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Meister Johann Dietz erzählt sein Leben

Johann Dietz: Meister Johann Dietz erzählt sein Leben - Kapitel 4
Quellenangabe
typeautobio
authorJohann Dietz
titleMeister Johann Dietz erzählt sein Leben
publisherWilhelm Langewiesche-Brandt
seriesLebensdokumente vergangener Jahrhunderte
printrunErstes bis zweiundzwanzigstes Tausend
editorDr. Ernst Consentius
year1915
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created200804156
projectid266cdf08
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Von meiner Erziehung und Eltern

Fürwahr, GOtt, Du bist ein wunderbarer GOtt und führest auch die Deinen wunderbar über allen menschlichen Verstand. Denn da ich allhie in Halle neben meinem itzigen Hause und etwa zwei oder drei Ellen, durch die Wand zu rechnen, von der Stelle, da ich itzo schlafe und nach GOttes willen sterben werde, geboren (war anno 1665, den 18. Decembris im Zeichen der Jungfrau) und in der Moritz-Kirche, da ich bei die funfzehen Jahr ein Acht-Mann gewesen, mit dem Namen Johannes (das ist: ein Huld- und Gnadenreicher) bin benennet worden, da ich so viel tausend Meilen über Meer und Land gezogen und dennoch wieder hieher kommen: fürwahr, das hat GOtt gethan.

Mein Vater, Johann Dietz, war ein Seiler dabei Fütter-InnungsmeisterFütterinnungsmeister; die seit 1162 privilegierte Innung der Futterer oder Fütterer ist für Halle eigentümlich. Sie sollte ursprünglich dazu dienen, daß der Hofstaat des Erzbischofs genügend Hafer und Rauchfutter in Halle fände. Mit der Innung der Fütterer war das Zeilergewerk vereinigt. und ein wohlverdienter Rathmann, Kirchvater und Bierinspektor allhie, welcher in vielen Verrichtungen und wichtigen Angelegenheiten der Stadt und des Raths nach dem König und Hof verschicket wurde, und in seiner Expedition allezeit glücklich gewesen. Derohalben ihn auch Ein Hoch-Edler Rath bedauret und nicht gern vermisset, da ich, als er itzt im zweiundsiebenzigsten Jahr seines Alters sterben wollte, von ihm an Einen Edlen Rath, Urlaub und Abschied von selbigem zu nehmen, geschicket wurde, nächst, Dank zu sagen, und zugleich zu bitten: daß nach seinem Tode nichts möchte versiegelt und inventieret werden; weil er bereits seine Frau per testamentum zur völligen Besitzerin gemacht, seiner Kinder halb disponieret, und Specifikation hinterlassen. So auch geschehen.

Als durch welches mein Angeben der seeligen Mutter viel geraten, wir in Ruhe bei der Nahrung erhalten und viele Unkosten und Mühe ersparen konnten; obgleich vieler Verdruß angeschienen, indem drei Brüder, zwei Schwester-Männer und Bruders-Kinder, und zwei Parteien vorhanden; sind dennoch ohne einigen Prozeß und verdrüßliche Weitläuftigkeit auseinander gesetzet worden; und, die Soldaten geheiratet, haben nichts ausrichten können.

Halle a. d. Saale. – Nach Martini Zeilleri »Topographia« (Frankfurt a. M. bei Matth. Merian 1650).

Die Mutter seelige, Maria Magdalena, geborene Nitzsche, war eine Seilers-Tochter vom Neumarkte. Ihr Vater hieß Martin Nitzsche; sonst ein reicher Mann, wann er nicht all das Seinige (wegen Mißtrauen zu der dritten Frau, welche ihn als seine Magd zu heiraten, listig bestrickt; hernach aber, da sie ins Gut gekommen, wenig Gutes gethan. NB. Wie es denn zu gehen pfleget!) in die Erde vergraben, und ehe nichts sagen wollen, ohnerachtet alles Bittens, bis ihm die Sprache drüber verfallen und er also gestorben.

