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Memoiren Cagliostros

Paul Bornstein: Memoiren Cagliostros - Kapitel 5
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authorPaul Bornstein
titleMemoiren Cagliostros
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IV. Cagliostro bei St. Gemain. – Reisen durch Deutschland und Holland. – Logengründungen. – Cagliostro in Mitau.

Es kam uns letzthin ein französischer Roman von Daudet zu Gesicht, in welchem ein biederer Franzose gekennzeichnet ist, der so stark log, daß er auch sich zu belügen wußte und schließlich auf ein Jota all die Lügen selbst am ersten glaubte, die er ausheckte. So mag es schließlich auch unserm lieben Freunde gegangen sein, und mit der Zeit wird er vielleicht selbst darauf geschworen haben, daß er ein Auserwählter des Herrn sei. Indessen steht nicht fest, ob Cagliostro und in wie weit er von seinem Nichts durchbohrendem Gefühl durchdrungen war; mindestens aber steht das fest, daß er, wenn er auch sich für einen Lügner hielt, dennoch selbst an die Sache glaubte, und wenn er auch wußte, daß er nicht der Mann sei, Gold zu machen und Geister zu zitieren, so hielt er solches doch bei andern für durchaus möglich. – Nur so läßt sich sein Besuch bei St. Germain erklären, der doch bei weitem an Gaunertalent ihm nicht ebenbürtig war, von dem er indessen wirklich Neues und Unerhörtes zu lernen glauben mochte. – Doch gehen wir der Reihe nach.

Von Brüssel aus, wo wir ihn verließen, ging Cagliostro während der folgenden Jahre 1777 und 1778 nach Deutschland, wo er sich an verschiedenen Punkten aufgehalten haben soll, ohne jedoch irgendwo längere Zeit zu weilen. Sein römischer Biograph behauptet auch noch, daß er in Malta und Italien gewesen sei, doch läßt sich Sicheres eben über diese zwei Jahre nicht ermitteln. Genug, daß er wie ein Irrlicht bald hier, bald dort auftauchte und spurlos wieder verschwand, nachdem er einige Streiche verübt und die Logen besucht hatte. – Seine eigenen Gedanken scheinen in dieser Zeit noch nicht zur Durchführung gekommen zu sein. Eine dieser Irrfahrten führte ihn denn auch zu dem oben erwähnten Grafen St. Germain, der damals eben in Holstein sein Lager aufgeschlagen hatte. – Dieser war halb Betrüger, halb alchemistischer Narr, der sich viel in der Welt herumgetrieben hatte, um den Stein der Weisen zu entdecken.

Ist es nicht ein Bild wundervollen Humors, zu sehen, wie diese beiden Gauner sich gegenseitig eine Anstandsvisite machen, um sich ihrer brüderlichen Hochachtung zu versichern? Dennoch aber war in diesem Momente St. Germain unserm lieben Beppo über, denn er war klug und wußte genau, daß sowohl er wie Beppo ein Schwindler sei, während letzterer solches zwar von sich hätte beschwören können, dagegen bei seinem dummen Raffinement durchaus vielleicht von der alchemistischen Größe seines Gegenüber überzeugt schien, ihm wenigstens mit unterwürfiger Ehrerbietung entgegentrat.

Die anonym erschienenen mémoires authentiques pour servir à l'histoire du comte de Cagliostro erzählen uns in eingehendster Weise den Besuch Cagliostros beim Grafen St. Germain. Es heißt da:

»Der Graf Cagliostro ließ ihn (St. Germain) um die Gunst einer geheimen Unterredung bitten, um sich vor dem Gotte der Gläubigen niederzuwerfen. St. Germain bezeichnete ihm die zweite Stunde der Nacht für seinen Besuch. Als diese Zeit gekommen war, legte er und seine Frau ein weißes Gewand mit rosafarbenem Saum an und begaben sich ins Schloß. Ein Mann von sieben Fuß Länge, mit einem langen grauen Gewände bekleidet, empfängt sie und führt sie in einen schlecht erleuchteten Saal. Sogleich öffnen sich dessen Türen und sie blicken in einen von tausend Kerzen erleuchteten Tempel, dessen strahlende Helle ihr Auge blendet. Auf einem Altar saß der Graf, zu seinen Füßen zwei Diener, goldene Pfannen haltend, aus denen süße Düfte emporstiegen. Der Gott hatte auf seiner Brust einen Stern von Diamanten, deren Funken kaum das Auge zu ertragen vermochte. Eine große, weiße, durchsichtige Gestalt hielt in ihren Händen ein Gefäß, auf welchem man »Elixir der Unsterblichkeit« lesen konnte. – Ein wenig weiter hin erblickte man einen ungeheuren Kasten, über welchem »Aufenthalt irrender Seelen« geschrieben stand.

Das düsterste Schweigen herrschte in der heiligen Runde. Endlich ließ eine Stimme, die doch keine Stimme war, diese Worte hören: »Wer bist Du? Woher kommst Du? Was willst Du?« – Da wirft sich der Graf Cagliostro und auch die Gräfin nieder, das Angesicht gegen die Erde gekehrt, und sagt mit leiser Stimme:

»Ich komme, um den Gott der Gläubigen anzurufen, den Sohn der Natur, den Vater der Wahrheit. Ich komme, eines der 14 700 Geheimnisse von ihm zu erbitten, welches er in der Brust verschlossen trägt. Ich komme, um sein Sklave zu sein, sein Apostel, sein Märtyrer zu werden.«

Der Gott antwortete nichts. Nach langem Schweigen ließ sich die Stimme vernehmen und sagte:

»Und was will die Genossin Deiner Reisen?«

Sie antwortete: »Gehorchen und dienen.«

Da erlosch das Licht in düsterer Finsternis, Getös folgte der Ruhe, Furcht der Zuversicht, Verzweiflung der Hoffnung, und eine harte und drohende Stimme sagte: »Wehe Dem, der die Proben nicht bestehen kann!«

Der Graf und die Gräfin wurden getrennt! Sie befand sich in einem Gemache mit einem bleichen und hagern Manne; dieser schickte sich an, ihr von seinem großen Vermögen, seinen Schätzen zu erzählen und ihr die Briefe der größten Könige vorzulesen. Schließlich forderte er ihr die Diamanten ab, welche ihr Haupt schmückten. Erfreut, sie auf so billige Art los zu werden, nahm sie sie herunter.

Dieser erste Versucher wurde durch einen Mann abgelöst, der äußerst indezent gekleidet war.

»Denken Sie daran, Madame, daß ihre Augen nur auf mein Gesicht gerichtet sein dürfen.«

Dieser Mann, eine wundervolle Gestalt, hatte die ausdrucksvollsten Augen. Aber es war gefährlich, ihn zu hören, ihn anzusehen und die Blicke sinken zu lassen. Nach einer peinlichen Viertelstunde erschien ein altes Weib, welches sagte: »Ich allein kann über Ihre Tugend urteilen. Zweck der Prüfung, welcher sie sich so eben unterzogen haben, ist, daß wir erfahren, bis zu welchem Punkte Ihre Sinne den Sinnenreizen widerstehen können.«

»Erfüllen Sie Ihr Amt, Madame!« sagte die Gräfin.

Die Alte übergab der Gräfin ein Pergament. Es war ein »Widerstandsfähigkeitsattest.« – Sie führte sie darauf in einen weiten Kellerraum, in welchem sie Menschen in Ketten erblickte, Weiber, die man geißelte, bis das Blut in Strömen floß, Personen, die man zwang, aus Giftbechern den Tod zu trinken u.s.w. u.s.w.

