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Meister Timpe

Max Kretzer: Meister Timpe - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/kretzer/timpe/timpe.xml
typefiction
authorMax Kretzer
titleMeister Timpe
publisherPhilipp Reclam Jr.
year1976
firstpub1888
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120416
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VI.
Franzens-Ruh

Franzens-Ruh war lange nicht so zu Ehren gekommen wie in den nächsten Wochen und Monaten. Tag für Tag bestieg Johannes Timpe die Warte, um sich von dem Fortschritt jenseits der Mauer zu überzeugen. An klaren Sommerabenden, wenn das absterbende Leben Berlins sich bereits bemerkbar machte, der letzte Dunst der heißen Straßen verschwunden war und eine allgemeine Ermattung in der Luft lag, durch welche das zweite Erwachen der Riesenstadt zum Vergnügen nach den Lasten des Tages nur in gedämpften Lauten herübergeführt wurde, saß es sich oben in den Zweigen am schönsten.

Über die Dächer der niedrigen Häuser hinweg konnte der Meister seinen Blick in die Ferne schweifen lassen. Wendete er den Rücken, so schaute er in das Treiben der Holzmarktstraße hinein, die sich längs der Spree hinzog. Rechts am diesseitigen Ufer tauchte das langgestreckte, schwarze Gebäude einer Eisengießerei auf; links davon in einiger Entfernung die Riesengasometer einer Gasanstalt, die sich wie Festungsbollwerke ausnahmen; und hinter ausgedehnten Holzplätzen eine Zementfabrik, deren ewig aufwirbelnde weiß-gelbe Staubwolken die Luft durchzogen und einen scharfen Kontrast zu den sich auftürmenden Kohlenbergen der Gasanstalt bildeten.

Und geradeüber, jenseits des Wassers, zeigte sich ein großes Mörtelwerk, im Hintergrunde begrenzt von den Rückseiten hoher Mietskasernen, die, aus der Entfernung betrachtet, den Eindruck riesiger Bauklötze machten, an denen schwarzgemalte Fenster prangen.

Das ganze Bett der Spree aufwärts lag zwischen einem bunten Panorama aneinandergeketteter Bilder: Lange Reihen Wohnhäuser, deren Gärten bis zur Spree hinunterliefen und kleine Oasen bildeten, wechselten mit Zimmer- und Holzplätzen, Abladestellen der Flußkähne und Färbereien ab, deren Waschkasten wie schwimmende Holzhäuser im Wasser lagen. Hin und wieder zeigte sich eine Schiffswerft, die langgestreckte Halle einer Badeanstalt und eine auf Pfählen gebaute, in den Fluß ragende Landungsbrücke. Dann die Stätteplätze der Ziegeleibesitzer mit ihrem rotgefärbten Boden, der wie blutgetränkt erschien, die Trockenplätze mit ihren frisch gefallenem Schnee gleichenden Bleichen und die alles überragenden Schornsteine der Fabriken, die den Rauch immer schwächer und schwächer entsteigen ließen, bis sie gleich »Obelisken der Arbeit« dunkel und schweigsam zum Himmel starrten.

Herrschte an den Ufern Ruhe, so begann das Leben sich auf dem Wasser zu regen. Unzählige Lustfahrboote schwebten gleich Nußschalen auf dem mattblauen Spiegel, ließen sich gemächlich vom Strome treiben oder schossen pfeilschnell über die Fläche, um in das Fahrwasser eines Dampfers zu geraten, der dichtbesetzt mit einer buntschillernden Menge dahergebraust kam und mit seinen Wellenschlägen den Strand erzittern machte.

Aus der Ferne klang der Gesang eines Liebespärchens herüber. Waghalsig schaukelte es das Boot, so daß der Rand desselben das Wasser berührte. Das helle Kleid des Mädchens leuchtete wie das Gefieder eines Schwanes. Der männliche Begleiter aber lag ausgestreckt an ihrer Seite, wiegte den Körper nach rechts und links, so daß das Fahrzeug schwankte, und ließ sich und sein Liebchen sorglos der Stadt zutreiben.

»Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin«,

ließ sich deutlich vernehmen, als ein Beweis dafür, daß das Berliner Volk die ernstesten Lieder zu singen pflegt, wenn es am lustigsten ist.

War die Luft besonders rein, so erlangte Timpes Blick eine unbegrenzte Weite. Über die Schillingsbrücke hinweg, auf welcher in der Feierabendstunde, begleitet von den vorüberrollenden Pferdebahnwagen und hundert anderen Gefährten, Ameisen gleich ein Strom von Menschen sich bewegte, da, wo das Wasser der Spree wie ein gewundener Silberbarren sich dahinzog, erreichte sein Auge die Oberbaumbrücke und hinter ihr die ersten Pappeln der Chaussee, die nach Stralau führte. Und über diese weltstädtische Szenerie, die in Zickzacklinien ins Unendliche sich zu verlängern schien, breitete sich das letzte matte Rot der herniedergesunkenen Sonne aus und hüllte Natur und Menschen in einen warmen, zarten Purpurflimmer.

Wie oft hatte sein Auge sich an diesem Bilde gelabt, und wie oft waren die Eindrücke gleich Schemen entschwunden, wenn er sein Gesicht dem Nachbargrundstück zugewendet hatte. Dort der lachende Sonnenschein, die unbegrenzte Freiheit des Blickes, der Reiz einer eigentümlichen Landschaft, und hier Hand in Hand mit dem Zerstörungswerk der Menschen der Aufbau steiler Wände, die das Licht des Himmels nahmen.

Im Juli ragte bereits das Fundament der neuen Fabrik über den Erdboden empor. Baum auf Baum war gefallen, und mit dem Sturze eines jeden und dem Krachen seiner Äste, das sich in der Phantasie Timpes wie das Ächzen eines Sterbenden angehört hatte, war den Meister die Empfindung überkommen, als schwände jedes zurückgelegte Jahr seines Lebens nochmals dahin.