Was dieselbe Nacht für ein Ungeheuer und Poltern im Hause gewesen, ist nicht zu beschreiben. Es hat kein Mensch im Haus mehr bleiben wollen, bis der seelige Vater einen Schatzgräber kommen lassen, welcher die Wünschelrute im ganzen Haus hat umbgeführet, aber allemal, wann sie in'n Garten kommen, unter einem Apfelbaum mit Gewalt niedergeschlagen. Da denn unter selbigem Baum in der Nacht zwischen elf und zwölf Uhr sie angefangen zu graben, was geschicht? Ein greulich Gespenst, in des Vergrabers Gestalt, stellet sich gleich da hin, siehet zu und lehnet sich auf das Gegatter. Darüber die alle, mit sambt meinem seeligen Vater, erschrocken und stillschweigend über Hals und Kopf, mit sambt dem Schatzgräber, davongelaufen und sich in die Stube verriegelt, nicht wissend, was nun anzufangen. Die andere Nacht gehet es gleich so. Da denn der Schatzgräber auf eine gewisse Konjunktion wartet und wieder anfanget. Befinden aber, daß der Schatz wohl sechs Ellen weitergerücket. Worauf der Schatzgräber vorgegeben: daß der Schatz bereits besessen, und müßte er ins Gebürge reisen und eine gewisse Wurzel dazu holen. Er soll aber noch wiederkommen! Und ist zu vermuten, daß derselbige ein heimlich Verständnis mit der Stiefmutter gehabt, oder des Nachtes über die niedrigen Wände gestiegen und das Geld geholet. Summa: es war weg, und alles stille. – Darum hüte sich jeder vor dergleichen Stricken und Bannerei, dabei der heiligste Name GOttes gemißbrauchet wird, so dann nichtes übrig bleibet, als ein böses Gewissen, wie viel Exempel bezeigen.

Nachdem aber der seeligen Mutter, nach des Vaters Tode, bei ihrem hohen Alter von siebenzig Jahren zu schwer gefallen, die Haushaltung, Handel und Nahrung fortzutreiben, hat sie mir befohlen: mich nach einem guten Gesellen umbzusehen, der mit Gelegenheit die ledige Tochter im Hause heiratete, und also die Handlung und Handwerk in gutem Zustande fortgetrieben würde; hat auch zugleich benennet: daß einer in Sietsch, bei Landsberg, bei seinem Bruder Pohlen, gelobet würde.

Des andern Tages drauf habe ich ein Pferd genommen und habe diesen Pohlen gefunden. Als ich ihn gefraget: ob er einen Bruder hätte, der ein Seilergeselle, und wo er wär? hat er mit: ja, und daß er etwa im Stall oder Scheune wär, geantwortet und ihn gerufen.

Als derselbe barfuß, wie es aufm Dorf gehet, kam, haben sie mich in die Stube geführet, worauf ich meine Wort angebracht und ihm gesaget: weil dabei Handlung, daß er Schreibens und Lesens erfahren sein müßte. Er aber auf alles: »Ja, ja!« geantwortet. Da er doch solches nicht gekonnt, sondern erst lernen müssen. – Und muß man hieraus sonderlich GOttes Providenz sehen, und wann einen Menschen das Glück sucht!

Kurz, er kam rein und wußte sich so wohl in die Mutter als an die Tochter zu schicken, daß im halben Jahr Hochzeit in meinem Haus gemachet wurde. Und ich mir bei solcher Hochzeit, weil ich tranchieren mußte, einen Truthahn auf der Gabel, und ein wenig Wein im Kopf hatte, den linken Daumen halb glatt abhiebe, daß er in dem Braten liegen blieb. Und ohne Zweifel vor ein Stück Truthahn mitgefressen wurde, weil ich ohnvermerkt gleich ein serviett umb den Finger und Hand gewunden, wiewohl mit großem Schmerz, und wohl vierzehen Tage zu kuren hatte, ehe ein Stück ordentlich wieder angeheilet. Da hieß es recht: »Arzt, hilf dir selbst!«

Nun, als die Hochzeit vorbei und Herr Pohle sich in festen und sichern Standt gesetzet sahe, da kehrete sich das Blatt, und war er nicht mehr Joseph, sondern Herr im Haus, und mußte alles nach seinem Willen gehen, wie es pfleget so zu gehen! Daher denn nichts als Klagen von der Mutter und endlich von der Schwester an mich gebracht. Da war nichts als weinen und lamentieren, welches wohl auch nicht anderst sein konnte; denn vorhero hatte Mutter und Tochter nach eigen Gefallen, nun aber nach dem Mann zu leben. Dahero ich manche Bekümmernis in meinem Herzen empfunden. Steuern, Wehren, Zureden und Vermahnen an der Mutter, Tochter und Mann half weniger, als nichtes, und wollte jedes recht haben. Ich hatte mich deswegen an meiner Mutter durch allzu hartes Zureden sehr versündiget, da ich freilich wegen ihres hohen Alters (da sie meist wunderlich und eigensinnig werden) billig sollte Geduld mit ihr haben? wie sie denn, da wir eigensinnige, schreiigte Kinder waren, uns nicht gleich wegwerfen, sondern auch viel Geduld und schlaflose Nächte haben müssen. Nur war bei diesen Zänkereien zu bedauren, daß durch Ärgernis, Gram und schrecken der Frau zwei oder drei Kinder sturben.

