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Meister Timpe

Max Kretzer: Meister Timpe - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/kretzer/timpe/timpe.xml
typefiction
authorMax Kretzer
titleMeister Timpe
publisherPhilipp Reclam Jr.
year1976
firstpub1888
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120416
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XI.
Schlimmer Verdacht

Gegen Weihnachten desselben Jahres hob sich das Geschäft Timpes wieder ein wenig, so daß er nicht mit Verlust zu arbeiten brauchte; nach Neujahr aber ging es mit Macht bergab, ein plötzlicher Stillstand trat ein, und der Meister mußte den Gesellen das Geld förmlich aus der eigenen Tasche zahlen, nur um sie an sich zu fesseln. Im folgenden Sommer sah er sich genötigt, abermals einen Gehilfen zu entlassen. Diesmal traf den lustigen Berliner das Los. Fritz Wiesel bat den Meister voll Treuherzigkeit, seiner wieder zu gedenken, wenn es besser gehen sollte. Man trennte sich ungern von dieser Werkstatt, wo man sich noch gestatten durfte, in Gegenwart des Meisters einen derben Witz zu machen, und nichts von einer drakonischen Fabrikordnung zu sehen war.

Nach acht Tagen sprach Wiesel wieder vor. Er hatte noch keine andere Beschäftigung gefunden. In vielen Fabriken und kleineren Werkstätten war eine plötzliche Arbeitsstockung eingetreten, die eine Folge jahrelanger Überproduktion war. Die ersten Schatten des großen industriellen Krachs kamen drohend herangezogen. Die Papiere zahlreicher Aktiengesellschaften sanken über Nacht. Die Waren stauten sich, denn die Nachfrage nach ihnen verminderte sich von Tag zu Tag. Nur diejenigen Firmen, die dem verlockenden Schwindel der Zeit nicht gefolgt waren, denen ein genügendes Kapital zur Verfügung stand, produzierten nach wie vor in gleichem Umfange. Das Publikum fing an, gegen die »goldene Ära« mißtrauisch zu werden, und bangte um seine »gut angelegten« Ersparnisse. Es lag etwas in der Luft, das sich wie das unheimliche Murmeln einer aus weiter Entfernung herannahenden Flut ausnahm, die nach den Trümmern lechzte, welche die Ebbe zurücklassen würde.

Fritz Wiesel erzählte, daß man ihm angeboten habe, bei Urban einzutreten, und daß er auch in der Fabrik gewesen sei, um mit dem Werkführer Rücksprache zu nehmen. Er habe sich die Sache aber noch einmal gründlich überlegt und sei davon abgekommen. Er würde es mit seinem Gewissen nicht vereinen können, bei dem Manne zu arbeiten, der Meister Timpe alle möglichen Schikane antue. Überdies lebe er bei seiner Mutter, die einen Kohlenhandel betreibe, und da könne er es eine Weile aushalten.

Der ehemalige Kamerad wurde nach dieser Mitteilung sofort umringt. Nur ein braver Kerl könne so von seinem früheren Meister sprechen, sagte man ihm. Und Timpe, der beim Hereintreten die letzten Worte Wiesels gehört hatte, streckte ihm voll Dankes die Hand entgegen. Der lustige Fritz hatte dann verschiedene Neuigkeiten aufzutischen. Ob man schon wisse, daß man Urban angeboten habe, seine Fabrik in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln? Alle verneinten und zeigten sich erstaunt. Timpe meinte, daß er schon längst auf diese Nachricht gewartet habe.

Mit der Mitteilung Wiesels hatte es seine Richtigkeit. Vor einem halben Jahre hatte ein Konsortium von Spekulanten Urban zu bewegen versucht, die Fabrik durch ein Aktienkapital zu erweitern; er hatte aber dieses Ansinnen sehr bestimmt zurückgewiesen. Sein scharfer Blick ließ ihn nur zu sehr den Rückschlag der industriellen Gründungen vorhersehen. Wolle er sein Geschäft vergrößern, hatte er gemeint, so könne er es auch aus eigenen Mitteln tun. Und um sogleich den Beweis dafür zu liefern, eröffnete er ein Vierteljahr später eine Knopffabrik, die er bereits längst geplant hatte. Zu diesem Zwecke hatte er bereits im vergangenen Jahre einen Anbau an die hintere Seite der großen Fabrik errichten lassen; auch ein zweites Kesselhaus gehörte dazu.

