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Meister Johann Dietz erzählt sein Leben

Johann Dietz: Meister Johann Dietz erzählt sein Leben - Kapitel 7
Quellenangabe
typeautobio
authorJohann Dietz
titleMeister Johann Dietz erzählt sein Leben
publisherWilhelm Langewiesche-Brandt
seriesLebensdokumente vergangener Jahrhunderte
printrunErstes bis zweiundzwanzigstes Tausend
editorDr. Ernst Consentius
year1915
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created200804156
projectid266cdf08
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Es ging in die elfte Wochen, daß wir da lagen; und war an keine Übergabe gedacht. Ich hatte selbige Zeit viel zu thun, wenig Ruhe und brachte die Stiefeln nicht Tages als Nachtes von'n Füßen. Dahero ich auch itzo das Zucken und Reißen, wann ander Wetter werden will, herleite.

Ehe sich ein Mensch vermutet, wurden von jedem Regiment und Kampagnieen, so wohl von Infanterie, als Kavallerie, sonderlich Granadierer, gewisse Mannschaften kommandieret, mit Pulver und Blei versehen, kriegeten auch Wein und Branntwein zu trinken. Daraus ich gewiß schloß: es ginge zum Hauptsturm. Welches auch geschahe.

Es war just umb ein Uhr bei hellem Wetter mittages, da die Türken pflegten zu schlafen oder zu essen. Und hatten sich's am wenigsten versehen, als die Unsern in der größten Stille, ohne einigen Schuß, die Bresche erstiegen. Und es van bayerischer Seite gleichso veranstaltet war.

Ich war auf einem Berge, nicht fern, auf dem Gesicht liegend, und konnte alles eigentlich mit ansehen. So bald die ersten Gewehr losgingen, da wurde Lärmen und ging alles über und über mit Stücken, Granaten und Steinwerfen, Schießen und Hauen; sogar die türkischen Weiber und Kinder, auch die Juden, derer viel darin waren, trugen zu und wehreten sich desperat auf der Bresche; also daß die Toten auf derselbigen über zwei Ellen übereinander lagen. Es half aber nichtes. Sie mußten daran glauben. Sie mochten nun sich wehren und schreien, wie sie wollten, die Stadt war erstiegen.

Da ward das Kind im Mutterleibe nicht geschonet. Alles, was angetroffen ward, mußte sterben. Wie ich denn mit Augen gesehen, als ich auch vom Berge über die Bresche in die Stadt gedrungen, daß Weiber dagelegen und die gelöseten Pistolen noch in der Hand haltend, teils bloße Säbel. So aber nackend ausgezogen, die Leiber mit Partisanen durchstochen, durch die Geburt; die Leiber aufgerissen, daß die noch nicht gebornen Kinder herausgefallen; welches mich am meisten gejammert.Die Erstürmung Ofens geschah am 2. Sept. (n. St.) 1686. Nackete Kinder von ein bis zwei Jahren aufgespießet und an die Mauren geschmissen wurden! – Ich bin erstaunet, was da ist vorgegangen, daß auch Menschen viel grausamer, als Bestien gegen einander sich bezeigeten.

Die zwei Kommandanten, welcher einer blind gewesen, waren totgeschossen; und lag der letzte auf dem Markt an einer Moschee mit vielen Türken, ohne Gewehr, umbgeben, welchen nichts gethan wurde, sondern nur gefangen weggebracht wurden.

Was in der Furie nicht totgemachet, oder von Juden und Christen nicht verstecket, hatte sich auf die Burg retirieret, welche sich noch zwei Tage hielte und tapfer wehrete, bis kapitulieret wurde und sie sich als Kriegegefangene ergeben mußten.

Ich war kaum eine halbe Stunde mit Plündern in der Stadt, da stund sie in Feuer. Ob es von Türken oder Christen angeleget, weiß ich nicht. Aber Schade, über Schade, daß die schöne Stadt und kostbare Beute, so vom ganzen Lande zu verwahren eingelegt, so schändlich verbrennen mußte!

Es ging von dem Feuer eine Miene an, welche die Türken in der Stadt gemacht, mit erschröcklichem Erdbeben, daß vor Staub und Rauch niemand sehen und hören konnte. Es war das Geschrei: der Feind wäre hinten eingebrochen und machte alles nieder! Die Menge der Menschen drängeten aus Schrecken nach der äußern Maure, an welche sie mich auch mit Gewalt hindrangen; einige sprangen über die Mauer und stürzten Hals und Bein. Ich hatte mich mit vieler Beute behängen und wollte aushalten; es möchte mir auch gehen, wie GOtt wolle.

Endlich wurd es wieder stille und wurde gesaget: daß die schönste Kirche, welche die Christen noch erbauet, von den Türken aber zur Moschee gemacht, durch eine Miene aufgeflogen. Ich wollte doch gleichwohl nicht mehr trauen und mich mit meiner Beute davonmachen. Als ich eben einen Keller, wo es oben brannte, vorbeiginge, da eine alte Mutter mit zwei wunderschönen Töchtern auf mich zugekrochen kam; mich nach ihrer Mode umb die Füße fassend, weinende, auf ihre Sprache, welche ich nicht verstund, umb Schutz und ihr Leben baten. Ich sahe sie an. Sie waren schön und langgewachsen, eine von zwölf, die andere etwa von achtzehen Jahren. Als ich ihnen weisete, sie sollten sich an meinen Rock halten, thaten sie das, hinter einander her und mit mir über die Bresche ins Lager gehende.

Ich gedachte lange, was ich mit ihnen machen wollte. Aber diese Sorge war vergebens. Denn sobald ich solche in mein Zelt gebracht, ihnen Essen und Trinken vorgesetzt, so sie aber nicht gewollt, hatte der General Schöneck, der uns kommandierete, davon Nachricht bekommen, daß ich schöne Türkin'n rausgebracht. Ließ mir befehlen: ich sollte solche an ihn gleich schicken, sie zu verwahren. – Das mußte ich thun und war meine schöne Beute los.

Sie wurden mit heraus, mit vielen andern vornehmen Türken und reichen Juden bis nach Berlin gebracht. Allda ich sie wiedrum bei der Garde als Feldscher zu kurieren und zu verbinden hatte. Sie ließen sich hernach taufen und wurden vornehme verheiratet.An der einen gefangenen Türkin nahm später August der Starke, König von Polen und Kurfürst von Sachsen, ein galantes Interesse. Ihren und seinen Sohn machte er zum Grafen Rutowsky und verheiratete dann die Türkin mit dem Obristleutnant von Spiegel.

Ich ging hernach noch einmal in die Stadt Ofen. Aber es war nichts zu thun, weil alles in Brand war. Und war dieses mein Fehler: daß ich mich, als ein junger Mensch, nicht mit mehrern andern kameradet und allein war. Denn wann ich gleich was kriegete, war mir es zu schwer; oder andere nahmen es mir wieder mit Gewalt. Wie ich denn zwei schöne Ochsen und ein Pferd bekam; im Herausführen sie mir wieder abgenommen wurden von Kaiserlichen, welche wie der Teufel waren und hätten mich drüber totstechen sollen.

Ich kam in ein Haus, da fande ich ein Säckchen voll geschnittener Steine, Karniol; wovon ich noch etliche habe. Item, in einen Keller; und als ich visitierte, stund ein großer, langer Türk hinter der Thür. Er war erschrocken; ich noch mehr; er hätte mich leicht totmachen können: so bat er aber mit Zeichen umb sein Leben. Ich ließ ihn gehen und er lief davon.

Dies war also die konsiderabele Belagerung und Einnahm der Stadt Ofen und was dabei arrivieret, soviel ich mich noch besinnen kann.

Sonst ist noch merkwürdig, daß bei Ofen drei warme Bäder sind. Eines, das Kaiserbad, welches noch herrlich gebauet und nicht ruinieret. Aus einem Zappen oder Hahn kombt kochsiedendheiß Wasser, in welchem man Eier kochen und Hühner abbrühen kann; der andere Zappen aber eiskalt Wasser giebet. Welches den Türken sehr gelegen; maßen sie sich alle Tage baden, reinigen, die Haar an denen pudendis, sowohl Mannes- als Weibespersonen, abscheeren müssen nach ihrem Alkoran. Daher sie in allen Häusern Badestuben oder laufende Wasser haben. Aber keine Glocken leiden. Daher Morgens frühe, Mittages und Abends ein Knabe auf ihren Moscheen ausschreiet: »Allah, Allah, Allah«; das soll heißen: »GOtt, Du bist allein GOtt von Ewigkeit.«

Erstürmung Ofens. – Aus: »Sieghafte Teutsche Waffen« (Prag 1686)

Ich muß sagen, daß die Türken in ihrer Religion besser, als teils Christen sein; denn sie fallen tages dreimal auf ihr Angesicht; sonderlich, wo sie Wasser finden, waschen sie sich und beten zu GOtt. Auch darf keiner, der nicht beschnitten, bei Leib und Leben in ihre Moscheen kommen; und müssen sie ihre Schuhe ausziehen, wann sie neingehen wollen. Sie trinken keinen Wein, sondern Meth und Wasser; und wo je einer Wein heimlich trinket, und es gewahr wird, er öffentlich gepeitschet wird. Der Diebstahl wird hart bestraft. Und mag einer so viel Weiber nehmen, als er ernähren kann; kann er sie aber nicht ernähren und wird geklaget, muß er ihr einen Scheidebrief und Geld geben, sie frei- und loslassen; dargegen hat er über Leib und Leben über sie zu herrschen; sie darf nicht unbedeckt ausgehen und sich sehen lassen.

Wie mir denn von einem Feldscher erzählet – welcher bei dem Gesandten von Holland gewesen, da er einen Türken an einem gefährlichen Schaden kurieret, der Türk aber ihn sehr lieb gewonnen und oft mit nach Hause genommen, aber kein Frauenzimmer je gesehen – daß der Feldscher von dem Türken begehret': er sollte ihm doch seine Frauens zeigen. Der Türk ihm solches versprochen, mit sich in die Höhe, in ein Gemach oder Stube geführet, da sechs schöne Frauenspersonen mitten in der Stube, die Füße kreuzweis unter sich, auf einem Teppich gesessen; gestickt und genähet haben; sich aber blöde und erschrocken erzeiget.

Darauf der Türke gesaget: »Komm mit mir, ich will dir mehr zeigen.« Ihn bei der Hand eine Treppen heruntergeführet und einen verriegelten Laden aufgemacht und heißen, neinsehn. Weil es finster gewesen, habe er nichts sehen, aber wohl was rasseln hören im Stroh, worauf der Türke noch einen Laden aufgemacht und es helle worden. Habe er ein grausames SpektakulGrausames Spektakul; vgl. »Erzählungen der Königin von Navarra« (Heptameron) 32. Geschichte; aus ihr nahm Friedrich Leopold Stalberg den Stoff zu seiner Ballade: »Die Büßende«. gesehen, indem eine ganz nackete Weibesperson, ganz wild die Haar umb sich hängend, an einer Kette, bei einem aufgehangenen, halbabgefressenen Körper gelegen. Darüber er sehr erschrocken, zurückgefahren und gefraget: was das wäre ?

Der Türke ihm gesaget: dies wäre auch eine von seinen Frauen, welche mit einem Renegaten (es sind Türken, die erst Christen gewesen), der da hinge, gehuret, welchen er ertappet und totgestochen, dahier gehangen. Diese müßte aber so lange davon fressen, bis sie verhungerte.

Dergleichen Grausamkeiten werden mehr mit den Weibern vorgenommen. Und haben sie sich wohl zu hüten,denn die Türken sehr jaloux sind.

Ferner. Von unserm Zurückmarsch ist zu berichten, daß die deutschen alliirten Armeen, wie schon gemeldt, den flüchtigen Feind bis hinter Essek verfolget (und unterschiedene, harte Scharmützel vorgingen), welcher aber keinen Stand hielte und sich endlich Griechisch-Weißenburg zum Retirade-Platz machte; daß dies Jahr, weil es schon in ultimo Novembris bis Decembris war, nichts mehr zu thun.

Wir gingen also zurück auf die Festung Komorn. Und weil unsere Pferde alle tot waren, kauften unsere General Schönick, Barfus und Marwitz vor unsere Gelder lauter ungrische Ochsen, welche die Artillerie zogen, unter welcher auch viel eroberte türkische Stück und Mörsel waren, unter andern ein kurbrandenburgisches, so vor alten Zeiten verloren gegangen. Sind noch in Berlin zu sehen.

Wir kampireten bei Komorn auf einer Insul unter Zelten drei Wochen zum Equipieren, da es bereits anfing stark zu schneien. Doch waren wir kleines Häuflein so freudig, daß es wieder nach Hause ging, daß öfters des Morgens, wann die lustige Artillerie-Reveille geschlagen wurde, wir vorm Zelt im Schnee tanzeten, ob wir gleich kein Brot und Geld hatten, weil uns die nachstreifenden Partein den Paß abgeschnitten. Und wir in drei bis vier Tagen kein Brod noch Geld kriegeten und großen Hunger leiden mußten. Denn die Ungern gaben uns nichts, und nicht ein'n Trunk Wasser, ohne Geld; und wann wir hätten sterben sollen! Sie fraßen selber Pferdefleisch Wie ich denn selbsten welches mit Sauerkraut aße, welches, wann ich's nicht gewußt, mir ganz wohl schmackte, nur daß es sehr rot und schaumig aussahe.

Die Festung Komorn und die Insel Schütt – Nach dem »Theatrum exhibens illustriores principesque urbes« (Amsterdam 1657 bei Johann Jansontius).

Es sturben von uns hier viel Leute und litten Hunger. Weshalb ich mich auf ein Mittel bedachte, und zu etlichen Konstabeln sagte: sie sollten mitgehen, daß wir was zu essen bekämen. – Sie lachten mich aus: und wäre ein Narre, indem alles verwüst, kein Dorf auf dreißig Meiln oder Stadt anzutreffen! – Ich tröstete sie aber und sagte: sie sollten mir nur folgen und jeder ein'n Sack zu sich nehmen. – So sie endlich thaten.

Ich hatte nämlich, sowohl im Raus- als Reinmarsche in der Einöde (allwo das Gras manneshoch gewesen und viel Männer und Soldatenweiber, mit sambt ihren Kindern aufm Buckel, von der penetranten Hitze vermattet und verschmachtet auf den Kopf, unterm Marschieren, dahingestürzet und tot gewesen) wahrgenommen, daß viel fischreiche Teiche so ausgetreuget, daß man die häufigen Fische in die Höhe springen sehen. Wir gingen ohngefähr anderthalb Meiln vom Lager und fanden solche. Da zog ich meine Kleider aus und das Hembde, bande den Hals und Ärmel zu, welches die andern auch thaten, und also strichen wir mit dem weiten Teil des Hembdes den Teich durch und bekamen so viel Fische, daß wir in drei Säcken gnung zu tragen hatten.

Als ich aus dem Teich kam, war ich ganz schwarz von Blutigeln. Die andern aber nicht. Ich wußte nicht, was ich thun sollte? wann ich sie abriß, liessen sie die Köpfe stecken. Denn ich wußte damals die Kunst nicht: wenn man ihn'n ein wenig Salz, Asche oder heiße Erde aufstreuet, sie gleich gehen lassen. Doch vermeinete: wann sie in ein ander Wasser kämen, sie wegfallen würden. Welches zwar geschehen. Allein ich hätte schier das Leben darüber verloren, indem ich ohn' Fähre in die daran fließende Donau gesprungen, welche mich durch ihren schnellen Lauf und Wirbeln vom Ufer dergestalt risse, daß durch alle Macht und Schwimmen ich kaum selbiges wieder erlangen konnte. Ich kam endlich raus und dankte GOtt, der mich abermals erhalten.

Wir trugen unsere Fische nach dem Lager, machten sie rein, kerbeten solche und bestreueten sie scharf mit Salz. Fingen in unsern Küchlöchern, welche wir groß und tief vor unserm Zelt gegraben, an zu braten, auf grünen Weidestecken. Da das die andern im Lager rochen, kam alles herzugelaufen, auch unsere Offizierer. Denn der Hunger that wehe! Wir gaben davon, wem wir wollten, etliche verkauften wir und kauften uns ein wenig Brot und Wein, so wir aber nicht viel durften trinken, weil er jung war und die Ruhr kausierete. Das war eine köstliche Mahlzeit im Hunger! – Daher mir auch diese Konstabeln so gut waren und mir von allem gaben.

Wie sie denn einsmals acht gehabt, daß der Kühe- und Ochsenhirte des Morgens solche aus- und Nachts wieder über die Schiffbrücke in die Festung treibet. Sie in den hohen Bruch oder das Gras gehen, ohne daß es der Hirte außen von'n Bergen sehen kann, einem Ochsen ein Seil über die Hörner werfen und im Bruche anpfähleten. Wie des Abends die andern Ochsen auf des Hirten Blasen raus- und nach ihrer Gewohnheit in die Festung gegangen, und die Brücken aufgezogen waren (der Hirt aber vermeinet, daß er seine Ochsen all hätte), machen sich diese in'n Bruch, schlagen den Ochsen vorn Kopf, ziehen das Fell ab, welches sie mit den Eingeweiden begraben- und das Fleisch, in Stück zerteilet, ins Lager gebracht und heimlich verborgen ward.

Ich lag bereits im Zelt und schlief, als gerufen ward: »Feldscher!« da mir ein Stück von dreißig Pfund aufn Hals gewurfen wurd. Ich merkte gleich, was das bedeutet. Nahm und verwahret es unter mein'm Lager, wo ich ein Fäßchen vergraben und stetig Fleisch mit Salz und Wacholderbeer stehen hatte.

Die Sonne hatte kaum das Erdreich wiedrum gegrüßet, als bereitest zwei Kommissarien mit vielen Ungern und Offizierern das Lager und auch unsers durchsuchten. Und wurde gesaget: wo es gefunden würde, der sollte hangen! Da war wieder 's Lachen zu verbeißen. Zu allem Glücke fanden sie nichts, und ich konnte hernach meinen Braten mit Ruhe essen, von welchem ich keinen Schlucken bekam.

Noch ein Avis begegnete mir daselbst. Als das Lager aufgehoben und die Zelt weggenommen waren, suchte ich so mit dem Stock, wo des Obristen Gezelt gestanden. Da fand ich eine lange Stiletten- oder Degenklinge. Ich dachte, es zu nichts bessers, als einem Bratenspieß zu gebrauchen, welches auch geschehen.

Als ich hernach in meinem Loch sitze und brate (denn von selbigem hielt ich viel), welches denn roch und des Obristen Diener, welcher auch gern ein Stück davon gehabt hätte, herzugelocket. Als er sich dabei gesetzet, wird er der Degenklinge und des Bratspießes gewahr.

Die erste Frag war: »Wo habt ihr den Stilett bekommen? Er ist mir gestohlen und zerschlagen worden.« – Ich sagte; wie ich dazu gekommen und machte mir anfanges nichts aus der Sache. Als aber ein Unteroffizierer mich ins Verhör holete und mir die Sache scharf vorgeleget ward, ich möchte mich ausreden und exkusieren, wie ich wollte, mußte ich den Bagatell' mit anderthalb Thaler bezahlen oder gleich in Arrest.

Ich gab's hin, mit Leid und Verdruß, und erfuhr in dreien Tagen, daß selbiger Diener, so sich vor das Geld lustig gemacht und ungerischen jungen Wein dafür gesoffen, vor großem Schmerz auf dem Pferdemist gestorben war.

Diese Festung Komorn lieget zwischen zweien Wasserströmen im Triangel; sehr fest und noch niemals von'n Türken eingenommen; hat eine lange Schiffbrücke, über welche man zu derselbigen gehen muß; und lag ein klein Städtlein, wie ein Dorf, dabei. Hat gute Weide und Fischerei. Und habe ich mein Tage keine größern Karpen und Stör, als da, gesehen. Der Karpen einer wurde auf einem Wagen geführet, auf dem Markte mit Beilen zerhauen und, wie das Ochsenfleisch, verkauft, ingleichen die Stör, so ich erschrecklich groß im Wasser an Ketten liegen gesehen.

An der Waag hätte ich im Hinmarsch auch bald mein Leben verloren. Denn ich ritte des Nachts mit einer Partei, den streifenden Feind zu rekognoszieren; war ganz still und dürft keiner ein laut Wort reden, auch keine Lunte sehen lassen. Und als ich auf dem Pferde aus Müdigkeit eingeschlafen, geht zwar das Pferd mit dem andern Tropp. Als es aber Wasser, nämlich die Waag, schimmern siehet, und dürstig ist, gehet es aus dem Weg ins Wasser, fällt gleich mit dem Vorderleib in'n Schlamm, deß die Waag voll ist, daß ich bald heruntergestürzet und drüber erwache. Hier hielte ich armer Ritter wieder und konnte nicht wieder herauskommen, hört und sahe auch keinen Menschen umb mich. Endlich half sich das Pferd mit allen Kräften, als es sich satt gesoffen. – Nun wohin, dachte ich, im Finstern? Doch ließ ich dem Pferd den Zaum, welches stark zutrabete und ordentlicher Weise wiedrum zum Tropp kam.

Die Festung Komorn – Nach dem »Theatrum exhibens illustratores principesque urbes« (Amsterdam 1657 bei Johann Janssonius).

Wir gingen fast den Weg zurück, welchen wir hinaus gezogen. In Mähren war es sehr unsicher. Und durfte sich keiner zwanzig Schritt aus dem Wege machen, ward befohlen; denn die Leute gleich totgeschossen und ausgezogen worden. Wie nicht weniger bei dem Fouragieren es gefährlich herging, da wohl zwanzig Schüsse nach uns geschahen, als ich einsmals mit gewesen. Deswegen auch die Galgen überall vollhingen; alle nackend und bloß.

Wir kamen wieder vor Breslau in eben das vorige Dorf zu liegen, wo mir's so wohl gegangen. Und waren diese guten Leut uns weit entgegen gegangen. Derer erste Frage gewesen: ob ich, der Feldscher, noch lebete? Und als sie mich sahen, erfreueten sie sich sehr. Doch beklageten sie mich auch, daß ich nicht mehr in dem Stande, wollten mich gerne wieder ins Quartier haben. Allein der Obristleutenant behielt es vor sich. Doch baten sie sich bei selbigem aus, daß ich mit ihnen speisen mußte. Und thaten mir alles Gutes. Es blieb auch die Abrede, daß ich wiederkommen sollte, welches auch in etlichen Jahren geschähe, – aber zu späte, – denn die Jungfer schon geheiratet hatte.

Hinter Krossen, und also zehen Meiln von Frankfurt, mußten wir in großen Dörfern ganzer vier Wochen liegen, und Quarantäne halten. Durften in keine Stadt. Denn wir hatten die ungrische Krankheit gleich einer Peste an'n Hals. Und sturben täglich viel Leute von uns, daß erbärmlich war unser Zustand. Denn Geld kriegeten wir nicht. Kleider und Hembden waren abgerissen bei mir. Ob ich gleich die Kranken warten und ihn'n eingeben mußte und sie gesund machen, war ich doch so voll Ungeziefer, daß ich des Nachtes keine Ruhe hatte. Dieserhalb ganz splitternacket des Nachts ins Heu kroche, daß ich nur Ruhe hatte.

Endlich kam Ordre, daß wir sollten abmarschieren nach Berlin. Allein da durften wir uns Tages nicht sehen lassen, sondern mußten ausser den Thoren, aufm Stellplatz, logieren. Da kriegten wir etwas Geld und unsern Abschied, Damit wander hin!

Ich kam noch einigermaßen wohl zurecht. Denn ich hatte meinen Kuffer in Berlin bei meinem alten Herrn auf dem Molckenmarkt stehen lassen, mit einem guten Kleid und einigen Hembden und Wäsche. Das alt warf ich in die Spree. Damit ging ich unter alte Bekannte, welche mich an den Herrn Ober-Stabs-FeIdscher Horchen in Kondition brachten.

Da waren unser drei, vier Gesellen, unter welchen ich der andere war. Sie hatten mich alle lieb und wert und vertraueten mir alles, insonderheit unser Lazarett und Kurbaracken, darin wir die Franziser hatten; welche häßliche Krankheit damals in Berlin sehr gemein, und ich viel Geld bei verdienete; und die Medicamenta bekamen wir aus der Schloß-Apotheca.

Unter vielen hatte ich einen Geheimbten Rath zu bedienen, welcher mir öfters seine Maladei klagete. Wie ich ihm aber die ganze Krankheit auslegete, und wie es müßte kurieret werden, gab er sich ohne Bedenken in die Kur. Jedoch verbot er mir auf Leib und Leben, es nicht jemand wissen zu lassen; auch seine Leute und Diener durften es nicht wissen. Denn keine Frau hatte er nicht; er speisete täglich bei der kurfürstlichen Tafel und war zugleich sein Tranchikant. Und mußte also die ganze Kur kompendiöse angestellet werden. Zu dem Ende kochte ich alle Tränke und trug sie mit sambt Pillen und was dazu gehöret, alles zu. Das schwereste war nur, einen Schwitzkasten anzustellen. Und da machte ich diese Invention: nämlich, ich kehrete einen beschlagenen Stuhl umb, legte ein Brettchen drauf, drauf mußte sich der Herr ganz nacket setzen, unter ihm machte ich mit spiritus vini in einem Näppchen Feuer, umb ihn hängete ich erstlich sein Betttuch, wohl vierfach, und darnach seinen Mantel mit Sammet, steckte es mit Nadeln zu. Da saß Herr Urian und mußte so lange schwitzen, als er es ausdauren konnte. Denn legte ich ihn in sein Bett, gab ihm was Stärk-Morsellen und ging davon.