Endlich verkaufte die Mutter Herrn Pohlen das Haus und Werkzeug, so er vorher in Pacht hatte; bezahlete die Erben, vermutlich mit unserm eigenen Gelde, indem die seelige Frau aus der Nahrung wohl mochte was Rechtes gesammlet haben. Da ward es ganz stille. Die seelige Mutter teilete das Geld, Mobilien und alles, gab sich zur Ruhe, bekam einen schmerzhaften Schaden an der Brust, welcher, wie wohl ich an ihr allen Fleiß thate, dennoch nicht zu dämpfen, sondern nur der Schmerz einigermaßen zu lindern. Daran sie endlich starb im zweiundachtzigsten Jahr ihres Alters.

Halle a. d. Saale – Nach Martini Zeilleri »Topographia« (Frankfurt a. M. bei Matth. Merian 1650)

Nun komme ich an meine Auferziehung zu gedenken. – Und war ich unter sieben Kindern der dritte Sohn; hatte aber von Jugend auf gleich das Malheur, da alle meine Brüder und übrigen Kinder schwarz und rauhe Haut und Köpfe hatten, ich hingegen schlosweiße Haar und Haut hatt'; dahero mein seeliger Vater immer sagte: ich wäre nicht sein Kind, derohalb mich auch nicht achtete. (NB. Bis ich ins zwanzigste und vierundzwanzigste Jahr kam, da sich die Ähnlichkeit accurat und beßer, als bei den andern, befunden!) Gnug, ich mußte das in meiner Jugend wohl entgelten. Ich war der verachtete und wurde von den andern übel bezunamet und aus einem Winkel in'n andern gestoßen. Wenn die Mutter mich nicht geliebet und mir den Rücken gehalten, wär es mir noch übeler ergangen. Und ist der wunderbaren Güte GOttes zu danken, daß ich in mancherlei Gefahr und Schlägen bin erhalten worden.

Einsmals, da beide, Vater und Mutter, des Nachts zur Hochzeit gewesen, und alles mitgelaufen, nur ich allein zu Hause, und zwar bei verlöschetem Licht, gelassen, habe ich durch heftiges Weinen und Schreien endlich die Stubenthüre gefunden; bin im Haus hin- und hergekrochen und endlich auf dem Boden, hinter einer alten Feuermaure, schlafend mich befunden. Wie leicht hätt ich in einen Brunnen, derer zwei mit alten Brettern im Hause zugedeckt, oder in'n Keller fallen können! Was aber vor Not und Lamentieren gewesen, als die Eltern mich fast die halbe Nacht gesucht und nicht finden können, ist nicht zu sagen. – Und sollten billig Eltern auf ihre Kinder beßer achthaben!

Ganzer vierzehen Tage habe ich blind an'n Pocken gelegen, vielmals das hitzige Fieber, aber niemals das kalte gehabt.

Einsmals hatte ein Bauer sein Pferd in unserm Stall, und ich will mit andern Jungen selbiges streichen. Das Pferd schmeißt mit beiden Beinen hinten aus, hat mich in die Höhe, und gegenüber, auf einen kleinen Boden geworfen; davon die Rippen im Leib gebrochen, und ich eine große Krankheit litte.

Sonst ware ich von einem stillen humor;Humor = Feuchtigkeit. »Die Medici und Physici pflegen bey dem Menschen vier Grund-Feuchtigkeiten, und daher rührende Temperamente zu zehlen, als die Sangvinische, Phlegmatische, Cholerische und Melancholische, Constitution und Complexion, also, daß zwar alle Menschen diese 4. Grund-Feuchtigkeiten bey sich haben, jeden noch eine von denselben zu prædominiren und vorzuwalten pflege.« und weil ich überall so verachtet, triebe mich solches zum fleißigen Gebet und vertrauen auf GOtt. Liebte die Einsamkeit; malete und schriebe fleißig, welches von Jugend auf geliebet und von mir selbst gelernet.

Einsmals, an einem Neujahrstage, da ich in Einsamkeit zu GOtt betete: GOtt sollte uns auch ein glückseelig Jahr bescheren, kam mein Bruder, Meister Paul, welcher sehr wild war und mich sehr verführete. Nahm mich unter andere Jungen mit, welche unten auf dem Alten Markt mit den Schlitten fuhren, und einen Zank mit den Hall-Jungen hatten, und sich nicht von dem Platze treiben laßen wollten. Schwenkten wir ihnen mit Gewalt zu, und wurfen ein Hallmägdlein rücklings über den Haufen, welche gleich tot war. Jeder retirierte sich nach Hause, vor Schrecken halbtot. Allein die Scharwache holete uns alle, bis auf der vornehmen Leute Kinder, so dabei waren. Ich wurde mit noch zweien ins Gefängnis geworfen und hart verwahret. Obgleich mein Vater Kaution machen wollte, half es nichts. Ich mußte kümmerlich so lange sitzen, bis das Mädgen durch Dokter und Barbier außer Lebensgefahr gebracht. Inzwischen ließen diese Leute weidlich draufgehen, welches mein Vater alles bezahlen mußte, und neun bis zehen Thaler kostete. Die andern redeten sich mit meinem Bruder los, zum Teil hatten sie kein Vermögen.

