätte Ihnen noch gar vieles über diesen Punkt zu sagen, allein für heute will ich schließen, indem ich Sie« usw.

Obwohl die letzten Worte dieses Briefes den Anfang desselben milderten, schien er mir doch recht hart. Die Ausdrücke kamen mir nicht maßvoll vor, und der Stil war ein ganz neuer geworden. Mein Bruder hatte sich mir seit seiner Rückkehr vom Rhein als ein ganz anderer gezeigt: seine Briefe waren alle geziert; man fühlte eine gewisse Verlegenheit heraus, die mir zur Genüge erkennen ließ, daß mir sein Herz nicht länger zugekehrt war. Dies ging mir sehr nahe; meine Liebe zu ihm war stets dieselbe geblieben, und ich hatte mir in dieser Hinsicht nichts vorzuwerfen. Ich ertrug daher dies alles mit Geduld, in der Hoffnung, seine Zuneigung mit der Zeit wiederzugewinnen.

Während der Abwesenheit des Markgrafen vergingen mir die Tage auf der Brandenburg sehr angenehm. Aber kann man froh leben, wenn man von dem getrennt ist, den man liebt? Denn ich konnte in Wahrheit nur glücklich sein, wenn er mir nahe war, und ich suchte mich in seiner Abwesenheit eher zu zerstreuen als zu unterhalten. Ich war in sehr guter Gesellschaft, mit der ich mir die Zeit vertrieb, und die Vormittage sowie einige Nachmittagsstunden brachte ich mit Lesen und Musizieren zu.

Ich habe schon früher das Porträt der Grumbkow entworfen und gezeigt, daß sie ihren andern großen Fehlern auch noch den der Koketterie hinzufügte. Sie hatte, seit sie bei mir war, schon mehrere Liebhaber gehabt, was mich sehr gegen sie einnahm, da sie aber bisher die äußeren Formen wahrte, hatte ich stets ein Auge zugedrückt. Diese Person betrug sich jetzt unerträglich unverschämt gegen mich. Sie zeigte sich nur noch bei den Mahlzeiten und verbrachte ihre Tage und die halben Nächte mit Herrn von Westerhagen, meinem diensttuenden Kammerherrn. Dieser war, obwohl verheiratet, sterblich in sie verliebt und machte ihr ansehnliche Geschenke, die sie angeblich von ihrem Vater erhalten haben wollte. Obwohl sie nicht die geringste Anhänglichkeit für mich hatte und ihren Verpflichtungen mir gegenüber nur ungern nachkam, war sie auf die Marwitz entsetzlich eifersüchtig und suchte sie zu demütigen, wo sie nur konnte. Der Rücksichten halber, die ich damals ihres Onkels wegen nehmen mußte, war ich außerstande, hier einzugreifen, und begnügte mich, ihr meine Unzufriedenheit durch spitze Bemerkungen zu bezeigen, die ich hie und da fallen ließ, um sie zu warnen; allein ihre Neigung war stärker als ihre Bedenken und hinderte sie, ihrer Liebe zu entsagen. Da dies zu sehr üblen Folgen für die Marwitz führte, die von ihr beschuldigt wurde, daß sie ihr Verhalten mir verriete, und da diese Intrige in Beziehung zu meinen Memoiren steht, so werde ich noch darauf zurückkommen.

Der Markgraf kam am 16. Juli endlich zurück. Meine Freude, ihn wiederzusehen, war unbeschreiblich, und er war seinerseits sehr froh, wieder zu Hause zu sein. Er gab zu meinem Namenstag ein reizendes Fest, das in einem großen zum Schloß gehörigen Garten abgehalten wurde. Dieser Garten war überall mit Lampions erleuchtet; man hatte eine Bühne hergestellt, deren Kulissen dicke Linden waren; Diana und ihre Nymphen traten hervor, und es wurde eine kleine Pastorale aufgeführt. Der Bühne gegenüber war ein Salon errichtet, zu dem vier Stufen emporführten und der so hell beleuchtet war, daß er von außen wie eine Feuerkugel aussah; alle Blumenbeete des Gartens waren mit Lampions in verschiedenen Farben beleuchtet, was sich reizend ausnahm.

Tags darauf zogen wir nach der Eremitage. Ich will sie bei dieser Gelegenheit beschreiben.