Was dort fiel, war das alte Berlin, der stete Anblick seiner Kindheit, der Märchenduft seiner Knabenjahre. Und jeder Spatenstich, jeder Axthieb und Hammerschlag bereitete seinem Herzen eine Wunde, die ihm brennende Schmerzen verursachte.

Es schien fast, als wäre Meister Timpe der eigentliche Besitzer der neu entstehenden Welt dort drüben – so lebhaft war der Anteil, den er an dem Wachsen und Werden der Fabrik nahm. Mit der Zeit überkam ihn eine Art Idee: Er bildete sich ein, daß seine ganze Zukunft von der Vollendung des Riesengebäudes abhängen werde, er fürchtete, die Mauern würden, je höher sie rückten, ihn, seine ganze Familie und das Häuschen nach und nach erdrücken, öfters befiel ihn eine große, ihn untätig hin und her treibende Unruhe. Er vermochte die Zeit nicht zu erwarten, wo die Feierabendstunde schlug und er seinen Auslugplatz auf dem Baume einnehmen konnte.

Und schließlich drehte sich den ganzen Tag über, sobald seine Gedanken nicht mit Gewalt von anderen Dingen in Anspruch genommen wurden, sein Interesse nur um den Bau Ferdinand Friedrich Urbans.

Die Fabrik, die Fabrik und immer wieder die Fabrik!

Er fand ein besonderes Vergnügen daran, bei jeder Gelegenheit während der Arbeit das Gespräch darauf zu bringen, und freute sich, wenn die Gesellen das Thema aufgriffen und mit ihm und seinen Urteilen über des Nachbars Pläne übereinstimmten. Zuletzt erklärten das die Leute in der Werkstatt für etwas wunderlich und raunten sich zu, daß der Meister sich gegen früher merkwürdig geändert habe und daß ihm »die Geschichte da drüben« im Kopfe herumgehe. So kam es denn, daß das neue Unternehmen Urbans schließlich wie eine weltgeschichtliche Tat betrachtet wurde, die immer aufs neue angestaunt, bewundert und besprochen werden müsse.

Das Leben der Bewohner des kleinen Häuschens, das sich mit der Gleichmäßigkeit eines Perpendikelganges abspann, hatte seine Ruhe eingebüßt und einer fortwährenden Aufregung Platz gemacht, die nur die eine Parole kannte: Herr Urban und seine Fabrik.

Hatte Johannes Timpe lange genug auf seiner »Warte« gesessen, sich allerlei merkwürdigen Gedanken hingegeben, war er dann langsam und bedächtig hinabgestiegen, so wurde in der kleinen Laube des Gärtchens das Gespräch von neuem aufgenommen und ins Unendliche gesponnen.

Da saß hinten in der Ecke auf einem Rohrsessel Frau Karoline, angetan mit einer durchbrochenen Haube, an welcher breite Bänder von zarter Lilafarbe prangten, und einer sauber geplätteten, gestreiften Schürze, auf deren Nettigkeit die Lebensgefährtin des Drechslermeisters sehr viel gab. Das bereits graue Haar war in der Mitte gescheitelt und zog sich wellenförmig bis hinter die Schläfe, so daß das milde Gesicht dem einer ehrsamen Matrone glich, die gewohnt ist, auch noch im Alter den besten Eindruck zu machen. Die Stricknadeln klapperten eifrig, und nur hin und wieder ruhten die Hände im Schoß. Dann erhob der Kopf sich, die Brille wurde fester gedrückt, und die Frage erschallte:

»Kommst du bald herunter, Vater?« Sie sagte zu ihrem Manne nur noch »Vater«, seitdem der Großpapa für den »Alten« galt. Neben ihr in seinen ausgedienten schwarzledernen Lehnstuhl versunken, den man seinetwegen jeden Tag ins Freie transportierte, saß der dreiundachtzigjährige Greis, teilnahmslos und schweigsam wie immer, aber lauschend auf jedes Wort und Geräusch und nur zum Reden aufgelegt, wenn die Notwendigkeit ihn dazu zwang.

Regelmäßig des Donnerstags gesellte sich auch noch Thomas Beyer zu der Familie. Seit vielen Jahren bereits mußte der älteste Geselle an einem Tage in der Woche sein Abendbrot bei dem Meister einnehmen. Es war das eine schöne Sitte aus jener Zeit, wo der Geselle noch Kost und Wohnung im Hause des Arbeitgebers fand und dadurch zur Familie mitgezählt wurde.

Oftmals auch wurde der kleine Kreis durch Krusemeyer vermehrt, der, bevor er seinen Dienst antrat, auf ein Viertelstündchen mit herankam. Es muß hier gleich bemerkt werden, daß der würdige Beamte seit beinahe zwanzig Jahren zu Johannes Timpe in einem geschäftlichen Verhältnis stand; nicht in seiner Eigenschaft als Hüter der Nacht, sondern als Fußbekleidungskünstler, dem das Aufbessern und Neugestalten des Schuhwerks der ganzen Familie anvertraut worden war. Und da er eine hübsche Tochter besaß, mit welcher Thomas Beyer durch eine merkwürdige Verkettung von Umständen bekannt geworden war, um schließlich sein Herz an sie zu verlieren, so benutzte auch er mit andauernder Zähigkeit den Donnerstag zu seinen Besuchen, um lebhaften Anteil an der schwebenden Kardinalfrage des Tages zu nehmen. Sein Hauptbestreben ging jedoch darauf hinaus, den aufgeklärten Thomas Beyer durch eingehende Beobachtung und plötzlich angestelltes Kreuzverhör einer Prüfung zu unterwerfen, die es ihm ermöglichte, endlich den Tag zu erfahren, an welchem der Altgeselle Fräulein Helene Krusemeyer als getreue Gattin heimzuführen gedenke. Drehte dagegen das Gespräch sich um Politik, so war es ergötzlich zu vernehmen, mit welcher Glaubensstärke Herr Krusemeyer sich auf die Unfehlbarkeit seines Beamtentums berief. Seine ständige Redensart war dann: »Liebegott und ich gehören zur Polizei, und die weiß alles.«

Johannes Timpe sah in der letzten Zeit den Besuchen des Hausschusters und Nachtwächters mit einer gewissen Erwartung entgegen, die ihre Erklärung in den Neuigkeiten fand, mit denen Krusemeyer stets aufzuwarten pflegte; wußte dieser doch mancherlei über den Bau von Urbans Fabrik zu berichten, da er in einem der kleinen Häuser, welche den Bauplatz am anderen Ende der Straße umschlossen, wohnte und tagtäglich die Vorgänge auf dem Terrain verfolgen konnte. Den Drechslermeister interessierte nun einmal jede Kleinigkeit, die sich mit dem Namen des großen Konkurrenten verband.

