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Memoiren Cagliostros

Paul Bornstein: Memoiren Cagliostros - Kapitel 8
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authorPaul Bornstein
titleMemoiren Cagliostros
publisherMemoiren-Bibliothek in Berlin
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VII. Cagliostro in Paris: Der Höhepunkt seines Ruhms. – Seine Verhaftung.

Das Glück hatte Cagliostro bis zu einer schwindelnden Höhe getragen. – Mitau, Straßburg, Bordeaux und Lyon waren für ihn ebenso viel Triumphe gewesen, Triumphe, gegen welche einzelne Fiaskos, wie die von Petersburg und Warschau, um so weniger in Betracht gezogen werden können, als sie pekuniär womöglich noch einträglicher waren, als jene Städte, in denen ihn der Erfolg begünstigte. – Nunmehr im Anfange des Jahres 1785 erschien er in Paris. – Hier sollte er sich noch einmal im vollen Glanze seines Glückes sonnen, noch einmal sich weiden am frenetischen Beifall einer blind ergebenen Menge, noch einmal der gefeierte Held des Tages sein, und, nachdem er hier seinen Höhepunkt erreicht, beginnt im Drama seines Lebens die Peripetie, der Sturz von der erlogenen Höhe mit dreifach so großer Geschwindigkeit, als er sich emporgelogen.

Paris ist entschieden der Höhepunkt seines Glückes und der Anfang seines jähen Ruins. – Das damalige Paris war ein Sumpf ohne Gleichen; in den Straßen schrie das Volk nach Brot, aber in den Schlössern der Vornehmen, da raste das Leben mit wilder Wut, man jagte und tollte, als wüßte man, daß ein schreckliches Ende nahe, und als wollte man sich übertäuben oder doch wenigstens die wenigen Augenblicke, die noch blieben, voll und ganz ausnutzen. – Auch im Schlosse des Königs ging es hoch her. – Hier war der Zentralpunkt Frankreichs; Versailles war Frankreich, und alles, was Witz, Adel oder Geld besaß, fand sich hier zusammen zu einer Gesellschaft, welche sich in der Sonne eines Königs wärmte, der, selbst für seine Person durchaus achtbar, dennoch viel zu schwach war, dem schamlosen Treiben um ihn her Einhalt zu gebieten. – Die Gesellschaft von Paris war skeptischer, wie alle andern der Zeit, sie dünkte sich aufgeklärter als diese, und hielt sich demzufolge auch berechtigt, sich hinwegzusetzen über alles das, was Menschen mit Herzen für heilig und recht erachten, vor allem über Ehre, Anstand und Sittlichkeit. – Man war sittenlos und verderbt bis in's Mark. – Aber gleichwohl wußte man sehr genau, im tiefsten Herzen, daß man fluchwürdig lebe, und empfand Gewissensbisse, wenn man es auch nicht zugestehen wollte, und da man einen Halt brauchte und Gott schon lange aus der Welt weggespottet hatte, so griff man zu dem, was der Mystizismus, bot. – Das lüderliche, skeptische Paris war der Vorort des Mystizismus, der, wie eine gelbe Dotterblume seine Nahrung aus dem Sumpf zog, und alle Gauner vor Cagliostro fanden hier ihr Eldorado. – Hier war St. Germain gewesen, hier hatte Puységur gewirkt, hier Mesmer seinen Klub um sich vereinigt, in welchem man allerhand spiritistischen Humbug trieb, was sollte Cagliostro, der ihnen allen über war, hier nicht sein Heil versuchen? Diese Gesellschaft mußte man nur zu nehmen wissen, ihre Schwächen auszubeuten verstehen, und man müßte hier Erfolge erzielen können, die weit über allen anderen ständen, – so dachte auch Cagliostro und siehe, er hatte sich nicht verrechnet. – Was konnte auch der leichtlebigen und genußsüchtigen Pariser Gesellschaft erwünschter kommen, als der Priester eines Ordens, in welchem man die tiefsten Geheimnisse der Natur und des menschlichen Daseins in amüsanter Weise zu ergründen Gelegenheit finden sollte, von welchem man sich Vergnügen, Aufregung der Phantasie, und nicht zum mindesten Kultus der Sinnlichkeit versprach, ein Orden, zu welchem nicht nur Männer, sondern auch Weiber zugelassen wurden.

Cagliostro zeigt sich in Paris nicht als Rival der Fakultät, wie in Straßburg, denn diese schleuderte eben damals ihre Blitze gegen alle Charlatane und eben erst war Mesmer getroffen worden, sondern als Errichter der ägyptischen Maurerei, bereit, den Brüdern die Mysterien der Isis und des Anubis wiederherzustellen.