»So lohnen uns die Menschen, sagte die Alte, für welche wir unsere Talente und unseren Eifer opfern.« Heiteren Auges blickte die Gräfin auf diese traurigen Opfer der sogenannten menschlichen Gerechtigkeit, ohne die geringste Erregung zu zeigen.

Die Prüfungen des Grafen waren von anderer Art. Man hatte sehen wollen, ob er sich dem süßen Gifte der Schmeichelei zugänglich zeige; man hatte ihm seine Frau in den Armen eines schönen Mannes gezeigt, um zu erfahren, ob die Eifersucht ihm zu Kopfe steigen und ihn zu lächerlichen Gefühlsausbrüchen treiben würde; endlich las man ihm ein Kapitel aus dem Buche der Zukunft vor, welches die Verfolgungen enthielt, die seiner warteten.

Als die Proben ihr Ende erreicht hatten, wurden sie in den Tempel zurück geführt, wo man ihnen erklärte, daß man sie zu den göttlichen Mysterien zulassen wollte, nachdem die heiligen Hallen ihre Eide vernommen hätten. – Ein Mann, der mit einem langen Mantel bekleidet war, sprach folgende Worte, die jeder Adept behalten muß, ohne sie indessen zu Papier bringen zu dürfen:

»Erfahret denn, daß das große Geheimnis unserer Kunst darin besteht, die Menschen zu leiten, und daß das einzige Mittel zu diesem Zweck ist, niemals die Wahrheit zu sagen. Benehmet euch nicht nach den Vorschriften des gesunden Menschenverstandes, spottet aller Vernunft und treibt mit Mut die allerunglaublichsten Unsinnigkeiten. Solltet ihr je merken, daß diese großen Prinzipien an Kraft verlieren, dann macht euch aus dem Staube. Durchwandert die Erde, und ihr werdet sehen, daß die abenteuerlichsten Tollheiten in Verehrung stehen. Die Torheiten kehren zwar unter verschiedenem Namen wieder, aber sie sind ewig. Gedenket dessen, daß die Chimäre der Sterblichen ist. unsterblich zu sein; die Zukunft zu kennen, wo sie nicht die Gegenwart verstehen; Geister zu sein, wo sie und alles, was sie umgiebt, Materie ist.«

Haha! Armer St. Germain, und das willst Du einen Cagliostro lehren, der bereits sein Logensystem im Kopfe hat; armer Cagliostro, um dies zu erfahren, bist Du zu ihm, dem Gotte der Gläubigen gepilgert, bis nach Holstein? Merkst Du was? – Dein Meister ist auch nichts andres, als Du; ihr seid einer des andern würdig. Doch wenigstens weißt Du nun, daß Du auf dem richtigen Wege bist, nun auch dies ist etwas wert. – 'S ist halt immer das alte Lied: mundus vult decipi. – Und wenn weiter nichts ist, darin bist Du deinem Meister noch bedeutend über.

Was soll ich Dich, lieber Leser, noch länger ermüden mit der Schilderung von Dingen, die unsinnig zum einen Teil und schmutzig zum andern sind. Es genüge Dir, zu wissen, daß sowohl dem Grafen, als auch besonders der Gräfin noch ganz unglaubliche Enthüllungen gemacht worden, die wiederzugeben die französische Sprache als eine langue d'esprit gut genug sein mag, vor denen indessen eine ehrliche, deutsche Feder zurückweicht.

Der Besuch endigte mit einem prächtigen Mahle, bei welchem man sie lehrte, daß der Unsterblichkeitselixir nichts anderes sei, als Tokaierwein, der je nach Lage der Dinge bald rot und bald grün gefärbt wird, daß man Männer von Geist fliehen, verabscheuen, verleumden, die Toren umschmeicheln und verblenden müsse; daß man geheimnisvoll verbreiten solle, St. Germain sei 500 Jahre alt, mache Gold, Tee und besonders Dumme.

» Tout comme chez vous«, konnte Cagliostro schmunzeln, als er dem »Gotte der Gläubigen« den Rücken kehrte. – Er hatte nichts Neues erfahren und konnte sich nunmehr mit frischer Kraft der Durchführung seiner Londoner Ideen widmen. Als der geeignetste Boden dazu erschien ihm Rußland, und so beschloß er denn, demnächst Petersburg zu beglücken, vorher aber einigen andern Städten einige Proben zu machen. – So zog er zunächst nach Holland und wählte sich den Haag zum Schauplatz seiner Tätigkeit.

Es ist eine bekannte Sache, daß die Holländer in nüchternem Zustande entsetzlich nüchtern sind, allein Cagliostro hatte kaum in den Sitzungen der alten Loge seine Kunststücke gemacht und von seiner neuen Maurerei gesprochen, als auch schon alles vom Schwindel gepackt wurde und ihm zujubelte. Alle Logen erkannten ihn im Haag als Visitator an, und man gab ihm die glänzendsten Feste. Man ließ ihm keine Ruhe, bis er unter dem Vorsitze seiner Frau, der es wahrhaftig nicht an der Wiege gesungen war, daß sie zu so hohen Dingen bestimmt sei, eine Damenloge errichtete. So ging es denn über alle Erwartung gut, und der erste Versuch muß als glänzend gelungen bezeichnet werden. Zugleich strich Cagliostro hier wieder einmal seine kabalistische Kunst heraus und prellte einen reichen Holländer, der in die Nummern des Lotto vernarrt war, um eine Summe von 4-500 Talern, indem er demselben einige Nummern als herauskommende angab. Während der biedere Mynheer nach Brüssel reiste, um auf diese Nummern zu setzen, packte der Herr Graf seine Koffer, setzte sich nebst Frau Gemahlin in seine Extrapost und machte sich seelenvergnügt aus dem Staube, um in Venedig wieder als Marquis von Pellagrini aufzutauchen.

Hier machte er viel Wesens von seinen chemischen Geheimnissen und schlich sich bei einem Kaufmann ein, von dem er unter dem betrügerischen Vorwande, ihn die Kunst, Gold zu machen, den Hanf in Seide zu verwandeln und das Quecksilber zu fixieren, zu lehren, 1000 Zechinen bekam, ein Grund, Venedig und Italien schleunigst zu verlassen und sich nunmehr nach Rußland, zunächst auf der Durchreise nach Deutschland zu begeben.

In Nürnberg machte er die Bekanntschaft eines vornehmen Herrn, der einer der vielen Logen angehörte, welche damals bestanden. Cagliostro wußte durch gewisse geheime Zeichen und geheimnisvolle Andeutungen in jenem den Glauben zu erwecken, als habe er einen ganz besonders hohen Maurergrad inne, und sein neuer Freund war darüber so entzückt, daß er ihn nicht nur kostenfrei während seines Aufenthalts in sein Haus aufnahm und als seinen Gast ansah, sondern ihm auch noch bei seiner Abreise nach Leipzig einen kostbaren Brillantring zum Andenken schenkte.

In Leipzig, wohin er nun kam, ließ er sich in die Loge zur strikten Observanz einführen, welche durch den zu jener Zeit lebenden Konkurrenten Cagliostros, den Geisterbeschwörer und Jesuitendiener Schrapfer, gegründet war. Auch hier wußte er sich ein solches Ansehen von Wichtigkeit zu geben und mit seinen geheimen Kenntnissen so geschickt zu prunken, daß man ihn allgemein für einen höchst bedeutenden Mann, für einen Stern der Magie und Kabbalistik ansah. Man bezeigte ihm große Ehren und bewirtete ihn kostbar an einer Tafel, welche stets nach ihrem Ritus drei zu drei mit Flaschen, Schüsseln, Gläsern und allen andern Sachen zum Zeichen der allerheiligsten Dreifaltigkeit gedeckt war. Bei seiner Abreise waren die Mieten bezahlt, und von einem Bruder Maurer erhielt er noch ein ansehnliches Geldgeschenk.