Zuletzt aber wär ich mit sambt dem Herrn bald unglücklich gewesen, indem etwan das Feuer zu stark mochte an'n Leib kommen, und er mit dem Stuhl hin und wieder, oder mit den Beinen das Näppchen mit dem brennenden Branntwein umbstößet. Da war alles voll Feuer unter ihm und brennete alles. Da hätte man einen springen und tanzen sehen können in der Stube herum. Ich hatte zu wehren gnung, daß kein größer Schade geschehn. Da war er gesund, und ich bekam stattliche Belohnung.

Dieser Geheimbte Rath hatte eine große Bibliothek. Und als ich ihn einsten barbieret und die vielen Bücher sahe, fragete ich: was sie mit den vielen Büchern machten, sie könnten solche doch nimmer durchlesen? – »Ei, sagte er, das sind nicht viel, wann ihr fertig, will ich euch mehr zeigen; ob ich wohl solche nicht durchlese, so schlage ich doch nach, wann was vorkombt.« – Als ich mit Barbieren fertig, schloß er ein Nebengemach auf, da wohl dreimal mehr Bücher, von der Erde bis ans Deck voll Bücher, waren. Ich verwunderte mich noch mehr. Da sagte der Herr: »Nun nennt mir ein Buch, das ich nicht habe.« – Ich sagete zu ihm: ich hätte viel gehöret von dem Theophrasto Paracelso.– Da sahe mich der Herr an und sagte: »Ei, das ist ein Hexenmeister und ein verkehreter Teufelsbanner gewesen!« – Weil ich bestund: er hätte viel gute chirurgische und medizinische Sachen, möchte ihn gerne lesen, da gab er mir alle fünf Teile mit nach Hause. Ich nahm solche mit großen Freuden untern Mantel und vermeinte, einen großen Schatz zu haben.

Arzt am Krankenbette. Aus: Georg Ernst Stahl's »Ars sanandi« (1730)

Ich kaufte mir gleich ein Pfund Licht' und studierete des Nachtes so fleißig, daß ich bald zum Narren drüber worden, Sonderlich wie ich an die sigilla und magischen Spiegel kam und tief in Gedanken saß, da fing sich mein Degen und an der Wand alles zu regen an, die ganze Stube ging mit mir umb. weil es in Mitternacht war,. fürchtet' ich mich und kroch ins Bette.

Meine Kamraden fragten mich: warum ich so bald käme wider meine Gewohnheit? – Der eine sagte: »Er fürcht sich, daß seine Liebste ihn wird auf dem Bock holen lassen.« (Denn sie wußten von der Sache in Spandau.) – Der andere, welcher ein Preuße war, sagte: »Wirklich, es pfleget in Preußen oft zu geschehen, daß welche auf dem Bock geholet werden; sie wollen oder wollen nicht.«

Als wir kaum aufgehöret zu reden und nun schlafen wollten, stoßet was etlichemal an die Thür. Der Preuße ruft: »Herein, herein!« Meinet: daß es etwa ein Patient wäre, deren wir oft des Nachts bekamen. Als aber niemand hereinkam und es immer an der Thür nettelte, befiehlet er den Jungen, welche bei uns lagen, aufzumachen. Dies geschehen, siehe, da kombt ein großer, schwarzer Bock herein, welcher meckert und blökete.

Wir waren alle sehr erschrocken und meineten anfanges: es wäre der lebendige Teufel und krochen unters Bette, weil wir aber in die Länge nicht sahen, daß etwas geschahe und das Blöken fortwährete, mußten die Jungen Licht anzünden. Da sahen wir, daß es ein rechter Bock war. Wollten aber doch nicht wohl trauen, weil aber der Bock je länger, je mehr furchtsam ward, auf Tisch und Bänke sprang und gerne wär wieder hinausgewesen, trieben unsere Jungen allerhand Muthwillen, steckten ihm eine alte Allongen-Parück übern Kopf, machten ihm eine Klemm an'n Schwanz und prügelten ihn mit dem Ochsenziemer zum Haus hinaus.

Ich hatte mich aber nachgehends wieder übers theophrastische Buch gemacht und unter andern gefunden: ein Siegel von unterschiednem Metall in einer gewissen Stunde zu giessen und gewisse signa und characteres drein zu graben, wer das an sich trüge, mit ein'm grünseidenen Faden auf der Brust, bloßer Haut, der würde glücklich sein in allem, bei großen Herrn, Frauenzimmerspielen und dergleichen.Theophrastisches Siegel; vgl. Paracelsus »Bücher und Schrifften«, Basel 1589-91, Appendix d. 10. Teils S. 67ff.

Ha, dacht ich, das ist eins vor dich! Machte mich also gleich drüber, goß und stach in vorgeschriebenen Stunden und Konjunkten nach dem Kalender, welchen ich fleißig zur Hand nahm, und hängete das schöne Kleinod an'n Hals.

Von Stund an ging mir alles konträr, ich möchte auch vornehmen, was ich wollte! Ja, die Leute wurden mir so feind, daß ich auch meinen Abschied vom Herrn bekam (NB. so weiß der Teufel die arme Jugend zu verführen!), zu welchem in specie verhalf, daß mein Herr jaloux worden.

Nämlich: zuvor, ehe dies geschehen, war mein Kamrad, welcher sonst den General Schöneck barbieren mußte – weil er nicht jeden leiden konnte und viele wieder weggejaget – nach desselben Gütern, zu den Patienten, verreiset. Da schickte der General und wollte barbieret sein. Mein Herr befiehlet mir, solches zu thun, und zu ezküsieren, weil jener auf dessen Gütern.

Es war mir nicht viel drum zu thun und hätte lieber einen andern hingesandt, weil er so wunderlich. Doch faßte ich mir einen Muth, steckte zwei Musketier-Scheermesser zu mir und gedachte, ihn so zu putzen, daß er mich nicht wieder verlangen sollte.

Als ich in sein Palais kam, stunden auf dem Saal, vor der Stube, viele Obristen und Oberoffizierer und Soldaten. Der Kammerdiener, so ein Schneider und sehr lang war, fragte: was ich wollte, ob ich den General rasieren wollte? – Ich sagte: »Ja.« – Er meldte mich. – Denn hieß es: »Rein!« – Ich machte mein Kompliment von meinem Herrn und hieß ihn »Ihro Excellenz.« –Excellenz; diesen Titel beanspruchten anfangs die Kaiser für sich, später die Fürsten und endlich Gesandte. Im 17. Jahrhundert wurde der Titel Ministern und Generalen zugestanden. Aber auch Doktoren und Professoren nannten sich auf Grund ihres Diploms: viri excellentissimi. Sie sind die sogenannten »Schul-Excellenzen«. »Was – lenz, was – lenz? Ich bin kein Schulmeister oder Kirchenrat, ich bin Generalleutnant. So heißt mich!« – Ich bückte mich und bat, zu exküsieren. – Er fragte ferner: ob' ich bei Horchen diene? wo ich vorhin gewesen etc ? als inmittelst der Kammerdiener eine große, silberne Wanne mit Wasser und Seife ihm vorhielte, da er auf einen großen Stuhl sich gelehnet. Ich griff ihn weidlich an und hurtig, wie wenn ich einen Bauern vor mir hätte. Das gefiel ihm wohl. Griff ihm deshalb mit dem Scheermesser noch besser auf die Haut, zog steif an, mit langen Strichen, und wurde bald fertig. – »Ei,« sagte er, »warum seid ihr nicht eher zu mir gekommen?« – Ich sagte: daß ich mit in Ungern gewesen. – Er fragte: wie mir's da gegangen? – »Herr Generalleutnant«, sagt' ich, »wissen selbst am besten unsern Zustand; doch bin ich darin unglücklich, weil ich sehr krank gewesen, indeß mir alles aus der Karre gestohlen und ich nun nichts habe, denn fünf Monat Sold stehen noch; und wann ich die hätte, könnte ich mir helfen und ein Kleid schaffen. Bitte, Sie wollen mich gnädig an Herrn von Grumbkow rekommandieren, zumahl Sie die schöne Türkin'n von mir bekommen.« – »Ich will's thun, sagte der Herr, ob's viel helfen wird, weiß ich nicht.«

Darauf er selbst ein klein französisch Billet schrieb und es mir gab,»Einem Zahlmeister schriebe man über seine Thüre: Date et dabitur vobis; Gebet so wird euch gegeben; denn wer bezahlt seyn wolte, musste ihm zuvor die Hände salben, oder vielmehr füllen.« mit Befehl: ich sollte wiederkommen. – So auch geschehen.

Diesen Abend brachte ich das Billet noch an den Herrn Ober-Hofmarschall von Grumbkow, da wohl zwanzig Leute aufwarteten und einer nach dem andern gefraget wurde.

Die Reihe an mich kam. Ich stellete meine Not, so gut ich konnte, vor und bat umb mein'n stehenden Sold; berufte mich auf den Herrn General. – Allein, da half alles nichts. Er schmiß mir den Zettel vor die Füße und sagte: ich müßte warten, es wären wohl andere da, die es nötiger brauchten und besser verdienet hätten.

Ich ging mit Betrübnis zu meinem alten und ersten Herrn, so gleich über wohnete, und klagte es ihm. Welcher mich vertröstet': ich sollte eine Stunde verziehen; dessen Geheim- Secretarius käme in die Stube und ließ sich barbieren; er wollte schon ein gut Wort vor mich reden; ich sollte ihm nur einen Dukaten davon versprechen; er würde mir bald helfen. – So auch geschehen.

Denn, da er kam und sich den Vortrag gefallen ließ, nahm er das Billet zu sich, stecket es abends wieder unter die expeditiones und that eine gute Vorstellung, daß er den Herrn von Grumbkow gewinnet, und er, an den Kriegeskassierer zu bezahlen, unterschreibt. – Wer war froher als ich?

Da er mir das Billet wieder also zustellen ließ, bezahlete gleich einen Dukaten, was zugesaget. Und ferner damit zum Kriegskassierer Kannengießer, welchen ich vormals zu barbieren gehabt.

Allein, da war es wieder feste verwahret, und hieß es: »Ist kein Geld in der Kasse, ihr müßt warten.« – Als ich aber den guldenen Schlüssel wieder suchte und einen Dukaten versprach, da war es offen, und hieß: »Ich muß es vorschießen, kombt morgen umb neun her, so sollt ihr's haben.«

Alle Stunden wurden mir zu lang, ehe neun Uhr kamen. Ich versäumete nichts und bekam, nach Abzug eines Dukaten, alle meinen Sold, an fünfundsiebenzig Thaler, lauter brandenburgische Sechs-Pfennige; hatte alle Ficken und Taschen voll; und hatt' mein Tage nicht so viel Geld gehabt, daß ich, erfreuet, es meinem Herrn Horchen nicht verschweigen konnte.

Der stund und sahe mich an: »Was habt ihr bekommen?« – »Mein Geld!« sagte ich. – »wie ist das zugegangen?« – Als ich ihm aber vom General sagte, satzte er seinen Hut auf, steckte seinen Degen an, lief und sagte: »Ich hab mein'm Kurfürst nun dreißig Jahr gedienet, habe so viel Geld stehen, kann nichts bekommen, und so ein Kerl nimbts mir vor der Nase weg!«

Ich hätte auch gleich fort gemußt, als er wiederkam und nichts erhalten, wann der General Barfus zur selben Zeit nicht in Berlin gewesen, und sich von keinem, als mir, barbieren ließ und allezeit sechszehen Groschen die Woche zweimal gab. Denn er war ein großer, ansehnlicher Mann. Und hatten sich die vorigen Barbier allezeit entsetzet, gezittert und hatten müssen ohnverricht wieder weggehen; wie er mir selbst gesaget, daß es Herrn Wirbachen und zweien Gesellen so ergangen.

Dies mochte auch wohl zu meines Herrn Jalousie Ursache sein, weil er erfahren, daß ich so viel Geld verdienet. So ihm zwar nicht zum Schaden, nach ihn anginge, weil wir das frei hatten, neben unsern Diensten. Gnug ich mußte fort!

Doch machte ich mir auch nicht viel daraus, weil ich nun brav Geld und ein neu Kleid und Wäsche aufm Rumpfe hatte.

Ich reisete auf der Post nach Magdeburg, allwo mir auf der Breiten Straße eine schöne Kondition versprochen war. Allein das Blatt mußte sich wenden, daß ich solche nicht bekam.

Marktplatz in Magdeburg. »Dem geneigten Anschauer dienet nachrichtlichen, daß, wo dieseitigen Strichlein abgehen jedes eine Stra0e oder Gasse anzeiget« – Nach einem Kupferstich etwa a. d. J. 1761. Original: Kgl. Bibliothek zu Berlin.

Da ich nun sahe, daß solcher Gestalt alles den Krebsgang ginge, dachte ich zurück; zumal ich mir alle Sachen zu Sinnen zog; wie auch noch. Ging deshalb in die Domkirche da eben Herr Oberprediger Wincklern von dem Vertrauen auf GOtt predigte, und wie schwer sich ein Mensch an GOtt versündigte, wann er von GOtt ab, sich zu etwas Irdisches wendete und sein Vertrauen darauf satzte; wie der Satan ofte den Menschen alle Reiche der Welt vormalete, aber es nur ein Dampf und Schattenwerk, dahinter gar nichts, als Sorge, Angst, Furcht und böses Gewissen etc.

Ich dachte: wie kann der Mann so eigentlich von deinem Zustand wissen und sagen? Es ist eine sonderliche Schickung, daß du itzt in die Kirche gekommen mit solchen und dergleichen Bereuungs-Geoanken, daß ich mich an GOtt schwerlich versündiget, von ihm abgegangen, mein Vertrauen auf solchen Dreck gesetzet; an mein Siegel, so ich noch anhängend, gedenkende, gleich resolvierend: es nicht mehr zu thun! Griff in'n Busen, riß es vom Halse los und schmiß es auf der Breiten Straße in tiefen Schlamm. – Da ward mein Gemüthe wiedrum freudiger und leicht.

Derowegen ich umb GOttes willen alle Jugend und Menschen warne: sich vor solchen Büchern und Dingen zu hüten, ja nimmermehr von dem lieben GOtt abzusetzen und sein Vertrauen auf Menschen oder allerhand Teufels-Gaukelei zu setzen. Es gehet auf die Letzt überaus böse und gefährlich hinaus, wie ich denn viele gekannt, da es ein schlecht Ende genommen, die solche Hexerei gebraucht.

Und hätte mich GOttes Huld nicht daraus gerissen, wer weiß, wie es mir unter so vielen, folgenden, gefährlichen Umbständen noch ergangen? GOtt sei gepreiset dafür!

Ich reisete von Magdeburg nach Halberstadt, allwo ich mich, Gebrauch nach, einlegete und bei Herrn Roppern kam. Wegen schlechter Traktamenten aber mich in ein Wirtshaus da logierete; weil böse Wetter und Weg einfiel'n und ich nicht von dannen konnte. In meinem Wirtshause waren zwei feine Jungfraun, welche auch nach Braunschweig wollten. Kunnten aber keine Gelegenheit antreffen, bis wir eigene Fuhre mietheten und teuer bezahlen mußten.

Wir reiseten miteinander fort. Und hätten die liebe Jungfern gerne gesehen, ich hätte mich familiärer mit sie gemacht und überall vor sie bezahlet. Denn sie wohl nicht viel zum besten hatten, wie sich dies auswies, als uns die erste Nacht die Wirtin des Morgens um viel Garn beschuldigte, das ihr wegkommen. Ich machte meinen Kuffer gleich auf und wurde auch vor unschuldig erkannt. Mit meinen Frauenzimmern aber hielt es was härter, bis der Gerichtsfrone kam und ihre Kuffer mit Gewalt öffnete. Aber sie mochten es unter der Zeit wieder von sich geworfen haben und wollten hernach Satisfaktion vor ihre Beschimpfung lange haben. Doch ich war neutral, verwahrete meinen Kuffer nachts unter mein'm Kopfstreu und die Ficken band ich zu, wie ich allezeit auf Reisen that. Meine Sachen abends ordentlich zusammen und verwahret legte, den Kuffer selber auf und von der Kutsche trug. So durfte ich nicht klagen, wie andere: Ach, wo ist mein Degen, wo ist mein Hut, Handschuh, Schuhschnallen; ja Mantel und Schuhe ist weg! – Und so habe ich auf den vielfältigen Reisen nichts verloren.

Endlich kamen wir in Braunschweig ein. Und ich separieret mich von meinen Frauenzimmern in ein ander Wirtshaus und erkundete mich nach Gelegenheit nach Hamburg oder Hannover.

Da hatte ich die Gelegenheit versäumet und mußte zufrieden sein, daß Bauern mit Wagen, welche Getreidig und anders gebracht, mich wollten mitnehmen. Ich machte den Accord. Aber die Bauren wollten nicht von dem guten Bier und Bräuhahn.

Indessen kombt ein' Weibesperson, wollte auch mitfahren, Ließ indeß ihren Kober bei den Bauren. Wollte bald wiederkommen, hatte nur etwas zu thun. – Wir warten lange. Aber das Weibesbild kam nicht wieder. Die Bauren wollten fort, fluchten und machten den Kober auf. Da fanden sie drin ein Kind, sauber eingewickelt! das hatte einen Zuckerbüschel im Mäulchen. Die Bauren erschraken über all Maßen, wohl wissend, daß die Posse mehrmals gespielet und das Weibesvolk nicht wiederkam. Machten nicht viel Wesens und hingen den Kober an einen vor der Thür stehenden Wagen und laureten fleißig auf, ob jemand den Kober abnehmen würde. Siehe, da kommen zwei Soldaten; geschwind mit dem Kober vom Wagen untern Mantel! Meineten, etwas Guts zu essen drin zu finden; wie mehrmals mochte geschehen sein, Waren aber greulich betrogen.

Sobald der Kober weg, mußte ich mit den Bauren über Hals und Kopf fortreisen. Die Bauren waren froh, soffen sich Mittages so voll und lachten und lärmeten den ganzen Tag davon, fuhren bis in die Nacht und brachen ein Rad vor meinem Wagen entzwei, gleich am Dorfe, wo die Bauren heime waren. Könnte wohl mit Fleiß also angestellet sein, daß sie mich nicht wollten weiter bringen!

Was zu thun? Ich lamentierte. Aber die Bauren lachten mich aus: ich sollte bei ihnen bleiben. – Ich gedachte: diesmal mit Bauren gefahren und nicht wieder! – Sie wiesen mich in die Schänke oder Krug. Da führe diese Nacht umb zwei Uhr die Post vorbei, da könnte ich mitfahren. – So auch geschahe.

Und waren zwei Postwagen, weil es nach der Messe war, voll Hamburger Kauf- und andere Leute, bei welchen ich eine gute honneur fand. Denn weil ich auf der Reise sie barbierete und Parücken accommodirte, hielten sie mich fast in allem frei. Hatten schönen Wein und Branntwein bei sich, gut Gebackens etc., von welchem ich all bekam. Die Herrn führeten unterwegens solche kluge Diskurse, daß's eine Lust, sie anzuhören; und bei den Bauren nicht passieret; so wohl hatte ich es getroffen.

In Hannover legten wir uns in ein vornehmes Wirtshaus ein und wurden herrlich traktieret.

Als aber der Postillion blies, wieder fortzureisen, da zog jeder seinen Beutel, vor die Mahlzeit acht Groschen, nach unserer Münz, zu geben. Der Wirt kam und nahm von jedem seine Portion. Allein einer, der ohne Zweifel ein abgedankter Offizier von Adel möchte sein und große Erfahrung aus seinen Diskursen hören ließ, der saß immer still. »Nun, Herr, sagte der Wirt, als er ihm lange zugesehen, will er nicht auch Geld vor die Mahlzeit geben?« – Er sahe ihn lachend an und sagt: »Ich habe kein Geld.« – Der Wirt sagte: »Ei, Herr, vexieret mich nicht länger, sie sitzen schon auf.« – »Ich habe kein Geld!« sprach er. – »Je, warum setzet ihr euch unter die honetten Leute und speiset mit?« – Der Herr, gab ihm drauf eine dichte Maulschelle: »Du Hundsfutt, sagte er, meinstu, daß ich darum nicht honnête homme und brav Kerl bin, wenn ich gleich kein Geld habe?« – Der Wirt kriegete ihn wieder bei dem Kopf, rufte seine Leute, und wurde eine Schlägerei, daß die andern all von'n Posten wieder herzukamen und die wahre Ursache erkannten. Zogen sie ihren Beutel und bezahleten vor den Frembden, wie auch den ganzen Weg, welcher ihn'n dafür alle Höflichkeit erwies und gewiß die ganze Kompagnie mit vielen, klugen Diskursen unterhielt, und, wie ich hernach vernommen, in Hamburg, da er sein Gut und Freunde hatte, reichliche Vergeltung gethan.

Hannover. – Nach Johann Angelii Werdenhagan's 'De rebus publicis hanseaticis tractatiis' (Frankfurt a.M. bei Matth. Merian 1641).

Von Hannover gingen wir per posta nach Celle und besahen das schöne Schloß und fürstliche Lusthaus; und weiter nach Lüneburg, besahen das schöne Salzwesen und verwunderten uns über die schiefstehenden und hangenden Thürme, als wann sie itzt fallen wollten.

Kamen nach Harburg. Speiseten da abermals herrlich und fuhren endlich mit Schiff nach Hamburg, da alles voller Schiff aufm Wege lag. Ich verwunderte mich überaus. Denn ich mein Tag keines gesehen.

Endlich, wie wir an den Bohm [Baum] kamen und unsere Kuffer ausgesetzet wurden, da hätte man sehen sollen: was Volk! Einer packte meinen Kuffer hie, der andere dort an und wollten mit fort. Da ich zu wehren gnug hatte! Da sie aber sahen, daß ich vorsichtiger war, gaben sie gute Wort und baten: mich vor ein Trinkgeld in ein gut Wirtshaus zu bringen.

Ich accordirete erst. Denn das muß man thun. sonst pressen sie hernach viel mehr! Ich wurde nebenst einem Studios, welcher mit auf der Post gewesen, gewarnet: mitzugehen und wohl acht zu haben; sonst wären sie mit dem Kuffer fort! – wir thaten's auch. Und wurden endlichen durch viele Straßen auf den Neuen Markt in ein arges Hur-Haus gebracht.

Hamburg i. J. 1664. – Aus: GOttfried Schütze »Die Geschichte von Hamburg« (1775)

Ich sahe gleich mit meinem Bruder Studio, was da passierete. Denn die Dingerchen kamen eine nach der anderen und machten ihr Kompliment. Ich wäre mit dem Studenten gerne wieder weggewesen. Aber, wohin gleich? – Wir ließen uns eine verschlossene Kammer zum logieren geben und stelleten uns, wie die dummen Gänse; ließen kein Geld und nichts sehen; und mußte allezeit einer zu Hause bleiben, wann der andre ausging, damit wir nicht umb das Unsrige kamen; denn ich und der Studios hatten viel Geld im Kuffer. NB!

Zeit und Weile wurd uns lang, ehe jener ein hospitiumHospitium = »Herberge und Ort, allwo jemand seine Stuben und Quartier hat.« fand, und ich mich einlegen konnte bei die Barbier, wie gebräuchlich. Endlich geschahe es an einem Tage.

Und ich kam zum Raths-Barbierer, einem alten Mann und Frau; hatten eine einige, erwachsene Tochter.

Ich war kaum zwei Tage dort, daß mir der alte Mann nicht die Gelegenheit anbote, indem er alt und seine Frau alt und sie der Tochter die Barbier-Stube mit allem übergeben wollten, wann sie einen guten Menschen, wie sie mich dafür ansähen, dazu bekommen könnten. Unter seinen Gesellen wäre keiner; denn sie wären liederliche Kerl in Saufen und Spielen, welches sie von mir nicht sähen etc.

Ich gab zur Antwort: Das könnte wohl angehen; wiewohl, ich war noch jung und müßte noch was erfahren. – »Wohl, sagte der alte Herr, es muß auch nicht gleich sein.« – Ich machte mich auf der alten Mutter Geheiß an die Tochter, zu hören. Allein die war nach der Hamburger Art so 'ne Put', daß ich nicht wußte, wie ich mit ihr daran war. Doch machte ich mir nicht viel draus.

Acht Tage darnach bekam ich Rekommandation, ich weiß nicht, von wem, nach Itzehoe in Holstein an ein'n Regiments-Feldscher unter dem König von Dänemark. Und weil es eine austrägliche Kondition war, wollte ich selbige nicht ausschlagen und nahm es an.

Als ich solches meinem alten Herrn vermeldete, war er nicht wohl damit zufrieden. Hätten mich gerne länger bei sich behalten und wollten den ältesten Gesellen meinethalben abschaffen. Welches ich nicht thun wollte, einen andern vertreiben. Ich mußte ihm versprechen, im halben Jahr wieder zu kommen. Und da sollte unsere Sache gewiß werden. Und damit ging es fort. Ich nahm Abschied und setzte mich auf die Elbe auf ein Schmack-Schiff,Schmack-Schiff – »Smak-Ship, ein Holländisch Fahr-Zeug, hinten und forne breit, welches auch auf beyden Seiten Schmerdter führet. Die grösten können 12. biß 16. die kleinesten aber 2. biß 4. Lasten laden.« umb mit nach Glückstadt und dann nach Itzehoe zu fahren.

