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Melchior

Josef Kastein: Melchior - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleMelchior
authorJosef Kastein
year1927
firstpub1927
publisherFriesen-Verlag
addressBremen
titleMelchior
pages422
created20170307
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2. Kapitel.

Der »Ernst des Lebens«, den man Eberhardt auf dem Familientage angekündigt hatte, begann schon am nächsten Tage seine ersten würdevollen Blicke auf den jungen Volontär zu werfen. Er stand pünktlich um acht Uhr, wie ihm anbefohlen war, in den Kontorräumen der Firma Steding & Kroog. Wischhusen, der Prokurist, nahm ihn in Empfang und machte ihn zunächst mit der Örtlichkeit vertraut: Hauptkontor, Schreibmaschinenzimmer, Proben- und Musterraum, Konferenzzimmer, und drüben (mit einer entsprechenden Bewegung des Daumens) das Zimmer des »Alten«. Das war eine Bezeichnung, in der sich die größere Vertraulichkeit gegenüber dem Volontär und dem Sohn eines großen Handelsherrn ausdrückte. Er erfuhr weiter, daß immer abwechselnd ein Chef hier sei, der andere drüben. Was »drüben« bedeutete, wurde nicht erklärt.

Nach einer Weile wurde er zu Herrn Steding gerufen. Die Ansprache war knapp, höflich und niederschmetternd. »Guten Tag, Herr Melchior. Nehmen Sie Platz. Die Ausbildung von Volontären ist ein nobile officium, aber kein Vergnügen. Weder für den Chef noch für den Volontär. Ich erfülle diese Verpflichtung gerne Ihres Vaters wegen, den ich überaus schätze. Ich erwarte von Ihnen Anstrengung und Fleiß. Bei mir wird von der Pike auf gearbeitet. In den ersten drei Monaten haben Sie die Obliegenheiten der normalen Lehrlinge des ersten, zweiten 33 und dritten Jahres. Herr Wischhusen wird Ihnen die Arbeit anweisen. Nach drei Monaten sprechen wir weiter darüber. Guten Morgen.«

Eberhardt stand draußen, gab sich Mühe, sein verdutztes Gesicht in gleichmäßige Falten zu legen und meldete sich bei Wischhusen. Eine halbe Stunde später hatte er den ersten Stapel Briefschaften von der Post geholt und ordnungsgemäß im Kontor abgeliefert. – –

Beim Abendessen würzte er das Gespräch mit einer eingehenden Darstellung seiner Tätigkeit und der Menschen, die er dabei vorfand: »Der Chef trägt eine Zahnbürste; die ordentlichste, die ich je gesehen habe. Er trägt auch ein Fernrohr. Aber das sieht man nicht. Das trägt er innerlich. Man merkt nur, daß er immer tausend Meter über den hinwegguckt, den er gerade vor sich hat. Ich bin neugierig, ob er morgen noch weiß, wer ich bin.«

»War er freundlich?«

»Sehr. Er hat sich fast eine Minute lang angeregt mit mir unterhalten. Dann war ich draußen.«

»Er ist ein überaus fleißiger und stark beschäftigter Mann. Da muß er sich kurz fassen.«

»Ich hab's ihm nicht übel genommen. Seine rechte Hand ist Wischhusen. Wenn er nicht Prokurist geworden wäre, liefe er bestimmt als Lohndiener Haberkost durch die Gegend. Er weiß alles; er kennt alles; er errät alles, was sein Chef will. Wenn der einen Gedanken hat, reißt Wischhusen-Haberkost schon den Windfang auf. Er trägt weiße Glacéhandschuhe, die man auch nicht sehen kann. Innerlich, wißt ihr. Er ist immer etwas vertraulich und immer etwas feierlich.« 34

»Er ist eine tüchtige, brave Seele. Eine unschätzbare Kraft.«

»Das meine ich ja. Ein kaufmännischer Haberkost.«

Mutter Ethel lachte ihn an: »Oh, wie bist du boshaft.«

»Aber gar nicht, Mutter. Er ist in seiner Art ein vollkommener Mensch. Genau so vollkommen wie Herr Knigge, der die Buchhaltung unter sich hat. Er ist der Klügste von allen; oder besser gesagt: der Weiseste. Ich habe ihn zwischendurch irgend etwas gefragt. Da hat er die Brille abgesetzt und gesagt: »Lieber Herr Melchior, der Mensch kann nicht alles wissen. (Er spricht etwas schlackerig, müßt Ihr wissen, weil er ein falsches Gebiß hat.) Ich weiß, was in meinen Büchern steht, und das weiß ich gründlich. Dafür bin ich hier. Alles andere ist mir ganz egal.« Und dann hat er seine Brille wieder aufgesetzt. Wenn er nicht kurzsichtig wäre, müßte er sich unbedingt eine Brille kaufen. Er gehört zu seiner Brille.«

»Was willst du?« wehrte ihm sein Vater. »Das ist eine solide und anständige Form der Existenz. Uns liegt sie nicht; gewiß. Aber jeder liberale Mensch wird sie respektieren.«

Eberhardt stimmte eifrig zu. Aber er stellte die weiteren Schilderungen ein. Es langweilte und verdroß ihn, auf jede Äußerung eine kluge, sachliche Quittung zu bekommen, deren Inhalt so unumstößlich richtig war, daß das Übermaß dieser Richtigkeit einen lebendigen Menschen zur Verzweiflung bringen konnte.

Aber sein Mitteilungsdrang und seine Lust am Worte waren groß. So lud er sich bald darauf bei seiner Kusine Toni für einen Sonnabendnachmittag zum Kaffee ein. 35 Dort konnte er mit behaglicher Breite seine Darstellung wiederholen und sie darüber hinaus ergänzen.

»Zwei von den jungen Leuten führen seit Wochen einen erbitterten Kampf um den Tanzpreis vom Astoria. Eines der Tippmädchen ist vor Aufregung bleichsüchtig geworden. Die Sache nimmt bedrohliche Formen an.«

»Ach«, lachte Toni, »du scherst sie alle etwas über einen Kamm.«

»Nicht ganz«, sagte er nachdenklich. »Einer ist darunter, aus dem ich nicht ganz klug werde.«

»Du nicht?« spöttelte sie. »Bei deiner Kenntnis der menschlichen Seele?«

»›Krämer‹ heißt er. »Schlicht und bürgerlich Otto Krämer. In den ersten beiden Wochen hat er mich kaum gesehen. Oder ich ihn nicht. Dann mußte er mir eine Arbeit zuweisen: Muster und Proben ordnen. Ich tat wirklich mein Bestes, um es ordentlich zu tun. Aber nach einer Weile nahm er mir die Sachen aus der Hand und sagte: Das ist doch alles Komödie. Später haben Sie nicht nötig, so etwas zu tun. Dann tun es andere Leute für Sie. Warum nicht auch jetzt? Sprach's und arbeitete selber weiter. – Mir war zumute, als müßte ich ihm sagen: Gestatten Sie, Herr Krämer, daß ich Ihnen eine 'runter haue? Aber ich tat es nicht, weil . . . weil das der erste Mensch im Leben war, der mich mit einem ausgesprochenen, gemeinen, deutlichen Mitleid anzusehen wagte. Kannst du dir einen Vers darauf machen?«

Toni überlegte: »Vielleicht stammt er von armen Leuten.«

»Was hat das mit der Sache zu tun?« 36

»Er nimmt vielleicht deine ganze Arbeit nicht recht ernst.«

»Das wäre sehr liebenswürdig und sehr falsch.«

»Nimmst du deine Arbeit denn ernst?« fragte sie vorsichtig.

