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Memoiren Cagliostros

Paul Bornstein: Memoiren Cagliostros - Kapitel 6
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authorPaul Bornstein
titleMemoiren Cagliostros
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V. Cagliostro in Petersburg. – Warschau.

Cagliostro kommt in Petersburg an, dem Ziele seiner lang gehegten Sehnsucht, der Stadt, auf deren Eroberung er sich vorbereitet hat, wie ein Feldherr, der Sturm laufen lassen will. Petersburg lohnt der Mühe. – Alle Hilfsmittel werden zusammengerafft, neue zum ersten Mal in Anwendung gebracht, alles Erdenkliche, Glaubliche und Unglaubliche, versucht. Wird er den Sieg an seine Fahnen heften? – Wird es ihm gelingen, auf den Zinnen der Hauptstadt aller Reußen das Banner der Ignoranz und des Mystizismus aufzupflanzen? – Er hofft es wenigstens.

Sonst hatte er es genug sein lassen, entweder den Grafen oder den Obersten zu spielen; hier ist er beides, Graf und Oberst – und noch dazu einer aus Spanien, von welchem man damals in Rußland ungefähr so viel wußte, wie von Persien oder Kamschatka – und überdies noch Arzt. – Den Magiker und Logenbruder hat er sich als Trumpf für später aufgehoben. – So, in den Harnisch der Lüge gekleidet und die Lanze der Reklame eingelegt, reitet unser Industrieritter in die Schranken, und die Pauken wirbeln und die Hurrarufe ertönen und die Zuschauer staunen und gaffen. – Frisch auf, Beppo, zum Kampf gegen Wissenschaft und Vernunft. Die Chancen sind günstig! –

Er beginnt damit, Arme zu heilen und ihnen Geld zu geben. Diesen Unglücklichen Nahrung schaffen, heißt sie heilen, denn der Hunger ist der Grund ihrer Krankheiten. Alt und Jung drängt sich vor dem vornehmen Gasthofe, in dem er logiert, seine Vorzimmer sind überfüllt mit Hilfe suchenden Patienten. Ein Mann von angesehener Stellung will einen Versuch mit dem neuen Doktor machen. Er wird wirklich geheilt. Er will bezahlen; man schickt ihm sein Geld zurück. Diese Methode wirkt überraschend durch ihre Neuheit, das Gerücht trägt sie herum. Man will den Wohltäter der Menschheit sehen. Die Großen, stets noch leichtgläubiger, als die Menge, geraten in Hitze. Man ladet ihn ein; er refüsiert; er bittet, ihn zu beehren. Man tut den ersten Schritt, er bittet, ihn zu entschuldigen, da er in seinem chemischen Laboratorium beschäftigt sei. An seiner Stelle findet man eine mit bescheidener Eleganz gekleidete Frau, die von ihren wunderbaren Reizen nichts zu wissen scheint; man führt mit ihr jene plänkelnden Gespräche, die Liebeserklärungen voranzugehen pflegen, sie antwortet klug, freundlich, aber zurückhaltend und mit vornehmer Kälte. Sie war dem Anschein nach zwanzig Jahre alt und sprach dabei ohne Affektation von ihrem ältesten Sohne, der seit lange Kapitän in holländischen Diensten sei. Eine so außergewöhnliche Sache bringt das Gespräch auf ihr Alter, und es fand sich, daß eine Frau, deren Haltung, Busen, Teint und Zähne die Frische blühender Jugend zeigten, mehr als acht Jahrzehnte alt war. Die Frauen, ebenso bereit, von ihren Jahren abzulegen, als die Marquise bemüht, sich deren zuzugeben, forschen insgeheim nach dem Ort des Jungbrunnens. Sie verteilt das Schönheitswasser, die Schätze häufen sich. Die Frauen werden zwar nicht jünger, aber die Liebhaber sagen es ihnen, und Cagliostro ist ein Gott. – Er macht das ungeheuerste Aufsehen, die Großen umdrängen ihn, aus aller Munde schallt sein Ruhm.

»Cagliostro, Graf Cagliostro«, sagt der Marquis de Normandy zu einem seiner Attachés, »kennen Sie die Familie?« »Nein, Exzellenz.« »Seltsamer Name dies!« Man schlägt im Bureau der spanischen Gesandtschaft die Adelsliste nach. Nichts! Die Militärliste – auch nichts. Sonderbar, sehr sonderbar in der Tat. Der Marquis sendet eine Nachfrage an seine Regierung.–

Hüte Dich, Beppo, ein Ungewitter zieht sich über Dir zusammen, während Du in Ruhm und Schätzen schwelgst. – Prosit, Beppo wird sich hüten, dazu hat er keinen Grund. –

Er hat ja eine Leibgarde von Dummen, die ihn schützt, was hat er zu fürchten?

Ein Mann, wie Cagliostro, der in die tiefsten Geheimnisse der Natur eingeweiht schien, die merkwürdigsten Heilungsprozesse ausführte, die Uneigennützigkeit und Ehrenhaftigkeit selbst schien, ein Mann, der sich nicht aufdrängte, sondern sich erst nach mehrfachen, vergeblichen Versuchen dazu verstand, mit der noblen Welt Fühlung zu nehmen, – ein solcher Mann verdiente unbedingt mehr Vertrauen, als der umherziehende Troß gewöhnlicher Gaukler und Wundermacher; ein solcher Mann verdiente, daß man für ihn wirkte und seine seltenen Eigenschaften in das rechte Licht setzte. – Und am meisten von seinen Anhängern, deren Zahl Legion war, war ihm hierbei ein Diplomat, der Vertreter eines fremden Hofes zu Diensten, dessen unbegrenztes Vertrauen Beppo in kurzem zu gewinnen verstanden hatte.