Ich war mein Tag nicht viel zu Wasser gewesen. Als wir einen Sturm bekamen, ging es auf dem kleinen Schiff übel her und durcheinander. Das Weibesvolk ward krank, und mir ward übel. Doch mußten wir aushalten bis nach Glückstadt, welches eine Festung und schöne Stadt, dichte an der Elbe und nicht fern von der See, daß, wenn der Wind nord-west und Sturm, fast das Wasser über die Mauren steigt; wie damals auch geschehen.

Von Glückstadt reisete nach Crempe, so auch eine Festung war. Von dar aufm Wagen nach Itzehoe, zu meinem neuen Herrn, so ein alter siebenzigjähriger Mann war und sich auf gute Gesellen verlassen mußte, wie denn in Wahrheit sagen muß, daß unter drei Gesellen alles auf mich ankam.

Und weil ich wohlbelesen in meinen Lehrjahrn, auch in Ungern und bei der Garde in Berlin Erfahrung hatte, ging alles gut mit innerlichen und äußerlichen Kuren. Also, daß alles an Unter- und Oberoffizieren Liebe und Vertrauen auf mich hatte; sogar der Generalmajor Fuchs und der Obrist Ellenberger NB. hatten mich wert.

Darüber mein alter Regiments-Feldscher, Christoph Eberhardt bei Prinz Christians Regiment, so neunzehenhundert Mann stark, ward ganz jaloux auf mich. Jedoch durfte er sich's nicht merken lassen. Zumal da ich keine von seinen drei erwachsenen Töchtern begehrte zu heiraten. Denn sie waren nicht wohlerzogen, verfressen und versoffen, Müßiggänger, wiewohl eine umb die andere sich suchte, bei mir beliebt zu machen; sogar, daß sie sich oft, umb mein Bett zu machen, zankten; vorgebend: es röche daraus gut! Ja, die Mutter legte es auf allerhand List und holete mich aus dem Bett zu ihren Töchtern, welche krank sein sollten; und zur Probe ich nur meine Hände auf ihren Leib legen sollte. Allein ich wußte von der Sache nichts und stellete mich dummer, als eine Gans. Daher die sonst listige Frau oft pflegte zu sagen: sie hätte so manchen Menschen ausgeforschet, aber aus mir könnte sie nicht klug werden.

Es mußt an nichts fehlen. Essen und Trinken, sonderlich Franzbranntwein, war gnug. Und hatt' mein Herr und Frau täglich nur zwei Rausch. Daher auch Armut folgete, ob er gleich alle Monat über siebenzig Thaler bekam. Wann er des Morgens nicht Franzbranntwein getrunken, zitterte er und konnte nicht das Geringste verrichten, bis er ein Schopp-Gläschen voll einhatte. Da ging's gut. – Also siehet man, wie eine böse Gewohnheit zur andern Natur wird, wie ferner soll erzählet werden.

In solcher ihrer Sauf-Armut wollten sie doch gleichwohl gern groß angesehen sein und mitmachen, wie es der Landesgebrauch, jährlich einen oder zwei Ochsen und fünf bis sechs Schweine einzuschlachten, davon die Leute nach dortiger Art das ganze Jahr haushalten mit Grützwürsten, Grabenbraten, so ein gedämpft Fleisch, Pökelfleisch geräuchert etc. Daß man also das ganze Jahr selten etwas frisch Fleisch einkauft; ausgenommen an Federviehe und Fischen, so häufig da sind.

Und weil also selbige gewahrgenommen, daß ich ziemlichen Vorrat an Gelde hatte, ließen sie nicht nach, ich mußte ihn'n vierzig Thaler lehnen, so sie mir zu allem Dank in kurzer Zeit wiederzugeben in einem Brief zusagten. Aber nichts weniger war das ihr Ernst. Denn das thaten sie in der Absicht, mich zu binden und nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen und nichts wiederzugeben! NB.

Ich wartet' der Zeit lange vergebens. Aber nichts. Und hätten gern mehr gehabt! Und weil sie wohl sahen, daß ich nicht anbeißen und den Jungfrauen spendieren wollte, gab es etliche Mal Irrungen, daß ich endlich der Sache überdrüssig wurde und auf hartes Anmahnen bei dem Obristen und General klagte. Welche gleich dem Regiments-Quartiermeister befehlen ließen: alle Monat die Hälfte seiner Traktamenten mir zu geben, und ihm droheten: gar das Regiment abzunehmen! Da war alles gar aus. Jeder im Haus sähe mich über die Achsel an. Das war ich nicht gewohnt, und reuete mich, mir mit eigenem Gelde solches erkauft zu haben.

Weil ich den Herrn Generalmajor Fuchs zu bedienen hatte, und er viel auf mich hielt, kam ich mit selbigem in sonderbare Vertraulichkeit, sonderlich, als ich ihm aus meines Vaters schreiben referieret: wie er einesmals mit einem Leutenant Fuchs auf der Insel Rügen von den Schweden gefangen und zusammen mit der Kette geschlossen, auch hängen sollen, weil sie mit einer Partei denen Schweden großen Schaden gethan hatten etc. – »Das bin ich gewesen, sagte er. Ei, ei, ist das euer Vater? Ich soll euch wieder Gutes thun; sagt nur womit? Ihr sollt das Regiment haben und dem Alten etwas davon geben.« – Ich wollte aber nicht den Alten kränken. – Ferner: »Ich will euch eine Fähndrich-5telle und meine Base (das war seine Haushalterin, sonst eine feine Person von Ansehen) geben.« – »Ach, mein Herr General, ich bin noch zu jung, sagt ich, und changiere meine Profession nicht.«

Aus: Hannß Friedrich v. Fleming's »Der vollkommene Teutsche Soldat« (Leipzig 1726)

Endlich fügte sich's, daß der König von Dänemark achttausend Mann zum damaligen Franzosenkrieg nach England schickte. Mein Obrist Ellenberger ging auch mit der Hälfte des Regiments als Brigadier mit; und ich wurde auch dazu angenommen, mit über zu gehen.

Und da ich solches mittlerweil an meinen Vater berichtet, und er mich väterlich, davon abzustehen, geraten hatte, weil es sehr gefährlich aussahe mit dem Krieg, folgete ich seiner Vermahnung (NB. Welches alle Kinder zu ihrem Wohlergehen thun sollen!) und machte mich von der Sache solcher Gestalt los: Es war ein dänischer Chirurgus, mit Namen Hans Lundt, dem viel drum zu thun war; der bezahlete mir meine angeschaffte Feldkiste wohl und ging an meiner Stelle mit. Er kam aber übers Jahr nacket und bloß wieder maßen ihn auf der Rückreise die französischen Kaper gefangen und ihm alles genommen hatten. – Dem Obrist Ellenberger (von welchem ich meinen Abschied mit Hand und Siegel noch zeigen kann) aber, wurde der Kopf abgeschlagen, weil er Dixmuyden ohne Not übergeben und Hochverrats beschuldiget worden. – Ich dankte hienach GOtt, daß ich meinem Vater gefolget hatte.

Inmittelst, weil, wie vorgedacht, mit dem alten Regiments-Feldscher kein Auskommen mehr war, und ich weg wollte, wollte mich der General nicht vom Regiment lassen. Weil vier Kompagnien von selbigem in der Festung Crempe lagen, mußte ich dahin und kriegte meine monatlichen Traktamente von jeder Kompagnien richtig, was aber extra war, oder wenn sich die Soldaten selbst verwundt, mußte mir bezahlet werden.

Da ging es wieder gut. Und war ich bei dem Kommandanten sehr wohl angesehen, wie auch bei allen Offizieren. NB. Denn wer was kann, den hält man wert, den ungeschicketen niemand begehrt! Ich hatte mein gut Quartier, gute Leute, die mich warteten mit Bettwärmen, mittages mit Speisen, und mich mit Wäsche versorgeten, wie ein Kind, umb billig Geld.

Ich ging fleißig in die Kirche und hörete GOttes Wort. Sonderlich, wann Herr Matthias von Kronhelm predigte, ich gar selten ohne Thränen aus der Kirche ging. Denn dieser Mann aus großer Trübsals-Probe und Erfahrung mit einem durchdringenden Geist und Gebet predigte. Denn er war in Kopenhagen vornehmer Priester gewesen, hatte aber das Unglück erlitten, einen Bettler tot zu schlagen, weil der Bettler selbigen, als er Mittages von der Treppe zu Tisch gehen will, ungestüm anfällt und mit Gewalt Geld von ihm erzwingen wollen, er mit seinem in Händen habenden Stock einmal so gefährlich an'n Kopf schlaget, daß er gleich tot bleibet. Darüber er zwar nicht als ein würklicher, vorsätzlicher Totschläger war angesehen, jedoch wegen Ärgernis auf diese Pönitenz-Pfarre rausgesendet worden.

Ich konnte aber auch hier nicht lange ohne Anfechtung und Versuchung bleiben. Maßen ein gewiß Frauenzimmer, oder Gastwirts-Tochter, einen Narren an mir gefressen und alle Gelegenheit gesucht, mit mir bekannt zu werden; etliche mal an mich geschicket, endlich aber selbst sich in'n Finger geschnitten und, solchen zu verbinden, zu mir kam. Und das war so die Gelegenheit. Und die Bekanntschaft ward so groß, daß sie ohne mich, und ich ohne sie nicht wohl sein können.

Dies merkte meine Wirtin, wollte es gern verhindern, weil sie selbst zwei erwachsene Töchter hatte. Schloß und verriegelte nachts die Thüren. Allein es war keine Mauer so hoch, daß ich nicht konnte zu meiner Gespielin kommen, da ihrer mehr bei einander waren und wir allerhand Kurzweil trieben.

Unter andern war eine Stadtrichters-Tochter, welche mehr männlich als Weibes-Geschlechts, wie mir die andern vor wahrhaftig vertraueten. Deshalb gern bei die Jungfern war und selbige bei sich hatte. Aber sie wollten ihrer nicht, weil sie so übel und einen Bart umbs Maul hatte. – wie ich in Breslau dergleichen wahrhaftig gefunden.

Hingegen war ein Soldat unter meinen Kompagnien, so sieben Jahr vor einen Soldaten passieret, endlich aber offenbar wurde.

Die Gastwirts-Tochter mit ihrer Mutter thaten mir zwar alles Gutes; wie es aber endlich aufs Heiraten hinauslief, gedachte ich: cave! Denn es war mir prognostizieret: ich sollte mich vor Frauenvolk wohl in acht nehmen; denn all meine größte Fatalität würde darin bestehen! – Aber es ist leider gnug erfolget, wie künftige Zeit lehret und ich erfahren müssen.

Mittlerweile hatte ich konsiderabele Blessuren und Patienten, die durch und durch, auch durch die Lunge, und weidewund mit breitem Degen gestochen und gehauen waren durch beide Tafeln der Hirnschalen (welche Umbstände gar zu lang hier sein möchten), und kurierete sie innerlich und äußerlich glücklich. Und wußte man zu selbiger Zeit von keinem Doktor. Daher alles auf mich ankam, auch die sectiones und Besichtigungen. Auf mein und des Regiments-Feldscher – etwa in des Auditeurs und im Beisein etlicher Oberoffizierer – auf unsern Bericht, sage ich, auf Leben und Tod gesprochen wurde.

Ich habe mein Tage dergleichen Tortur, damit die Delinquenten zum Bekenntnis gebracht wurden, nie gesehen. Indem solchen die Hände und Beine gebunden, über die Kniee oder Beine gespannet, und einen Stock durchgestecket, item einen Strick mit dreien oder vier Knoten umb den Kopf mit einem Prügel zugerädelt und immer besser angezogen. Auf die Weis sie alles herausbrachten. Und dies hießen sie den polnischen Bock. Und gewiß, sie lagen da, wie ein Klotz und wurden mit den Beinen umbgestoßen, wie ein Klump; sie verkehreten die Augen im Kopf, wurden ganz dumm und bekennten alles; sie brummten, wie ein Ochse.

Der König von Dänemark hatte damals dem Herzog von Holstein sein Land inne. Dadurch bekam er Streit und setzte sich in Kriegsverfassung. Unsere Bataillion mußten heraus und nach Oldesloe, welches ein Paß nach Lübeck und Hamburg, zwischen der Trave und Morast gelegen. Weil es aber Berge umb sich hat, so ihm schädlich, mußten wohl sechstausend Mann dran arbeiten, die Berge abzukarren und eine Festung draus zu machen. Das wollten Hamburg, Lübeck und andere, auch Lüneburg, Hannover, nicht leiden. Weil die Sache in Güte durch Kommissarien nicht gehoben werden konnte, rückten zwölftausend Schweden und Lüneburgische gegen uns ins Feld. Da gab sich der König von Dänemark bei solchem Ernst und mußte ganz Holstein dem Fürsten restituieren und den Festungsbau in Oldesloe nachlassen.Die jahrelangen Streitigkeiten zwischen den Königen von Dänemark und den Herzögen von Schleswig-Holstein schienen ein Ende zu nehmen, als Christian Albrecht – geb. 1641, gest. 1694 –, der seit 1659 Herzog von Schleswig-Holstein-GOttorp war, sich 1667 mit einer Tochter des Dänenkönigs Friedlich III. verheiratete. Aber Friedlich III. starb bereits 1670 und sein Nachfolger, Christian V., verlangte wieder die unumschränkte Herrschaft in Schleswig-Holstein und betrachtete seinen Schwager, den Herzog, als seinen Lehnsmann. 1684 besetzte Dänemark den gottorpschen Anteil von Schleswig. Jedoch mußte sich Christian V. trotz militärischer Erfolge dem Willen des Altonaer Kongresses, auf dem auch Brandenburg vertreten war, fügen und im Vergleich von 1689 dem Herzog Christian Albrecht seine Länder und Rechte zurückgeben.

Mittlerweil hatte ich ein gut Quartier bei einem Barbier, wo die Hamburger Post wechselte, und speisete ich täglich bei den Frembden mit und accommodierte selbige. Welches dem Wirt wohl gefiele und er mir allen willen ließ.

Mein Kleid war nicht viel mehr Nutz. Und weil ich an Gelde keinen Mangel hatte, und Lübeck nur vier Meiln davon war, ein lustiger Weg, machte ich mich auf die Reise bei schönem Wetter. Und ob ich wohl Gelegenheit zu fahren gnug hatte, wollte ich doch lieber gehen und das Postgeld menagieren. Aber es bekam mir sehr übel.

Hinwärts ging es sehr gut, und hatte die pläsierlichste Reise, unterwegens trank ich Milch bei den Bauren.

Lübeck – Nach Johann Angelii a Werdenshagen's »De rebus publicis hanseaticis tractatus« (Frankfurt a. M. bei Matth. Merian 1641).

Als ich nun an die Stadt kam, hatten die Lübecker eben ihr Schießen vor dem Thor, da ich einmußte. Sie zogen mit großer Solennität auf. Und der König ist geleitet, mit einer güldenen Kette umb den Hals. Hinter und vor ihm sprangen allerhand verkleidete, nackete mit Leinwand bemalete Indianer, Mohren, Türken und Courtisanen her, welche vor dem großen Getümmel des Volks Platz machten, hinter ihm zog die Schützenkompagnie und sechs Stück mit ihren Konstables. War schön anzusehen. Das beste vor mich war, daß ich etliche, große Butterpretzeln, welche sie ohn Zweifel verschüttet hatten, fand. Ich war ihr' bedürftig, weil ich hungrig geworden. Ich satzte mich hin, ließ mir Bier geben, sahe lange zu und konnte die Mahlzeit ersparen bis abends.

Ich legte mich in ein Wirtshaus an'n Markt, ließ mir eine eigene Stube geben und speisete da. Drei Tage besahe ich die Stadt und den Schiffhafen, die Häuser wohl und das Frauenszimmer, welches schön und Tücher überm Kopf träget, wie in Hamburg, so sie noch schöner machet und artig stellet, sonderlich wann ihr lispelnde, artige Rede dazukombt. Summa: es gefiel mir sehr wohl. – Ich kaufte alles zum neuen Kleide und ließ mir's ordentlich einpacken.

Damit machte ich mich wieder auf die pedes, ohne daß ich Fuhrn genug haben konnte. Aber ich wollte das Geld sparen und war schier umb alles, etliche dreißig Thaller, und umbs Leben gekommen. So gehts, wenn man so gar genau will sein!

Ich hatte im Ausgehen des rechten Weges gefehlet und war zu weit auf die rechte Hand in'n Plönischen Wald gekommen. Und weil ich keinen Menschen auf diesem öden Weg antraf, den ich fragen konnte, ging ich immer so fort den ganzen Tag. Vermeinete, ein Dorf anzutreffen. Aber nein. Es wurd finster. Ich war müde und erschröcklich durstig, konnte aber kein Wasser erlangen. (NB. Da habe ich auch erfahren, was Durst vor eine erschröckliche Pein ist.) Ich aß das Laub von'n Bäumen – aber es wollte nicht helfen. Bald fiel ich dahin vor Mattigkeit, bald mußte ich wieder aufstehen, schrie immer: »Ach GOtt, ach wie hastu mich wieder in so groß Elend kommen lassen' ich muß vor Durst sterben!« – Meine Zunge war an meinen Gaumen geklebet. Und ich konnte nicht mehr gehen. Nacht war es. Und die wilden Thiere, sonderlich Wölfe, die es in dieser Wildnis viel gab, hörete ich laufen und bellen. Summa: ich war in großer Not. Betete zu GOtt und bereuete meine Thorheit, sonderlich die oft geschehene Trunk-Verschwendung.

Ich zog meinen Rock aus, legte das Bündel unter den Kopf und deckte mich mit dem Rock zu, weil es nachts kalt wurde. Aber umbsonst; ich konnte vor Angst nicht liegen, gedachte alle Augenblick: itzt fällt dich ein Wolf oder Bär an. Doch schien es, als wann GOtt mich stärkete, weil ich wieder gehen konnte.

Und fand einen hohen Zaun. Deß war ich froh. Gedachte, es müsse nun ein Dorf nicht weit sein. Allein es war ein Wildzaun, der durch den Wald ginge, und eine Grenzscheidung. Denn weil ich über den Zaun, und es wieder morgen und dämmrig wurde, sahe, war drüben eine entsetzliche Tiefe, daß (wenn ich wär übergestiegen, wie ich wollte) ich Hals und Bein gebrochen hätte.

Ich ging lange, aber der Zaun wollte kein Ende nehmen, bis es etwas Tag wurde. Und sahe durch den Zaun, weit hinein, einen Bornschwengel und zugleich einen Schlag durch den Zaun gehen.

Ich ward für Freuden ganz stark und eilete, dazu zu kommen, meinen unsäglichen Durst mit Wasser zu stillen. Aber, da ich dahinkam, war kein Eimer dran; viel weniger Wasser im Trog! Das gar Wenige schöpfte ich mit der Hand, und leckete es fast aus den Händen. Doch ward ich des größten Durstes los.

Weil ich nun sehr müde und diese ganze Nacht nicht geschlafen hatte, stund nicht weit davon eine offene Scheune; ich gedachte in derselbigen sicher zu sein und ein wenig zu schlafen, bis es vollends Tag würde. – Da hatten sich eine Rotte wilde Schweine, die Körner aufzulesen, in diese Scheune gefunden, welche mir mit solcher Furie entgegenschnarchten und -schossen, daß ich vor Schrecken bald übern Haufen gefallen. Ich erholete mich aber und suchte nach einer Leiter mit der Hand, umb damit auf den BansenDie Banse = ein Teil der Scheune; rechts und links van der Tenne heißt der Raum: die Banse, wo das Getreide in Garben aufgeschobert oder gebanset wird. zu kommen und sicher zu schlafen. Da fand ich eine und steig hinauf.

Kaum hatte ich oben zwei oder drei Schritte gethan, mochte ich einen Kerl aufs Bein getreten haben. Der fuhr auf und sagte: »Wer ist da, wer ist da?« – Ich war aber stockstille und verbansete mich in'n Winkel unters Dach. Konnte aber nicht schlafen und sorgete: was das vor ein Kerl gewesen?

Der herankommende Tag schiene etwas durch die Dachscheiben, da hube ich meinen Kopf in die Höhe, wurde gewahr, daß vier Kerl mit Flinten und Gewehr dalagen. Ich kroch zitternd und bebend noch weiter unters Dach und verbarg mich unters Stroh. Endlich war ich eingeschlafen vor großer Müdigkeit.

Als ich erwachete, machte ich einen ziemlichen langen Hals, umb zu sehen, ob die Kerl noch da. Aber sie waren fort.

Da machte ich mich auch runter und ginge in das dabeigelegene Darf, in die Schänke. Ließ mir eine Suppe und Eier kochen, einen Krug Bier oder zwei geben. Da fragten mich die Leut: wo ich so frühe gewesen und herkäme? – Ich sagte ihn'n den ganzen Verloff, auch wie es mir in der Scheune mit den Kerln gegangen. Da sagten sie: »Herr, er hat von Glück zu sagen; denn es sind Mörder und Spitzbuben, die hier herum schweifen, viele Leute beraubet und etliche gar tot geschossen.« – Damit lief er zur Thür hinaus und machte Lärm im Dorf.

Einige kamen zu mir und wollten durchaus wissen: wer ich war, und möchte etwa auch einer von der Bande sein und das Pack jemand abgenommen haben! – Ich verantwortet mich mit allem Glimpf und Bescheidenheit und durfte nicht viel trotzen; sonst würde ich übel ankommen sein.

Als sie aber meine Unschuld erkannten, ließen sie mich gehen und trugen ein Mitleiden mit mir, sonderlich die Weiber, versprachen auch: mich wieder auf den rechten Weg, von welchem ich wohl vier Meiln irre gegangen, zu bringen. Sie machten mir ein Lager hinterm Tisch. Meinen Pack untern Kopf. Da schlief und ruhet' ich eine feine Weil. Ließ mir mehr zu trinken geben. Nahm meinen Wegweiser und zog aus. Als er mich nun auf den rechten Weg vermeinet gebracht zu haben, schied er nach einem Rekompens van mir. Und ich immer sachte fort, weil ich noch müde war.

Ohngefähr eine Meil von Oldesloe will ich mich unter einem Haselstrauch niedersetzen und lege ohngefähr die Hand zuerst hin und komme mit der rechten Hand auf eine Fieber-Schlange, dern des Orts gar viel sind. Das Thierchen beißt mich gleich durch den Finger, daß ich überlaut schrei, indem solches mir so wehe that, als wann mir ein Degen in'n Leib ginge.

Doch resolvierete mich gleich, in Augenblick, eingedenk zu sein, gelesen zu haben aus dem CrollioIn Oswaldi Crollii »Basilica chymica« (Leipzig 1634) wird die Ansicht vorgetragen: »venenum in natura ubi summum, ibi plerumque et medicinam latere.« und andern: wie eben die gleiche Schlange ihr angehauchtes Gift müße wieder ausziehen; gleich wie bei den tollen Hunden, Wölfen, Mücken, Bienen und dergleichen. – Schmeiße mit dem Degen und der Scheide die giftige Natter tot und wickelte sie in mein Schnupftuch, welches mein Glück war! Sonst hätte sterben müssen, wie es dasiger Orten Viehe und Menschen wiederfähret. – Und siehet man hieraus abermals die sonderbare Providenz des allsehenden GOttes, der da versuchen läßt, aber nicht über unser Vermögen; sondern schafft, daß die Versuchung so ein Ende gewinnet, daß wir's können ertragen. Seinem heiligen Namen sei Lob, Preis, Dank und Ehre allein!

Von Stund an, als mich die Schlange gebissen, schwoll mir der Arm bis an die Achsel, und ging mir nicht, wie dem heiligen Apostel Paulo, deme zu Verwundrung der Leute nichts widerfuhr. Ich sahe, daß der Arm zusehends schwall und der Schmerz zunahm. Suchte allerhand Kräuter wider Gift und band sie auf die Hand und Arm. Aber es half nichts. Und mußte mich gedulden, bis ich in mein Quartier kam.

Der Wirt, Herr Rebent, fragte gleich: was mir widerfahren? weil ich wie eine Leiche ausgesehen. Ich klagte ihm meine Not; kurz, gab ihm die Schlange, abzuziehen und mir das Fett und die Leber ausgebraten zu bringen. So er auch that. Indeß hatte ich ein gut Teil von TheriakTheriak – »eine herrliche Artzney, und Schweißtreibend Mittel, wider allen Gifft, und gifftige ansteckende Kranckheiten; ist sonderlich gut wider gifftiger Thiere Bisse, Gehirn-Beschwerungen, Convulliones, Blehungen, Magen-Beschwerungen, und üble Dauung; äuser- und innerlich.« aus meiner Feldkiste eingenommen, als er mir den Tiegel mit der ausgebratenen Leber und Fett ins Bette brachte. Ich schmierte damit meinen Arm und Hand recht durch, deckete mich zu und war eingeschlafen. Nach drei oder vier Stunden wache ich auf und war zu großer Verwunderung aller, so fleißig nach mir gesehen, Geschwulst und Schmerz weg. – Das war eine geschwinde Kur, welche die Leute dort anmerkten!