Es war ihm namentlich um die Anfertigung von Steinnußknöpfen zu tun. Dieselben waren von London zuerst eingeführt worden und schnell in Mode gekommen. Der Bedarf für die Konfektion war ein gewaltiger.

Urban bezog die Nüsse in Massenlieferungen und brachte die fertigen Knöpfe äußerst billig auf den Markt. Das Plattenschneiden an der Dampfsäge war eine gefährliche Beschäftigung. Gleich am ersten Tage wurden einem Arbeiter die drei Finger der rechten Hand abgeschnitten. Die ganze Fabrik kam zusammengelaufen und bedauerte den vor Schmerz Heulenden. Es war ein bereits ergrauter Familienvater, den das Unglück getroffen hatte. Der Blutverlust hatte ihn ohnmächtig gemacht. In diesem Zustande trug man ihn nach Bethanien. Urban zahlte der verzweifelten Frau den Lohn für zwei Wochen aus und erklärte, seiner Pflicht damit genügt zu haben. Nach seiner Meinung habe der Arbeiter durch eigene Fahrlässigkeit sich beschädigt; für derartige Fälle könne man ihn nicht verantwortlich machen.

Als Timpe davon erfuhr, erging er sich in Ausdrücken, die nicht sehr schmeichelhaft für den großen Konkurrenten waren. Es wäre jedenfalls besser gewesen, wenn die Säge einen Teil von Urbans langer Nase mitgenommen hätte, sagte er voller Galgenhumor, so daß die Gesellen laut auflachten.

In den nächsten Tagen drehte sich sein ganzes Mitleid um den Verunglückten. Er brachte es so weit, daß unter Berufsgenossen eine Geldsammlung abgehalten wurde. Es kam eine Summe zusammen, die neben der Unterstützung aus der Krankenkasse ausreichte, um die Familie des Invaliden wenigstens vor der äußersten Sorge zu bewahren.

Während der schlechten Geschäftszeit fand der Meister genügend Zeit, dem Bau der Stadtbahn hinter seinem Häuschen, der sich immer mehr entwickelte, seine Aufmerksamkeit zuzuwenden, öfter als sonst bestieg er in diesem Sommer die »Warte«, für die er niemals mehr die Bezeichnung »Franzens-Ruh« gebrauchte. Saß er oben zwischen den Zweigen und rauchte gemütlich seine Pfeife, so vergaß er beim Anblick des geschäftlichen Treibens unter sich ein Viertelstündchen lang die Drangsale des Lebens, hatte er nur noch Sinn für die neue Welt, die sich vor ihm aufbaute und immer gewaltiger und kühner emporstrebte.

Bis zum Frankfurter Bahnhof war die Gasse freigelegt worden, die dem Verkehre Spreeathens einen neuen Weg eröffnen sollte. Eine eigenartige Perspektive bot sich dem Auge dar. Es war gerade, als hätte eine Riesenfaust vom Himmel sich herniedergesenkt und mit gewaltigem Hammerstreich eine Bresche durch die Häuser geschlagen, gleichgültig darüber, ob das eine stehenbleibe oder die Hälfte des anderen falle.

Dort blickte man in einen Hof hinein, dem bis vor kurzem noch Luft und Licht fehlte und der nun die Geheimnisse der Hinterhäuser verriet; und daneben in einen kleinen Garten, der bisher wie ein seltener Schatz inmitten der grauen Mauern nur zur Freude seines Besitzers gedient hatte und nun gleich einer weithin sichtbaren Oase das Auge entzückte. Aber nur noch kurze Zeit, und der Dampf des Eisenrosses wälzte sich über ihn fort und raubte den herrlichen Rosen den Duft ... Und dazwischen freigelegte Ställe und Scheunen, Trocken- und Holzplätze, zwei Seitengebäude ohne Vorderhaus, die Reste von durchschnittenem Mauerwerk; und dort, wo der Trümmerweg eine Kurve machte, die offene Straße wieder mit ihren vier- und fünfstöckigen Mietskasernen, in deren Fenstern die Sonne sich blendend spiegelte.

