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Meister Johann Dietz erzählt sein Leben

Johann Dietz: Meister Johann Dietz erzählt sein Leben - Kapitel 9
Quellenangabe
typeautobio
authorJohann Dietz
titleMeister Johann Dietz erzählt sein Leben
publisherWilhelm Langewiesche-Brandt
seriesLebensdokumente vergangener Jahrhunderte
printrunErstes bis zweiundzwanzigstes Tausend
editorDr. Ernst Consentius
year1915
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created200804156
projectid266cdf08
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Meine Wiederfortreise aus Halle

Ich hatte eine Muhme in Merseburg, die Frau Steuer-Sekretarien, welche zu Hofe wohl dran ware. Selbige rekommandieret mich bei dem Herzog und Herzogin. Zugleich hatte sie mit vorgeben: ich könnte ihr Kammermädgen, welches sie sehr lieb hatten, und bereits dreißig Jahr, aber wohl auf dreitausend Thaler zusammengebracht, heiraten.

Die Station war, alle Jahr zweihundert Thaler, ein Frei-Brauen, zwei Klaftern Holz, freie Wohnung und eine Frei-Barbierstube in Merseburg unter dem Prädikat als Hof- und Reise-Barbier. Denn ihren Hofbarbier, den alten Krantzen, wollten sie nicht abschaffen.

Ich nahm also diese Kondition an und kam nach Hofe. Ich muß gestehen, daß mich die Herrschaft und alle lieb und wert hielten.

Merseburg. – Ausschnit nach Martini Zeilleri »Topographia« (Frankfurt a. M. bei Matth. Merian 1650)

Aber der alte Hofbarbier sahe mich nicht gerne und hatte die Geheimbten Räthe, als Brandtstein und Bünau, so viel zu sagen hatten, auf seiner Seite. Welche auch durchaus verhinderten, wie oft der Herzog und HerzoginHerzog Christian d. Ältere (geb. 1615, gest. 1691), ein Sohn des Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen, wurde 1653 Administrator des Hochstifts Merseburg. Nach dem Tode seines Vaters (1656) erhielt er außer Merseburg die Niederlausitz, sowie die Städte und Ämter Delitzsch, Zörbig, Bitterfeld, Dobrilugk und Finsterwalde. Er war der Stifter der Linie Sachsen-Merseburg, die 1738 erlosch, von seinen elf Kindern überlebten ihn vier, darunter sein Sohn Herzog Christian der Jüngere (geb. 1653, gest. 1694). Christian d. Jüngere hatte sieben Kinder, von denen ihn nur zwei überlebten. Am Hofe Christians d. J. hielt sich Dietz auf. ihn'n befohlen, meine Bestallung auszufertigen. Aber es geschahe nicht. Und durften sie mir expresse unter die Augen sagen: ich kriegte es nicht; denn der Herzog habe so Leute gnug und dürfe keine neue Bestallung machen. – Ich dachte bei mir: »So sind Fürsten und Herren auch ihrer Diener und Räthe Sklaven und können nicht thun, was sie wollen.«

Dieses sagte ich dem Herzog und der Herzogin wieder, welche sehr eiferten und es nochmals ernstlich befehlen ließen. Aber es wurd nichts draus.

Indessen lief ein Jahr hin und ich sollte meinem Kammermädgen, welche mir alle ersinnliche Liebe und Wohlthat erwies, Versprechung thun, sie zu heiraten. Denn würde sich schon alles geben! – Ich sagte aber: »Nein; wann ich nicht schwarz auf weiß und des Fürstens Kammerverschreibung bekomme, verspreche ich mich gar nicht. Denn, wann es nicht gewiß wird, wie es scheinet, kann ich mich hinwenden, wo ich mein Glück finde, was würde ihr damit geholfen sein, wann ich eine Frau, und sie einen Mann ohn Brot und Subsistenz hätte?« – 5ie wollte aber nichts davon hören. Stellete immer Gastgebot und Reisen auf die fürstlichen Güter mit mir an. Aber ich nahm mich in acht.

Sie wußten alle am Hof, daß ich kein starker Trinker war; deshalb sie es so angestellet, mir immer weidlich zuzusaufen. Wie ich denn täglich bei dem Kammertisch oder bei dem Frauenzimmer speisete und ihn'n allen allerhand auf gut hallische, deutsche Mode Kurzweil machte, von alten Geschichten redete, endlich gar einen Zigeuner abgab und ihnen die gute Wahrheit unter einer Manier sagte. Einiges eintraf. Daher sie alle die Wahrheit wissen wollten. Und bringen es auch gar vor die Herzogin, daß ich allen, auch denen beiden Prinzen, in die Hand und Gesicht die zukünftigen Fälle gesaget.

Die Herzogin ließ mich bald rufen umb dieses. Da bedachte ich erst die Thorheit und den Scherz, welcher mir gereuete.

Die Fürstin fragte gleich mit ernstlicher Miene: »Dietz, ihr habt ja meinen Prinzen in die Hand wahrgesaget. Ich will es wissen etc.« – Ich sagte: »Ihro Durchlaucht, es ist nur Scherz gewesen.« – »Was? sagte sie, mit fürstlichen Prinzen muß man nicht Scherz treiben; sagt, was ist's? etc.« – Ich sagte: »Ich sehe wohl, daß die Prinzen schwacher Konstitution und viel Anstoß haben würden«, und dergleichen. – Aber sie wollte alles wissen, was gesaget. – Doch ich entschuldigte mich, so gut ich konnte: man müßte nicht darauf bauen; denn es nur mit der Chiromantie bloßes Mutmaßen und keine Gewißheit sei.

Aber es ist nachgehends wohl eingetroffen, wie ich gesaget hatte.