Mittlerweile trifft die Antwort aus Spanien ein. Sie lautet so, wie man erwartet hatte. Ein Graf Cagliostro sei in der spanischen Armee völlig unbekannt. Der spanische Geschäftsträger beeilte sich nun, diese interessante Neuigkeit sofort in die Oeffentlichkeit zu bringen, indem er die Antwort seiner Regierung in den Zeitungen abdrucken ließ. – Ein Blitz aus heiterem Himmel. – Man schreit Zeter und Mordio in den Kreisen der Anhänger Beppo's. – Nichts, als Neid, Neid und Mißgunst. – Was geht die ganze Sache den Marquis de Normandy an? Besonders schäumt jener Diplomat, der Beppos Intimus war. – Er läuft zu seinem spanischen Kollegen und stellt ihn zur Rede. Der Gesandte erwidert sehr ruhig, daß seiner Meinung nach Rangfragen zu den Objekten der Diplomatie in erster Linie gehören, und daß er für sein Teil einem Mann, der sich unter erschwindeltem Adelstitel in der Welt umhertreibe, kein Vertrauen schenken könne, vielmehr gegen alle seine Ziele und Zwecke von höchstem Mißtrauen erfüllt sei. Er habe jene Antwort seiner Regierung lediglich darum veröffentlicht, um den Beteiligten einen kleinen Wink zu erteilen, und er müßte es im Interesse seines geschätzten Kollegen sehr bedauern, wenn er zu den Beteiligten gehören sollte. – Der dadurch in Harnisch gebrachte Fürsprecher Balsamos wollte diesen Gründen kein Gehör schenken, sondern meinte, daß es hier nicht auf den Titel, sondern auf die hohe Weisheit dieses »heiligen« Mannes, der ein wirklicher Wundertäter sei, ankäme; man müsse, anstatt ihn zu verfolgen, ihn bewundern; wenigstens sollte man nicht eher urteilen, als man selbst gesehen hätte. Se. Exzellenz würde, wenn Sie sich die Mühe geben wollte, mit eigenen Augen zu prüfen, Spanien es zum Ruhme anrechnen, einen solchen Mann, ein Genie, einen Halbgott, wie Cagliostro, der Welt geschenkt zu haben u. s. w. u. s. w.

Der spanische Gesandte, der schnell genug merkte, daß sein Kollege stark an einer Eigenschaft leide, gegen welche Götter selbst vergebens kämpfen, und sehr wohl wußte, daß er bei weitem kein Gott sei, gab diesem Enthusiasmus gegenüber lächelnd nach. Er sagte seinem Kollegen, daß er ihm den Wundermann mit Haut und Haaren lassen wolle, und bat nur, diese Unterredung geheim zu halten; übrigens warte er in aller Ruhe den Zeitpunkt ab, bis sein Kollege den »Halbgott« in seiner wahren Natur kennen gelernt haben würde.

Das Ungewitter, das sich über Beppos unschuldigem Haupte zusammengezogen hatte, hatte seinen Blitzableiter gefunden, und hell und freundlich, wie nie zuvor, strahlte die Sonne an seinem Himmel. – Mit jedem Tage gewann er mehr Anhänger, der ganze Hof drängte sich danach, ihn kennen zu lernen. Potemkin, der erklärte Favorit Katharinas, fand den größten Gefallen an Beppos Künsten und wurde bald sein täglicher Gast. – Dem Leithammel blökten die Schafe nach.

Böse Zungen behaupteten freilich, daß die Besuche Potemkins mehr der Gemahlin Cagliostros, als ihm gälten, und die mémoires authentiques, die zu den bösesten gehören, erzählen in recht erbaulicher Weise:

»Indessen hört ein Prinz, eine wahre Gottheit Rußlands, von den Wundern des Grafen und den Reizen seiner Gemahlin. Er besucht die einen, um über die andern urteilen zu können. Er findet, daß das Gerücht die Kuren des Doktors ein wenig übertreibe, dagegen die Schönheit der Gräfin nicht erreiche. Er spricht ihr von einer Krankheit, gegen die alle Elixire ihres Gatten vergeblich seien und für welche sie das einzige Heilmittel besitze. Sie schiebt die Keuschheit, die Tugend, die Treue und alle sonstigen Gemeinplätze weiblicher Klugheit vor. Er setzt einen Brillantschmuck dagegen. Die Beredtsamkeit der Marquise läßt nach beim Anblick dieser Geschenke. Sie läßt den Prinzen um die Erlaubnis bitten, ihm die Gründe mitteilen zu dürfen, aus denen sie seine Liebenswürdigkeiten nicht entgegennehmen dürfe. Er fliegt selbst herbei. »Wenn Sie wollen«, sagt sie ihm, »daß ich Ihrer Liebeserklärung glaube, dann nehmen Sie Ihre Geschenke zurück und verwandeln Sie deren Wert in eine Pension, die mich für Lebzeiten an ein Land fesseln wird, in welchem ich mit dem Liebenswürdigsten aller Sterblichen leben und sterben kann.« »Göttliches Weib!« ruft er, »Deine Wünsche sollen erfüllt werden. Aber gestatten Sie, daß diese Pension uns vereine, ohne doch den Geschenken Abbruch zu tun, welche ich einmal gemacht habe.«

Indessen spricht ganz Petersburg (denn heutzutage klatscht man in den großen Städten genau so, wie in den kleinen) von nichts, als von der neuen Liebschaft des Prinzen. Die schöne Gräfin S. seufzt über die Unbeständigkeit der Männer. Frau Cagliostro erfährt es. – Sie läßt ihr mitteilen, daß sie, weit entfernt, einer andern Frau ihren Liebhaber stehlen zu wollen, zu jedem Opfer bereit sei. Die Gräfin von S. schickt ihr 30000 Rubel für den Fall, daß sie Rußland verlassen wolle. Frau Cagliostro schreibt dem Prinzen folgendes Billet:

»Senden Sie mir einen Vertrauensmann, dem ich Ihre Geschenke zurückgeben kann. Ich fühle mich aufs tiefste gedemütigt dadurch, daß man glaubt, durch Geld über mein Herz verfügen zu können. Ach, ich will weder Geschenke, noch Stellen, noch Pension. Ihr Herz brauche ich, und ohne dieses kann ich nicht leben. Wenn man mir dieses läßt, dann habe ich alles, was ich will. Nehmen Sie also die Geschenke wieder, die so viele Eifersüchtige machen und lassen Sie mir jenes, als das einzige, was mich glücklich machen kann.«

Der Prinz erkundigt sich über dies Manöver, und nachdem er von dem Vorgehen der Gräfin S. gehört hat, schickt er ihr im Namen der Frau von Cagliostro die 30000 Rubel aus seiner Kasse und bittet sie, die Dinge zu lassen, wie sie sind, um Auseinandersetzungen zu vermeiden, die zu einem Skandal führen müßten.«

Soviel Edelmut hätte eine strengere Frau besiegt. Der Prinz sollte eines Abends die Belohnung dafür empfangen. »Nehmen Sie mich hin,« sagte die Marquise; »ich wünschte Ihnen nur beweisen zu können, daß die Liebe in meinem Herzen der Erkenntlichkeit voranging.«

Während sie kapitulierte, sieht sie einen Kurier der Kaiserin eintreten, der ihr den Befehl brachte, sich nach Zarskoje-Selo zu begeben. Der Prinz, selbst überrascht, beruhigt sie, erklärt ihr indessen, sie müsse sogleich abreisen. – Sie kommt an. Die Kaiserin empfängt sie gütig, fragt sie nach ihrem Leben und dem ihres Mannes, insonderheit nach Details über ihre Liebschaft mit dem Prinzen. Frau Cagliostro log mit einer Geschicklichkeit, welche die Kaiserin überzeugte. Sie gestand Schwächen zu, die interessant machen und Unrecht, das man gern verzeiht.