Es begegnete mir da noch viel Merkwürdiges mit Bein- und Armbrüchen etc., welches aber möchte zu lang sein.

Eins aber nur zu schreiben: so war ein junger Reuter unterm Obrist Aderkaß (welcher bei einem Bäcken vor einen Bäckknecht war) im Wasserholen aufm Eis, vorm Brunn, mit dem Wasser hart aufs Gesäß gefallen. Welches er zwar anfangs nicht groß geachtet. Als es aber sehr geschwollen und schmerzhaft, ward sein Regiments-Feldscher geholet, welcher vermeinet: die Sache nicht viel zu bedeuten habe. Wieder wegreisete und mich bat, indeß resolventia aufzulegen.

Rendsburg. – Nach dem »Theatrum exhibens illustriores principesque urbes« Amsterdam 1657 bei Johann Janssonius).

Alleine, es ward je länger, je schlimmer; welches ich berichte.

Da kamen zwei alte Regiments-Feldscher nebenst noch einem und deliberierten: ob der Schaden zu öffnen oder nicht? Denn es war der Backen, salvo honore, wie eine Pauke, so dick und prallich. Die meisten resolvierten: den Schaden aufzuschneiden. So ich aber widerriete. Und sollten sie sich nicht die Verantwortung machen; denn, sobald sie das thun, würde der Patiente sterben. So auch geschahe. Aber ich wußte es daher, weil ich versucht hatte, mit einer Lanzett zu öffnen. Als mir aber heftiger Wind und Blut entgegenging, machte ich mein Loch geschwind wieder zu.

Nun, es half nichts. Der Patient wurd auf den Tisch geleget, und mein Alter schnitte mit einem Messer eine viertel Ell tief den Schaden auf. Da war Wind und Blut, auch zugleich das Leben hin. Die Leute sahen einander an und wußten nicht, wie ihn'n geschehen. Doch hieß es, wie hie von einem französischen Herrn Doktor: »Ist er gestorben, so lasse man ihn begraben.«

Allein der Obrist hatte es von den dabeiseinden Offizieren erfahren, daß ein junger Feldscher solches widerraten und zuvor gesaget. Da wollte der Obriste mit einer Not von denen den Kerl bezahlet haben. – Wie es noch abgelaufen, habe ich nicht erfahren.

Von da gingen wir nach Rendsburg, solches zu befestigen. Kampiereten in sandigtem Felde. Von dar nach Flensburg und endlich nach Kopenhagen.

Nachdem aber das Holsteinische weg war, woraus wir unser beste Gelder zogen und den Monatsold richtig bekamen, fing es an, zu halten. Worauf ich meinen Adieu nahm und wieder nach Hamburg ging.

Flensburg – Nach dem »Theatrum exhibens illustriores principesque urbes« (Amsterdam 1657 bei Johann Janssonius).

Ich kam und sprach meinem alten Patron wieder zu, wie verlassen. Allein hier war es ganz anders. Die Tochter verheiratet, an einen Kaufmannsdiener. Und die Eltern hatten nun keine Lust, zu übergeben, sondern die Barbierstube mit allem zu verkaufen. Bedaureten auch mich, daß ich nicht mehr in dem Stande und so sein, wo ich denn meine schöne Haar, welche mir sonst, wie eine Parück gekrauset, bis in'n Rücken gegangen, hingethan? und was mehr war. – Ich sagte: unter Soldaten, da ging es nicht anders zu.

Macht kurz mein'n Abschied und legte mich auf Vorsatzen in einen Keller, da täglich viel Frembde und Holländer speiseten, und sie logiereten oben. Da hatte ich gnug zu thun mit Barbieren, Verbinden und Aderlassen, daß ich nicht alles verzehrete und gut lebete.

In diesem Wirtshaus logiereten drei Holländer aus Rotterdam, so leibliche Brüder waren und Johann Pitersen, Piter Pitersen und Karsten Pitersen hießen, führeten des Lord Wilhelms Bastiaenszen Schiffe von Rotterdam. Diese hatten Kommission, in Hamburg Leute anzunehmen und Provisie vor die drei Schiff zu kaufen. Weil ich aber sie barbierete und abends eine Pfeif Tobak mit ihn'n rauchte, boten sie mir an: ob ich wollte mit zu schiff reisen, vorn Meister?»Meister heißet auff den Schiffen der Barbier oder Wund-Artzt.« Sie wollten mir monatlich zwölf Thaler, freie Kost und Kiste geben.

Ich resolvieret gleich und nahm es an. Sie zahleten mir auch gleich zwölf Thaler voraus, dafür ich eine Kiste mit Medikamenten kaufte.

Damit ging es los in acht Tagen immer die Elbe nauf nach Rotterdam zu. Von dar ins Eismeer.Fahrt mit den Walfischfängern. Zum vergleiche sei auf: Friderich Martens »Spitzbergische oder Groenlandische Reise Beschreibung, gethan im Jahr 1671« (Hamburg 1675) verwiesen, Auch Martens machte die Fahrt ins Eismeer als Schiffsarzt. Vergleiche ferner: C. G. Zorgdragers »Alte und neue Grönländische Fischerei und Wallfischfang« (Leipzig 1723).

Hamburg i.J.1664. – Aus: GOttfried Schütze »Die Geschichte von Hamburg« (1775)

Ehe wir aber dahin kamen, kriegeten wir in der Nordsee ein'n erschröcklichen Sturm,' also, daß alles über und über ging und ofte das Schiff mit Wellen bedeckte, daß man meinete: alles würde in Grund gehen. Die Wellen stiegen himmelan und fielen im Augenblick wieder in die Tiefe, daß einem die Haar aufm Kopf sauseten und in die Höhe stiegen.

Mein Schiff hieß: »Die Hoffnung von Rotterdam« und hatte sechzundzwanzig Stücke und fünfundvierzig Leute auf. Die Stück rissen sich einigemal los (mit sambt die Kisten) und fuhren mit all den Kerln untereinander von einem Bord zum andern. Ich selbst rädelte mich mit einem Strick an'n Mast, weil ich weder sitzen, liegen oder stehen konnte. – Da war Not und Angst. Da war nicht einer, wenn er auch dreißig Jahr zur See gefahren, der nicht see- und totkrank gewesen. Ich wußte nicht mehr, wer ich und wo ich war, ganz dumm, mit stetem Brechen und unter sich machen, salvo honore.

Wir mußten alle Segel einnehmen; und da spielete das wütende Meer mit unserm Schiff und warf es von einer Seite zur andern. Da war ein Geschrei und Arbeit oben, daß einem die Haar zu Berge stunden. Zuletzt kam ein grausames Donnern und Blitzen, so auf der See viel heftiger als aufm Lande ist, dazu. Das währete so drei, bis in die vierte Stunde.

Weil ich nun sehr krank war und von mir selbst nichts mehr wußte, hatten sie mich in meine Koje oder Hängematte, so an vier Zipfeln bei dem Mast hing, geleget. Da wurde ich recht in der Luft gewieget, bisweiln, wann eine große Woge ans Schiff schlug, schleuderte ich an den Mast, daß mir die Rippen wehe thaten. Es half nichts. Ich sollte andern helfen und konnte mir selbst mit keinem Finger helfen! Da lag ich als ein armer Wurm. Doch kam der Kapitän etliche mal zu mir, gab mir was ein und tröstet mich: es würde bald besser werden.

Endlich ward es wieder Moy-Wetter und die See und Wind höreten auf mit Wüten. Da wurd Gebet geläutet und geschrieen. Ich konnte aber nicht aufstehen. Nachdem, zum Schaffen oder Essen geläutet. Aber da grauete mir vor, wenn ich's nur roche. Denn die Kambuse, oder Feuerherd, stund nicht weit von meiner Matte. – Ich besann mich endlich auf eine Mixtur von spiritus vitrioli, Viol-Zaft und frisch Wasser. Das machte ich mir, und that mir gut, bis ich wieder zurecht war.

Wir fuhren wohl drei Wochen, ehe wir ins Eis kommen konnten; denn es war fest geschlossen, daß wir ganz hoch, fast bis Grönland, welches mit Amerika grenzet, segeln mußten.

Da waren unsere beiden andern Schiff von uns weg und wir alleine. – Gingen ins Eis. Das lag von beiden Seiten des Schiffs, wie große Berge, ganz blau, wie Kupferwasser, und so tief im Wasser. Wir legten unser Schiff an dergleichen Eisberg, welcher wohl eine halbe Meil in die Länge und Breite hatte, an mit einem Eis-Anker.

Wir hatten kaum zwei Stunden gelegen, schrie die Wachte: »Wal, Wal!« Da ward ein Getümmel. Jeder lief an sein Werk und setzten die Schaluppen auf die See, so am Schiff hingen, und sprangen je sechs Mann nebenst einem Harpunier in eine. Damit ging's los auf einen großen Walfisch, welcher ohnfern in See lag und aus seinem Kopf durch zwei Röhren hoch, wie manches Haus, blies, mit solchem Gebrause, daß man's weit hören kunnte. Die Schaluppen eileten mit, wie ein Pfeil, dem Fisch von hinterwärts zu. Denn vorwärts dürfen sie ihm nicht kommen; denn er mit Gewalt umb sich schmeißet und gleich fortgehet; denn er den Menschen sehr fürchtet und vor ihm fliehet; wie hernach folget.

Wann sie nun dichte an ihn in der Geschwindigkeit gestrichen, so stehet vorne auf der KaueKaue = ein hohles, meist enges Behältnis. ein Harpunier. Ist ein Mann, der mit einem scharfen, spitzigen, stählernen Pfeil, so an einer dreielligten Stange festgemacht und wohl sechs Pfund schwer ist, den Walfisch mit der größten und gewissesten Force in'n Leib wirft. An der Stange ist die Leine fest gemacht, welche mitten in der Schaluppe ganz ordentlich in Reff geleget, daß selbige sich nicht verwirren kann, so bald der Fisch den Wurf fühlet, (ob es ihm wohl nicht wehe thun kann, denn es nur äußerlich, durch die Haut und ins Fett, welches wohl eine halbe Elle dick, gehet) so fähret er mit der geschwindesten Gewalt in die Tiefe fort, und öfters wohl eine viertel Meil unter Wasser oder Eis. Weil aber das Thier grausam groß, fett und hitzig, kann es von dem schnellen Lauf und starker Bewegung nicht lange unter See bleiben, sondern kombt an einem andern Orte wieder heraus und holet Atem, blaset gewaltig das Wasser wieder durch die zwei Röhren zum Kopf heraus. Indessen müssen die Schaluppen mit den Leinen immer hinterherlaufen; so schnell, daß öfters der Bord, worauf die Leine läuft, rauchet und anbrennet; da einer mit Seewasser löschen muß, wann sich aber die Leine verwirret, über Verhoffen, haben sie ein Beil da liegen, gleich die Leine abzuhauen. Sonst werden die Leute mit der Schaluppe im Augenblick vom Fische ins tiefe Meer gezogen. Wie dergleichen Exempel viel geschehen.

Ausschnitt aus: C.G.Zorgdragers »Grönländische Fischerei« (Leipzig 1723)

Wann nun der Fisch zum zweiten Mal, wie gedacht, sich oben wieder sehen lasset, da sind diese Leute in den andern Schaluppen schon nachgefahren und parat. Und so er noch frisch, geben sie ihm noch eine Harpun. Da er denn wohl weidlich umb sich schmeisset, daß niemand ihm zu nahe kommen darf, sonst schmeißt er mit den Schwanz, welcher ihm die Quer, und nicht wie anderen Fischen, gehet, auch mit denen Seitflarren, alles in Grund und Boden. Endlich gehet er wieder fort.

Weil ihm aber die vielen Leinen, so oft zwei bis drei Zentner, zu schwer, so kombt er bald wieder rauf. Da sind sie denn wieder parat mit all'n Schaluppen, haben Lanzen, oder neunellige Stangen, daran vorn stählerne, spitzige und scharfe, zweischneidende Messer festgemacht. Damit stechen sie dem Fisch tief ins Eingeweide, so er in den Leinen ermüdet und etwas still lieget.

Wann er das fühlet, da geht's wieder an; und schmeißt und brauset er grausam umb sich, daß kein Mensch an ihm darf, und die ganze See umb ihm schäumet.

Haben sie ihn nun glücklich gelänzet und die innerlichen viscera, als Lunge, Leber, Magen, Gedärme etc. getroffen, (welches ein Zeichen, wann er statt des Wassers Blut ausblaset, daß öfters die Leute, so umb ihn arbeiten, über und über blutig) sodenn stirbet er bald. Wo aber das nicht, haben sie noch lange mit ihm, und wohl öfters ein ganz Etmal, das ist einen Tag, zu thun.

Wann er sich nun verblutet hat, davon die ganze See daherumb gefärbet wird, wird er matt und leget sich auf die Seite, wie andere Fische. Dann machen sie ihm ein Loch durch den Schwanz, daran sie ein Seil festmachen; item einen großen Haken mit dem Seil ins Maul. Und damit winden sie ihn, wann er an das Schiff ist, in die Höhe, etwas außer Wasser. Liegt er aber weit vom Schiff, so muß entweder das Schiff nach ihm fahren, oder es müssen alle sechs Schaluppen vorspannen, mit sechsunddreißig Ruderknechten, und den Fisch nach und nach an das Schiff bugsieren. Das geht langsam.

Wann selbiger nun, wie gedacht, etwas in die Höhe an das Schiff gewunden, so springen sechs oder acht Kerl nunter, auf ihn, mit großen, scharfen Messern, einer Elle lang; schneiden damit all das Fette und Speck, wie es heißt, los, welches ins Schiff gewunden, oben, auf einem Tisch, mit großen Messern zerhacket wird und in ein'n Leinwand-Schlauch gethan; dadurch in'n untern Schiffsraum in die Faß oder Kardelen geleitet wird, derer öfters sechzig Tonnen oder Kardels von einem Fisch voll gemachet werden.

Wann der Speck auf einer Seite des Fisches herunter, kentern sie ihn auf die andere Seite, bis alles ab.

Das Fleisch und Knochen bleiben liegen; und ist's ein Fressen vor die weissen Bäre, welche nebenst denen großen Seemöven häufig herzugeschwommen kommen; welche es von weitem riechen; darüber sie aber totgeschossen und ihnen die weißen, schönen Pelze ausgezogen werden.

Wann das Fett herunter ist, so wird dem Fisch sein Hals oder Rachen ausgeschnitten, welches die Barten oder Zähne heißen, derer in seinem Rachen wohl fünfhundert Stück dicht aneinander, mit schwarzen, langen Pferdhaaren bewachsen, stehen. Wann sich der Hals aufsperret, diese Barten auch auseinander gehen; wann sich aber der Rachen zuthut, gehen sie wieder übereinander, wie ein Frauenfächer von dem allweisen Schöpfer Himmels und der Erden benaturet, dazu (wie ich nämlich selbst erforschen wollen), damit dies Thier sich doch nähre, daß es so eine schröckliche Größe von dreißig bis vierzig, ja sechzig langen Ellen und so viel Fettigkeit erlange. Ich habe mir lassen seinen Magen aufschneiden und ganze Pietzen von dem inwendigen chymo ausschöpfen. Solches habe ich mit Fleiß durchsucht und nichts als kleine, schwarze Seekrabben, oder Krebslein, item kleine Fische, auch ziemliche große befunden. Also dienen obige Barten, mit Haarn bewachsen, dem Fisch zu seinem Netz und Fang, wie ein Netz. Denn so er den großen, erschröcklich weiten Rachen aufsperret, kann er dreißig, vierzig und mehr Tonnen 5ee fassen. In demselbigen wimmelt alles gleichsam voll solcher Krabben und Fischlein. So er nun das Maul voll hat, macht er's wieder zu und bläset das Wasser durch die beiden Röhren wieder von sich. Der Fang aber der Fische und Krebse kann nicht durch die Haare und Barten und wird sodann in den Magen geschlucket. Und das ist seine Speise.

Diese Barten, an deren einer zwei bis drei starke Kerl tragen müssen, werden mit großen Beilen aus des Fisches Kinnbacken gehauen. Und ist's eigentlich das Fischbein, so daraus geschnitten und sehr teuer verkauft wird, sind gestalt, wie eine Sensenklinge.

Wir haben die erst're Reise neun Walfische und ein'n Nordkaper gefangen, von welchem etwas Sonderliches folget. Ist also ein großer Reichtum auf dem Schiff gewesen, da ein Fisch alle Unkosten reichlich bezahlen kann und noch was übrig bleibet.

Es ist aber der Fang allezeit auf diese Weise; und wundert mich: daß so viel LegendenLegenden vom Walfischfang: »Der Indianer rudert mit seinem Schifflein auff des Walfisches Rücken, hernach springt er ihm geschwinde auff den Nacken, und schlägt ihm alsofort einen spitzigen Pflock in der Nasen-Löcher einem, scheust also mit dem Fisch zu Grunde, welcher sich greulich stellet, und gleichsam Unsinnig ist, der Indianer aber sitzet vest auff seinem Pferd, und schlägt ihm in das andere Nasenloch dergleichen Pfahl, dadurch wird dem Fisch der Athem genommen, springt hernach wieder in seinen Nacken, und läst das Seil weit genug schiessen biß der Walfisch vertobet und müde wird, zeucht ihn also sanffte ans Land, alda er wegen seiner Ungeschicklichkeit bald liegen bleibt, und todt geschlagen wird, hernach theilen sie ihn in Stücken.« – »Die Samojeden fangen die Wallfische folgender gestalt. Es setzen sich ihrer 20. oder 24. in eine Nache, haben ein langes Seil, von zwey, oder drey hundert Klafftern, daran ein Hake. Den werffen sie mit sonderbahrer Geschicklichkeit, wann sie ihm nahe genug kommen seyn, in den Leib des Walfisches, und rudern darnach geschwinde zu dem Lande. Wann nun der Wallfisch fühlet, daß er verletzt ist, lässet er sich führen, folget dem Seil, welches die Leute, wann sie auffs Land kommen, mit Gewalt zu sich ziehen, und folget der Walfisch also gutwillig, biß er gar auffs truckene Land kampt. Wenn darnach die Flut des Meers abgelauffen, schlagen und schiessen sie ihn vollends zu tode und zerhacken ihn zu Stücken. Wann aber die Flut wieder anleufft, hefften sie das übrige theil mit Seilern an, daß es mit der Flut des Meers nicht kan hinweg fliessen.« die Sache ganz anders beschreiben; als wenn Tonnen ausgeworfen, daß er mit spiele; item, daß solcher mit Stücken geschossen; ist alles nichts; daß er an die Schiff käme etc. Sintemal, wie oben gedacht, das Thier die Menschen sehr scheuet und weit sehen kann, ob es wohl sehr kleine Augen hat.

Aus: C.G. Zorgdragers »Grönländische Fischerei« (Leipzig 1733)

Einsmals in schönem, hellen Wetter, ob es wohl in unsern Landen Mitternacht sein möchte, (denn da von Junii bis Septembris allezeit Tag ist; und man nicht anders Tag und Nacht unterscheidet, als wenn die Sonne, so allezeit gesehen – aber der Mond und 5tern wegen der Sonne Glanz nicht gesehen wird – im Osten, Norden, Westen oder Süden stehet; und wann die Sonne einmal umbgelaufen, ein Etmal heißet) wie nämlich unsere Leute von der vielen Arbeit geschlafen, habe ich eine Leine, sehr lang, wohl vierzig bis fünfzig Lachter, ans Schiff festgemacht und eine Schaluppe angebunden; mich darein gesetzet und so ins Meer schwimmen lassen; umb Seemöven, sind große Eisvögel, größer als weiße Gänse, zu fangen, welche gerne Speck fressen, deshalb auch häufig zu dem geschlachten Walfisch kommen, auch zu dem etwa vom Schwertfisch erlegten, welcher mit dem Walfisch kämpfet, unter solchen läuft und mit seinem großen, scharfen Schwert (welches er auf dem Rücken hat, so in der See weit gesehen wird und blinket) ihm den Bauch aufschneidet und ihn also tötet. Die Möwen verraten's, daß den Walfisch die Fischer finden. Oder er auch an'n Strand getrieben wird. Da die Leute im äußersten Norden-Lande, Finnen und Lappen, von dem Thran essen, brennen und vom Gebein und Rippen sich Häuser bauen.

Als ich nun so in der Schaluppe, weit vom Schiff entfernet, saß und an einer Angel den Eisvögeln Speck vorwarf und sie fangete (wiewohl man solche wegen Thranigkeit nicht essen kann), da kombt dicht bei meiner Schalupp ein greulich großer Walfisch in die Höhe. Deß erschrak ich sehr. Kriegte meine Leine und zog mich in Eil nach dem Schiff. Sobald mich aber der Fisch gewahr wurde, ging er durch, wie ein Holländer. Kam aber bald mit noch einem weiblichen hervor. Diese beiden begatten sich ordentlich, wie ein Mensch. Und habe lange zugesehen, daß der eine sich aufn Rücken, an den andern und etliche mal unter den andern geleget, und also gespielet haben. Es ist zu verwundern, daß das Weiblein ein ordentlich membrum und Brüste hat, woran zwei Junge saugen und oft neben her gehn. Das Männlein aber hat sein membrum virile vier bis fünf Ellen lang und seine testiculos, so aber inwendig befunden werden. Es ist zwar streitbar, daß das sperma cetiSperma Ceti »ist ein gantz weisses, weiches, zartes und fettes Wesen, das gleichsam aus viel kleinen Schupen oder Scheiben bestehet, eines fetten und schleimichten Geschmacks und ölichten Geruchs ist. Vor diesem hielten es die meisten für den Saamen des Wallfisches, daher es auch Sperma Ceti genennet wurde, andere für die Milch des Wallfisches. Allein, diese Meinungen halten den Stich nicht, indem der Wallrath nichts anders, als das Gehirne von dem Wallfische. Hier aber ist zu mercken, daß diese Materie, oder der so genannte Wallrath, nur von dem männlichen Geschlechte der Wallfische herkommt, indem das Gehirn von den weiblichen Fischen zu flüßig, und zum Trahne und Brennöle tauglicher ist. – Das Wallrath führet viel Oel und ein wenig flüchtiges Saltz. Es zertheilet und lindert, auch wird es unter die Pomaden genommen, die Haut gelinde und glatt zu machen: ingleichen unter die Pflaster und Salben, die harten Brüste weich zu machen; ferner unter die Clystire wider die rothe Ruhr, und unter die Mutter-Clystire, zum Lindern und Erweichen. Bisweilen wird es auch eingegeben, und zwar von einem halben, bis auf zwey gantze Scrupel schwer, die Schärffe auf der Brust zu mildern: denn es eine gute Brust-Artzney ist. Das Wallrath hat eine sehr zeitheilende und dabey Schmertzstillende Krafft. Viele schreiben ihm auch eine geilmachende Eigenschafft zu, so daß man van den Franckfurtern schreibet, daß sie auch deßwegen den rohen Wallrath auf Brod, wie Butter essen sollen.« eigentlich vom Walfisch komme. Allein ich glaube es, wann mir nicht ein besser Grund erwiesen wird, indem zu solcher Zeit, wann sich der Walfisch in dieser kühlen Eis-See begattet, (weil er wegen seiner Größe und Hitze solches in der heißen West-See nicht verrichten kann) sie ganz voller fettigtem Samen schwimmet, welcher dem Fisch entgehet. Ich habe solchen an der Sonne getrücknet und eben so schulbrich und fettig befunden. – Es müßte denn sein, daß das sperma ceti von einem andern Fisch und anders zubereitet würde.

Wiedrum ein andermal, als die Sonne in Mitternacht gestanden, erhub sich nicht weit vom Schiff ein erschröcklich Geräusch, und sahe ich's mit großem Schnauben dick, schwarz, wie große Kufen, übereinander hergewalzet kommen, welche sich hoch, wie Schlangen, über der See herwalzeten waren sehr lang und wohl funfzehen bis achtzehen Ellen, und dicke, größer als Merseburger Kufen, hatten vorn aufm Kopf schneeweiße, gedrehete Hörner, von drei, vier bis fünf Ellen ohngefähr. Diese rauscheten also das Schiff vorbei. Und sagten die erfahrnen Leute, daß es See-Einhörner wären.

Ich habe nach der Zeit mehr gesehen, von einer andern Art, so Köpfe, wie Schweine, hatten, und allerhand Töne von sich gaben, wann es wollte Sturm werden.

Eine artige Lust hatten wir mit einem weißen Bär, welcher mit zwei Jungen auf dem Eise daherkam, an das Schiff, zu dem toten Walfisch oder Kreng, wie sie es heißen. Mochte solches von weitem gerochen haben. Und weil er nicht gleich dazu konnte, vor dem Schiff, so wollte er, mit einer Not, hinauf. Die Jungen folgeten ihm auf dem Fuß.

Wir sahen ihm lange zu, wie er sich bemühete, und doch nicht wohl konnte. Darüber er oft gebrummet. Als wir ihm aber mit einem Bootshaken auf die Näse stießen, ward er gar bös und grimmig.