Es war eine Sängerin, die spielete zugleich auf der Laute, eines Sprachmeisters Tochter, am Hof, welche der Herzog liebte. Von welcher, wenn's erlaubt wäre, und hier mein Werk, eine ganze RomaineRomaine »seynd allerhand verliebte Geschichte und Erzehlungen derer Götter, Helden, hohen Standes- auch anderer Personen mit allerhand heimlichen und wundernswürdigen Liebes-Intriguen angefüllet, entweder ertichtet, oder wahrhafftig, übersetzet oder selbst ausgefertiget, worinnen das Frauenzimmer zu ihrer Gemüths Ergötzung und Auspolirung der recht reinen und Hochteutschen Sprache zu lesen pfleget. Man findet deren von unzehliger Menge, die neuesten sind des Herrn von Lohensteins, des von Ziegler, der Madm. Scudery, Talanders, Menantes u. a. m.« könnte gemacht werden. Selbige hatte mich gern umb und bei sich; jedoch durften wir's nicht merken lassen, sonst wäre ich in Ungnaden gekommen.

Inzwischen verlief immer eine Zeit nach der andern und aus meiner Bestallung wurde nichts (ob ich's gleich dem Herzog etliche mal klagte), bis sie mich einmal, aus Anstiftung, mit dem Weintrunk und Gesundheiten dazu kriegeten. Ich entschuldigte mich: ich könne nicht, und würde ein'n Exceß begehen. – Aber es half nichts, bis ich mir, salvo honore, übergab und totkrank weggetragen wurde ins Mädgens Zimmer. Da legten sie mich in ihre Betten die Nacht. Aber es wurd nicht besser und mußte mich von Hof begeben bei meine Frau Muhme. Da speiete ich etliche Tage Blut. Und die Herzogin hielt mir ihren Medicum vierzehen Tage.

Weil ich nun das Hofleben überdrüssig und keine Gewißheit bekam, resolvierete ich: die von Leipzig mir zugesandte Rekommandation, da ich alle Jahr zweihundert Thaler und mehr verdienen konnte, anzunehmen.

Ich setzte mich demnach stille auf ein gemiethet Pferd und ritte immer nach Leipzig zu.

Ich war kaum fünf Tage bei meinem Herrn gewesen, so kam der Kammerdiener Nester vom Fürsten, schalt mich und sagte: worum ich heimlich von Hofe gegangen? Der Herzog wäre sehr ungnädig und wollte durchaus: ich sollte wieder nüber. – Allein ich sagte ihm alles mein Anliegen, und daß ich's zu keiner Bestallung bringen könne. – Er sagte: man müsse keinen Fürsten forcieren; es würde geschehen. – Doch wollte ich nicht trauen.

Da sendete der Herzog einen Reitenden mit einem Brief an'n Rath: mich bis weitere Ordre in Arrest zu nehmen! – Worauf der Bürgermeister Steger, welchen ich zu barbieren hatte, zu meinem Herrn schickte: was das vor ein Geselle wäre? – Mein Herr war selbst bei ihn und saget's: »Der Sie barbierete.« – Da mußte ich zu ihm kommen. – Er fragete: was ich mit dem Fürsten von Merseburg zu thun?

Ansicht von Leipzig. – Nach Pet. Schenk's »Hecatompolis« (1702)

Da habe ich selbigem die ganze Jache erzählet, und daß mit dieser Kondition ich nach Hof' gekommen, und die Person dergestalt heiraten gewollt. Weil aber der Herzog solches nicht bewerkstelliget, hätte ich, als ein junger Mensch, meine fortune weiter suchen müssen. – Der Herr Burgermeister billigte meine Sache und sagte: wann der Herzog mir aber sein Versprechen hielt', ob ich wieder nüber wollte? – »Ja, sagte ich, sobald die Versichrung kombt, will ich wieder nüber.« – Damit war er zufrieden und wollte nomine senatus dem Herzog antworten lassen. Er warnete mich aber: nicht vors Thor, oder an die Grenze zu kommen; hier sollte mir niemand was thun.

Also war ich in Leipzig zwei Jahr. Erstlich ein Jahr bei Herrn Bacherten und ein Jahr bei Herrn Schneidern.

Nachdem wollte mir Herr Bachert eine Barbierstube, Wagners, helfen kaufen und mir vielleicht eine von seinen Töchtern geben. Denn er sagte vielmals: wäre Schade, wenn ich in einen klein'n Ort sollte kommen. – Aber, es zerschlug sich; weil sie sehr teuer.

Denn nahm ich ein Rekommandation-Schreiben aus Breslau, bei Herrn Wetzeln [Welzel?] auf der Schweinschen [Schweidnitzer] Gasse an, als wohin ich mit der Botenkutsche fuhr. Ich hatte da auch schönen Verdienst und machte Parücken dabei.

Es war an der Ohlau. Des Abends satzte ich mich ans Wasser mit meiner Guitarr, oder Violin, und brachte dadurch schlesiger Jungfern ziemlich zusammen, auf ein freundlich Gespräch. Wie ich denn eine reiche Kretschmers- oder Bierbrauers-Tochter mit der Eltern willen, bei welchen ich wohlstund und alles Gutes genoß, heiraten wollte. Da es aber zum treffen kam, hatte sich das Fell schon verkauft. Dies verdroß mich sehr, daß ich auch keine Lust mehr zu bleiben hatte. Da inzwischen ich gleichwohl meine alte Liebste vom ungrischen Marsch vor Breslau besuchte, aber sie schon verheiratet befand.

Die Stadt Leipzig. – Nach: »Tooneel der vermaarste Koopsteden en Handelsplaatsen« (Amsterdam 1682 bei Johann Janssonius' Erben).