Timpe hätte jedenfalls seine Erkundigung viel besser bei Franz einziehen können, aber dieser war seit jenem Tage, an dem ihm die große Ehre zuteil wurde, in der Familie seines Chefs beim Weinglase sitzen zu dürfen, merkwürdig schweigsam geworden. Wollte sein Vater die Neugierde bei ihm befriedigen, so kamen allerlei Ausreden zum Vorschein. Er tat sehr wichtig, zuckte mit den Achseln und wiederholte immer ein und dieselbe Phrase: »Das ist Geschäftsgeheimnis, Vater. ›Wir‹ Kaufleute haben unsere Prinzipien, von denen wir nicht abweichen dürfen. Ich kann dir nur sagen, daß große Dinge vorgehen.«

Johannes Timpe drang dann nicht weiter in ihn, freute sich vielmehr in seinem Innern darüber, daß Franz so brav die Interessen Urbans wahrnahm. Es war auch ein gewisses Schamgefühl, das ihn abhielt, immer wieder seinem Sohne gegenüber auf das alte Thema zurückzukommen.

Was ihn am meisten schmerzte, war, daß Franz jetzt fast jeden Abend außerhalb der Familie zubrachte. Kam er nach Hause, so verzehrte er in aller Hast sein Essen und machte sich wieder auf den Weg. Er gebrauchte dann immer die alte Ausrede, Rücksichten gegen den Geschäftsführer und die anderen Kollegen zwängen ihn, mit diesen die Bierlokale aufzusuchen. Oftmals kam er zum Abendessen gar nicht nach Hause. Er habe über die Kontorstunden hinaus arbeiten müssen und es vorgezogen, gleich seine Freunde aufzusuchen, meinte er dann zur Entschuldigung. Mit der Zeit gewöhnten Vater und Mutter sich so sehr an sein unregelmäßiges Leben, daß sie es ganz selbstverständlich fanden, wenn er gleich nach dem Abendbrot seinen Hut ergriff und verschwand.

Vier Wochen lang schwieg der Großvater, dann aber gab es eines Abends einen bösen Auftritt. Der Greis strengte seine Lunge derartig an, daß man seine Stimme auf der Straße vernehmen konnte. Er wütete förmlich. Der Stock, der mit seiner Krücke stets am Lehnstuhle hing, fuhr mit der Spitze so rasch und nachdrücklich gegen die Diele, daß er einen förmlichen Wirbel schlug.

Das sei nicht mehr auszuhalten! Was denn auf die Dauer daraus werden solle, wenn ein Mensch in so jungen Jahren ins Bummeln gerate und den ganzen Abend über bis tief in die Nacht hinein in den Kneipen sich herumdrücke? Man wisse nicht einmal, in was für einer Gesellschaft! Das würde nicht der erste verlorene Sohn sein, der seinen Eltern eines Tages schrecklichen Kummer bereite. Ob man vielleicht glaube, daß ein derartiges Leben einem Körper dienlich sei? Ein Wetter müsse dreinschlagen, wenn da nicht eine Änderung geschaffen werde. Wenn so ein Bengel nicht gutwillig gehorchen wolle, dann müsse man den Rohrstock nehmen und ihn mit einigen wohlgemeinten Hieben auf die Pflicht des Gehorsams aufmerksam machen ... Sein letztes Wort in dieser Angelegenheit sei das: Entweder sorge man dafür, daß Franzens Lebensweise sich ändere, oder er, der Großvater, verlasse noch auf seine alten Tage das Haus.

Nach jedem Satze war der Stock gegen den Boden gesaust, als sollten die Worte einzeln festgenagelt werden.

Timpe und sein Weib zitterten vor Schreck und wurden blaß. In einer derartigen Verfassung hatten sie den Alten noch niemals gesehen. Mit halb geöffnetem Munde starrten sie zu ihm hinüber. Ein lebendes Bild des Jammers bot sich ihnen dar: der Kopf war auf die Brust gesunken, der Atem ging stoßweise und röchelnd, Hände und Beine bewegten sich wie im Fieber, die ganze Gestalt schien kleiner, zusammengedrückter geworden zu sein. Und dieser gebrechliche, in seiner Hülflosigkeit einem Kinde gleichende Mann sollte das Haus verlassen? O nein, nein ... Johannes Timpe fand diesen Gedanken des Großvaters fürchterlich. Von nun an sollten alle Wünsche des Alten erfüllt werden.

Während einiger Minuten vernahm man nur die Atemzüge des Greises. Plötzlich zuckte sein Mund ... Und der ganze Widerstreit der Gefühle, die diesen merkwürdigen Menschen im Augenblick durchtobten, kam in den Worten zum Ausbruch: »Mein einziger Enkel!« Langsam rollten große Tränen über seine hageren Wangen. Es war zum ersten Male, daß er hindurchblicken ließ, wie unter der eisernen Strenge, die er Franzen gegenüber an den Tag legte, eine tiefe Liebe schlummerte.

Meister Timpe war tief bewegt, und Frau Karoline nicht minder. Sie überboten sich gegenseitig in Zärtlichkeiten gegen den Alten, streichelten seine welken Hände und versuchten ihn zu besänftigen. »Rege dich nicht auf, Vater! Ich verspreche dir, es soll eine Änderung eintreten«, sagte Johannes und zog den Kopf des Alten an sich.

