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Meister Johann Dietz erzählt sein Leben

Johann Dietz: Meister Johann Dietz erzählt sein Leben - Kapitel 10
Quellenangabe
typeautobio
authorJohann Dietz
titleMeister Johann Dietz erzählt sein Leben
publisherWilhelm Langewiesche-Brandt
seriesLebensdokumente vergangener Jahrhunderte
printrunErstes bis zweiundzwanzigstes Tausend
editorDr. Ernst Consentius
year1915
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created200804156
projectid266cdf08
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Von meiner Verheiratung

Der liebe GOtt möchte es so versehen haben, daß ich, nach so vielen, guten Gelegenheiten und Wahlen, eine arme Witfrau mit drei kleinen, unerzogenen Kindern sollte aufbringen und erhalten. Denn, ob ich wohl viel Gelegenheiten hatte, die profitabel gnung, wurde ich doch durch Weiber gefangen.

Die vorgemeldte Frau Pathe ließ nicht nach, anzuwerben vor die Frau Watzlauen. Welches ohne Zweifel so angestellet, daß sie mich einmal in ihren Garten bate. Und da war schon gemeldte Witwe. Mit welcher ich leicht ins Gespräch kam. Und sie mich bei einem Trunk Wein dermaßen bestrickten, daß's auf einmal klar wurde. NB. Da hieß es: jählinge Sprünge geraten nicht wohl (wie das leider erfolget); auch: Weiber-Freiten werden selten gut; man saget: die Nachtigall habe wohl einen schönen Gesang, sei aber ein dummer Vogel, der sich leicht fangen lasse.

So ging es mir. Denn ich gab ihr ein groß Schaustück; sie mir aber einen Ring. Da war ich gebunden in eine Sklaverei, davon ich, wie ich die rechten Umbstände der Frau erfuhr, gerne wäre wieder los gewesen. Aber sie wollte durchaus nicht. Sonderlich, da ich meinem Vater davon sagte, fragt' er: »Was willtu mit der bösen Frau und Kindern machen? Es ist nichts ihre, sondern den Kindern; dazu ist viel Schuld da; und hat übele, zankigte Geschwister und Freunde.« – Und das traf alles ein. Aber es war zu spät. Ich stund lange mit der Vollziehung an und wollte lieber so bleiben. Wäre besser gewesen!

Aber, ach leider, ich wurde nun von allen Seiten beredet und mir die Sache so süß vorgepfiffen. Ja, mein Vater selbst sagte: »Was willtu nun machen? Es ist geschehen; du kommest nicht von ihr los und dürfts nicht heiraten. Die beste Hoffnung ist zu GOtt, vielleicht wird's besser, oder sie stirbt bald.« – Aber alle, diese Rechnungen schlugen fehl.

Doch gab sie in der Erst gute Wort, karessierte mich und that treffliche Vorschläge, wie sie durch eine Ehestiftung mir alles zuwenden und den Kindern was Gewisses aussetzen wollte von ihres Vaters großem Vermögen, wie sie vorgaben.

Ich wollte also, wie Recht, die Ehestiftung vor der Hochzeit haben. Aber, da wurden hundert Exküsen vorgestellet von ihrem Kurator Doktor de Wedigen, und es immer von einer Zeit zur andern ausgesetzet. Zuletzt wurde, bei großer Verheißung, es bis gleich nach der Hochzeit aufgeschoben. Und da war ich vollends recht gefangen. War anno 1694 am 3. Decembris.

Die Hochzeit wurde inmittelst angestellet, und ich ließ mich aufbieten. Als der Hochzeittag herbeikam (welcher Tag eine unglückliche Konjunktion hatte: denn der Mond stand im Zeichen des Skorpions, und Saturnus mit dem Mercurio im Gesechsterscheine. Als ich nach dem Kalender sähe, erschrak ich; jedoch muß man GOtt mehr vertrauen, dacht ich), da war kein Groschen Geld; und mußte ich wohl vier bis sechs Wochen zuvor Mehl und Brot ins Haus schaffen; auch die Kundschaft selbst barbieren, sonst wären sie vollends alle weggegangen; summa: es kam alles auf mich und mein Geld an. Und mußte die ganze Hochzeit auf meine Kosten ausrichten; außer: mein Vater schenkete mir dazu sechs Hasen, so ich in'n Keller in Verwahrung bringen wollte. Aber meine Liebste hielt es vor besser, sie ins Haus, in die Luft, zu hängen, und daß es ein'n Staat vor den Leuten machte, daß wir Hasen hatten. Noch selbigen Tag kombt ein Bettelmann und stoßet sie alle sechs herunter und nimbt sie fein sauber mit weg. Da hatten wir keine Hasen und mußten sie aufs teuerste in der Stadt zusammensuchen. Das war eins. Denn ich wollte mich mit der Hochzeit sehen lassen und hatte Barones, einen Grafen, zwei Professores, einige aus dem Rath und Priester, auch viel vornehme Leute gebeten; da ich von manchem sechs bis acht Thaler zum Geschenke, von ihrer Freundschaft aber, von einigen, sechzehen Groschen bekam! Doch war ich zufrieden und wartete vor den Tischen selbst mit auf. Meine Braut aber saß in größter Gala über Tisch.

Nach der Hochzeit ging das böse Wetter schon an. Da hatte ich's hie und da ihren Freunden nicht recht gemacht und gnug Ehre angethan! – Da ließ mir ihr Vater, bei dem sie mich verkleinert hatten, sagen: das Haus wäre sein, und er wollte mich draus haben und nicht ruhen, bis er mich zum Thor ausgetrieben! – Die Schwester, die Frau Hans-Jochim, ließ sagen: sie wollte ihre schuldigen hundertundfunfzig Thaler haben; ingleichen die andere Schwester, die Frau Schüren, ihren Wechsel von hundert Thalern. – Den Apotheker hatten sie auch aufgebracht. Der wollte sechsundzwanzig Thaler vor Arznei haben. Und ich weiß nicht, was mehr von mir gefordert!

Ich lachte drüber und sahe, daß ich betrogen. Die Frau war in Angst und Not und wendete sich zu mir mit guten Worten: ich sollte helfen! Denn sie wußte, daß ich neunhundert Thaler Geld mitgebracht. Ich schlug mich ins Mittel und bezahlete alle Schuld.

Weil auch das Haus sehr baufällig und die Balkenköpfe alle verfaulet waren (von der übeln Wirtschaft, da kein Eigentümer nach dem Dach gesehen; man mußte befürchten: es möchte mit eins einmal herunterschießen), da machte ich mir drüber und zog neue Balken ein und bauete das Haus aus, führete im Hofe, zur linken und rechten Hand, neue Gebäude auf; weil die alten immer dräueten einzufallen, und die Nachbaren mich dazu antrieben. Summa: ich habe nach und nach vierzehenhundert Thaler in das alte Haus verbauet und hätte, wo es GOtt nicht sonderlich verhütet und mich aus Gnaden wunderlich erhalten, den Hals drüber gestürtzet. Indem, als das Hintergebäude über der Küche gerichtet, und unten noch viel Bruchsteine zum Mauren übereinander lagen, laufe ich – nach meinem Gebrauch – oben über. Und das Brett ist alt, morsch, bricht auf einmal. Und ich falle drei Stock hoch hinunter. Weiß aber diese Stunde nicht, wie ich die quer auf einen Balken zu sitzen kommen. Denn, wo ich vollends hinunter auf die Steine gefallen, wär meines Gebeins nichts ganz geblieben.

Ich schrieb auch GOtt zum Lob einen Vers, so noch zu sehen, an: »Dennoch bleibe ich stets, mein treuer GOtt, denn Du hilfest mir in aller meiner Not, daß ich nicht kommen bin allhie zum schnellen Tod, noch in Schande und Spott.«

Marktplatz in Halle mit der Kirche zu U. L. Frauen. – Nach einem Ölgemälde zu Ende des 17. Jahrhunderts. Original: Städtisches Museum in Halle.

Es war auch ein alter Stall im Hofe, darin stund eine Rolle. Den wollte die Frau durchaus nicht wegreißen lassen; weil das Haus noch nicht auf mich geschrieben. Der Stall war mir immer bedenklich, weil er dicht in Fischers Scheune, die hinten, quer vor dem Hof, gebauet, und keine Sonne dafür hereinkonnte. Und ahnte mir, wann einmal Feuer in dem Stall und Fischers Scheune möchte auskommen, wie hernach würklich geschähe, wäre in meinem Haus keine Rettung. – Ich machte es aber so künstlich und sägete etliche alte Säulen vollends heimlich ab und stoßete den alten Bettel bei einem Winde, und mit 'ner langen Leine gezogen, vollends übern Haufen. Aber sie wollt es nicht wohl glauben, daß der Stall eingefallen. – Aber es war sehr gut; wie folget.