Sie liegt auf einem Berge, zu dem eine Allee und eine Chaussee, die der Markgraf anlegen ließ, emporführen. Am Eingang steht der Berg Parnaß, eine Halle, auf der man Apollo und die neun Musen Wasser ausgießen sieht; die Anlage ist so geschickt gemacht, daß man sie für einen wirklichen Felsen halten könnte. Auf einer andern Seite gewahrt man eine Baumgruppe, die zu einem andern künstlichen Felsen und sieben Fontänen führt; am Fuße dieses von Bäumen umringten Felsens liegt eine kleine Tür, die durch einen unterirdischen Gang zu einer Grotte führt. Diese Grotte ist mit sehr schönen und sehr seltenen Muscheln geziert; das Licht fällt durch eine darüberhängende Kuppel; in der Mitte ist ein großer Springbrunnen, und ringsumher sind sechs Kaskaden. Auch am Fußboden, der ganz aus Marmor ist, sind Fontänen angebracht, so daß man die Leute, die umhergehen, leicht zum besten haben und bespritzen kann. Zu beiden Seiten der Grotte zieht sich ein Geländer nach zwei Wohnungen, die je drei kleine Zimmer umfassen. Von der Grotte aus gelangt man in einen kleinen Hof, der ganz von künstlichen Felsen, Hecken und Bäumen umringt ist; in der Mitte verbreitet ein großer Wasserfall immerwährend Kühle. Die Felsen verbergen die Aussicht auf die Flügel des Hauses, von denen jeder vier kleine Gemächer oder acht Zimmerchen enthält mit je einer Garderobe und einem Schlafgemach. Durch den Hof kommt man zum Hauptgebäude. Man betritt erst einen Salon, dessen Decke sehr schön bemalt und vergoldet ist; die Wände sind ganz mit Bayreuther Marmor bekleidet; die Wandflächen sind aus grauem und die Säulen aus rotem Marmor mit vergoldeten Kapitalen und Kränzen; der Boden ist mit den verschiedenen Marmorsorten belegt, die man hierzulande findet; meine Gemächer liegen nach rechts; erst kommt ein Zimmer, dessen Deckenmalerei die römischen Matronen vorstellt, die Rom vor den plündernden Feinden erretteten; diese Malerei ist von einer blauen Einfassung umzogen; alle Reliefs sind versilbert und vergoldet; die Täfelungen aus schwarzem und die eingelegten Platten aus gelbem Marmor; die Wände sind mit gelbem, silberbefranstem Damast ausgeschlagen. Von hier aus gelangt man zu den Flügeln, die ich anbauen ließ, nämlich in ein Zimmer, dessen Decke mit Halbreliefen und Vergoldungen ausgeschmückt ist; die Malereien schildern die Geschichte des Chelonis und des Cleobrontes; die Getäfel sind auf weißem Grunde und alle Reliefs vergoldet. Die Nischen sind alle mit schönen Spiegeln behängt, desgleichen die Flächen, die die Kamine überragen; dies Zimmer ist mit einem sehr reichen, gold- und blaudurchwirkten Stoff ausgeschlagen, dessen Blumen aus Chenille sind; man kann sich nichts Schöneres denken. Dann kommt ein kleines Kabinett mit japanischer Täfelung, ein Geschenk meines Bruders; sie hat große Summen gekostet und ist, glaube ich, in ihrer Art die einzige, die es in Europa gibt; wenigstens sagte man dies meinem Bruder, als man sie ihm überließ; der Grund ist aus punktiertem Golde und mit Relieffiguren ausgeschmückt; die Decke, die Nischen und alles, was in diesem Kabinett zu sehen ist, steht im Einklang mit der Täfelung; alle, die es sahen, sind davon entzückt gewesen. Rechts von diesem Kabinett liegt das Musikzimmer; es ist ganz aus weißem Marmor mit grünen Feldern; an jedem Felde ist eine vergoldete und sehr schön ausgeführte Musiktrophäe angebracht; die Bildnisse mehrerer Schönheiten, die ich gesammelt habe und die von den besten Meistern stammen, hängen über diesen Trophäen und sind in reich vergoldeten Rahmen in die Wände eingelassen; die Zimmerdecke ist auf weißem Grunde ausgeführt; die Reliefs stellen Orpheus dar, wie er mit der Leier die Tiere lockt. In diesem Zimmer befinden sich mein