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Memoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth

Wilhelmine von Bayreuth: Memoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth - Kapitel 12
Quellenangabe
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authorWilhelmine von Bayreuth
titleMemoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth
publisherIm Insel-Verlag
printrun9. bis 13. Tausend
year1923
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ich will hier etwas anderes einschalten. Diese Memoiren sind nur mit tragischen Ereignissen angefüllt, die zuletzt ermüden dürften, da empfiehlt es sich, sie manchmal mit heiteren Dingen zu unterbrechen, obwohl sie sich nicht auf mich beziehen.

Die Königin hatte an ihrem Hofe ein Fräulein von Pannewitz, die ihre erste Hofdame war. Sie war schön wie ein Engel und ebenso tugendhaft. Der König, dessen Herz sich bis hierher unempfindlich gezeigt hatte, konnte ihren Reizen nicht widerstehen; er fing um diese Zeit an, ihr den Hof zu machen. Er war kein galanter Mann; er wußte es, und da er voraussah, daß er nie die Manieren eines Stutzers noch verliebte Redensarten nachahmen könnte, machte er weiter keine Anstalten und wollte den Roman bei dessen Ende anfangen. Er gab der Pannewitz seine Gefühle in sehr anstößigen Worten kund und fragte sie, ob sie seine Geliebte werden wolle. Die Schöne, die sich sehr beleidigt fühlte, behandelte ihn wie einen Neger. Der König ließ sich nicht entmutigen und fuhr fort, ihr ein Jahr lang den Hof zu machen. Das Ende dieses Abenteuers war recht sonderbar. Die Pannewitz war der Königin nach Braunschweig gefolgt, wo die Hochzeit meines Bruders gefeiert werden sollte; der König traf sie auf einer kleinen Geheimtreppe, die zum Zimmer der Königin führte. Sie wollte entfliehen, er hinderte sie und wollte sie umarmen, indem er seine Hand an ihren Busen legte. In ihrer Entrüstung versetzte ihm diese Dame einen so heftigen Faustschlag mitten ins Gesicht, daß ihm das Blut alsbald aus Mund und Nase hervorquoll. Er trug es ihr nicht nach und begnügte sich, sie von nun an die böse Hexe zu nennen. Ich nehme den Faden meiner Erzählung wieder auf.

Es schien, als seien alle Teufel der Hölle wider mich los. Der Markgraf von Ansbach verlegte sich auch darauf, mich zu verfolgen. Er war ein sehr schlecht erzogener junger Prinz, der mit meiner Schwester wie Hund und Katze lebte und sie fortwährend malträtierte. Es geschah nicht immer ohne Anlaß. Sein Hof war nur aus boshaften Intriganten zusammengesetzt, die ihn wider den Bayreuther Hof aufhetzten. Die beiden Länder sind benachbart, und obwohl es in ihrem Interesse liegt, sich zu vertragen und gemeinsame Sache zu machen, ist ihre gegenseitige Eifersucht schuld an ihrer Uneinigkeit. Der Markgraf von Ansbach und sein Hof konnten meine Heirat mit dem Erbprinzen nicht verwinden. Man trug dem einen Hofe allerlei falsche Dinge über den andern zu. In seiner Gereiztheit leistete uns der Markgraf sehr schlechte Dienste bei der Königin, indem er alle unsere Reden und Handlungen mißdeutete. Meine Schwester Charlotte half ihm dabei und schürte nach Kräften dieses Feuer noch. Ich wußte Bescheid, denn meine jüngere Schwester hatte mich darauf aufmerksam gemacht, allein ich tat nicht dergleichen.

Es wurden mir zu Ehren noch mehrere Bälle gegeben; die übrige Zeit spielten wir bei der Königin. Die Prinzen mußten indes den Abend beim König in der Tabagie verbringen, aus der sie erst zur Souperstunde zurückkamen.