Diese Änderung bestand darin, daß Johannes seinem Sohne das Taschengeld entzog und ihm nur den kleinen Monatsgehalt beließ, den er von Urban bekam. Eine ganze Woche hindurch blieb Franz des Abends zu Hause, aber er sprach während dieser Zeit kein Wort und tat so, als existiere für ihn niemand im Hause. Das vermochte sein Vater nicht zu ertragen.

»Ich weiß, was dich drückt«, sagte er eines Mittags zu Franz. »Ich sehe ein, daß der Großvater dir abermals bittres Unrecht getan hat. Du bist ein anderer Geist wie er und ich, du gebrauchst die Gesellschaft, um nicht zu verbauern. Hier hast du dein Taschengeld wieder, aber wir wollen die Geschichte jetzt anders machen. Du wirst von jetzt ab in der guten Stube schlafen, da hört der Großvater dein Nachhausekommen nicht.«

Damit kam man wieder ins alte Geleise. Der Meister hatte wiederum bewiesen, daß er seinem Stammhalter zuliebe selbst nicht vor einer Lüge seinem Vater gegenüber zurückschreckte. Ja, er spielte eine förmliche Komödie, um Großvater und Enkel das Leben so angenehm als möglich zu machen, ließ den Alten in dem Glauben, daß in Franzens Lebenswandel wirklich eine Änderung eingetreten sei, rühmte dessen Solidität über die Maßen und wußte es gar so weit zu bringen, daß Gottfried Timpe Franz freundlicher gesinnt wurde und in der Herzensfreude darüber, daß man diesmal seine Autorität respektiert habe, hin und wieder mit seinem Enkel ein längeres Gespräch anknüpfte und zum Erstaunen aller ihn sogar aufforderte, zur Abwechslung einmal die alte Gesellschaft aufzusuchen.

Als dies Wunder geschah, fühlte Johannes Timpe sich dadurch außerordentlich gerührt. Er wendete sich ab und verließ das Zimmer. Es war ihm peinlich, das spöttische Lächeln seines Sohnes zu beobachten, das fortwährend zu sagen schien: Wenn du wüßtest, Alter!

Durch seine ewige Nachgiebigkeit erreichte Johannes Timpe weiter nichts, als daß Franz immer mehr den Respekt vor ihm verlor und sich schließlich wie ein selbständiger Mann vorkam, der tun und lassen kann, was er will. Eines Tages trug er sehr auffallend ein Stück bunten Bandes an seiner Uhrkette, einen sogenannten »Bierknoten«. Er war nämlich einer Vereinigung von jungen Leuten beigetreten, deren Mitglieder neben vielem Biertrinken das hauptsächlichste Bestreben zeigten, studentische Manieren nachzuahmen. Den Rock weit zurückgeschlagen, die Hände in den Hosentaschen haltend, schritt er in der Mittagsstunde prahlerisch vor den Fenstern der Werkstatt auf und ab, so daß die Gesellen eine neue Veranlassung gefunden hatten, ihre Witze über ihn zu machen.

»Hausaffen tragen gewöhnlich bunte Bänder«, sagte der kleine Sachse sofort, als er ihn erblickte, worauf der Berliner seinem unvermeidlichen »Det stimmt« diesmal hinzufügte: »Und was für welche!« – eine Bemerkung, aus der man nicht genau entnehmen konnte, ob sie sich auf die Bänder oder Affen beziehe.

Selbst der ernste Thomas Beyer konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. Franz aber fand durchaus nicht, daß er sich lächerlich mache, sondern blähte sich wie ein Pfau und zog alle zwei Minuten die Uhr hervor, um das Abzeichen seiner neuen Würde erst recht ins Auge fallen zu lassen. Meister Timpe teilte das Urteil seiner Leute nicht. Als sein Sohn ihm die Bedeutung der Farben auseinandersetzte und dabei fortwährend die Worte »Student« und »Kommilitonen« im Munde führte, hörte er aufmerksam zu und freute sich darüber, daß sein Einziger in solch »gute Gesellschaft« geraten sei.

»Das Schönste dabei ist, Vater, daß man mich immer für einen jungen Offizier hält. Sehe ich denn wirklich so aus?«

Johannes Timpe hatte niemals an einen derartigen Vergleich gedacht, nun aber ließ er seinen Blick mit einer ganz anderen Aufmerksamkeit als sonst über die Gestalt seines Sohnes gleiten und erwiderte schmunzelnd:

»Ein stattlicher Kerl bist du für dein Alter, das wird selbst Moltke nicht bestreiten können. Du Tausendsassa, du!«

Franz Timpe, stolzerfüllt, zog seine beiden Haarbürsten hervor und begann seine Toilette zu erneuern, diesmal mit einer ganz besonderen Aufmerksamkeit.

An einem Donnerstag war man wieder im Garten versammelt.

»Ich werde heute früh schlafen gehen«, sagte Franz und entfernte sich, während Meister Timpe nickte und seinem Sohne einen vielsagenden Blick zuwarf. So pflegte Timpe junior nämlich in der letzten Zeit immer zu sagen, wenn er in Gegenwart des Großvaters einen Vorwand suchte, um das Haus verlassen zu können. Als er fort war, bemerkte Gottfried Timpe:

»Er scheint wirklich in sich zu gehen. Er ist auch gar nicht mehr so vorlaut wie früher. Heute namentlich schien es, als könne er den Mund nicht auftun. Schadet auch nichts! Leute, die wenig reden, denken mehr.«

Es hatte nur dieser Anregung bedurft, um Frau Karoline sofort auf das Thema näher eingehen zu lassen.