Er wurde hellhörig. »Also, liebe Kusine, ist zunächst festzustellen, daß du meine Tätigkeit nicht ernst nimmst.«

»Richtig«, sagte sie freimütig.

»Und wenn du das sagst – entschuldige bitte – dann hat es gestern oder vorgestern dein Mann gesagt, und vorgestern oder noch einen Tag früher das übrige Gremium der Familie. So weit wird wohl alles stimmen, nicht wahr?«

»Ja. Aber du mußt nicht glauben, daß ich den anderen nur nachplappere, was sie sagen. Ich habe meine eigene Begründung dafür.«

»Also bitte.«

»Bei allem, was du erzählst oder erzählt hast, hat man immer nur von Menschen und ihren Eigenschaften und ihren Eigentümlichkeiten gehört. Man hat nie von der Sache gehört, vom Betrieb, von der Ware oder überhaupt irgend etwas, das mit dem kaufmännischen zu tun hat . . .«

Eberhardt erhob sich mit einem vollen, glücklichen Lachen: »Aber liebe Toni, glaubst du denn, ich hätte meine verpatzte Rede am Familientag nur so aus Dummheit oder Verlegenheit gehalten? Glaubst du nicht, daß ich die Courage habe, mein Leben so anzufangen und durchzuführen, wie ich es für richtig halte? Mein Gott, was geht mich der ganze kaufmännische Kram denn eigentlich an? Das ist doch alles nur Handwerkszeug. Die 37 ganze Karre läuft von selbst, wenn man Geld hat. Da schickt man den Jupp Corssen nach der Gold Coast 'raus und wartet. Dann kabelt Jupp: blaue Glasperlen bei Niggern dernier cri. Also werden blaue Glasperlen gekauft. Das Lieferantenverzeichnis liegt fix und fertig da. Angebote werden eingeholt und vernünftig ausgehandelt. Dann bekommt Jupp einige Wochen später seine Kisten mit blauen Glasperlen. Und Jupp schickt dann Kautschuk, Elfenbein, Affenfelle, Kopra und einen Originallendenschurz des verstorbenen Häuptlings Bossopolonga. Jupp schlägt sich mit den Niggern und wir bestellen. Und daran sollte ich meine vergnügten Jahre verkleckern?«

»Aber es ist doch alles so kindlich leichtfertig, was du sagst«, ärgerte sie sich.

Er drohte ihr: »Toni, Toni, ich werde dir eines Tages die Pumps zurückschicken müssen!«

»Bernd hat mir auch schon Andeutungen gemacht. Ich nehme an, er wird mit dir darüber sprechen, denn er hat schon ein kleines Douceur für dich . . .«

Sie stockte und wollte nicht weiter mit der Sprache heraus. Aber er erpreßte ihr das Geständnis, daß Bernd den »großen Rothschild« für ihn in Bereitschaft habe.

»Wann kommt er heim?«

»Gegen sechs Uhr.«

»Entschuldigst du mich für zehn Minuten?«

»Du hast wieder eine Dummheit vor.«

»Zehn Minuten«, rief er und rannte davon.

Er kam eben vor seinem Vetter wieder ins Haus. Es gab eine gemessen herzliche Begrüßung, und während der nun folgenden Unterredung entzündeten sich Bernds sanfte Belehrungsversuche an der undurchdringlich 38 gleichmütigen Miene des anderen zu immer regerem Eifer. Endlich prasselte eine Strafpredigt auf Eberhardt herunter, daß selbst Toni fand, die Grenze der Ermahnungen sei weit überschritten.

»Ich habe nicht bis 19 Jahre Schule spielen dürfen. In deinem Alter saß ich schon in Rio und schuftete, daß mir die Knochen knackten. Jeder muß hergeben, was er kann. Merk' dir das!«

»Ja«, sagte Eberhardt geduldig und bescheiden.

Bernd lenkte ein. »Ich meine es ja herzlich gut mit dir. Hoffentlich glaubst du mir das.«

»Gewiß doch. Du bist nur etwas laut bei der Sache geworden. Das ist sonst bei uns in der Familie nicht üblich.«

Bernd steckte den Rüffel ein und wurde tiefrot. »Komm mal her, Eberhardt. Ich habe hier eine Kleinigkeit für dich besorgt. Ich hoffe, daß du davon Nutzen hast.«

Damit drückte er ihm ein faustdickes Buch, eben den »großen Rothschild«, in die Hand. Eberhardt dankte herzlich und zog sein Paket hervor, das er inzwischen besorgt hatte: »Du sagtest vorhin: jeder muß hergeben, was er kann. Erlaube mir eine Variante: jeder gibt, was er kann.«

Damit legte er ihm ein Buch in die Hand und machte sich aus dem Staube. Bernd sah es an. Es waren »Büchmanns Geflügelte Worte«. –

Tagelang wurde dieser Witz belacht. Onkel Philipp tat das seinige, ihn zu verbreiten, und der junge Eberhardt galt als einer, vor dem man sich in acht nehmen müsse.

Aber ihm war mit diesem Scherz nicht viel gedient. 39 Er war ihm nur das Mittel, sich mit Anstand aus der Affäre zu ziehen. Und hier handelte es sich um eine »Affäre«. Sie war nicht groß; aber er kannte die unheimliche Zielstrebigkeit der Seinigen auch in kleinen Dingen.

Die Familie hatte Grund, sich mit ihm zu beschäftigen. Seine Kenntnisse und seine leichte Auffassung bestritt ihm niemand. Er wußte bestimmt schon jetzt, was sonst ein Lehrling im dritten Jahre erst weiß. Daß er ein Spötter und ein Bosnickel war, trug man ihm nicht nach. Er hätte getrost die tollsten Streiche machen dürfen. Man hätte nachsichtig, sogar ein wenig stolz darüber gelächelt: »Ist das ein Bengel, der Eberhardt! Na, er wird sich die Hörner schon noch ablaufen.«

Aber darum ging es nicht. Das waren seine Privatdinge. Schuldig wurde er in dem Augenblick, in dem er die Verspieltheit seines Wesens, seine leichte, spöttische Art, seinen mangelnden Ernst und seine unentwegte Heiterkeit auch auf seine Auffassung von Beruf und Tätigkeit übertrug. Da gab es kein Spielen. Dieser Bezirk des Daseins war mit einer Kette alter, ehrwürdiger Heiligtümer umsäumt. Generationen hatten da gedient und gewerkt und sich aufgeopfert. Solche Dinge verkleinert man nicht. Man treibt kein Sakrileg mit ihnen. Man schändet nicht . . .

Bernds Strafpredigt war nicht aus dem Stegreif gehalten. Sie war das Ergebnis einer Besprechung zwischen Hermann Melchior, seinem Neffen Bernd und dem Senator Mähren. Hermann war mit neuen Plänen befaßt, die ihm für alles andere keine Zeit ließen. So mußte ein Teil seiner väterlichen Befugnisse delegiert werden. 40 Mähren hatte das Amt abgelehnt, weil er sich zu leicht erregte. Aber er war ehrlich genug, es eines Tages Eberhardt zu gestehen und ihm die Zusammenhänge klarzustellen. »Nimm es nicht krumm«, tröstete er. »Alle meinen es gut mit dir.«

Er fand Eberhardt überraschend einsichtig und gefügig, und verfehlte nicht, davon im Familienkreise zu berichten. Gelegentlich wurden Stichproben gemacht, und es erwies sich, daß der junge Volontär höchst sachlich und vernünftig über alle Dinge sprach, die er sah und lernte. Seine Gedanken waren gerade und klug. Er wagte zuweilen vorsichtig eigene Ideen, über die Mähren vor respektvoller Achtung fast aus dem Häuschen geriet. Bernd fühlte sich und sein Vorgehen im tiefsten Grunde gerechtfertigt. Die leichten Falten der Familiensorgen begannen sich zu glätten.