Das zog; kaum hörten die Maurer-Gesellschaften, deren es damals in Paris 72 gegeben haben soll – darunter gewiß auch eine Menge magnetisch-somnambuler Klubs – von dem Wiederhersteller der ägyptischen Maurerei, als man denselben sofort zu sehen wünschte. – Er erschien auf devote Einladung, nahm eine geheimnisvolle Miene, an, ließ sich verschiedene Eide schwören, und der Schwindel nahm seinen Anfang, Cagliostro war wiederum der Held des Tages. – Was Cagliostro in Paris nicht mit der ägyptischen Maurerei mürbe machte, das machten sicherlich die Reize seiner Gemahlin um so mürber, denn auch dieser wurde in dem lockeren Paris volle Würdigung zu Teil, und die Gräfin war beständig von einer großen Schar vornehmster Verehrer umringt.

Besonders günstig traf es sich für Cagliostro, daß damals gerade sein alter Freund und hoher Gönner, der Kardinal Prinz Ludwig von Rohan, in Paris anwesend war; natürlich ging auch hier die alte Leier in schönster Harmonie von vorn los, d. h. Cagliostro lebte gut auf Kosten des Prinzen und prellte ihn, so gut er konnte; dafür empfahl ihn dieser absichtlich an manche hohe Personen, noch mehr aber unabsichtlich, denn in der Oeffentlichkeit war das Verhältnis, in dem er zu Cagliostro stand, natürlich nicht unbemerkt geblieben, und neugierig fragte man in den Kreisen des Adels, wer denn wohl der fremde Abenteurer sein möchte, für den der Kardinal so viel Geld ausgebe, und von dessen Stand und Herkommen man doch so gar nichts wisse. – Leider mußte Cagliostro sehen, daß er nicht mehr der einzige Spekulant auf des Prinzen Geldbeutel sei. – Der Prinz hatte sich nämlich eine neue Freundin angeschafft, eine Frau de la Motte-Valois, welche ihrerseits genau so gut verstand, aus ihrem Verehrer Geld herauszupressen, als er. – Que faire, ein äußerst unangenehmer Fall; indessen, da etwas haben immer noch besser ist, als gar nichts haben, so mußte er sich wohl oder übel darinfinden, einen stillen Teilnehmer bei seinem sauberen Geschäfte zuzulassen. – Zunächst kannte er seine Konkurrentin noch gar nicht, allein es ist nur zu begreiflich, daß die beiden Persönlichkeiten, die sich gegenseitig noch so verhängnisvoll werden sollten, sich zu einander wie in dunklem Drange hingezogen fühlten. Die Gräfin von la Motte fragte brieflich – sie weilte damals in Paris, der Prinz auf seinem Gut bei Zabern – nach Cagliostro an und teilte dem Prinzen, wie aus dessen Antwort hervorgeht, mit, in welches Gerede ihn sein intimer Verkehr mit dem Magier gebracht habe. Dieser antwortet:

»Sehen Sie selbst, wie ungerecht die Behauptung der Welt ist, ich ruiniere mich für den Grafen Cagliostro, während er doch der bedeutendste Mensch ist, den ich kenne und selbst ein Gott! Schreiben Sie mir – nicht, daß Sie ihn aus Neugierde zu sehen wünschten, aber doch, daß Sie ihn überhaupt sehen möchten. Bedienen Sie sich dabei möglichster Begeisterung, und Sie werden sehen, was er zu tun fähig ist. Man mißt ihm kein Vermögen bei; niemand weiß, wer er ist und von wo er kommt, da er schon seit 300 Jahren lebt. Bringen Sie, wenn Sie wollen, ein gewecktes Kind von sieben bis acht Jahren zu ihm mit, denn wenn es nicht geweckt ist, wird es nichts sehen.

Die Gräfin la Motte befolgte diesen Rat und bat Balsamo, ihm einen Besuch machen zu dürfen, was sie damit motivierte, daß sie im Namen der Königin komme, um von Cagliostro zu erfahren, ob letztere, die wegen ihrer Niederkunft in großer Besorgnis sei, eine leichte Entbindung haben und ob sie einem Knaben oder einem Mädchen das Leben schenken werde. – Natürlich war dies nur Lüge; eine kleine, kleine Masche in dem ungeheuren Lügengewebe, das die la Motte gesponnen und in dem sie den Kardinal gefangen hatte, und in welches auch Cagliostro gegen seinen Willen mit hineingeriet. – Diese immense Lüge hat unter dem Namen des »Halsbandprozesses« eine große historische Berühmtheit erlangt und wir werden davon auch noch ausführlich zu berichten haben; bis dahin mögen diese Andeutungen genügen.