»Hast du nicht bemerkt, Vater, wie blaß er aussah?« sagte sie zu ihrem Manne. »So habe ich ihn noch nie gesehen. Ich glaube gar, der arme Junge arbeitet zu viel im Geschäft.«

Der Großvater wollte von dieser Beschäftigung nichts wissen und fiel ein: »Da haben wir's ja! Das ist die moderne Welt: Wenn so ein junger Mensch heute mal ernstlich arbeitet, dann heißt es gleich: Er ist krank; und seine Mutter möchte am liebsten sofort nach dem Doktor schicken. Die Sache kommt mir verdächtig vor: wenn er euch nur nicht gestern abend ein Schnippchen geschlagen hat und, heidi, zu seinen Freunden gegangen ist.«

Meister Timpe begann laut zu husten und versuchte, diesen Verdacht mit gut geheuchelter Entrüstung von Franz abzuwehren. Um in seinen Bemühungen einen Bundesgenossen zu haben, trat er Thomas Beyer auf den Fuß, machte eine Pantomime und fragte: »Nicht wahr, Sie glauben das auch nicht?«

»Niemals würde ich das, Meister. Ich glaube nur das, was ich sehe und weiß. Über Glauben und Wissen ließe sich überhaupt so manches sprechen. Da habe ich neulich einen Vortrag gehört –«

Der aufgeklärte Altgeselle saß mit dem Gesicht der Haustüre zugewendet und erblickte nun Krusemeyer, der mit einem »Guten Abend, Herrschaften!« den Garten betrat und, bedächtig einen Fuß vor den anderen setzend, langsam herankam, als befände er sich auf einem nächtlichen Patrouillengang, der keine Übereilung dulde. So kam es denn, daß Thomas Beyer seinen Satz nicht beendete, sondern sofort aufsprang, um dem Weißbart ein Plätzchen zu verschaffen.

Johannes Timpe zeigte sich plötzlich sehr wohlgelaunt. Er hatte dem Hausschuster, der die ausgebesserten Stiefel, die er mitgebracht hatte, noch einmal mit Wohlgefallen prüfte, kaum ein Glas Bier vorgesetzt, als er auch schon fragte: »Nun, was gibt's Neues?«

Krusemeyer antwortete nicht, machte aber eine leicht verständliche Gebärde: Man solle den Großvater entfernen. Das Ehepaar sah sich bestürzt an; denn wenn Krusemeyer dieses Verlangen stellte, so mußte etwas ganz Besonderes passiert sein. Zum Glück war die Zeit gerade herangerückt, wo der Alte sein Bett aufzusuchen pflegte. Als Frau Karoline ihn fragte, ob man nicht Anstalten machen wolle, ins Haus zu gehen, erhob er sich denn auch, sagte den übrigen gute Nacht und wankte, gestützt von der Frau seines Sohnes, der Tür zu.

Johannes wurde währenddessen von der Neugierde gepeinigt. Krusemeyer befriedigte dieselbe aber erst, als die Meisterin zurückgekehrt war. Dann sagte er plötzlich:

»Wann ist er denn nach Hause gekommen, oder ist er ganz fortgeblieben?«

»Wer?«

»Nun, euer Franz –«

Da die drei anderen ein merkwürdig erstauntes Gesicht zeigten und augenblicklich keine Worte fanden, so führte der Beschirmer der Bürgerruhe das Gespräch allein weiter, und das geschah mit einer Überlegenheit, die nur zu deutlich verriet, wie erhaben er sich in seiner augenblicklichen Rolle finde. So sagte er denn aufs neue:

»Die Sache ist mit wenigen Worten die: Man hat in der vergangenen Nacht eine Anzahl junger Leute, die lärmend und singend durch die Straßen zogen, dabei überrascht, wie sie allerlei Unfug trieben: an den Klingeln der Ärzte und Hebeammen zogen, die Bewohner aus dem Schlafe klopften und zuletzt sich nicht scheuten, Schilder von den Häusern zu reißen, auf welche sie mit ihren Stöcken paukten, daß es eine Höllenmusik abgab ... Na, das war ein netter Skandal! Die Ohren mußte man sich zuhalten! Es geschah in meinem benachbarten Revier. Ich konnte von der Straßenecke den Vorgang deutlich mit ansehen, dachte aber bei mir: Was wirst du dich um die Stunde noch hineinmischen! Es war nämlich bereits drei Uhr; und außerdem sagte Liebegott zu mir: ›Laß die nur laufen, denn ehe wir dorthin kommen, sind die längst über alle Berge!‹

So stehen wir beide denn an der Ecke und sehen dem Indianertanz zu und fragen uns gegenseitig immer nur das eine: Wo mag nur Wenzel stecken? So heißt nämlich mein Kollege aus dem Revier. Endlich kommt er angeschlurft und gebietet Ruhe. Ja, da war gut Ruhe bieten. Die ganze Gesellschaft umringte ihn, nannte ihn ›Herr Wachtmeister‹, ›Herr Lieutenant‹ und ›Herr Polizeipräsident‹; zuletzt wollten alle mit ihm eine Weiße trinken gehen. Dann fragte ihn einer nach seinem Namen, und er, gemütlich geworden durch die Aussicht auf die Weiße, sagte, wie er heißt. Nun fingen sie alle an, das Lied zu singen: ›Der Wenzel kommt, der Wenzel kommt, der Wenzel ist schon da!‹ Einige pfiffen dabei auf ihren Stöcken, zwei trompeteten laut gen Himmel, und die anderen paukten ruhig weiter auf ihre Schilder. Das war denn doch dem Wenzel zu viel. Er drohte mit dem Arretieren, und als die jungen Herren nun sahen, daß selbst die Anrede ›Herr Oberbürgermeister‹ nichts helfe, da wurden sie wieder sehr ungemütlich, pfiffen und lärmten noch lauter, nannten ihn einen ›Nachtwächter von Mottenburg‹, der niemals in seinem Leben anständig betrunken gewesen sei, und verlangten durchaus von ihm, er solle ihnen den Ort angeben, wo er seinen Spieß gelassen habe, denn ein richtiger Nachtwächter dürfe ohne Spieß nicht ausgehen ... In seiner Herzensangst ließ der kleine Wenzel – denn er ist nämlich sehr klein und hat bei den ›Maikäfern‹ gedient – die Notpfeife ertönen, und nun konnten wir nicht länger den Dingen ruhig zuschauen. Ich also vorwärts, und Liebegott immer langsam hinterdrein. Von allen Seiten kamen nun die Nachtwächter und Schutzleute herbei, und die ganze Gesellschaft mußte nach der Revierwache. Keiner von ihnen konnte gerade stehen, alle aber wollten durchaus ganz nüchtern sein und immer recht haben. Dabei berief sich jeder darauf, daß er Student sei und kein Mensch ihm etwas anhaben könne. Die Titel der Väter spielten dabei auch eine große Rolle. Wer aber am wenigsten nüchtern war und am lautesten schrie, war Herr Franz. Fortwährend sagte er: ›Sie haben mir gar nichts zu sagen ... Ich bin der zukünftige Schwiegersohn von Herrn Urban, dem reichen Fabrikbesitzer, verstehen Sie? ... Der wird Ihnen das schon besorgen ...‹ Ich habe lachen müssen! Der ›Schwiegersohn‹ mußte alle Augenblicke herhalten. Ich habe dann Ihrem Sohne sehr gut zugeredet, aber es half nichts. Im Gegenteil – er fuhr auch mir über den Mund und gebärdete sich wie ein Unsinniger. Das hat mir am wehesten getan. Wie lange er mit den anderen auf der Wache blieb, das weiß ich nicht; denn Liebegott und ich sind wieder unserem Berufe nachgegangen. Vielleicht war's nicht recht, daß ich dies alles erzählt habe; aber ich sagte mir: Krusemeyer, tue es lieber, es kann mehr nützen als schaden.«