Nachdem Katharina sie angehört hatte, sagte sie: »Madame, ich will Ihnen wohl; indessen die Wundertaten Ihres Gemahls passen schlecht in den Rahmen der Philosophie, die ich in meinen Staaten ausbreiten will. Sie sollen darum den Aufenthalt in meinem Lande nicht zu bedauern haben, doch wäre es mir genehm, wenn Sie andern Ländern den Vorzug geben wollten. Uebrigens spricht man allgemein über eine gewisse Geschichte mit einem verschwundenen Kinde. Man wird Ihnen 20000 Rubel auszahlen. Gehen Sie und lassen Sie meine Untertanen glücklich werden durch die Errungenschaften der Wissenschaft.«

So viel Edelmut stimmt schlecht zu einem so strengen Befehl. Frau von Cagliostro kommt nach Petersburg zurück, benachrichtigt ihren Gatten, sie packen ihre Koffer, vergessen weder die Geschenke des Prinzen, noch die der Gräfin, benachrichtigen letztere von dem plötzlichen Befehl der Kaiserin und sind in wenigen Stunden aus Petersburg spurlos verschwunden.«

Armer Beppo; – warum bedauerst Du ihn, lieber Leser? – Stolz schrieb einst Franz I.: Tout est perdu fors l'honneur, mit nicht geringerem Stolze streicht sich Beppo über sein wohlgefülltes Portemonnaie und sagt befriedigt: Tout est perdu fors l'argent. – Das hat er und das nimmt er sicher mit. – Was gilt ihm l'honneur! Damit kann man sich nichts kaufen. – Geld, das ist die Hauptsache. – Wer kein Geld hat, ist ein Lump. Beppo hat es, und darum ist er keiner.

Was übrigens die Geschichte mit dem kleinen Mädchen anlangt, so ist sie nicht unbedingt festgestellt. Eine Mutter sah dem Tode ihres geliebten, einzigen, zweijährigen Töchterchens entgegen. Sie versprach Cagliostro 5000 Louis, wenn er es heilen könnte. Er verlangt acht Tage Zeit. Am zweiten nimmt die Krankheit zu; er bittet dringend, das Kind in sein Haus nehmen zu dürfen. Am fünften Tage meldet er eine Wendung zum Guten, am achten versichert er die völlige Heilung und nach Verlauf von drei Wochen giebt er der gerührten Mutter ein Kind zurück. – Ein gewisses, peinliches Gerücht verbreitet sich. Man verlangt Aufklärungen. Cagliostro gesteht, daß das zurückgegebene Kind untergeschoben, daß das wirkliche gestorben ist, und daß er glaubte, den Schmerz einer Mutter für eine gewisse Zeit täuschen zu dürfen. Die Justiz fragt ihn, was aus dem Leichnam des Kindes geworden sei. Cagliostro bekennt, daß er ihn verbrannt habe, um die Wiedergeburt zu versuchen. Man verlangt von ihm die 5000 Louis; sie waren verschwunden. Dies ist die Geschichte, welche seine plötzliche Abreise veranlaßte. Wenn die Kaiserin sie selbst befahl, geschah dies lediglich aus Rücksicht auf den stark kompromittierten Prinzen.

Zudem war auch der Löwe der Wissenschaft mittlerweile über den armseligen Hund der Charlatanerie hergefallen. Doktor Rügensohn, der Leibarzt der Kaiserin, hatte Cagliostros wundersame Heilkuren nämlich einer näheren Inspektion unterzogen und dabei gefunden, wie natürlich, daß alles Lüge, Schwindel und Betrug sei, und daß man dem so schnell wie möglich ein Ende machen müsse. – Sein Bericht an die Kaiserin mag auch zum Teil zu Cagliostros schleuniger Entfernung beigetragen haben.

Übrigens ein Glück für ihn, daß seine Entfernung eine so schleunige war, denn kaum ist er fort, so erscheint der preußische Gesandte mit einer Klage, daß er in Rom unbefugter Weise die preußische Uniform getragen, und sein guter, alter Freund, der spanische Gesandte, mit der noch schwereren Anklage, daß er in Cadix falsche Wechsel gemacht. – Indessen ist er wohlbehalten über alle Sümpfe hinüber, und es möge nun klagen, wer da Lust hat. –

Einer seiner Bekannten sah ihm mit einem besonders langen Gesicht nach, es war sein Intimus, der junge Diplomat. – Wir können uns nicht verbürgen dafür, daß er sich an die Stirn schlug und ausrief: »O ich Esel!« Hätte er es aber ausgerufen, so können mir ihm freudig bestätigen, daß er ungemein Recht hatte.

Trotzdem aber Cagliostro so auf wenig ehrenvolle Weise in Petersburg vor die Tür gesetzt wurde, muß man dennoch annehmen, daß der Eindruck, den er auf einen Teil der bornierten Massen machte, von nachhaltiger Wirkung war, denn sonst hätte Katharina schwerlich eigenhändig zur Feder gegriffen und, um jene Wirkung ein für alle Mal zu vernichten, zwei Lustspiele geschrieben, in denen mit dem großen Magiker äußerst unglimpflich umgegangen wird. Jedenfalls erwies sich das Mittel als ungemein wirksam, denn beide Stücke wurden bei ihrer Aufführung auf der Petersburger Bühne mit außergewöhnlichem Applaus aufgenommen. Die Vorrede zu der gedruckten Ausgabe dieser beiden Stücke, zu denen später noch ein Drittes hinzukam, ist so ungemein charakteristisch für den nüchternen und ruhigen Blick Katharinens einerseits und die Verblendung der Zeit andererseits, daß wir nicht unterlassen möchten, sie anzuführen:

»Obwohl unser Jahrhundert von allen Seiten das Kompliment erhält, das philosophische zu heißen, und obwohl wir demselben das große Wort »Aufklärung« schon zum Voraus zur Grabschrift setzen, so werden dennoch überall eine Menge Köpfe von einem so anhaltenden Schwindel ergriffen, daß die Göttin der Weisheit sich genötigt sieht, die komische Muse um Arzenei für diese Kranken zu bitten. Man möchte seinen eigenen Augen nicht trauen, so oft man liest, was für wunderbare Dinge um uns und neben uns vorgehen. Man zitiert Geister, man sieht durch dicke Wände, hält Klubs mit Verstorbenen, destilliert Universaltinkturen und sucht sich auf ewig gegen den Tod zu feien, man schmiedet Diamanten, kocht Gold, trägt den Stein der Weisen schon in der Tasche, zaubert ohne weitere Umstände den Mond herab und reißt die Welt aus ihrer Axe. Tierischer Magnetismus und Kabbala, Desorganisation und Mystik sind aus Worten zu Ideen geworden, die dem Scharfsinn als Wetzstein dienen. Und die Depositäre dieser Wundergaben versammeln nicht etwa die leichtgläubige Menge um eine Jahrmarktsbude – nein, Mesmer, Cagliostro und Kompagnie sehen sich in geschmückten, vollgedrängten Assembléen. Dazu schüttelt freilich nun wohl die wahre Philosophie den Kopf und legt nicht immer den Finger auf den Mund. Aber ihre leise Stimme wird nicht überall vernommen.«

Man sieht, die Kaiserin hatte mit Aufmerksamkeit die Verirrungen ihrer Zeit verfolgt und es verstanden, sich inmitten der sie umgebenden Tollheiten den ungetrübten Blick nüchterner Kritik zu wahren. Wie unendlich borniert mußte der Schelm sein, der es zu hoffen wagte, einen so hellen Geist mit den Nebeln seiner groben Mystik umdunkeln zu können.

Doch zurück nunmehr zu unserm trauten Freunde Beppo Cagliostro! Wäre er ein Mann von Wort gewesen, dann hätte er von Petersburg aus nach Mitau zurückkehren müssen, denn es gab da noch einen gewissen magischen Schatz, den er zu heben versprochen hatte. Allein hebe einmal einer Schätze, wo keine zu heben sind. – Dies konnte nicht einmal Cagliostro, der doch sonst so manches verstand, was andere vernünftige Menschen nicht verstehen. – Er beschloß also, Mitau inkognito zu passieren, drückte sich tief in den Fond des Wagens und atmete erst auf, als er zum Tor hinausfuhr, ohne von einem seiner ehemaligen Logenbrüder erkannt zu sein. – Es läßt sich annehmen, Beppo habe Wind davon bekommen, daß sich in Mitau eine Metamorphose zu vollziehen beginne, die nicht zu seinen Gunsten sei. – Genug, er eilte jetzt schnurstracks nach Warschau, um dort neue Lorbeeren zu suchen.

Aber, weiß der Teufel, wie es kommt, er hat in Warschau wenig Glück; denn er hat das Malheur, daselbst einen vernünftigen Menschen zu finden, einen kenntnisreichen Chemiker, einen schlimmen Skeptiker, der ihm mit verzweifelter Schärfe auf die Hände sieht, ihm Betrug nach Betrug nachweist, ihn bis aufs Blut peinigt und endlich als entlarvter Schwindler moralisch aus Warschau hinauswirft. Dieser Mann ist der Graf Moszinsky, von dem wir eine kleine, aber höchst zuverlässige Schrift besitzen, betitelt: Cagliostro démasqué à Varsovie ou relation authentique de ses opérations alchimiques. Der Herausgeber dieses für den Aufenthalt Cagliostros in Warschau ungemein wichtigen Büchleins ist der bekannte Schriftsteller Berting; der Grund, aus welchem gerade diesem Werkchen eine größere Aufmerksamkeit zuzuwenden ist, liegt darin, daß es neben einigen Warnungen in Zeitungen die erste literarische ist, die sich bemüht, Cagliostro als gemeinen Betrüger zu brandmarken. – Die Schrift, die erst sehr allmählig Verbreitung fand, war nicht im Stande, zunächst dem Erfolge Cagliostros Eintrag zu tun, machte aber später um so größeres Aufsehen und trug viel zu seinem späteren Sturz bei. – Wir stützen uns in unseren nächsten Angaben völlig auf dieses Buch, in welchem es heißt:

»Ein gewisser Cagliostro, nachdem er einen großen Teil von Europa durchwandert und viele Gerüchte von Wundern, die er sowohl in Kurland als Rußland getan haben sollte, vor sich hergeschickt hatte, kam zu Anfang des Mai 1780 auch hierher nach Warschau. Er ließ sich durch einen Kavalier, dessen Bekanntschaft er in Kurland gemacht hatte, an den Herrn Fürsten P. und an den Grafen M. (dies ist eben Herr v. Mosczinsky) präsentieren, entdeckte sich ihnen als ein sehr erfahrener Freimaurer und erbot sich, ihnen Verschiedenes von seinen geheimen Kenntnissen mitzuteilen. Man nahm den Antrag an, und der Fürst P. logierte ihn nebst seiner Frau in sein Palais.

Einige Tage darauf erbot er sich, eine reelle Probe von seinen sowohl magischen, als philosophischen Operationen zu machen und schritt dabei folgendergestalt zu Werke: Er ließ einen Vorhang von schwarzem Tuche vor die Tür eines Zimmers hängen, nahm der anwesenden Versammlung ein verbindliches Versprechen vollkommener Verschwiegenheit ab und unterhielt sie eine kurze Zeit mit verschiedenen, allgemeinen Gesprächen, die auf diese Sache vorbereiten sollten. Ein paar Tage darauf nahm er ein kleines Mädchen aus dem Hause zu sich, die er sowohl, als seine Frau durch tausend Geschenke und kleine Schmeicheleien zu gewinnen und zu seinen Mummereien abzurichten suchte.