Statt des kleinen Kindes hatte die Ia Motte ihre Nichte, ein Mädchen von 15–16 Jahren, mitgebracht. – Balsamo, auf den die Erwähnung der Königin natürlich gewaltigen Eindruck machte und der schon im Geiste auch die Königin in seinen Netzen sehen mochte, war augenblicklich dazu bereit, ihr die gewünschten Aufschlüsse durch eine magische Operation genau im Genre der in Mitau und anderen Orten vollzogenen zu verschaffen. Die Prozedur fand im Hause des Kardinals statt. Das betreffende Zimmer war wieder durch einen Vorhang in zwei Hälften geteilt und von einer Menge von Kerzen erleuchtet. Auf einem Tische hinter dem Vorhang stand eine Kanne mit Wasser und ein Armleuchter. Balsamo zog nun seinen Degen und führte das Mädchen hinter den Vorhang. Dann legte er ihren Kopf auf seine Kniee und soll ihr die nötigen Instruktionen, natürlich insgeheim, erteilt haben. Als das geschehen, begann er seine Beschwörung. »Im Namen des heiligen Michael und des großen Kophta befehle ich Dir, mich alles sehen zu lassen, was ich wünsche«, mußte nun das Mädchen den Zauberer anreden, worauf Balsamo sie anwies, mit dem Fuße dreimal die Erde zu stampfen, und sie dann fragte, ob sie etwas sähe. Die Kleine antwortete: »Nichts.« Er befahl ihr nochmals zu stampfen. Sie sah wieder nichts, und zum dritten Male, wobei er sie fragte, ob sie nicht eine große, weißgekleidete Dame sähe. »Erkennst Du die Königin?« fragte er; »ja, ich sehe die Königin« lautete jetzt die Antwort. »Siehst Du nicht zu Deiner Rechten einen Engel, der dich umarmen will?« »Ja.« »Umarme ihn heftig!« Man hörte jetzt den Schall zweier Küsse. So ging es denn in der bekannten Manier fort, bis man die gewünschten Aufschlüsse erhalten hatte. Der Kardinal war vor Bewunderung in eine förmliche Ekstase geraten, stürzte dem Magier zu Füßen, ergriff seine Hände, küßte diese und pries dabei den großen Mann, der alles vermöge.

Wenn uns daher die schon mehrfach erwähnten Mémoires authentiques erzählen, daß Cagliostro in Paris eine Loge errichtete und seiner Frau anheimstellte, eine Frauenloge zu gründen, so kann man über den Erfolg dieser Gründungen nur noch wenig staunen, wenn man weiß, daß die Gründungsfeste selbst in dem versumpften Paris noch durch ihren fabelhaften Luxus und ihren wüsten Sinnentaumel vor allem in gleicher Art Dagewesenen hervorragten. – Diese Logen hatten eben keinen andern Zweck, als unter dem Vormunde alles erdenklichen Hokus-Pokus dem Laster zu fröhnen, als eine gute Gelegenheitsmacherei für Personen vornehmen Standes abzugeben.

In den folgenden Tagen erlaubte man sich zwar nicht über das Vorgefallene zu sprechen, aber die Begeisterung für den Grafen Cagliostro war bis zu einem solchen Taumel gestiegen, daß selbst Paris darüber staunte. Das hatte Mesmer nicht vermocht. Hochgestellte Damen besuchten ihn tagtäglich und ergingen sich in preisender Bewunderung seiner Fähigkeiten, ja, sie trieben den Kultus so weit, daß sie ihm die Hände küßten und ihn wie ein höheres Wesen verehrten. Daß der Kardinal Rohan ihm öfters zu Füßen gelegen und ihm die Hände geküßt hat, ist bereits erzählt worden.

Uebrigens wußte Cagliostro auch hier das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, indem er nicht nur als Logenbruder, sondern auch als Arzt auftrat, was ihm natürlich Geld und einige törichte Opfer auf den Kirchhof brachte. – Besonders werden hier zwei vornehme Damen genannt, die unter seinen Händen oder, besser gesagt, durch dieselben ihr Leben einbüßten. So kurierte er eine Frau Romagne so lange, bis sie die Auszehrung bekam und starb. Als man ihn hierüber zur Rede stellte, zog er sich aus der Schlinge, indem er erklärte, sie habe das Bett zu früh verlassen und infolgedessen Rheumatismus bekommen, woran sie zu Grunde gegangen sei. – Nicht besser erging es einer Frau Cramayel, die er mit so stark ätzenden Mitteln behandelte, daß sie eine fürchterliche Rachenhöhlenentzündung bekam und endlich starb. – Das alles aber vermochte der unsinnigen Menge nicht die Augen zu öffnen, vielmehr stieg der Zulauf an Kranken von Tag zu Tage und mit ihm seine Einnahme ins Unermeßliche.