Nun, ich hatte die Schulden bezahlet, das Haus gebauet und gebessert, sie und die Kinder ernähret, und war kein Mensch, der mir ein'n Heller wiedergeben wollte, Hatte im Hause auch nicht viel zu befehlen, weil es bis dato noch nicht auf mich geschrieben war, nahm die Frau auch die Miethe ein. Und mußte ich sechsundzwanzig Groschen als Bürger ohne Haus geben! Das Ding verdroß mich sehr. Und konnte weder Tag noch Nacht ruhen. Und grämete mich, daß ich wie ein Schatten und nicht je gut wurde. Und das war meiner Frauen und ihrer Freunde größte Freud, daß ich nun sterben und reisen konnte, wann ich wollte. Da war kein Erbarmen, keine Liebe und Dank. Und mußte doch bei solcher schlafen, auch wohl ihre Kinder bögen und warten (wann sie und die Magd, etwa in der Mühle oder bei ihren Leuten, da sie continue hinlief, zu thun hatte), daß ich auch aus Ungeduld manches Mal mit der Rute schlug. Da hatte ich vollends Totschläge begangen und wurd dessen beschuldiget! – Über diesem übeln Zustand kam ich ganz von mir selbst und hörete des Nachtes Stimmen rufen, ganz deutlich und stark: »Es ist alles aus!« – Aber es war noch nicht aus; es ging erstlich recht an!

Denn, ob mir wohl in der gemachten Ehestiftung das Haus (so viel nämlich davon ihres) loco dotis, zugeschrieben, und die bezahleten Schulden und Baukosten mir statt baaren Geldes als Kauf- Summa angerechnet, so hieß es doch immer: »Es ist das meinige und meinen Kindern«, bis ich endlich hinter den Betrug des Advokatens kam: daß nur der vierte Teil am Haus der Frauen war.

Nun, was sollte ich thun? Ich saß einmal in der Bredouille drinnen und mußte aus zwei Bösen eins erwählen. Ich klagete im Berggericht auf mein ausgelegetes Geld, Baukosten und alimenta vor die Kinder und wollte nicht länger so in communione sein.

Da war der Henker gar los! Und wollten mich alle tot haben! Ließen mir durch mein Gesinde ins Haus sagen: ein toller Hund lief nicht über neun Tage, sie wollten nicht ruhen, bis sie mich zum Thor ausgebracht! – NB. Und ich lebe noch, gottlob! sie aber sind alle tot; und haben mich ihre Weiber und Kinder zur Hülfe gebraucht.

Der alte Herr Schwiegervater nahm gleich die Kinder weg, zu sich, weil sie aber da keine Wartung hatten, verdarben die Kinder in Läusen und bösen Grind. Da sie aber mit einer Schmiersalbe drüber kamen, sturb das eine Kind.

Weil nun dies Kindes Teil auf meine Frau verfället, hatten sie den bösen Anschlag gemacht: daß alles auf die Begräbniskosten gehen sollte und nichts übrig bleiben. Deswegen das Kind von drei Jahren in Taffent und köstliches Nesteltuch, item die Weiber und Mägde, gekleidet.

Weil ich das erfuhr (denn die Mutter wußte gar nicht, daß das Kind gestorben), stellete ich das bei dem Rath für, welcher gleich anbefehlen ließ: das Kind zum Begräbnis der leiblichen Mutter ins Haus zu schicken. – weil sie aber halsstarrig und es durchaus nicht thun wollten, mußte die Scharwacht solches thun. Das war ein großes Spektakul.

Ich ließ aber doch das Kind mit Ceremonien begraben. Und kostete mir sechsundzwanzig Thaler.

Von alle diesem Schrecken und Alteration, welche die Mutter hievon hatte, konnte freilich das dritte kleine Kind, welches sie noch an der Brust soge, nichtes Gutes bekommen. Bekam derhalb die böse Seuche, worin es drei Wochen mit großem Jammer zubrachte – und starb auch.

Da wurden die Leut ganz rasend auf mich. Und wollte mich meiner Frauen Bruder hinterm Tisch bei der Barbierinnung durchstoßen mit dem bloßen Degen. So aber noch verhindert wurde.

Inzwischen wurde den Vormündern und Schwiegervater gerichtlich anbefohlen: binnen vierzehen Tagen mich ex communione zu setzen und mein ausgelegtes Geld zu bezahlen oder der Ezekution, Tax und Subhastation zu gewarten.

Die Vormünder hatten noch einige silberne Becher und anderst vor die Kinder in der Teilung zu sich genommen, welches sie auf Anregen des Vaters und der Freunde verkauften und an mich, zum Prozeß, verwandten. Mit Briefen von acht bis neun Bogen gegen mich einkamen! Es half aber nichts und blieb bei der Exekution; währete wohl Jahr und Tag; endlich wurde das Haus angeschlagen.

Und ich bot zum ersten tausend Thaler baar Geld. Das war ihn'n lange nicht gnung. Schickten viel Juden und andere Leute, solches zu kaufen, ins Haus. Aber, es wollte niemand anbeißen und sich drein melieren.

Weil sich aber kein besserer Käufer fand, zogen sie den Wolfpelz aus und zogen den Fuchspelz an, persuadierten mich durch ihren klugen und listigen Advokaten, Licentiaten Rudloffen, zum Vergleich. Welcher also eingerichtet war: daß der Schwiegervater, Georg Schober, und Kindesvormunde nunmehr wollten geschehen lassen, daß ich das Haus vor die gebotenen tausend Thaler behalten, mich aber mit der Frau sollte vergleichen und die Stieftochter bis ins vierzehente Jahr franko erziehen, auch bei ihrer Verheiratung ihr hundert Thaler geben sollte, neben dem, was ihr von der Barbierstube nebenst künftigen Kindern zukäme.

Dies nahm ich an; und ward froh, daß ich nur zum Gelde und Ruhe kam.

Indeß war meine Frau hohen Leibes und war kein Tag, da sie nicht Zank mit ihren Geschwistern hatte. Darum ich sie auch bat und warnete: sie sollte doch zu Hause bleiben und sich vor den Ihrigen hüten; weil sie nicht gerne wollten, daß ich Kinder unter ihr Erb bringen sollte.

Allein meine Frau folgete mir nicht und lief täglich hin. Da denn bei der höchsten Zeit, des Abends, sie sich abermals bei dem Vater gezanket, und sie sie gar aus dem Hause gestoßen hatten. Die Frau in Grimm und Finstern zu Hause läuft und in der Schmeerstraße, am »Güldenen Schloß«, über die Gosse und eine Bohle stürzet, über und über. Davon sie mir aber nichts saget, sondern über Wehen klagete.

Ich lasse die Wehemutter gleich holen und da war alles gut. Die harte Geburt währete bis in'n dritten Tag. Da fragete ich die Weiber, die ich hatte lassen dazu holen, als die seelige Frau Doktor Knauten und Rathsmeistern Zeisingen: warum es so lang würde, es stünde gewiß nicht recht? – Da sagten die Weiber: »Herr Dietz, wir können es ihm nicht verhalten, das Kind ist tot; und will er seine Frau beim Leben erhalten, so muß er Herrn Dorn, der die Frucht rausnimbt, lassen holen.« Ich ward sehr erschrocken und wußte nicht, was zu thun? Doch resolvierte ich mich und sagte: »Wann es denn nicht anders sein soll und kann, was Dorn kann, kann ich auch.«

Die Weiber fielen mir umb den Hals und baten sehr: ich sollte bald machen, es wäre fast umb die Frau geschehen.

Ich legte die Hand an und versuchte, wie die Frucht stünde. 5o stund es mit der linken Achsel und Arm verkehret in. Und war wegen der Dunst, welche allzeit bei toten Kindern ist, weder zu wenden noch zu regen. Sie hatten ihm bereitest fast den Arm abgerissen. Ich fassete ein dazu geschicktes, spitziges Messerlein in meine rechte Hand, unter den Zeiger, so vorhero mit warmen Ölen und Bier glatt gemacht, zwang mich damit zwischen die Frucht ein und eröffnete dem Kinde Brust und Leib». Da gingen die Winde weg; und war die Frucht, zusammengefallen, leicht herauszubringen.

Da lag nun mein erster Sohn, im Mutterleib geopfert, und ich hatte meine Hände in seinem Blut gewaschen. – O, großer GOtt, Du weißt es, wie mir zu Gemüth war!

Doch waren sie alle froh, daß die Frau erhalten, welche ich durch fleißiges Schmieren und Heilen und Wachen ganz gesund machte. Mir aber von ihr nachgehends überaus böse vergolten ward. Doch hatte ich mein Gewissen gerettet.