Und doch hätte nie mehr als in diesem Augenblick die Notwendigkeit bestanden, alle Sorgen wachen zu lassen. Denn gerade in diesen Tagen und Wochen wurde der Keim gelegt zu den erregenden und überraschenden Vorgängen, die später über die Familie hereinbrachen.

Eberhardt wußte: alle diese Vorgänge lagen auf dem Wege der Erziehung zur Sachlichkeit. Das leise Grollen, das er gehört hatte, galt dem Versuch eines Füllen, über die Hürden zu springen. Im Hintergrunde stand ein Dompteur, der eine Peitsche versteckt hielt. Nun ging das Füllen brav und folgsam über die eingezäunte Weide, maß die Entfernung zwischen sich und dem trennenden Gitter und wartete ruhig und unauffällig auf seine Stunde. Es war zähe. Es konnte warten.

Er brauchte darum nicht einmal etwas von dem 41 aufzugeben, was ihn anging und ihn bewegte. Nur nach außen hin brauchte er die notwendige Konzession der Form zu machen, und das strahlende Wohlwollen der Familie bewies ihm, daß er auf dem rechten Wege sei.

Aber bei dieser Art, das Unverfängliche mit dem Wortschatz der anderen zu sagen und alles Eigene für sich geheim zu halten, unterlief es ihm, daß er in eine gefährliche Vereinzelung geriet. Es bildete sich in ihm ein trübes schwimmendes Meer von Gefühlen. Unbestimmte Sehnsüchte erfüllten ihn. Von dem Augenblick an, da er sich nicht mehr aussprechen und mitteilen konnte, verlor sich die jugendliche Klarheit seiner Empfindungen und Gedanken in einem Chaos des Treibenden und Ungewissen.

Er arbeitete eines Tages wieder mit Krämer zusammen im Probenzimmer. Die Sonne stand schon hoch und kräftig über der Weser und gegen die roten Mauern des Teerhofes.

Krämer streifte ihn mit einem kurzen Blick und sagte dann wie nebenher: »Sie sollten vielleicht etwas Sport treiben, Herr Melchior. Ich meine nur, weil Sie in letzter Zeit etwas . . . bedrückt aussehen.«

»Ganz recht«, gab Eberhardt spöttisch zurück. »Vielleicht etwas Sport. Ich spiele ein bißchen Tennis. Dann bin ich bei den 82ern im Ruderklub. Bei Seelf lerne ich boxen. Zuweilen reite ich. Schwimmen versteht sich am Rande. Dann habe ich ein Segelboot . . . aber sonst habe ich mit Sport herzlich wenig zu tun.«

»Dann entschuldigen Sie den unerbetenen Rat«, sagte Krämer und arbeitete weiter.

Eberhardt war doppelt bedrückt. Einmal darüber, daß sein Ton etwa zu spöttisch gewesen war und den anderen 42 verletzt habe; mehr aber darüber, daß man ihm offenbar seinen Zustand vom Gesicht ablesen konnte. Schließlich war ein Gesicht keine Landkarte, auf der jeder Unberufene sich orientieren durfte.

So trieb ihn persönlichste Neugier, von Krämer zu erfahren, was er eigentlich beobachtet und abgelesen habe. Er verzögerte sich des abends beim Aufräumen seines Pultes, so daß er gleichzeitig mit Krämer die Treppe hinunterging. Er wies lässig mit der Hand nach Sankt Martini hin: »Gehen Sie dort?«

»Kann ich«, sagte Krämer. Er schien von dieser Begleitung nicht überrascht. Er sagte und tat alles mit einer abgerundeten Lässigkeit, die beruhigend und aufreizend zugleich war.

Sie gingen durch die Martinistraße, dann an den Zollgebäuden der Tiefer entlang bis zum Osterdeich. Da sagte Eberhardt mit möglichst leichter Betonung: »Ich hoffe, Herr Krämer, daß ich in letzter Zeit nicht allzu brummig gewesen bin und es Ihnen etwa verleidet habe, mit mir zu arbeiten.«

»Wieso denn?« fragte Krämer gelassen. »Der Mensch ist schließlich keine Maschine, und neben dem Beruf hat man doch noch sein privates Dasein.«

»Nicht wahr?« rief Eberhardt erfreut.

Krämer maß ihn mit einem gelangweilten Seitenblick: »Das ist doch eine primitive Wahrheit.«

Dann empfahl er sich mit einem kurzen Gruß.

Eberhardt schlenderte über den Wall nach Hause. Er war grenzenlos verbittert. Primitive Wahrheit, sagte dieser Kommis. Was wußte dieser Handlungsangestellte 43 von der heiligen Einheit von Ort und Zeit und Handlung?

Am nächsten Morgen fand er neben seinem Frühstücksgedeck einen kleinen Brief:

Sehr geehrter Herr Melchior, um unnützen Komplikationen vorzubeugen: meine vielleicht schroffe Art gestern abend hat mit meiner persönlichen Einstellung zu Ihnen nichts zu tun. Ich liebe es nur nicht, wenn Dinge unscharf abgegrenzt werden. Der Versuch einer menschlichen Annäherung ehrt mich, stört aber meine Überzeugung, daß die Berührung völlig verschiedener Welten ziemlich unerquicklich ist. Ich habe keinen Ehrgeiz, »hinauf« zu steigen. Für Sie ist es sinnlos, »hinunter« zu steigen. Jeden sachlichen Dienst dagegen wird Ihnen mit Vergnügen erweisen

Ihr sehr ergebener            
Otto Krämer.

Eberhardt lächelte vor sich hin. Warte, dachte er leicht gerührt, ich werde dir das versalzen, auch noch in den menschlichen Bezirken Bretterwände aufzurichten. Dazu hast du kein Recht, mein Lieber.

Er gab sich tagsüber im Geschäft vollkommen unbefangen. Am Abend wartete er vor dem Hause, bis Krämer herauskam.

»Wir gehen wieder zusammen, wenn es Ihnen recht ist«, griff er ihn an. Krämer wehrte nicht ab, und so gingen sie den Weg vom Tage zuvor.