Während dieses Aufenthalts in Leipzig geschah etwas, was in der Tat äußerst sonderbar scheinen mußte. Es wurde stets an der Tafel auch Loge gehalten, bei welcher Gelegenheit Cagliostro von seinem egyptischen System sprach und zugleich das in jener Loge herrschende als ein ruchloses bezeichnete; er prophezeite den Brüdern, daß, wenn sie nicht von diesem Ritus ablassen würden, ihr Haupt, Namens Sciffort, vor »Verlauf eines Monats von der Hand Gottes würde abgeholt werden.«

Letztere Worte sind übernommen aus der Biographie des Pater Marcellus, und es kann kein Zweifel darüber obwalten, daß eben unter jenem Sciffort kein anderer zu verstehen ist, als der berüchtigte Schrapfer. Und siehe! noch bevor ein Monat verging, kurz nach der Ankunft Cagliostros in Mitau, starb Schrapfer durch Selbstmord, die Prophezeiung war buchstäblich in Erfüllung gegangen.

Du staunst, lieber Leser, und kannst nicht den natürlichen Zusammenhang begreifen? Willst am Ende wohl gar ein Anhänger Cagliostros werden? – Nun, tröste Dich, es muß ja alles auf der Welt seinen vernünftigen Grund haben, und mithin auch dieses, und selbst, wenn wir nicht im Stande wären, den Grund mit definitiver Sicherheit anzugeben, da wäre er doch. – Hier aber können wir uns sehr wohl einige, wenn auch gerade nicht erfreuliche Gedanken machen.

Wir erwähnten bereits, daß Schrapfer im geheimen Dienst des Jesuitismus und nachweislich gegen Bezahlung sein fluchwürdiges Werk der Verdunkelung der menschlichen Vernunft trieb; wie nun, wenn er später den Jesuiten unbequem wurde, weil er sein Mandat überschritt und eigenmächtig handelte? Wenn sie ihn fallen lassen wollten, wenn sie ihm drohten, ihn zu entlarven und wenn sie ihm vorher noch eine Warnung hätten zukommen lassen? – Wie ferner, wenn unser guter Freund Cagliostro derjenige gewesen wäre, der, im Dienst der Jesuiten, jenem die Warnung überbracht hätte? – Dann ist es nicht mehr wunderbar, daß Cagliostro den Tod jenes so genau vorhersagen konnte, denn er muß dann aufs genaueste unterrichtet gewesen sein über die Schritte, die gegen jenen beabsichtigt waren und die Zeit, in welcher sie unternommen werden sollten. Und daß einem Lügner wie Schrapfer nach der Entlarvung nichts weiter übrig bleiben würde, als sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen, dazu gehört wahrlich kein übermäßiger Scharfblick.–

Cagliostro im Dienste der Jesuiten – das ist in der Tat ein Umstand, der durch diese wunderbare Prophezeiung fast zur Gewißheit wird, der aber auch sonst nicht der Stütze entbehrt, denn Cagliostro berief sich oft in noch viel plumperer Weise, als Schrapfer, auf seine Oberen, empfahl die Jesuitensymbole als Zeichen wahrer Maurerei und vollführte überhaupt fast die gleichen Manöver, wie der definitiv in jesuitischen Diensten stehende Schrapfer. Faßt man alle diese Indizien, zu denen wir in der Lage sein werden, noch manche späterhin hinzuzufügen, zusammen, so muß man entschieden zu der Meinung gelangen, daß Cagliostro in London in den Dienst der Jesuiten getreten ist, und daß seine ganze Logenstiftung nicht nur beabsichtigt war, um sich die Taschen zu füllen, sondern auch den schurkischen Dunkelmännern mit neuem Blendwerk zu dienen. – Wahrscheinlich gegen gute Bezahlung!

Von Leipzig aus ging Cagliostro über Berlin nach Königsberg. In Berlin fand er keinen Anklang, ungeachtet er den Preußen erzählte, Alexander der Große lebe noch in Aegypten, als Haupt einer Gesellschaft kriegerischer Magier, und diese hätten Friedrich dem Großen seine Siege verschafft. Die Preußen wußten besser, woher diese stammten.

Ueber sein Auftreten und seinen Erfolg in Königsberg sind wir durch ein Buch des dortigen Bischofs Borowski »Cagliostro, einer der merkwürdigsten Abenteurer unseres Jahrhunderts« ziemlich genau unterrichtet. Es heißt da folgendermaßen:

»Er ward in den Zeitungsblättern als ein einpassierter Fremder, der von Rom nach Petersburg ginge und im Gasthause bei Schenken in der Kehrwindergasse wohne, angekündigt. Aber– Gott weiß woher – er machte hier keine besondere Sensation; man kannte ihn noch zu wenig und er selbst schien es gar bald zu bemerken, daß hier bei uns kein Boden wäre, auf dem sein etwa auszustreuender Samen hundertfältige Frucht tragen werde. Auf den Pöbel konnte er nicht wirken, weil er nicht predigen konnte, wie einige Jahre darauf ein Charlatan minoris ordinis, der Pseudo-Freiherr von Mortzini, tat, dem zu Liebe man Klingsäckel und Schalen, die in der Sackheim'schen Kirche herumgetragen wurden, füllte. Cagliostro kam wohl in die Häuser einiger Vornehmer, aber einer von ihnen, der viel galt, behinderte seine ferneren Einflüsse. Der verstorbene Staatsminister und Kanzler von Korff, der, wo er seinen Blick einmal parteilos hineinwarf, sehr richtig sah und dann, was er sah, sehr freimütig sagte, erklärte sich in einem Zirkel von Angesehenen: »Kinder, der Kerl ist wahrhaftig ein verkleideter Bedienter, traut ihm nicht!« und ein andermal: »Er mag den Henker ein Graf oder dergleichen sein; ein Jesuit oder ein Emissär von ihnen mag er allenfalls sein.« Und die Pöbelhaftigkeit seiner Sitten machte dies auch mehr als wahrscheinlich. Er ward nun von ein paar Personen, die dessen ungeachtet von ihm wenigstens etwas Unterscheidendes erwarteten, besucht, und diese fanden auch bei ihm keine Befriedigung. Er fuhr wohl vor die Türen einiger Männer von Ansehen unter uns vor, ward nicht angenommen, und unwillig verließ er nach einem kurzen Aufenthalt Königsberg, wo er keine Tat noch Zeichen tun konnte, weil man keinen Glauben zu ihm hatte.

Hatte Balsamo somit in Königsberg kein Glück und waren seine Schwindeleien hier erfolglos, so lächelte ihm das Glück um so mehr auf seiner nächsten Station nach Petersburg, in Mitau in Kurland. Wenn überhaupt über die Art und Weise, welcher Cagliostro sich in diesem vorgerückten Stadium seines Halunkentums bediente, Näheres auf uns gekommen ist, so danken wir diese schätzbaren Nachrichten einer edlen und als Schriftstellerin hochbegabten Dame, der bekannten Freifrau v. d. Recke, geborenen Gräfin von Medem. Diese Dame nämlich hat uns in einem mit großer Genauigkeit geführten Tagebuche, das sie später behufs Herausgabe mit kritischen Bemerkungen versah, eine höchst interessante und bis ins kleinste Detail ausführliche Beschreibung der von Balsamo wahrend seines Aufenthaltes in Mitau vorgenommenen »magischen Operationen« hinterlassen, aus der mir ein Lebensporträt von unserem Abenteurer uns zu bilden in den Stand gesetzt werden.