Gleich nach diesem actus kamen ihre Schwestern und Freunde (die solches hatten zugericht), sonderlich die seelige Frau Hans-Jochim, welche statt des Trostes grobe Reprochen gab. Ich bedachte mich aber kurz und kriegete sie beim Arm zu packen, führete sie mit Gewalt, sie wollte oder wollte nicht, zur Stube und Hause hinaus. So wohl artig anzusehen gewesen! Denn sie hatte wegen des Podagra große Filzschuhe an. Da gab es Schelten und Schmähen, auch wenn ich vorüberging. So ich all mit Stillschweigen leiden mußte.

Meine Frau wurde kurz drauf wieder schwanger mit einer Tochter, welche drei Jahr alt wurde; und starb an einem auszehrenden Fieber. Es war ein liebes Kind, sehr klug, aber dabei auch eigenwillig. Wenn es was haben wollte, so bekam es nichts, und wurde mit der Rute geschlagen; wann es sich am größten erzürnet, gab man ihr zu trinken. Davon die Krankheit kam.

Und mag ich wohl sagen, daß es nicht groß von ihr in acht genommen wurde. Denn sie war oder bliebe nicht viel zu Hause. Ich mochte eifern, wie ich wollte. Einsmals fiel das Kind in ein Kellerloch und stak bis unter die Arm drin, daß ich es rauszog, und wohl lang dort gestecket hatte. Einsmals war es einen ganzen Tag verloren, bis es meine Eltern aufgerappet. Denn sie hatten es sehr lieb. Doch ihre Liebe schadete dem Kind mehr, weil sie ihm Wein, Branntwein und alles gaben. Insonderheit aß es gerne Bücklinge.

Ich brauchte ihr hernach zwei Doctores, als Herren Geheimbten Rath Hoffmann und Stahlen. Aber Menschenhülf ist kein Nutze. 5ie starb. Und als ich mit zur Leiche ging, war's nicht anders, als wenn mir ein Stück vom Herzen gerissen. Denn ferner alle Hoffnung zu Kindern verloren. War auch nicht zu wünschen. Denn sie auch dies seelige Kind nicht stillen konnte, weil da keine Milch mehr war.

Apotheke. – Aus: Thiemen's »Haus- Feld- Arznei- Koch- Kunst- und Wunderbuch« (1649).

Einsmals wollten wir solche herbeizwingen, und ich verschrieb ihr ein Milchpulver,Milchpulver; Grana tilli oder grana tiglia = höllische Feigen, purgieren oben und unten und werden von den Ärzten wegen ihrer starken Wirkung selten verschrieben. – Das Versehen des unerfahrenen Apothekerjungen ist bei der üblichen, abkürzenden Schreibung der Rezepte zu verstehen. Denn granum bedeutet das kleinste medizinische Gewicht und heißt auch dasselbe wie: semen = ein Samenkorn. – Der Samen des Lindenbaumes (semen tiliae) für sich allein, hatte wohl nicht die gewünschte Wirkung, doch hielt man dafür, daß Lindenblüten, in Milch gesotten und getrunken, den Säugenden die Milch vermehren. durch den Jungen in der Apothek zu holen. Weil nun unter anderm semen tiliae mit verschrieben, nimbt der Apothekerjunge grana tilli dafür, so ein starker, hitziger, tötlicher Gift ist.

Ich hieß es in der Milch kochen; der Junge aber will naschen und nimbt einen Löffel. Da kam er als ein unsinniger Mensch in die Stube und schrie: »Daß GOtt erbarme! ich muß sterben; das brennt, das brennt!« Hielte das Maul zu. – Ich fragte: was er gemacht? – Da er mir's sagte, mußte er stetig kalt Wasser saufen und sich bald zu Tode purgieren.

Da fing die Frau auch an, zu schreien: »Ja, ja, das hat mir gegolten, – er hat mir's wollen geben und mich umbbringen damit, mich los zu werden!« – Und da blieb sie bei und bracht es in der ganzen Stadt und hernach im Consistorio vor: ich wollte sie umbbringen!

Alleine, GOtt bewahre mich dafür, mir ein solch böses Gewissen zu machen, oder zu thun, wie mir einmal (als ich auch mit ihr klagete) ein Vornehmer Rat gab und sagte: ich sollte es auch so machen, wie der Kramer S.; ich würde ja auch wohl Pillen machen können, daß ich die böse Frau loswürde. – Ich sagte aber: »Nein, besser hier gelitten, als ein böses Gewissen.« – Ebenfalls ein anderer Barbier gab mir einen Rat: die Frau umbzubringen, daß es kein Mensch gewahr würde. – Allein ich folgete und gedachte an die Lehr der Katholiken, welche glauben: wer hier auf der Welt eine böse Frau hat, der komme nicht ins Fegefeuer.

Ich hatte mich kaum ein wenig zur Ruhe und in Ordnung gesetzet, da entstund den 15. Martii 1703 frühe umb zwei Uhr (wie ich vorher bei Abreißung des Stalles ominieret) in Fischers Scheune und Stall eine erschröckliche Feuersbrunst. Denn Fischers hatten früh nach Eilenburg fahren wollen und mochten mit dem Licht dem Stroh oder Futter zu nahe kommen sein und es nicht löschen können; weil sie bereits alles herausgeräumet, als sie auf der Gasse vor meinem Kammerfenster anklopften und schrieen: »Herr Dietz, Herr Dietz, es ist Feuer in seinem Hof!«

Ich im Hembde raus. Als ich die Hofthür aufmachte, konnte ich vor Glut nicht stehen. Ich gleich so auf die Gasse und schrei umb Hülfe. Denn es wußt es noch niemand, weil der Thürmer das Feuer vor den Häusern nicht sehen gekonnt, bis es oben über brannte. Ich weckte meine Leute und nahm mein bischen Geld untern Arm und eine lebendige Ziege an'n Strick, geh zu meinem Vater und schrei immer: »Feuer, Feuer!« – Denn die Leut wollten nicht wach werden.

Unterdessen nahm die Glut überhand. Ging alles auf mein Haus los und brannten meine beiden Hinterhäuser lichterlohe, auch das Stroh in'n Betten. Meine beiden großen Jungen schleppten alles in'n Keller, welcher eine eiserne Thür hatt'.

Endlich kam das Volk bei mir, lauter Strohhöfer und kein' Halloren. Die kletterten auf die Dächer mit nassen Säcken, Gießen und Spritzen. Ich zündte viel Licht an und ließ Wasser tragen. Als ich aber auf den Gang kam und das erschröckliche Feuer sahe, und sahe, daß alles würde drauf gehen, sagete ich laut: »Nun, Herr, Du hast es mir gegeben, willtu es wieder nehmen, so geschehe Dein Wille; Deinem heiligen Namen sei Ehre und Preis.« – Den Augenblick war es, als ob die Feuersflammen in'n Arm genommen und hinter sich, von meinem Haus, geschmissen wurden. NB.

Und, gleichwie GOtt ein GOtt der Ordnung und nichts ohne ordentliche Mittel und Wege thut, so geschahe es hier auch, daß beide Thore zur linken und zur rechten Hand im »Güldenen Rade« aufgemacht, dadurch die Flammen vom durchreißenden Wind (so allezeit bei Feuer) hinterwärts, nach dem Garten, getrieben, und dadurch meine Gebäude gerettet wurden. – Zuletzt brannte unten noch das Stroh im Sekret heftig, so aber auch gedämpft.

Als es bei mir keine Not mehr hatte, eilete ich meinen Nachbarn zu Hülfe, derer Hintergebäude zu beiden Seiten bereits in voller Flamme stunden. Ich ließ große Haken anlegen und trachtete zum meisten, die Giebel und Wände ins Feuer zu zerren und stoßen; welches auch vortrefflich das Feuer dämpfte. Ingleichen, daß wer da konnte, mußte Erde und Sand ins Feuer schütten. Dies hilft besser, als Wasser, wie die Erfahrung hie lehrete, daß durch die Gnade GOttes das Feuer gedämpft wurde.

Allein, dem Fuhrmann Fischern brannte alles weg und einigen Nachbaren die Hintergebäu.

Dabei war ein gottloser Mann, eines Gerichtsfronens Lohn, Paul Döhring, der trat des Morgens auf seine Brandstätte und schreit: »Daß doch der Teufel nicht alles geholet ac.« – Aber er nahm bettelarm ein Ende mit Schrecken.

Hie muß noch konstatieren: wann ich nicht den alten Stall (wie vor gedacht) in Zeiten weggerissen, wäre ich gänzlich abgebrannt und hätte keine Rettung dazwischen geschehn können, weil er dicht in Fischers Stall ging. – Über das Feuer mußten viel schwören. Ich auch: wo es zum ersten gesehen? – Aber Fischer und seine Leute schworen sich los. – Aber sie sind alle gestorben und bald darauf verdorben.

Nach dem Brande wollte dieser Daniel Fischer wieder aufbauen; zwar wieder einen Stall und Scheune; weil er zwei Hufen Acker hatte. Allein, es wurde ihm von der Regierung inhibieret: keine Scheune zu bauen.