Weil er nun sehr groß, fast wie ein Pferd, war, und einen schönen weißen Pelz anhatte, dünkte uns wohl der Mühe wert zu sein: solchen zu fangen, und nicht zu schießen; damit der Pelz ja kein Loch bekäme; worauf sie sonderlich sehen.

Der Kapitän hieß acht Boots- oder Ruderknechte mit Haken und einer Strickschlinge hinunter zu dem Burschen steigen, welcher sich sogleich, wie ein Mann, auf die zwei Hinterpfoten entgegensetzte und die Stangen und Gabeln mit den Vorderpfoten von sich schmisse, daß es klapperte, und sich immer umb, nach den Jungen, sahe, welche stets hinter ihm waren. Der Streit währete lange, bis ein Bootsknecht ihm die Strickschlinge übern Kopf warf, mit einer Gabel, und sie ihn anfingen zu würgen. Da wollte er den Strick entzweibeißen; konnte es aber nicht. Da legete er's aufs Laufen; alleine diese Kerl würgeten ihn hart und schlugen ihm öfters mit Gewalt aufn Kopf, daß er ganz dumm ward. Die Jungen waren indeß davongelaufen. Sie schleppten und würgeten den Bär bis ans Schiff, da er mit einer Winde aufgezogen und geschlachtet ward.

Einiges Fleisch von'n Pfoten und Keulen gebraten, hat mir ganz wohl geschmecket.Fleisch von Eisbären: »Ihr Fleisch ist weißlich und feist, wie Schaf-Fleisch, sein Geschmack aber wolt ich nicht versuchen, dann ich mich befürchte, frühzeitig grau zu werden, wie daß die Schiff-Leute davor halten, daß, wer davon isset, bald grau wird« – sagt Martens; vgl. oben.

Die Häute aber, derer wir mehr bekamen, wurden in einem Sacke mit Sägespähnen, wie die Seehunde-Leder auch, gar getrampelt, welches die Leute thun mußten, wann sie bei gutem Wetter sonst nichts zu thun hatten.

Wiewohl sie sonsten bei dergleichen Wetter auf dem Schiff allerhand Komödien untereinander spieleten; und der Kommandeur solches oft selbst anordnete, umb daß sich das Volk bewegen, lustig sein und solcher Gestalt vorm Scharbock (welcher in der See van der dicken, salzigen Luft, von der Kälte und von harter und gesalzener, alten Speise und purem Wassertrinken herkombt) präkavieren sollte. Da hätte man sehen sollen, wann sie auf dem Schiff alte Segel, vor Wände, aufgemacht, was vor Händel die Holländer, welches ohndem ein Schalksvolk ist, gemacht, von allerhand Historien und Kurzweil, daß ich, der Kommandeur und Offizier uns fast zu Schanden gelacht hätten.

Sonst halten es die Holländer auf ihren Schiffen sehr accurat, rein und strenge. Wer was thut wider ihre Ordnung und Gesetz, fluchet, sich schläget, mit dem Messer sticht oder schneidt, wie sie pflegen zu thun – gleich das Messer durch den Hut stoßen und damit einander aufs Leder gehen – oder ohne Not nicht zum Gebet kommet: da ist gleich Standrecht über ihm gehalten, das Urtel gesprochen und an ihm exequieret wird: entweder vor dem Mast von allen mit einem Stück starken Tau oder Zeil, so viel Schlage, als ihm zuerkannt, auf die angezogenen Broken, oder er vors bloße Gatt geschlagen wird, oder auf ein oder zwei Monat Sold gestraft, oder gar mit einem Seil etliche mal in die See geworfen wird.

Es darf kein Mensch aufm Schiff sein'n Behuf thun; es sei denn, daß er sehr krank ist, sondern muß hinaus, auf den Schiffborden, treten, mit einer Hand die Hosen und mit der andern ein festgemachtes Tau, sich anzuhalten, ergreifen, obgleich das Schiff im vollen Segeln hin- und herschwanket. Welches mir wohl eins der größten Anliegens gewesen, bis ich solches von dem Kommandeur erlaubet bekommen, in seiner Kajüte auf das gemachte Privet zu gehen, welches mir aber zuweiln übel abgewaschen, und ich pfütznaß herauskam; weil, wenn das Schiff mit seinem Hinterteil jählings in die Tiefe fiel, die See zum Gatt, oder Loch, in die Höhe quetschte; darum mußte ich den Vorteil wohl in acht nehmen.

Ich hatte es sonsten gut bei den Leuten. Insonderheit hielte der Kommandeur viel von mir; also, daß er nichts thate, er fragete mich darum. Er gab mir Rotterdamer Bier, Wein, Branntwein, Konfekturen. Und höreten mich überaus gerne diskurieren. Wollten mir ofte nachreden; aber sie konnten nicht.

Den Kajüt-Wächter, welches seiner Schwester Sohn war, hatte ich nebenst dem Koch auf meiner Seite; welche mir manchen guten Bissen und Trunk zubrachten. Aufs Letzte ward ich so kühne, wann der Kommandeur den Rücken wendete, daß ich selbst in die Kajüt lief und mir einzapfte, was ich wollte.

Sonsten aber stund bei dem großen Mast ein groß Faß, in die Höhe angebunden, mit Wasser, das oft stinkend und voll kleiner Würmer war, zum allgemein'n Trank. Und oben, auf Stangen, lag Zwieback gnug, welcher zerschlagen und eingeweichet werden mutßte in Wasser. Sonsten konnte man es nicht essen, so hart und schimmlig war es. Alle Wochen aßen wir wohl dreimal in Wasser gekochte Grütz, Erbsen, Linsen, Stockfisch, eingesalzen Rindfleisch, Schweine- und Hammelfleisch und Speck und viel Butter.

Wann sie aßen, und war windig, mußte allezeit einer die Back, das war eine hölzerne, große Schüssel, halten. Sie lagen alle an der platten Erde; mußte jeder seinen holzen Löffel bei sich tragen; denn sie alles mit der Hand oder Löffel essen und wenig Messer gebrauchen. Wann nun die Back bald aus, und der sie für das Schwanken des Schiffs gehalten, stehet, daß seine Portion gnug, schreiet er: »Lentz, lentz!« – Da hören sie alle auf einmal auf.

Kommen ohne Gebet, und gehen ohne Gebet weg. Außer, des Abends gerufen und geläutet wird zum Gebet. Und da muß jeder herzu, oder wird gestraft. Des Morgens geschiehet solches auch. Darnach wird zum Essen gerufen. Der Beter oder Kommandierer oder der Meister halten das Gebet und wird Sonn- und Festtages das Evangelium sambt der Auslegung deutlich vorgelesen.

Nun habe ich öfters bei mir erwogen, daß es dem allmächtigen GOtt gefällig, daß Er auf der Erden nicht allein, sondern auch im wilden, wüsten Meer mit Menschenzungen gelobet und gepreiset, sein heiliger Name angerufen und verherrlichet werde, welches wahrhaftig mit solcher Inbrunst und Andacht geschiehet, als wohl nicht auf der Erde; weil die Not öfters sehr groß und ihnen allen der Tod alle Augenblick unter so vieler Gefahr gedräuet wird. Hier hat David schon von im Psalm gesungen: »Herr Zebaoth, die Himmel und das Meer loben Dich und preisen Deine große Güte, Du schaffest sichere Wege im Meer ec.«

Jawohl, sichere Wege! Denn die Schiffer und Steuerleute durch ihre Instrumenten, die Höhe der Sonnen, die Landkarten, den Kompaß und Grundlot gar eigentlich wissen, wo sie sind und wo sie fahren sollen. Ich bin mit dem Steuermann wohl drangewesen; und wollte mir's lernen; aber die Kunst war mir zu weitläuftig.

Und hatte sonst zu thun gnug mit den Leuten, mit Flicken und Waschen, welches jeder selbst thun muß, will er vor Ungeziefer, derer erschröcklich viel und groß immer die Masten hinauflaufen, sich retten. Da nimbt man die schwarze Wäsche in eine Balje oder Faß, giesset süß Wasser drauf (denn Seewasser kann man weder trinken noch damit waschen), dann schmieret man das Zeug mit Seifen und tritt mit barfüßen Beinen den Wust raus; wann das oft gethan, denn spület man es in 5eewasser aus und hängets im Schiff auf; so im Augenblick trucken. Denn man glaubet's kaum, wie die Seeluft dick, salzig und austrucknet; daher es einen immer hungert.

Und hab ich in Wahrheit oft den rohen Stockfisch auf dem Anker geklopfet und mit dem größten Appetit gessen. Dazu wohl mit geholfen hat, daß – auf Einraten eines guten Freundes – ich wohl sechszehen Kannen Franzwein mit eingeriebenem Meerrettich mitnahm und davon täglich, vor den Scharbock, zwei Gläser trank. Ich muß's in Wahrheit diesem Mittel, nebenst GOtt, zuschreiben, daß ich vor dem Scharbock präservieret. Die andern alle waren dran siech und konnten durch kein Mittel kurieret werden, als bis wir in Spitzbergen, welches außer Zweifel am äussersten Ende Americae und unterm Nordpol gelegen, den daselbst wachsenden Schlath und Erfrischung bekamen,

Derohalb, und weil wir unser Schiff so bald glücklich und reich gnug beladen, auch daß die Zeit der Monatgelder denen Leuten zuwachsen sollte, machten wir uns aus dem Eis süd-nord und höreten unterweges ein grausames Gebrüll, gleich eines Kalbes, auf zwei Meiln. Unsere Leute mutmaßten: es wäre ein Nordkaper, oder großer Fisch. Da wir mit dem Schiff herzugesegelt, war es also ein großer Fisch, aber ganz anders gestalt, als ein Walfisch. Unser Kapitän wollte anfangs die Mühe nicht dran wenden, weil er nicht großen Nutz gäbe. Jedoch ließ er sich bereden. Und setzten die Schaluppen aus; gaben dem Fisch eine Harpun und wollten ihn länzen. Allein der Fisch wehrete sich grausam, sperrte etliche Mal seinen großen Rachen auf, als wollte er sie alle verschlingen. Nach langem Geschrei und Arbeit ward er doch getötet.

Dieser Fisch gab wenig Nutzen, außer das wenige Speck. Allein es war etwas Besonders, daß er auf seiner dicken, schwarzen Haut viele hundert, ja tausend elfenbeinerne, gedrehete Schneckhäuser so fest sitzen hatte, daß sie tief mußten ausgeschnitten werden. Sie waren größer, als ein groß Schneckenhaus. Ich habe selbige wohl sechs bis acht Wochen behalten, wann ich sie in die Sonne brachte, so kroch ein Wurm heraus, gleich einer Schnecke,zog sich auch wieder ein. Und glaube ich: dies sei eine Art von Seeläusen, welche sich in des Fisches Haut setzen und nach und nach so feste einwachsen.

Hafen (Bay oder Revier in Spitzbergen. –Ausschnitt aus: Friderich Martens »Spitzbergische Groenländische Reise-Beschreibung« (Hamburg 1675)

Wir gingen also unsern Kurs nach den Spitzbergen zu. Unterwegens schwamm ein großer Bär in der See, wohl hundert Meiln von Land und Eis. Diesen Braten wollten wir nicht aus den Händen lassen. Setzten deshalb die Schaluppen ins Meer und ruderten auf den Bär los, welcher gern ausgezogen, aber viel zu langsam gegen unsere Geschwindigkeit fortkonnte. Er wollte sich anfangs wehren; tappte mit den Pfoten nach den Schaluppen, selbige umb zu reißen; aber sie klopften ihm auf die Finger; endlich warfen sie ihm die Schlinge umb den Hals und da mußte er vor allen drei Schaluppen hertrecken, er wollte oder wollte nicht, nach dem Schiff zu; da kriegte er so viel Schläge mit den Fußhölzern, auf welchen Weg er trecken mußte! Das Volk aber sang dazu ein Liedlein.

Als sie den Bär ans Schiff gebracht hatten, wurde er mit der Schlinge umb den Hals so hinaufgewunden, daß er notwendig erworgen mußte mit seinem schweren Körper.

Allein, als er über Bord ins Schiff geworfen wurde, und eine gute Zeit vor tot gelegen, so richtet' er sich mit einmal wieder auf, und – auf die Leute los! Da hätte man sollen sehen, wie alles Volk in die Wände, das ist in die Strickleitern am großen Mast, hinaufliefe (ich selbst mußte mich also retirieren), bis daß der Kommandeur aus der Kajüt mit einer Flinte kam und den Bär durch den Kopf schoß. Da war die Komödie aus und wurde er geschlacht, sein weiß Kleid ausgezogen und er gegessen.

Ohngefähr schreit die Wachte auf dem großen Mastkorb: »Land, Land!« Da wurd jeder froh; machten die Anker zurecht und liefen unter einem Sturm zwischen die Klippen ins WaigatWaigat = Hinlopen Straße auf Spitzbergen. »Diese Strasse wird der Waigat genennet, weil die Südwinde allda hefftig wehen. Dieses Waigat ist wohl zu unterscheiden von demjenigen bei Nowaja Semlja.« ein. Wir wurfen die Anker und setzten die Schaluppen ins Meer. Das erste war, daß wir die Kranken an Land brachten, welche wie das Viehe zum Teil mit dem Maul das Schlath, welches eine Art Kraut, fast wie das Löffelkraut, van der Erde fraßen und in drei Tagen alle gesund wurden.

Wir hatten Mangel an frischem Wasser. Deshalb wir ReviereRevier = fahrbare Wasserstraße, Fjord. suchten und fanden, welche von dem Schneetau entstehen, der von den hohen Felsen häufig und mit großem Brausen herabfällt und große Ströme macht.

Ich habe mit Erstaunen gesehen, was für unbeschreibliche Menge von allerhand Vögeln, wilden Gänsen, Enten, Fasan, Papagei, Eisvögeln und vielhundertlei mehr, auf den Klippen, Eiländern und kleinen Insuln waren. Deshalb unsere Leute zur Erfrischung auf den Inselchen die Eier holeten und aßen. Probireten selbige aber erstlich auf Wasser, die da schwammen und untersunken. Die aßen wir alle Tage, gekocht, sauergemacht, auf Butter geschlagen. Wir schossen auch viel Gänse, Enten und Vögel zum essen.

Wir kriegeten jeder eine Flinte, Pulver und Schrot, ich auch; und hatte der Kommandeur meine selbst geladen; vielleicht zur Kurzweil, und nicht aus böser Meinung, doppelte Ladung gegeben, welches mich gar bald zum jämmerlichen Tode gebracht hätte. Denn, da ich auf einen hohen Felsen, dicht am Meer, den Vögeln recht nahe zu kommen, geklettert, und kaum so viel Raum, mit den Füßen zu stehen, hatte, unter mir aber eine unendliche Tiefe ins Meer war, zog ich auf ein'n Tropp Vögel los. Das Ding gab mir aber einen solchen Schlag an'n Kopf, daß ich anfing zu taumeln, zu allem Glück aber mit den Händen den Felsen und Geröll fasse; sonst wäre ich ohnfehlbar den Felsen hinuntergestürzet ins Meer, und wär meines Gebeins nichts ganz geblieben; wie es meiner Flinte ergangen, welche den Felsen hinunter in tausend Stücke zerschmettert. Ich danke abermals GOtt vor gnädige Erhaltung und steig vom Felsen, wollte nicht mehr Vögel schießen.

Einige von unsern Leuten kamen und sagten: sie hätten am Seestrande, an Felsen, Walrossen gesehen. Dessen der Kommandeur froh war und gleich die Mannschaft auf vier Schaluppen mit Flinten und Äxten mitnahm, mich auch, wann etwa einer verwundet, wie es bei des Thieres Fang zu geschehen pfleget, ihn zu verbinden.

Wir kamen an den Ort, wo drei grausame Thiere beisammen lagen. Sie hatten Köpfe, wie Ochsen, aber wohl dreimal so groß, gräßliche Augen, einen Bart, auf jeder Seite einen großen, langen, weißen Zahn, so das beste Elfenbein, und einer wohl drei bis vier Pfund und mehr wiegt. Der Leib ist groß, dick, schwarz und stark, wie die größte Bierkufe. Hat vorne zwei große Flarren, womit er sich fort rudert, aufm Lande aber damit forthutschet. Hinten ist er gestalt mit einem Schwanz, wie ein Seehund.

Sobald sie uns sahen, dreheten und hutschten sie nach dem Meer. Allein unsere Leute waren ihn'n gleich auf dem Hals, schlugen sie, ohne sich vor ihrem Gebrüll und Geblöke zu fürchten, mit großen Knütteln und Hebbäumen in Hals und Genick (welches sie nicht vertragen können), ja schossen endlich selbige durch den Kopf, daß nicht einer davon kam. Sie wurden da gleich abgezogen, das Fett und Zähne ausgehauen und ins Schiff gebracht.

Denn ging es auf die Rehenjaged. Und wurden unser zweiundzwanzig Mann mit Flinten, Kugeln und Pulver dazu kommandieret. Die andern mußten auf dem Schiff bleiben mit der Ordre: daß, wo wir uns ja sollten im Lande verirren, sie mit einem Stückschuß ein Zeichen uns geben sollten.

Wir nahmen einen Kompaß mit und Proviant, Branntwein ec. und gingen weit ins Land ein, bis wir gleichsam in einer Aue, wo das Schlath, wovon oben gemeldet, wie Gras, da, wo von den von'n Felsen herabfallenden Schneewassern ein Strom gemacht, gewachsen. Da stunden wohl zweihundert solche Thiere, welche in Größe eines Esels und grau mit langen, zottlichten Haaren und Ohren, wie Eselsohren; tiefe Augen, darüber lange Haar gewachsen; gespaltene Füsse, wie ein Hirsch und Rennthier (wovon hernach), ohne Schwanz, nur ein'n Sturz hatten und auch keine Hörner, wie die Rennthiere.

Diese stunden da beisammen und weideten sich. Der Kommandeur hieß uns alle ausziehen und das Rauche rauskehren, auch die Mützen. So mußten wir mit den geladenen Flinten auf solche loskriechen, von allen Seiten. Es sollte aber keiner schießen, er hätte denn zuvor geschossen. Ich hatte mich mit meiner Flinte hinter einen Stein gekrochen, und kamen mir die graulichen Thiere so dicht auf den Hals, daß sie mich anschnarchten. Und lief keins vor uns weg. Bis endlich der Kommandeur anschlug und schießen wollte. Als ihm aber die Flinte wohl dreimal versaget, wollte ich nicht länger warten und schoß drein mit Kugeln und gehauenen Kugeln. Davon einer gleich zur Erden stürzte, der andere aber im rechten Lauf, bei der Hüft, getroffen war, davon er rumhinkete. Sie liefen darum nicht, noch scheueten sich. Da ging es an ein Schießen, umb und umb, daß wohl acht bis neun Stück fielen. Der Kommandeur wollte sich immer zerreißen. Noch mehr aber wurde er heftig bös, als er sähe, daß ich aufsprang und das lahme Thier, das immer nahe bei mir herumging, beim Halse kriegete und ihm mit meinem großen, holländischen Messer die Gurgel abstieß. Da warden die Thiere scheu und liefen mit schnellem Lauf fort!

Der Kommandeur fluchte sehr auf mich, daß ich ihm den Kram verdorben; sonst hätte er sie alle bekommen wollen. Allein ich lachte drüber, fragend: was er mit so vielen machen wollen? – Er aber sagte: es war das delikateste Wildbret; könnte es in Tonnen salzen und die Fell teuer verkaufen. – Doch mußte er sich gnügen lassen, was da war. Vier und vier packten eins auf stangen und Bootshaken und trugen's nach dem Schiff. Gab Ordre: wieder zu kommen! – Ich und der Kommandeur blieben allein und gingen, die Thier wieder zu suchen; allein, wir fanden solche nicht wieder. Und weil es allzeit Tag war, waren wir wohl drei Tage ins Land hinein; fanden lauter Einöden, kein Bäumlein oder Sträuchlein, außer oftgedachten Schlath, als wovon die Thiere und Vögel sich nähren und so fett werden.

Ich ward fast ohnmächtig, so weit zu gehen; und die pochette war auch all, mit dem Branntwein und Toback; deshalb ich mich oft mit meiner Flint niedersetzte; der Kommandeur aber nicht; denn er war ein junger, starker Mann und der Strapatze gewohnt.

Als er sahe über dem Revier, wodurch wir waten könnten, einen großen Bär stehen, wollte er durchaus hinüber und selbigen totschießen; und ich sollte mit. Ich hatte gnug zu wehren und zu warnen, indem ich ihme vorstellete: ich war kein guter Schütz, und er könnte fehlen, da kostet's unser beider Leben. – Endlich ließ er's bleiben und ging mit mir fort, den Berg hinauf, nach der See sehende.

Aber ich konnte nicht mehr vor Mattigkeit und fiel immer übern Haufen. Da nahm er seinen Hut voll Wasser, so da vom Berge lief, und begoß mich; wollte mir zu trinken geben davon. Allein es ging mir, wie jenem Schneidergesellen, der da geschrieen hatte: »Mester, Brot, Brot!« – Denn ich war ganz verschmacht vor Hunger.

Als ich nun so am Berge liegen blieb und er mich nicht weiter bringen kunnte, lief er auf den Berg und schoß die Flinte los, den andern Losung zu geben.

Es ware auch kaum eine Stunde, da waren die andern wieder bei uns und brachten 'ne pochette, Branntwein, Wein und Tobak. Wir saßen da und speiseten und tranken, so gut wir's hatten. Und da wurd's besser mit mir, daß ich wieder marschieren kunnte nach dem Schiff. Da war indessen von dem Wild gebraten und gesotten, so lange es währete, und schmeckete uns trefflich schön.

Zudem konnten wir auch schöne Fische angeln; zumal die frischen Butt, oder Schollen, mit einer dreizinkigten Gabel stechen: zumal wann Ebbe, wohe das Meer wohl eine gute halbe Meil eingefallen; und konnte man weit ins Meer gehen, Muscheln suchen und Krabben. Hingegens, wann nach sieben Stunden Flut kam, gleichsam gewalzet, richten sich die Schiff wieder in die Höhe, welche in der Ebbe auf der Seite und im Sande liegen.

Nach Verfliessung einer Zeit hoben wir unsere Anker und gingen in See, längstens der Küste hin. Weil es schön, hell Wetter, konnten wir weit ins platte Land sehen. Sahen aber nichts, als dann und wann weiße Hasen, weiße Füchse und viel Vögel. Unter andern war einer – viel größer, als der große Truthahn – am Seestrand, war ganz rauch, wie ein Schaf, und schreiete immer erschröcklich graß in die See hinein. Ich wurd berichtet (und mir auch der Name benennet): daß seine Federn sehr kostbar und dem Könige gebracht werden müßten.

Wir entdeckten im Lande weit hinein etliche Berge, welche, da die Sonne auf schien, wie pures Silber und Gold blitzten und schimmerten.

Ich lag dem Kapitän sehr an, daß wir dahin und sehen wollten, was das wär? Ihm dabei erzählete: wie ich in Kopenhagen gehöret, daß der König etliche Schiff ausgerüstet, die nordischen Länder zu erkundigen; und einer davon dergleichen Silberberg angetroffen, in dieser Höhe, davon er ein ganzes Schiff voll eingeladen und nach Kopenhagen gebracht. Vermeinet', es wäre lauter Silbersand.Silbersand; vgl. »Ausführliche Beschreibung ... Grönlands ... durch S von V.« (Nürnberg 1679) S. 74f. Als es aber der König probieren lassen, konnte nichts draus gemacht werden. Worüber der Schiffer ausgelacht und verhöhnet worden. So er sich zu Gemüth genommen und sich ins Meer gestürzet; seine Gesellen sich aber zerstreuet hätten. Nach langer Zeit kombt ein erfahrner Alchimiste über das etwa Zurückgebliebene und machet das herrlichste Silber draus. Worauf der König erkundigen läßt: ob noch ein Schiffer oder Mann da wäre, der den Ort gewußt? Aber da war keiner zu finden mehr. Deshalb andere Schiff mit großen Kosten wären ausgeschicket worden; hätten aber niemals dergleichen wieder gefunden.

Aus: Heinrich Sivers »Bericht von Gröhnland« (Hamburg 1674)

Allein, alles Zureden ungeacht, wollte der Kommandeur nicht dahin, weil viel gefährliche Klippen da herum und auch ein Seestrudel, welcher zu gewissen Stunden die See gewaltig in sich und alles, was ihm zu nahe kombt, verschlinget. Dergleichen in diesem Meer viel sind. Ich auch mutmaße, daß davon Ebbe und Flut herkommen müsse.

Wir stiegen zwar ans Land, uns auf die Heimreise mit frischem Wasser zu versorgen, weil da Quellen waren. – Es war eben der Ort, allwo die Holländer unterschiedenemal versuchet, über Winters zu bleiben, und sähe man noch die rudera von Bauwerk, Wände und Füllmund,Füllmund = Grund oder Grundbau eines Gebäudes, einer Mauer usw. aber sie haben's niemals prästieren können, weil die Leute alle jämmerlich gestorben, von Gespenstern, Geistern und Bären erschröcklich geplaget, endlich vom Scharbock krumm-zusammengewachsen und tot gefunden worden. Also ist nicht möglich, daß da Menschen leben können im Winter vor großer Kälte, Schnee und Finsternis, welche sich zu Ende des Septembris anhebet und währet bis in medio Aprilis.