Der Markgraf von Ansbach verfiel auf den Gedanken, den Erbprinzen seiner Herkunft wegen zu hänseln; er reizte ihn an einem sehr empfindlichen Punkte. Ich sagte schon, daß die Mutter desselben eine Prinzessin von Holstein war. Sie hatte sich so schlecht aufgeführt und so viele Extravaganzen begangen, daß der Prinz, ihr Gemahl, damals noch apanagierter Fürst, sich genötigt sah, sie in eine Festung zu sperren, die Eigentum der Markgrafen von Ansbach war. Sie bildete nun den Gegenstand der Spottreden, die dieser Prinz meinem Gatten gegenüber führte, und dieser äußerte seine Unzufriedenheit in sehr gerechtfertigter Weise: »Aus Ehrfurcht vor dem König«, erwiderte er, »will ich hier von einer geziemenden Antwort absehen, doch werde ich Sie zur rechten Zeit zur Rede stellen.« Mein Bruder und die Prinzen waren zugegen; sie taten ihr möglichstes, um eine Versöhnung herbeizuführen, aber alles, was sie beim Erbprinzen erreichen konnten, war, daß er sich bis zum übernächsten Tage gedulden wollte. Ich merkte am selben Abend an den Zügen des Prinzen, daß etwas vorgefallen sein mußte, doch ließ er sich nicht bewegen, mir die Ursache kundzugeben. Ich erfuhr sie tags darauf durch den Markgrafen, meinen Schwiegervater, dem der Herzog von Bevern den Vorfall erzählt hatte. Wir sprachen beide mit dem Prinzen. Ich hielt ihm vor Augen, wie dieser Zwist nur üble Folgen nach sich ziehen könne; fürs erste hieß es eine alte, für meinen Vater wie für ihn höchst peinliche Angelegenheit wieder ausgraben; sein Gegner war zugleich sein Schwager, ein Prinz ohne Nachkommen, dessen Land ihm nach seinem Tode zufallen würde, was im Falle eines Unglücks viel falsche und seiner Ehre unzuträgliche Vermutungen veranlassen müßte. Sein Zorn war so groß, daß er auf unsere Einwendungen nicht achtete. Der Herzog von Bevern, der hinzukam, redete ihm so eindringlich zu, daß er ihm versprach, sich ruhig zu verhalten, sofern der Markgraf von Ansbach sich bei ihm entschuldigen würde. Alle rieten mir, mit diesem zu reden und eine Versöhnung herbeizuführen. So verging der Tag in aller Ruhe. Ich besprach am selben Abend die Sache mit dem Herzog und der Herzogin. Ich war sehr betrübt und um den Ausgang der Sache sehr besorgt. Meine Schwester, die davon gehört und uns belauscht hatte, warf sich mir plötzlich um den Hals: »Ich bin außer mir,« sagte sie; »mein Mann ist im Unrecht, ich bitte Sie an seiner Statt um Vergebung für seine Ungehörigkeit, ich werde ihn ordentlich zur Rede stellen.« – »Es tut mir sehr leid,« erwiderte ich, »daß Sie unser Gespräch angehört haben. Seien Sie versichert, daß der Zwist unserer Männer meine Liebe zu Ihnen nicht im geringsten beeinträchtigen wird. Ich bitte Sie nur um eines: mischen Sie sich nicht hinein, Sie zögen sich nur Verdrießlichkeiten zu und würden die Gemüter nur noch mehr erbittern.« Nach langem Drängen versprach sie es endlich. Der Markgraf von Ansbach saß immer neben mir. Als wir uns abends von der Tafel erhoben und die Königin hinausgegangen war, schickte ich mich an, ihn auf sehr höfliche Weise wegen der betreffenden Angelegenheit zur Rede zu stellen. Meine Schwester ließ mir nicht Zeit und überhäufte ihn alsbald mit Schmähungen. Er geriet in Zorn und wollte mit erhobener Stimme ihre Beleidigungen erwidern. Der Erbprinz, der mehrere vernommen hatte, dachte, sie seien gegen ihn gerichtet: er ging nun auch auf ihn zu. »Kommen Sie,« sagte er, »unsern Streit zu schlichten. Hier müssen Handlungen und keine Worte entscheiden.« Der arme Markgraf stand ganz betroffen. »So kommen Sie doch,« sagte der Prinz, »sich zu schlagen, oder ich werfe Sie in den Kamin, wo Sie nach Belieben rösten können.« Diese Drohung schreckte seinen Gegner so sehr, daß er bitterlich zu weinen anfing, was eine sehr tragikomische Situation herbeiführte. Mein Bruder und alle, die zugegen waren, brachen in helles Gelächter aus. Der Markgraf floh in seinem Schrecken in das Audienzzimmer der Königin, die ruhig auf und ab ging, ohne dergleichen zu tun; er verbarg sich hinter einem Vorhang. Die Herzogin, die ihm gefolgt war, ließ sich herbei, wie eine Amme ihn zu beschwichtigen und zu trösten, indem sie ihm versicherte, daß der Erbprinz ihn nicht umbringen wolle. Aber das arme Kind ließ sich nicht beruhigen und wagte sich nicht eher aus seinem Versteck hervor, als bis sein Gegner sich entfernt hatte. Mein Bruder, mein Schwiegervater der Markgraf und Prinz Karl nahmen diesen mit fort. Ich traf sie noch zusammen, als ich nach Hause kam. Die Szene, die sich zugetragen hatte, lieferte uns reichlich Stoff zu Neckereien, der arme Markgraf von Ansbach wurde nicht verschont. Der Herzog von Bevern führte ihn nach Hause, wo sich seine Wut in Koliken und heftigem Erbrechen Luft machte, so daß er fast daran gestorben wäre. Da diese Ausbrüche seine Galle erleichterten und ihn wieder vernünftig machten, bedachte er ernstlich die Gefahr, in die er sich begeben hatte. Die Angst vor dem Geröstetwerden bewirkte, daß er sich bei dem Erbprinzen entschuldigte, der Herzog von Bevern gab den Vermittler ab. Der Erbprinz nahm die Entschuldigungen des Markgrafen an, der Friede ward hergestellt, und seit der Zeit haben sie kein persönliches Zerwürfnis mehr gehabt.

