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Meister Timpe

Max Kretzer: Meister Timpe - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/kretzer/timpe/timpe.xml
typefiction
authorMax Kretzer
titleMeister Timpe
publisherPhilipp Reclam Jr.
year1976
firstpub1888
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120416
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III.
Die Nachbarschaft

So winklig wie Timpes Haus nahm sich auch das Gärtchen aus. Eine in doppelter Mannshöhe emporragende Mauer umschloß es von drei Seiten und trennte es vom Nachbargrundstück. Diese Mauer hatte ihre besondere Geschichte.

Vor zehn Jahren stand an ihrer Stelle ein niedriger Staketenzaun. Die Handwerkerfamilie konnte an schönen Sommertagen, war sie hinten in einer kleinen Laube versammelt, einen herrlichen Anblick genießen, wenn die Augen sich nach den uralten Bäumen, grünenden Rasenflächen und künstlichen Blumenanlagen des Nachbargrundstückes richteten. Dasselbe gehörte einer reichen Kaufmannswitwe, die mit ihren Töchtern in der nächsten Querstraße ein villenartiges Haus bewohnte. Die drei Kinder im Alter von sieben bis zwölf Jahren hatten ein besonderes Vergnügen daran gefunden, vom niederen Zaune aus dem Treiben in der Werkstatt, deren große Fenster nach dem Gärtchen hinausgingen, zuzuschauen. Das Schnurren der Drehbänke und das Sprühen der Schnitzel übten einen großen Reiz auf sie aus.

Mit der Zeit waren sie mit Franz so vertraut geworden, daß er sich nicht scheute, den Zaun zu überklettern, um sich nach Herzenslust mit den Mädchen in dem großen Garten zu tummeln. Dabei blieb es jedoch nicht. Sein Hang zu allerlei üblen Streichen trieb ihn öfters dazu, in der Dämmerung auf eigene Faust dem Nachbargrundstücke Besuche abzustatten, um die Obstbäume zu plündern.

Als er eines Abends dabei gesehen worden war, hatte es eine Auseinandersetzung zwischen der Witwe und Johannes Timpe gegeben. Der Drechslermeister war sehr betrübt über die Diebereien seines einzigen Kindes und versprach der Witwe, den Knaben zu züchtigen und Sorge dafür zu tragen, daß man ihr zu weiteren Klagen keine Veranlassung geben würde. Johannes Timpe hätte vielleicht die versprochene Züchtigung, zum ersten Male in seinem Leben, energisch vorgenommen, wenn er nicht bemerkt haben würde, wie sein Vater bereits auf den Moment wartete, wo das Geheul des Jungen ihm endlich den Beweis für die Umsetzung seiner Lehre von der Zuchtrute ins Praktische geben werde. Er unterließ also die Züchtigung und beschränkte sich auf einen Verweis, der beschämend auf seinen Sprößling wirken sollte. Seine übergroße Gutmütigkeit aber tat nicht die geringste Wirkung; denn nach acht Tagen hatte Franz die gute Lehre vergessen. Er ließ sich abermals auf frischer Tat im Nachbargarten ertappen. Diesmal schlug die Witwe einen anderen Weg ein.

Eines Tages wurden Fuhren neuer Steine hinter dem kleinen Zaune abgeladen; Arbeiter mit ihren Gerätschaften erschienen und errichteten in wenigen Tagen die mit Glasscherben gekrönte Mauer.

Johannes Timpe und Frau Karoline waren natürlich sehr aufgebracht darüber. Der Meister setzte eine Beschwerde auf, des Inhalts, daß die Mauer der Werkstatt das Licht nehme. Es kam auch eine Kommission, um sich an Ort und Stelle davon zu überzeugen, gelangte aber zu dem Resultat, daß der Abstand der Mauer vom Hause ein zu großer sei, um die Beschwerde zu rechtfertigen. Sie mußten sich also in das Unvermeidliche fügen. Nur der Großvater fühlte ein geheimes Behagen an der Rache der Nachbarin. Er konnte ohnehin nicht sehen, der Garten war ihm also völlig gleichgültig.