Besser aber nach Süden und Westen hinunter, ist es besser und nach West-Indien, welches eigentlich das rechte Grönland benennet wird. Da wohnen Leute; wild und sehr klein; nähren sich vom Fischen und Jagen; haben ihre Wohnung in der Erde; fressen die toten Walfisch, wenn, wie oben gemeldt, solche vom Schwertfisch getötet und an Land getrieben werden; saufen und fressen Fischthran. Und dies Grönland ist ein fußfestes Land mit Amerika: wie ich ebenfalls Spitzbergen dafür halte; ist mehrenteils unerkannt, weil es hoch am Nord- Polo und wegen großer Kälte und Finsternis niemand vor Eis hinkommen kann.

Wir machten uns segelfertig, nachdem wir da ziemlich gefischet und uns wohl erfrischet. Gingen mit einem Südwesten-Wind in 5ee, willens nach dem Cap del nord zu segeln. Allein der Wind wurde uns zu stark und konträr, daß – ohne erachtet alles Lavieren – wir nach Island ganz verschlagen wurden. Nun war es wohl unsere Reise nicht; allein gezwungen von Wind und Wetter liefen wir in eine Bay ein.

Sobald wir da Anker geworfen, kamen die Leutchen mit Kanoes (welches kleine Schiff von Baumrinden, mit Thiersehnen zusammengenähet; in etlichen nur ein einiger Mensch sitzen kann; und tragen solchen, wohin er will) zu uns ans Schiff, brachten uns Milch und frische Fische und dergleichen; waren sehr gütig und freundlich mit uns.

Unser Dolmetscher redete viel mit ihnen, wie wir an Land gestiegen, von des Landes Beschaffenheit und von dem brennenden Berg, so mitten auf dieser großen Insel nebenst vielen Bergen lieget, als man von Ferne sehen kann. Er brennete aber diesmal nicht. Und geschähe solches nur zu gewissen Zeiten, wann der Teufel Seelen brächte. Denn sie ganz gewiß dafür halten, daß da die Hölle sei. wie sie denn sagten: daß oft grausames Geheule und Stimmen sich hören ließen.

Die Leutchen sind sehr abergläubig: erkennen zwar GOtt, den Allmächtigen, Schöpfer Himmels und der Erden, und haben auch ihre Priester, aber dabei sehr abgöttische; machen sich aus allem etwas. – Wir handelten viel gedörret Fische, Lachs, RekelRekel = eingesalzene, getrocknete lange Streifen, die aus der Haut und dem Fett einer Art Schollen geschnitten sind. und dergleichen von ihnen. Aber Geld wollten sie nicht nehmen; sondern allerlei Schnallen, Spiegel, Gürtel, Leinwand, alte Kleider und dergleichen.

Als der Wind gut wurde, segelten wir ab, immer nordost an, und sahen in acht Tagen zur Rechten Land, das Nordkap. Und obwohl wir schon ein reich beladen Schiff hatten, wollte doch der Kommandeur noch vor sich handeln, sonderlich weil es noch Zeit war, und er den Schiffleuten, welche meistens seine Freunde, Gevattern, Vettern und dergleichen waren, völliges Monatgeld zuwenden wollte.

Wir gingen derohalben immer weiter und bis ins Weiße Meer, ja gar bis Nowaja Semlja, da wir wider willen vom Winde getrieben wurden. Setzeten bisweilen Volk an Land, allwo der Kommandeur selbst mitging und alles wohl erkundigte, weil kein Schiff sonst an Land kommen und mit den Leuten handeln durfte; es mußte alles im Verstohlenen und behutsam geschehen; denn der Zar das bei Leib und Leben verboten und da gewisse Vögte am Seestrande hielte. Es geschähe aber doch; und handelten wir von den Leuten schöne Zobel und ganze Dächer von andern Thierhäuten.

Da habe ich erstaunet über das Volk, welches sehr klein, und die Köpfe ganz in'n Schultern stecken; tragen Köcher und Bogen- und lange Schuhe von Rennthieren; item alle ihre Kleider, Mütze und Strümpfe sind von Rennthieren; das Rauche auswendig; und konnte ich keinen Unterscheid unter Mannes- und Weibespersonen erkennen; dann sie einerlei Habit anhatten; ausgenommen: die Frauens ein'n Gürtel umb den Leib hatten, daran viel Tändlei, als Ringlein, Moscheln, Schnecken und dergleichen; das Mannesvolk aber gemeinlich, nebenst Köcher und Pfeilen, ein'n Pfeil an sich stecken hatte. Sie fahren mit ihren Rennthieren, welche wie ein Hirsch gestalt, wie ein Blitz davon, derer drei bis vier vor eine Koje gespannet; sind ganz zahm; und machen davon Butter und Käse, wie bei uns von Kühen. Ihre Häuser sind meist in der Erde, etliche aber in Wäldern auf Schleifen gebauet. Sind im Lande bald hie, bald da und halten keine kommune Dörfer, sondern leben flecker-weise; daher sie auch nicht groß der Herrschaft achten, sondern fliehen davon, Wir gaben ihnen bisweil aus der pochette Branntwein und Tobak, welches eine angenehme Sache bei ihnen war. Dargegen brachten sie uns Milch und Käse von Rennthieren, gedörrte Fisch und geräuchert Aal und Lachs, Felle gnung, auch Fischbein und anders; daß also unser Kommandeur sich wohlbesackte; wir auch viel handelten.

Damit gingen wir fort, rückwärts, und trafen unsere beiden Kamraden, Wilhelm Bastiaenszens Schiffe, am Nordkap im Hafen an, welche schon lange auf uns gewartet hatten und sich sehr erfreueten.

Wir gastiereten etliche Mal einander und gingen alle drei aus dem Hafen, immer südwest ins Meer.

Meines Kommandeurs Bruder war krank. Und wurde ich etliche Mal zu demselbigen mit der Schaluppe geholet. Ward auch wieder gesund, und war ein alter seeerfahrner Mann, unser Schout by Nacht,Schout by Nacht = auf Kriegsschiffen der Contre-Admiral. Schout = obrigkeitliche Person in den niederländischen Städten. wie sie es heißen.

Wir kamen auf die Höhe und bei die Insul Jütland, allwo der Hering gefangen wird; so ich auch vielmals zugesehen. Denn umb selbige Zeit streicht der Hering, viel tausend Tonnen beisammen, ganz oben auf der See, springen bisweiln auf einmal über sich, da es einen Blitz von der Sonne giebet, als wann es wetterleuchtete. Und da sind die Herings-Buysen oder Fischer, je zwei oder vier hinter ihn'n her mit ihrem Netz und streichen soviel zusammen, daß alle Schiff voll werden. Damit fahren sie ans Land; schneiden die Kröpfe aus, salzen sie ein und pressen sie in Tonnen. Von dannen sie nach Holland geschafft werden.

Das Salz machen sie auf dieser Insul also: es sind in der Nordsee viele Salzquellen, wie durch das ganze Meer; da geben die Leute acht auf und graben neben der See große Teiche; wann nun Flut in der See, so tritt die See dahin nein; in der Ebbe machen sie den Damm wieder zu und lassen's so stehen, bis durch die Sonnenhitze das Salz gewürket wird. Dergleichen Teiche haben sie viel. Etliche aber kochen's gar mit Torf, wie in Holstein, Engeland und Dänemark nicht viel Holz und sehr teuer ist.

Wir hatten einen starken Süd-West-Wind. Da lag ein groß frantzösisch Schiff, so damals Orlog mit Holland hatten, gegen uns. Die Wache vom Mast sahe ihm von weitem und schreit: »Frembd Schepp, frembd Schepp!«

Da kamen alle Mann oben und sahen gleich: daß es ein frantzösisch Schiff war durch den Kieker oder Perspektiv. Der wurf anfänglich dänische Flaggen aus, uns damit sicher zu locken; denn er vor dem Wind lag und nicht zu uns kommen konnte. – Der Kapitän sagte gleich: »Das ist Feind, ein Gaudieb und Jean Barth!«,Jean Barth (1651–1702), der Sohn eines Fischers aus Dünkirchen, war ein gefürchteter Korsarenführer und stieg in französischen Diensten bis zum Admiral auf. welches damals der berühmbte Seeräuber war. Er hatte hinten ein ganz vergüldetes Schiff, so in der Sonne sehr blitzte, und wohl drei- bis vierhundert Mann mit dreißig oder mehr Kanonen aufm Fregatt.

Unsere Makkers, oder Kamraden, rochen gleichfalls den Braten, gaben einander Zeichen und legten sich im halben Mond zusammen, immer lavierend, daß wir nicht zu jenen wollten. Indessen wurde alle unser Volk mit Ober- und Untergewehr versehen. Die Konstabel brachten die Stück zum Gatt, scharf geladen. Umb den Schiffbord wurden Hölzer aufgesteckt, und die starken, gepichten Tau, als eine Brustwehre, ringsumb angebunden. In summa: es war alles fertig zum Schlagen.

Ich sollte und mußte in'n Raum, unten ins Schiff, in die Pulverkammer; weil, sagte der Kommandeur, der Mester der nötigste zum Verbinden sei. Ich konnte aber da nicht lange dauren, weil es mir zu gefährlich schien, und die Leute mit dem Pulver und Lunte hin- und widerliefen.

Als der Franzmann nun sahe, daß er mit alle seiner Bemühung nicht konnte zu uns kommen, wir auch durchaus nicht zu ihm wollten, schoß er unterschiedene Mal auf uns und warf französische Flagge aus. Schoß auch und traf unsern Besanmast,Besanmast = bei Dreimastern der hinterste Mast. daß alles donnerte und übern Haufen fiel. Wir schenkten ihm auch nichts; konnten aber mit unsern eisernen Stückn so weit nicht langen.

Wir brachten so den Tag vollends mit ihm zu, bis es begann, dämmrig zu werden. Da ließ unser Schout by Nacht eine Rakete steigen und setzte hinten aufs Schiff eine brennende Laterne und segelte also seitwärts Windes Norden zu. Wir hinten nach und kamen also im Düstern vom Feinde in der Geschwindigkeit weg. Denn wohl zu glauben: wann er uns aufn Hals gekommen, er uns bezwungen und alles genommen hätte! Wie wir hernach in Holland erfahren, daß es andern nach uns geschehen ist.

Inzwischen war der Wind so gewaltig, und der Sturm so heftig, daß die Wellen immer himmelan stiegen und das Meer vor dem Schiff, wie lauter Feuer und Flammen, brannte, wie es in der Nacht so pfleget von den Salzteilchen auszusehen. Wir mußten endlich die Segel einziehen. Da wurd das Schiff mit Gewalt immer näher an die nordischen Klippen geworfen, daß wir alle Augenblick vermeineten: Schiffbruch zu leiden, und alle ersaufen müßten, weil die Felsen da sehr hoch im Meer liegen und kein Strand ist, wie wir vor Augen sahen. Wir befahlen uns alle GOtt und arbeiteten aus ganzer Macht, von den Felsen und Klippen zu kommen, welche ich gar eigentlich sahe, dicht am Schiff, wann die See dünete. Der grausame wind wurf die ankommenden Seewellen dergestalt an die Felsen, daß sie wohl funfzehen bis zwanzig Ellen, wie Feuerfunken, umbstobn.

Bergen in Norwegen. – Nach: »Tonneel der vermaarste Koopsieden en Handelplaatsen« (Amsterdam 1682 bei Johann Janssonius' Erben).

Unsern Makkers, oder Kamraden, ging es nicht besser; doch waren wir nicht mehr beisammen, sondern voneinander gestreuet. Und waren halbtote Leute bei diesem Elend; zumalen wir alle Augenblick: »Reff!« schreien mußten; sonst war das Schiff auf die Felsen gelaufen.

Ich sahe mit Schröcken immer etwas Großes und Grünes, wie Moos, als ein'n Berg, oder Stück Land, bei unserm Schiff herschwimmen, das Schiff mochte sich wenden und fahren, wie es wollte. Was es gewesen, weiß ich noch nicht. Andere, die es auch sahen, wußten's auch nicht. Etliche vermeineten: es wäre ein treibend Stück Land. Etliche hielten es vor ein Gespenst oder See-Geist.

Endlich half der liebe GOtt, daß uns Wind und Wellen in eine Bucht vor dem Wind zwischen die Felsen schmissen. Da ließen wir einen Anker fallen. Der war aber wie ein Faden zerrissen und weg. Die Wogen trieben uns mit Gewalt besser hinein. Da ließen wir den andern Anker fallen. Allein, der riß auch, wie ein Blitz, weg. Da ward ein groß Geschrei aufm Schiff; und sahen, alle Augenblick das Schiff scheitern und zu Grund gehen. Doch wurfen wir den Notanker ins Meer; der hielte, daß das Schiff zitterte mit Stängen und Masten, wir brachten noch mehr große Haken zur rechten und linken Seite aus. Da lag das Schiff, still. – Wir danketen und lobten GOtt inniglich, der uns so gnädig erhalten hatte, in einer Betstunde.

Als das Meer wieder still wurde, holeten wir unsere Anker wieder ein. Und ward mit einem Stückschuß angezeiget, wo wir waren. Und kamen auch alle drei behalten wieder zusammen. Dies war ohngefähr oberhalb Bergen in Norwegen.

Wir repariereten unser Schiff, weil es in dem gewaltigen Sturm sehr leck geworden und brachten die Zeit mit Fischen und wilde Gänse- und Entenschießen zu. Ich habe mein Tag nicht mehr Fisch, als in der Baye, gesehen. Ganze Klumper gingen miteinander. Sonderlich der Hai, von welches Haut die rauhen Messerstiel und Säbelscheiden gemacht werden. Dies ist ein Fisch, etwa vier bis fünf Ellen lang, schwarz, fast wie ein Karpen gestalt, doch mit einer aufgeworfenen Schnautze. Er ist ein großer Raubfisch und frißt alles, was ihm vorkombt, aber keinen einzigen von denen, die ihn immer da begleiten und umb ihn continue bei großer Menge herschwimmen, wie ich mit Augen vom Schiff gesehen habe. Er ist von der Kapazität, wann ein Mensch sich badet, oder sonst in die See fället, selbem einen Arm oder Fuß abzubeißen; so scharfe Zähn hat er.

Unser Kommandeur handelte noch viel Stockfisch, welcher da häufig gefangen und auf Leinen in der Luft getreuget und dann zu uns gebracht wird. Da sind ganze Scheunen voll, wie bei uns Getreidig.

Wir machten uns alle drei wieder fertig auf die Heimreise und huben bei Moyen-Wetter die Anker auf, segelten immer die nordische Küste, allwo es schrecklich viel kleine Inseln hat, her und trafen aufm Sand in der Sonne viel Seehunde an, welche da spieleten und sich sonneten. Da mußten vier Schaluppen mit Volk hin. Und schlugen wohl hundertundfunfzig tot; welche sie alle auf das Schiff brachten, die Haut abzogen und das Fett absonderlich thaten; das heißt Berger Thran, und ist besser als andrer. Als sie da ihre Arbeit mit den Hunden hatten, bliebe ich mit Willen im Schiff. Die Thiere wurden hineingeschmissen, übereinander. Und wurden etliche wieder lebendig, welche da rumkrochen und walzten, umb sich bissen, wie die Hunde, und quiekten und murreten. Ich wußte nicht, was ich machen sollte und mußte mich retirieren, bis die Leute an Bord kamen und sie vollends totschlugen und zurechtmacheten. Sie sind ziemlich groß, wie das große Kalb, und sehen artig aus, bunt, mit einem runden Köpfchen, hellen Augen und kurzen Öhrchen; vorne zwei Flarren, damit sie rudern und fortrutschen; hinten wie ein Fisch mit dem Schwanz, doch kolbig und spitz.

Wir segleten Jütland vorbei und stachen nach England über, den Texel vorbei nach Rotterdam, allwo unsere Herrschaft schon von uns Nachricht hatte; uns mit Branntwein und Wein, item Bier den Willkommen geben ließ. Und wurden wohl gespeiset; dabei sich etliche wohl besoffen hatten. Wir blieben noch eine Nacht auf dem Schiff. Des andern Tages bekamen wir unser Monatgeld, und ich noch von jedem gefangenen Fisch einen Reichsthaler unsers Geldes.

Mir wurde gesaget: wann ich übers Jahr wieder mitreisen wollte, sollte ich hier, oder wieder in Hamburg, im vorigen Keller, sein. So ich versprochen. – Ich nahm meine Sachen und ging mit ins Wirtshaus, da die meisten logiereten von unserm Volk.

Ich wollte anfangs mit nach Spanien gehen; weil aber damals alles bunt herging, bedacht ich mich wieder: es war teuer zehren, daß ich resolvierte: mit einem Schiff wieder nach Hamburg zu gehen. So auch andern Tags geschahe.

Ich legte mich wieder zu meinem alten Wirte in'n Keller, welcher sich freuete und mich wert hatte. Es ging nach der alten Weise. Und verdienete ich mehr, als ich verzehren that und hatte dabei meinen Willen.

Im Frühejahr kam mein Kommandeur mit seinen Brüdern ordentlich wieder, und war froh, daß ich noch da war. Er ließ gleich Wein langen und warb mich wieder. Ich mußte vor die andern beiden Schiff auch Meisters schaffen. Mein Schiff, »Die Hoffnung«, war ganz neu reparieret und geputzt, lag auf der Reede vor Hamburg.

Als wir uns equipieret und Leute genug hatten, gingen wir den 15. Mai an Bord und fuhren die Elbe hinauf, Stade und Glückstadt vorbei, wo wir die Segel streichen mußten, mit drei Schüssen.

Hamburg i. J. 1696. – Nach: Wolfgang Henrich Adelungk »Kurtze historische Beschreibung der Stadt Hamburg« (1696).

Gleich noch auf der Elbe hatten wir Sturm und konträren Wind. Deshalb wir in Ritzebüttel zwei Tage stille anlegen mußten. Denn es die Elbe hinauf viel Sandbänke giebet, und Tonnen an Ketten schwimmen, daß die Lotsen danach fahren können, welche allein das Schiff, auf ihre Gefahr, dirigieren und dafür ein Gewisses bekommen. Hier war eine Warte und Feuerthurm, darnach sich die Schiff in See richten, daß sie nicht stranden; des Nachtes mit brennenden Pechkränzen.

Als sich der Wind wieder geleget, gingen wir wieder in See. Da es anfanges mir wieder ganz schoplich im Leibe ward. Aber weil ich nüchtern auf die See kam und, nach der Lehre, nur eine Handvoll Seewasser, wornach man sich gleich brechen muß, genommen hatte, ging es bald über.

Wir fuhren einen ganzen Monat und wohl vierzehen Tage, ehe wir ins Eis kommen konnten; denn es war überall feste und alles beleget. Wir schwärmten da lange herum, sahen und höreten keinen Walfisch. Endlich funden wir eine große Öffnung und drangen mit unserm Schiff hinein. Und fingen in einer Zeit von drei Wochen fünf Walfisch und fanden einen toten, bei welchem viel Gestank, Eisvögel und Bären waren. Unser Kommandeur, der ein geitziger, hitziger Mann war, wollte immer mehr haben und war nicht vergnüget. Drange deshalb immer, je tiefer und weiter ins Eis, ob es ihm schon etliche mal widerraten. Es half aber nichts. Denn er fleißig Wein und Branntwein trank, wie unser Küfer auch that. Dies war eigentlich unser Böttcher – der'n wir zwei hatten – ein Deutscher, hatte aber wohl dreißig Jahr zur See gefahren, sonst ein nützlicher Mann, der uns auch das Leben und Schiff erhielt. Wie folget.

Der Küfer ward sehr krank; es wollte gar keine Arznei anschlagen,Mittel gegen Seekrankheit: »Die besten Mittel vor diese Kranckheit achte ich starcke Gewürtz im Munde gekauet, dergleichen seynd Cimmet, Neglein, Galgant, Ingber, Muskatnuß und dergleichen, viele meinen die Kranckheit mit Fasten zu vertreiben, welches doch vergebens. Etliche trincken See-Wasser, meynen davon sich zu brechen, welches doch nicht das See-Wasser macht, sondern der Widerwillen.« lange Zeit, und wäre unfehlbar, wie dem Zimmermann geschahe, gestorben. Ich besann mich endlich und fragte ihn: ob er keinen Branntwein mehr hätte? – Er that einen tiefen Seufzer und sagte: »Nein.« – »Ha, ha, sagte ich, das wird eure Krankheit sein.« – Ging hin und holete ein Gläschen von meinem, so er mit großer Begierde austrank. Der Kommandeur fragte mich: warum ich dem Küfer nicht helfen könnte? – Ich sagt: sein Branntwein sei alle, und das ist seine Krankheit. – »Nun, sagte er, wenn's daran mangelt, ich will eine Flasche euch geben, davon könnet ihr ihm allemal eine Portion reichen, daß er's nicht auf einmal aussaufe; ich brauche ihn nötig.« – Dies geschehen, ward mein Küfer bald wieder gesund! Also siehet man, was die Gewohnheit thut.

Der Zimmermann aber mußte dran glauben und starb aufm Schiff an einer verzehrenden Krankheit und lag lange. Ich bin vielmal bei ihm gewesen, und hab ihn seines Todes erinnert und zum fleißigen Gebet vermahnet; wie der Kommandeur und andere auch thaten. Allein, er wollte von nichts wissen und war ein Atheiste, deshalb er auch niehe zum Gebet kam. Lebte also wie ein Esel, starb wie ein Esel und ward begraben wie ein Esel. Denn, ehe man sich's versahe, lag er tot in seiner Koje. Man machte nicht groß Kompliment, trug ihn oben aufs Schiff, band ihn auf ein Brett und faßten ihrer vier oder mehr an, sangen dazu: »Hory fond, hory fond, hory fee« – damit schoben sie ihn über Bord ins Meer. Damit schwamm er hin. Ob ihn die Bär'n oder Seehunde gefressen, weiß ich nicht. Aber sein Gespenst ist vielmals aufm Schiff gesehen worden. Davon ich itzo nicht philosophieren will.

Wir gerieten unvermutet mit dem Schiff und Eis, woran wir lagen, in einen Seezug, welcher uns je tiefer und tiefer an den Nordpol, zu äußerst, hineinbrachte: Wie der Steuermann berichtet, in neunzig Grad. Ehe wir es uns versahen, war die Luft ganz dick und dämmrig, daß man sie greifen möchte, waren umb und umb befroren, daß auf viel Meiln nicht eine Handvoll aus der See geschöpfet werden kunnte. Wir sahen keine Sonne, noch Mond noch Stern. Und regete sich kein Wind noch Luft.

Das währete ganzer vier Wochen. Wir sahen einander traurig an. Der Kommandeur, welcher an diesem Unglück schuld war, ließ sich nicht mehr sehen; befürchtet': sie möchten ihn über Bord werfen. – Einer bedaurete sein Weib, der andere seine Kinder und ich meinen Geiz und Vorwitz, daß ich das andere Mal nicht davongeblieben. Da war Not! In summa: jeder sahe hier keine Rettung, und glaubte: wir müßten alle verfrieren, verhungern und umbkommen!

Ich glaube, daß wohl sein Tage kein Schiff soweit hinein an'n Nordpol gekommen. Die Leute sahen schon aus als halbtot, waren ganz verdutzt und brachten die ganze Zeit zu mit Schlafen. Daher sie vom Scharbock sehr erkrankten. Es wurde Rechnung von unserm Vorrat und Proviant gemacht und die Portionen ausgeteilet, so lange es währen konnte. Die Zeit zur Heimreise verlief nachgerade. Ach, GOtt! was war da Jammern und Klagen! Und konnte kein Mensch, als GOtt, Rat und Hilfe schaffen, zu dem wir herzlich beteten und ruften.

Da ich einsmals in solchen betrübten Gedanken mit dem Steuermann auf Bord hin- und widerging, und wir unsern Zustand einander klageten, solches mit Seufzen und Gebet vereinet hatten, sahe der Steuermann in die Höhe nach der Schifffahne und sagte: »Wann uns der liebe Herr den Wind geben wollte, der konnte uns, nächst GOtt, helfen!« – Ob es nun wohl meines Erachtens ganz schwach war, wehete es doch immer stärker und stärker. Da erhub sich ein Krachen des Eises, als wann große Kartaunen gelöset würden. Und siehe! das Eis brach umb unser Schiff und machte eine Öffnung – erstlich von drei bis vier Lachtern; endlich mehr und mehr eine große Weite. Da rief der Steuermann: »Alle Mannen baben!«

Da kamen die Leute, als vom Schlaf, sahen gleich in die Höhe nach dem Wind und schrieen: »GOtt, Lob und Dank! Dei leiwe Herr will uns helpe!« – Griffen damit an ihre Arbeit.

Von dem Geschrei und Gepolter kam der Kommandeur auch hervor und schrie: »Segel bei, Segel bei!« – Der Steuermann aber: »Nicht alles! wir sind nicht buten Eis; darzu ist Gefahr, daß wir nicht auf ein'n Eisberg mit den Schepp racken!« – Allein, des Kommandeurs Befehl zufolge, wurden alle Segel beigesatzt.

Die Öffnung ward immer größer, und das Schiff, so vom Eis losgearbeitet war, ging immer schneller fort. Jedermann freuete sich, daß wir aus diesem Labyrinth gekommen. Deswegen wurd Betstunde gehalten, GOtt gedanket; und ward den Leuten zu essen und Branntwein gegeben.