Breslau ist sonst ein schöner Ort; und viel zu sehen von Katholiken, ihre Klöster, Prozessionen, Messen, heilige Grab, allerhand Komödien von Christi Geburt und Sterben, wie sich da die Leut geißlen und mit dem Kreuz schleppen ec. Aber, große Verführung vor junge Leute von Weibesmenschen! – Denn da mich mein Landesmann von Dölitz gerade Hand mitnahm in ein Weinhaus oben, waren zwei Weibesstück mit ihrer Mutter, so gut mittranken und -aßen, was wir vors Geld holen ließen. Kam in der Nacht ein großer Lärmen an die Thür, und wollten die Thür aufschlagen. Die Menscher sahen nunter und fragten: was sie wollten? – Sie schrieen: »Macht auf, oder wir schlagen die Thür ein; es sind zwei Kerl oben, die müssen wir haben!« – Das Mensch, erschrocken, sagte: »Die ganze Wache ist da, mir müssen aufmachen.« – Da war uns beiden angst. Und verkrochen uns zu oberst aufm Boden unter große Fässer. – Sie kamen rein, durchsuchten alles, fanden uns aber zum großen Glücke nicht. Denn wir hätten müssen bei der großen Werbung Soldaten werden.

Ein andres Mal wurde ich wieder verführet von sieben Barbiergesellen. Denn sie hingen alle an mir, wie die Kletten, und waren teils bekannt, weil ich ihnen in Leipzig collegia chirurgica deutsch gelesen. Und meine sonderliche philosophiam vor mich, hatte ich ihnen bekannt gemacht. Nämlich: daß die Komplexionen bei einem Menschen nichts hießen, oder nicht vollkommen statuieret werden können; hingegen aber nach dem theophrastischen und andern principiis von Salz, Schwefel und mercurio,Theophrastisches Prinzip; vgl. Paracessus ›Bücher und Schrifften‹, Basel 1589-91 z. B. 5. Teil S. 142: »Der ganz Leib, das ist, all Cörper der Welt, so je und je gsein sind, und biß an den leisten werden, seind in drey ding gesetzt, Sal, Mercurium und Sulphur ...« da alles in der ganzen Welt von zusammengesetzet, ja der allmächtige GOtt selbst in drei Personen verherrlichet wird, also auch der Mensch nebenst Geist, Seele und Leib, aus sulphur und mercurius bestehe, darum viel gewisser und profitabler, des Menschen Geblüt, Leben, Gesundheit, Wunden, Krankheit und Tod daraus herzuleiten, wie die Erfahrnheit, durch die chymia, solches klar bezeige ec.

Rathaus und Markt in Breslau vom Kornmarkt aus gesehen. – Nach einer gestochenen Zeichnung von Friedrich Bernhard Werner (um 1730).

Ich brachte ihnen auch meine andere philosophiam bei. Nämlich: daß die Universal-Heil-Kur der Menschen hauptsächlich in denen vegetabilibus, Kräutern, Gewächs und Bäumen verborgen; weil selbige mit dem menschlichen Leib und Geblüt konform. Die mineralia aber selbigen zu hart, storrig, korrosivisch und mehrenteils gefährlich und tötlich, wenn sie von denen Unerfahrnen gemacht: ja, wenn sie auch noch so wohl präparieret, dennoch bedenklich wären und etwas Schlimmes hinter sich ließen. Ich machte ihnen weitläuftig das Argument, daß unsere ersten Eltern, Adam und Eva, von einem Baum die Sünde in das ganze menschliche Geschlecht gebracht. Von der Sünde käm der Tod und alle Krankheiten des Menschen, nach der Schrift. Nun Christus, unser Heil und Seeligkeit, als der rechte Samariter und Arzt zu helfen, habe nach der ewigen Vorsehung GOttes am Holz des Kreuzes müssen leiden und sterben, uns dadurch wiedrum von den Sündenwunden zu heilen, auch so viel Kraft und Vermögen in die Bäume, Wurzeln und Kräuter geleget, daß ich dafür halte: Wann wir die erstre Erkenntnis vor dem Fall noch hätten (und nicht verloren), die Kräuter, Blumen und Stauden in ihrer rechten Zeit und Stunde zu kolligieren, wir würden damit große miracula, erweisen. Wie man teils itzo noch an einigen, ungelehrten Leuten mit höchster Verwunderung siehet, was sie thun.

Wie ich denn selbst augenscheinlich gesehen und per sympathiam et antipathiam einige Kräuter und Bäume probieret und viel Wunder damit ausgerichtet; wär zu berichten, wenn es die Zeit und Raum wollte leiden. Wie aber das zugehe, und wie sie würken, ist über meinen Horizont. Vermutlich aber geschiehet solches durch die abwechselnde particulae.

Obig gemeldte Barbiergesellen führeten mich auf ein Dorf, Alt-Scheitnig genannt, in den Kretscham, oder Wirtshaus, da es lustig mit Tanzen und Musik mit unzähligen Handwerksburschen zuging.

Wir tranken und essen im Kabinett mit Frieden. Als sie aber das Bier in die Köpfe bekamen, so wollten sie auch tanzen. Insonderheit hatten wir einen Barbiergesellen bei uns, welcher im Tanzen informierete. Diesen regeten sie an: sich auch sehen zu lassen.

Sobald er angefangen, seinen Franz-Tanz zu thun, stunden zwar erstlich die andern alle stille und sahen mit Verwundrung, wie er seine Sprünge that, eine Weile zu. Es war ihn'n aber zu lang worden. Deswegen sie unsers Tänzers Jungfer ein Bein stelleten. Da ging der Lärmen und Schlägerei in einem Augenblick an, und fuhr alles über- und durcheinander.

