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Meister Jordan

Heinrich Zschokke: Meister Jordan - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen und Dichtungen, Sechszehnter Theil
authorHeinrich Zschokke
year1858
publisherDruck und Verlag von H. R. Sauerländer
addressAarau
titleMeister Jordan
pages149-296
created20031001
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1845
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1. Der Kesselflicker.

Wer kennt nicht zu Altenheim, der Hauptstadt des Fürstenthums, den braven Bürger Jonas Jordan, der am Schloßplatze in dem kleinen, alten Eckhause neben dem alten großen palastartigen Gebäude der Gewerbschule wohnt? Ich will Euch seine Geschichte erzählen.

Jonas war armer Leute Kind. Sein Vater, Namens Thaddäus, und seines Handwerks ein Spengler, oder Klempner, brachte sich kümmerlich durch. Es fehlte ihm nicht an Fleiß und Ehrlichkeit, aber an Arbeit und Bestellungen. Er verstand sein Handwerk ziemlich; Andere aber verstanden es besser. Das war schlimm; aber noch schlimmer, daß er ein schmuckes Mädchen zur Frau genommen hatte, welche sich gern putzte und damit Geld verputzte; guten Tisch liebte, doch nicht Schaffen im Hause; und lieber bei ihren Kaffeeschwestern, als in Küche und Keller war. So ging Gewerb und Wirtschaft zu Grunde. Als sie starb. hinterließ sie ihrem Mann den kleinen Jonas und Schulden dazu. Thaddäus mußte abzahlen, und seinen Vorrath von Messing und Eisenblech um einen Spottpreis hingeben. Nun arbeitete er ein paar Jahre als Gesell bei andern Meistern; hatte aber davon für sich und sein Kind kaum Salz auf das liebe Brod.

Da er sich nicht mehr zu rathen wußte, kam ihm über Nacht ein guter Gedanke. Er ging zu seinem Nachbar, dem Gürtler Fenchel. Der war ein guter, hablicher Mann; nur sah er am Tage das Schnapsglas und des Abends die Wirthshäuser zu gern. Das machte ihm, wie manchem seiner Art, oft den Kopf schwer, aber immer den Beutel leer und täglich der Sorgen mehr. Thaddäus sah wohl voraus, daß auch Fenchels Geschäft den Krebsgang zu nehmen anfing.

Darum begab er sich zu ihm und sprach: »Nachbar, ich sehe, Ihr habt der schönen Waaren vollauf, aber der Kunden und Käufer zu wenig. Es will heutiges Tages nicht mehr mit den Handwerkern vorwärts. Die Fabriken im Auslande verkümmern unsern Verdienst; Juden und Handelsreisende streichen in der ganzen Welt herum. Ich bin also der Meinung: Wurst, wider Wurst; kaufe mir heut ein Hausirerpatent; ziehe Land auf Land ab mit meinen letzten Lampen und Löffeln, Kannen und Becken; und, so Ihr wollt und mir billigen Prosit gebet, auch mit Euern Gürtlerwaaren, Knöpfen und Schnallen. So wird Euch und mir geholfen. An Absatz fehlt's nicht, wenn man's den Leuten ins Haus bringt, und sie einen weiten Weg sparen können.«

Der Einfall leuchtete dem Meister Fenchel ein. Man ward Handels einig. Nach wenigen Tagen schob Thaddäus einen hohen, bepackten Karren vor sich her; zum Stadtthor hinaus; von Dorf zu Dorf; und neben ihm trabte, baarfuß und lustig, sein kleiner Jonas. Seine Waare fand bald Liebhaber; an gutem Maulwerk fehlte es ihm nicht, sie anzupreisen, wenn sie sich nicht selber lobte. Die Bauernweiber gaben ihm Kessel und Küchengeschirr aller Art zu flicken und zu löthen; Niemand war geschickter, alten Plunder in neuen zu verwandeln. Sein Karren ward einmal ums andere leer und wiedergefüllt; denn er besuchte auch die Jahrmärkte. Der Karren mußte endlich zum Wägelein werden mit einem grauen Eselein davor. Da nannte man ihn nicht mehr den fröhlichen Kesselflicker, sondern den fröhlichen Krämer. Er war aller Orten gern gesehen und Vielen willkommen.

Trotz gutem Erwerb und Verdienst lebte jedoch der Krämer so armselig, wie der verlumpteste Kesselflicker. Sommers hielt er sein kärgliches Mahl unter freiem Himmel. Oft genügten Wasser und Brod zur Nahrung; eine Scheune, ein Stall zur Schlafstätte. Niemand wußte, wo er das Geld ließ. Dennoch gediehen Vater und Sohn in ihrem Landstreicherleben wunderbar. Der kleine Jonas, in allem Wetter abgehärtet, blühete wie eine Rose; schlecht genug gekleidet, doch dabei äußerst reinlich gehalten, glich er zwar einem Betteljungen. Aber Almosen zu fordern, oder zu nehmen, verbot ihm der Alte mit großer Strenge. Fast täglich mußt' er das Sprüchlein hersagen, oder anhören:

Bettelbrod führt in den Koth;
Diebesbrod zum Galgentod;
Arbeit hilft aus aller Noth;
Denn die Arbeit segnet Gott.

