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Melchior

Josef Kastein: Melchior - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleMelchior
authorJosef Kastein
year1927
firstpub1927
publisherFriesen-Verlag
addressBremen
titleMelchior
pages422
created20170307
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7. Kapitel.

In dieser Nacht schlief Eberhardt Melchior nicht. Er lag da, flach auf dem Rücken, die Augen weit offen und gegen das schattenhafte Kreuz des Fensters gerichtet. Neben ihm atmete es ruhig, gleichmäßig und stark. Es war wie das sachte Rauschen an einer Meeresküste, wenn der Schwung der Wasser sich auf dem ebenen Strand aushaucht mit ewig gleichen Geräuschen und im ewig gleichen Takt.

Siehst du, dachte er in sich hinein, jetzt atmest du auch schon ruhig. Wenn man erst einmal gleichmäßig geworden ist, trägt man das Leben viel leichter und ordentlicher.

Er sah nach der alten silbernen Taschenuhr auf dem Nachttischchen. Sie zeigte gegen die fünfte Stunde des Morgens. Er legte sich wieder zurück und wartete. Heller stieg das Licht aus weiß anschwellendem Himmel in die Fenster hinein.

Dann richtete er sich wieder auf. Er konnte diese Ruhe nicht mehr ertragen. Er saß da, die schmalen Hände lang vor sich hin auf die Decke gebreitet, den Oberkörper leicht vorgeneigt. Er pendelte in einer verhaltenen Bewegung nach vorne und wieder zurück. Es war der körperliche Ausdruck dessen, was in ihm schwang; die Triebkraft der Seele im Reflex des gehorsamen Körpers. Wieder bekam sein Auge den starren Glanz, die stählerne Gewalt, die alle Wände eines Raumes auseinanderdrückte und draußen, in 415 der freien Weite, auf Eroberung und Beute ausging. Mit dem gläsernen Licht sah er durch die Schichten der Häuser, räumte die Mauern und Wälle und Baumgruppen hinweg, und packte endlich den Turm an, der sich vor dem Ufer der Weser erhob. Er umstrich ihn, wie er da lag, von erster Sonne leicht und etwas kühl umhaucht, mit blau schwellenden Schatten in den Fensteröffnungen. Niemand sah das an diesem Morgen als er allein. Alle schliefen noch; nur er, der Schöpfer dieses Bauwerks, wachte mit vermehrten Herzschlägen und hütete das Werk, dieses Kind aus seinem Wollen und seinem Begehren . . .

Er hielt es nicht mehr aus in seinem Bette. Leise, mit schonungsvoller Rücksicht, erhob er sich und kleidete sich an. Ehe er das Zimmer verließ, legte er für Grit einen Zettel auf den Nachttisch: »Ich bin zum Bau gegangen. Ich konnte nicht schlafen. E.«

Niemand hörte ihn, wie er mit betonter Vorsicht die Treppe hinunterging, scheu nach allen Seiten horchend, daß keiner Zeuge dieses allzufrühen Ausganges werde. Sorgsam sperrte er die Haustüre wieder zu und stand, peinlicher Entdeckung entronnen, stark atmend auf der Straße.

Im vollen, müden Laub der Bäume regten sich die letzten Herbstsänger. Im Wasser des Stadtgrabens zogen zwei kleine Taucherenten stumme, glitzernde Furche. Eine Wasserratte huschte längs der Uferbekleidung. Alles kleine Dinge aus Welt und Leben, die er mit erstaunlicher Aufmerksamkeit in sich aufnahm. Er fühlte eine Versuchung, hier stehenzubleiben, an das schmiedeeiserne Gitter gedrückt, um mit verhaltenem Atem und ausgeschaltetem Willen sich dem köstlichen Erwachen eines Herbstmorgens zu verschenken. Er wußte die Zeit nicht mehr, da ihm 416 solches vergönnt gewesen wäre. Die Zeit nicht mehr . . . und im Umschlag des Wortlautes und des eingefahrenen Denkens wurde daraus die bittere Formel: ich habe nicht Zeit dafür.