Doch der Wirt und seine Bauren machten Friede, und wir behielten den Platz; weil der Wirt einen guten Kunden an uns hatte.

Als es begunnte dämmrig zu werden, machten wir uns auch auf die Heimfahrt. Wir mußten über einen langen Damm, auf beiden Seiten mit der Oder und Ohlau umbgeben.

Rathaus und Markt in Breslau vom Heumarkt aus gesehen – Nach einer gestochenen Zeichnung von Friedrich Bernhard Werner (um 1730).

Dafür hatten sich die Bursche gelagert und laureten auf uns. Sobald wir ankamen, sprungen sie uns entgegen mit Degen, Prügel und Stangen. Endlich sollte sich Mann für Mann schlagen. Und steckte mir einer gleich den bloßen Degen in die Erde vor die Nase. Mit andern ging es auch so. Ehe wir's uns aber versahen, schmissen sie von hinten mit Knüttel und Prügeln drein, daß niemand wußte, wer Koch oder Kellner war. Jeder wehrete sich seiner Haut, so gut er konnte. Ein Soldat hieb mich mit einem Säbel zweimal übern Kopf, wie noch zu sehen, daß mir das Blut häufig übers Gesicht lief. Einen Badergesellen stach ich hingegen hinten durch die Backen. Einige wurden gehauen und gestochen. Einen von uns, mit seinem schönen, neuen Kleid, wurfen sie ins Wasser. Summa: es war ein greulich Blutbad, und waren fast alle verwundt. Da schrieen die Weiber und Kinder und alles, bis das Geschrei in die Stadt kam. Da schickte der Rath fast eine Kompagnie Soldaten und nahm alles in Arrest.

wir aber hatten uns mit zwei Kähnen auf den Thum, über die Oder, retirieret, auf meinen Rat. Legten uns ins Wirtshaus, verbanden uns unsere Wunden, speiseten und trunken, ließen uns nichts anfechten. Der Ausgesandte brachte uns die Nachricht, daß jene alle aufs Hey und in die Gefängnis geleget wären.

Unsere Herrn waren verlegen und schickten einen Boten über den andern: wir sollten heimkommen.

Allein, da war kein Trauen, bis der Schützentag anging, da zu diesem Thor ein grausamer Tumult, wie in Lübeck bei dem Schießen, war. Da drungen wir mit zum Thor hinein, wurden aber übel von unsern Herrn empfangen.

Doch schützten wir uns damit bei dem Rath, welcher uns auch wollte holen lassen, daß wir einen Advokaten annahmen; vorstelleten: wie uns jene geweglauret und angefallen. – Jene mußten alle Kaution machen, wollten sie los, und die Sache kam zum weitläuftigen Prozeß, worüber ich noch davongereiset.

Ich satzte mich mit meinem Kuffer auf einen Breslauer Kahn und fuhr auf der Oder durch die Schlesien nach Berlin. Unterwegens hatte ich auch Lebensgefahr, beim in der Oder baden. Wann ich nicht so gut schwimmen gekonnt, wäre es geschehen! – Unterwegens nahmen wir Bier auf und hatten Musikanten bis Berlin.

In Berlin legte ich mich in ein Wirtshaus in der Grünstraß bei die Frau Grünauen, so noch eine Tochter zu Hause hatte, so gar ekel und ihr kein Mann gut gnug,deshalb sie auch wohl dreißig Jahr erreichet hatte. Doch weil ich sie karessierte und ihr alle Ehrenbezeigung that, galte ich gar viel bei ihr und ihrer Mutter. Insonderheit, weil ich sie beide am Fieber kurierete. Deshalb ich in kurzem in großen Beruf kam, und täglich viel Leute Arznei bei mir holeten, auch mich: »Herr Dokter!« hießen. Ja, ich mußte Urin, salvo honore, besehen, und schwatzte den Leuten so viel vor, bis etwas eintraf, vor Geld. Des Morgens, ehe ich aufstund, waren schon drei bis vier Leute auf mich wartend. Und verdienete ich soviel Geld, als ich je gebrauchte. – Ich hatte die Gnade, daß ich zunächst der Kammer und Bette schlief, da die Jungfer und ihre Mutter lag, welche mir noch zur Dankbarkeit wegen der Kur einen schönen goldenen Ring, einen Wachsstock und silbernen, großen Löffel, so ich noch habe, schenketen.

Es logierten die Holländer und Hamburger Kaufleute da und speiseten da, mit welchen ich braschen oder schwatzen konnte. Deshalb über Tisch ihnen vorschneiden und sie accommodieren mußte; weil kein Wirt da war, und sie mich dafür hielten. Deshalb ich alles frei hatte.

Einsmals speisete ein Frauenzimmer mit der schwarzen Florkapp über Tisch mit, die ich nicht kannte. Die Jungfer und ihre Frau Mutter lachten immer. Ich wußte nicht: was das hieß?

Nach Essens aber entdeckte sich die Person, und es war meine alte Liebste aus Spandau. Ich erschrak über sie; wußte nicht, was das bedeute? – Da sagte sie: sie hätte erfahren, daß ich da sei; aus Verlangen, mich wiederzusehen, wäre sie herkommen, weil sie ohndem Freunde wären. – Ich ließ mir es gefallen, bezeigete ihr alle Ehre, fragte sie: wie ihr's ginge? – »Wohl, sagte sie, ich habe Herrn Eberlein und drei Kinder mit ihm«. – Deß erfreuete ich mich. – Sie blieb des Nachtes da bei der Jungfer, und des Morgens reisete sie wieder nach Spandau. Und habe ich sie nie wieder gesehen.