So sagte er: »Was soll mir's, wann ich keine Scheune bauen soll? Ich will es lieber verkaufen.« – Anfangs hatte ich keine Lust dazu. Allein meine Frau sahe wieder und sagte: diese vortreffliche Gelegenheit zum Hause käme mein Tage nicht wieder. – Ich überlegte die Sache. Befand: daß Weiberrat nicht allezeit zu verwerfen. Traf demnach einen Handel überhaupt, wie alles stund und lag, vor siebenhundert und drei und zwanzig Thaler baar Geld, vor Platz, Röhr-Wasser, Garten und eine darangehende Darre. War anno 1704.

Es fehleten mir zu dieser summa noch hundert Thaler. Besann mich, daß der seelige Herr Kammer-Rath Dreißig auf Caunitzens Hochzeit, da ich sie mit Tranchieren wohl accomodieret, mir teuer versprachen: wann ich was benötiget, mir zu helfen. Ging deshalb zu ihm und sprach ihn drum an. – Allein er fragete: worauf ich's haben wollte? – »Ach, nein, sagte er, ihm auf keinen Wechsel, wann er Pfand hat.« – Ich erinnerte ihn seines Versprechens. – Aber er sagte: hätte das lange vergessen, – wenn ich Pfand hätte! – Ich sagte: ich hätt wohl noch einige alte Pinkeltöpfe; wenn er die haben wollte? – »Geht, geht!« sagte er. – Also ist auf der Leute Versprechen sich nicht zu verlassen.

Ich ging zu Herrn Alexander Drachstädten. Der guckte oben zum Gatter herunter und fragete: was ich wollte? – Ich sagte: »Geld, hundert Thaler!« – »Je, sagte er, wer will ihm was lehnen? Ist ja nichts sein; sondern seiner Frau. Die bringe er her!« – So schlimm war ich blamieret von der Frau und ihren Leuten! Ich brachte die Frau mit. – Aber er sagte: itzt habe er kein Geld.

Denn besann ich mich auf meinen Vetter Heinrichen aufm Neumarkt. Der gab mir's den Augenblick.

Damit bezahlete ich den Brandplatz und ließ den Kauf gleich, ohne daß jemand es groß erfuhr, confirmieren. Das war klug. Denn, wenn ich damit lange gezaudert hätte, so hätte ich nichts davon gekrieget. Denn die Nachbaren wollten's alle haben und sich drein teilen, weil es ihn'n allen gelegen; sonderlich Herr Hoffmann im »Güldenen Rade«, welcher das Näherrecht suchte, weil es vor dreißig Jahren von seinem Gasthof, von Worthalter Lindtnern, mit landesherrlichem Konsens separieret; auf der andern Seite packte der Kartenmacher Johann Händel die Darre an, so von seinem Hause verkauft.

Also hatte ich zwei schwere Prozesse und inhibitiones, drei Jahr lang, welche mir wohl zweihundert Thaler, jenen aber wohl sechshundert Thaler kosteten; und sie Schulden auf ihre Häuser machten. Sie hatten einen Advokaten, der hieß Doktor Gerbt. Welchen Herr Magister Nicolai (den ich an der Moritz-Kirche zu barbieren hatte und es ihm klagte) einmal vornahm und redete diesem Doktor ins Gewissen: daß es nicht recht, und unverantwortlich, Nachbarn und Freunde im Prozeß so lange zu führen und aufzuhalten, weil ich erbötig: mein Geld wieder zu nehmen, vom Prozeß los zu kommen. Denn sie ließen mir keine Ruhe. Und mit der Frau hatte ich auch immerzu Prozeß und zu klagen.

Allein dieser Gerbt hatte sich hoch vermessen, bei Schelmschelten und Galgenhängen: Hoffmann sollte den Platz bekommen; ich aber kein'n Heller Geld wieder!

Allein es weisete sich ganz anders aus, und mir ward das Recht von der Regierung zuerkannt, welche sich des Prozeß annahm und (meinem Erbieten nach) Hoffmannen befahl: in vierzehen Tagen das Geld mit allen Unkosten mir zu erstatten, oder den Prozeß sub pœna præclusionis zu kassieren. Sollte er sich erklären. Welches er nicht that; auch nicht wollte; denn er hatte kein Geld und suchte nur mir so was abzuzwingen.

Noch bekam ich den dritten Prozeß mit diesem Hoffmann. Denn die Königin von PortugalKönigin von Portugal; Maria Anna von Österreich (geb. 1683, gest. 1754), Tochter Kaiser Leopolds I., wurde mit Johann V. von Portugal, dem rex fidelissimus (reg, 1706 bis 1750), vermählt und traf 1708 in Lissabon ein. ging hier durch; und mußte die ganze Bürgerschaft Parade machen. Darunter ich auch, als Korpural mit dem Spieß im Viertel unter Hoffmannen, welcher Hauptmann war.

Es regnete den selbigen ganzen Tag, bis die Nacht umb ein Uhr, da sich die Bürgerschaft meist alle vorm Klausthore verlief. Hoffmann und Konsorten waren bei Glasers Christeln meist trunken. Ich kam mit seeligem Riehnau unschuldig und wollte zusehen, was draus werden sollte, weil die Bürger sich verloffen. Da fuhren sie am Thor auf mich los, als wenn ich auch fortgehen wollte. Hoffmann und Konsorten kam dazu und fand Gelegenheit, sich an mir zu rächen. Sprang auf mich los und schrie: »Schlaget zu, schlaget zu auf den Hundsfutt! Der Rebelle, der Mamelucke &c.« – Ich hatte mich gnung zu wehren; rufte Zeugen an, daß mir unrecht und zuviel geschähe. Des andern Tages nahm ich Doktor Dürfeldten, so nur mit einer Hand geboren, an und verklagte diese drei. Ich ließ vier Zeugen eidlich abhören. Da movierete sich der ganze Rath und alle Hauptleute und Oberoffizier dargegen. Allein es half nichts. Herr Bergrath König gab endlich den Abschied: es wären die Bürger keine besoldeten Soldaten, derhalb so strenge nicht gebunden, viel weniger aber mit Schimpf und Schlägen zu traktieren; derohalben mir Beklagte allenthalben zuviel und unrecht gethan und mit fünf Mark zu bestrafen, alle Unkosten zu erstatten, mich mit Abbitte und Ehrenerklärung versehen sollten. – Mußten das thun und sechsundzwanzig Thaler Unkosten wiedergeben. Die wurden bezahlet.

Allein, daß ich meinen Doktor Dürfeldten alle Tage zu traktieren, der nicht allein kam, sondern Herrn Höringen mitbrachte! Deß ich ganz satt wurde und zu ihm sagte: »Herr Doktor, wenn will das einmal ein Ende nehmen? Es währet nun drei Jahr, und versieren mir noch in Beweis und Gegenbeweis! Das wird in zehen Jahren nicht aus!« – »Was? sagte er, Herr Dietz, meinet er, es so gleich zum Ende zu bringen? Mein Studieren kostet mich dreitausend Thaler. Ich muß auch erst was davon haben! Gnug, er soll den Prozeß gewinnen,« – Aber ich machte der Pauke ein Loch und offerierete mich (wie obengemeldt) zur Abtretung gegen Erstattung meines Kaufgeldes und der Unkosten. Welches sehr weislich. Und ich einen jeden will, sich vor Prozessen zu hüten, warnen. Denn jedes lateinische Wort kostet mich, wie jener Bauer sagte, hundert Thaler. Denn ich zu sieben Prozessen auf einmal gezwungen und alle gewonnen hatte.

Inmittelst diesen mußte ich mit meiner eigenen Frauen den meisten Streit haben. Wenn ich meinete, es am besten mit ihr zu meinen, ward der Teufel los.

Ich war auf der Leipziger Messe gewesen und hatte, unter anderm einen Fuchspelz gekaufet. Weil er etwas gelegen, wollte ich selbigen ausklopfen von Motten im Hause. Hatten die Studios einige Kurzweil und fasseten mit an'n Pelz an. Die Frau auch. Ich hatte ein dünn Stöcklein zum klopfen und scherzte: »Ich fisch in meines Herrn Teich« und schlug jedem ein wenig auf die Hand. Die Frau auch. Das verdroß ihr. Fuhr auf mich los. Fasset' den Stock. Brach ihn entzwei und schlug mich mit den Stücken immer umb den Kopf rum. – Ich sagte: »Soll das Ernst sein?« – »Ja, ja, sagte sie, du gottloser Mann, warum schlägestu mich?« – Als sie aber nicht wollte nachlassen, nahm ich den Pelz und warf ihn über sie und bekam einen andern Stock in die Hand und klopfte den Pelz auf ihr recht aus. – Das gab ein groß Gelächter; welches ihr noch mehr verdroß. Lief gleich zu ihren Freunden. Nahm einen Advokaten an und verklagte mich bei dem Consistorio und wollte geschieden sein und alimenta, fein viel, haben. Aber es wurde nichts draus.