Vom dunklen Grunde dieser Gasse hoben sich leuchtend die hellen, kalkbestäubten Jacken eines Heeres von Maurern ab. Wie sich das bückte, hinauf- und hinabstieg, Stein an Stein fügte, um das Fundament der breiten Pfeiler zu gestalten. Die roten Steine leuchteten, die Hammerschläge klangen hell herüber, und ein Fuhrmann trieb fluchend die Pferde vor einem schwer mit Sand beladenen Wagen an.

Auch zu den Füßen Timpes, wenige Schritte von seinem Hause, erhoben sich bereits die ersten Anfänge der Viadukte. Einer ihrer Pfeiler berührte die hintere Giebelwand so dicht, daß der Meister vermeinte, ihn mit der Hand berühren zu können. Fast gleichmäßig von Tag zu Tag, als wüchsen sie Fuß für Fuß aus der Erde, erhoben die Pfeiler sich auf der ganzen Linie, bis sie anfingen, allmählich in die Rundung des Bogens überzugehen. Und je weiter die Steinmassen sich rechts und links ausdehnten, um zu einem riesigen Ringe zu werden, je beengter fühlte sich der Meister schwebend über dem Dache seines Häuschens, je mehr überkam ihn das Gefühl einer gewaltsamen Erdrückung – gleich einem Menschen, der nach und nach in immer kleinere Räume geführt wird, bis er sich im letzten befindet, in dem er nicht mehr zu atmen vermag. Immer winziger und ruinenhafter erschien ihm sein Häuschen angesichts des ersten kühnen Bogens, der sich von einem Pfeiler zum andern spannte.

Mit der Zeit flößte ihm der Wunderbau so großes Interesse ein, war er auf seine weitere Entwickelung so gespannt, daß er die Stunde kaum erwarten konnte, die ihm den alten und doch neuen Anblick gewährte. Zuletzt kannte er jeden Arbeiter von Angesicht, hatte er sich ihre Gewohnheiten eingeprägt, wußte er, ob dieser fleißig, jener faul sei; und aus den Gesprächen, die sie miteinander führten, lernte er schließlich ihre persönlichen Verhältnisse kennen. Mit einem der Maurer, einem alten, ehrwürdig aussehenden Manne mit langem weißen Kinnbart, war er bereits so vertraut geworden, daß er ihn des Morgens wie einen guten Bekannten begrüßte und seine Meinung über das Wetter und andere für den Tag höchst wichtige Dinge mit ihm austauschte. Dann redete man sich gegenseitig nur mit »Meister« an; und mehr als einmal reichte Timpe dem Manne im weißen Kittel helles Feuer zu oder ließ sich herab, ihm mit einer Hand voll Tabak auszuhelfen.

Und war der letzte Arbeiter vom Gerüst verschwunden, dann warf er noch einen langen Blick auf seine Umgebung und lauschte eine Weile den gleichmäßigen Schlägen der Ramme, deren dumpfer Knall von der Spree herübertönte. Hier arbeitete man auch des Nachts bei Fackelschein, um die Pfähle ins Wasser zu treiben, auf denen das Fundament der Viadukte ruhen sollte.

Bis in den Winter hinein hielt die Geschäftsstille an, so daß der Verlust, den Timpe in diesem Jahre trug, für seine Verhältnisse ein geradezu unersetzlicher war. Um diese Zeit stellte sich Deppler, der längst abgesprungene Kunde, bei ihm wieder ein. Der Meister war nicht wenig erstaunt, freute sich dann aber aufrichtig über den Besuch. Schien doch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß die solide Arbeit wieder zu Ehren kommen und die abtrünnigen Abnehmer nach und nach zu ihm zurückkehren würden. Der Gedanke des Meisters an eine große Bestellung schwand aber bald. Deppler kam im Auftrage eines andern, eines Amerikaners, der ein Modell angefertigt haben wollte. Timpe konnte das Anliegen nicht gut abschlagen, um so weniger, da Deppler durchblicken ließ, es gäbe vielleicht etwas zu verdienen, wenn Timpe die Arbeit gut ausführe und der Artikel sich nicht zu teuer stelle.