Sein Luxus entsprach seinen Einnahmen, er bewohnte einen prächtigen Palast in der Rue St. Claude, hielt stets offene Tafel, veranstaltete Bälle und Vergnügungen, bei denen sich eine Unmenge von Bedienten in fürstlicher Livrée tummelten. – Seine Gattin sowohl, wie er, kleideten sich mit großem Aufwand, seine und die Hände Lorenzas waren mit kostbaren Solitärs beladen, und die Fülle der Halsgeschmeide, Ketten und Schnallen, die mit den teuersten Brillanten besetzt waren, erregte sogar den Neid und Aerger der Leute, die dem Ehepaar auf der Straße begegneten. – Und dennoch wußte ihm kein Mensch nachzuweisen, auf welche Weise ihm eigentlich die Gelder zuflössen, die er in so leichtfertiger Weise zum Fenster hinauswarf, von wannen ihm die Geschmeide kamen, mit denen er prunkte. Es war dies ein Umstand, der später auch die Aufmerksamkeit der Richter auf sich zog, und die Antwort, welche er auf diesbezügliche Fragen erteilte, ist zu charakteristisch für seinen aufgeblasenen Gaunerhochmut, als daß wir sie übergehen möchten:

»Die Frage, die Sie mir stellen, hat keinen Bezug auf die Sache, um die es sich handelt. Ich will Ihnen aber doch Genüge leisten. Was liegt daran, daß man wisse, ob ich der Sohn eines Monarchen oder eines Bettlers sei, und warum ich reise, ohne mich zu erkennen zu geben? Was liegt daran, zu wissen, wie ich es mache, um mir Geld zu verschaffen? Wenn ich die Religion und die Gesetze ehre, Jedermann bezahle, immer nur Gutes und nichts Böses tue, so ist die an mich gerichtete Frage unnütz und ziemt sich nicht! Indessen mögen Sie wissen, daß ich immer ein Vergnügen daran gefunden habe, die Neugierde des Publikums über diesen Punkt nicht zu befriedigen, trotz allem, was man über mich ausstreute, indem man sagte, ich wäre 1400 Jahre alt, ich wäre der ewige Jude, der Antichrist, der unbekannte Philosoph, und endlich trotz aller Verleumdungen, welche die Bosheit gegen mich ausgeheckt hat. Ich will Ihnen indessen doch gestehen, was ich noch niemandem gesagt habe: Meine Stütze ist, daß ich, sobald ich in ein Land komme, einen Wechsler habe, der mir alles Notwendige verschafft und hernach wieder bezahlt wird. Zum Beispiel für Frankreich habe ich Herrn Sarasin in Basel, der mir sein ganzes Vermögen geben würde, wenn ich es wollte, so wie auch zu Lyon Herrn Soncastor. Ich habe diese Herren gebeten, nie zu sagen, daß sie meine Banquiers seien; dann habe ich auch noch andere Quellen in verschiedenen mir bekannten Dingen.«

Das erste, was ein Gerichtshof heutiger Zeit getan hätte, wäre gewesen, diese grob erlogenen Angaben durch Erkundigung und Nachforschung bei den genannten Banquiers zu kontrolieren, damals indessen scheint man solches nicht für nötig erachtet zu haben. Sonst wäre man schnell genug hinter die Schliche Cagliostros gekommen, der Gelder bekanntlich nur durch seine Gemahlin annahm. Alle diese Lügen hatten nur den Zweck, seinen Richtern durch das Geheimnisvolle, das in ihnen lag, zu imponieren und sie zu seinen Gunsten zu stimmen.

So lebte denn Cagliostro wirklich wie ein junger Gott in Frankreich, hell strahlte ihm die Sonne des Glückes, eines Glückes, das zu groß schien, als daß es einem Wandel hätte unterworfen sein können, und dennoch – Beppo, Beppo, es naht die Peripetie, Wolken ziehen sich über Deinem Haupte zusammen, ohne daß Du es merkst, das Gewitter zieht herauf, und furchtbar, mit betäubender Wucht werden die Donner auf Dein Haupt fallen.