Ausschnit aus: C. G. Zorgdragers »Grönländische Fischerei« (Leipzig 1723).

Ich stund eben vor der Kambuse und rauchete aus einer langen Pfeife Toback, als das Schiff, in einem jählings gefallenen Nebel, auf einen scharfen Eisberg mit dem Vörder-Bug rannte, und ein Loch ins Schiff, also groß als eine Merseburger Bier-Kufe, daß Masten und Stänge erschütterten und ich auf den Rücken mit meiner Tobackpfeife fiel. Ich hörete gleich das Rauschen des Wassers ins Schiff. Da hieß es: »Daß GOtt erbarme, daß GOtt erbarme! Nun ist Schiff und alles verloren!« – Jeder rappete, was ihm lieb war, zusammen und stieg über Bord in die Schaluppen – denn das Schiff fing an zu sinken. Da war wieder Not!

»Ach, Herr GOtt, dachte ich, hilf mir diesmal davon; ich will mein Tag nicht wiederkommen!« – Damit nahm ich meinen Beutel mit zwei Hembden, meine Bücher und einige Zwiebackbrot und stieg auch über Bord.

Da kam der Küfer (wovon ich oben gedacht, welchen ich mit Branntwein kurieret hatte) und schrie laut: »Manne, as ju dem Hüs von Holland een Eid hefft schworen, dat Schepp nie to verlaade, blievt do! un zündt mi Licht an, in'n Rum, do to siehen, ob dem Schepp noch to helpe!« – Worauf das Volk wieder zurück ins Schiff sprang und ihm Licht anzündete. Damit er unten stieg. Kam aber bald wieder und sprach: »Well, dat Schepp is to rette.«

Da brachten sie die schweren Stück und Sachen auf die gute Seite des Schiffs, zogen alle Segel ein und legten das Schiff an, mit einem großen Haken, an einen Eisberg; setzten zwei Pumpen ins Schiff, an welchen Tag und Nacht sechszehen Mann plumpen mußten; da kam das Loch des Schiffes außer Wasser, und wir wurden durch GOttes Gnade erhalten.

Der Kommandeur hatte sich indeß in seine Kajüt versteckt und verschlossen, aus Furcht vor dem Volk; weil er an diesem Unglück, wider alle Warnung, schuld hatte. Welcher sich auch, wie ich hernach von ihm hörete, wann das Schiff nicht wär erhalten worden, resolvieret: es in die Luft zu sprengen.

Er schickete durch seinen Vetter, den Kajüt-Wächter – das Volt wieder zu versöhnen – Bier, Franzbranntwein, Wein und alles gnug, es auszuteilen. Endlich kam er selbst herfür und exküsieret' sich auf alle Weise.

Die Zimmerleute und SchiemännerDer Schiemann hat die Aufsicht über die Pumpen. mußten das Loch wieder mit Bohlen, Werg und Teer zumachen. Das währete drei Tage. Hernach legten wir den Kurs ins offne Meer.

Aber da gab es wieder große Gefahr, indem die Eisschollen, welche an der Kante liegen, durch die Gewalt des Windes und der Wellen ans Schiff so hart geschmissen worden, daß die Spähne, als hätte sie ein Zimmermann abgehauen, davonflogen. Hier mußten die Leute mit dem Eishaken scharf wehren. Ich half selbsten, so gut ich konnte. Endlich kamen wir heraus, in die offne See, und danketen GOtt in einer Bet- und Singstunde, daß uns dei leiwe HErr beholen hatte.

Ich bekam von dem großen Schreck, Angst und Alteration, so mir in den Darmen geschlagen, erschröcklich'n Schmerz, daß ich nicht wußte, was ich anfangen sollte. Ich brauchte alles, womit ich sonst andern den Wurm kurieret; aber nichts wollte helfen, bis der Kommandeur zu mir kam und fragte: »Mester, wat schort ju?« – Ich sagts ihn. – »Ju bindt een Mester, und kunt ju silbst nit helfe? legt ju warmen StrundtStrundt = Kot, Dreck jederlei Art. ub.« (Weil ihm dergleichen in See bekannt.) – Ich that solches, von stund an hatte ich Linderung, und half mir.

Wir legten unsern Kurs südwest an und bekamen in sechs Tagen die nordische Küsten ins Gesicht. Unterwegs war schön Wetter und mäßiger Wind. Und hatten sich viel Seehunde da gelagert, viel schwammen noch in See, nicht anders, als badende Hall-Jungen mit den Köpfen anzusehen. Sie schlugen eine gute Part tot und brachten sie ans Schiff.

Als wir die äußersten nordischen Inseln erreichet, liefen wir in einen schönen, gelegenen Hafen, allwo fünfundsiebenzig Schiffe mit zwei Convoyers lagen und unserer lange gewartet. Und weil sie uns verloren geachtet, war die Freude desto größer, als sie uns sahen, hießen uns von jedem Schiff mit drei Stücken, mit Trompeten und Pauken willkommen. Unsere Makkers waren auch schon da.

Ich setzte mich, umb alles wohl zu sehen, welches gar schön ließ, da sie die schönen Flaggen und Wimpel in'n Schiffen weihen ließen, in eine an dem Hinterteil des Schiffes hangende Schaluppe, unter welcher gleich ein sechspfundiges Stück zum Gatt ginge.

Als wir uns nun vor den Willkommen bedankten, und der Kapitän befohlen, die Stück im Vorderteil des Schiffs zu lösen, lauft ein böser Bube mit der Lunte hinter, wo ich sitze – sollte vielleicht ein Possen heißen – und zündet das Stück an. Weil aber die Schalupp nicht hoch gnug über das Stück, reissen die Leinen von der Gewalt, und fahre ich mit sambt der Schaluppe in See. Ich wußte nicht von mir selbst, wie mir geschehen. Doch gab mir solches einen Stich in'n Kopf, als wenn ich mit einem Degen durchstochen.

Die andern sehen das Unglück, kommen gleich, mich zu retten, und ziehen mich heraus, halbtot, legen mich in meine Hängematte. – Da war mein Gehöre weg; worüber ich mich sehr betrübte.

Ich brauchte zwar allerhand Mittel; aber half nichts. Und währete solches wohl vierzehen Tage, ehe ich mich resolvierete und einen deutschen Meister von'n andern Schiff zu mir holen ließ, welcher mir die Ader auf dem Arm öffnen und viel Blut weglassen mußte. Da war es, als wenn mir ein Fell von'n Ohren weggezogen ward; und fand sich mein Gehör wieder. – GOtt sei dafür Lob und Preis gesaget!

Die Schiff lagen da vier Wochen und warteten, bis immer mehr dazukamen; weil es in der See unsicher und Orlog war; daher wir convoiieret werden mußten.

Inzwischen, die Zeit zu passieren, fuhren wir oft ans Land, die Insul Lappen zu besehen. Die Leutchen, so Lappländer, teils Finnen, waren klein von Person, mit Rennthierhäuten bekleidet; die Männer hatten Mützen auf, mit ganz kurzen weißen oder grauen Bärten; die Weiber auch Mützen, wie die Männer, doch hinten zwei Zöpfe, alle eine schnatternde Stimme, wie die Enten, hatten. Brachten uns Milch, Butter und Käse, auch frische Fische von Kabeljau, Rekel, Aal, Dorsch, Lachs und dergleichen, item frische Butt oder Schollen. Thaten sehr freundlich uns alles Gutes. Stunden immer, sahen uns an und huben die Hände auf, sonderlich das Frauenvolk.

Ich kehret oft bei ihrem Priester ein, welcher drei Töchter hatte und mir gar durch den Dolmetscher zumutete: ich sollte dableiben und eine heiraten. Sie konnten sich unerhöret freundlich zu mir setzen, strichen mir die Backen und brachten zu essen, was sie hatten – sonderlich von ihrem Kuchen, oder Brot, welches von dörren Fischen zwischen zwei Steinen gemahlen mit Milch und etwas anders vermenget, und auf heißen Steinen so gebacken wird; es schmecket sehr gut im Anfang; man isset sich's aber bald ekel. Milch und frischgeschlacht Hammelfleisch, item gedörret Fleisch war die Menge.

Weil es nun zeitlich Nacht wird in Septembri und endlichen die Sonne nur täglich ein oder zwei Stunden scheinet, da es sonst allezeit Nacht ist, so sammlen sie das Fett, und aus den Lebern derer Fische und vom Walfisch Thran, und von Seehunden. Das brennen sie statt des Öls und Lichts. Und lobte es der Priester trefflich, als wenn kein besser Land wäre. Und jeder seinen eigenen Sarg in der Kirche hat.

Sie hatten auch eine kleine Kirche, von holz zusammengesetzet, wie bei uns, sans comparaison, die großen Schweinkoben. Da gingen sie zusammen und beteten auf ihren Angesichtern, wann der Priester ihn'n zuvor, stehend vor einem Tisch, auf ihre Sprache hatte vorgeprediget. Sonst waren sie sehr andächtig und, wie sie sagten, kürzlich zum christlichen Glauben bekehret, zuvor aber pure Heiden und der Zauberei sehr ergeben, daß man von ihnen sagte: sie könnten Wind machen, wie sie wollten, wie ich denn mit Augen gesehen, daß sie mit ihren Jollen (darin sie sitzen und fischen mit einem langen Seil von Bast, daran Haken gemacht sind, wohl sechs bis acht Fische, ziemlich groß, auf einmal herauszerren, ehe sie solche aber losmachen, mit einem hölzern Schlägel, so an den Jollen hänget, totschlagen und an einen andern Seil hinten nachschleppen) recht gegen den Wind mit ihrem Segel fahren. Und so wird der Stockfisch alle gefangen, an Bastleinen getreuget und große Scheunen voll sind, davon den Vögten und an die Landvögte kontribuieret wird: ingleichen auch allerhand Thierfelle und ganze Tonnen voll rote und schwarze Beeren eingemacht, derer es auf dieser Insel erschrecklich viel giebet; und in Wahrheit eine rechte Erquickung und Stärkung ist, die wir wohl genossen.

Daher es auch allda viel Vögel giebet, an Fasanen, Rebhühnern, wilden Tauben und dergleichen, die wir geschossen und gessen. Diese rote Beer ist wie eine Erdbeer; aber viel größer und wachset auf Sträuchlein, einer Ellen hoch, sehr häufig.

Ich bin einsmals, um dieser Beern und Vögels willen, auf die Gebürge an der See ganz allein gestiegen, da ich mich kaum der großen Vögel, als ich Beeren pflückte, mit dem Stecken erwehren kunnte; denn sie mir immer nach den Kopf fuhren und heftig schrieen,' ohne Zweifel hatten sie Junge, oder Eier, und wollten mich nicht herzulassen.

Als ich mich satt gessen hatte, stieg ich noch höher auf den Felsen an der See, so mich däuchte, daß die Felsen über die untern Wolken gingen. Denn ich wurde bei hellem, klaren Wetter ganz naß, und war wie ein Nebel umb mich und unter mir; bald aber wieder klar. Ich sahe sehr weit ins Meer. Und kam mir vor: daß vom Strand das Meer, gleich einem Berg, immer höher und höher war, und in der Ferne eine kleine Rundung hatte.

Ich satzte mich auf den Absatz der Klippe nieder und betrachtete tief die göttliche Allmacht, Weisheit, Gütigkeit, daß dieses große Wundergebäude alles umb der Menschen willen zum Preis seines heiligen Namens erschaffen. Insonderheit betrachtet' ich die unaussprechliche Liebe GOttes, wie er den armen, gefallenen Menschen durch sich selbst in Jesu Christo (der selbst von dem Vater ist, wie Johannes schreibt, in der Menschwerdung und in der Jungfrau Maria durch seinen Geist in einer heiligen Empfindlichkeit im Blut und Leibe der Jungfrau Maria als wahrer Mensch geboren) wiedrum von des Teufels Tyrannei erlöset. Denn als GOtt konnte die GOttheit nicht leiden, es mutzte ein Mensch sein, und zwar ein vollkommener Mensch, der in Gerechtigkeit und Heiligkeit dargestellet und der Gerechtigkeit GOttes könnte ein Gnüge thun.

Denn da GOtt, der Herr, statt der abgefallenen Engel, sich ein ander Geschöpf, nämlich den Menschen, ihme gleich, erschaffen hatte, und seine Lust, wie ein künstlicher Meister, an seinem gemachten Meisterstücke, wann es ihm wohl gerät, hat, und sich sehr betrübet und erzörnet, wann jemand selbiges verderbet und ruinieret; also auch der Herr, unser GOtt, seine Lust hatte an dem unschuldigen Menschen, der seinen heiligen Namen erkannte, in Gerechtigkeit und Heiligkeit als GOttes Spiegel vor ihm stunde.

Verdroß es den Teufel sehr, gönnete dem Menschen solche große Seeligkeit nicht; setzte nicht einmal, sondern ohne Zweifel mehrmal an den Menschen durch listige, lügenhafte Überredung, bis er ihn zu Falle gebracht. Nun konnte die Gerechtigkeit GOttes nicht anders, als nach dem Fall den Tod und Strafe kommen zu lassen.

Die unermeßliche Liebe GOttes und seine Barmherzigkeit bat gleichsam für GOttes Geschöpf, das verderbt' und gefallene menschliche Geschlecht, und fand gleich aus sich selbst Rat, solchem Schaden, dem Teufel zum Trotz, wieder zu helfen.

Jedoch in der Ordnung: daß sie seinem Wort und dem durch seinen Sohn, Jesum Christum, uns geoffenbarten seinen Willen folgen, sich an denselbigen und sein heiliges Verdienst mit wahrem lebendigen Glauben halten sollen. Und ob sie schon dem Tod herhalten und in der Erde verfaulen müßten, dienet solches zu einer Purifikation und Erneurung, für GOttes allerheiligstes Angesicht dermal zu kommen. Dann kein Unreines kann GOtt schauen; item, das Weizenkörnlein bringet keine Frucht, es muß gleichsam erst verwesen und in die Erde kommen.

Hier konnte ich das große Geheimnis der heiligen Dreieinigkeit mir vorstellen. Hier bekam ich Licht, wie es einigermaßen mit der Wundergeburt Jesu könnte sein. Doch will ich meine Hand auf den Mund legen und nicht mehr davon schreiben und sprechen mit Paulo: »Wie gar unerforschlich und unbegreiflich, Herr, sind Deine Wege, o welch eine Tiefe etc.«

Bei dieser hohen Spekulation fuhr dicht bei mir aus einem Loch oder Kluft ein erschröcklich großer Adler mit großem Gereusche aus, in die Luft übers Meer. Ich erschrak, daß ich fast des Todes war; zumal er mich fast mit seinen weitausbreitenden Flügeln angestoßen.

Ich vermeinet' nicht anders: es war der leidige Teufel, welchen es verdrossen, daß ich in diesem hohen Geheimnis spekulieret hatte. Jedoch sahe ich ihm lange nach und bedachte: daß es ein würklicher Adler (welches daherum viel giebt) war.

Hier brach ich ab und stieg den Felsen herunter an das Schiffe und that meine Verrichtung.

Einsmals ging ich mit einem ganzen Quartel des Schiffsvolk, uns auf der Insul umbzusehen. Und als wir uns wohl satt in Beeren gessen und Vögel geschossen hatten, kamen wir an ein Felsenloch. Da war ein großer Stein, welchen wohl vier Männer nicht bewegen kunnten, vorgeleget.

Die Leute waren kurios und rissen den Stein übern Haufen und krochen hinein. Da fanden sie einen Menschen inne, der wenig bedeckt war, außer die Scham. Wir konnten anfangs nicht erraten, was das wäre. Dabei war aber ein Bootsknecht, der die Sprache verstunde. Als wir den Mann herauszerreten und fragten: was er da machte, gab er zu verstehen, und wies hin an die Seelande: sie hätten ihn darein gefangen gesetzet, und sollte ihm der Kopf mit einem Beil abgehauen werden, weil er Ehebruch begangen.

Wir gaben ihm zu verstehen: er sollte mit uns. – Deß war er froh; fiel vor uns auf die Erde und lief getrost mit.

Als wir ihn auf das Schiff brachten, war es dem Kommandeur sehr angenehm. Ließ ihm zu essen und trinken reichen, und ins Tauen-Gatt thun. Denn er fürchtet: die Leute von der Insul würden ihn suchen. Welches auch geschahe. Und wohl fünfzig Leute und der Priester kamen und wollten den Kerl von uns par force haben. Wir leugneten aber. – Sie blieben dabei: er wäre bei uns. – Unser Kommandeur gab ihn'n frei: zu suchen auf dem Schiff, wohl wissend, daß sie ihn unter dem vielen Tauwerk nicht würden finden.

Nach langem Suchen blieben sie doch dabei. Welches zu verwundern, unter so vielen Schiffen, deß gewiß zu sein! Und halte ich selbst dafür: daß diese Leute Zauberer sind, jedoch, so strenge Justiz halten. Sie sagten uns zuletzt: wann wir den Kerl nicht würden von uns thun und ins Meer werfen, würden wir alle umbkommen. – Wir lachten drüber' allein es wäre bald geschehen.

Denn, als wir den vierten Tag drauf mit der ganzen Flotte aus dem Hafen in See gingen, bekamen wir bald starken Wind und instehenden Sturm, in welchem die Schiff alle auseinander, einer hie-, der andere dahinging. Unser Schiff war vornhin schwer und nicht wohl besegelt, weshalb wir immer Bruder-Letzt waren. Der Sturm ward je länger, je heftiger. Also, daß wir mußten die Segel einnehmen.

Ausschnitt aus: Friderich Martens "Spitzbergische oder Groenlandische Reise-Beschreibung" (Hamburg 1675)

Da ward das Schiff von Wind und Wellen bald unten, bald die quer geschmissen. Und weil das Schiff von dem Schleudern sehr leck wurde, konnte ich nicht mehr unten bleiben, mit Angst anzusehen, wie das Wasser durch das Schiff rann. Ich mußte mich gleichwohl oben anbinden, wollte ich nicht über Hals und Kopf stürzen. Meine schönen Haar flogen mir immer umb den Kopf herum und stunden mir zu Berge. Ehe man sich's versahe, kam eine Woge oder Welle nach der anderen und überschwemmete das Schiff; als wenn's uns auf einmal versaufen wollte. Da bet't, wer beten kann etc.

Zuletzt schlug unser Mast über ein, mit Donnern und Prasselen. Da fiel der Muth allen. Wir meineten: bald unser Ende zu sehen. Doch war es noch ein Trost, daß wir mitten in See und nicht stranden konnten.

Das Volk wollte mit einer Not den Lappen in See schmeißen. Aber der Kommandeur hatte ihn bei sich in die Kajüt versteckt. Sonst hätte er dran gemußt.

Der Sturm währete bis in'n vierten Tag und wollte kein Ende nehmen. Da nun sich der Wind und Wellen ein wenig legten, kunnten wir nicht segeln, weil wir keinen Mast hatten. Unsere Makkers, das vermerkend, so uns nicht verlassen wollten, spanneten ihre beiden Schiff vor und damit schleppten sie uns wieder nach Norwegen zu. Allwo wir in 'ner Bay vor Anker legten. Gleich alle sechs Schaluppen mit Volk aussetzten, welche einen Mast aus dem Walde oben abhauen und zum Berg herunter ans Schiff stürzen mußten; denn da ist erschröcklicher Wald.

Es ging in Geschwindigkeit zu, daß der Mast aufgebracht und das Schiff ausgebessert wurde und wir bald wieder zu segeln kamen.

Unter Jütland wollten wir über nach Holland setzen; aber der Wind war uns contra. Daß diese drei Schiff resolviereten: in die Elbe nach Hamburg (weil sie ohnedem ihre Thran handlung da hatten) einzulaufen; und schieden die Convoyers mit den andern aus.

Wir kreuzten eine Weil vor der Elbe, umb einen Lotsmann zu erwarten So endlich kam. Und ihme die Schiff übergeben wurden. Denn sie mußten behutsam nach den Tonnen fahren. Bei Glückstadt und Stade mußten wir streichen und Zoll geben.

Die Admiralitätsjacht im Hamburger Hafen. – Nach einem Kupfer von David Johannes Martini a. d. Jahr 1755. Original: Kgl. Kupferstichkabinett zu Berlin.

Endlich kamen wir vor Hamburg mit Freuden, unter Lösung etlicher Stücke, an und danke ich GOtt vor gnädige Erhaltung. – Durfte mir auch niemand mehr von der Seereise sagen.

Den andern Tag bekamen wir unser Geld, und ging ein jeder wohin er wollte; ich wieder in mein alt Ouartier und besuchte dann meine alten Freunde, insonderheit Herrn Heinrichen, meinen Vetter, so auf der Mühlenbrücke dienete, an welchem Orte ich sonderlich Zutritt, wegen der Frau, hatte, so eine Mecklenburgerin, und gerne hochdeutsch reden gehöret; item bei Herrn Schmeißern aus Halle, welcher in der opera, spielete und sang, aber mich bald zum Unglück verführet hätte, maßen er mich überredete: mit ihm nach Ottensen, welches ein Dorf bei Hamburg und voller Hurhäuser, zu gehen. So ich zwar mitging. Als ich aber den Zustand gewahr ward, schlich ich mich heimlich davon. Er war die Nacht dageblieben und hatte des Morgens weder Geld noch Kleider. Denn sie hatten's ihm genommen und ihn herausgestoßen. Er wollte hernach klagen. Aber nichts. – »Warum seid ihr 'nein gegangen? Wer hat's gethan?« , – Ich lachte ihn darnach aus.

Ich gedachte Kondition in Hamburg zu bekommen. Legte mich deshalb ein und kam bei dem Raths-Barbier Herrn Jessen. Denn der alte war gestorben. Ich hatte es recht gut, und der Herr hielt viel auf mich wegen meiner Wissenschaft; schickte mich bei die Patienten. Ohne, daß sonst in Hamburg nicht schlecht gespeiset wird, hatten wir immer das schönste Essen, und nach dem Essen griff die Frau in die Ficken nach den Würfeln; wer das wenigste warf, mußte Wein zahlens; summa: es ging gut.

Und ich war lange da, weil mich der Herr nicht weglassen wollte, bis ein gewisser Regiments-Feldscher vom Nordischen Draguner-Regiment, unterm König von Dänemark, zu meinem Herrn kam; denn sie waren gute Brüder und Freunde. Welchem er von mir möchte gesagt haben. Der machte gleich einen mir wohlanständigen Accord mit mir, nahm mich auf seine Chaise immer nach Ütersen zu.

Kopenhaben. – Nach: »Tooneel der vermaarste Koopsteden en Handelsplaatsen« (Amsterdam 1682 bei Johann Janssonius' Erben).

Ich verwunderte mich, daß ich die Nacht mit ihm auf einen großen Edelhof kam und eine kohlschwarze, wohlgekleidete Frau und drei schwarzgelbe Kinder fand. Es ging alles herrlich zu. Ich hatte nicht vermeinet: daß dies meines Herrn Gansbergers Frau wäre, bis er mit ihr zu Bette ging. Und ich in ein ander schön Zimmer und Bett gebracht wurde, welches ganz voller schönem Obst lag, welches ich wohl genoß, als ein seltsames Konfekt.

Des Morgens entdeckte er mir sein Anliegen: weil er diese, seine Frau, am Königlichen Hofe, als Mohrin, geheiratet und mit derselben dieses Gut von der Königin geschenkt bekommen, müßte er geraume Zeit nach Kopenhagen an'n Königlichen Hof, und wüßte nicht, wann er wiederkommen möchte, müßte deswegen einen verständigen Menschen bei dem Regiment haben, darauf er sich verlassen könnte. Mein Geld könnte ich alle Monat bei dem Regiments-Ouartier-Meister gegen Quittung holen; die medicamenta könnte ich aus dieser Kiste und zu mir nehmen; dem andern Gesellen und Jungen habe er schon befohlen, mir zu folgen. Stellete es mir frei: ob ich mir ein Pferd selbst kaufen, oder eins aus seinem Stall nehmen wollte. – Welches letzte ich in Bedenken zog und mir selbst einen dänischen Klepper vor sechsundzwanzig Thaler auf sein gut' Raten kaufte.

Mein Obriste war der Baron Löwenthal, ein junger, galanter Herr, mit welchem ich wohl zurechtkam, wie auch mit den andern Offizieren, welche mich lieb und wert hatten und immer mit sich nahmen; außer: mit den Dragunern konnte ich nicht reden, als durch einen Dolmetscher. Ich bekam mein Quartier allein in Ütersen bei einem Barbier. Ich mußte alle acht Tage die Quartier besuchen, welche drei Meiln auseinander lagen. Die hielten mich überall frei, daß ich nichts verzehren durfte.

So vorsichtig war ich, daß ich meinen Kuffer mit dem Gelde, das ich noch hatte, in Hamburg versiegelt ließ stehen. Nämlich: mein Vater hatte mich, kurz vor meiner Reise in See, berichtet: daß er unglücklich in der Handlung mit Hering und Korn gewesen, daher wäre er über fünf- bis sechshundert Thaler schuldig und wisse nicht zu bezahlen, wäre in großer Angst. – Welches mir sehr zu Herzen ging. Ich hatte wohl fünfhundert Thaler im Vorrat gesammlet. Davon packte ich vierhundert in einen Beutel mit einem Brief. Bat: mir zu antworten, daß, wann ich von der Reise wiederkäme, ich den Brief fände, ob er das Geld richtig bekommen hätte.