Während Krusemeyer erzählte, hatte das Ehepaar seine Heiterkeit nicht verbergen können. Sosehr auch der Meister und sein Weib bestürzt waren, als sie vernahmen, daß ihr Einziger sich unter den Arrestanten befunden hatte, so mußten sie doch über die übermütigen Spaße lachen. Was den Meister selbst betraf, so sagte er ein über das andere Mal: »Diese Teufelskerle! Ja, das ist so Studentenmanier.«

Erst als der redselige Beamte seinen Bericht beschlossen hatte und sehr ernst geworden war, zeigte auch Timpe eine bedenkliche Miene und kratzte sich hinter dem Ohr. Was wohl aus der ganzen Geschichte werden könne? fragte er schließlich.

»Eine kleine Ordnungsstrafe, damit wird die Sache erledigt sein«, erwiderte Krusemeyer. Damit war Timpe beruhigt.

Thomas Beyer war der einzige, der während der Unterhaltung seinen Ernst bewahrt hatte. Nur hin und wieder war ein Lächeln über seine Züge geflogen, doch hatte das mehr der drolligen Erzählungsweise Krusemeyers als den Vorgängen der vergangenen Nacht gegolten. Ein ewiger Grübler, wie er war, versuchte er nach seiner Weise allen Dingen auf den Grund zu gehen, fand auch das Leben viel zu ernst, um sich durch äußerliche Nichtigkeiten täuschen zu lassen. Als Timpe nun sagte, er werde die »Lappalie« sehr gern bezahlen, denn sein Sohn habe sich jedenfalls gut amüsiert, konnte er nicht mehr an sich halten.

»Meister«, begann er, »ich stehe seit fünfzehn Jahren bei Ihnen in Arbeit, seien Sie mir daher nicht böse, wenn ich einmal ein offenes Wort sage. Frei heraus: Sie sind zu nachgiebig gegen Ihren Sohn, er wird Ihnen das dereinst schlecht belohnen ... Ihr Herr Vater hat nicht so ganz unrecht, wenn er den Segen der Zuchtrute predigt und sich immer verschlossener und mißtrauischer gibt, weil er sich bewußt wird, daß all sein Reden nichts hilft.«

Meister Timpe nahm vor Erstaunen die kurze Pfeife aus dem Munde. Frau Karoline aber, die immer noch emsig strickte, ließ aus Versehen einige Maschen fallen und warf über die Brille hinweg einen unmutigen Blick auf den Sprecher.

»Soo, soo, soo –« sagte Timpe sehr gedehnt, machte eine kurze Pause, als müsse er sich zuerst für diesen unerwarteten Angriff sammeln, und setzte dann hinzu:

»Also Sie stoßen in dasselbe Horn wie der Alte und wollen ebenfalls Moral predigen! Aber die Moral kennt man! Die ist nicht weit her. Wenn es nach euch ginge, müßte die Jugend weiter nichts tun als arbeiten, beten und sich kasteien.«

»Das nicht, Meister, aber sie sollte etwas tun, was nicht nur bei den Menschen, sondern auch in der ganzen Natur notwendig ist, um alles vortrefflich gedeihen zu lassen ...«

»Und das wäre, mein kluger Herr Beyer?«

»Maßhalten, Meister ... Die Bäume würden nicht mehr schön aussehen, wenn sie bis in den Himmel ragten, und die Wolken wären keine Wolken, wenn sie hier unten bei unseren Füßen vorbeizögen. Ein altes Sprüchwort sagt: Vater und Mutter können zehn Kinder ernähren, aber selten tun das zehn Kinder mit ihren Eltern. Meister Timpe, ich will von Herzen wünschen, daß dieses Sprüchwort für Sie nur Sprüchwort bleibt, aber denken Sie an Thomas Beyer, wenn es eines Tages sich bewahrheiten sollte. Und wenn Sie mich auf der Stelle ablehnen, ich kann's nicht ändern, Meister: die Dinge liegen so.«

»Sehr gut gesagt, sehr gut gesagt, Beyer.«

Als nach einer Pause Johannes Timpe diese Worte hervorbrachte, geschah es ungefähr in dem Tone eines Menschen, dessen Gefühl berührt worden ist, der aber die Wahrheit der vernommenen Lehrpredigt noch nicht zugeben will. Sicher aber ist, daß der Drechslermeister mit Aufmerksamkeit seinem Gesellen zugehört hatte und sehr bewegt geworden war; nicht minder seine getreue Ehehälfte. Sie hatte mehrmals stumm vor sich hingenickt und einmal sogar einen Seufzer ausgestoßen, der mehr als viele Worte sagte.