Tags darauf machte er mit dem Kinde genau die Experimente, wie mit dem Knaben in Mitau. Er goß dem Kinde zunächst ein gewisses Öl in die Hände, beschrieb abermals mit dem Degen in die Luft die bewußten, mystischen Figuren und examinierte die Kleine dann nach dem bewußten Schema, ob sie einen Engel, ein Grab und ähnliches Zeug sehe, ließ sie einen der Engel küssen, wobei sie natürlich nur den eigenen Arm küßte, und veranlaßte dann die Anwesenden, ihre Namen auf ein Blatt Papier zu schreiben. Dies Blatt verbrannte er dem Anschein nach vor ihren Augen, ruft darauf dem Kinde zu, es solle das Billet, das zu seinen Füßen fallen würde, herausgeben, steckte darauf die Hand durch die halb offene Tür in das Kabinet, in welchem das Kind sich befand, und brachte wirklich ein Billet, das mit einem sehr schlechten, maurerischen Siegel versiegelt war, heraus. Dies sagte er, sei das Zeichen, daß die Geister seine Wahl der Anwesenden zu der Operation billigten.

Dies Stückchen, welches eine von den allergewöhnlichsten Hokus-Pokus-Touren eines Comus, Philadelphia und mehrerer Taschenspieler ist, machte dem Grafen M. Cagliostros hochgepriesene Operationen und geheime Wissenschaften so verdächtig, daß er nicht umhin konnte, dem Fürsten P. seinen Argwohn darüber zu entdecken; aber dieser war anderer Meinung und glaubte dem Wundermanne, ohngeachtet das Kind Tags darauf, als sein Vater es befragte, ganz offenherzig versicherte, daß es nichts gesehen habe. Herr Cagliostro, der mit dieser Art von Untersuchungen und Aufklärungen sich gar nicht vertragen konnte, war sehr unzufrieden darüber, suchte durchaus den Vater des Kindes aus dem Hause zu entfernen und wählte nun, um sicherer zu sein, zu seinen künftigen Geisteroperationen ein junges Frauenzimmer von 16 Jahren, welches er hatte kennen lernen, und das eine reine Jungfrau sein sollte.

Die Operation wurde nun aufs neue wiederholt; aber mit weit mehr Umständen, größerem Pompe, und so gut angelegt und ausgeführt, daß selbst der Graf M., der bisher noch immer ungläubig gewesen war und sich ganz auf die Ehrlichkeit des Mädchens verlassen zu können glaubte, durch sie hinters Licht geführt wurde, da sie ihre Rolle so meisterlich für Cagliostro spielte. In diesem Wahne vergingen etliche Tage. Unglücklicher Weise aber fing Cagliostro an, sich in diese reine Jungfrau zu verlieben und wollte sich unter dem Vorwande einer neuen Geisteroperation gewisse körperliche Operationen erlauben, welcher Antrag aber das Mädchen dergestalt aufbrachte, daß sie gerade zum Grafen M. ging und ihm den Betrug entdeckte. Sie sagte, Cagliostro habe sie durch das Versprechen, ihr Glück zu machen und ihr einen Mann zu verschaffen, dahin gebracht, daß sie seine Possen so gut als möglich mitgespielt hätte; er habe ihr immer die Antworten auf seine Fragen schriftlich vorausgegeben oder mit ihr verabredet, daß sie auf die andern, welche er in unserer Gegenwart an sie richten werde, immer die erste Phrase seiner Frage oder seine erste Gestikulation wiederholen solle, daß sie statt der Engel ihren eigenen Arm geküßt und gar nichts gesehen habe.

Der Graf M. säumte nicht, diesen wichtigen Bericht allen andern mitzuteilen, aber man hatte keine Ohren dazu und hielt ihn für einen Ungläubigen.

Indessen hielt aber Cagliostro, um die Zuschauer zu amüsieren, sogenannte ägyptische Loge, worin er ganz öffentlich einige geringe Arkana, die entweder ganz falsch oder doch schon längst in der Chemie bekannt waren, diktierte. Er versprach auch seinen Schülern einen vorgeblichen medizinischen Kursus, welcher in Lästerungen gegen die Ärzte, in medizinischen Meidsprüchen und in etlichen Rezepten zu Arzeneien bestand, zu welchen entweder sehr rare Spezies und Ingredienzen kamen, oder die er aus den Werken eines gewissen Adepten Friedrich Gualdo, die im vorigen Jahrhundert zu Köln gedruckt sind, genommen hatte.

Da Cagliostro seinem Vorgeben nach in der Stadt zu eingeschränkt war, so ging er mit der ganzen Gesellschaft aufs Land nach Wola, einem in der Nähe von Warschau gelegenen Gute des Grafen M., wo sich ein vollständig eingerichtetes chemisches Laboratorium befand, und begann dort unter Aufsicht und Assistenz des Grafen seine Hauptarbeit, die Verwandlung des Quecksilbers in Gold.

Der Graf hat über diese Prozedur ein ausführliches, bis in die kleinsten Manipulationen sich vertiefendes Protokoll geführt, aus welchem mit unwiderleglicher Klarheit erhellt, daß Balsamo diese Übersiedelung nur zu dem Zwecke betrieben hatte, um während derselben in dem in der Stadt befindlichen Laboratorium des Grafen einige zur Täuschung notwendige Vorkehrungen zu treffen, was er dadurch ermöglichte, daß er dem Grafen während zweier Tage den Eintritt in das Laboratorium verwehrte, unter dem Vorwande, dieser könne, wenn er seinen um den Schmelzofen gezogenen Kreisen zu nahe käme, in die größte Lebensgefahr geraten. Der Graf mochte sich, da er den Betrüger in seinem eigenen Netze zu fangen gedachte, diesem Verbot nicht widersetzen und ließ ihn daher gewähren.

Balsamo begann also seine Arbeit, indem er in einen Schmelztiegel die nötigen Stoffe tat, darauf das famose, rote Pulver streute und dann den Apparat mit einer Gypshülle versah, um ihn dann in den Schmelzofen zu bringen. Als der Schmelzungsprozeß beendet war, nahm man die Masse aus dem Ofen und fand nach Entfernung der Gypshülle statt des ursprünglichen Quecksilbers – gediegenes, sogar goldhaltiges Silber.