Spinett und alle andern Musikinstrumente; man betritt von hier aus mein Arbeitszimmer. Es ist braun lackiert und mit Miniaturblumen ausgemalt; hier schreibe ich diese Memoiren und bringe viele dem Nachdenken geweihte Stunden zu. Aus dem Musikzimmer führt eine andere Tür in mein Ankleidezimmer, das sehr einfach ist und an mein Schlafzimmer stößt. Das Bett ist aus blauem Damast mit Goldquasten, und die Tapete ist aus gestreiftem Atlas. Meine Garderobe ist nebenan, was für mich sehr bequem ist. Die Gemächer des Markgrafen ziehen sich in der gleichen Reihenfolge hin, sie sind aber anders ausgestattet. Das erste Zimmer ist von einer Art Firnis überzogen, die meine Erfindung ist; die Malereien sind sehr schön, sie stellen die ganze Geschichte Alexanders dar, und ich habe sie nach Stichen von Le Brun kopieren lassen; es sind eigentlich Gemälde von der Größe der Wände, mit Wasserfarben auf mit Leinwand unterlegtes Papier gemalt, das ich firnissen ließ, um es zu konservieren. Diese Bilder werden von allen Kennern bewundert. Zimmerdecke und Holztäfelungen haben weißen Grund mit goldenen Verzierungen; das Deckengemälde stellt Alexander dar, wie er mit vollen Händen Weihrauch ins Feuer streut und deshalb von Aristoteles gerügt wird. Die Täfelungen des zweiten Zimmers haben dunkelbraunen Grund; die Reliefs sind Waffentrophäen aus aller Herren Länder; dies alles sowie die Einfassung des Plafonds sind vergoldet. Man sieht in der Mitte desselben Artaxerxes, wie er den Themistokles empfängt; die Wände sind mit Gobelins überzogen, die die ganze Lebensgeschichte dieses griechischen Feldherrn darstellen. Im anstoßenden Kabinett hängen sehr schöne Bilder; die Täfelungen sind aus Ebenholz mit vergoldeten Ornamenten; die Decke stellt die Heldentat des Mucius Scävola dar. Im Nebenzimmer sind Verzierungen aus Wiener Porzellan mit Miniaturmalereien; der Plafond ist ganz bemalt und schildert den Leonidas, wie er die Thermopylen verteidigt. Das Schlafzimmer ist aus grünem Damast mit goldenen Quasten. Vielleicht wird man es seltsam finden, daß ich all diese geschichtlichen Sujets zur Zierde meiner Plafonds gewählt habe, allein ich liebe alles Spekulative; und alle historischen Vorwürfe, die ich hier wählte, stellen ebenso viele Tugenden dar, die man vielleicht durch Sinnbilder besser hätte darstellen können, die aber das Auge nicht so sehr erfreuen würden. – Ich fahre in meiner Beschreibung wieder fort. Das Haus zeigt nach außen keinerlei architektonischen Zierat; man könnte es für eine von Felsen umgebene Ruine halten; es ist von einer Anzahl hochstämmiger Bäume umringt. Vor der Front des Hauses ist ein kleines blumenbesätes Beet, und am Rande desselben strömt eine scheinbar dem Felsen entspringende Kaskade den Berg hinab, wo sie in ein weites Bassin hineinstürzt; zu beiden Seiten ziehen sich hier hohe Linden entlang, und es sind Stufen angelegt, um bequemer hinabsteigen zu können. Unterwegs gibt es zwei Ruheplätze mit Grasbänken und einer Fontäne als Mittelpunkt; an den Seiten des Hauses ziehen sich zehn dichte Lindenalleen entlang, so daß die Sonne nie durchscheint. Jeder Waldweg führt zu etwas Neuem, meist zu kleinen Eremitagen, die alle voneinander verschieden sind. Die meine gewährt den Ausblick auf die Ruinen eines Tempels; sie sind nach dem Vorbild altrömischer Mauerreste errichtet, und ich habe sie den Musen geweiht. Man findet dort die Bildnisse aller berühmten Gelehrten der letzten Jahrhunderte, wie Descartes, Leibniz, Locke, Newton, Bayle, Voltaire, Maupertuis usw. Neben dem kleinen kreisförmigen Salon liegen zwei Zimmerchen und eine kleine Küche, die ich mit antikem Porzellan nach Raffael ausstattete.

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