Es war mein Glück, daß ich in Hamburg es ins Postbuch einschreiben und mir einen Zettel darüber geben ließe; sonst hätte, meine Tage, keinen Groschen wiederbekommen! Denn, da ich aus der See letztmals kam, fragte ich nach Briefen. Aber, es waren keine da. Ich schrieb meinem Vater: ob er das Geld umb die Zeit bekommen? – Er antwortet' mir cito: keinen Heller noch Brief gesehen zu haben.

Briefbote. Aus Moscherosch's »Gesichte Philanders v. Sittewald« (1650).

Ich gleich nach der Post. Zeigete den Brief und meinen Postzettel. Berief mich auf das Buch. So sich befand. Da sagte der Postmeister: »Der Herr muß sein Geld haben; er habe nur ein wenig Geduld.« – Es währete kaum vierzehen Tage, so schrieb mir mein Vater: nun hätten sie ihm das Geld, sambt dem Brief, erst gebracht. – Und hieß: man hätte nicht gewußt, an wen es wäre. – O, Bosheit!

Doch war es eben zu der nötigsten Zeit meinem Vater gekommen, so mir die seelige Mutter öfters gesaget, mit Zeigung des Beutelchens, das sie aus großer Not gerettet und augenscheinlich hernach geholfen.

Ich wurde einsmals in dieser neuen Station geholet, da war ein Draguner vom Bären grausam zugericht. – Er will des Nachtes mit etlichen andern in der Schenke die Kälber mausen. Und kommen zu seinem Unglück des Abends Bär-Leute dahin, daß der Wirt die Kälber anderstwohin, die Bäre aber los (damit sie fressen könnten) in eben den Stall, wo die Kälber gestanden, gethan werden. Die Draguner wissen nicht anders, denn daß die Kälber noch da stehen. Schlagen des Nachtes ein Feld ein. Da dieser hineinkriecht und weidlich umb sich, nach den Kälbern, tappet, endlich einen Bär beim Kopf krieget. Der Bär, riechende, daß es ein Frembder ist, ziehet ihm fast das Fell übern Kopf, daß er heftig anhebt zu schreien, bis der Wirt und Bär-Leute ihme kümmerlich das Leben retten. Die andern beiden laufen indeß davon. – Ich hatte viel mit dem Kerl zu thun und etliche mal zu heften.

Hiebei fällt mir noch ein, was mir in Itzehoe begegnet und schwerlich jemand glauben wird, da ich's doch wahrhaftig mit Augen gesehen und mit Händen betasten müssen.

Es war ein kommandierender Major von unserm Regiment daselbst, dessen Frau den armen Leuten wenig Gutes im Quartier erwies. Als dieselbe abends bei Dämmrigen in'n Hof gehet, fällt sie ein Wolf an in ihrem Hof, reißt sie übern Haufen und hat ihr fast das ganze Gesicht zerrissen. Die Leute kommen durch ihr Geschrei dazu, wie der Wolf wieder hinten über die Gartenwand springet. Es laufen viel Soldaten nach: aber nichts gesehen. Ich mußte hinkommen und sie verbinden und Aderlassen.

Itzehoe. – Nach dem »Theatrum exhibens illustriores principesque urbes« (Amsterdam 1657 bei Johann Janssonius).

Da kam der Major Herbst zu Haus und fluchte: er wollt'es dem Wolf bezahlen! – Legte deswegen gezogen Gewehr mit Antimonien-Kugeln in stete Bereitschaft.

Kaum waren acht Tage vorbei, da kombt Herr Urian wieder über die Wand. Der Major, gleich gerufen, schießet den Wolf, daß er sich über und über kebbelt.

Da ist eine große Menge Volks zugelaufen; trieben den Werwolf vor sich her mit Spießen und Stangen, vor meiner Thür vorbei. Solches habe ich mit meinen Augen gesehen, sie schossen auch auf ihn; aber nichts. Sie haben ihn getrieben bis zur Stadt hinaus, und da ist er ihn'n untern Händen weggekommen.

Man wollte zwar sagen, sie hätten eine alte Frau im Bett angetroffen, welche in die Lende geschossen gewesen. Aber, weil ich's nicht selbst gesehen, lasse ich's stehen. – Es wurden da dergleichen wunderliche, teufelische Verwandlungen oft erzählet. Ich habe aber solches nicht begreifen können, ob es Wahrheit.

Das aber glaube ich, und kombt auch mit der Schrift überein, daß gleichwie GOtt im Geist, Glauben und Wahrheit bei den Kindern des Lichtes würket; also einigermaßen der Teufel in Unglauben, Lügen und Finsternis bei gottlosen, bösen Menschen falsche Vorstellungen machen kann. Der Teufel ist ein Geist und kann nicht anders, als in dem Geist der Bosheit würken und falsche Vorstellungen und impressiones bei den Leuten, die da Hexen heißen, machen; derer es allhier und im Mecklenburgischen noch viel tausend giebet. Welches die vielen Brandsäulen gnug anzeigen. Und werden die Leute, so fürwahr auch kluge, gelehrte Leute da seind, nicht so thorig handlen: unschuldige Menschen ohne gnugsame Überzeugung lassen verbrennen und hinrichten.

Und was auch wäre, daß sie durch die magia naturalis würkten und keine Verbindnis mit dem Teufel hätten – gnug, daß sie, die sogenannten Hexen, durch die Eingebung ihres innerlich bösen Geistes, die natürlichen Sachen zu ihres armen Nächsten Leib, Kinder und Viehe Schaden gebrauchen und deswegen den Tod verdienet haben. Also dürfte man den Hexenprozeß nicht gar wegwerfen.

Meine obige Meinung zu beweisen, will ich dies mit anführen: Es ist in Giebichenstein allhie von den Dörfern eine beschuldigte Hexe ins Gefängnis geleget worden. Und als eben die Zeit umb Walpurgis mit eingelaufen, kombt der damalige Ambtmann mit andern in die Stube, da sie gefangen an Ketten lieget, und saget: »Marthe, Marthe, heute werdet ihr nicht mitkönnen auf den Blockersberg.« – »Ju, ju, sagt die Frau, Herr Ambtmann, ich komme doch mit.« – »Ihr dumme Frau, sagt der Ambtmann, ihr seid ja angeschlossen.« – »Ich komme doch mit, sagt die Frau, umb zwölf Uhr!« Der Ambtmann und Konsorten setzen sich aus Kuriosität, rauchen Toback und gesehen genau: just umb die Zeit ist die Frau im Schlaf, daß sie schnarchet; und fänget auf dem Stroh an zu hüppeln und zu juchen, als wenn sie auf dem Tanz wäre und das treibet sie 'ne lange Weile, bis sie ermüdet aus dem Schlaf aufwacht. Der Ambtmann fraget sie: »Nun, seid ihr dagewesen?« – »Ja, spricht sie, ich bin dagewesen, recht lustig; die und die, der und der war auch da.« Und hat da viel erzählet. – Also siehet man, daß alles in einer bösen und teufelischen Imagination und falschem, bösen Aberglauben bestehet. Diese Frau ist noch im Gefängnis, wegen langwüriger Inquisition, gestorben.

Nun wieder auf mein propos zu kommen; so bekam ich mein Quartier nach Pinneberg, nicht weit von Hamburg, bei einem Bauer. Und weil er ein junger Anfänger war und keine Betten überlei hatte, mußte ich mit in seinem Bette liegen. Nämlich er, der Wirt, in der Mitte, ich an einem, und die Frau am andern Ende. Ich machte mir daraus nichts, weil es feine, rendliche, junge Leute waren. Denn ich habe mein Tage keinen Wirt gekränket, oder Verdruß und das Leben schwer gemacht (wie mir itzt widerfähret in meinem Alter), sondern die Leute haben oft geweinet, wann ich aus dem Quartier gezogen. Daher ich auch allen Willen hatte, und sie mir viel Gutes thaten. Bei diesem Wirt regierete ich alles im Hause und auf dem Felde, sie hatten keine Kinder, sondern Vater und Mutter zu verpflegen.

Hier bekam ich einen gefährlichen Patienten, welcher mir viel schlaflose Nächte machte. Es hatte nämlich ein Kerl mit seinem membro Bosheit getrieben und, als solches hart geschwollen, es zugebunden, daß es schwarz worden, und es niemand sagen wollen; endlich schneidt er's gar ab. Da wurde ich geholet, als er da im Blute lag. Doch brachte ich ihn wieder zurecht. Allein mit tausend Sorgen. Wie ich jederzeit hatte für meine Patienten und fleißig zu GOtt betete, umb Glück zur Kur. Und gewiß, ich meine Patienten in den größten, gefährlichen Zuständen auch zur wahren Buße und Gebet, auch im Sterben, vermahnet. Und gewiß, die Krankheit, Wunden und der Tod kommen von der Sünde und sind eine Strafe der Sünde. Soll nun GOtt zur Genesung helfen, als der rechte Arzt des Leibes und der Seele, so muß es mit Buße, Glauben und Gebet erlanget werden. Wie ich denn hierinnen Wunder gesehen und erfahren: daß ohnmögliche Dinge für andern, doch sind möglich geworden. Wie ich vor mich gar viel Exempel, auch hier in Halle, anführen könnte, wenn's meine Sache. Allein, wo sind itzo solche Leut?

Hier wurd ein'm KornettKornett = »Ober-Officirer zu Pferd, welcher die Standarte einer Compagnie führet.« von unsern zwei Tambours alles gestohlen; in Hamburg verkauft. Und hatten sich nach Sachsen retirieret. Wovon sie den einen wiederbrachten. Er wurde nach Kriegesrecht ins Feld an'n Galgen gehenket, und mußte das ganze Regiment mit an die Hamburger Straße zur Exekution ausrücken. Da der Henker den Strick umb den Hals zu lang gemacht, wollte der Gehenkte wieder herunterfallen. Deshalb sie ihn wieder herunterließen und den Strick besser zurechtmachten.

Aus: Hannß Friedrich v. Fleming's »Der vollkommene Teutsche Soldat« (Leipzig 1726).

Da stund der arme Sünder unter dem Galgen und taumelte, wie ein Trunkener; war fast ganz tot und schon erstickt.

Da schrieen die Kerl aufn Pferden und alle Draguner: »Ei, was ist das? – auf ihre nordische Sprache – er hat nun sein Recht ausgestanden!« Und wollten durchaus nicht zugeben, daß er wieder aufgezogen werden sollte; zogen die Pistolen und wollten den Henker totschießen.

Da hatten die Oberoffizierer zu thun gnug, mit bloßem Degen die Leute in Ruhe zu bringen, daß der in Geschwindigkeit konnte wieder aufgezogen und gehänget werden. – Es kamen nachgehends noch zwei andere wegen Diebstahls an diesen Galgen. Er stund gleich am Hamburger Weg.

Als ich nun meiner Verrichtung halber nach Hamburg geritten und mich bei guten Freunden bis Thorschließen verspätet hatte (weil mir der öftere Weg wohl bekannt), ritt ich fort, wider alle Warnung: daß es auf dem Wege unsicher war, weil vor kurzer Zeit da ein'm Barbiergesellen in dem beiliegenden Busch die Gurgel darumb abgeschnitten, weil ihn ein gewiß Frauenmensch nicht hatte heiraten wollen, und er mit ihr in Liebe gelebet. Die Hunde hatten ihn bis auf die Knochen gefressen. An den beigelegenen Scheermessern und Lanzetten erkannt man, daß es der verlorne Barbiergeselle gewesen.

Als es unterwegens ganz finster geworden, ließ ich meinem Pferd freien Gang, der ihm bekannt war, und ich ohngefähr an den Ort des Gerichts kam. Stund mein Pferd mit eins, brausete und wollte stracks umbkehren. Ich erschrak und wußte nicht, was das war? Ich sporete das Pferd wieder auf den rechten Weg. Aber nein, es wollte nicht fort. Ich zog eine Pistole raus und gab Feuer, nach Soldaten-Gebrauch, und da sahe ich im Dämmrigen, als wenn etliche Kerl in der Luft sich regeten. Ich sahe genauer zu. Da war ich bei dem Galgen. Da kam mir ein Grauen an und ritt linker Hand einen andern Weg zu meinem Quartier.

Des andern Tages erfuhr ich: daß diese Nacht die Diebe vom Galgen gestohlen wären. – Also soll man sich warnen lassen, des Abends nicht auszureisen, sondern lieber bleiben, wo man ist; denn die Nacht ist niemands Freund.

Ich erinnere mich hiebei zum Preise meines GOttes nicht zu verschweigen, daß, als ich noch in der Veste Crempe lag, und einiger Verrichtung halber zu Fuße nach Glückstadt zwei Meiln gegangen, ich mich auch in die Nacht verspätet hatte. Und da ich vor die Festung kame, war sie schon zu und die Brücken aufgezogen. Da kein Mensch mehr herein- und rauskonnte, mußte ich in finsterer Nacht herumwandern. Und weil es da voll Wassergräben ist, wo die Bauren mit ihren Springestöcken (als in den Marschländern daselbst gebräuchlich) überspringen, konnte ich nicht nüber. Zurückgehen wollte ich nicht. Sahe ich von ferne ein Licht auf dem Berge, wozu ich kommen konnte. Meinete: es müßte ein Dorf da sein. Aber es war ein klein Hirtenhäuslein, da das Licht durch die Laden gesehen wurde.

Ich klopfte an die Fensterladen etliche mal an. Der Mann that, als höre er's nicht. Endlich fragete er stark: »Wat is denn buten?« – Ich sagt: »Ach, lieber Freund, ich habe mich verirret, laßt mich doch diese Nacht in eurem Haus liegen.« – »Ei wat, sagte er, wie machen nich open, wer weeß, wer ju bindt?« – Ich antwortet: »Ich bin der Feldscher aus Crempe und habe mich verspätet.« – »Wat bin ju? warumb bin ju nich drin blieven?« – Die Frau war im Wochenbette und redete dem Mann zu: er sollte mich einlassen. Worauf er mir aufmachte, und ich mit ihm zur Stube eingehen mußte.

Da sahe die Frau mit einem langen Hals aus dem Bett. Und als sie merkten: daß ich nicht so ein Kerl, wie sie anfangs gemeinet, fragten sie mich: ob ich etwas essen wollte? – Ich sagt: ja, wollt es gerne bezahlen. – Da kam die Frau aus dem Bett und machte mir eine gute Kofent-Suppe mit Eiern, item gekochte Eier und geräucherte Wurst und einen Krug ihres guten Kofentes. Welches mir überaus wohl that; denn ich hatte mich hungrig und durstig gelaufen. Ich fing an, den Leuten etwas zu erzählen. Denn sie höreten die hochdeutsche Sprache gern, sonderlich die Frau, welche jung und wohlgestalt. Endlich machten sie mir auch eine Streu in die Stube. Und als ich die Vergnüglichkeit der Leutchen sahe, wünschte ich mir bei mir selbst: GOtt möchte mir doch auch einmal ein solches Hüttchen und Vergnügen geben. (NB. Und hat Er mir's hernach drei- ja vierfach aus Gnaden zugewandt; wie hernach folget. Da gedenke ich dran. Darum: sollte man nicht meinen, daß GOtt oft solche Seufzer in Gnaden erhöret und sie ihm angenehm sind?) Des Morgens stund ich auf, und da war wieder meine Suppe und Butterbrot. Und wollten keine Bezahlung annehmen.

Von Pinneberg mußte ich wieder nach Ütersen. Und da hatte ich immer des Nachtes gefährliche Reisen zu den Patienten auf den Dämmen (womit das ganze Land daherum umbgeben, und die sehr hoch sind; wann der Wind nord-west stürmet, treibt's so hoch, daß oft die Dämme brechen; und das Wasser wohl fünf bis sechs Elln höher als das Land,' und die Leute in großer Gefahr sind; Nacht und Tag ist deswegen Wachte), daß ich nicht Lust hatte, länger zu bleiben.

Indeß trug sich zu, daß der General-Leutenant Demini nach Ütersen kam, dem Herrn Geheimbten Rath von Buchwald, oder vielmehr dessen Liebste – weil der Herr nicht zu Haus und ein alter Herr war, und sie sehr schön – eine Visite zu geben. Als aber ohngefähr der Geheimbte Rath zu Hause kombt und diesen vornehmen Gast findet, waren sie beiderseits darüber erschrocken. Jedoch mußte ihm alle Ehre mit köstlichem Wein und Gastieren erwiesen werden.

Als nun der General Abschied nehmen will, und der Wein und Alteration ihm möchte irr gemacht haben, und will vor der Thür, da ein hoher Tritt, hinten ohne Lehne (wie da gebräuchlich vor den größten und schönsten Häusern ist), Komplimenten mit Scharren und Bücken machen, fällt er hinterrücks herunter und stürzt sich eine große Wunde ins Haupt. Rühret ihn auch zugleich der Schlag, daß er sprachlos, ohne Verstand, wieder ins Haus getragen worden.

Da war das Geschrei nach dem Feldscher! Und wurde ich gleich geholet und mir von allen Zeiten zugeschrieen: ich sollte Hülfe thun.

Der Hamburger Hafen (Teilansicht). – Nach e. Kupferstich von David Johannes Martini a. d. J. 1754 Original: Kgl. Kupferstichkabinett zu Berlin.

Erstlich öffnete ich ihm eine Ader auf dem rechten Arm; ließ das Blut wohl laufen. Hernach schor ich ihm das Haupt ganz kahl; verband seine Wunde; und mußten sie mir lebendige Hühner bringen, denen that ich einen langen Schnitt und reiß sie vollends voneinander; legt es ihm also, mit Blut und allem, warm übern Kopf; und das geschahe so oft, als die Hühner kalt geworden. Gab ihm auch etliche mal spiritum salis armoniaci anisatum und pulverem antispasmaticum. Endlich legte ich Kräuter-Säcke, in Wein gekocht, oft warm über.

Da fing der Patiente etwas wieder an zu lallen und regte die Arme wieder, kriegte mich bei der Hand und sagte zum Obristen à part: »O Feldscher, gut Mann, (denn er war ein Franzos) sollt nicht von mir.«

Weil er nun ein sehr reicher Herr und viel an ihm gelegen war, hielten sie vor ratsam, dazu auch Doctores zu gebrauchen, welche gleich mit einer Kutsche, vier Pferd, mußten kommen, aus Hamburg geholet.

Selbige fragten mich umb alle Umbstände, und was ich für ihn gebrauchet. So ich that. Sie hießen's gut und gaben mir von ihren Medikamenten, ihm alle Stund davon einzugeben. Sie exküsierten sich aber gleich: sie könnten ihrer Patienten halber nicht lange von Hamburg bleiben.

Da wurde resolvieret: den Herrn General in eine groß Kutsche mit Betten, nebenst mir, und beide Doctores auch in eine, und die Diener und Lakaien auf Postwagen nach Hamburg zu bringen.

Ich entschuldigte mich wegen meiner Dienste. Aber es half nichts. Und mußte das Regiment von andern Barbieren verpfleget werden. Und meine Traktamenten sollten doch fort mir gezahlet werden. Ich ließ mir's gefallen. Doch befahl ich: meine zwei Pferde wohl in acht zu nehmen.

Wir kamen in Hamburg aufm Burenstab bei einem Trakteur zu logieren. Und da hatte ich's wieder recht gut. Denn ich wurde von des Herrn Tafel gespeiset und schlief des Nachtes in einem Schlage-Bette ins Generals Gemach, wenn ihm etwas fehlete, bei ihm zu sein, einzugeben und die Glieder zu reiben und zu schmieren, daß er in vierzehen Wochen vollkommen wieder zurecht kam.

Es war ein portugiesischer reicher Jude in Hamburg, TexeraTexera's ansehnliches Hamburger Haus lag am Jungfernstieg. genannt, welcher fast täglich bei meinen Herrn kam und mit ihm spielete, umb ganze Haufen Gold, nebenst andern. Der speisete oft mit meinem Herrn. Und als der Koch einsmals Schleien-Fisch mit 'ner gelben Rahmbrühe gemacht, und es dem Juden vortrefflich geschmecket hatte, spricht er zu seinem Koch: »Du machest mir nie so gut Essen.« – Der Koch kombt und fraget unsern Koch. Dieser sagt's seinem Herrn, daß es Schlei' gewesen.

Da fänget der Jude an, sich zu verfluchen und speiet, denn sie dürfen keinen Fisch ohne Schuppen essen; doch es war geschehen; und trauete er nicht mehr.

Des Judens Diener, deren wohl vier bis fünf, waren stetig bei uns. Und weil wir nicht viel zu thun hatten, so spieleten wir auch, entweder mit Karten oder Würfel, sie kriegeten mich auch einmal dazu. Und verlor ich in einem Ritt vierzig Thaler. Es wurd mir ganz grün und gehl vor den Augen, und wußte ich nicht, wie mir geschach. Weil ich Vorrat hatte, setzte ich desperat wieder an und gewann mein Geld alle wieder, bis auf sechszehen Groschen. Ich warf noch sechszehen Groschen, zu vertrinken, hin und sagte mich aus. Habe auch mein Tage nicht wieder umb Geld gespielet; denn ich gesehen, wie solches arm und desperat machet, Wunden und Tod bringet.

Man pfleget zwar zu sagen: man habe sein Lebetag keinen reichen Spieler gesehen. Ich habe aber in Hamburg einen gesehen, der mehr als sechszigtausend Thaler durch Spielen gewonnen. – Doch halte ich das gewinnsüchtige Spielen vor einen Diebstahl, auch wider das neunte und zehente Gebot: »Du solt nicht begehren etc.« Darumb habe ich jeder Zeit die Jugend vor solcher bösen Gewohnheit gewarnet.

Zwei von diesen Juden-Dienern wurden so treuherzig und bekannt mit mir, daß sie mich immer umb unsere christliche Lehre frageten. Und als ich denselbigen einfältig (so gut ich gewußt) die christliche Lehre anpreisete, aus dem Propheten Daniel und andern erwies, daß der verheißene Messias gekommen, und wie große Verheißung wir in unserm Herrn Christo hätten, und ich ihnen bewies aus der Schrift und Psalmen (darauf sie viel halten), insonderheit den Spruch: »Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden, bis daß der Held kombt etc.« – da huben sie an, bitterlich zu weinen und sagten: »O, was glückliche Leut seid ihr, da ihr von Jugend auf dies gelehret seid.«

Sie sagten mir im Vertrauen: sie wollten auch Christen werden. Wie sie es machen sollten? – Ich gab ihn'n den Rat: sie sollten zu dem Doktor N. N. gehen, der würde sie ferner sagen, was zu thun? – Nur baten sie: daß es verschwiegen blieb; denn sie gleich weggestossen und groß Drangsal leiden müßten! – Sie sind auch nachgehends, wie ich erfahren habe, beide getaufet worden.

Ich ging fast täglich naus vor das Altonaer Thor und legte mich bei gutem Wetter auf die Reperbahn, umb das schöne Glockenspiel anzuhören.

Da satzte sich zu mir ein Mann, dessen Name vergessen; er war sonst ein Handelsmann mit Porzellan; hießen ihn den Krug-Köper.

Der Hamburger Hafen (Teilansicht) – Nach e. Kupferstich von David Johannes Martini a. d. J. 1754. Original: Kgl. Kupferstichkabinett zu Berlin.

Der erzählete mir, als wir in einen geistlichen Diskurs kamen, wunderbare Sachen, wie er nämlich aufm Bohm gefangen gesessen, weil er von'n Predigern verklaget, umb seiner Lehre willen. Denn er ginge in Hamburg umb, und würde auch zu den Kranken geholet, daß er sie gesund betete. Ja er triebe auch durch seinen Glauben und den Herrn Jesum die Teufel aus, wie er mir etliche Kuren erzählete, sonderlich an einer Makkers Tochter, darüber er viel Versuchung ausgestanden, wie der Teufel sein Kind zur Luke runterstürzen wollen, und er ihm Trotz geboten, und dergleichen. Da er auf dem Bohm gesessen, wäre ein Delinquent unter andern da geschlossen gesessen, welcher ganz desperieret und verzweifelt an seiner Seeligkeit. Welchen er aus GOttes Wort und mittels eines glühenden Ringes bekehret, den er zum Zeichen der Wahrheit mit bloßen Händen, unverletzt, aus dem Feuer genommen, und damit bezeuget, daß GOtt nicht wolle den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe. So auch den armen Menschen mit vielen Umbständen zurechtgebracht etc.

Auf dieser Reperbahne war eine lange, große Reitsäule gebauet, worauf man sich setzen konnte und nach dem Ringel stach. Dahinaus gingen oft die Barbier-Gesellen mit mir. Da ich aber einmal runter geschleudert und solchen harten Schlag vom herumbgehenden Bohm an'n Kopf bekommen, daß ich lange das Aufstehen vergessen, kam ich nicht wieder dahin, hingegen ging ich mit meiner Herrschaft alle Woche zweimal in die Opera, welche schön war anzusehen.

Der Dom zu Hamburg vom Fischmarkt aus gesehen – Aus: GOttfried Schütze »Die Geschichte von Hamburg« (1775).

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