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Meister Johann Dietz erzählt sein Leben

Johann Dietz: Meister Johann Dietz erzählt sein Leben - Kapitel 2
Quellenangabe
typeautobio
authorJohann Dietz
titleMeister Johann Dietz erzählt sein Leben
publisherWilhelm Langewiesche-Brandt
seriesLebensdokumente vergangener Jahrhunderte
printrunErstes bis zweiundzwanzigstes Tausend
editorDr. Ernst Consentius
year1915
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created200804156
projectid266cdf08
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Einleitung des Herausgebers

Bisher ist keine Lebensbeschreibung bekannt geworden, die nur annähernd mit solcher Ausführlichkeit wie die folgende Biographie des Meister Johann Dietz von dem bürgerlichen Leben in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts bis hin zum Regierungsantritt Friedrichs des Großen Kunde brächte. Der Abdruck der alten Handschrift stellt deshalb ein kulturgeschichtliches Denkmal dar.

Meister Johann Dietz gehört als Barbier zur Innung. Mag er noch so weit in der Welt herumgekommen sein: ihm teilte sich sein Leben – ganz nach Handwerksbrauch – in seine Lehrjahre, in die Zeit des Reisens und endlich in seine Meisterschaft, die zeitlich mit seiner Ehe zusammenfiel. Der rechte Barbier, der zugleich ein rechter Chirurg war, blieb, so lange er lebte, ein Meister.

Damals nahm der gelehrte Medikus noch keine chirurgischen Operationen vor. Das war Sache eben des Barbiers. Zwischen dem studierten Doktor, der die Kranken innerlich kurierte, und dem Barbier, der das Amt des Chirurgen versah, war die ärztliche Wissenschaft geteilt. Freilich mußte der Barbier im Notfall auch seinen gelehrten Kollegen, wohl oder übel, vertreten; denn ein Barbier war meistens schneller zu erreichen als die Herren Doktoren.

Der Chirurg hatte an Universitäten noch nichts zu studieren. Er ging in die Barbierstube zum Meister in die Lehre. Er lernte die Kunden bedienen und den Bader verachten, der's nicht wagen sollte, irgendwem den Bart zu putzen oder gar einen Schröpfkopf zu setzen. Kam der Lehrling zu einem Meister, der seine Sache verstand, so war's sein Glück. Der Geselle suchte dann bei einem neuen Herrn Stellung, bediente wieder die Kunden, zog vom zweiten Meister zum dritten, um endlich die rechte Ausbildung als Wundarzt im Kriege und im Felde zu suchen. Denn der Krieg, der täglich neue Aufgaben dem Feldscher stellte, war die beste Schule des Chirurgen.

Diesen regelrechten Weg, die große Kunst zu lernen, ist Dietz gegangen. Er hat als Feldscher den Zug der Brandenburger nach Ungarn mitgemacht, als die Festung Ofen erobert wurde, er fuhr als Schiffsarzt mit den Walfischfängern ins Eismeer, und daß er eine Zeitlang, als er schon ausgelernt, in Berlin bei einem ausgezeichneten und erfahrenen Meister, einem sehr berühmten Chirurgen, bei Herrn Andreas Horch, dem Regiments-Chirurgus der kurfürstlich Brandenburgischen Leibgarde zu Fuß, gedient, war sein ganz besonderer Gewinn.

Rund hundert Taler reichten aus, um das Lehrgeld zu zahlen. Dann stand Dietz auf eigenen Füßen. Er hat es zu einer wohlbehäbigen bürgerlichen Existenz gebracht.

Als Meister Dietz das siebzigste Jahr erreicht, fing er an, sein Leben aufzuzeichnen. Ein Erlebnis reihte er ans andere, ohne Sorge um strenge Chronologie. Eine Geschichte rief ihm die zweite ins Gedächtnis zurück, und lässig machte er wieder einen Nachtrag. Aber so alt der Mann geworden – sein Temperament bricht mehr als einmal hervor. Sehr glaublich, daß dieser impulsive Herr mit seiner Umgebung in Konflikt geriet! Dennoch war es ein Mann, der rechtlich dachte und es in keinem Falle vergaß, aufzuzeichnen, wann wieder einmal die Strafe GOttes den Bösen erreicht.

Machte aber Meister Dietz eine Dummheit – was öfters vorkam – er schrieb sie auch auf; und hatte er sich durch die Sucht nach Geld verleiten lassen, war er durch sträflichen Leichtsinn in Lebensgefahr geraten: ihm hat der liebe GOtt noch immer geholfen!

Meister Dietz gewann ein ganz eigenes Verhältnis zu GOtt, der ihn niemals verlassen, wenn er ihn brauchte; am Nordpol nicht, und in Ungarn nicht, wo es den Brandenburgern so jämmerlich erging, wo sie hinstarben und hungern mußten, als sie dem Kaiser halfen, den Türken zu verjagen. – So war es damals! – was die Soldaten auf dem Marsche nach Ungarn und im Lager vor Ofen litten, darüber schweigen die Kriegsberichte der Generale. Haben die hohen Offiziere doch alle den weiten Blick des Feldherrn. Ihnen verlohnt es nicht, Alltägliches, was eben des Krieges Brauch, noch besonders zu vermelden. Dem gemeinen Mann, dem Meister Dietz, prägten sich nebensächliche Einzelheiten ins Gedächtnis, sie waren ihm auch so wichtig, daß er sie in seiner köstlich-naiven Art aufzeichnete.

Das ganze Leben zog an dem Siebzigjährigen vorüber. Er war kein abgelebter, seniler Mann. Noch als Einundsiebzigjähriger ließ er taufen! Und nichts hat er bei seiner Niederschrift verschwiegen; alle Leute noch dazu mit ihrem vollen Namen genannt!

Diese Lebensbeschreibung darf für ein Dokument bürgerlicher Zustände gelten, für eine neue Quelle, die unsere Kenntnis wesentlich bereichert. Wo Meister Dietz die kleinen und kleinsten Züge mit besonderer Liebe festgehalten, hat sein Lebensbild vom Anfang bis zum Ende die große Anschaulichkeit und die überzeugende Treue, so daß die handelnden Personen fast körperliche Gegenwart gewinnen. Es steht ein rundes, farbensattes Bild jener Tage, wie sie der Bürger erlebt, vor uns; jener Tage, als der Große Kurfürst noch regierte, als der prächtige König Friedrich I. glänzend Hof hielt, und dann der karge Friedrich Wilhelm I., nicht immer zur Freude der Untertanen, sein strenges Regiment geführt.


Der königlichen Bibliothek zu Berlin, die in entgegenkommendster Weise den Abdruck der Handschrift gestattete, bleibe ich zu aufrichtigstem Dank verpflichtet. Die königliche Bibliothek, das königliche Kupferstichkabinett zu Berlin und das Städtische Museum zu Halle gestatteten auch auf das freundlichste die Benutzung ihrer Sammlungen, so daß dieser Veröffentlichung eine Reihe authentischer Bilder aus jener Zeit beigefügt werden konnte. Ebenso habe ich dem königlichen Geheimen Staatsarchiv zu Berlin und den hochwürdigen Pfarrämtern der Kirchen zu St. Moritz in Halle und St. Laurentii auf Neumarkt in Halle für die mir gewährte Einsicht in ihre Akten und Bücher zu danken.

Berlin-Steglitz, im September 1914.

E. C.

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