»Nicht wahr«, begann Eberhardt ohne weitere Einleitung, »dieses Recht auf sein privates Dasein ist zwar an sich als eine Selbstverständlichkeit gegeben, aber es ist 44 doch nicht gleichgültig, in welchem Rahmen es sich abspielt.«

»Gewiß. Es erleidet dadurch gewisse Abänderungen.«

»Es kommt darauf an, wie weit man sonst beansprucht wird. Wenn es Sie nicht langweilt, setzen wir uns hier auf die Bank und ich gebe Ihnen mal so einen kleinen Abriß von den Bedingungen, in denen sich ein solches privates Dasein entfalten kann.«

Sie setzten sich gegenüber der Oltmannshöhe auf eine Bank. Krämer sah zur Seite und fragte: »Meinen Brief haben Sie bekommen?«

»Ja.«

»Dann bitte. Aber auf Ihre Order und Gefahr.«

»Ich übernehme das Risiko«, lachte Eberhardt. »Ich will wie ein Schulaufsatz aus der Tertia beginnen. In unserem Hause gibt es viele Teppiche und Matten. Je nach der Weihe und Feierlichkeit des Ortes gibt es Perser oder Binsenmatten aus Worpswede. Die werden besonders von Großvater Simon geschätzt, der damit die heimische Industrie heben will. Es ist also wenig Gelegenheit gegeben, laut aufzutreten. Irgendwo versinkt der Fuß immer. Was den Füßen recht ist, ist dem Mundwerk billig. Man redet dort nicht laut. Temperamentsausbrüche sind untersagt. Sie kommen zuweilen im Radio vom Hamburger Sender, wenn er eine mittelmäßige Sängerin produziert. Dann wird einfach der Lautsprecher abgestellt. Es wird eben nicht laut gesprochen. Nicht einmal im Geschäft, nicht einmal am Telephon. Ehe mein Vater sich dazu versteht, am Telephon laut zu sprechen, lieber hängt er ab und läßt das Gespräch unverstanden.«

»Leicht übertrieben«, lachte Krämer. 45

»Nicht um eine Silbe. Es ist alles con Sordino. Leise Töne haben keine große Reichweite. Sie beschränken sich also auf die Familie. Nichts dringt nach außen. My home, my castle. Rund herum ein Graben aus Herkommen und Reserve. Und damit sich die Dinge nicht feindlich im Raume stoßen, haben sie sich aufeinander einzustellen. Keiner äußert mehr, als dem anderen erwünscht ist. In diesem Rahmen ist man äußerst liberal. Abfällige Urteile über andere sind nicht beliebt. Jeder mag nach seiner Fasson selig werden . . . wenn er einem nicht zu nahe kommt. Aus diesem Gehege gibt es nur zwei Ausfallstore: der liebe Gott und die Allgemeinheit.«

»Schlechte Zusammenstellung«, murmelte Krämer.

»Scheinbar. In Wirklichkeit eine logische. Bei uns ist Frömmigkeit mehr als ein Wort. Aber auch weniger als eine ursprüngliche Angelegenheit. Es sind früher viele Pastoren in der Sippe gewesen. Die Unsicherheit der früheren Zeiten hat sie gelehrt, dem glücklichen Ereignis göttliches Herkommen zu unterstellen. Das hat sich vererbt. Heute ist Gott in ihrer menschlichen Bilanz die stille, versteckte Reserve. Und die lassen sie sich etwas kosten.

Das andere Ausfallstor, die Allgemeinheit, ist entweder die private oder die offizielle, also die öffentliche Meinung oder die Vaterstadt. Jene mißachten sie und haben folglich Furcht davor; diese lieben sie und haben sie folglich mit allem Stolz und Selbstbewußtsein gepachtet.«

»Sie sind sehr skeptisch«, lächelte Krämer.

»Ich bin im Augenblick weder das eine noch das andere. Ich referiere nur, ohne zu werten. Ich beschreibe nur das Milieu, in dem sich ein privates Dasein wie das meinige entfalten darf. Ich halte es nicht gerade für einfach und 46 günstig. Man ist von Bedingungen umgeben, die man nicht selbst gesetzt hat; von Gesetzen, die da sind und jeder Zeit trotzen, ohne auf ihren Sinn Rücksicht zu nehmen.«

Krämer lächelte: »Das ist das Wesen der meisten Gesetze. Es gibt gar nichts Zeitgemäßes. Alles ist entweder zeitlos oder vorzeitlich.«

»Wir geraten in die Philosophie, mein Lieber.«

»Oder in die Tatsachen. Zum Beweise will ich Ihnen mein Milieu schildern. Sie werden nachher verstehen, warum ich das tue. Ich wohne mit meinen Eltern in einem der typischen Bremer Einfamilienhäuser. Unten zwei Zimmer und die Küche. Nach vorne eine kleine Veranda mit Glas. Affenkäfig, wie man sagt. Oben zwei Zimmer. Dann kommt der Boden. Vor dem Hause der unvermeidliche Vorgarten. Das eine Zimmer ist die kalte Pracht. Man sitzt nie darin. Nur bei Konfirmationen, Geburtstagen und Weihnachten. Gegessen wird in der Küche. Unten schlafen die Eltern, oben die Schwester und ich. Wir verdienen alle und leben aus einem Topf. Jeder treibt, was er will und mag. Über Meinungen wird nicht gestritten, sondern nur über Angelegenheiten. Das ganze Haus riecht nach Seife und Strebsamkeit. Ein Sparkassenbuch und ehrsamer Lebenswandel sind große Ziele. Der Sohn soll mal Prokurist werden. Die Tochter soll sich mal mit einem soliden Menschen verheiraten. Saubere Wäsche, reinlicher Vorgarten mit Vergißmeinnicht und Stiefmütterchen, Invalidenrente und Krankenkasse. Und dazwischen Menschen . . .«

Er schwieg. Eberhardt atmete beklommen. Schon in der Vorstellung bedrückte ihn der Armeleutegeruch. Er 47 wußte nichts auf diese Darstellung zu erwidern. Da kam ihm Krämer zu Hilfe.

»Ich erzähle Ihnen das nicht, um auf ihre Teilnahme zu spekulieren. Ich wollte Ihnen nur zeigen, daß Ihr Milieu und mein Milieu . . . das gleiche ist. Natürlich auf anderer Ebene. Mit anderen Mitteln und Möglichkeiten. Aber im Grunde dasselbe. Sie werden das später einsehen.«

»Aber die andere Ebene«, begann Eberhardt . . .

»Ist ganz gleichgültig«, unterbrach ihn Krämer. »Darum erzähle ich Ihnen das ja. Jedes Milieu hat seine Hemmungen. Jedes Milieu ist dazu da, überwunden zu werden.«

»Und mit welchem Ziele?«

»Mit dem Ziele«, sagte Krämer stark, »um das soziale Milieu, jedes soziale Milieu aufzulösen in ein menschliches. Es ist die Vernichtung der sozialen Sphäre zugunsten der menschlichen. Der eine hat Perserteppiche, der andere Linoleum. Der eine ist Großkaufmann. Der andere Werkmeister. Dort Duft einer Marschall-Niel-Rose. Hier Duft von Seifenlauge. Es ist eines wie das andere. Alles das muß aufgelöst werden. Solange es noch kompakt bleibt, erstickt es den Menschen . . . und sein privates Dasein.«

Er stand auf und wollte gehen. Eberhardt hielt ihn fest. »Wir sprechen noch einmal darüber, Herr Krämer, nicht wahr?«

Krämer packte seine Schultern und sah ihn aufmerksam an. Seine Augenbrauen waren dicht über der Nasenwurzel zusammengeschoben. Dann ließ er ihn los und sagte: »Wie Sie wollen. Aber eines muß ich Ihnen 48 sagen, ehe es zu spät ist: ich habe Sie gewarnt! Vergessen Sie das nicht. Guten Abend.«

Eberhardt blieb in einer leichten Unruhe zurück. Was gab es da zu warnen? Er zuckte hochmütig die Achseln bei dem Gedanken, dieser Mensch aus einer anderen Sphäre des Daseins könne ihn für unfähig halten, seine Gedanken zu begreifen.