Mittlerweile kam mein Vater nach Berlin zu mir und gab den Rat (weil doch zu Hofe so manches erlanget und praktizieret würde), ob es nicht anginge: eine Frei-Hofbarbierstube in Halle vor mich zu erhalten. Er hätte ja so manches bei dem Herrn Geheimbten Rath Fuchs durchgebracht.

Ich ließ mir's gefallen. Und ließ er bei Herrn Katschen, welcher damals noch ein schlechter Advokat war, nachgehends aber der vornehmbste Geheimbte Rath wurde, ein Supplikat verfertigen. Damit wanderten wir fort, beim Geheimbten Rath Fuchs.

Als er aber, gleich zugegen, unser Anbringen hörete, fuhr er uns greulich an: »Ei, was? sagte er, die Leute in Halle haben eine privilegierte Innung. Man kann ihn'n nichts nehmen und andern geben. Ihr seid ein junger Mensch, könnt euch noch was versuchen.« – Da half kein Remonstrieren. Wir mußten wieder fortgehen, wie die Katze von'n Taubenschlag. Das war recht. Wollte GOtt, es wäre noch so ec. – Da war unser Muth weggefallen. Und mein Vater reisete wieder nach Hause.

Es könnte sein, daß der Herr Geheimbte Rath, oder ein anderer, mich bei Ihro Durchläuchten dem Herrn-Meister in Sonnenburg, unsers Königes Herrn Bruder,Zum Herrn-Meister des Johanniterordens in Sonnenburg wurde am 22. Februar 1693 Karl Philipp, Markgraf zu Brandenburg (geb. 1673, gest. 1695 in Turin) gewählt. Karl Philipp stammte, wie die Markgrafen Albrecht und Christian Ludwig, aus der zweiten Ehe des Großen Kurfürsten mit der Herzogin Dorothea von Holstein-Glücksburg. Über Karl Philipps fernere Schicksale vgl. Julius Friedländer »Markgraf Karl Philipp v. Brandenburg u. die Gräfin Salmour« (Berlin 1881). vorgeschlagen. Gnung, der Herr Schmieling, welcher sein Kammerdiener und gerne weg wollte, ließ mich zu sich rufen und trug mir die Kondition an, so ich nicht ausschlagen wollte, sondern reisete mit ihm.

Sonnenburg – Nach Martini Zeilleri »Topographia« (Frankfurt a. M. bei Matth. Merian's Erben 1652).

Und da kam ich an'n zweiten Hof. Ich wartet dem Herrn auf und machte mein unterthänigstes Kompliment und so war es gut. Ich hatte täglich meine Aufwartung, Essen und Trinken und alles vollauf. Des Mittages speiseten wir umb drei, vier Uhr; des Nachts umb zwölf, ein Uhr; legten uns abends vor Müdigkeit in des Herrn Wolfes-Pelz oder sonst wohin, wo wir konnten, wie die Schweine. Und stunden auch des Morgens also ungebetet wieder auf. Und dann in die Küche und zum Keller. Bisweilen gingen wir auf die Jaged. So ging es alle Tage.

Einsmals kamen die Bauren und beschwereten sich über einen großen Bär, welcher ihn'n die Bienstöcke und Kälber, Hühner, Gänse und dergleichen holete.

Die Bauren mußten fort, uns die Spur zu zeigen. Da war'n Herr Markgraf Albrecht und Christian Ludwig mit dabei, welche sich ein groß Pläsier da machten. Wir funden endlich den Bär im Bruch liegen, mitten im Wasser.

Wir machten Kähne zusammen und brachten die Hunde nüber. Aber der Bär ließ keinen an sich (bis man ihm Feuer gnung auf den Puckel warf), nach welchen er mit den Zähnen biß und sie wegschlug, endlich aber herauskam und ins Wasser plumpte. Da waren sie über ihm her, wohl zwei Stunden, bis sie's müde wurden. Da schoßen sie ihm durch den Kopf, zumal er sie alle mit dem Kahn umbgeworfen hatte. Da war die Komödie aus.

Die Bauren aber mußten den Bär vors Königes Küche zum Weihnachtsbraten bringen.

Der ganze Hof wurd krank am Durchfall. Da mußte ich meine Probe thun. Es starb mir aber nicht einer. Erstlich gab ich ihn'n eine dosis rhabarbara und hernach mußten sie viel warmen Thee trinken etc. etc.

Weil nun der Markgraf Schmielingen nicht wollte weglassen, zwei Kammerdiener, oder ich, ihm kein Nutze war (zumal ich nicht mit nach Italien wollte), so ließ er mir gnädig vorschlagen: in seinen Städten einer hinter Küstrin Freiheit zu nehmen und zu wohnen, wo ich wollte. – Aber ich bedankte mich und bat nur umb gnädige Rekommandation an Ihro Kurfürstliche Durchlaucht, in Halle eine Hof-Barbierstube mir zu konzedieren. – So auch geschahe. Damit reisete ich wieder nach Berlin zu.

Ich verfertigte mir selbst ein Supplikat, so gut ich konnte, weil ich keinem Prokurator mehr trauen wollte. Denn sie mich und meinen Vater umb manchen Dukaten und Gulden geschwänzet und lauter Wind dafür gemacht, so jedem zur Warnung hersetze.

Es deuchte mich solches Supplikat ziemlich wohlgeraten zu sein. Ich wartete dem Herrn Geheimbten Rath Eberhard von Danckelmann auf, da er von Hofe kam und etwas widriges begegnet sein mußte, wie es denn solchen Herrn oft gehet. Ich überreichte ihm das Supplikat, als er aus der Kutsche trat, und ich warten sollte, bis er mich gefraget; denn das ist gebräuchlich. So bekam ich auch vor dies versehen meinen decem; denn er fuhr mich grausam an und stoßete mich zurück, daß ich gerne die Supplik wieder aufhube und betrübet nach Hause ginge.