Fragt man sich, wie denn eine so hochbegabte Frau, wie Elis. von der Recke es war, in so kurzer Zeit eine Beute jenes Schwindlers werden und ihm für lange Zeit ein so bedingungsloses Vertrauen schenken konnte, so ist dies gerade hier nach ihren eigenen Worten leicht begreiflich, denn sie schildert sich selbst als ein empfindsames, schwärmerisches Gemüt, das, voll tiefer, wahrer Frömmigkeit, nichts Schöneres kannte, als mittelst seelischer Läuterung in unmittelbare Berührung mit Gott und den guten Geistern zu kommen. Dazu kam, daß eine trübe Jugend und schwere Schicksalsschläge sie für sentimentale Beschaulichkeit noch empfänglicher machten.

Was Balsamo anlangt, der im Frühling 1779 in Mitau erschien, so hatte seine Fuchsnase gar bald Diejenigen herausgefunden, welche für ihn ein formbares Material unter seinen Händen zu werden versprachen. Unter den ersten, welche man ihm auf diesbezügliche Anfragen nannte, war auch das gräflich Medem'sche Haus, der Vater und der Oheim der Freifrau, beide Mitglieder des Freimaurerordens, beide eifrige Anhänger der Alchemie und der damit verwandten Magie. Schwerlich konnte sich Cagliostro passendere Männer wünschen, als diese beiden Herren, die zu der höchsten und einflußreichsten Aristokratie Kurlands gehörten.

Doch lassen wir nunmehr Frau von der Recke selbst sprechen: »Cagliostro gab sich für einen spanischen Grafen und Obersten aus, meldete sich gleich bei meinem Vaterbruder als Freimaurer und sagte, er sei von seinen Oberen in wichtigen Geschäften nach Norden geschickt und in Mitau an ihn gewiesen. Mein Oheim stellte ihn als einen erfahrenen und erkenntnisreichen Maurer dem Herrn Oberburggrafen von der Howen und meinem Vater vor. Nach einigen Gesprächen, welche diese Herren und der Herr Major von Korff mit Cagliostro hatten, wurden sie alle von ihm sehr eingenommen. Kaum merkte ich dies, so suchte auch ich nebst meiner Tante, der Gräfin von Kaiserlingk, und meiner Kousine, Gräfin von Medem, diesem Priester der Geheimnisse näher zu kommen. Er und seine Frau wußten mit vieler Verschlagenheit unsere Ideen von sich zu vergrößern, und unsere Erwartungen zu spannen. Wir wurden bald nicht nur seine gläubigen Jüngerinnen, sondern führten ihm noch mehr Anhänger zu. Er wendete nun ein neues Mittel an, um uns in nähere Verbindung zu bringen, und zugleich leichter auf unsere Gemüter wirken zu können. Er sagte mir, er sei von seinen Oberen gesendet mit der Vollmacht, als Grand Maitre eine Loge d'Adoption zu gründen, in welche Frauenzimmer zugelassen würden. Da nun der sel. Hofrat Schwander sah, daß meine Tante, meine Kousine und ich nicht zurückzuhalten waren und uns durchaus als Mitglieder dieser Loge d'Adoption wollten aufnehmen lassen, so trat auch er aus Freundschaft und Vorsorge für mich zu dieser Gesellschaft. Ihm folgten sogleich Herr von Medem auf Tittelmünde, der älteste Sohn meines Vaterbruders, Herr Hofrat und Doktor Lieb, und Herr Notarius Hinz. Noch verschiedene, durch Geist, Charakter und Stand interessante Personen traten zu uns, von welchen ich zum Teil nicht die Erlaubnis habe, ihre Namen öffentlich zu nennen, teils andere aus gewissen Rücksichten nicht nennen will. Ein Teil davon hielten den Cagliostro so wenig für einen Wundermann, als ihn Schwander dafür hielt, und sahen vielmehr ein, daß er ein Betrüger sei. Aber diese einsichtsvollen Leute traten hinzu, teils um als Augenzeugen zu sehen, welche Wendung die Sache nehmen würde, teils aber aus freundschaftlicher Vorsorge für uns, damit die seit langer Zeit in unserem Hause vorhandene Stimmung der Gemüter zur Erwartung wunderbarer Dinge uns nicht tiefer in Schwärmerei stürzen möchte, wenn niemand vorhanden wäre, der uns einigermaßen zurückhielte. Indessen da Cagliostro solche allgemein verehrten Männer zu äußerlichen Anhängern bekam, machte diese Sache und das Geheimnisvolle dabei in Mitau ein Aufsehen und bereitete unserem vermeinten Wundermann in Petersburg einen großen Ruf vor.

Da unsre Seelen mehr auf die Verbindung mit der Geisterwelt, als auf Verwandlung der Metalle gerichtet waren, wobei man ihn schnell hätte entlarven können, so konnte Cagliostro leicht bei mir Fuß fassen, um so mehr, weil er, so lange er bei uns war, nichts versprach, was er nicht dem Schein nach leistete. Geriet eine Operation nicht, so wußte er solche Scheingründe vorzubringen, daß man glaubte, er habe so und nicht anders handeln können. Zwar wußte er auch seine hiesigen Anhänger durch irdische Erwartungen zu spannen, aber dies Ganze wird beweisen, daß er seine Sache hier so fein einfädelte, daß uns wohl zu verzeihen ist, wie wir so lange Gläubige seiner Wunderkraft waren, wiewohl dennoch gegen das Ende seines Aufenthaltes der Glaube an ihn zu fallen anfing. Einige, die Wunder erwarten zu können glaubten, fingen schon an, ihn für einen zur schwarzen Magie hinüberwankenden Magiker zu halten, andere aber raunten uns ins Ohr, er sei nichts, als ein Betrüger.«