Trotzdem gab er sich damit zufrieden, daß Krämer ihm in den folgenden Tagen auswich. Er hatte das Gefühl, vor den Toren zu unbekannten Provinzen zu stehen und war von leichter Furcht und Erwartung angenehm berührt. Aber er tat nichts, in das neue Gelände vorzudringen. Er überließ sich völlig einem sanften Träumen und dem Behagen, sich von dem wachsenden Sommer durchwärmen zu lassen.

Jede freie Stunde brachte er auf dem Wasser zu. Man verdachte es ihm sehr, daß er nicht im Ruderklub erschien und für die Regatta trainierte. Er fand jetzt kein Behagen an körperlicher Anstrengung. Er zog es vor, seine Jolle klar zu machen und mit dem schwachen Winde lässig dahinzutreiben. Zuweilen fehlte ihm selbst die Lust, gegen den Wind zu kreuzen, und er warf nachlässig den Hilfsmotor an. Den Spott der Bekannten nahm er ruhig hin. Sie konnten ihm die Behaglichkeit dieses trägen Versäumens nicht ersetzen.

Aber endlich mied er doch den Flußlauf innerhalb der Stadt und stromabwärts. Kameradschaft auf dem Wasser war eine schöne Eigenschaft, aber die vielen Anrufe und Begrüßungen wurden ihm zur Last. Er hielt sich jetzt meist oberhalb von Wehr und Schleuse auf, fuhr die 49 niedrigen Ufer entlang, legte hier und dort an und warf sich in das Gras.

Dann atmete er langsam und gleichmäßig wie das Schweigen dieses flachen Landes. Vereinzelt eine Lerche, die man im flimmernden Weiß nicht sehen konnte; zuweilen Grillen mit feinem Zirpen; der dumpfe Laut der satten, schwarzweißen Rinder; das Klappern von Milcheimern; Dengeln einer Sense. Alles stille, friedliche Geräusche; leise Nebentöne zu dem verhaltenen Klingen in ihm; sanfte Kurve aus Licht und Farbe zu den Schwingungen, die ihn durchkreisten und endlich, wie nach gebändigter Scham, nach den Worte verlangten.

Er hatte ein schmales Buch mit rotem Ledereinband, in das er seine Gedichte eintrug. Er saß da und blätterte darin. Es ging ihm seltsam damit. Immer, wenn er ein neues Gedicht schrieb, hatte er aus der Innigkeit des Gefühls und der Ehrlichkeit seines Empfindens den Glauben, so seien Dinge und Begebenheiten noch nie gesagt worden; dieser Ton und dieser Rhythmus fehle noch im großen Chorwerk der jungen Dichtungen. Aber was er jetzt las, Zeile um Zeile, mit einem Abstand, der nur aus kurzen Wochen herrührte, erschreckte ihn durch die quälende Gleichmäßigkeit von Form und Inhalt. Alles das war wie das sinnlose Kreisen einer Motte um ein Licht; ein Spiel, das sich immer gleich bleibt und ermüdet.

Es müßte ein Erlebnis kommen, dachte er vor sich hin. So bin ich ein stehendes Wasser. Keiner wirft Steine hinein, damit Kreise entstehen. Es geschieht nichts . . . und eines Tages werde ich sein wie die anderen.

Er hatte niemanden, mit dem er diese Nöte besprechen konnte. Sein Vertrauen zu Toni war zu tief erschüttert, 50 als daß er zu ihr hätte sprechen können. So verblieb ihm das Alleinsein und das Schwimmen im Meer der jungen Empfindungen ohne Ziel und Plan.

Eines Sonntags fuhr er wieder stromaufwärts. Er segelte im Kielwasser eines breiten Raddampfers, der mit Wimpeln geschmückt war. Das ganze Deck war gedrängt voll von Ausflüglern. Eine Kapelle hämmerte Volkslieder.

Es traf sich, daß er dicht hinter dem Dampfer in die Schleusenkammer einfuhr. Er hielt sich vorsichtig zurück, um bei der Ausfahrt nicht zu dicht in den Wirbel der Radschaufeln zu kommen. Während das Wasser langsam stieg, sah er, daß vom Heck des Schiffes ihm jemand zuwinkte. Es gilt nicht mir, dachte er, weil noch andere Boote mit in der Kammer waren. Aber er zog sich doch mit dem Bootshaken weiter nach vorne, so daß er vor allen anderen Booten lag. Da sah er, daß der Gruß doch ihm galt, und erkannte zugleich Otto Krämer, der sich über die Reeling beugte.

»Wohin?« rief Eberhardt.

»Badener Bergen«, kam die Antwort.

Eberhardt hatte plötzlich eine Eingebung: »Ich auch« rief er zurück. »Aber ich bin schneller da als Sie. Wollen Sie mit? Dann steigen Sie über.«

Krämer schüttelte den Kopf: »Geht nicht. Ich habe Anhang. Meine Schwester.«

»Mitbringen«, sagte Eberhardt couragiert. Er sah, daß Krämer sich zu einem jungen Mädchen umwandte, das er im Gewühl nicht deutlich erkennen konnte, und dann fragend zurückrief: »Aber wie kommen wir 'rüber?«

Eberhardt fuhr unter das Heck des Dampfers und hielt 51 sein Boot mit dem Haken fest. »Gehen Sie über die Reeling und halten Sie sich an den Wanten fest. Dann springen Sie aufs Vorderdeck.«

Das geschah, und alle Menschen auf dem Dampfer nahmen mit Lachen und Kreischen an diesem Vorgang teil. Das Boot schwankte ein wenig unter dem doppelten Aufsprung, dann stieß Eberhardt mit seinen beiden Passagieren vom Dampfer ab und legte sich wieder an die Mauer.

Er mußte sich eingestehen, daß es ihm im selben Augenblick leid tat, die beiden eingeladen zu haben. Sein Bedürfnis nach Menschen, das sich hier hinterlistig Bahn gebrochen hatte, wäre vielleicht befriedigt worden, wenn er mit Krämer alleine gewesen wäre. Die Anwesenheit der Schwester aber konnte höchstens eine Geselligkeit erzeugen, an der ihm nichts lag.

Immerhin machte er gute Miene zum bösen Spiel. Lisbeth Krämer setzte sich bescheiden ganz nach vorne in das Boot und schien nicht gewillt, die anderen zu stören.

Das Schleusentor öffnete sich. Quirlend und wirbelnd fuhr der Dampfer heraus. Eberhardt setzte alle Leinwand und zog langsam und stetig an dem Dampfer vorüber. Die Menschen winkten. Die Musik paukte. Auf dem Sonnendeck tanzten Paare. Geschrei und Gelächter klang über das Wasser. Dann blieb das Schiff mehr und mehr zurück. Ein frischer Morgenwind vergrößerte den Abstand mit jeder Minute.

Man war schweigsam im Boot. Alle schienen etwas bedrückt von der Plötzlichkeit der Entschlüsse. Lisbeth sah zu Eberhardt hinüber, der sich gegen die Ruderpinne lehnte und weit vor sich hin in das Wasser starrte. 52

»Tut es Ihnen leid«, fragte sie, »daß Sie uns mitgenommen haben?«

Er erschrak vor diesem Instinkt und wurde blutrot. »Aber nicht im geringsten«, rief er.

»Ich bin noch nie in meinem Leben in einem Segelboot gefahren«, fügte sie hinzu.