»Das habt ihr eurem lieben Söhnlein zu verdanken«, sagte er mehrmals. Johannes Timpe und sein Weib mußten darauf schweigen, denn sie konnten ihm nicht unrecht geben.

Es wurde dem Drechslermeister und seiner Ehehälfte schwer, sich daran zu gewöhnen, den Vorgängen jenseits der Mauer keine Aufmerksamkeit mehr schenken zu dürfen, wie es vorauszusehen war, daß Franz sich am wenigsten in das Unvermeidliche fügen würde. Eines Tages konnte er es ohne einen Einblick in den Nachbargarten nicht mehr aushalten. Er kam auf eine glückliche Idee. In der Ecke, wo die Mauer an das Häuschen stieß, stand ein mächtiger Lindenbaum, der seine Zweige weit über das Dach des Hauses streckte und an heißen Sommertagen einen vortrefflichen Schutz gegen die Strahlen der Sonne gewährte. Hoch oben in der Krone des Baumes erblickten die Eltern eines Abends den Sohn. Er war durch eine Dachluke direkt auf den Baum gestiegen, hatte auf zwei Äste ein Brett gelegt und guckte vergnügt in die Welt hinaus.

»Von hier aus kann man weit sehen«, hatte er heruntergerufen. Und Johannes Timpe, der über die Waghalsigkeit seines Einzigen erst erschrocken war, dann aber lachen mußte, war ebenfalls zum Dachboden emporgestiegen, hatte seinen behäbigen Korpus mit Mühe durch die Luke gedrängt und neben seinem Sprößling Platz genommen.

Wahrhaftig, der Junge hatte recht. Hier oben konnte man sich über den Verlust der früheren Aussicht vortrefflich trösten.

Dem Sohne zur Liebe wurde die Dachluke erweitert. Die Gesellen mußten eine Art Brücke vom Dache bis zum Baume schaffen; und zur Sicherheit wurde hoch oben in der Krone rings um den Stamm ein Sitz mit Geländer angebracht und dieser Auslug, zu Ehren seines Entdeckers, »Franzens-Ruh« getauft. Johannes Timpe aber nannte ihn seine »Warte«. Der Aufenthalt zwischen Himmel und Erde war eine vortreffliche Abwechselung in der Eintönigkeit der langen Abende und gab Veranlassung, sich noch wochenlang darüber zu unterhalten.

Als der Großvater das Sägen und Hämmern über seinem Kopfe vernahm, erkundigte er sich im geheimen bei den Gesellen nach der Ursache des Zimmerns, da man ihm aus sehr bekannten Gründen wohlweislich von den Vorgängen der neuesten Zeit nichts gesagt hatte. Er schwieg tagelang. Eines Abends aber, als Meister Timpe vergnügt plaudernd neben seinem Sohne auf der Warte saß, konnte der Greis sich doch nicht enthalten, in einem Gespräche mit seiner Schwiegertochter unten in der Laube die absichtlich laut getane Bemerkung zu machen, daß zu seiner Zeit die Eltern den Jungen die Hosen strammgezogen hätten, wenn dieselben so vermessen gewesen wären, auf den Bäumen herumzukriechen, um sich der Gefahr auszusetzen, Arme und Beine zu brechen. Heute aber schiene es, als strebten die Eltern danach, ihren Kindern mit bösem Beispiele voranzugehen:

»Ja, früher, wer dachte früher an so etwas!«

Mit den Jahren hatte sich dann auch der älteste Timpe an die Kletterlust von Vater und Sohn gewöhnt und sogar einmal lebhaft bedauert (das geschah natürlich ganz verstohlen), daß sein Alter und seine Blindheit es ihm nicht möglich machten, ebenfalls von dort oben den Leuten in die »Suppenterrine zu spucken«. In der Mittagsstunde des Tages, in dessen ersten Stunden Krusemeyer und Liebegott ihre Ansichten über die Nachtschwärmerei Franz Timpes zum besten gegeben hatten, suchte dieser seinen Vater in dem Gärtchen auf. Er war soeben aus dem Geschäft gekommen, und da das Essen noch auf sich warten ließ, wollte er die Neuigkeit, die er mitgebracht hatte, dem Alten sofort mitteilen.