Wie schlau und geschickt Balsamo diese Täuschung zu bewerkstelligen verstand, beweisen die zur Erklärung derselben dienenden näheren Umstände jener Prozedur, die von Berting in den Anmerkungen angegeben werden. Balsamo behauptete nämlich, als der Schmelztiegel vom Grafen M. mit der mehrerwähnten Gypshülle umgeben wurde, dies sei nicht in gehöriger Weise geschehen, worüber der Graf als ein erfahrener und geübter Chemiker einigermaßen ungehalten wurde und sich mit Balsamo in einen heftigen Wortwechsel einließ, in dessen Verlaufe letzterer den Tiegel nahm und nach eigenem Befinden umhüllte. Balsamo hat während dieses Zwischenfalles ohne Zweifel den günstigen Moment benutzt, um das Gefäß mit einem andern unter seinem Freimaurerschurz verborgenen zu vertauschen, in welchem sich bereits die zuvor in Warschau geschmolzene Silbermasse befand, was um so wahrscheinlicher ist, als Mosczinsky selbst gesteht, ihn hätte die unglaubliche Unwissenheit Balsamos, die er bei diesem chemischen Prozesse verraten, derart gefesselt, daß er an einen Betrug nicht dachte. Im späteren Verlaufe von Balsamos alchemistischen Arbeiten wurde in der Tat auch der Betrug entdeckt. Man fand nämlich in einer Grube im Garten die Trümmer des ursprünglichen Schmelztiegels mit den daran haftenden Überbleibseln des chemisch präparierten Quecksilbers.

Bevor indessen dieses corpus delicti entdeckt worden war, suchte Balsamo seine Jünger noch durch weitere Wunder im Glauben zu stärken. Zunächst nämlich handelte es sich jetzt darum, das bereits im Uebergangsstadium zum Golde befindliche Silber weiter zu behandeln, damit der Umwandlungsprozeß vollständig würde. Dies sollte nach seiner Angabe in acht Phasen vor sich gehen, deren jede einige Zeit erforderte. Wir übergehen die Details seiner Prozedur, die aus einer Reihe von chemischen Ungereimtheiten bestand und die Entrüstung des Grafen über die Unverschämtheit des Betrügers mit jedem Tage steigerte, während die übrige Gesellschaft im Glauben an ihn verharrte. Derselbe sollte indessen bald einen Stoß erleiden. Balsamo erdreistete sich nämlich, wahrscheinlich um die Zeit auszufüllen und das Ende seiner Spekulation hinauszuschieben, vielleicht auch, um das Vertrauen der Gläubigen noch fester zu begründen, denselben eine ungemein plumpe Maskerade vorzuführen, indem er ihnen versprach, seinen obersten Gebieter und Meister der Magie, den großen Kophta, der in Egypten lebe und bereits mehrere tausend Jahre alt sei, erscheinen zu lassen.

In der Tat führte Balsamo dies schöne Experiment auch aus, indem er auf einer Bühne, die eigens dazu hergerichtet war, einen weißbärtigen, wohlbeleibten Mann mit orientalischem Turban und in langem, weißen Kleide erscheinen ließ, der einen der Anwesenden mit tiefer und rauher Stimme befragte, was er sähe. Der Angeredete, ein Neuling in der Gesellschaft, besaß die unerhörte Vermessenheit, zu antworten, er sehe, daß sich der Herr Graf Cagliostro mit einer Maske und einem weißen Barte verkleidet habe, was den Ober-Magier so sehr mit Indignation erfüllte, daß er mit beiden Händen die Lichter, zwischen welchen er saß, auslöschte und die Gesellschaft im Finstern ließ. Man habe, bemerkte Graf M., sehr deutlich das Geräusch des Pudermantels beim Ausziehen desselben vernommen und bemerkt, wie mit dem Kophta während seiner Reise nach Aegypten eine Metamorphose vorging, als deren Produkt sich dann wieder mit der harmlosesten Miene von der Welt unser Graf Cagliostro, und zwar auf dem Platze des großen Kophta sitzend, präsentierte.

»Mein Gott, es ist unbegreiflich, wie sich nur so viele Menschen durch so schlecht erdachte und so ungeschickt ausgeführte Prahlereien hinter das Licht führen ließen und noch betrügen lassen!« – ruft hierbei der Verfasser aus. Ja, es ist in der Tat unbegreiflich und es charakterisiert den Hang der menschlichen Natur zum Wunderbaren und Uebernatürlichen. Aber haben wir nicht eine ähnliche Wahrnehmung noch heut' in unserer aufgeklärten, vom Geiste der Wissenschaft durchleuchteten Zeit fast täglich zu machen Gelegenheit? Man denke des heiligen Rockes von Trier, vor dem sich jetzt eine ungezählte Menschenmenge drängt, und freue sich, daß man's so herrlich weit gebracht.

Doch kehren wir zurück zu der im Entstehen begriffenen Umwandlung des philosophischen Goldes in wahres und richtiges. Der Prozeß dauert sehr lange; auch dieses Mal hatte Balsamo sich sechs Wochen für denselben ausbedungen. Er bestand darin, daß das philosophische Gold, der Silberklumpen, mit Scheidewasser übergossen und einer langsamen Auflösung zugeführt wurde. – Unterdessen war der Magier bedacht, seine Zöglinge auf andere Weise zu unterhalten, indem er ihnen Rezepte für Tinkturen diktierte, vermittelst deren man Perlen oder Korallen zu verfertigen im Stande sein sollte, Verjüngungswässer für Damen und andere Geheimmittel an die Hand gab, die natürlich keinen Pfifferling wert waren und allesamt nur von seiner unbeschreiblichen Unwissenheit in der Chemie und von seinem Dünkel Zeugnis gaben.

Wahrend die übrigen Teilnehmer bei diesem Humbug auf die Worte des Meisters schwuren, erkühnte sich der Graf Mosczinsky zuweilen, dem Magier seine Unwissenheit an der Hand unwiderleglicher Beweise vorzuhalten und manchmal auch seine ironischen Zweifel laut werden zu lassen, wurde aber dafür von dem beleidigten Gaukler hart angefahren und mit großer Entrüstung eines gotteslästerlichen und ungeheuerlichen Benehmens geziehen. Ja, zur Strafe drohte der Meister, fortan die Gesellschaft nicht mehr seiner unschätzbaren Geheimnisse teilhaftig machen zu wollen, ließ sich aber schließlich durch die vereinten Bittender anderen bewegen, mit der Verblendung des Grafen Mitleid zu haben und die Vorträge über die ägyptische Maurerei wieder aufzunehmen, ja, er versicherte sogar, daß er trotz der frevlen Ungläubigkeit den Grafen wie die andern mit unermeßlichen Reichtümern überschütten werde, und seine Schuld nicht ansehen wolle. Da der Graf diese Großmut ablehnte und bei seiner Ungläubigkeit beharrte, hielt Balsano vor der versammelten Gesellschaft eine salbungsvolle und von tiefem Schmerze durchdrungene Ansprache, in welcher er beteuerte, daß er keine irdischen Zwecke verfolge, sondern nur die Erziehung der Seinigen zu dem großen Werke der Tugend und geistigen Läuterung anstrebe, daß er himmlischen Zwecken diene und daher das große Werk auch vollenden und alle glücklich machen wolle. Ja, er ging sogar so weit, sich zu erbieten, mit Fesseln an den Füßen weiter arbeiten zu wollen, und man möge ihn dann ermorden, wenn er sein Wort nicht halten würde. Er legte hierauf die Hände auf die Erde, küßte diese, erhob sie wieder gen Himmel, nahm Gott zum Zeugen, daß er wahr rede, und forderte, daß er ihn vernichten solle, wenn er lüge! – Durch diese Gotteslästerungen hatte er dann seine bereits wankend gewordenen Jünger im Glauben an ihn gekräftigt und wurde von ihnen zur Fortsetzung der mystischen Arbeiten veranlaßt.