Einige Tage später stellte der König meinen Bruder an die Spitze eines Infanterieregimentes, er gab ihm seinen Degen und seine Uniform zurück. Sein Aufenthaltsort sollte nunmehr Ruppin werden, woselbst sein Regiment stand. Seine Einkünfte wurden erhöht, und obwohl sie noch recht mäßig waren, so konnte er jetzt doch wie ein reicher Privatmann leben. Obwohl er sich mir gegenüber sehr verändert hatte, tat mir diese Trennung unendlich leid. Ich rechnete nicht mehr darauf, ihn vor meiner Abreise noch zu sehen, was mich aufs tiefste betrübte. Es schien ihm zu Herzen zu gehen, und unser Abschied war zärtlicher als unser erstes Wiedersehen. Seine Gegenwart hatte mich alle meine Leiden vergessen lassen; nach seiner Abreise empfand ich sie wieder mit erneuter Macht. Die Königin benahm sich mir gegenüber immer gleich. Vor Zeugen beherrschte sie sich, aber sie ging um so härter mit mir um, sobald wir allein waren.

Der König sah mich seit meiner Verheiratung nicht mehr an, und die großen Vorteile, die er mir in Aussicht gestellt hatte, gingen alle in Rauch auf. Es gab nur zwei Mittel, sich bei ihm einzuschmeicheln; das eine war, ihm lange Männer für seine Armee zu verschaffen, das andere, ihn mit seinen Günstlingen zum Essen einzuladen und ein großes Trinkgelage zu bereiten. Ersteres war nicht möglich, da lange Männer nicht wie Pilze emporschossen, vielmehr so selten waren, daß sich kaum drei taugliche im Lande finden ließen. Ich bat also den König und alle Fürstlichkeiten zu Tische. Die Tafel bestand aus vierzig Gedecken, und es wurden die auserlesensten Speisen aufgetragen. Als es ans Trinken ging, machte der Erbprinz die Honneurs. Er war der einzige, der Herr seiner Sinne blieb. Der König und die andern Gäste waren betrunken. Ich habe ihn nie so heiter gesehen; er überhäufte den Prinzen und mich mit Zärtlichkeiten. Meine Veranstaltung behagte ihm so wohl, daß er auch den Abend bleiben wollte. Er ließ Musikanten kommen und einige Damen aus der Stadt. Mit mir eröffnete er den Ball und tanzte mit allen Damen, was er nie getan hatte. Das Fest dauerte bis um drei Uhr nach Mitternacht.

Der König reiste am 17. Dezember nach Nauen, wo er eine prachtvolle Eberjagd veranstalten ließ. Alle Prinzen von Geblüt folgten ihm dorthin. Diese kleine Reise währte nur vier Tage lang und war der Anlaß neuer Leiden.