Meister Timpe war bei seinen Beeten, die er eigenhändig zu umgraben und zu besäen pflegte. Den einen Zipfel der Schürze hochgesteckt, die Schirmmütze etwas schräg auf die noch wohlerhaltenen grauen Haare gerückt, stand er über seine Schaufel gebeugt und musterte den Boden. Dieser kleinen Beschäftigung im Garten, die ihm neben seinem Handwerk wie eine Erholung dünkte, pflegte er in den Morgen- und Mittagsstunden nachzugehen. Den ganzen Winter hindurch freute er sich bereits auf den Frühling, der ihn in den Stand setzen würde, seine Liebhaberei für Blumen und Gemüse zu betätigen.

Die Aprilsonne lag erwärmend auf den Bäumen und Sträuchern, an denen bereits das erste Grün sich bemerkbar machte; und ein frischer Erdgeruch entstieg dem keimenden Boden und würzte die Luft. Nur wie ein leises Brausen drang das Branden und Wogen des Berliner Lebens über die Dächer hinweg in diese abgeschlossene Idylle hinein.

Wenn Johannes Timpe seinen Sohn zu Gesicht bekam, galt seine erste Frage den Fortschritten im Geschäft. In den ewig sich gleichbleibenden Worten »Nun, wie war's heute – sind sie zufrieden mit dir?« lag die ganze Zärtlichkeit, die er für seinen Sohn stets in so reichem Maße übrig hatte.

Franz überhörte heute die Frage ganz; dafür aber sagte er sofort:

»Weißt du noch, Vater, wie meinetwegen die Mauer errichtet wurde?«

Meister Timpe blickte bei dieser merkwürdigen Frage auf.

»Gewiß, mein Junge, aber wie kommst du darauf?«

Franz schwieg ein paar Minuten, denn es fiel ihm ein, daß er zuvor etwas Nützlicheres zu tun habe, als sogleich die Frage seines Vaters zu beantworten. Er zog eine Haarbürste hervor, musterte sich eine Weile aufmerksam in dem Stückchen Spiegel derselben, glättete seine nach der neuesten Mode in der Mitte kokett gescheitelte Frisur, versuchte den Spitzen des keimenden Schnurrbartes eine symmetrische Form zu geben, pfiff leise vor sich hin, stellte sich mit den Händen in den Hosentaschen breitbeinig vor seinen Vater hin und erwiderte dann erst:

»Wer hätte jemals daran gedacht, daß ich doch noch über die Mauer hinwegkommen würde. Denke dir nur: Herr Urban hat die Witwe da drüben geheiratet, und zwar ganz im stillen auf einer Reise, die er kürzlich gemacht hat. Selbst das Geschäftspersonal hat jetzt erst davon erfahren. Es soll nämlich extra eine Festlichkeit für uns veranstaltet werden. Meine alte Feindin wird meine Frau Chef – ist das nicht ein Hauptspaß?«

Johannes Timpe war diese Enthüllung so unerwartet gekommen, daß er zuerst stumm blieb, nur an seiner Mütze rückte und mit den Fingern der linken Hand über den kurzgeschorenen Kinnbart fuhr. Es war das immer ein Zeichen großer Nachdenklichkeit. Dann erst sagte er langsam:

»Sieh, der Schlauberger! Ein schönes Grundstück da drüben, und, was die Hauptsache ist, Frau Kirchberg, jetzt Frau Urban, soll viel Geld besitzen. Es ist die alte Geschichte: Wo viel ist, kommt viel hinzu.«