Der Graf versäumte indessen während dieser Zeit nicht, dem König und der Königin, die Balsamo ebenfalls für seine Loge zu gewinnen trachtete, und die sich, da Graf Mosczinsky mit ihnen intim befreundet war, ganz auf seine Berichte über Balsamos Treiben verließen, reinen Wein einzuschenken und vor dem Humbug des Gauners zu warnen, wodurch dessen Absichten vollständig vereitelt wurden.

Da der Graf auf diese Weise den Kredit des Magiers zu untergraben strebte, zog er sich sogar die Feindschaft der Loge zu, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre er von dieser geächtet worden. Ein Umstand trat indessen dazwischen, der Balsamo von dem höchsten Gipfel seines maurerischen Ansehens in den tiefsten Abgrund der Verachtung stürzte.

Man fand nämlich, wie schon früher erwähnt worden, die Scherben jenes Tiegels, den Balsamo mit einem andern vertauscht hatte, und Graf M. hatte außerdem durch Zufall Gelegenheit, indem er eine Treppe herunterstieg, Frau Cagliostro in einem anstoßenden Zimmer mit einem Seufzer dankend äußern zu hören, wie sehr es sie freue, daß die letzte Operation so glücklich abgelaufen sei.

Nun fielen, nachdem Graf M. solches erzählt hatte, allen die Schuppen von den Augen, die Hochachtung, welche man bisher vor Cagliostro empfunden hatte, schlug sogleich in allgemeine Entrüstung um, und einige schienen nicht übel Lust zu haben, dem Herrn Magiker eine tüchtige Tracht Prügel zu verabfolgen. Allein Graf M. war hier anderer Meinung und sagte, man müsse ihm lieber eine goldene Brücke bauen und das Possenspiel mit Decenz endigen.

Cagliostro, der von den neuen Entdeckungen nichts wußte, dennoch aber ahnen mochte, daß etwas faul im Staate Dänemark sei, hielt es für passend, dem Gewitter, falls ein solches im Aufziehen, entgegenzugehen, und versammelte zu dem Zweck nochmals alle seine Schüler. – Er sagte ihnen, daß die Verlegenheit, welche er auf ihren Gesichtern bemerke, sicher von nichts anderem herrühre, als von dem Mißtrauen, welches ihnen vom Grafen M. eingeflößt sei; aber er wolle ihnen bald beweisen, wie man ohne Grund dergleichen Gedanken von ihm hege, und was er für ein Mann sei. Zum Beweise dessen erbot er sich, morgen eine neue Operation mit einem Kinde, das nichts als polnisch verstehe, zu machen, und welches er folglich auch nicht zu seinem Zwecke vorbereiten oder einnehmen könne. Darauf wolle er mit ihnen um Mitternacht mit einer Laterne in den Garten gehen, sich aber etwas von dem Hause entfernt halten, damit der gewaltige Lärm, welcher entstehen würde, nicht die Fenster im Palais einschlage, und da wolle er sie eine Wirkung sehen lassen, welche sie alle in Erstaunen setzen würde. Tags darauf wolle er fünfzig Pfund Quecksilber zum Besten der Armen in seines Silber verwandeln, und darauf noch eine große Operation machen, worüber die ganze Stadt, welche davon Zeuge sein solle, erstaunen werde, und dann wolle er abreisen, und Polen, welches keinen Großkophta oder Cagliostro mehr sehen solle, der Reue überlassen.

Schreckliche Drohung! allein auch sie fruchtete nichts, man war nunmehr von seiner Macht so überzeugt, daß man ihm alle weiteren Experimente erlassen zu können glaubte, und man schlug ihm auf den Rat des Grafen M., der fürchtete, Cagliostro werde Firlefanz mit Pulver machen, sein prahlerisches Anerbieten rundweg ab. Man hätte sich auch dies sparen können, denn Cagliostro beabsichtigte nichts weniger, als jene versprochenen Operationen vorzunehmen, und als man Tags darauf nach dem Meister fragte, stellte es sich heraus, daß er am Abend zuvor bereits nach Warschau gefahren und von dort in aller Stille abgereist sei.

So erbärmlich, wie hier, hatte man Beppo eigentlich noch nie behandelt, und dennoch – dennoch war er wieder der Kluge, denn selbst hier hatte er es verstanden, seine Logenbrüder zu rupfen und sich den Beutel zu füllen. Schon bevor er sich nach Mole begab, hatte er durch seine Wunderkuren in Warschau 2500 Dukaten erbeutet, und die Experimente, welche er in der Loge vornahm, kosteten die Beteiligten rund 8000 Dukaten. Umsonst hätte sich auch Beppo sicherlich nicht vom Grafen Mosczinsky so erbärmlich behandeln lassen, aber für 8000 Dukaten – – da hätte er noch ganz anderes hingenommen. Uebrigens nahm man der Gemahlin Cagliostros, welche zurückgeblieben war, die Brillanten, die man ihrem Gemahl zur Vergrößerung übergeben hatte, größtenteils wieder ab.