Indeß erfuhr ich, daß ihr Vater, aus Beredung ihrer und der andern, sonderlich der Frau Schüren, so aus Erfurt einen gescheueten Advokaten mitgebracht, eine Donation errichtet, kraft welcher alle dessen Geld und Vermögen unter seine andern Kinder und Kindeskinder vermacht, meine Frau aber – damit ich ja nichts von ihr bekommen sollte – pure ausgesetzet und mit keinem Heller, als wenn sie kein Kind wäre, bedacht. (Da sie doch die ganze Nacht, als er gestorben, mit Geldzählen zu thun gehabt, und er ein ziemliches verlassen mußte!)

Ich beklagte mich hierüber bei dem Bergrath König und gab noch bei Leben eine Protestation ein. Aber der Mann meinete es gut mit mir und sagte: »Was wollt ihr machen? Ich riete euch, ihr wendet keinen Heller dran; denn es ist ein böser Zusammenhang. Behalt't, was ihr habt und befehlet es GOtt. Es geschicht euch freilich unrecht. GOtt kann und wird euch an andern Ort dafür segnen.« – Welches auch NB. wahrhaftig erfolget, nachdem mich GOtt so wunderbarlich gesegnet, da ich selber nicht weiß, wo es hergekommen. Sonderlich mußte der schröckliche Brand dazu helfen, auch mir Licht und Sonne (nach welcher ich mich vorhero so herzlich gesehnet und, umb einen Garten zu haben, gewünschet) geben. – Und habe ich in der That erfahren, daß diejenigen, welche unrechtmäßiges Erbe an sich ziehen, keinen Segen haben und verderben. Maßen auch hier eingetroffen. Und diese Leute zum Teil mich nachgehends umb Hülfe ansprechen müssen.

Endlich wurde der Schwiegervater, Herr Schober, sehr krank; denn er nun sechsundachtzig Jahr alt war. Als ich solches erfuhr (denn sie sagten's mir nicht), so fassete ich mir einen Muth und wollte ihn nicht in Unversöhnlichkeit sterben lassen. Denn sie hatten mich erschröcklich verleumbdet bei ihm und alle Bosheit ersonnen.

Ich kam, ehe sich's jemand versehen, zu ihm in die Stube. Deß er sich erschrack. Jedoch endlich die Hand reichete. Ich setzte mich vor ihm aufs Bette und stellete ihm mit Betrübnis vor, wie daß ich so unschuldig bei ihm verkleinert und leiden müßte. Er glaubete endlich solcher Falschheit. Fing an zu weinen und sagte: »Nun, Herr Sohn, es ist geschehen; ich und ihr seid betrogen; ich wollte es gerne umbstoßen; aber ich kann nicht; sie haben's so fest mit ihrem Erfurter Advokaten verknüpft; (schlug die Hände zusammen:) ich habe nun nichts mehr, als den Segen, den wird euch GOtt geben!« – Hub damit seine rechte Hand über mir auf und fing laut an: »Der HErr segne euch und behüte euch; der HErr erleuchte sein Angesicht über euch und sei euch gnädig; der HErr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Friede. Amen!«

Darauf ich und er weineten. Abschied von ihm nahm und ihn nicht wieder gesehn habe.

Das war also mein recht Erbteil und hat mich, GOtt sei Preis, zehenmal mehr gesegnet, als sie mir genommen.

Operation eines Wassersüchtigen. – Nach einem Kupfer aus dem Ende des 16. Jahrhunderts

Als er gestorben, wollte ich mit den Abend hingehen. Aber sie machten mir die Thür vor der Nase zu. Ich meinete: ich würde wenigstens eine vollkommene Trauer bekommen. Aber nichts weniger. Wurde ich mit List hintergangen! Denn, als ich einmal den Kaufmann Nebelthauen zu der Zeit barbierete, passet meine Frau das ab und kam dahin, in'n Laden: »Herr Gevatter, sagte sie, laß er doch meinen Mann zur Trauer aussuchen, was er will.« – Der Kaufmann, der hernach bankerott und mich mit fünfhundert Thalern in groß Unglück gebracht,Dietz hatte dem Kaufmann Georg Andreas Nebelthau in der Ostermesse 1720 gegen einen Wechsel, den Nebelthau und Frau »in solidum« ausgestellt hatten, 500 Taler vorgestreckt. Aber Nebelthau zahlte zur Michaelismesse 1720 nicht, wie er sollte. Am 15. Januar 1721 brachte Dietz deshalb einen Arrest in Höhe dieser 500 Taler auf des Kaufmanns Hab und Gut aus. – Nebelthaus Schulden betrugen damals 13 747 Tl. 14 Gr. 3 Pf., denen an Aktiven höchstens 8420 Tl. gegenüberstanden. (Königl. Geh. Staatsarchiv z. Berlin R. 52, 144a.) legte mir gleich vom besten Tuch und Trauer vor; mir zur Wahl. Ich nahm von mittler Sorte, wie mein Gebrauch. Das wurde abgeschnitten und zum Schneider gebracht. Ich fuhr zwar mit zum Begräbnis; aber zur Mahlzeit wollte mich niemand nötigen; deshalb ich nach Hause ging. Lange Zeit darnach schickete mir der Kaufmann einen Auszug von sechsundzwanzig Thalern, darauf meine Frau zehen Thaler bezahlet. Das übrige sollte und mußte ich bezahlen! Denn sie wandte vor: hätte nur dreißig Thaler vor sich und ihre Tochter bekommen, und sie wurde ganz und gar aus dem Erbe gesetzet. – War anno 1705.

Einige Zeit drauf ward die Frau Hans-Jochim auch krank an der Wassersucht sambt ihrem Herrn. Mußten viel ausstehen und war keine Hoffnung da. Weil wir nun viel Verdruß und Ärgernis miteinander gehabt, ging ich etlichemal hin, mich mit ihnen zu versöhnen. Aber konnte nicht vor sie kommen, weil sie solches verboten hatten, Starben also beide hin.

Es ward dem vielen Kaffee- und Theetrinken Schelte gegeben. Wie ich mehr Exempel an hohen Personen gesehen, und sie gewarnet. Aber sie lachten mich aus und sagten: die Dokter müßten das besser verstehen! – Aber die Erfahrung gab's, daß sie zeitlich dahin stürben.

Ingleichen starb auch meiner Frauen Schwiegermutter vom ersten Mann, die alte Watzlauen, umb welcher willen ich viel Verdruß gehabt. Denn meine Frau ihr viel zugeschleppet, was ich eingeschlachtet hatte. Darum will ich nimmermehr einem Menschen raten: nicht in eine große Familie, Geschwister und Anhang zu heiraten, – denn es thut kein gut!

Meine Frau lief kontinuierlich zu ihren Freunden, welche ihr alle übele Ratschläge wider mich, auch ihr gut Essen und Trinken, TheeTeetrinken – Wassersucht; der gelehrte Arzt Janus Abraham a Gehema vertrat z.B. die Ansicht, daß das Teegetränk die Wassersucht nicht verursache, sie vielmehr vertreibe. und Kaffee stetig vorsetzten. Darüber mein Essen veracht't und sie davonblieb! Bald hatte die Hochzeit, bald die Kindtaufen, bald war die krank, oder war sonst was. Da wurde sie stetig gerufen und blieb bis nachts umb elf und zwölf Uhr außen, oder die ganze Nacht. Ohne, was mir auf Gevatterschaften und Hochzeiten ging, welches ich ihr geben mußte, wollte ich Friede haben. Und wurde doch den ganzen Tag unter allem Dreschen vor den ärgesten Geizteufel und gottlosesten Mann unter der Sonne ausgeschrieen von ihr!

Das that sie aus einer besondern Absicht, weil sie schon eine alte Frau, und meinete: wann sie sterben sollte, sollte ich keine bekommen; und gönnete es keiner andern! – Und ich muß gestehen, daß mir's übele bláme gemacht; Schaden gethan.

Einsmals beklagte ich mich (weil ich mir bei solchen Umbständen nicht mehr zu helfen wußte) bei einem Rechtsklugen, welchen ich zu barbieren,' sagte mir: weil sich die Frau gar nicht wollte bändigen lassen und mir zur Hand gehen, ich sollte sie einmal recht durchkarbatschen, indeß die Kastigation wäre zu lässig, wann eine Frau mit Worten nicht wollte folgen.

Ich warnete sie derhalben oft: sie sollte mir's nicht zu bunt machen, und mich des Nachts nicht aus meiner Ruhe, bei so spätem Ausbleiben, stören; denn ich mich des Tages müde arbeiten und laufen müßte. – War ihre Antwort: sie ging zu ihren Kindern und Freunden und an keine böse Örter. – Und half weiter nichts.