Als Timpe den Auftrag in Arbeit nehmen wollte, fiel ihm ein, daß er vor Jahren ähnliche Formen gedreht habe, wie die Zeichnung aufwies. Er suchte also unter seinen zahlreichen Modellen. Bei dieser Gelegenheit machte er die Entdeckung, daß ein Teil der besten und wertvollsten fehlte. Er traute erst seinen Augen nicht, glaubte an einen Irrtum und durchsuchte die ganze Arbeitsstube; rückte mit Hülfe eines Lehrlings Tische und Kasten von der Wand, vergebens – die vermißten Holzteile fanden sich nicht. Selbst die Pappstreifen, auf denen die Nummern verzeichnet waren, konnten nicht entdeckt werden. Man hatte ihn also bestohlen.

Das ganze Haus geriet bei dieser Nachricht in Aufregung. Der Großvater gab den Rat, sofort nach der Polizei und dem Staatsanwalt zu schicken, denn solange er in diesem Hause lebe, sei so etwas noch nicht passiert. Und Frau Karoline war so erschreckt, daß sie Johannes auf das Inständigste bat, Keller und Boden durchsuchen zu lassen, denn es käme oft vor, daß Spitzbuben sich tagelang im Hause aufhielten. Am seltsamsten wurden die Gesellen durch die Entdeckung berührt. Es leuchtete ihnen sofort ein, daß die Gegenstände nur von jemandem entwendet sein konnten, der sie für sich zu verwenden wußte. Der Meister pflegte seine Stube niemals zu verschließen; stundenlang war er nicht zu sehen. Sie arbeiteten Tag für Tag in der Nähe, konnte nicht auf jeden von ihnen der Verdacht fallen?

Timpe hatte denselben Gedanken, und doch lag es ihm fern, auch nur im geringsten an der Ehrlichkeit der altbewährten Arbeiter zu zweifeln. Als er die Werkstatt betrat, kam er seinen Gehülfen zuvor und gab sofort mit aller Offenheit eine dahin gehende Erklärung ab. Und man wußte ihm Dank für seine Worte; wurde doch allen dadurch ein Alp von der Brust genommen. Aber die Tatsache stand trotzdem fest, nur ein Hausdieb konnte seine Hand nach den Modellen ausgestreckt haben.

Der Meister nahm sich die beiden Lehrlinge vor und redete ihnen voller Güte ins Gewissen. Es sollte ihnen verziehen werden, wenn sie die Wahrheit sagen würden. Die Jungen waren Söhne armer, aber anständiger Eltern. Sie brachen sofort in Tränen aus und schwuren hoch und teuer, nichts von dem Diebstahl zu wissen. Als sie merkten, daß man ihnen noch nicht glauben wollte, fielen sie auf die Knie und baten mit gefalteten Händen, mit ihnen nach Hause zu ihren Eltern zu gehen, um dort nachzusuchen. Der Meister blickte in die von Tränen umflorten Augen, in denen keine Spur von Lüge zu finden war, und glaubte ihnen. Er sah nun ein, daß er zu weit gegangen war, drückte jedem die Hand und bat um Verzeihung. Damit sie sich trösteten, schenkte er ihnen ein Markstück.

Während das Gespräch sich immer noch um den heiklen Punkt drehte, hatte Thomas Beyer stumm auf seine Arbeit geblickt, plötzlich sagte er:

»Meister, ich hab's!«

Die Drehbänke standen sofort still. Jedermann blickte erwartungsvoll auf den Altgesellen, der fortfuhr zu sprechen:

»Es kann nur jemand gewesen sein, der mit Urban in Verbindung steht. Als ich die Viktoriakrücken von drüben sah, wunderte ich mich gleich über einen Fehler im Griff, der nur in unserem Modell vorhanden war, bei den Arbeiten aber verändert wurde. Urban glaubte natürlich, daß das zur Zeichnung gehöre, und ließ die Geschichte ruhig mitdrehen.«

Timpe verschwand sofort und kam mit der Nachricht zurück, daß auch diese beiden Modelle mit zu den Gestohlenen gehörten.

Als Deppler ihm seinerzeit diese beiden Artikel Urbans zeigte, nahm er an, daß der Fabrikbesitzer sie mit den üblichen Veränderungen nach den Vorbildern in den Läden angefertigt habe. Nun leuchteten ihm die Worte Beyers nur zu sehr ein.