»Ich kann nicht begreifen«, sagt Graf M. zum Schlusse seiner Aufzeichnungen, »wie es Cagliostro gemacht haben muß, sich einen so großen Ruf im Norden zu verschaffen. Denn waren sein Betragen und seine Operationen dort ebenso, wie hier, so ist's zum Erstaunen, wie man ihm nur glauben konnte. Ohne eben ein Adler von Scharfsichtigkeit zu sein, habe ich ihn doch gleich bei der zweiten Unterredung schon ungefähr für das genommen, was er wirklich ist.«

»Cagliostro zankt und entzweit sich gleich nach seiner Ankunft hier in Warschau mit einem Freunde, den er in Mailand kennen gelernt, der ihn an viele Personen von Stand präsentierte und in der ganzen Stadt die Verdienste des berühmten Reisenden ausposaunte. Dies war seine erste Dummheit!

Er wählt zu seinen Operationen ein gescheites Mädchen, von dem er weiß, daß es Personen angehört, denen alles daran gelegen ist, den Kredit und Despotismus, den er sich in einem der ersten Häuser angemaßt hat, zu untergraben. Zweite Dummheit!

Anstatt bescheiden und zurückhaltend zu sein, prahlt er vielmehr in Gegenwart unserer ersten Schönheiten und immer gegen die Weiber von den großen Wissenschaften, welche er besitze. Jedes Wort ist eine Aufschneiderei, oder eine höchst unwahrscheinliche Sache. Der geringste Widerspruch macht ihn wütend, und seine Eitelkeit bricht von allen Seiten aus, wenn er erlaubt, daß man ihm eine Fête giebt, welche die ganze Stadt in Bewegung setzt. Die meisten Betrüger sind sonst geschmeidig und suchen sich gute Freunde zu machen. Dieser hingegen scheint darauf zu studieren, recht ruhmredig zu scheinen und sich alle Welt durch seine groben und beleidigenden Reden und durch die schändlichsten Klatschereien zwischen den vertrautesten Freunden zum Feinde zu machen. Leute seiner Art suchen sonst mäßig und keusch zu erscheinen, er tut gerade das Gegenteil. Andere Charlatans erhalten sonst sorgfältig ihre Verbindung mit Leuten, die ihnen ihr Hokus-Pokus ausführen helfen, er hingegen zankt und entzweit sich mit ihnen um ein Nichts und glaubt hernach mit einem trotzigen: »Es ist nicht wahr« sie vor dem Publikum zu Lügnern zu machen, wenn sie aus der Schule schwatzen. Dritte Dummheit!

Er kommt mit seiner Frau in ziemlich schlechtem Aufzuge, ohne Wäsche und kaum mit etlichen, mäßigen Kleidern in Warschau an. Kurz darauf equipieren sich beide höchst geschmackvoll, ja selbst prächtig, und suchen diesen plötzlichen Uebergang so wenig zu verstecken, daß sogar die Bedienten deutlich merken, daß diese Verwandlung aus einem fremden Beutel geschieht (sc. aus dem der Jesuiten), und indessen fordert der Prahler das ganze Publikum heimlich heraus, man solle auftreten und ihm beweisen, daß er Geschenke und Geld annehme, da doch heimlich markierte Dukaten gerade das Gegenteil beweisen. Vierte Dummheit.–

Der völlige Mangel aller Kenntnisse jeder Art nötigt Cagliostro zu dem elenden Behelfe, Kindern hinter einer Tür Geister zu zeigen. Schrapfer in Leipzig war in dieser Kunst weit geschickter, denn der ließ sie seine Zuschauer selbst sehen. Cagliostro verachtet alle Religionen und schließt ihre Gebräuche von seinen Mummereien aus, da er doch, wenn er sein Handwerk recht verstände, wissen sollte, daß gerade Religionsgebräuche eines der wirksamsten Mittel für dergleichen Schurken sind, auf eine lebhafte Einbildungskraft Eindruck zu machen und die Sinne zu täuschen. Wäre dieser Mensch ein wenig mehr in der Optik, Akustik, Mechanik und in der Physik überhaupt erfahren, hätte er ein wenig mehr die wunderbaren Künste eines Komus und Philadelphia studiert, was für Dinge hätte er nicht mit der Art von Reputation eines Wundermannes, die er schon erworben hatte, mit der Geschicklichkeit, alle Handschriften nachzuahmen, mit den guten Anlagen zur Taschenspielern, die er zeigt, mit der eisernen Stirn, die er hat und die nicht erröten kann, in der Welt tun können! Er hätte sich nur noch einen Bauchredner beigesellen sollen, und gewiß, er hätte eine der größten Rollen dieser Art in der Welt spielen und die aufgeklärtesten Männer und Feinde aller dergleichen Betrügereien gewiß hintergehen können. Hätte er dann noch zu seinen Geister-Operationen sich einen kleinen Vorrat von echten, chemischen Künsten gesammelt, richtige chemische Theorie und Manipulationen, davon er gar nichts weiß, gelernt, so hätte er bei Gott sogar Denjenigen, die ein langes und eigenes Studium aus dieser Sache gemacht haben, Staub in die Augen werfen können. Kurz, man muß es für ein eignes Schicksal halten, daß so ein vollkommener Ignorant, als dieser Mensch ist, es dahin bringen konnte, alle Diejenigen, die das Unglück hatten, ihm in die Hände zu fallen, zu prellen und so schmählich zu betrügen.

Armer Freund, es ist eine schöne Leichenrede, die wir Dir mit dem Grafen M. gehalten haben, und wir wollen nicht von Dir scheiden, ohne Dir einige ermunternde Worte mit auf den Weg gegeben zu haben. Du bist schwer gekränkt, und das mit Unrecht. – Man hat Dir Dein gottbegnadetes Talent abgesprochen. Dein Talent zur Gaunerei, und das ist extrem. Denn das besitzest Du sicher. – Gebt dem Erzcharlatan, was ihm gebührt!

Und tröste Dich, solche Niederlagen, die ja am Ende im Leben eines jeden Menschen vorkommen, sind für Dich nur, was einzelne dunkle Flecken im Strahle der Mittagssonne sind. – Wenn die Grafen klug werden, tröste Dich, die Fürsten sind dann sicherlich dumm! – Mit unvermindertem Ruhm wirst Du von dem Fürsten P. an den Fürsten G. empfohlen, und was hat unter so vornehmen, gläubigen Potentaten ein ungläubiger, obskurer Graf M. zu sagen? – Nichts, denn noch ist Deine Rolle nicht ausgespielt. – Mutig vorwärts; es gilt, die höchste Staffel zu erklimmen.

Siehst Du nicht in der Ferne die Zinnen von Straßburg? – Dort blüht Dir auf's neue Ruhm und Ehre.

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