Wann hat unsereins Zeit, morgens am Hausgitter zu stehen und zu erfahren, daß es noch Welten und Lebewesen außer uns gibt . . . noch Dinge, die nicht Umkreis unseres Wollens und unserer Notwendigkeit sind? Wir schieben einen Karren mit Steinen den Berg hinauf, und wehe, wenn wir die Deichsel fahren lassen. Unser eigenes Gut prasselt dann auf uns herunter und zerschmettert uns.

Er fühlte einen Druck nach den Augen hin und wehrte sich dagegen. »Witte Müse, witte Müse«, murmelte er und drückte seinen Hut zurecht. Dann machte er eine energische Wendung und ging die Straße entlang.

Er schickte einen Blick nach der Rotbuche hinauf, die er so liebte; einen weiteren Blick hinauf nach der ordentlichen, ruhigen, vornehmen, glatten Sandsteinfläche der Kunsthalle, ging weiter und vermied es bei alledem sorgfältig, in die Höhe zu sehen und etwa dem Turm zu begegnen. Es war ihm noch zu früh für diesen Eindruck.

An den Tagen zuvor hatte man die Bauplanken entfernt. Jetzt waren die wuchtigen Sockel aus Muschelkalk bloßgelegt, und darüber auf stiegen die bewegten Mauern mit ihrem lebendigen Gefüge aus rotem, weißgefugten Klinker. Eberhardt kannte dieses Bauwerk aus hundert Plänen und Berichten und endlosen Stunden der Vorstellung und Erwägung. Und doch geschah es ihm, als er jetzt vor dem fertigen Ganzen stand, daß alle seine Erinnerung ausgelöscht war und nicht eine Falte seines Gehirns diese mächtig aufstrebenden Würfel kannte. 417

Überwältigt trat er einige Schritte zurück. Da war das massige Erdgeschoß mit den kurzen, gedrungenen Eingangsbogen und dem herrlichen geschmiedeten Stakett nach der Nordseite hin. Darüber, zurückspringend und einen schmalen Umgang freigebend, das erste Stockwerk, mit der schlichten Reihe von Fenstern aus buntem Glas. Nach Osten hin, in das farbige Grün der Anlagen hineingeschoben, lag die Terrasse, die zu den Festsälen ging. Und immer weiter und höher stiegen Stockwerke und Bogen und Rundtürme, unterbrochen von Durchblicken nach dem Lichthof hin, in der Fläche aufgelockert von Figuren edelsten Gleichmaßes. Und endlich, zusammenraffend und in den weiß-grauen Himmel hineinfordernd, der Turm . . . sein Turm . . .

Er gestand sich in diesem Augenblick: nur um dieses Turmes willen war der ganze Bau entstanden. Nicht so, wie der Baumeister Solnes seinen Turm entstehen ließ: gehetzt und gejagt vom Anruf einer fremden Kraft, getrieben vom Anreiz der Begehrlichkeit und der Sinnlichkeit; auch nicht als billiges Symbol, von dem man abstürzen mußte in der Sekunde, in der man es vollendet hatte. Was hier stand, das war gewachsen. Das war der Ruf des flachen Landes, der Ebene ohne Ausgleich, nach ihrem Gegenbild, dem Steilen, Aufragenden, sich Aufreckenden. Es war eine heroische Gleichung aus Ebene und Höhe, und ihre Komponente war die Kraft, die Macht, der Wille . . .

Er ging näher an das Gebäude heran. In den Kellerräumen war noch Licht. Dort legten die Monteure in Nachtarbeit die letzte Hand an die Schalttafeln für die große abendliche Illumination. Wieder hatte Eberhardt 418 die Scheu, sich von Menschen sehen zu lassen. Obgleich er einen Schlüssel zum Haupteingang bei sich trug, wählte er den rückwärtigen Eingang, an dem das Schild »Sekretariat« in goldener Schrift auf schwarzem Granit prangte.