Er griff mit beiden Händen nach dieser Möglichkeit, sich unbefangen zu erweisen. Er erklärte eifrig alle Einzelheiten des Bootes, vom Schwert bis zu den Wantenspannern und von den Klampen bis zu dem Beschlag am Steven. Auch die Technik des Segelns wollte er gleich dazu erläutern. »Kommen Sie hierher. Nehmen Sie das Ruder. Ich zeige Ihnen dann alles.«

»Tun Sie es nicht«, lachte Krämer. »Es gibt bestimmt ein Unglück. Und dann verlangt sie nächste Woche, daß ich ihr ein Segelboot kaufe.«

»Das wäre kein Fehler«, lachte Eberhardt zurück.

»Aber was soll das für uns?« sagte Krämer achselzuckend.

»Er ist immer so blasiert«, rief Lisbeth. »Er hat immer so entsetzlich viele Bedenken. Wenn er sich doch einmal richtig freuen könnte.«

Krämer winkte ärgerlich ab. Eberhardt suchte einzulenken: »Er ist zu ernst. Daher kommt es.«

»Sind Sie auch so ernst?« fragte sie harmlos. »Ich glaube, Sie können recht gut lachen. Man sieht es an Ihren Augen.«

»Kinder«, stöhnte Krämer, »wenn ihr jetzt schon anfangen wollt, zu flirten, dann erlaubt wenigstens, daß ich mich mit meiner Reiselektüre befasse. Machen Sie kein so entsetztes Gesicht, Melchior. Ich meine es wirklich nicht 53 bösartig. Sieh einer diesen roten Kopf, den die Beiden schon jetzt haben! Das verkörperte schlechte Gewissen.« Er lachte laut auf. »Aber ganz im Ernst: ich krieche etwas aufs Vorderdeck und lese. Und ihr schwätzt inzwischen, was ihr wollt.«

Eberhardt fügte sich. »Schuhe ausziehen«, rief er ihm nach; und als er sein verdutztes Gesicht sah: »Es schrammt sonst«. Dann verschwand Krämer hinter dem Großsegel.

Eberhardt und Lisbeth saßen auf der Ruderbank, nur durch das Holz der Pinne voneinander getrennt. Keiner dachte mehr daran, die Kunst des Segelns zu lernen oder zu lehren. Sie sahen sich wie auf Verabredung an und lächelten. Sie strich ihre blonden Haare zurück: »Jetzt müssen Sie mit mir vorlieb nehmen. Es ist nicht gerade fein von Otto, aber ich freue mich doch.«

»Warum?« fragte er verlegen.

»Otto hat zu Hause von Ihnen erzählt. Ich will Ihnen nicht sagen, was es war. Sie könnten sonst eitel werden. Aber eines sagte er immer wieder: ein anständiger Kerl.«

»Er hat wenig Beweise dafür. Man weiß auch von sich selbst nie, ob man anständig ist. Das muß man erst an sich selbst erproben, wenn . . . wenn man einmal in die Versuchung kommt, es nicht zu sein.«

»Sind Sie schon einmal in solche Versuchung gekommen?« forschte sie.

»Nein. Dafür bin ich wohl noch zu jung. Bis vor einem Vierteljahr habe ich noch die Schule besucht. Ja, lachen Sie nur. Und jetzt bin ich Volontär, oder nach der Arbeit gemessen: Lehrling im dritten Jahre. Das ist auch noch wie in der Schule. Zu Hause auf dem Kamin steht eine französische Pendüle mit einem 54 Glassturz darüber. Ich bin auch noch unter solch einem Glassturz. Und solange man darin ist, gibt es weder anständig noch das Gegenteil. Man wird regelmäßig aufgezogen und muß zur rechten Zeit schlagen; wenn es auch noch so dünn klingt. Das ist alles.«

»Und Sie haben noch nie versucht«, fragte das Mädchen stockend, »ob . . . ob der Glassturz einen Sprung hat?«

Er sah groß auf: »Einen Sprung? Wie meinen Sie das?«

»So daß man einmal etwas von der Luft spürt, die draußen ist. Daß man einmal mit dem Finger dagegen tickt . . . und wenn ein Stück herausfällt, versucht man, wie es sich da draußen gehen läßt.« Sie lachte: »Was sind das für dumme Gedanken. Otto würde sagen: aus dem christlichen Vergißmeinnicht.«

Eberhardt war sehr ernst: »Es ist gar nicht so dumm, was Sie da sagen. Der Vergleich ist sehr gut. Aber ich glaube nicht, daß schon ein Sprung in dem Glassturz ist. Es ist noch alles zu solide; alte, gute Arbeit. Und wenn ich wirklich mit der Faust dagegen schlage, daß alles in Scherben geht – verlassen Sie sich darauf – morgen ist ein neuer Glassturz bestellt und übergestülpt. Das gehört zur Ordnung.«

Sie reckte beide Arme: »Das hielte ich nicht aus. Wozu lebe ich schließlich, wenn ich meine besten Jahre im Glashaus verbringen soll? Mädchen wie ich haben nicht viel, was sie erleben können. Ich bin erst achtzehn, und seit vier Jahren gehe ich schon ins Bureau, damit es zu Hause nicht so schmal hergeht. Ich habe eine gute Stellung und gebe mir da alle Mühe. Arbeit ist Arbeit. Aber sonst soll sich keiner darum kümmern, was ich tue und treibe.« 55

Er wurde argwöhnisch. Der Begriff Ehrbarkeit stand plötzlich vor seinen Augen: »Darf man fragen, was Sie tun?«

»Doch. Ich lese viel. Ich mache Wanderungen, alleine oder mit Freundinnen. Und dann bin ich im dramatischen Verein . . .«

Sie stockte. »Nun, erzählen Sie doch weiter«, drängte er.

»Warum denn? Was können Sie die Sorgen eines kleinen Mädchens interessieren?«

»Sorgen? Also gefällt es Ihnen im dramatischen Verein nicht? Ja, dann treten Sie doch aus.«

Sie wandte sich ab. »Ach, Sie spotten.«

»Nein. Bestimmt nicht.« Er berührte zutraulich ihren Arm, zog aber seine Hand, wie erschreckt, sofort zurück. »Ich spotte sonst viel über Menschen; das will ich nicht bestreiten. Aber an Ihnen sehe ich nichts, was sich verspotten ließe.«

Sie lachte halb versöhnt. »Dann bleibt immer noch die Frage, was meine Angelegenheiten Sie interessieren können.«

»Ich will ganz ehrlich sein, Fräulein Krämer: es ist Neugierde. Nicht die gewöhnliche Neugierde der Menschen, die immer lüstern darauf sind, was der Nachbar tut und treibt. Es ist mehr eine Neugierde nach . . . nach den Menschen überhaupt. Verstehen Sie das?«

»Sie meinen: nach dem, was in einem Menschen vorgeht.«

»Ja«, sagte er erfreut. »Sie verstehen, was ich meine.«

»Sehen Sie«, scherzte Lisbeth, »Sie klopfen doch schon vorsichtig an den Glassturz. Und weil Sie so ehrlich sind, will ich Ihnen weiter erzählen. Es gefällt mir im 56 dramatischen Verein, und es gefällt mir nicht. Was da geleistet wird, kann ich längst. Sie meinen es alle recht gut; aber es bleibt alles zu klein . . . zu unvollständig. Sie spielen ihre Rollen sehr ordentlich. Aber man merkt: sie vergessen nie, daß sie die Rolle gelernt haben und sie nun hersagen. Das genügt mir nicht. Wenn ich da oben auf unserer kleinen Bühne stehe, dann vergesse ich Gott und die Welt. Dann bin ich das, was ich spiele . . . Köchin oder Gräfin; das ist mir gleich. Aber man bleibt stehen, und ich möchte weiterkommen . . .«

»Sie möchten Schauspielerin werden«, warf er ein.