Sie war gleich den Abend drauf bis umb zwölf Uhr weg. Endlich kam sie, mit zwei Dieners begleitet. Da sie weidlich angeschmissen, machten sie ihren Adieu. Ich aber machte stillschweigend im Finstern die Thür auf (so sie schon gewohnet), machte auch so die Thür wieder zu, und fing an zu karbatschen, recht! Da ward ein Zetergeschrei im Haus, daß alles zulief. Ich aber geschwind in mein Bette.

Amputation eines Beines. – Nach einem Kupfer aus dem Ende des 16. Jahrunderts.

Da hieß es: »was ist ihr denn, Frau Dietzen, geschehen?« Denn sie sahen keinen Menschen bei ihr und das Haus mit blindem SchloßBlindes Schloß = Schloß ohne Klinke, das nur mit dem Schlüssel geöffnet werden kann. war zu. – »Der Schelm, der Dieb, der Mörder, mein Mann, hat mich so zerschlagen!« – Ich, das hörend, sprang aus dem Bette raus: »Was sagestu? Ich nicht, das irre Ding, so bei Nacht spuken gehet, hat es gethan! Siehestu, ich habe dich lange gnug dafür gewarnet!« – Aber sie wollte den Text nicht hören, sondern zog und riß zum Keller hinaus, wo sie war hergekommen.

Des Morgens ging ihr ganzer Rat zusammen, nahmen einen argen Advokaten an, und ließ sich bei meinem lieben Kollegen, Herrn Schwendern, besichtigen. Welcher ihr ein Attestat gab, als wann sie unter Mördern gewesen. Das war falsch.

Wir wurden durch ihre eingegebene erschröckliche Klage, so mir schriftlich zugesandt, ins Konsistorium zitieret. Inmittelst käme sie nicht wieder ins Haus. Und mußte ich bei zwei Gesellen, zwei Jungen und einer Magd kochen und alles sein, und doch meine Profession dabei verrichten! Überdies hatte ich den schweren Bau aufm Halse. Daß ich – mit Wahrheit ich's bezeuge – die Last aufn Hals getragen, an mein Elend zu denken, sind mir die Thränen von'n Wangen geloffen.

Sie hatte Doktor Dürfeldten, so mir vor gedienet, wider mich. Und ich hatt Licentiaten Bertram. Gleich war auch Magister Luppens Termin mit seiner Frau.

Diese beiden Advokaten satzten sich gegeneinander, wir alle beide stunden als Narren. Denn, wie species facti hergesaget wurde, gab es ein groß Gelächter, daß ihnen die Bäuche schüttelten. Die beiden Advokaten thaten sehr bös gegeneinander. Sonderlich Licentiat Bertram stampfte mit harten Worten mit den Füßen, daß es mehr einer Komödie ähnlich war. Als wir einen Abtritt nehmen mußten, waren die Advokaten die besten Freunde und lachten selbst drüber, daß sie es so herrlich gemacht.

Die kluge, gescheuete Frau merkte wohl, daß ihr aufgewandt Geld verloren und nicht viel aus der Sache werden würde. Deshalb sie sich wieder anschmeichelte und zu einem meiner Bekannten, der mir's wieder sagen mußte, sagt: es wäre schade umb mich, daß ich so ein braver Mann, gegen andere Männer, und nur so ein'n närrischen Kopf hätte. – Allein, der Henker möchte nicht so'n närrischen Kopf haben bei den Umbständen!

Wir wurden zum Abschied reingerufen, welcher lautet': es sollte die Frau des Nachtes und Tages zu Hause bleiben, ihrem Ehemann gebührend an die Hand gehen, auch seiner nichts wider des Mannes Willen vornehmen, aus dem Brauhaus bleiben und in allem sich, als einer tugendsamen, christlichen Ehefrau gebühret, bezeigen; der Mann aber, als mit dem schwachen Werkzeuge, Geduld haben, und nicht gleich mit Schlägen dreinschlagen. Der erste, so ferner Ursache zum Zanken gäbe, solle seine Strafe wissen, vor diesmal wiedrum sollten wir friedlich zusammenleben, und die Frau zu Hause gehen. Inmaßen die Ehescheidung, gestalten Sachen nach, nicht stattfände. – Dergleichen Abschied haben wir wohl dreimal miteinander bekommen.

Aber, was es mich vor Geld kostet', ist nicht zu sagen! Denn es meistens darauf auskam, daß sie mir hernach mit guten Worten die Unkosten abgebettelt.

Vor diesmal gingen wir auch miteinander wieder heim. Und die Leut sagten: »O, ihr Leute, seid einander wert; behaltet's Geld und thut euch dafür was zu gute, das ist besser; itzt einen Karpen und 'ne Kanne Wein zur neuen Hochzeit!« – Das that ich auch, kaufte gleich einen Karpen und ließ Wein holen. Da war's eine Zeitlang wieder gut.

Wann ich Sommerszeit, des Abends bis umb elf und zwölf Uhr im Garten und bei einer alten Scheune Löcher vorbei mußte, höreten wir allemal ein hart und laut Gestöhne, wie ein kranker Mensch pfleget zu stöhnen. Ich sagte zu meiner Frau: »Höre, was ist das?« – schickte auch hin zu Jonas Herolden, welchem die Scheune war: ob jemand darin, der krank wäre? – Er, ließ aber sagen: wüßte von nichts; denn die Scheune in drei Jahren nicht gebraucht noch aufgemacht worden.

Als ich das Stöhnen wieder hörete, sagte ich zu ihr: »Hier stehet was versetzet in; ich muß die Scheune kaufen.«

Ging auch des Morgens hin und erhandelte solche vor zweihundertsechzig Thaler.»Wer einen Schatz findet auf seinem Boden, behält ihn nach gemeinen Rechten vor sich allein. Findet er ihn auf eines andern Boden zufälliger Weise, so theilet er ihn mit dem Eigenthümer; hat er aber darnach gesuchet, so hat er nichts daran zu fordern, als was der Eigenthümer ihm vor seine Mühe geben will.« Denn es war noch gut, brauchbar Holz und Dachziegel auf. Darauf trieb ich den Bau fort; denn ich hatte mich dem publico verbunden, bei zwanzig Thaler jährlicher strafe ein bürgerliches kontribuables Haus auf die erkaufte Brandstelle zu bauen.

Ich reisete nach Naumburg und kaufte vor etliche achtzig Thaler Holz. Macht meine eigene Risse, wie die Häuser werden sollten. Brach die Scheune, sambt der Darre, selbst mit Taglöhnern und meinen Jungen ab. Baute durch GOttes Hilfe und Gnade zwei Häuser drauf. Als ich die Keller graben ließ, sonderlich unter Zimmermanns Hause, wo die alte Scheune gestanden, hatte ich einen Taglöhner, seine Frau, Tochter und Sohn.

Weil ich damals in meiner Profession viel zu thun hatte und immer davongehen mußte, befahl ich der Frau: allzeit dabei zu sein. Denn ich vermutet ganz gewiß: es müßte da was stehen! – Aber die Frau war weggegangen und hatte nicht gethan, was ich ihr befohlen. Unterdessen hatten die Leute das Nest gefunden und ausgenommen. Fort waren sie alle mit eins.

Als ich vom Baron Enden zu Hause kam, war das mein erstes, daß ich hinging. Aber es war kein Mensch dabei. Da ich fragete: »Wo sind die Leut?« war die Antwort, wie gemeiniglich: »Ich weiß nicht.« – Ich steig in das Loch, fand den Ort gleich, wo es gestanden, welches wie eine große Kanne mit Henkeln in die Wand geformet, daß man's ganz eigentlich sahe. Ich laurete immer: ob sie wiederkämen? Aber sie blieben alle außen, wie das Röhrwasser! Hatten sich aus der Stadt gleich fortgemacht, das Lohn im Stich gelassen, und wusste kein Mensch, wohin?

Hierüber gab es neuen Disput mit meiner Frau, welche mir die Magd aufredete; so ohndem eine leichtfertige Hure war, mit einem studioso theologiae W., so nun ein Prediger worden durch seine patronos, es gehalten. Diese Magd tat mir alles zuwider, auf Anhetzen, und wollte bei dem Bau gar nichts tun. Ich wollte mich nicht mit ihr schlagen. Darauf war es angesehen. Klagte es meinem Vater. Selbiger gab mir den kürzsten Rat: ich sollte ihr den Lohn geben und sie fortjagen.

Das that ich an einem Donnerstage umb acht Uhr. Eben, als die Leute und meine Frau in die Kirche gingen, legte ich das Geld, ihr'n Lohn, aufn Tisch und sagte ihr: »Weil ihr mir kein gut thut, da ist euer Lohn und gehet!« – »Ich – – auf euer Geld; ich will meine Zeit ausdienen!« – Der Zorn übereilete mich auf diese grobe Rede: »Was darfestu, Hure, auf mein Geld – – ?« schlug sie damit aufs Maul, daß ihr davon die Nase blutete. Mit welchem Blut sie sich nicht allein über und über beschmierete, daß sie wie ein graß Teufel aussähe, sondern auch heftig schreiete.