Die Türe fiel hinter ihm ins Schloß. Aus der Rosette des Eingangs fiel blaurot gestuftes Licht über die Stiegen. Das gab eine geheimnisvolle Dämmerung, ein greifbares, halb gelichtetes Dunkel, angefüllt mit der Bangnis lichtloser Korridore und alter Schränke, in denen man den Holzwurm nagen hören konnte. Dazu dieser Duft nach Mörtel und Farbe und Holz, dieser zwiespältige Atem neuer Häuser, schwankend zwischen Staub und Reinlichkeit, zwischen Wohnlichkeit und bedrückender Blankheit, die sich eitel und ein wenig abwehrend zur Schau stellte. Darum mußte man still und verhalten sein.

Er war still und verhalten, und da wußte er, daß es doch mehr und anderes war als die leise Bangnis vor neuen Räumen. Dieses hier war das Dunkel einer Kirche, die farbige Dämmerung eines Chores; die verlaufenden Gewölbe der Treppen, die er aufwärts stieg, die ragenden Pfeilerbüschel, die sich himmelwärts schlossen und trafen. Darum trat er leise auf, so wie man in Kirchen die Sammlung und Ruhe des Ortes heiligt, selbst wenn man alleine darin ist. Er zog auch den Hut vom Kopfe und nahm ihn vor sich hin auf die Brust, denn so ehrt das Geschöpf den Schöpfer und so beugt sich die Ohnmacht vor der ewigen Allgewalt.

Immer langsamer wurde sein Schritt. Ungeheuer erfüllte ihn die Weihe dieser Vollendung. In allem, was er tat, war immer nur der Keim zu anderer Tat gelegt, und 419 nie war etwas, was für sich alleine und abgesondert und abgerundet und vollendet stehen durfte. Er durfte nur am unendlichen Garn der kleinen Begebenheiten spinnen, und dieser oder jener Tag würde ihm den Faden zwischen den Händen zerschneiden. Aber hier durfte er die Füße auf den Boden stemmen und sagen: Dieses ist, und dieses ist vollendet. Aus der Unrast der ewigen Folgen hatte er hier ein Werk als Ruhendes und Bleibendes werden lassen. Dieses war Bestand; alles andere war Wechsel. Dieses war aus dem Glauben; alles andere war aus der nackten Notwendigkeit. Hier gab es für die Seele eine Sekunde des Ausruhens . . . eine Sekunde, da ihn der Sinn des Daseins anwehte und ein Schluchzen in ihm aufbarst, daß seine Schultern darunter zuckten und er das Gesicht tief in die Hände neigte.

Er lehnte gegen ein Geländer, um wieder Halt und Fassung zu gewinnen. Dann stieg er leichter aufwärts. Er trug jetzt, im Herzen versiegelt, einen Schatz. Das machte ihn still und froh. Er hatte ein wenig zitterige Hände, als er nun die gewölbte Pforte zum Turm aufschloß. Fünfzig Stufen ging es hinauf, dann war er am Rundblick. Aber das genügte ihm noch nicht. Er stieg weitere zehn Stufen hinauf, stemmte sich gegen die kupferbeschlagene Falltüre und warf sich zurück. Dann stand er auf der obersten Plattform, wo der Flaggenmast verankert war, umgeben von den schräggedeckten Zinnen, die ihm kaum bis zu den Hüften reichten.

Hier war er nun, hoch über allen; und wie er seinen Blick in die Runde gehen ließ, hin über das silbrig besponnene Land, von Schleuse und Wehr bis zu den Werftkranen, vom flachen Wiesenland bis zur kleinen Kuppe des 420 Weyerberges: da versagte für Sekunden seine Kraft und glitt in aufdämmerndes Schwindeln hinüber, daß er wankte und sich an den Flaggenmast klammerte.

Er hatte die Augen geschlossen und lächelte vor sich hin. Der Mast schwank leise im Morgenwind. Er machte diese Bewegung mit. Er überließ sich ihr mit einem guten, kinderhaft friedlichen Gefühl. Er war glücklich.