Und wenn man die Empfindung Krusemeyers schildern wollte, so würde man dieselbe am besten mit derjenigen eines Leichenbitters vergleichen, der an einer offenen Gruft steht und soeben ein über Erwarten hohes Trinkgeld bekommen hat, das seine ganze Herzensfreude bildet, jedoch nicht zuläßt, im Augenblick dem Gesichte eine andere als eine traurige Miene zu geben. Um aber durch irgend etwas seine Sympathie für den Sprecher Ausdruck zu geben, brachte er mehrmals die Sohle seines rechten Stiefels sehr kräftig mit der Spitze von Beyers linken in Berührung – eine Aufmunterung, die, in Worten übertragen, ungefähr gelautet haben würde: Immer tüchtig drauf los, so ist's recht, Junge!

»Die erfolgreichste Erziehung beim Menschen wird immer die Selbsterziehung bleiben«, hub Johannes Timpe wieder an zu sprechen. »Oft werden die besten Menschen diejenigen, die durch Torheit und Leichtsinn dereinst zur Erkenntnis kommen. Jugend hat keine Tugend und muß austoben.«

»Wer sich aber selbst erziehen will, Meister, muß vor allem ein Charakter sein. Er muß beweisen, daß er nicht zugrunde gehen würde, auch wenn er ganz allein dastünde. Hat das Ihr Sohn schon bewiesen? Er weiß, daß er Vater und Mutter im Rücken hat, und da lassen sich die Pläne gut schmieden. Sehen Sie mich an, Meister: Mit dreizehn Jahren kam ich unter fremde Leute, denn ich hatte niemanden mehr von meinen Angehörigen als meine Schwester; und die war viel jünger als ich. Fünf Jahre war ich in der Lehre, denn ich habe mich freilernen müssen. Manchesmal hat es mehr Hiebe gegeben als Essen, denn mein Meister war ein roher Patron; aber trotzdem, oder gerade deswegen, bin ich den geraden Weg gegangen.«

»Und weil Sie alles das durchgemacht haben und ein so tüchtiger, braver Kerl geworden sind, mein lieber Beyer, will ich manches Wort, das Sie heute über meinen Franz gesagt haben, nicht auf die Waagschale legen. Lassen Sie ihn nur, wie er ist, mit den Jahren kommt der Verstand.«

»Da hätten wir sehr viele weise Menschen in der Welt, Meister; aber man hört wenig von ihnen.« »Das liegt nicht an den weisen, sondern an den tauben Leuten, mein lieber Beyer ... Im übrigen wird die Welt immer dieselbe bleiben, solange die Sonne nicht mal zur Abwechselung im Westen aufgeht und im Osten unter.«

»Da sind wir wieder auf unser altes Thema gekommen, Meister, und ich muß aufs neue wiederholen, Sie sind nicht fortgeschritten in Ihren Anschauungen; aber Sie werden einmal anders denken.«

»Da kommt ihr immer mit eurem großen Fortschritt! Als ob das nicht der beste Fortschritt wäre: ewig in seiner Gesinnung gleichzubleiben! Tue recht und scheue niemand – so sage ich, und so soll's bleiben. He, Alte, habe ich recht?«

»Jawohl, Vater, du hast immer recht; aber was den Franz anbetrifft, so möchte in manchen Dingen Herr Beyer doch nicht so ganz –«

»Unrecht haben. Gewiß, gewiß! Verlaß auch du noch meine Fahne! Hier fehlt nur noch der Großvater, um mich zum toten Manne zu machen. Aber Johannes Timpe läßt sich noch nicht begraben. Werde dem da drüben hinter der Mauer gerade den Gefallen tun!«

Und der Meister lachte vergnügt und erhob sich zum Zeichen, daß er die Sitzung beschließen wolle.

Als Krusemeyer langsam hinter dem Altgesellen dem Häuschen zuschritt, nahm ihn Timpe noch einmal beiseite, hielt ihn auf einige Augenblicke zurück, tat erst sehr verlegen und sagte dann leise, aber mit großer Wichtigkeit: »Hm – ja, was ich gleich noch sagen wollte: Hier das Geld für die Stiefel ... und ja, hm – – der Junge hat also wirklich ganz offen behauptet, er würde der Schwiegersohn von Urban werden? – Hm – verstehen Sie nur: Es sind ja Worte eines dummen Jungen, aber ich möchte das nur bestätigt wissen, um dafür zu sorgen, daß er nicht noch einmal so etwas öffentlich schwatze –«

»Sehr in der Ordnung, Herr Timpe ... Mein Wort darauf: Zehnmal mindestens hat er es gesagt ...« »Hier, Krusemeyer, trinken Sie eins auf mein Wohl, und forschen Sie einmal bei Ihrem Freunde, dem Schutzmann, wie die Radaugeschichte des Jungen steht.«

»Nichts leichter als das, Herr Timpe. Liebegott und ich gehören zur Polizei, und die weiß alles.« Damit verschwand auch er.

Während Frau Karoline bereits in der Wohnstube saß, schritt Johannes, behaglich aus seiner Pfeife rauchend, noch im Gärtchen auf und ab. Die eindringlichen Worte des Altgesellen gingen ihm durch den Kopf; nicht minder die nächtliche Heldentat seines Sohnes. Zum ersten Male hatte er die Überzeugung, daß sich Franz nicht auf dem rechten Wege befinde. Etwas wie eine dunkle Ahnung stieg in ihm auf, daß sein Stammhalter ihm noch großen Kummer bereiten werde. Jener unbeschreibliche Zwiespalt der Empfindungen, der die Vernunft mit dem Herzen streiten läßt, kam über ihn. Sein väterlicher Stolz bäumte sich auf bei dem Gedanken, daß alle seine und seines Weibes Liebe für seinen Einzigen umsonst gewesen sein könne, daß er dereinst nicht die Dankbarkeit finden werde, die er erwartete. Mißtrauen gegen sich selbst erfüllte ihn, er kam aus einer Stimmung in die andere. Aber weshalb zerbrach er sich den Kopf, trug er sich mit peinlichen Gedanken? War der Zukunft nicht alles vorbehalten? Und wer konnte sie entschleiern? ... Das vermochte weder der Großvater, Thomas Beyer noch er ... Dann trat diese Zukunft wieder sonnig vor sein geistiges Auge. Wie kam sein Sohn dazu, sich solchen Hirngespensten hinzugeben, die in der Behauptung enthalten waren, er würde der Eidam Urbans werden? Gewiß war das nur ein Ausfluß der Bierlaune; und doch, konnte er, Johannes Timpe, wissen, was hinter seinem Rücken vorging? War Franz nicht ein stattlicher Mensch, hatte er nicht eine ausgezeichnete Schulbildung erhalten, hatte Urban ihn nicht so außerordentlich gelobt?