Meine Frau schrie ihr zu: »Hurre, loff so zum Rathsmeister!« Trat auch auf die Gasse, da die Leute stehen blieben: »Sehet, was das vor ein Mann! wie hat er das Mensch mörderlich zugericht ec.«

Die Magd wollte auf dies Geheiß fortreißen, und ich wollte sie so nicht gehen lassen. Das war also ein Geziehe und Gereiße lange rum. Bis die Magd doch loskam und hinten, durch das neue Gebäude, zu seeligem Herrn Rathsmeister Knorren ins Haus lief und mich heulend anklagete.

Als er sie aber sahe, meint der gute Mann: der Hals wäre ab. Rief: »Gehet, gehet! laßt euch verbinden!« – Ich ging auch gleich hin zu ihm und stellete die eigentliche Beschaffenheit der Sache vor. – Aber, da war kein Gehör: »Fort, fort mit euch; ich kenn euch schon!« – So schwarz war ich von meiner Frau und den Ihren bei ihm gemacht! – Ich sagte: »Wie können sie mich verdammen, ehe sie mich hören?« – »Nun, sagte er, so saget.« – Ich repetierte die ganze Sache, wie sie mir begegnet, und ihr nur die Nase blutete; denn sie wäre eine böse, vollblütige Hure und wär schwanger. – »Kombt nach der Predigt vor die Rathsstube«, sagte er.

Rathskeller zu Halle. – Nach einem Kupferstich von Schade (1789). Original: Städtisches Museum zu Halle.

Ich that das. Da ließen sie mich stehen, bis's bald zwölf war. Aber die Glocke war schon über mir gegossen. Dann mußte ich neinkommen. Und hieß's, ohne alles Einwenden: »Ihr sollt ins Gehorsam!«Gehorsam = »leidliches Gefängniß, wodurch die Widerspenstigen zum Gehorsam gebracht werden.« – Ich protestierete und berief mich auf meine Possession (Profession?). – Aber sie stunden auf und gingen davon und ließen mich stehen.

Die Stockmeister und Knechte, denen es befohlen war, brauchten wenig Gnade. Ich mußte fort ins Gehorsam. Und verschlossen mich, als wenn ich der ärgeste Dieb!

Mein Vater, als ein Rathsglied, wollte mich bei seeligem Herrn Rathsmeister Knorren, welcher damals am Regiment, losbitten und Kaution machen. Konnte es aber nicht erhalten; weil ich, als ein böser, gottloser Mann von meiner Frauen Seite schwarz gemacht, erst zahm werden müßte, wie er gemeinet. Mein Vater hatte ihm gesaget: »Er hat auch Kinder; wer weiß, wie es ihm gehet?« NB. Also mußte ich die Nacht und einen Tag sitzen, was mich das gekränket, ist nicht zu sagen!

Aber die Regierung hatte das Procedieren erfahren und übel verwiesen. Darauf ließen sie mich los, und sollte ich mich noch bedanken und angeloben!Angeloben = Urfehde schwören, d. h. eidlich versprechen, sich wegen des erlittenen Gefängnisses nicht zu rächen. Aber ich that das nicht. Und gewiß, wo ich die Magd noch im Hause angetroffen, hätte ich sie tot gemacht. So voller Grimm war ich.

Noch eine andere Fatalität widerfuhr mir kurz drauf. Nämlich: ich hatte etliche studiosus medicinae im Hause, auch zwei große Barbierjungen. Die fangen einen großen, schwarzen Hund im Hofe und halten ihn etliche Tage mit Milch auf, ihn zu anatomieren.

Da sie ihn hervorbringen, frage ich: wo der Hund herkomme? wem er gehörete? – Sie sagten: es wäre ein Bauernhund und in'n Hof gekommen. – Ich denke: »Es hat nicht viel zu bedeuten.« – Sie anatomieren den Hund und ich gehe dazu und weise ihnen die venas lacteas und andere viscera.

Zu allem Unglück tragen die Jungen den toten Hund vor Meister Ditrichs Kot in die Halle. Der Meister kombt eben raus und besiehet den Hund. Machet gleich Lärm und saget: es wär sein Hund. – Forschet nach, wer die Jungen gewesen.

Nun war der eine Student die Miethe schuldig, darum ich ihn hart mahnen mußte. Der drohet: es sollte mir gereuen! – Macht einen Zettel, schreibt drauf: wer einen großen, schwarzen Hund verloren, der wäre in Herrn Dietzens Haus totgemacht und geschlachtet worden, und Herr Dietz wäre selbst dabeigewesen.

Der Meister, welcher in Herrn Rathmeister Möschels und Picks Kot war, läuft mit dem Zettel zu sein'n Herrn, welche alsogleich eine harte Denunziation beim Magistrat wider mich eingeben. So auch gleich wider mich inquirieren gewollt.

Ich nahm Herrn Licentiaten Lüdicken an. Der machte eine Vorstellung contra inquisitionem an die hiesige Regierung und brachte Befehl an'n Rath: daß nicht mit der Inquisition wider mich zu verfahren sei; sondern, wann der Meister, wegen seines Intress', was suchen wollte, müßte er solches als ordentliche Klage bei dem Berggericht thun.

Der Mann ließ nicht nach und gab eine Klage von vier Bogen durch Herrn Licentiaten Möscheln ein und nannte zugleich sechs Zeugen zum Verhör, daß der Hund vierzig Thaler wert gewesen.

Hierauf wurde Termin angestellet und erkannt: würde Kläger erweisen, daß der Hund quaestionis vierzig Thaler wert gewesen und er von mir entwandt, so erginge in der ferner, was Recht wär. – Hierauf stellete er seine Zeugen auf und ließ sie schwören: ob der Hund nicht sei ins Wasser gegangen und Steine geholet? ob er nicht ein Schwein gehaschet und gehalten? und dergleichen läppisch Ding mehr. Auch führete er Beweis durch den Zettel und trieb mich aufs Gewissen. – Die Zeugen hatten wenig oder nichts ausgesaget.

Und weil sich verständige Leute der Sache annahmen: daß's nicht recht, umb einen Hund so viel Eid und Geld aufzuwenden, fuhr endlich der seelige Rath König in der Sache durch und gab dem Hallmeister eine starke Reprimande und sagte zu mir: »Was wollt ihr ihm gutwillig vor den Hund geben?« – Ich sagete (nur von der bösen Sache los zu kommen): »Zwei Thaler.« – Der Rath fragete: »Wollt ihr's nehmen? wo nicht, sollt ihr nichts bekommen.« – »Nu ja, sagte der Hallmeister, das wär nicht recht. Der Prozeß kost mich sechzundzwanzig Reichsthaler.« – »Und wann er euch hundert Thaler kostet, so wärt ihr's wert, warum fanget ihr solche Hundeprozesse an?« – »Zwanzig Thaler will ich han!« sagte Ditrich. – »Nicht zwanzig Pfennige mehr! sagte ich; wir wollen's noch ein Jahr miteinander versuchen, ihr böser Mann! was kann ich vor euren Hund?« – Sein Advokat ging zur Thür hinaus. Meiner auch. Denn sie sahen, daß der Richter zornig war. Ich legte die zwei Reichsthaler aufn Tisch. Er nahm sie endlich weg. Da war der Hunde-Prozeß aus. Aber es ging dem Mann nicht wohl mit seiner ganzen Familie. Denn er war ein Prahlhans und Flucher, verarmete ganz und starb.

In währender Zeit hatte ich die Häuser fertiggebauet und von Fischers Platz Hofraum dazu gegeben; ordentlich mit Hintergebäuden und Ställen. Auch noch in der Schmeerstraße, übers Thor weg, das dritte Haus separat erbauet.

Und zu verwundern: von allen drei Häusern, als die gerichtet wurden, wie gebräuchlich, bei des Zimmermanns Oration alle drei Gläser, so jedes ein Nösel Wein, ausgetrunken, runtergeschmissen, ganz und unverletzt geblieben! Wie auch ein besoffner Zimmermann drei Stock heruntergefallen, geschwenket und mit den Armen unten behängen blieben; keinen Schaden genommen.

Gleich, als die Häuser fertig, so kamen die Schweden in Sachsen.Schweden 1706 in Sachsen; von Polen her, wo er Stanislaus Lesczinski zum Könige hatte wählen lassen (1704), war Karl XII. weiter nach Kursachsen eingefallen und hatte das Land besetzt. Im Frieden zu Altranstädt (1706) mußte August d. Starke auf die polnische Krone verzichten. Das schwedische Heer nahm in Sachsen Quartier. Da flüchtet alles, was flüchten konnte – das war anno 1706 – nach Halle, und ich kriegete alle Winkel voll teuer gnung bezahlet in mein'n neuerbaueten Häusern. Darauf bekam ich zehenjährige Freiheit und funfzehen Thaler pro cento (welche ich zwar erstlich mußte auswürken durch den Herrn von Dieskau), weil ich auf wüste Scheunen-Stellen gebauet.