Wer war nun der Dieb und Verräter?

Man ließ die entlassenen Gesellen Revue passieren. Aber unter ihnen war keiner, auf den der Verdacht sich mit Gewißheit lenken konnte. Ja, wenn einer von ihnen bei Urban beschäftigt wäre, so hätte die Sachlage sich geändert. Da sagte der älteste der Lehrlinge, der mit immer noch zuckendem Munde und geröteten Augen wieder an seine Arbeit gegangen war:

»Jetzt fällt mir ein, Meister – ich habe Ihrem Herrn Sohn einmal die Leiter halten müssen, als er noch abends spät an der Wand da drinnen etwas suchen wollte.«

Timpe wurde leichenblaß. Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen, aber er nahm seine ganze Kraft zusammen, um sich seinen Leuten gegenüber zu beherrschen. Während er vor sich auf die Diele starrte, sah er im Geiste die erstaunten Blicke seiner Gesellen auf sich gerichtet. Und er fühlte, wie das Blut ihm heiß ins Gesicht stieg. Dann ermannte er sich, wendete sich langsam nach dem Burschen um und sagte mit unheimlicher Ruhe:

»Naseweise Jungen machen naseweise Bemerkungen. Künftighin wirst du den Mund erst auftun, wenn du gefragt wirst ... Was mein Sohn damals suchte, das weiß ich schon.« Und zu den Gesellen gewendet:

»Zerbrechen wir uns nicht mehr die Köpfe um den Dieb, der Zufall wird uns schon zu Hülfe kommen.«

Nach diesen Worten verließ er gemessenen Schrittes die Werkstatt und verschwand in seine Arbeitsstube. Hier aber verließ ihn die Kraft. Wie erschöpft ließ er sich auf einen Stuhl am Fenster und verbarg sein Gesicht in die Hände. So saß er lange, lange. Was seine Seele bewegte, kam durch kein Wort zum Ausbruch, aber die schweren Atemzüge zeugten für die fürchterlichen Kämpfe in seinem Innern.

Sein eigener Sohn sollte ihn bestohlen haben, um sich den Dank des Todfeindes zu verdienen? Der Gedanke war zu fürchterlich, als daß er es wagen durfte, ihn laut zu äußern, wäre es auch nur in einem Selbstgespräche ... Als er aber endlich das Haupt erhob, dessen Haare Sorge und Kummer der letzten Zeit früh gebleicht hatten, und er hinausblickte auf das rote Gemäuer der Viadukte, das das Zimmer halb verdunkelte, sah er verändert aus, als hätten Minuten Furchen in sein Antlitz gezeichnet. Er schüttelte den Kopf, als wollte er mit Gewalt das nicht begreifen, was für ihn schreckliche Wahrheit war. Ein langer Seufzer kam über seine Lippen, in dem alles lag: die Erinnerung an einen schlanken Knaben, den er auf den Knien geschaukelt hatte, die unbeschreiblichen Hoffnungen und Wünsche, welche sich an seine Zukunft geknüpft hatten, der Gedanke an viele Jahre harter Arbeit, an Liebe und Pflege um den Einzigen, und an einen betrogenen Vater ...

Plötzlich schreckte er zusammen, wie jäh aus einem Traume erweckt: die Meisterin stand neben ihm und hatte seine Schultern berührt.

»Vater, dich drücken wieder schwere Sorgen ... Und wie du aussiehst, mein Gott...«

»Wie immer, Mutter.«

Er fand ein Lächeln und zog die Alte sanft an sich. Und als sie mit ihren Lippen seine Stirn berührt hatte, ging es ihm wie ein Frühlingswehen durch die Seele, so daß er sein Weib herzhaft küßte. Sie betraten dann die gute Stube. Sein Blick fiel auf das Bild seines Sohnes. Franz war dargestellt als ein Jüngling von sechzehn Jahren. Meister Timpe konnte nicht an sich halten; die Vaterliebe besiegte den Schmerz. Er nahm das Bild und küßte es. Als Frau Karoline das sah, drückte sie den Zipfel der Schürze gegen die Augen und verließ leise das Zimmer. Den Anblick konnte sie nicht ertragen.

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