Meister Timpe faßte unter den Brustlatz seiner Schürze, holte eine mächtig-runde, bemalte Dose hervor und nahm mit einem »hm, hm« bedächtig eine Prise. Das sei aber noch nicht alles, berichtete Franz weiter. Man habe die Absicht, den größten Teil des Gartens zu Bauterrain umzuwandeln und eine große Fabrik mit den neuesten Verbesserungen zu errichten. »Die schönen alten Bäume!« warf Meister Timpe im Tone des Bedauerns ein, bei dem Gedanken, eines Tages an Stelle des herrlichen Laubschmuckes kahle Backsteinmauern und riesige Schornsteine emporragen zu sehen.

»Also dein Chef will im eigenen Hause fabrizieren«, sagte er dann aufs neue, indem er die Arme über den Knauf des Spatens kreuzte und vor sich hin blickte. Im Geist vernahm er bereits das Zischen des Dampfes, das Schnurren und das Summen der Treibriemen – jenes eigentümliche, die Erde erzitternd machende Geräusch, das die Nähe großer, in Bewegung gesetzter Maschinen verkündet.

Wenn er nur genau gewußt hätte, wann das Bauen drüben seinen Anfang nehmen sollte. Er war nicht umsonst plötzlich so still geworden. Ihm fielen seine alten Pläne wieder ein, welche sich um die Vergrößerung seines eigenen Geschäftes drehten. Wenn an Stelle dieser Mauer eine schwindelhohe Wand erstünde, wenn man ihn immer mehr umschlösse, um ihm das Licht des Himmels zu nehmen? Er hatte nie daran gedacht, daß die Verhältnisse jenseits der Mauer sich jemals ändern würden. Etwas wie Traurigkeit überkam ihn, eingedenk der Möglichkeit, daß sein Gärtchen eines Tages einem jener dunklen Höfe gleichen könne, über welche die Sonnenstrahlen nur auf Minuten dahinhuschen, ohne jemals ganz die Tiefe zu erreichen.

Als er sich umwendete, um an seinen Sohn noch eine Frage zu richten, war dieser bereits verschwunden; die Mutter hatte ihm vom Flur aus einen Wink gegeben, dem er gefolgt war.

Es war nahe an ein Uhr. In der Werkstatt hatten die Gesellen sich nach und nach eingefunden, um die Arbeit wieder aufzunehmen. An dem geöffneten Flügel des einen Fensters saß Thomas Beyer, der älteste Gehülfe Timpes. Seit fünfzehn Jahren stand er bereits an ein und derselben Drehbank. Er war ein hagerer, starkknochiger Mann von etwa vierzig Jahren und wohnte mit einer Schwester zusammen, die ihm die Wirtschaft führte. Er lebte sehr mäßig, besuchte sehr häufig populäre Vorträge und benutzte jede Gelegenheit, seine Belesenheit zu beweisen. Dadurch war er zu einer gewissen Autorität bei seinen Kollegen in der Werkstatt gelangt, die ihn wie ein lebendes Auskunftsbüro betrachteten, das auf alles Antwort geben müsse. Die ergötzlichsten Ansichten wurden dabei zutage gefördert. Da er überdies mit allen Verhältnissen des Hauses vertraut war, in Abwesenheit seines Arbeitgebers die Geschäfte desselben wahrnahm, so wurde er von diesem mehr wie ein Kamerad als wie ein Untergebener betrachtet.