Ich klagte solches meinem alten, bekannten Freunde, Herrn Pechtolten. Der tröstet mich und sagte: es widerfuhr mir nicht allein, deswegen wäre es nicht verlorend; der Baum fiel nicht auf einen Hieb; er wollte mir aber den Rat geben, ich sollte indeß, die Sache abzuwarten, drei Kompagnieen von seiner Schwiegermutter vor die Belohnung besorgen; es würde sich indeß weisen. – War gewiß ein guter Rat, wie erfolget.

Küstrin – Nach Martini Zeilleri »Topographia« (Frankfurt a. M. bei Matth. Merian's Erben 1652).

Und bekam ich bei dieser Bedienung unterschiedene Gelegenheiten und vornehme Kuren, so mich rekommandiereten. Insonderheit den Herrn von Canitz, welchen an gefährlichem Augenschaden, den Kommandant Hacken an bösem Fuß und andere mehr kurierete. So mir alle unter ihrer Hand und Siegel attestiereten.

In specie wollte mir Herr Rath Horche, wegen seines Vaters, von welchem ich oft an ihn in die Schweiz schreiben müssen, item der Geheimbte Rath Krug wohl, welche immer bei dem Herrn von Danckelmann waren und mich eben zu der Zeit mit dem Supplikat bestellet hatten, weil sie da waren.

Es war wohl dreiviertel Jahr vergangen, da dies geschahe. Ich gab dem Diener einen Gulden und informierte ihn; das er auch gethan. Und da der Geheimbte Rath das Supplikat gelesen, fänget er überlaut an zu lachen. Diese zwei wollen nicht fragen; aber der Herr von Danckelmann saget selbst: »Der Mensch ist ein Feldscher hier, bittet umb eine Hof-Barbierstube in Halle und hat das Supplikat selbst gemacht.«

Diese beide sagten: daß sie mich wohl kenneten, ich hätte bereitest gute Erfahrung, und die Barbier in Halle hätten mich zu keiner Barbierstube lassen wollen, sondern wieder abgetrieben. – »Was? sagt der Herr, abgetrieben? Sagt ihm, er soll morgen neun Uhr vors Kurfürsten Gemach sein!«

Ach, wie konnte ich die Nacht so eifrig beten und war froh, daß's bald neun Uhr war, da ich mit vielen Leuten vors kurfürstliche Gemach stund.

Der höchstseelige König kam heraus mit dem Herrn von Danckelmann, gab allen Leuten Bescheid, mir aber sagte er: »Ihr sollt's haben, wie gebeten.« Der höchstseelige König sähe mich an, damit machte ich mein demütig Kompliment.

Prospekt der kurfürstlichen brandenburgischen Residenz in Cöln a. d. Spree – Nach einer Aquarell-Skizze a. d. J. 1690 von Johann Stridbeck d. Jüngeren (1665 – 1714). Original: Kgl. Bibliothek zu Berlin.

Ich fragte nach etlichen Tagen in der Lehens-Kanzlei nach. Aber es war noch nicht ausgefertiget. Nach etlichen Tagen sahe ich wieder zu. Da war es fertig und zwar so schön, als ich's selbst nicht verlanget: daß ich eine Barbierstube in Halle mit allen Recht und Gerechtigkeiten gleich denen andern und vorigen Hofbarbieren exercieren, Jungen lehren und Gesellen fördern sollte. – Dies Patent mußte ich vor dreizehen Thaler bezahlen und noch ein Reskript an'n Rath vor einen Thaler funfzehen Groschen, vermöge dessen alles Ernstes befohlen: mich dabei zu schützen und, meinem Selbst-Erbieten nach, aufm Rathaus, in pleno, mit Zufordern der Barbierer und zweier Doctores, examinieren zu lassen.

Damit nahm ich meinen Abschied und reisete just den Weihnachts-Heilig-Abend nach Halle. Gleich wie ich die Straße hinunter nach meinem Vater gehen wollte, trug man mir eine Leiche entgegen. Da ich fragete, erfuhr ich: daß es der Barbier Herr Watzlau wäre. Und hatte ich wenig drauf gedacht, daß das meine Frau werden sollte.

Ich kam zu meinem Vater ins Haus und war erstlich Freude. Sie wurden's aber bald satt, daß ich mich einmiethet' am Sau-Markt in der Banlrosen ihrem Haus, jährlich vor zweiunddreißig Thaler, vor eine Stube und Kammer soviel bezahlen mußte!

Indeß wohnete ich etliche Wochen bei dem Vater und sollicitierte fleißig beim Rath, das Examen vorzunehmen. Der Rath ließ die Barbierer wohl drei-, viermal dazu fordern. Aber sie kamen nicht. Und das war eine große faute von ihnen. Und wär besser gewesen, wann sie mich mit examinieret und solche Dinge gefraget, die ich nicht wohl beantworten können. Denn das ist möglich, daß einer so viel fragen, als zehn nicht beantworten können. Aber, es mußte sich alles so schicken, daß es in contumaciam ergehen mußte und die Herrn Doctores mir vortreffliche attesta vom examine gaben. Der ganze Rath war zugegen und ein jeder kuriös, zu hören – teils auf der Barbierer Seite, teils auf meiner Seite. Da sollte wohl mancher die Nase davon halten, ehe er durch diese Klippen ginge! Doch ich kam gut weg und hing meine Becken gleich aus.

Und, wie es denn zu gehen pfleget, hatte ich, als was Neues, großen Zulauf und mußte Gesellen und Jungen annehmen. War anno 1694.