»Aber ich bin ja noch klein, Vater,« bemerkte der Bube eines Tages zu diesem Spruch: »Was soll ich denn arbeiten? Und du bleibst ja doch arm, bei aller Arbeit; und der liebe Gott macht nur die vornehmen Leute reich, die nichts schaffen. Ist das ganz recht?«

Thaddäus verwunderte sich über die erwachende Weisheit seines Sohnes und war fast um die Antwort verlegen. Doch sagte er: »Ganz recht, vollkommen recht! Du bist ein einfältiger Bube. Der liebe Gott hat darum Reich und Arm gemacht, daß Einer dem Andern diene; der Eine mit Geld diene, der Andere mir Arbeit. Wären alle Menschen reich, so würden ja alle gleich arm sein. Jeder müßte sich seine Schuhe selber machen, und seine Hosen selber flicken. Begreifst du das?«

Jonas erwiederte lachend: »Das wäre doch lustig, Vater. Nur, denk' ich, der liebe Gott sollte nicht dem Einen Alles und dem Andern Nichts geben.«

»Du verstehst das nicht!« widerlegte ihn der Vater: »Eigentlich gibt Gott den Menschen nichts; er leiht und borgt ihnen nur für die Lebenszeit. Wenn sie sterben, müssen sie Alles wieder herausgeben. Dann liegt der König im Grabe, so nackt und mausekahl, wie der Bettler da. Aber ihre Seelen müssen dann Rechenschaft ablegen, und werden von Gott gefragt, wie sie mit dem Viel oder Wenig, das er ihnen auf Erden geliehen, zum Wohl und Besten ihrer Mitmenschen gehauset haben? Wehe dem, der seine Kräfte, seinen Verstand, sein Geld nur für sich allein benutzte, und wenig oder nichts für das Glück Anderer verwendete! Da wird dann, in einem künftigen Leben, wer hier der Reichste war, oft der Aermste sein, und der Elendeste hier, dort der Herrlichste vor Gott. Verstehst du mich?«

Der Knabe nickte mit dem Kopf; entgegnete aber wieder: »Was soll denn aus mir vor dem lieben Gott werden? Ich bin noch zu klein, habe nichts zu erwerben und nichts zu verwenden.«

Vater Thaddäus lachte, blieb jedoch die Antwort nicht schuldig. »Siehst du das Rothkehlchen da, mit dem Strohhalm im Schnabel? Es ist viel kleiner, denn du, und arbeitet dennoch und baut seinen Jungen ein Nest. Siehst du die Sperlinge dort auf der Straße, wie sie suchen und picken? Hörst du den Specht im Walde, wie er mit dem Schnabel in die Baumrinde hackt und hämmert? Geh', arbeite für Nahrung und suche, wie diese.«

Jonas kratzte sich hinter die Ohren und fragte beinahe weinend: »Ich will wohl, Vater, aber wo denn? und was auch?«

»Hörst du Bursch! Wir sind noch im Frühjahr. Suche Schlehen- und Hollunderblüthen, Rosen- und Salbei-Blätter, Majoran, Seidelbast und Thymian, wo du kannst und darfst. Die verkaufen wir den Apothekern. Sammle im Sommer Erd- und Heidel-, Brom- und Himbeeren; die vertrage in die Häuser. Das gibt Geld. Für den Winter sammeln und dörren wir Waldhaar für Sattler und Tapezierer; Weidenruthen zum Korb- und Tellerflechten. Es fallen vom Tische des lieben Gottes für uns tausend Brosamen; die wollen wir auflesen. Das gibt dir Käs aufs Brod und ein Stückchen Fleisch zu den Kartoffeln. Nur angefangen! Ich schaffe dir ein leichtes Kärrlein, und Zubehör.«

Der Alte hatte das nicht in den Wind gesprochen. Jonas war ein flinkes, verständiges Bübchen. Die Nutzanwendung folgte der Predigt sogleich. Der Kleine war den ganzen Tag unermüdet auf den Beinen und es ging mit seinem Geschäft nicht gar übel. Denn wo irgend er bei guten Leuten, zu Stadt und Land, mit seinem beladenen Schiebkarren vorfuhr, sah man ihm freundlich ins freundliche Gesicht, und kaufte ihm ab, oft mehr seiner selbst, als der Waare willen. Zuweilen schenkte man ihm noch ein paar Kreuzer, oder abgelegte Kleider dazu, weil er recht schmeichelhaft höflich sein konnte, und weil man seine altklugen Antworten, oder kindlichen Fragen gern hörte.

Freilich war's nicht zu vermeiden; er mußte nicht selten viele Tage, vom Vater getrennt, in der Weite umherziehen, und sich durchhelfen, wie er konnte. Doch auch das that ihm gut. Er lernte dabei auf eigenen Füßen stehen und sich gegen Fremde umsichtig benehmen. Und dies freie Umherfahren und Schaffen ward für ihn bald das angenehmste Leben von der Welt. Aber sein größter Festtag war immer, wenn er wieder zum Vater kam. Tag und Ort des Zusammentreffens wußte er jedesmal voraus. Wenn er dann seine kleinen Abenteuer erzählen, die vom Verkauf gelöseten Kreuzer, sogar halbe Guldenstücke vorlegen konnte, und der Vater ihm die Wangen streichelte und ihm gütlich that, hätt' er mit keinem Prinzen in der Welt tauschen mögen.

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