Johannes Timpe lächelte still vergnügt vor sich hin, wie ein Mann es zu tun pflegt, der sich in rosigen Träumen wiegt. Plötzlich fiel ihm ein, daß er heute »Franzens-Ruh« noch nicht bestiegen habe. Das mußte nachgeholt werden.

Nach fünf Minuten saß er oben in den Zweigen und starrte in den hellen Abend.

Es war Mitte August, der Tag heiß gewesen. Und nun hatte sich ein leiser, wohltuender Wind erhoben und trieb seinen Luftzug Johannes Timpe kühlend ins Gesicht. Der Vollmond schwamm wie eine silberne Riesenmotte am Himmel, überzog die Dächer der Häuser mit seinem weißen Lichte und färbte die leise lispelnden Blätter der Bäume und Sträucher mit einem smaragdfarbenen Schimmer, der sie wie durchleuchtet erscheinen ließ. Selbst die überall gähnenden Schatten der Häuser nahmen sich wie ein durchsichtiger, blauschwarzer Schleier aus, der jeden Gegenstand am Erdboden deutlich erkennen ließ. Die Rosen durchwürzten mit ihrem letzten Duft die Luft, und auf dem einzigen, jenseits der Mauer stehengebliebenen Baum saß eine Nachtigall und schlug schmelzend ihre herzbewegenden Triller. Es war, als klage sie über den Verlust des herrlichen Naturschmuckes, der ehemals hier ihr Reich gebildet hatte. Ein großer Nachtfalter umschwirrte den Meister, summte ihm einige Sekunden lang die Schmetterlingssprache vor und entwich dann mit glänzenden Flügeln. Er nippte an den goldigen Blüten eines Akazienbäumchens und verlor sich dann im Dunkel.

Diese märchenhafte Stille wurde nur zeitweilig von den Wellenschlägen des Berliner Lebens unterbrochen, die wie das Murmeln eines leise grollenden Meeres in sanften Rhythmen Johannes' Ohr berührten. Lange ließ der Meister wie traumverloren seinen Blick über die Umgebung schweifen. In gleichmäßigen Absätzen blies er den Rauch seiner Pfeife von sich, während ein Ausdruck stiller Zufriedenheit sich über seine Züge breitete.

Gespensterhaft, grell vom Lichte des Mondes beschienen, ragten die fensterlosen Mauern der neuen Fabrik in den Äther. Eine Vision überkam ihn: Hundert geschäftige Hände begannen sich drüben zu regen. Es klapperte, schnurrte und walzte; zischend stieg der Dampf zum Himmel empor, schrill ertönte der Pfiff der Pfeife. Und plötzlich stieg blutigroter Qualm vor seinen Augen auf. Tausend Arme streckten sich ihm entgegen, riesige Hämmer wurden über seinem Kopf geschwungen, und aus unzähligen Kehlen hallten die fürchterlichen Worte: »Meister, wir schlagen dich tot, du bist uns im Wege.« Er wehrte sich mit Riesenkräften; aber allmählich hagelten die Schläge so dicht auf ihn hernieder, daß er schwächer und schwächer wurde und mit einem Schrei der Verzweiflung, dem ein langer Seufzer folgte, zu Boden sank.

Johannes Timpe wankte wirklich, aber auf seinem Sitze, so daß er sich mit einem schnellen Griff an einem Ast festhalten mußte. Dann rieb er sich die Augen, denn die Lider waren ihm von dem balsamischen Duft der Nacht schwer geworden. Er war nahe daran gewesen, mit halboffenen Augen zu träumen. Da war es ihm, als vernähme er jenseits der Mauer flüsternde Stimmen. Er richtete den Blick nach dort, sah ein helles Kleid leuchten und Arm in Arm mit einem jungen Mädchen, voll und ganz in Mondeslicht getaucht, seinen Einzigen kosend und schäkernd dahinschreiten. »Potz Blitz, der Junge!«

Und als Johannes seine Augen aufs neue anstrengte, erkannte er in der jungen Dame Fräulein Emma Urban, die sich gar innig an seinen Sohn anschmiegte und selig zu ihm emporblickte.

Der Meister blickte so lange mit halbgeöffnetem Munde den Dahinwandelnden nach, bis ihm die Pfeife ausgegangen war.

»Ei, sieh diesen Tausendsassa an! So also stehen die Dinge –«

Und als er von seiner Warte herabgestiegen war, trat er zu Frau Karoline mit den Worten ins Zimmer:

»Denk dir nur, Alte, unser Junge hat eine Braut!«

»Träumst du, Vater ...?«

»Krusemeyer hat nicht zuviel gesagt; er wird wahrhaftig noch Herrn Urbans Schwiegersohn. Da soll mir der Thomas Beyer noch einmal kommen! Ich will ihm heimleuchten.«

»Ja, ja, Vater – ich habe es immer gesagt: Aus dem Jungen wird was.«

»Du, Alte? Ich glaube, ich war dir in dieser Behauptung weit voraus.«

Und die Alten kamen sich vergnügt wie Brautleute vor und plauderten noch lustig bis spät in die Nacht hinein.

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