Eines Morgens flog mit Windeseile zu allgemeinem Erstaunen die Nachricht durch die Stadt, daß Cagliostro, der gefeierte Held des Tages, der Löwe des Salons, der Großmeister der Loge, der Wohltäter der Armen und Kranken, im Namen des Königs verhaftet worden und in der Bastille eingekerkert sei. Es war das eine Tatsache, die dem großartigen Spektakel des berühmten Halsbandprozesses die Krone aufsetzte. Man war starr vor Staunen und Ueberraschung und konnte sich absolut nicht erklären, wie der Zauberer und Geisterbeschwörer mit diesem berüchtigten Falle in Verbindung zu bringen sei. – Höchstens einige mehr Eingeweihte witterten in seiner Freundschaft zum Prinzen Rohan den Grund, ohne indessen irgend wie Bestimmteres angeben zu können.

Balsamo selbst beschreibt den Akt seiner Einkerkerung folgendermaßen:

»Am 22. August (1785) um acht Uhr Morgens kam ein Gefreiter mit acht Polizeisoldaten zu mir. Man fing sogleich die Plünderung an. Man nötigte mich, meine Kästen zu öffnen, Elixire, Balsame, kostbare Liqueurs – alles wurde ein Raub der Häscher. Ich bat den Kommissar, mich in meine Kutsche steigen zu lassen; er hatte die Unmenschlichkeit, mir auch diese kleine Gefälligkeit abzuschlagen. Man führte mich zur größten Beschämung bis auf den halben Weg zur Bastille zu Fuß. Dort stand ein Fiaker, und endlich ließ man mich aus Gnade dort einsteigen. Die fürchterliche Zugbrücke fällt nieder, und ich sah mich eingesperrt.... Meine Gemahlin hat das nämliche Schicksal. Ich verschweige, was ich schon ausgestanden habe. Nur ein einziges Wort sage ich und rufe den Himmel zum Zeugen an, daß es wahr sei: Wenn man mir die Wahl zwischen dem Tod und einer sechsmonatlichen Gefangenschaft in der Bastille anböte, so würde ich ohne Bedenken sagen: »Führet mich zur Richtstätte!«

Ist es nicht eine furchtbare Ironie des Schicksals, daß er, der tausendmal Kerker verdient hätte, der so unzählige Male wegen der niedrigsten Streiche als ein wirklich Schuldiger in die Hände der Polizei fiel und dennoch immer der Strafe sich zu entziehen verstand, hier, wo wirklich das Unglück über ihn hereinbrach, gänzlich unschuldig war an dem, was man ihm zur Last legte. Sechs Monate verbrachte Cagliostro in der Bastille, ohne eine Kunde über seine Anklage und sein ferneres Schicksal zu erhalten. Man hatte ihn eingesperrt und ließ nun den Dingen, unbekümmert um den Mitangeklagten, ihren Lauf. Zugestanden muß werden, daß die Erhebungen, welche dieser ungemein verwickelte Prozeß nötig machte, durch die Abgefeimtheit der Hauptschuldigen ungemein erschwert wurden, allein dies ist keine Entschuldigung für die unverantwortliche Willkür der französischen Tribunale, einen Menschen, gegen den nur die Denunziationen eines offenbar verruchten Frauenzimmers vorlagen, ohne weiteres auf sechs Monate einzukerkern, ohne daß man ihn zuvor über seine Schuld einem einzigen Verhör unterworfen hätte. – Cagliostro hat viel gesündigt, aber das Gerechtigkeitsgefühl in uns ist doch zu mächtig, als daß wir es mitansehen könnten, daß er gerade als ein Unschuldiger einer so furchtbaren Tortur unterworfen wurde, wie die Bastille war, trotzdem der Gouverneur derselben, Marquis de Launay, ihn ungemein schonend behandelte. – Ein Teil der Schuld, die Balsamo während seines ruhelosen Umherirrens auf sich geladen hatte, ist sicherlich durch dieses Unglück gesühnt worden.

Wir aber wenden uns nun im folgenden zur Erzählung des berühmten Halsbandprozesses, den Carlyle treffend als die größte Lüge des 18. Jahrhunderts bezeichnet.

Die Namen derer, die in diesem tollen Drama, welches man ebenso als Komödie wie als Tragödie bezeichnen kann, sind uns nicht mehr unbekannt, da wir nicht umhin konnten, sie schon verschiedentlich zu erwähnen; es sind der Kardinal von Rohan und Frau de la Motte-Valois, Cagliostro wurde unschuldig hineingezogen.

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