Als eine Probe für das Verhalten Cagliostros führt uns einleitend Frau von der Recke folgendes an: »Kurz vor seiner Abreise nach Petersburg wurde einmal von den sehr großen, echten Perlen der verwitweten Herzogin gesprochen, die Cagliostro einige Male an ihren Händen gesehen hatte. Diese Perlen behauptete unser Magus sehr wohl zu kennen; denn er habe sie, einem bankerotten Freunde in Holland aufzuhelfen, aus den kleinen, schiefen Perlen seiner Frau zusammengeschmolzen, weil er gerade damals weder Geld, noch Wechsel genug gehabt, um seinen Freund aus der Verlegenheit zu reißen. Ich brauchte eben zu einer guten Absicht eine gewisse Summe Geldes, die ich ohne einige Beschwerde für mich nicht sogleich aufbringen konnte. Weil ich dies ganz geheim zu halten wünschte, so brachte ich Cagliostro ganz treuherzig in der Stille meine Perlen, machte ihm meine Verlegenheit bekannt, und bat ihn, dies für mich zu tun, was er seinem Freunde in Holland getan habe, da ich jetzt die Summe bar zu bezahlen nicht im Stande sei; zugleich versicherte ich ihm, daß ich den Ueberschuß des Geldes nicht haben wolle: den könne er selbst zu andern wohltätigen Absichten gebrauchen. Cagliostro erwiderte, er wünschte, daß ich früher dieses Verlangen geäußert hätte, so würde er diesem haben Genüge leisten können. Denn sechs Wochen gehörten zu dieser Operation, nun aber sei seine Abreise durch seine Oberen auf übermorgen bestimmt, und denen wäre er unbedingten Gehorsam schuldig. Ich bat ihn, die Perlen nach Petersburg mitzunehmen und dort umzuschmelzen. Er aber nahm sie nicht und sagte, wenn er erst in Petersburg wäre, dann würde er im Stande sein, unserer ganzen Gesellschaft und vorzüglich mir tätige Beweise seiner Vorsorge zu geben. Ich bat ihn, mich mit allen weltlichen Gaben zu verschonen und mich nur zu der Gemeinschaft mit höheren Geistern gelangen zu lassen. Darauf erwiderte er: »Ehe Christus das Amt eines Propheten, oder, wie ihr ihn nennt, eines Seligmachers übernahm, führte der Versucher ihn erst auf die Zinne des Tempels, und lockte ihn durch die Schätze dieser Welt; da diese keinen Einfluß auf seine reine Seele hatten, da erst reifte er dazu, durch Wunder die Welt zu beglücken. So müssen auch Sie erst, ehe Ihnen wichtigere Dinge anvertraut werden, durch Schätze dieser Erde sich prüfen lassen. Widerstehen Sie allen diesen Verführungen; nun, dann segne Sie der große Baumeister der Welt auf dem Pfade der Mystik ein und leite Ihren Gang, auf welchem Sie zum Wohl vieler Tausend groß werden können.« – Ich gestehe, daß ich schwach genug war, diesem allem Glauben beizumessen. Und nur der Gedanke, daß ich durch dieses offenherzige Bekenntnis der Irrtümer meines Verstandes andere gute Seelen, die noch etwa meinen damaligen Wahn hegen, auf ihrer mysteriösen, mystischen Laufbahn vielleicht zum Nachdenken erwecken und zurechtweisen könne, giebt mir den Mut, meine Verblendung mit aller Treue der Wahrheit dem Publikum zur Schau zu stellen, sollt' ich auch deshalb manches schiefe Urteil über mich hören müssen.

Bei uns verband Cagliostro Religion, Magie und Freimaurerei sehr genau mit einander. So ungeschliffen sein äußerliches Betragen war, indem er oft jeden von uns ohne die geringste Ursache mit Ungestüm anfuhr, so sittlich betrug er sich übrigens in allen seinen Reden. – Cagliostro kannte sein Publikum, auf welches er wirken wollte, zu genau, als daß er nicht jeden von uns, mit dem er zu tun hatte, so behandelt hätte, daß er sich seines Vertrauens bemeisterte; auch muß ihm das Unverdorbene unserer Sitten so aufgefallen sein, daß er sich es gleich berechnen konnte, er würde allen Einfluß auf uns verlieren, wenn er sich irgend einen leichtsinnigen Anstrich geben wollte.

Daher war er bei uns ein strenger Sittenprediger. Obzwar ihm der feine Anstand der großen Welt mangelte, so war er doch darin sehr auf seiner Hut, daß ihm, wenn er sich beim Frauenzimmer befand, nie ein unanständiger Scherz entfiel. Das Ungeschliffene in seinen Manieren, das wir wohl bemerkten, setzten wir auf Rechnung seines vorgeblichen langen Aufenthalts in Aegypten und Medina. (Gütiger Himmel, wie naiv!)

Er gab vor, daß diejenigen die mit Geistern in Gemeinschaft kommen wollten, durchaus alles Materielle bekämpfen müßten; daher tat er auch, als ob er im Essen und Trinken mäßig wäre, ob ers gleich eigentlich gar nicht war. Wir waren aber zu sehr von ihm eingenommen, um auch diesen Widerspruch in ihm zu bemerken. So viel ist gewiß, hätte Cagliostro mehr wahre chemische und optische Kenntnisse, kurz mehr gründliche Wissenschaften und mehr seine Sitten der großen Welt gehabt, so hätte er unter der Maske des Magikers mit seinem intriganten Geiste und bei dem heutigen, so allgemein verbreiteten Glauben an Wunder eine noch größere und vielleicht gar anscheinend ehrenvolle Rolle spielen können.«

So erzählt Frau von der Recke. Erstaunlich muß uns bei alledem nur erscheinen, daß der seiner Natur nach sonst so reservierte Adel dem Charlatan mit so unglaublichem Vertrauen entgegenkam, ohne sich recht klar darüber geworden zu sein, wer denn eigentlich dieser Mensch sei, und es läßt sich dies nur damit erklären, daß man in der Zugehörigkeit Balsamos zu einer Freimaurerloge genügende Bürgschaft für die Wahrheit seiner Herkunft zu finden meinte und daher alle weiteren Nachforschungen über ihn unterließ. Wir werden in der Folge sehen, daß es ihm nicht immer so gut erging und daß mitunter mitten in den Taumel allgemeiner Bewunderung unliebsame Enthüllungen hineinplatzten, die ihn so stark kompromittierten, daß er sich bewogen sah, schleunigst mit Sack und Pack zu verschwinden.

Jedenfalls bemerkte er hier schnell genug, daß man ihm mit vollstem Vertrauen entgegenkam und verfehlte demnach auch nicht, seine gläubigen Anhänger durch einige Gauklerkunststückchen in ihrer Verblendung festzuhalten und zu bestärken. Da diese Streiche für die von nun an gebrauchte Taktik Cagliostros recht charakteristisch sind, wollen wir sie ein wenig ausführlicher berichten und uns dabei des vorerwähnten Buches der Frau von der Recke bedienen.

»Cagliostro machte einige chemische Versuche im Hause meines Vaters und im Beisein desselben und des Herrn Kammerherrn von der Howen, gab beiden die Versicherung, der neu zu errichtenden Loge einige Geheimnisse mitzuteilen und zum Beweise, daß höhere Kräfte in seiner Gewalt wären, wollte er Tags darauf im Beisein dieser Herren mit einem beinahe sechsjährigen Knaben ein Experiment machen.

Wir erinnern daran, daß es allgemeiner Glaube war, daß der Großmeister, als der im Grade der Tugend am höchsten Stehende, die Fähigkeit besitze, durch ein Kind den reinen Geistern Befehle zu erteilen, sowie überhaupt sie völlig seinem Willen dienstbar zu machen. Im Zeremoniell nennt man das Kind den Spieler oder, wenn es ein Mädchen war, die Taube oder Kolumbine.