Die Barbierinnung kriegete hierauf solchen scharfen Befehl, bei gänzlicher Kassation aller ihrer privilegiorum, wo sie mich turbieren oder nicht einnehmen wollten. Worauf sie mich zur Innung bitten und meine Session anweisen thäten.

Es war gleich zur Zeit, daß die hiesige Friedrichs-Universität inaugurieret wurde in Halle. Da wurd alles voll Volk, Studenten und Frembde, daß ich in einem Viertel-Jahr meine ganze Hausmiethe profitierte.

Es wurden vier Ehrenpforten, nach den vier Salzbrunnen, auf dem Markt erbauet; als felsenhoch darauf die Sonne, oder ein fliegend Pferd, oder Neptun und dergleichen. Darunter floß kontinuierlich, durch die Kunst, Wasser herab und stunden die preußischen Riesen auf jeden Seiten. Inwendig waren Chöre mit allerhand Instrumenten, Sängern und Pauken und Trompeten. Und war überaus prächtig anzusehen, als der liebe, höchstseelige König bei hellem Mittag einzog, da ein heller Stern erschien zu höchster Glorie des Königes. Es waren auch vier Weinbrunnen am Markt erbauet, herrlich! Daraus auf vier Stunden Wein lief und jeder trank, wer da konnte. Auch wurd Geld ausgeworfen; in summa: in Halle ging damals ein Licht und Freude auf in dem Herrn, und war kein Winkel in der Stadt, der nicht gesucht und bebauet worden. – Aber nun hat uns der Herr, wegen unserer übermachten Sünde betrübet und niedergeschlagen. GOtt erbarme sich's!

Kaum hatte ich mich mit meiner Haushaltung eingericht, da kam ein Donnerschlag übeler Sache vor mich aus Berlin. Nämlich: es hatten die Barbierer doch nicht geruhet und einen Eingang bei dem Herrn Geheimbten Rath Fuchs gefunden. Denn der Herr von Danckelmann ohnverschuldet in Ungnad gekommen war.

Da wurde ein Allergnädigstes Reskript versiegelt, nebenst der offnen Beilage, in meine Hände gebracht, des scharfen Befehls: ich sollte alsofort meine Becken einziehen, zuvörderst aber, præsitis præstandis, mich mit einer erblichen Barbierstube ankaufen und mich überall mit der Barbier-Innung vergleichen, widrigen Falls alles niederlegen.

»Mein GOtt, dachte ich, wie wird dir dein bischen Brot so schwer und sauer gemacht. Mancher Lumpenhund, der nichts versucht, als bei der Mutter fressen und saufen, und nur eine Pfeife Toback schmauchen lernen, fähret in sein Glück, wie der Bauer in die Stiebeln!«

Doch, was sollte ich machen? – Die Barbier hatten schon Nachricht davon. Und war's zu meinem Glück nicht ihnen, sondern mir insinuieret.

Ich war an Flüssen sehr krank und konnte aus keinem Auge sehen. Dennoch war kein ander Mittel, ich mußte selbst fort. Ich setzte mich auf die geschwinde Post. Es regnete und schneiete untereinander. Ich legte mich in meinem Mantel platt in die Post und ließ Tag und Nacht immer hinfahren.

Innerer Schloßhof der kurfürstlichen Residenz in Cöln a. d. Spree nach einer Aquarell-Skizze a. d. J. 1600 von Johann Stridbeck d. Jüngeren (1665 – 1714). Original: Kgl. Bibliothek zu Berlin.

Da stärkte mich GOtt wunderlich. Ich hatte Rekommandation vom Herrn Professor Gasserten; aber half so viel, als nichts; oder war mir vielmehr konträr und gab mir schlechten Trost.

Ich hin zum Geheimbten Rath von Fuchs. Aber der würzte mich schlecht ab, daß ich gern wieder fortlief. Ich ließ ein Supplikat machen. Aber die Vorstellung war auch umbsonst. Daß also alle Hoffnung verloren war! Ich flehete und seufzete zu GOtt, meine Hülfe, Trost und Rat, und der Herr erhörete mich von seinem heiligen Thron.

Denn, da ich des Morgens ausging, in die Krieges-Kanzlei, umb zu sehen, wie's stünde, ward ich berichtet: es wäre bereits ein hartes Dekret wieder mich abgefasset. – Ich gleich hin zu meinem Herrn Advokat, Herrn Katschen. Der sagte: wann er mir sollte einen Rat geben, wäre es dieser, daß ich hinausging auf des Herrn Geheimbten Rath von Fuchsen Gut nach Malchow. Da ließ er sich gut sprechen und wäre itzo draußen.

Ich machte mich auf den Weg, obwohl ich ihn nicht wußte und man vor Schnee und Wind kein Auge aufthun können. GOtt ist es bekannt, was auf diesem Weg vor Seufzen, ja Thränen geschahen. Es kame hinter mir eine Kutsche, auf welche ich mich vor Müdigkeit setzte und einschlief. Als ich von einem harten Stoß erwachte, sahe ich von fern ein Dorf und Schloß vor mir liegen, welches ich glaubte, Malchow zu sein.

Ich von der Kutsche querfeldein in'n Schnee. Zu meinem Glück stehet der Geheimbte Rath im Fenster; erkennt mich, daher gewatet kommen; befiehlet gleich seinem Diener, herunter zu gehen: was ich wolle?

Ich demütigte mich und bat, den Herrn Geheimbten Rath zu sprechen. Ich mußte hinauf zu ihm kommen. Da hätte man sehen sollen, wie demütig und bittseelig ich meine Sache vorstellete; wie sauer es mir geworden; was' mich gekostet; und wie mich die Barbier vertrieben und mir keine Barbierstube zukommen lassen wollen ec.