Der Markgraf von Ansbach ließ sich zwar seinen Zorn auf den Erbprinzen nicht anmerken, doch brannte er auf eine Gelegenheit, sich an ihm zu rächen. Um gerecht zu sein, muß man zugeben, daß der Fürst begabt und gutherzig ist; er neigt aber zum Zorn; die, welche ihn umgeben, sind wahre Helfershelfer des Teufels: sie haben ihn zum Laster verführt und suchen noch die guten Eigenschaften, die er hat, zu ersticken. Er war erst siebzehn Jahre alt, unerfahren und übel beraten. Ich sagte schon, daß er der Königin, um sich bei ihr einzuschmeicheln, Spionendienste leistete. Als er von Nauen zurückkam, fragte sie ihn natürlich nach den Neuigkeiten. Er berichtete, daß das, was er mitzuteilen hätte, nichts Gutes sei; sie habe allen Grund, mit meiner Heirat unzufrieden zu sein; ich würde die unglücklichste Frau der Welt werden, da mein Gatte ein wahres Ungeheuer sei, der sich den ärgsten Ausschweifungen ergebe und die Nächte damit zubringe, mit Lakaien und Schenkmädchen zu zechen, und auf vertraulichem Fuße mit derartigem Gesindel stünde; auch sei er an einer Rauferei beteiligt gewesen, wo er Hiebe davongetragen habe. Diese Mitteilung, weit entfernt, die Königin zu betrüben, freute sie nur. Sie nahm sich vor, sie auf meine Kosten auszuschlachten. Sobald wir alle bei ihr versammelt waren, ließ sie uns im Kreise um sich setzen und lenkte das Gespräch geschickt auf den Aufenthalt in Nauen. Ohne jemanden zu nennen, kam sie auf die niedrige Sinnesart des Prinzen zu reden und ließ kein gutes Haar an ihm. Ich bemerkte sogleich, daß es ihm galt, aber ich begriff nichts von ihren Reden. Sie sprach von Raufereien, Wunden, Dingen, die mir ganz unbekannt waren, und wechselte dabei verständnisvolle Blicke mit meiner Schwester Charlotte. Der Markgraf von Bayreuth machte ein ernstes und unzufriedenes Gesicht, und alle sahen zu Boden. Das Spiel machte diesem Gespräche ein Ende. Meine Ansbacher Schwester, die mir sehr zugetan war und meine Unruhe bemerkte, klärte mich über das Rätsel auf. Ich war erst seit fünf Wochen verheiratet. Ich hatte den Charakter meines Mannes studiert und zu viel Empfindsamkeit und Edelsinn an ihm wahrgenommen, um ihn der Infamien, deren man ihn zieh, für fähig zu halten. Der Herzog von Bevern versicherte uns selbst, es sei an der ganzen Sache kein wahres Wort, er sei die ganze Zeit über sein Zimmernachbar gewesen. Wir kamen beide zur Überzeugung, daß die schöne Fabel eine Erfindung des Markgrafen von Ansbach sein müsse. Der Herzog übernahm es, den König, dem man auch diesen schönen Bericht erstattet hatte, aufzuklären, und er riet mir sehr, mich über die Spöttereien der Königin hinwegzusetzen, da sie mich im Grunde nicht unglücklich machen könne. Der Markgraf von Ansbach, oder besser gesagt sein Hof, hatte dem König und dem Markgrafen von Bayreuth dieselbe Nachricht zur Kenntnis gebracht. Der letzte, ohne die Sache zu untersuchen, war furchtbar wider seinen Sohn aufgebracht; er begleitete mich abends in mein Zimmer, wo er ihn heftig anfuhr. Dem Prinzen kostete es keine Mühe, sich zu rechtfertigen, er wäre gegen den Urheber dieser Verleumdung losgezogen, wenn wir ihn nicht daran gehindert hätten. Die Sache wurde tags darauf in der ganzen Stadt ruchbar. Sie schädigte das Ansehen des Markgrafen von Ansbach in greulicher Weise. Der König war sehr böse, doch mäßigte er sich, um die Gemüter nicht noch mehr zu erbittern. Die Königin war betroffen, und es war ihr gar nicht recht, einem Schwiegersohn nichts anhaben zu können, den sie von Herzen haßte.