»Der Tag erschien. Mein Vater und Vaterbruder verfügten sich zu Herrn von Howen, und der jüngste Sohn meines Vaterbruders wurde zu diesem Experiment bestimmt. Wir Cagliostro bei diesem verfuhr, weiß ich nicht mit Zuversicht zu sagen, da ich kein Augenzeuge davon war, aber die Herren erzählten uns folgender Gestalt die Sache. Cagliostro habe in die linke Hand und auf das Haupt des Kindes das Oel der Weisheit gegossen und so unter dem Gebete eines Psalms den Knaben zum künftigen Seher eingeweiht. Der Kleine wäre bei dieser Operation sehr erhitzt worden und in Schweiß geraten; darauf habe Cagliostro gesagt, dies wäre ein Zeichen, daß die Geister Wohlgefallen an dem Kinde hätten. Nun habe Cagliostro in des Knaben Hand und auf dessen Kopf Charaktere geschrieben, dem Knaben geboten, unaufhörlich in die gesalbte Hand zu sehen, und so habe er die Beschwörungen angefangen. Zuvor habe er meinen Vaterbruder gefragt, ohne daß das Kind es gehört, was er seinem Sohne für eine Erscheinung machen solle. Mein Vaterbruder habe Cagliostro gebeten, er möge dem Kinde seine Mutter und die Schwester, die noch zu Hause sei, erscheinen lassen, damit der Knabe nicht erschrecke, wenn er die Erscheinung sehe. Ungefähr zehn Minuten nach der Beschwörung habe das Kind gerufen, es sehe seine Mutter und Schwester; da habe Cagliostro gefragt: »Was macht Ihre Schwester?« und das Kind habe geantwortet: »Sie greift sich nach dem Herzen, als wenn ihr da etwas weh täte.« Nach einer Weile habe der Kleine gerufen: »Jetzt küßt meine Schwester meinen Bruder, der nach Hause gekommen ist.« – Hier muß ich sagen, da die Herren aus dem Hause meines Vaterbruders zu Herrn v. Howen fuhren, um in dem Hause, welches einige Straßen von diesem entfernt liegt, das erste, magische Experiment zu machen, war dieser Bruder meiner Kousine nicht in der Stadt; auch erwarteten wir ihn nicht den Tag, und glaubten ihn über sieben Meilen weit von uns entfernt. Aber in eben der Stunde, da die Beschwörung gemacht wurde, kam mein Vetter ganz unerwartet zu uns, und meine Kousine hatte kurz vorher so starkes Herzklopfen, daß ihr ganz schlimm geworden war. Gleich nach der Beschwörung kam Cagliostro mit meinem Vaterbruder, Herrn von Howen und meinem Vater zu uns. Die drei Herren erstaunten nicht wenig, als sie meinen ältesten Vetter vor sich fanden und hörten, daß meiner Kousine nicht wohl gewesen sei. Nun betrieben sie selbst die Stiftung der Loge d'Adoption.«

In ihren im Jahre 1787 gemachten kritischen Bemerkungen bemerkt Frau von der Recke hierzu folgendes:

»Ich muß gestehen, daß die Erzählung von diesem ersten magischen Experimente den größten Eindruck auf mich machte und mich bei meinem damaligen Hange zum Wunderglauben dergestalt für Cagliostro einnahm, daß ich nachgehends keine ruhig forschende Untersucherin mehr sein konnte. Daß gerade das Haus, wo dies Experiment vorgenommen wurde, vom Hause meines Vaters so weit entfernt war, daß keine Wirkung durch optische Spiegel hervorgebracht werden konnte, dies vergrößerte meine Idee von der Gewalt, die Cagliostro vorgab, über die Geisterwelt zu besitzen. Wenn ich jetzt dies Taschenspielerstück von ihm nicht ganz aufdecken kann, so kann man doch mit Gewißheit behaupten, daß er auf die natürlichste Art betrogen hat, weil, wie die Folge es zeigen wird, alles Betrug und Verabredung mit ihm und dem Knaben gewesen ist. Wären wir gleich auf der Stelle nur unbefangen Beobachter gewesen, so hätte man Cagliostro sicher Schritt auf Schritt seinen Betrug nachweisen und es entdecken können, daß er vielleicht durch irgend einen Helfershelfer die unerwartete Ankunft des ältesten Sohnes meines Vaterbruders erfahren, und es schon zuvor gewußt habe, daß meine Kousine unpäßlich sei.«

Mit welcher Frechheit er auch sonst noch seine Gläubigen zu verblenden wußte, das beweist folgende Schatzgräberepisode. Am Tage, an welchem die neugebildete Loge den obersten Grad erhielt, kündigte Balsamo an, er habe von seinen »Oberen« – er sprach auch hier stets mit geheimnisvoller Affektation von seinen Oberen – weitere Weisungen erhalten. Dieselben hätten ihm den Ort gezeigt, an welchem wichtige magische Schriften und Werkzeuge vergraben seien; er bezeichnete ein dem Herrn von Medem gehöriges Landgut, das in der unmittelbaren Nähe von Mitau lag. Daselbst habe vor 600 Jahren ein großer Magier gelebt, der dort, in einem Walde wichtige magische Instrumente nebst sehr großen Schätzen vergraben habe. Er hoffte, der große Baumeister der Welten werde seinen Fleiß segnen und ihn den Glücklichen sein lassen, der diese Sache hebe. Er müsse es gestehen, daß dieses Unternehmen eines der wichtigsten Dinge der Welt sei, weil alle bösen Geister sich gegen ihn auftun würden, um ihn zum bösen Prinzip hinabzuziehen. Sobald die Schätze in die Hand der schwachen Magier kämen, würde es die traurigsten Folgen für die Welt haben, und Jahrhunderte würden vergehen, bevor unser Erdball von den Plagen, die mit dieser Revolution verbunden wären, gesäubert wäre. Man sollte also seine Gebete mit denen Balsamos vereinen, um vom Ewigen Stärke für ihn zu erflehen, damit er den Versuchungen der bösen Geister Widerstand leisten könne. Nachdem er diese Entdeckung gemacht, zeichnete er auf einem Papier die Gegend ab, wo die Sachen vergraben lägen, und beschrieb genau die Lage des Waldes, obwohl er niemals auf jenem Gute gewesen war. Auf die erstaunte Frage, woher er denn jenes Gut kenne, gab er die Antwort, er habe sich durch die Kraft seiner Geister und auf Geheiß des großen Kophta dorthin begeben und alles in Augenschein genommen; das uns Anvertraute habe er von dem Geiste erfahren, der die Schätze dort bewache.

Als die Gesellschaft später am Orte der Bestimmung anlangte, schickte sich Balsamo zunächst an, das Vorhandensein des angeblichen Schatzes festzustellen, wobei er sich abermals jenes kleinen Knaben bediente, dem er verschiedene Erscheinungen zu zeigen vorgab. Der Knabe sah nie alles so, wie es Balsamo voraus beschrieben, und sagte aus, er sehe die Erde geöffnet und darin viel Gold und Silber und Papiere u. s. w. Nachdem dieser erste Teil des Werkes beendet worden, ließ Balsamo einige Wochen vergehen und machte sich dann daran, den bösen Geist, der die Schätze bewachte, zu fesseln, was abermals mit Hilfe jenes Knaben und im Beisein der bekannten Logenmitglieder geschah. Den Schatz selbst versprach er nach Verlauf einiger, weiterer Wochen zu heben; sein Versprechen hat er jedoch nicht einmal zum Scheine zu erhalten versucht, denn als später der Termin der Hebung herangekommen war, weilte Balsamo bereits in Petersburg.

Natürlich war er über die Lage jenes Gutes und des vorgeblichen Fundorts durch irgend welche Umstände, vielleicht durch dienstbare Emissäre aufs beste orientiert. – Weiter wird uns berichtet:

»Eines Abends machte Cagliostro folgendes Experiment im Hause meines Vaterbruders und im Beisein einiger Mitglieder unserer Loge. – Zuvor fragte er mich um die Taufnamen des Herrn N. N., den ich recht wohl kannte, und um die Taufnamen meines verstorbenen Bruders. Er schrieb, nachdem ich sie ihm gesagt hatte, die Anfangsbuchstaben aller dieser Namen, und zwischen jeden Buchstaben Charaktere, die ich nicht kannte. Darauf blieb er noch eine Weile allein im Zimmer, schrieb allerlei, verbrannte einiges, kam zu uns und sagte: »Wir sollten das Kind anstiften, ihn zu bitten, daß er ihm wieder allerlei in der Kammer zeigen möchte. Cagliostro nahm den Knaben auf den Schoß, rieb ihm mit den vorhin verbrannten Papieren den Kopf, küßte ihn und sagte: »Kind! auch Du kannst noch ein großer Mann werden! Komm, lieber Junge, Du sollst Dinge von großer Wichtigkeit sehen.«

Darauf führte er ihn in das Zimmer, wo er zuvor geschrieben hatte. In dem Zimmer war nichts, als die gehörigen Möbel; nur standen zwei Lichter auf dem Schreibtische meines Vaterbruders, und zwischen den Lichtern lag ein mit Charakteren beschriebener Bogen Papier. Als nun das Kind im Zimmer war, machte Cagliostro die Türe zu und sagte dem Kinde, es solle nur ruhig warten, bis die schönen Sachen, die er versprochen hatte, ankommen würden, es solle nichts fürchten, selbst wenn im andern Zimmer Lärm wäre, so hätte dies nichts zu bedeuten. Wir alle saßen im Vorzimmer der zugemachten Tür gegenüber in einem Kreise. Cagliostro stand mit einem bloßen Degen in der Hand in der Mitte des nämlichen Zimmers und gebot uns allen Stillschweigen, Ernst, Andacht und Stille.