»Meister«, rief er zum Garten hinaus, »wir haben noch nicht genug Schornsteine in der Nähe, es müssen noch einige hinzukommen. Aber ich habe es immer gesagt: Die Überproduktion wird die Menschen zugrunde richten. Die großen Fabriken fressen das Handwerk auf, und zuletzt bleibt weiter nichts übrig: als Arbeiter und Fabrikanten, zweibeinige Maschinen und Dampfkessel. Wie soll das enden!«

»Diesmal haben Sie recht, Beyer«, erwiderte Johannes Timpe, während von der Hoftür her, wo die Tauben sich vor dem Großvater versammelt hatten, die alte Litanei des Greises ertönte:

»Ja, ja, das waren noch andere Zeiten ... damals! Das Handwerk hatte einen goldenen Boden ... Die Schornsteine müssen gestürzt werden, denn sie verpesten die Luft; aber die Handwerker haben selbst daran schuld. Sie sollten ihre Söhne nicht Kaufleute werden lassen, die nur noch spekulieren und nicht arbeiten wollen.«

Er hatte seinem Ingrimm wieder einmal Luft gemacht, drehte sich um, faßte nach der Wand und schritt, auf seinen Stock gestützt, den Oberkörper gebeugt und den Atem kurz hervorstoßend, den langen Flur entlang, begleitet von dem Geräusch der klappernden Hauspantoffeln.

Durch das Gespräch aufmerksam geworden, hatten sämtliche Gesellen sich an den Fenstern versammelt. Da drüben sollte also eine Fabrik errichtet werden? Das war eine Nachricht, über welche man sprechen mußte. Johannes Timpe war es selbst angenehm, mit den Arbeitern seine Ansicht auszutauschen; und so eiferte denn ein jeder, seine Bemerkungen zu machen.

Urban sei ein ganz geriebener Junge, meinte Leineweber aus Braunschweig, ein kleiner, schmächtiger Mensch, der sich die Brust an der Drehbank ruiniert hatte, aber sich immer in Träumen darüber erging, was er anfangen würde, wenn er einmal einen Batzen in der Lotterie gewönne. Er habe bei einem Meister gearbeitet, der für Urban geliefert habe. Wenn dieser anfange, auf eigene Faust zu fabrizieren, so würde er wohl seinen guten Grund haben. Jedenfalls mache er hundert kleine Meister tot.

Und Leitmann, ein bereits graubärtiger Geselle, der früher einmal selbstständig gewesen war und durch das viele Treten der Drehbank einen hinkenden Gang sich angeeignet hatte, kannte ihn schon seit der Zeit, als sein ganzes Geschäft aus zwei winzigen Zimmern bestand und er, einen mächtigen Karton unter dem Arm, seinen eigenen Reisenden spielte, der durch die Straßen Berlins keuchte oder hoch oben auf dem Omnibus von einem Tor zum andern fuhr. Das sei vor zwanzig Jahren gewesen, als die ovalen Bilderrähme zum ersten Male auf der Drehbank hergestellt wurden. Dadurch habe er sein Glück gemacht.

Fritz Wiesel, ein blutjunger Berliner, hatte, als er noch Lehrling war, im Kontor von Ferdinand Friedrich Urban zu tun gehabt. Sein Geiz sei sprichwörtlich, meinte er. Er habe einmal einem Droschkenkutscher in der Zerstreutheit ein Zehnpfennigstück zu viel gegeben und sich darüber so sehr geärgert, daß er befürchtete, bankerott zu werden.

Meister Timpe wurde durch die eintretende Heiterkeit mit fortgerissen, bis er endlich sagte:

»Ihr macht ihn schlechter, als er in Wirklichkeit ist, Kinder. Ich habe ihn kennengelernt, als ich meines Sohnes wegen mit ihm Rücksprache nehmen mußte, und ich kann sagen, daß er mir wie jemand vorgekommen ist, der die Welt und die Menschen kennt –«

»Und sie deshalb gehörig ausbeutet«, fiel Thomas Beyer brummend ein.

Meister Timpe zuckte die Achseln und erwiderte:

»Ein Kaufmann muß rechnen, sonst geht er zugrunde«, sagt mein Franz immer. »Es ist nun einmal in der Welt so, lieber Beyer, daß jeder seinen Vorteil sucht.«

»Aber der liebe Herrgott hat die Erde nicht dazu geschaffen, Meister, daß die einen alles haben und die anderen nichts«, gab der redselige Altgeselle zurück.! »Da habe ich neulich einen Vortrag gehört –«

Johannes Timpe unterbrach ihn mit einer Handbewegung.

