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Meister Johann Dietz erzählt sein Leben

Johann Dietz: Meister Johann Dietz erzählt sein Leben - Kapitel 5
Quellenangabe
typeautobio
authorJohann Dietz
titleMeister Johann Dietz erzählt sein Leben
publisherWilhelm Langewiesche-Brandt
seriesLebensdokumente vergangener Jahrhunderte
printrunErstes bis zweiundzwanzigstes Tausend
editorDr. Ernst Consentius
year1915
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created200804156
projectid266cdf08
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Von meiner Lehre

Ueber einige Tage mußte ich ausziehen, und zwar allein zum Barbier-Herrn gehen, und es vierzehen Tage versuchen. So mir alles wohlgefiel, indem man gemeiniglich die Versucher karessieret und ihnen allen Willen läßet. So ging's mir auch. Kurz, ich resolvierete: beständig dabei zu bleiben, es möchte gehen, wie es wolle.

Wurde bei Herrn Georg Schobern anno 1681 (von welchem ich hernach seine Tochter geheiratet) aufgedinget. Anfangs ging es gut, obgleich bei der damaligen wohlfeilen Zeit, – ein Scheffel Korn sieben Groschen galt – schmal gnug, alle morgen mit ein Stücklein eitel Brot abgespeiset, und KofentKofent = »ein geringes, schwaches Bier, welches entstehet, indem man nach geschöpftem Biere, frisches Wasser auf die in dem Möschbottich befindlichen Träbern giesset; daher es auch Nachbier, Halbbier, Afterbier, Dünnbier, und weil manche Personen es gerne bey den Mahlzeiten trinken, Tischbier genannt wird.« oder Wasser trinken mußte; so ich zu Hause nicht gewohnet war.

Mit dem Barbieren ging es anfangs schwer her, maßen ich einsmals einen Bauer ins Kinn geschnitten, und darüber eine Maulschelle bekam, daß ich wohl vier Wochen taub davon gewesen. Der Ochsenziemer hielt auch nicht feste an der Handquehle, bei welcher ich auf einem kleinen Lädchen pflegte zu sitzen. Ich verkettelte selbigen immer auf eine Vorsorge, daß ich entfliehen konnte, ehe er solchen losbekam.

Einsmals, abends, spielete mein Herr mit einem Advokaten Weiseken im Brett, weil ich aber den Tag im Garten Mist gekarret und sehr müde gewesen, setze ich mich auf mein Lädchen und schlafe ein. Darüber mir, salvo honore, ein starker Ton entfähret. Weil ich aber solches gewahr wurde und mich gleich aufs marschieren legte, reißt der Herr nach der Krabatsche. Ich aber zur Thür hinaus und schmeiß die Thür hinter mir stark zu. Und weil es ohndem eine starke Thür, die von selbst zufiel, und er, mit dem Kopf voran, hinter mir drein will, schmeißet ihm die Thür dermaßen vorn Kopf, daß er rücklings zurück in die Stube prallet. Da erhub sich ein Geschrei. Ich aber die Treppen hinauf, zum KapflochKapfloch = Kappfenster; ein Fenster, das aus einem schrägabfallenden Dache herausgebaut ist. naus, aufs Dach und hinter die Feuermauer. Da war ihnen bange. Meineten, ich würde den Hals stürzen zum Firste herunter. Mußten mir die besten Wort geben. Allein ich kam dieselbe ganze Nacht nicht herunter, bis die Sache verglichen, und der Herr sich schämen mußte.

Es war auch aus der Weise, daß sie mit mir, als einem Vetter, der siebenzig Thaler und ein Bett Lehrgeld gab, so hart umbgingen.

Ich mußte der Magd alles Wasser und Holz in die Küche tragen, Feuer anmachen, Wasser holen, Holz hacken und was dergleichen. – Doch, es ist alles zerronnen, und nun gehet die Tochter betteln, die damals nicht unsanft niedertreten mußte, und mir manchen Puckel voll Schläge gemacht und viel geärgert. Er aber starb jählings, von einer heißen Blutwurst, indem er kurz vorher gesaget und sich vernehmen lassen: Er wollte seinen Kopf nicht sanft legen, er hätte mich dann aus der Stadt gebracht, ehe ich ein Barbier hier werden wollte, wie künftig folget.

Das Wasserschleppen verdroß mich am allermeisten. Mit zwei Hosen auf die Straße zu gehen! Und hatt schon bis ins dritte Jahr viel vornehme Leute zu bedienen und zu verbinden, wie ich dann würklich, zwei vornehme Jungfern zu verbinden, von ihm geschickt wurde, welche würkliche bubones und Pestbeulen an sich hatten, und andre mehr; so ich aber damals nicht verstand. So halfterte ich mich endlich von dem Wasserholen los, auf die Art: Ich thät, als stolperte ich mit den beiden vollen Wasserhosen und goß's also über den ganzen Saal und Haus, daß alles schwamm. Da war Not! Und ich durfte von der Zeit an kein Wasser mehr holen.