Darauf machte er mit seinem Degen einige Charaktere an die Tür des Zimmers, in welchem das Kind war; dann stampfte er mit den Füßen bald auf die Erde, bald an die Tür, schrieb mit dem Degen Charaktere in die Luft, sprach allerlei Namen und Worte aus, die wir nicht verstanden, aber die drei Ausrufungen kamen am häufigsten vor: Helion, Melion, Tetragrammaton. Mitten in diesen Arbeiten schickte meine Tante ihren ältesten Sohn nach dem andern Zimmer, um zu sehen, ob auch die andern Türen fest wären. Da sagte Cagliostro mit erstaunendem Affekte: »Um Gottes willen, was macht ihr? Seid stille, seid stille, rührt euch nicht, ihr seid in der größten Gefahr und ich mit euch.« Er verdoppelte sein Fußstampfen, schrie mit entsetzlich starker Stimme einige unbekannte Worte und Namen aus, machte allerlei Figuren in der Luft, und zog nun von neuem einen Kreis mit seinem Degen um uns alle. Er blieb im Kreise stehen, sagte unter schrecklichen Drohungen, daß wir alle unglücklich werden würden, wenn einer von uns sich rühren oder auch nur sachte sprechen würde; und nun fing er von neuem seine Beschwörungen an, gebot dem Kleinen, der bis dahin ganz still gewesen und im Zimmer verschlossen war, niederzuknieen, ihm alles nachzusprechen, was er ihm vorsagen würde, und nicht eher von seinen Knieen aufzustehen, als bis er eine Erscheinung gehabt hätte. Darauf stampfte Cagliostro wieder mit den Füßen, machte mit dem Degen allerlei Bewegungen und fragte das Kind: »Was sehen Sie jetzt?«

»Ich sehe den kleinen, schönen Jungen, der mir das letzte Mal im Walde die Erde öffnete.«

»Gut, bitten Sie nun den Jungen, daß er Ihnen den Herrn v. N. N. zeige, und zwar mit Ketten um den Hals, an Händen und Füßen.«

»Ich sehe Herrn v. N. N.; er sieht verdrießlich aus, und ist an Händen und Füßen, auch am Halse gekettet.«

»Was sehen Sie jetzt?«

»Der kleine schöne Junge zieht die Kette um seinen Hals immer fester zusammen.«

»Wo ist Herr v. N. N. jetzt?«

Hier nennt das Kind das Landgut dieses Herrn, welches einige Meilen von der Stadt entfernt liegt.

»Gebieten Sie, indem Sie mit dem Fuße auf die Erde stampfen, daß Herr v. N. N. verschwinden soll, und bitten Sie den schönen Knaben, daß er Ihnen den seligen Bruder Ihrer Kousine von der Recke zeige.«

»Der Bruder ist da.«

»Sieht er munter oder traurig aus, und wie ist er gekleidet?«

»Er sieht vergnügt aus und hat eine rote Uniform an.«

»Sagen Sie ihm, er solle Ihnen auf meine Gedanken durch ein Zeichen ja oder nein zu erkennen geben.«

»Er sagt ja.«

»Was tut er jetzt?«

»Er legt die Hand aufs Herz und sieht mich freundlich an.«

»Was wollen Sie jetzt sehen?«

»Das kleine Mädchen, welches wie Ihre Frau Gemahlin aussieht, und welches Sie mir das letzte Mal zeigten.«

»Was sehen Sie jetzt?«

»Das kleine Mädchen ist da« – u. s. w.

Nachgehends sprach Cagliostro wieder arabisch, stampfte mit den Füßen an die Tür, machte endlich die Tür auf, ließ das Kind herauskommen, sagte, wir könnten nun unsere Plätze verlassen, schalt noch, daß mein Vetter aus dem Kreise getreten wäre und fiel in dem nämlichen Augenblick in eine Art konvulsivische Ohnmacht. Wir ermunterten ihn, und da er wieder zu sich kam, gebot er uns Allen Stille und Ernst und ging in das nämliche Zimmer, wo das Kind die Erscheinungen gesehen hatte, schlug die Tür hinter sich zu, und wir hörten ihn da aus voller Stimme eine fremde Sprache sprechen. Zuletzt hörten wir ein dumpfes Getöse, darauf kam er wieder ganz ruhig und wohl aus dem Zimmer, und sagte mit einer triumphierenden Miene: er wäre Herrn v. N. N. eine Strafe schuldig gewesen und hätte diesen nun hart gestraft. Wir würden es morgen hören, daß N. N. in der Stunde, wo das Kind die Erscheinung gehabt und ihn in Ketten gesehen hätte, an Würgen im Halse und an Gliederschmerzen sehr krank gewesen wäre. Des andern Morgens hörten wir, daß alles so, wie Cagliostro es uns gesagt hatte, eingetroffen war.«

Hierzu bemerkt Frau von der Recke in ihren Anmerkungen: »Daß Herr v. N. N. gerade um die Stunde, da Cagliostro es sagte, auf seinem unweit der Stadt gelegenen Landgute krank geworden, ist wahrscheinlich, wie schon damals von den Ungläubigen unter uns behauptet ward, durch eine Arzenei geschehen, die ihm unbemerkt entweder durch Schnupftabak oder auf eine andere Art beigebracht hat. Denn den Tag vorher speiste Cagliostro mit Herrn v. N. N. zu Mittag und glaubte sich durch ihn beleidigt. Da er von Herrn v. N. N. zu uns kam, sprach er mit einer Art Mut über ihn und sagte, dieser sollte schon seine Macht fühlen und von ihm bestraft werden.«

Und was nun die Erscheinungen anlangt, welche das Kind gehabt, so schreibt jene dann: »Erst seit einigen Monaten ist mir es durch das Geständnis meines kleinen Vetters klar, wie Cagliostro das Hokuspokus mit ihm eingefädelt hat. Bald nach seiner Ankunft und nachdem er im Hause meines Vaterbruders Eingang und herzliche Aufnahme gefunden, hatte er sich viel mit meinem kleinen Vetter, der ein witziger und gesprächiger Knabe war, zu tun gemacht, uns allen gesagt, daß zu seiner Glückseligkeit nichts fehle, als daß er Vater eines solchen Kindes wäre. Der Knabe, der uns alle Cagliostro so verehren sah, er neigte sich nun auch an den Mann, der oft mit ihm seinen Zeitvertreib hatte. Unter diesen Zeitvertreiben hat Cagliostro ihm allerlei gezeichnete Bilder vorgezeigt, Fragen darüber gemacht, Antworten gelehrt und den Knaben gelehrig befunden, dem Kinde gesagt, daß er seinen Vater, seine Mutter, seine Geschwister, sogar seinen treuen Diener, ihn selbst und alles, was er liebte, glücklich machen könnte, wenn er alles tun würde, was er ihm heiße, und nie über Dinge, die er mit ihm spräche, gegen irgend jemand laut würde, wohl aber müsse er ihm alles sagen, was jeder von uns von ihm urteile. Auch hat er dem Knaben gedroht, ihn mit dem Degen, den er in der Hand hatte, Glied für Glied zu zerschneiden, wenn er über die Sache plaudern und sich nach seinen Vorschriften nicht richten würde. Hieraus kann man es sich leicht erklären, woher der Knabe nach jeder Operation so erhitzt ausgesehen hat; denn die Angst, seine Lektion nicht gut aufzusagen, hat dem armen Kinde das Blut in die Wangen getrieben. Der Knabe, der von seinen Eltern und uns allen, wie gesagt, unaufhörlich ermuntert wurde, sich um Cagliostros Liebe zu bewerben, tat alles, was unser Wundermann ihn hieß.