»Weiß schon, weiß schon, lieber Beyer! – Sie berufen; sich immer auf die Vorträge ... Sie scheinen übrigens in der letzten Zeit gefährliche Gedanken bekommen zu haben.«

Meister Timpe drohte lächelnd mit dem Finger und fuhr dann fort:

»Laß jeden tun und jeden haben, was er will. Der Wert des Lebens besteht nicht darin, zu sagen, ich bin das und das und ich besitze das und das, sondern darin, daß der Mensch sagt: Ich bin zufrieden. Liebe zur Arbeit, Neidlosigkeit dem Nächsten gegenüber und der Glaube an einen ewigen Gott – das sind die drei Dinge, die wir zuerst beherzigen müssen, wollen wir uns eines wirklichen, innern Glückes erfreuen. Denn daß das Glück von außen kommt, sagen nur diejenigen, die es in ihrem Innern nie empfunden haben.«

»Das sind alte Anschauungen, Meister«, sagte Thomas Beyer wieder, indem er seine Drehbank in Bewegung setzte. »Sie sind nicht fortgeschritten in Ihren Ansichten; aber Sie werden einmal anders denken.«

Johannes Timpe kannte die Unterhaltungssucht seines Altgesellen über derartige Dinge und wußte, daß es schwer war, ein Ende mit ihm zu finden. Deshalb drehte er dem Fenster den Rücken und schritt der Wohnung zu, um sein Mittagsmahl einzunehmen.

Die Gehilfen aber konnten noch nicht zur Ruhe kommen. Während sie Anstalten machten, um an ihre Arbeit zu gehen, wurde das Gespräch fortgesetzt.

Theobald Spiller, genannt Spillerich, gebürtig aus einer kleinen Stadt des Königreichs Sachsen, war der Lustigmacher der Werkstatt. Er war ein kleiner, rund gebauter Mann mit glattgeschorenem Haar und bartlosem Gesicht, in dem der breite Mund selten zur Ruhe kam. Selbst beim Drechseln erzählte er seine Schnurren, und lachten die anderen nicht, so erlaubte er sich dieses Vergnügen allein. Er hatte oft die tollsten Einfälle, war aber sonst ein durchaus harmloser Mensch, der nur die üble Angewohnheit hatte, regelmäßig des Dienstags bereits Vorschuß zu nehmen, was sich im Laufe der Woche zwei- bis dreimal zu wiederholen pflegte. Er aß nämlich ungemein stark und hatte eine besondere Vorliebe für extrafeinen Likör, durch den er sich die Einsamkeit seines Junggesellenlebens trostreicher zu machen versuchte.

Er schlug vor, den Versuch zu machen, Ferdinand Friedrich Urban von der Errichtung der Fabrik abzubringen, schon des Freikonzertes wegen, welches die Nachtigallen im Sommer zum besten gäben, worauf der Berliner diesen guten Gedanken mit einem »Det stimmt« bestätigte – ein Stichwort, das er den Tag über unzählige Mal anzuwenden wußte.

Man erging sich nun in den verschiedensten Plänen, die jedoch alle als nicht besonders wirkungsvoll verworfen wurden, bis endlich Theobald Spiller, genannt Spillerich, den Vogel abschoß, indem er sagte, man müsse das Gerücht verbreiten, der Geist von Frau Urbans erstem Manne ginge im Garten umher, um sich gegen die beginnende Verwüstung zu verwahren.

»Wenn ihr mir ein Leichengewand besorgt, mich dabei nicht verhungern laßt und sofort bei der Hand seid, wenn ich um Hilfe rufen sollte, so mache ich die Geschichte«, sagte der kleine Sachse zum Gaudium der übrigen, indem er die Spähne von seinem in der Form einer Kugelakazie gestutzten Haar entfernte.