Inmittelst nahm die Contagion allhie in Halle anno 1682 überhand, daß Tages funfzig, sechszig und mehr jählings dahinsturben. Tages waren die Bürger, vornehme und gering, im Weinkeller in gutem Vertrauen (wie damals war) beisammen, ergötzten sich mit gutem Wein, so nicht teuer, wann sie abends auseinander gingen, war dieser und der schon tot und von den bösen Männern hinausgeschleppet in ein groß Loch, hinten auf dem GOttesacker.

Halle a. d. Saale – Nach Martini Zeileri »Topographia« (Frankfurt a. M. bei Matth. Merian 1650).

Das war von der damaligen Obrigkeit und Rath zu rühmen: die gute Anstalten, welche waren, die Armen und Verlaßenen zu versorgen mit Essen und Trinken, Predigern, Medicis und Chirurgis, Notarien und Testamentmachern. Und obgleich hie und da die Gassen mit Brettern verschlagen, ringsumb die Stadt mit Soldaten besetzet, daß keiner aus- und einkönnte, waren Märkte an den äußern Wassergraben angeleget, an denen Contre-Eskarpen, und das Geld, ehe es genommen, ins Wasser geworfen und abgewaschen wurde, daß keiner doch Not litte, oder verhungern durfte, war anno 1682.

Ich hatte einen Kamrad in der Lehre, eines Born-Meisters John, dessen Vaters Haus am Schulberge schon rein ausgestorben und äußerlich zugeschlossen war, daß keiner einkommen sollte. Das lüsternde Gemüth der Jugend bracht uns beide dahin, daß, da wir sollten in die Kirche gehen, wir ins Haus über eine SchlippeSchlippe = »der enge Raum, so in einigen Städten zwischen den Häusern gelassen wird, die Traufen und Gossen darein zu führen, und in Feuersgefahr bessere Gegenwehr thun zu können.« und Planke stiegen. Und da finden wir in dem ausgestorbenen Haus: Speck, Butter, Mehl, Tier, Fleisch und alles gnung. So er auch wohl gewußt. Da ging es mit uns an ein Sieden und Braten, denn wir wurden gar knapp erhalten; wir buken so viel Pfannkuchen, Eierfladen etc. und schleppten's mit heim, daß wir wohl vierzehen Tage davon essen konnten. Und schadete uns, gottlob, nicht das Geringste, und wurde es auch niemand gewahr.

Einsmals wurde ich wieder von bösen Buben, unter der Predigt auf Schrittschuh zu fahren, gelocket; denn sonst durften wir gar nicht aus dem Hause. Ich hatte mein Mäntelchen von Regen-BerkanBerkan = von Kamel- oder Ziegenhaaren gewebtes Zeug. umb und lief über Eis nach Gimritz, allwa ich hinbestellet war, aber meine Kompagnie nicht sahe. Daher ich weiter ging, übers Eis, und drüber neinfiel, bis über den Hals. Es ging kümmerlich zu, daß ich wieder rauskam. Doch alles pfützen-naß, daß's im Augenblick, wie ein Harnisch, gefroren. Ich legt es aufs Laufen, umb näher zu kommen über den Rechen. Allein die äußere Wachte hatte acht auf mich, und kriegte mich bald beim Leib. Und weil damals bei Überlaufen Lebensstrafe geleget, wurde ich in ihre Wachtstube gebracht, welches mir zwar eines Teils, wegen der warmen Stube, wohlgefiel, anders Teils mir Angst ausbrach, wann ich hörete, daß ich bald an'n Stab sollte gebracht werden.

Ich sanne der Sache hin und her, konnte aber kein Mittel finden, los zu kommen. Endlich gab ich vor: meine Notdurft zu thun. Es wollte der Unteroffizier nichts hören. Endlich gab er's zu. Hieß aber zwei Soldaten, mich naus führen, welche sich nichts arges zu mir versahen und indeß ein Pfeifchen Toback anschlugen, derweil ich meine Reise mit dem Mantel so beschönigte; als flohe ich davon, immer nach der Stadt zu. Die Soldaten konnten sich so bald nicht helfen, liefen und schoben die SchweinersfedernSchweinsfeder = »Gewehr, so vormals die Mußketier geführt. Es bestehet aus einem etwa 5. Fuß langen runden Schafft, an beyden Enden mit Eisen zugespitzt, und in der Mitte mit einem Haaken, darauf bey dem Feurgeben die Mußkete geleget, sonst aber auch die Schweinsfedern gebrauchet werden, sich in Eil gegen den Einbruch der Reuterey zu bedecken.« mit Geschrei hinter mir her. Allein umbsonst. Ich war weg und davon, da ich gar bald umbs Leben oder in groß Unglück geraten können. – Darum dies die Warnung nach der Lehre Sirachs: daß man nicht bösen Buben folgen, und in die Kirche gehen solle.