»Nein!« rief sie erregt und sah ihn feindselig an. »Nicht Schauspielerin. Künstlerin! Ich weiß wohl, was in Ihren Kreisen das Wort Schauspielerin bedeutet!«

Er faßte ihren Arm, aber er ließ ihn dieses Mal nicht wieder los. »Werfen Sie mich mit den anderen und mit meinem Kreise nicht in einen Topf. Ich habe mir bei dem Worte nichts gedacht. Ich verstehe so gut, wie das ist, wenn ein Mensch über seine Grenzen hinaus will. Er fängt ja dann erst an, Mensch zu sein.«

Sie war schnell versöhnt und lachte. »Da sehen Sie, wie zuweilen das Temperament mit mir durchbricht. Und so etwas sollte nicht Schauspielerin werden? Aber«, fügte sie traurig hinzu, »ich werde es nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil ich kein Geld habe. Basta. Ich werde noch sechs oder sieben Jahre ins Bureau gehen. Dann wird Mutter einen jungen Mann ausfindig gemacht haben, der irgendwo Expedient oder Bureauvorsteher ist, und dann wird Lisbeth Krämer eine ordentliche Hausfrau, die den 57 Fußboden wichst und dabei die Jungfrau von Orleans hersagt. Aber vorher . . .« Sie ballte die Fäuste.

»Vorher?« fragte Eberhardt erregt.

»Ich weiß nicht . . . Vorher . . . vorher schlage ich um mich, daß die Scherben fliegen, und wenn ich mir die Hände dabei kaputt schneide!«

Vom Vorderdeck her erscholl Ottos Stimme: »Habt ihr schon Krach miteinander?«

Sie schraken zusammen, wie bei gemeinsamer Schuld ertappt. Sie hatten vergessen, daß sie nicht alleine waren. Jetzt trugen sie ihr Schweigen wie ein Geheimnis, das ihnen beiden gehörte. Sie sahen sich an und verstanden sich. Eberhardt strich sachte über ihre Hand und sagte: »Es wird sich schon ein Weg finden lassen. Wenn man etwas sehr stark will, gelingt es einem auch. Nicht müde werden . . .«

Sie summte ein Lied vor sich hin. Leise, gleichmäßig zog das Boot. Eberhardt lauschte andächtig. Ihre Stimme war klein, aber von einem wunderbar reinen Klang. Sie kommt geradewegs aus dem Herzen, dachte er. Er lehnte sich zurück, und dabei geschah es, daß ihre Schultern aneinander stießen und der Duft ihres blonden Haares nahe an seinem Gesicht war. Sie blieben starr befangen in dieser Haltung. Jeder glaubte, er spüre den Herzschlag des anderen. – – –

Am rechten Ufer erhob sich langsam der Dünenzug, der bis in die Badener Berge verläuft. Das ganze Land wechselt plötzlich sein Gesicht. Der Fluß schlägt eine große Schleife, rechts von hohen Hügeln begrenzt, links anstreifend an flaches, weithin ebenes Wiesenland.

Otto Krämer tauchte auf und reckte alle Glieder. »Ihr 58 mögt es glauben oder nicht: nach zehn Seiten bin ich eingeschlafen.«

»Es war arg langweilig?«

»Nein. Es war eine so schöne Müdigkeit. Wir wollen doch sparen, Lisbeth, und sehen, ob es zu einem kleinen Segelboot langt. Du wirst das Segeln lernen . . .«

»Und du wirst schlafen«, ergänzte sie.

»Vielleicht. Jedenfalls werde ich nichts tun.«

»Ist das Wasser nicht schön?« rief Eberhardt begeistert.

»Das Wasser? Sagen wir: die Natur. Es lohnt sich vielleicht, ihr näher zu kommen. Bücher sind ein schlechter Ersatz für . . . nun, sagen wir: für das Erlebnis dessen, was unsereins doch nie ganz versteht. Mir ist nur klar, daß ich entsetzlichen Hunger habe. Wo legen wir an?«

»Wenn es Ihnen recht ist, nicht dort drüben, wo die vielen Menschen sind. Wir fahren hier noch den Bogen entlang. Streek heißt es da. Kein Mensch kommt dahin, weil da keine Tanzlokale sind.«

Sie landeten an einer Schlenge, unter Weidengebüschen, die bis tief in das Wasser hingen. Aus dem Persenning und einigen Ästen machten sie sich ein Zelt. Aus dem Verschlag im Vorderdeck des Bootes holte Eberhardt unerschöpfliche Vorräte. Sie bauten sich einen kleinen Schutzwall um den Spritkocher. Dann hielten sie reichliche und vergnügte Mahlzeit.

Die Sonne stand hoch im Mittag. Eberhardt holte Decken aus dem Verschlag und sagte: »Im Freien sein und keinen Mittagsschlaf halten, verstößt gegen das Programm. Bis drei Uhr herrscht tiefstes Schweigen. Wie bei uns zu Hause. Und jeder bekommt sein Revier, das streng zu respektieren ist. Fräulein Lisbeth, Sie bekommen 59 das Zelt. Sie, Krämer, hier rechts unter dem Weidenbusch. Ich lege mich ins Boot.«

So geschah es. Nach einer Weile schnarchte Otto Krämer friedlich unter seinem Weidenbusch. Im Zelte war es ruhig. Eberhardt setzte sich halb aufrecht und zog sein Notizbuch mit dem roten Ledereinband hervor. Schreiben mochte er nichts. Dafür war er noch zu nahe einer seltsamen Erregung und dem Gefühl, es habe ihn einer angetastet und aufgestört. Er las nur, ließ die Verse aufklingen und nachhallen und wußte: sie waren alle nur ein Vorklang und ein Auftakt. Noch kannten sie nicht diese leichte Ruhe und Heiterkeit, die sich in ihm zu entfalten begann. Sie waren das Gestern; noch ein wenig dumpf und schwer und ungefüge. Aber er wußte jetzt schon, wie sie morgen sein würden: stiller und leuchtender und so beschwingt wie die Stimme eines Mädchens . . .

Er verträumte sich über seinen Versen. Da fiel ein Schatten über das Buch. Er sah erschreckt aus. Lisbeth Krämer stand neben dem Boot. »Sie lesen?«

Er nickte und legte das Buch beiseite. Sie sah ihn schuldbewußt an: »Jetzt habe ich Sie gestört. Aber ich konnte nicht schlafen. Ich mußte immer denken: was macht er da so alleine . . .«

»Warum sagen Sie: allein? Das klingt so nach Einsamkeit und . . . Schwäche . . .«

Sie sah ihn dringlicher an: »Ich verstehe, daß Sie sich wehren. Ich will ja auch nichts von Ihnen. Aber dieses Gesicht sieht aus, . . . als wären Sie viel allein. Sie sind noch so jung und haben doch schon eine kleine Falte um den Mund. Solche Falten habe ich bei Menschen 60 gesehen, die viel mit sich herumtragen . . . und wenig von sich abgeben können.«

Er antwortete nicht. Er konnte nicht antworten. Das Herz schlug ihm bis in den Hals hinauf. Wer hatte je so zu ihm gesprochen? Es glitt ihm wie sanfte Hände über das Gesicht, wie eine milde Berührung über die Schläfen. Er hatte Mühe, die Tränen eines aufkeimenden Heimwehs niederzuhalten.