Man hätte diese Pläne jedenfalls noch ins Ungeheuerliche gesponnen, wenn nicht Franz Timpe vor den Fenstern wieder sichtbar geworden wäre. In der Werkstatt konnte ihn niemand seines Hochmuts wegen leiden. Er hatte die Manier, äußerst herablassend zu tun und auf einen Gruß kaum einen Dank zu finden; dagegen verlangte er äußerst herrisch die Erfüllung seiner Wünsche. Vernahm er den freundlichen Ton, in welchem der Drechslermeister mit den Gesellen verkehrte, so fühlte er sich dadurch unangenehm berührt. Es passe sich nicht, mit Arbeitern kameradschaftlich zu verkehren, meinte er zu seinem Vater; denn es ärgerte ihn, nicht so respektiert zu werden, wie er es wünschte. Nur Thomas Beyer gegenüber pflegte er bescheiden aufzutreten, denn er hatte es nicht vergessen, wie dieser ihm einst, als er noch Schuljunge war, für eine arge Unverschämtheit eine Ohrfeige versetzt hatte, die noch lange Zeit hindurch eine Genugtuung für den Großvater bildete. Es hatte damals zwischen dem Meister und seinem ältesten Gesellen eine heftige Szene gegeben, in welcher aber schließlich der Gerechtigkeitssinn Johannes Timpes zugunsten seines Gehilfen siegte. Erblickten die Gesellen den angehenden Kaufmann, beobachteten sie die geckenhaften Manieren, die er sich angeeignet hatte, so wurde er zur Zielscheibe geheimer Spöttereien, die seine Ohren nicht angenehm berührt hätten, wenn er sie vernommen haben würde.

»An dem Zierfuchs hat sich der Meister eine Rute für seine alten Tage gezogen«, pflegte Thomas Beyer zu sagen und wiederholte es auch heute.

»Det stimmt«, fiel Fritz Wiesel ein. »Er müßte sich einmal vierzehn Tage lang an der ›Bank‹ die Beine austreten, vielleicht würde er dann etwas zahmer werden.«

»Das hilft alles nichts«, meinte der kleine Sachse. »Er muß vier Wochen lang im Schaufenster eines Friseurs stehen oder zu Castan ins Panoptikum kommen. Da gäbe es etwas zum Lachen.«

Oftmals wurden die Bemerkungen so laut getan, daß Franz Timpe etwas von ihnen auffing. Er schäumte dann vor Wut, schwieg jedoch, weil er fürchtete, sich noch lächerlicher zu machen; oder er schlug den alten Weg ein: suchte seinen Vater auf und klagte die Gehülfen der Faulheit und anderer Dinge an. Dadurch machte er sich nur noch verhaßter bei den Leuten in der Werkstatt. Sein Trost blieb dann die Zukunft, die Erfüllung der Pläne seines Vaters, die ihn in den Stand setzen würden, dereinst über die Arbeiter zu herrschen und sich für die erlittenen Verhöhnungen zu rächen ... Wie schön war nicht die Aussicht! Das Geschäft würde blühen und gedeihen, er sich emporschwingen, wie Urban es getan hatte; man würde ihn Chef nennen, eine reiche, schöne Frau würde sich finden, dazu Pferd und Wagen und eine Villa, wie Herr Ferdinand Friedrich Urban sie besaß. Und warum den Gedankenflug nicht noch höher erheben? Schon mancher hatte es bis zum Kommerzienrat gebracht, der wie er in jungen Jahren begonnen hatte ...

Den Kopf voll dieser Träumereien, mit denen ein Heer von Arbeitern, riesige Schornsteine, doppeltürige Geldschränke und Unsummen Geldes sich verbanden, die wie Phantome an ihm vorüberjagten und seine Phantasie belebten, enteilte er auch diesmal der Hörweite der Gesellen und machte sich auf den Weg zum Kontor.

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