Einige Tage später fragte sie mich mit listiger Miene, ob ich mich schon erkundigt hätte, was in meinem Heiratsvertrag ausbedungen worden sei. »Ich bin begierig zu wissen,« sagte sie, »was für große Vorteile Ihnen der König zuerkannt hat, und wie groß Ihre Einkünfte sein werden. Ich weiß nicht, wie Mr. Dickens (der englische Geschäftsträger) es erfuhr; allein ich weiß, daß er geäußert hat, eine Kammerfrau der Prinzessin von Wales bezöge einen größeren Gehalt, als Sie jährlich erhalten werden. Ich rate Ihnen, sehen Sie sich vor; denn wenn Sie nachträglich knausern müssen, wird es nicht meine Schuld sein, erwarten Sie nichts mehr von mir. Ich habe Ihre Heirat nicht angeregt, am König ist es, in den Sie so großes Vertrauen setzen, Sorge für Sie zu tragen.«

Diese Rede verhieß mir nichts Gutes. Ich befragte am selben Abend Herrn von Voigt über diese Angelegenheit. Wie groß war mein Staunen, als ich folgendes erfuhr: Der König hatte dem Markgrafen 260 000 Taler ohne Zinsen geliehen, und dies war alles, jedes Jahr, von 1733 angefangen, sollten 25 000 Taler zurückgezahlt werden. Meine Aussteuer betrug die üblichen 40 000 Taler. Als Entgelt für meine Verzichtleistung auf das Erbe der Königin gab er mir 60 000 Taler. Es war dasselbe Abkommen, das für meine Schwester getroffen worden war. Von seiten des Markgrafen beliefen sich unsere jährlichen Einkünfte, unsern Hofstaat inbegriffen, auf 14 000 Taler, wovon mir 2000 zukamen. Von dieser Summe mußten noch die Weihnachtsgeschenke und die unvorhergesehenen Auslagen bestritten werden, so daß alles in allem 800 Taler für meinen Unterhalt blieben. Unter den Vorteilen verstand der König das Regiment, das er dem Prinzen gegeben hatte, und mein Silberservice. Man denke sich meine Überraschung. Herr von Voigt sagte mir, daß der König alles geordnet hatte; er habe geglaubt, es sei mit meiner Einwilligung geschehen, sonst hätte er mich benachrichtigt, und jetzt sei nichts mehr zu machen, da alle Vereinbarungen getroffen und unterschrieben seien.

Nachdem ich eine Weile über meine Lage nachgedacht hatte, beschloß ich, mit Grumbkow zu reden. Ich schickte am folgenden Morgen nach ihm. Herr von Voigt legte ihm in wenigen Worten die Angelegenheit klar. Grumbkow schwor mir, daß er nicht zu Rate gezogen worden sei. »Ich bin erstaunt,« fuhr er fort, »daß ich nichts davon erfahren habe; das Übel ist nicht mehr gutzumachen. Es muß hier zu andern Mitteln gegriffen und vom König, wenn möglich, eine Pension erwirkt werden; bevor man ihm aber davon spricht, muß unbedingt die Abreise Ihres Schwiegervaters, des Markgrafen, abgewartet werden. Ich kenne unsere Majestät. Sie ist höllisch zäh, wo es sich ums Geben handelt; wenn ich ihm jetzt davon spreche, so wird er dem Fürsten gegenüber Streitigkeiten vom Zaune brechen, um ihn dazu zu bringen, Ihre Einkünfte zu vermehren, was zu Zerwürfnissen führen wird, deren Opfer Sie unfehlbar sein werden; ist er hingegen fern, so wird Seine Majestät den Schaden, den er Ihnen zufügte, wieder ausgleichen müssen. Ich verspreche Ihnen meinen Beistand, Prinzessin, und werde Sie wissen lassen, wann Sie selbst mit ihm reden sollen.« Ich dankte ihm viele Male und versprach ihm, seine Ratschläge zu befolgen.