Dann besann er sich und schüttelte diese unmännliche Regung ab. Er trat wieder an die Zinnen und sah nun frei und klar über das Land. Dort, gegen Norden hin, stand das feine stählerne Gerippe der Werft. Wie lange noch, und es mußte wieder einer die Taue kappen, damit ein neuer Dampfer vom Helgen zur Flut abgleiten konnte. Die festlichen Wimpel standen vor seinen Augen. Vielleicht ließe sich sogar eine Serie auflegen, deren Raumgehalt etwas größer war. In irgendeiner Form konnte man so vielleicht unauffällig mit dem Passagiergeschäft beginnen. Da unten die Borgmannsche Motorenfabrik wäre gut, die Maschinen zu bauen, wenn man . . . Ja, wenn man erst die Fabrik in Händen hätte. Das wird sich schon machen lassen. Nur etwas Geduld.

Wichtiger ist es im Augenblick, dort neben der Kette der Getreidetürme einen neuen Silo zu bauen. Antrag auf Verlängerung der Kaimauer. Das gibt wieder Beschäftigung für die Arbeiter. Warum sollte die Bürgerschaft dagegen sein? Es könnte sich nur darum handeln, daß ihm ein anderer mit Antrag auf Pacht und Bauerlaubnis zuvorkäme. Wenn es ein einzelner war, brauchte man ihn nicht zu fürchten. Verdrießlich waren nur diese neuen Gesellschaften, die da mit vielem Kapital auftauchten, das in festen Händen saß, ohne daß man die Hände kannte. 421 Eine Gruppe von Geldschacherern, die tapfer einen Namen vorschickten und selber vorsichtig im Hintergrund blieben. Auf alle Fälle war es gut, hier nichts zu versäumen.

Er machte sich einige Notizen und beschloß, für die Folge öfter auf diesen Turm zu steigen, denn die Weite der Landschaft, die Möglichkeit, wie auf einer Generalstabskarte das ganze Gelände zu überblicken, waren überraschend geeignet, Anregung und Aufschluß zu geben. Auch ließ es sich hier oben gut denken.

Unten, vom Osterdeich her, sah er eine Gruppe von Leuten mit Fahrrädern kommen. War es schon so spät, daß die Arbeiter anrückten? Er überzeugte sich, daß er fast zwei Stunden hier verbracht hatte, und schüttelte den Kopf. Er blickte noch einmal in die Runde und dann unter sich, nach den Tribünen mit den ausgeschlagenen Sitzen und der feierlichen Senatsloge, nach der Freitreppe hin, deren funkelnd weißer Granit in das lichthelle Wasser des Stromes eintauchte. Der Ponton schimmerte mit rotweißem Anstrich.

Jetzt fuhren zwei Lastwagen heran, hoch mit Girlanden aus Tannengrün beladen. Also wurde es Zeit für ihn, zu gehen, ehe ihn die Arbeiter und Gärtner hier entdeckten. Zum letzten Male blickte er rundum, stolz, freudig, mit hoher Genugtuung und aufgelockertem Herzschlag. Dann hob er den schweren Falldeckel und ließ ihn im Niedersteigen hinter sich zuschlagen.

Es umfing ihn wieder das Halbdämmern der Turmtreppe. Er mußte seine Augen erst an das geminderte Licht gewöhnen. Darum ging er langsam und vorsichtig. Den Hut hatte er fest und energisch auf den Kopf gedrückt, die rechte Hand umklammerte das Geländer aus blankem 422 Mahagoni. Dabei überlegte er, daß man die Farbe der Wände doch etwas wärmer hätte halten können, denn es war merkwürdig kühl in diesem Turme. Aber zu allem Ärger mit den Handwerkern wollte er nicht noch diesen hinzunehmen. Es war überhaupt . . . und wieder setzte die Maschine seines Denkens ein . . .

Die warmen Schleier, die ihn beim Aufstieg mit Hingebung und Gläubigkeit umhüllt hatten, glitten unmerkbar von ihm ab. Er fühlte es nicht. Es streckten sich auch keine Hände aus ihm heraus, um diesen schützenden Mantel zu greifen und vor dem Abgleiten zu bewahren. Er verspürte nur, wie er so langsam und Schritt für Schritt die Wendeltreppe hinunterstieg, hin und wieder ein Frösteln, das ihn anwehte wie aus undicht gefugten Mauerspalten.

Das ist die Aufregung, dachte er, während er leise erschauerte . . .

Es war die Seele, die sich fröstelnd zusammenzog – –

 

Ende.

 

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