Noch das ärgeste war, daß von dem Schreck und Alteration ich in eine hitzige Krankheit fiel, welche sich endlich resolvierete und ein groß apostema unter dem linken Arm auswarf; bei welchem von neuem viel Schmerz und Kosten hatte.

Dieses vermehrete den Verdruß bei Vater und Geschwistern, daß ich auch bei aller Gelegenheit viel Schmach hatte. Jedoch ihnen öfters gesaget: »Ich bin euer Joseph, ihr werdet einmal alle zu mir kommen und Hülfe bei mir suchen.« so auch hernach wohl eingetroffen ist, wie folget.

Endlich, ich hatte kaum das vierzehente Jahr erreichet, so wollte mich der Vater zum Seiler-Handwerk gebrauchen. War aber schwach und hatte keine Lust dazu, wiewohl ich's etliche mal versuchte.

Wollte mich der Vater im Haus nicht mehr leiden, sagete einen Abend zu mir mit harten Worten: »Du mußt fort, erwähle dir heute, was du werden wilt.« – (Umb die Zeit, anno 1680, starb der Administrator allhier, und nahm der Kurfürst von Brandenburg, Friedrich Wilhelm, die Stadt und Land mit Soldaten ein.) – Da ging die Herzensangst, Trauren, Weinen und Beten die Nacht an! GOtt sollte mir doch anzeigen, was zu erwählen, daß ich Ihm und meinen Nächsten dienen und mein Brot haben könnte!

Siehe; so habe dieselbe ganze Nacht mit Barbiersachen zu thun gehabt und von Medizin geträumet. Als woraus ich geschlossen: es wäre dies der Zweck.

Halle a. d. Saale. – Nach Marlini Zeilleri »Topographia« (Frankfurt a. M. bei Malth. Merian 1650).

Als nun des morgenden Tages gefraget wird: was ich resolvieret? die Antwort war: ich wollte ein Barbier werden. Sahe mich der Vater stürmisch an, ja, sagte gleich: »Wer hat dir das in'n Kopf gesetzet? du meinest, weil solche gute, faule Tage haben? wenn's kein Geld kostete! Wo will ich's hernehmen?« – Drauf ich ihm gesaget: »Es würden sich wohl Mittel dazu finden, und sollte er die hundert Thaler dazu nehmen, welche meine seelige Großmutter mir vermacht, und er so lange selbige genutzt und keine Intresse davon geben dürfen.« – Auf welche Vorstellung der Vater sehr böse gethan; durchaus es nicht gewollt. Durch der Mutter beweglich Zureden aber es geschehen lassen. Mit Herrn Schobern, dem Vetter, auf siebenzig Thaler accordieret, so ich auch ins Erbe conferieren müssen.»Während der Lehrzeit muß der Lehrjunge die Aufwartung in dem Hause nicht nur seinem Meister und dessen Eheweib, sondern auch den Gesellen leisten. Bey zunfftmäßigen Handwercken wird ein Lehrjunge, wenn er seinen Geburts-Brief beygebracht, vor offener Lade aufgedungen, wobey er neben der Gebühr, gewöhnlich das halbe Lehrgeld erlegen muß wenn er ordentlich ausgelernet, und seine Lehrjahre gehörig ausgestanden, auch das übrige Lehrgeld bezahlet, wird er von seinem Meister vor offener Lade loßgesprochen, und so wird er ein Geselle, ist aber gemeiniglich gehalten bey seinem Meister noch eine Zeitlang in der Arbeit stehen zu bleiben, wenn ein Lehrjung aus der Lehr entlaufft, fragt sich ob er von neuen anfangen, oder allein die ermanglende Zeit nachdienen soll. Das letzte, als in Rechten und der Billigkeit gegründet, wird von den meisten angenommen, es wäre denn, daß bey dem Handwerck ein anderes beständig herkommen wäre. Wenn ein Junge losgesprochen wird, bekommt er einen Lehrbrief, als ein Zeugniß, daß er seine Lehrjahre richtig überstanden, ohne welches er zu dem Meisterrecht nicht mag gelassen werden.«

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