Vor der ersten sogenannten magischen Operation versprach Cagliostro dem Kinde eine schöne Uniform, wenn er seine Sache gut machen würde, und Tages darauf ließen die Eltern dem Knaben auf Cagliostros Bitte eine Uniform machen.

Nun wurde der Knabe immer dreister. Unter dem mit Charakteren beschriebenen Bogen Papier war ein anderes Papier, wo alle die vorgeblichen Erscheinungen nach der Reihe, wie Cagliostro sie fragte, abgezeichnet waren. Der Knabe sah dieses und konnte daher auf die allernatürlichste Art antworten: Jetzt sehe ich einen Wald, jetzt dies und das.«

Von größtem Interesse und hoher Wichtigkeit scheinen uns noch folgende Zeilen des Schriftchens jener Dame zu sein: »Cagliostro hat mir für die Buchstaben J. H. S. solch eine Ehrfurcht eingeflößt, daß ich auf sein Gebot eine ganze Zeit lang nie meine Seele in Gebeten zu Gott erhob, ohne zuerst an die drei Buchstaben recht lebhaft gedacht zu haben. Auch sagte er mir, jedesmal, wenn ich die Bibel lesen wolle, sollte ich zuerst an diese Buchstaben denken, dann würde ich dem großen Baumeister der Welt näher kommen. In einem protestantischen Lande geboren und erzogen, ohne Umgang mit Katholiken gehabt zu haben, kannte ich zu der Zeit die Bedeutung dieser Buchstaben J. H. S. gar nicht. Jetzt sehe ich wohl ein, daß diese Buchstaben nichts anderes bedeuten sollten, als das bekannte Zeichen: Zeichen d. Jesuitenordens des Jesuitenordens. Hierdurch wird abermals die auch schon von anderen gehegte Mutmaßung bestätigt, daß Cagliostro ein Emissar der Jesuiten war, welche durch ihn eigentlich in Petersburg wirken und durch die während seines Aufenthaltes in Mitau gemachten Verbindungen seine Wirkungen in Petersburg nur einleiten und vorbereiten wollten.«

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß Frau von der Recke mit diesen Worten wirklich den Nagel auf den Kopf traf, denn in der Tat war der einzige Zweck, den Cagliostro mit seinem so langen Aufenthalt in Mitau verfolgte, der, durch den Einfluß der hohen ihm bedingungslos ergebenen und in Petersburg sehr einflußreichen kurländischen Aristokratie den dortigen Hof und vor allem die Kaiserin Katharina zu betrügen. – Wie weit das Entgegenkommen des Adels gegen diesen Lumpen ging, mag daraus hervorgehen, daß er in der Tat um ein Haar seinen Lieblingsplan durchgesetzt hätte, der darin bestand, mit Erlaubnis ihrer Verwandten die Freifrau von der Recke, seine Lieblingsschülerin, mit nach Petersburg zu nehmen, um sich durch sie in die hohen Kreise einführen zu lassen. Man kann sich denken, welch eine gewaltige Empfehlung es für den Wundermann gewesen wäre, wenn eine der ersten Familien Kurlands ihm ihre Tochter anvertraut hätte. Er hätte in diesem Falle seines Erfolges sicher sein können, und ist Prügel wert für die grenzenlose Dummheit, mit der er sich eine so wichtige Unterstützung verschlagen hat.

Wir erzählten bereits, daß Beppo sich in Mitau sehr, sehr anständig betragen mußte, weil er sich dort in einer sehr sittenstrengen Umgebung befand. Beppo war aber von Natur durchaus nicht anständig, sondern auf gut Deutsch gesagt, ein großes Schwein, und es konnte nicht fehlen, daß trotz aller Selbstbeherrschung einmal seine wahre, grunzende Natur zu allgemeinem Staunen und großer Verstimmung sich Bahn brach.

Bei Gelegenheit der Lektionen nämlich, mit welchen er neben seinen Experimenten seine Schüler beglückte und in denen er sie neben seiner alchemistischen Fähigkeit auch von Tugend und Weisheit und sonstigem Blödsinn der höheren Magie zu unterrichten pflegte, geschah es ihm einmal, daß er unüberlegter Weise sich rühmte, ein Mittel zu besitzen, Frauen zu physischer Liebe zu zwingen, und diese unglaubliche Unanständigkeit rief in allen, besonders aber in der reinen Elise eine solche Mißstimmung hervor, daß sie an ihm irre zu werden anfing, und obgleich er sich zur Rede gestellt äußerst schlau aus der Affaire zog, indem er erklärte, er habe seine Schüler nur auf die Probe stellen wollen, sich entschieden von da an weigerte, ihn zu geleiten. Die Aussicht, am Ende selber von ihm zu physischer Liebe gezwungen zu werden, schien ihr wahrscheinlich sehr wenig einladend, und wir können ihr das nicht verdenken.

Daß übrigens Cagliostro auch hier in pekuniärer Hinsicht seinen Schnitt zu machen wußte, das kann uns bei dieser Gaunerseele nicht in Erstaunen setzen; allerdings durfte er hier nicht den groben Beutelschneider spielen, denn dies hätte ihn verdächtig gemacht, und er wollte wahrscheinlich seine ihm so treuergebenen Mitauer Freunde noch einmal beehren und sie darum in gutem Glauben erhalten. Lebte er doch ohnedies schon von der Gastfreundschaft der Familie Medem, in deren Hause er wohnte und von der er alles erhielt, was er sonst wünschte. In der Tat wußte er denn auch hier auf feinere Art auf die Erkenntlichkeit seiner Gastfreunde zu spekulieren und dadurch ansehnliche Summen zu erlangen. So erhielt er von dem Ober-Burggrafen von Howen insgeheim ein Geschenk von 800 Dukaten und einen prächtigen Brillantring, und wie sich vermuten läßt, waren auch die anderen Mitglieder der neuen Loge nicht minder freigiebig.

Mittlerweile kam der Tag heran, den die »geheimen Oberen« Cagliostro zur Abreise nach Petersburg bestimmt hatten. Er spielte vortrefflich den Schmerzbewegten, und verhieß – denn das kostete ihn ja nichts – jeden von ihnen in einen Wirkungskreis zu setzen, durch welchen seine Fähigkeiten zum Wohle der Welt ausgebildet werden sollten. Auch Schätze dieser Erde, Gesundheit und langes Leben wurde einigen versprochen. Alle forderte er in feierlicher Rede auf, für ihn zum Schöpfer aller Dinge in andächtigen Gebeten zu flehen, auf daß er sein angefangenes Werk gut vollenden und zu immer höherer Vollkommenheit steigen möge. Auch versprach er, noch einmal zurückzukehren, um den bewußten Schatz zu heben. – Fiducit!

So schied Cagliostro unter allgemeiner Rührung von Mitau.

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