Die Königin hatte nur ihren Spott mit mir treiben wollen, sie war von der ganzen Sachlage unterrichtet und wünschte nur, daß ich sie auch erführe, um mich zu demütigen. Sie hatte stets ihre Spione in meiner Umgebung und vernahm alsbald, daß Grumbkow bei mir gewesen war, und erriet, warum. Sie wollte Gewißheit darüber haben und suchte mich zum Reden zu bringen. Nachdem sie sich eine Zeitlang sehr freundlich mit mir unterhalten hatte, kam sie auf meine Abreise zu sprechen. »Es ist mir schrecklich, Sie zu verlieren,« sagte sie; »ich habe alles getan, um den Tag möglichst lange hinauszuschieben. Was mir am härtesten fällt, ist, Sie so schlecht versorgt zu sehen. Ich weiß alles bis ins kleinste. Der König hat Sie grausam im Stiche gelassen. Ich habe es vorhergesehen, aber Sie wollten mir nicht glauben. Sie haben jedoch sehr wohlgetan, die Sache mit Grumbkow zu besprechen. Ich bin überzeugt, daß er Ihnen helfen wird, sofern er es vermag. Was riet er Ihnen?« Ich muß meine Dummheit eingestehen, daß ich ihr die ganze Unterredung erzählte, die ich mit ihm gehabt hatte, indem ich sie flehentlich bat, mich nicht zu verraten. »Ich verspreche es Ihnen,« sagte sie, »denn ich sehe nur zu wohl, wie verhängnisvoll es wäre, davon zu reden.« Mein Unstern wollte, daß sie den Nachmittag allein mit dem König blieb. Da sie nicht wußte, wie sie ihn unterhalten sollte, deckte sie ihm das ganze Geheimnis auf und enthüllte ihm, was ich ihr anvertraut hatte. Der König stellte sich, als ließe er sichs angelegen sein und nähme sich meine Lage zu Herzen; aber innerlich war er sehr ergrimmt, daß ich mich deshalb an sie und an Grumbkow gewandt hatte. Er war mißtrauisch; er bildete sich ein, ich intrigiere, und wollte mich dafür bestrafen. Kaum hatte sich die Königin entfernt, als er sich meinen Heiratsvertrag bringen ließ und 4000 Taler von der Summe strich, die mir und dem Prinzen zugedacht waren.

Die Königin, stolz auf den guten Dienst, den sie mir geleistet hatte, sandte eilends nach mir. »Sie brauchen Grumbkow nicht mehr für Ihre Angelegenheiten,« sagte sie, als ich bei ihr eintrat; »ich habe mit dem König gesprochen«, fuhr sie fort, indem sie mich umarmte, »und ihm unser Gespräch von heute morgen wiederholt; er versprach mir, daß er Sie zufriedenstellen würde.« Ich stand wie eine Salzsäule da. Meinem ersten Impulse folgend, erging ich mich in Klagen und machte ihr in ehrerbietigem Tone Vorwürfe über die Indiskretion, die sie begangen hatte. Sie ärgerte sich darüber und sagte mir so harte Dinge, daß ich verstummte. Ich verwünschte meine Unvorsichtigkeit und trug nun meinen Lohn davon; ich konnte mich nicht beschweren. Grumbkow ließ mir durch Voigt die schwersten Vorwürfe machen und berichtete mir die schöne Tat des Königs. Er beklagte sich bitter darüber, daß ich ihn dem Zorn des Königs ausgesetzt hätte, und ließ mir versichern, er würde sich nie mehr um meine Angelegenheiten kümmern; dieser letzte Vorfall setzte allem die Krone auf und war mir äußerst schmerzlich.

Inzwischen hatten sich mein Schwiegervater der Markgraf, der Hof von Ansbach, der von Meiningen und Bevern zur Abreise gerüstet. Um diesen war es mir sehr leid, besonders der Herzogin wegen, für die ich eine tiefe Zuneigung gefaßt hatte. Sie war die Vertraute meiner Leiden gewesen und hatte mir manch gute Dienste erwiesen.

Der König kehrte nach Potsdam zurück, wohin die Königin und ich ihm nachfolgen sollten, da ich von dort aus nach Bayreuth weiterreisen sollte. In meiner Ungeduld, baldigst hinzukommen, zählte ich die Stunden und die Minuten. Berlin war mir ebenso verhaßt geworden, als es mir einst teuer war. Ich gab mich der Hoffnung hin, trotz mangelnden Reichtums ein ruhiges und friedliches Leben in meinem neuen Heim zu führen und ein glücklicheres Jahr anzufangen, als dies jetzt verflossene gewesen war.

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