Der Geheimbte Rath sahe mich an; endlich sagte er: »Ja, wann ich die schon ergangen und naufgesandten Reskripte wieder zurück hätte, so könnte man euch doch helfen.« – Ich sagte mit großer Freudigkeit: »Hier sind sie, Ihro Excellenz«. Gab ihm den noch versiegelten Befehl in die Hand. – »Das ist euer Glück. Wo seid ihr dazu kommen?« – Ich sagte: »Es hat sich ohngefähr so zugetragen.« – »Nun, sagte er, kombt morgen, neun Uhr, an mein Haus, da sollt ihr eure Sache gut finden.« – Ich wünschete alles, was ich wußte mit Reverenzen.

Er befahl seinem Diener: mich gegenüber in sein Wirtshaus zu bringen und alimentieren zu lassen. Die Nacht wurde, nach Essen und Trinken, ohne Entgelt in ein schön Bett geleget.

Des Morgens war es besser Wetter, und ging ich mit vielen Freuden und Lobe GOttes wieder nach Berlin. Just umb neun Uhr war ich da.

Der Herr Geheimbte Rath hatte eben mit andern Leuten im Haus was zu thun. Da er mich sahe, kommittierte er gleich dem Geheimen Secretario meine Sache mit Kassation des Ergangenen und hartem Befehl: mich im geringsten nicht zu turbieren oder zu hindern, sondern bei dem Allergnädigsten Patente mich zu lassen. Das war wieder ein harter Donnerschlag vor die Barbier. Und wußten nicht, woher er kam! Hiemit ließen sie mich eine Weil ruhig sitzen.

Klosterstraße und Klosterkirche in Berlin. – Nach einer Aquarell-Skizze a.d.J. 1690 von Johann Stridbeck d. Jüngeren (1665 – 1714). Original: Kgl. Bibliothek zu Berlin.

Inmittelst hatte der Leipziger Barbier Straubel, welcher die Mansbergerische Witwe und Tochter bei sich hatte, (welcher die Barbierstube gehörete, so die Barbier mir vormals nicht lassen gewollt, und an Geißlern, ohne alles Recht, verkaufet und das Geld zu sich genommen) einen großen Prozeß angefangen und gewonnen, daß die Barbier, ohne die großen Prozeß-Kosten, dreihundert Thaler der Mansbergerischen Tochter vor ihre Barbierstube (so sie vermeinet, erloschen und vergessen zu sein) restituieren und Geißlern hernach eine neue Barbierstube mit großen Kosten konfirmieren lassen mußten. – Da kriegeten sie ihren ungetreuen Lohn vor mich bezahlt!

Es konnte sein, daß meinem Lehrherrn, der mich so sehr verfolgete, als er itzt an einer warm gegessenen Rotwurst sterben sollte, das Gewissen aufwachte. Denn er hatte immer gerufen: »Ach, wo ist Dietz, ach, wo ist Dietz? Laßt Dietzen kommen, daß ich ihm meine Barbierstube gebe.« – Aber, das war zu spät. Denn das wollte nun niemand hören, noch wegen ihres eigenen Intresses wissen. Summa: er starb und das Seine ist alles zerstreuet, daß seine Tochter itzt betteln gehen muß; wie vor Augen.

Weil die Leute sahen, daß ich Ruhe hatte und meine Barbierstube gut forttriebe, (denn zuvor hieß es: er muß wieder fort; wie es denn gehet, daß sich böse Leute über ander Unglück freuen!) da hatte ich Not mit freien. Denn bisher hatte ich über Jahr und Tag so Haus gehalten ohne Frau. Dahero sich allerhand Frauensvolk Gelegenheit machten.

Insonderheit lag mir die Frau Bäckermeister Lietzkau, als meine Pathe, sehr an: ich sollte die Frau Watzlauen heiraten. Ob sie wohl drei Kinder, hätte sie doch das schöne Haus, ihre Barbierstube, und wann ihr Vater stürbe, kriegte sie nach wohl zweitausend Thaler. Ich hörete alles dies mit kalten Ohren an und dachte weit höher hinaus. Denn ich wohl Rathsherrn-Töchter bekommen konnte.

In Eisleben wurde mir eines Schöffens Tochter, welche bei ihrem Vormund war, zu heiraten rekommandieret. Ich reisete dahin. Und da ich bei dem Herrn Vormund kam, welcher Wein schänkte, hatte ich gute Gelegenheit, ein Glas Wein zu fordern, welches mir die Jungfer holen mußte.

Da fand ich bald Gelegenheit, mit ihr zu reden und mein Anliegen zu verstehen zu geben. sie schlug's eben nicht aus und schob es auf ihren Vormund, Herrn Stadtrichter Graßhoffen, welcher endlich selbst hereinkam und sich zu mir setzte. Fragte mich: woher ich wär? – Ich verhielt ihm keine Sache, und daß ich von seiner Jungfer Pflegtochter gehöret und sie gerne sehen wollen, weil ich willens, zu heiraten. – Der Mann bedankte sich; und wollten sie die Sache miteinander überlegen. In vierzehen Tagen wollten sie nach Halle kommen, sich der Sache bei ihrem Freund, dem Sieber, erkunden und mich holen lassen. – Damit mußte ich vor diesmal hinreisen.

In vierzehen Tagen drauf kommen die Leute bei dem Sieber, welcher aber mir und meinen Eltern – ich weiß nicht, aus was vor Freundschaft – übele rekommandieret; daß sie gleich wieder fortreisen.

Dieser Sieber ward hernach der Unzucht mit Knaben beschuldiget. Welches ihm sein ganz Vermögen kostete; und starb.

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