Weilen nun die Peste gar sehr überhand nahm und erbärmlich anzusehen, wie die Gassen leer, die Häuser zu, hie und da Zetergeschrei und rasende Leute oben in Thüren und Fenstern, sich itzt herunterstürzen, stunden, auch nichts mehr zu thun war, und kein Mensch arbeitete, noch barbierete, hieß mich mein Herr auch weggehen.

Insonderheit weil meine Eltern bereits aus der Stadt naus, an die Heide in einem Weinberge eine Hütte gebauet, Keller gegraben, sich logieret hatten, auch viel von meines Herrn Kunden, welche ich barbieren mußte, sich hinausbegeben, praktizierte ich mich auch hinaus und bedienete meinen Vater und andere, verdienete etwas und machte den Leuten Arzenei. Insonderheit machte ich eine Pestessenz, welche approbieret, uns und viele Leute, nächst GOtt, erhalten. Denn der Vater jedem einen halben Löffel des morgens gab.

Und ob ich gleich durch vieles Einsammlen des Giftes die Pest würklich auf diese Art bekam: daß, da ich und mein Bruder, der Mutter einen Karpen in Cröllwitz zu holen, geschickt wurden, daselbst aber keinen Menschen im Dorfe befunden, oben bei dem Damm aber ein Lager von Kranken und miserabeln Kindern und Leuten antrafen, endlich bei ziemlichem Winde übers Wasser fuhren und Karpen bekamen; zugleich ich auch von Schröcken und Entsetzen die Pest mit nach Hause brachte.

Sahe mir solches mein Vater gleich an, weil ich heftig Kopfwehe, ganz erblasset und krank war. Er gab mir gleich einen Löffel voll von meiner gemachten Pestessenz ein; brachte mich in der Stille auf den Boden, und schloß zu, daß kein Mensch zu mir sollte, umb zu sehen, wie es werden würde. Darauf ich angefangen zu rasen. Weil ich aber nirgends hinkonnte, auch die Kräfte nicht hatte, so hat die Stärke der Arznei auf eine Blutstürzung getrieben, daß das Blut zu Maul und Nasen heftig geflossen; ich mich im Blute herum- und auf dem Boden gewälzet; endlich vermattet, in tiefen Schlaf gefallen. War zwei Tage. In welcher Zeit der Vater oft nachgesehen, ob ich noch lebete. Da er nun vermerket, daß ich erwachet, verständig geredet und zu essen gefordert, hat er mir eine Suppen von fetter Rindfleischbrühe gebracht. Habe ich mich nach und nach wieder erholet. – Sonst hat von uns niemand etwas hernach angestoßen.

Wir brachten indeß unsere Zeit zu mit Beten, Singen und Lesen, divertierten uns mit Spazieren in'n Weinbergen und anderm bis die Contagion aufhörete, da wir wieder heim, und ich zu meinem Herrn ging, und vollends auslernete. Da es noch einige Schwierigkeit gab, indem selbiger wollte, daß ich die Zeit nachlernen sollte, weil ich nicht bei ihm gewesen. Allein es wurde ihm nicht statuieret. Doch mußte ich solchergestalt drei und ein halbes Jahr lernen und stehen, auch viel nachbezahlen, das ich nicht verschuldet.

Endlich wurde ich losgesprochen. Und das war drei oder vier Wochen nach Michel 1684 und gegen den Winter, da alle conditiones besetzet waren. Doch es half nichts, ich mußte fort.

Man ließ mir ein neu Kleid machen von Tuch, die Elle funfzehen oder sechszehen Groschen. Bekam sechs Hembden und Halstücher. Item zehen Thaler Reisegeld.

Pesthospital in Wien i. J. 1679. – Nach einem gleichzeitigen Kupfer.

Ich bekam zwar eine Rekommendation nach Eisenberg, wollte aber, weil es ein kleiner Ort und nicht viel Verdienst, solches nicht annehmen, sondern dingete mich auf eine Kutsche auf Berlin. Da denn die Mutter weinete und öfters sagete: »Du lieber Sohn, wie wird dir's nun gehen, du reisest dahin und kennest niemand nicht.« – Da ich sie denn getröstet: »Ja, Mutter, der GOtt, der so viel tausend Menschen in der Frembde erhält, wird vor mich auch sorgen.« – Der Vater solches hörende, sagte: »wann du den Glauben hast, so reise mit Frieden.«

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