Sie lehnte sich über den Bordrand: »Ich komme zu Ihnen. Darf ich?«

Er nickte stumm und rückte zur Seite. Er nahm ein buntes Kissen und legte es sorgfältig unter ihren Kopf. Sie verschränkte die Arme, schloß die Augen und sagte: »Und jetzt werden Sie mir vorlesen. Ich sehe Sie dabei nicht an . . .«

Er las. Zum ersten Male in seinem Leben las er einem fremden Menschen aus seinen Gedichten vor. Er gab damit seine geheime und gehegte Welt preis. Er entblößte sich damit bis in den letzten Winkel seiner Seele, daß ihm die Schamröte ins Gesicht stieg. Aber er konnte nicht mehr zurück. Es überwucherte die nie gesagte Not. Es befreite sich der Drang zum Bekenntnis zum Geben, zum Verschenken und Verschwenden, zum Hinströmen der gestauten Quellen . . .

Als er endlich schwieg, war er taumelig vor Glück. Er lehnte sich zurück. Sein Kopf traf auf eine weiche Hand. Um seinen Hals legte sich ein weißer, zarter Arm. Duft blonder Haare war über seinen geschlossenen Augen . . . Er empfing den ersten, zarten, unberührten Kuß . . . und in aller Scham mußte er lächeln; müde und voll Vertrauen. – 61

Am Nachmittag ging es mit Strom und Wind den Fluß hinunter. Es wurde nicht viel gesprochen. Nur hin und wieder machte Otto, der mit dem Ablauf des Tages recht zufrieden war, einen Scherz.

Als sie unterhalb der Schleuse waren, kam ihnen ein schlankes, schnelles Motorboot entgegen. Eberhardt winkte hinüber. Es kam ein matter Gegengruß zurück.

»Wer ist das?« fragte Lisbeth.

Er verzog die Mundwinkel: »Familie. Schwager samt Schwägerin.«

Beim Sielwall setzte er seine Passagiere am Anleger ab.

»Schönen Dank«, sagte Krämer. »Sie haben uns einen herrlichen Tag verschafft.«

Lisbeth drückte ihm die Hand. »Bald«, flüsterte sie. Er nickte stumm.

Er brachte sein Boot in Ordnung und legte es an die Tonne. Er versäumte sich dabei. Jeder Handgriff war verzögert, weil seine Gedanken einen ganz anderen Weg gingen. Wo war er? Wohin geriet er? Er lächelte und sagte leise: in den Strom. Dann ging er heim, langsam, träge. Es war ihm ganz gleich, daß er die Zeit zum Abendessen versäumte und daß sein Vater die Stirne runzelte.

Eberhardt machte nicht einmal den Versuch, sich zu entschuldigen. Er sah die Pendüle auf dem Kamin an und den Glassturz. Hast einen kleinen Riß bekommen, dachte er zufrieden.

Nach dem Abendessen kamen Bernd und Toni auf einen Augenblick herein. Es gab, abseits von den anderen, eine kleine, unbemerkte, aber bedeutsame Aussprache zwischen Toni und Eberhardt. 62

»Was für ein Mädchen hast du bei dir im Boot gehabt?«

»Schwester eines Geschäftskollegen.«

»Ich meine, man sollte sich mit solchen Leuten nicht zu intim machen.«

»Das ist Geschmackssache. Und jeder verantwortet das selber.«

,.Gewiß. Ich will dir ja nicht darein reden, aber ich habe wohl den geübteren Blick. Und deswegen möchte ich dir sagen: das Mädchen macht keinen guten Eindruck.«

»Hast du mit ihr gesprochen?« höhnte er. »Kennst du sie. Weißt du irgend etwas von ihr?«

»Uns Frauen genügt es, wenn wir eine andere Frau sehen. Und als Freundin sage ich dir ganz offen: sie macht einen zweideutigen Eindruck. Jedenfalls auf mich.«

Er zog die Achseln hoch: »Es kann nicht jedes Mädchen die Frau eines ehrbaren Bremer Kaufmanns sein.« Damit drehte er ihr den Rücken und ließ sie stehen. Während des ganzen Abends zuckte und wetterleuchtete es in seinem Gesicht. Seine Hände spielten unruhig. Ethel Melchior sah es wohl. Aber sie wußte nicht, wie sie ihm helfen konnte.

Am anderen Morgen bekam Toni ein Paket. Als sie es öffnete, fand sie darin die Pumps, die sie Eberhardt zum Abiturientenexamen geschenkt hatte. Daneben lag ein Brief. Sie las:

Liebe Schwägerin Toni,

ich bin überzeugt, daß Du Dich noch des letzten Familientages erinnerst und daß ich Dir damals androhte, 63 ich würde eines Tages genötigt sein, Dir die Pumps zurückzuschicken. Weil ich zuweilen lustig sein und spotten kann, passiert es mir meist, daß man alles, was ich sage, eben als Spott und Lustigkeit hinnimmt. Wenn Du das in diesem Falle getan hast, so wirst Du jetzt zugeben müssen, daß Du Dich geirrt hast.

Hierneben schicke ich Dir die Pumps zurück. Halten wir uns nicht mit Vorreden und Erklärungen auf. Ich zweifle nicht, daß Du mich verstehst. Du bist viel zu klug, um nicht zu verstehen. Du wirst auch klug genug sein, um mir zuzugeben, daß ich im Recht bin. Natürlich bist Du auch im Recht, und darin liegt ja gerade das ganze Verhängnis. Jeder hat recht; aber jeder von einer anderen Stufe und Einstellung aus. Du bist früher anders gewesen, als Du heute bist. Du wirst damit zufrieden sein. Mir tut es in der Seele weh. Du hast Dich aufgegeben zugunsten des Kreises, in den Du durch Bernd gekommen bist. Wer wollte es Dir verargen? Niemand hat das Recht dazu.

Aber wer will mir verargen, daß ich mich von diesem Wege trenne? Was dem einen recht ist, ist dem anderen billig. Der eine geht den Weg, den ihm die Ordnung und die Gewohnheit vorschreiben. Der andere geht den Weg, den ihm sein Gefühl vorschreibt. Glaube mir, daß ich ehrlich betrübt darüber bin, daß dieser Weg nicht auch der Deinige ist, denn ich habe Dich sehr gern. Aber in dem Augenblick, in dem Du mir Deinen Weg als den besseren oder als den einzig richtigen vorstellst – in dem Augenblick, in dem Du Dinge und Menschen beschimpfst, mit denen ich einen Sinn verbinde, in dem Augenblick 64 trennen sich nicht nur unsere Wege endgültig, sondern sie können sich sogar eines Tages feindlich gegenüberstehen.

Ich will hoffen, daß es nicht dazu kommt. –

Ich überlasse es Deinem Taktgefühl, wie weit Du von diesem Brief der Familie gegenüber Gebrauch machen willst. Ich an Deiner Stelle würde ihn vernichten.

Eberhardt.

Toni Melchior vernichtete diesen Brief. Als sie es tat, standen ihr die hellen Tränen in den Augen. Ihr war so schwer zumute, als habe Eberhardt Melchior etwas unausweichlich Wahres gesagt. Die Pumps bewahrte sie wie eine Reliquie. – 65

 

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