Diese drei Häuser vermiethete ich wohl vier bis fünf Jahr. Hernach verkaufte ich solche, noch ehe die böse Zeit kam. Zimmermanns vor elfhundert Thaler baar, Fritschens vor siebenhundert Thaler, und vor Hedermanns nutzte ich wohl tausend Thaler.

Da kam ich durch die große Gnade GOttes wunderbarlich zu Brot (welches mir sehr mißgönnet worden), sonderlich wann ich Patienten hatte, die was einbrachten, zu funfzig, sechzig und mehr Thalern! Hatte auch immer Jungen bei Jungen, die mir bald konnten vor Geselln dienen, und doch viel Lehrgeld und ein Bette, oder der Frau zehen Thaler dafür, gaben. Welches sie alles vor sich genommen und hernach ihren Kindern zugewandt, wollte doch damit nicht zufrieden sein, wollte lieber alles vor sich haben. Sonderlich, da sie mir in die Büchs gesehen, daß mich GOtt so reichlich gesegnet hatte.

Das machte mir lauter Zank, Verfolgung, Nachstellung und Herzeleid. Darum rat ich: nimmer einer Frau sein Vermögen zu offenbaren! werden hochmütig, übermütig, trotzig und stolz.

Und glaube ich wahrhaftig, wann ich ein lustiger Bruder gewesen und alles verfressen und versoffen, nichts zu Rat gehalten, hätte ich bei meiner Frau und anderen Leuten, und noch die Stunde, nicht so viel leiden und ausstehen dürfen. Denn meine Frau, da sie den Segen GOttes bei mir gewahr wurde, wollte durchaus haben: ich sollte ihr alles aufn Todesfall vermachen, weil ich keine Kinder hatte. – Denn sie meinete ganz gewiß, ich müßte ehe sterben.

Zu welchem Ende sie denn einmal zusammen zu einem klugen Mann gefahren (als ich krank lag) etliche Meiln, und lassen mir Nativität stellen. Der Mann gehet von sie weg in eine Kammer, allein. Als er aber wieder herauskombt saget er: »Junge Frau, ich kann euch keinen guten Trost geben. Ihr müßt eher fort, und euer Mann überlebet euch.« – Das war wie ein Donnerschlag ins Herz gewesen; maßen sie alle, und ihre Tochter, drüber erschrocken. Sie wurde auch von Stund an kränklich, hustete und kriegete einen starken Vorfall und Blutstürzung, daß ich in der Nacht Herrn Hofrath Stahlen holen müßen, der ihr das pulverem sympatheticum und einen weißen Kieselstein, vor die Stirn, gebraucht und geholfen.

Ich hatte die Stieftochter, dem Vergleich gemäß, bisher zu allem Guten erzogen; sie von Ungeziefer und bösem Grind geheilet; schreiben und lesen gelernet; darüber ich manchen Krieg und wenig Dank bekommen. Sie war dreizehen und ein halbes Jahr alt; aber stark und männlich; begunnte mit den Gesellen und Jungen zu scherzen. Ich gedachte an Sirachs Lehre: »Berate deine Tochter, wann sie mannbar ist ec.«

Es mußte sich aber wunderlich zutragen, daß Herr Kamla, ein junger Barbier, mit mir in der Heide, Kräuter zu sammlen, mit sein und meinen Jungen ging.

Da er mir unterwegens erzählete, wie er von GOtt so wunderbarlich geführet, erhalten und zu einer Barbierstube gekommen und sie bezahlet, da er doch kein Geld, und ein armes Kind gewesen ec.

Bei diesem sagte er: hätte noch einen guten Freund, itzo in Augsburg, der ohnlängst an ihn geschrieben, auch vor ihn zu sorgen, wenn etwa eine Gelegenheit sich ereigenete. Wies mir auch den Brief. – Ich fragte: »Was ist es vor ein Mensch, verstehet er auch was?« – »Ja, sagte er, ist schon sechs Jahr aus der Lehr; hat auch hier bei Gardwichen gedienet; er kennt ihn wohl.« – »Nun, sagte ich, ich habe eine Stieftochter, die ist fast mannbar, hat auch ihres Vaters Barbierstube, und ich will ihr noch hundert Thaler Geld mitgeben, ob ihr wohl nicht mehr, als fünfundsiebenzig Thaler Vaterteil zukombt. Das kann er ihme schreiben; ob's ihm anstehet; so kann er mir davon Versichrung machen.«

In vierzehen Tagen war schon ein Brief von ihm da mit der größten Obligation und Danksagung. Bat: ich möchte doch auf seine Kosten seine künftige Liebste lassen abmalen, weil er solche niemaln gesehen. – Ich sagte der Mutter und Tochter nicht, zu was Ende solches geschahe. Aber der Maler, Herr Rode, der seine Kunst recht wohl hatte, und sie gegen die Augsburger Maler wollte sehen lassen und sie auf gut italienisch hatte machen wollen, war darauf verfallen, daß sie, wie eine Mohrin, mit großen Lippen worden war. Ich trug anfangs Bedenken, solches naus zu schicken. Aber weil es einmal dawar und die Sache keinen Verzug litte, that ich's. Zumal die Frau diese Barbierstube, wider meinen Willen, und da solche mir von Rechtswegen zugekommen, zum Verkauf gerichtlich anschlagen lassen, worauf Rolle, der Einnehmer, bereitest vor seinen Vetter fünfhundert Thaler geboten.

Als nun der Bräutigam, Johann Gabriel Schmidt in Augsburg, das schöne Bild ansichtig wird, schüttelt er den Kopf und mag solchen Schatz nicht. – Ich hatte ihm aber beteuerlich geschrieben: das Original wäre weit besser. – Drauf zeiget er das Konterfei etlichen Kunstmalern, so gleichfalls beteuren: der Maler hätte gefehlet. Und reden ihm zu.

Darauf schickte er sein Bildnis: eine viertel Elle, in Silber eingefaßt, unter Glas, sehr schön, item einen schönen Ring und silberbeschlagenes Buch, auch vierzig Thaler zur Assekuration und zur MuthungMuthung; »heisset bey dem Handwerck um Erlangung des Meisterrechts Ansuchung thun, wobey ein gewisser Muth-Groschen erleget wird. Die Muthung geschiehet ein oder mehr mahle, nachdem es bey dem Handwerck hergebracht.« – »Wenn einer Meister werden will, so muß er zuforderst seine Geburts- und Lehrbriefe beybringen, und die erforderte Wanderjahre vollbracht haben, wenn dieses richtig, so thut er die Muthung. Alsdenn macht er sein Meisterstück, mit gewissen Umständen, die nach Beschaffenheit der Handwercke nicht einerley sind, und wenn er damit bestanden, wird er als ein Meister aufgenommen und erkannt, daß er befugt ist Gesellen zu fördern, und Lehrjungen aufzudingen. Hiebey müssen gewisse Mahlzeiten und Zechen gegeben werden, so daß die Kosten bey solchen Fällen ziemlich hoch lauffen, sonderlich wenn einer auf eine freye Hand Meister wird, da er alles, was so wohl vor die Meisterschafft, in die Amts-Lade, als nach dem Herkommen, in den GOtteskasten, oder sonst zu milden Sachen verordnet, völlig erlegen muß: dahingegen einer, der auf die Meisterin muthet, d. i. durch Heyrath mit eines Meisters Wlttben zur Meisterschaft gelangen will, in ein und anderem einen Nachlaß zu geniessen hat.« bei der Barbierinnung, so ich seinethalben anwarb.

Aber sie wollten's nicht annehmen und sagten: die Barbierstube wär verfallen und mit mir verfreiet. So ich auf meine Kosten durch Urtel und Recht ausmachte. Ich trieb auch gleich die Subhastation der Barbierstube zurück, daß sie abgenommen wurde.

Als ich nun bei einem Abend der Mutter und Tochter, welche von nichts wußten, den schönen Ring, Buch und Porträt zeigete, zugleich fragete: ob sie diesen zum Liebsten haben wollte? stunden sie beide ganz starr und sahen mich an; wußten nicht, was sie sagen sollten; denn es war eben Widerwille, wie fort, gewesen.

Ich hielt ihn'n eine scharfe Predigt: daß ich es dennoch gut meine und vor ihre Wohlfahrt sorgete, ob sie mich gleich sehr ärgerten, quäleten und alles Böse von mir redeten; GOtt aber, der würde mich schützen, helfen und auch in dieser Sache Glück geben; sagte: »Nun, nimm hin, GOtt gebe dir seinen Segen!« Womit ich ihnen die Sachen gab.

Tochter und Mutter fielen mir umb den Hals und weineten. Baten: ihnen zu verzeihen; wollten's nicht mehr thun; das hätten sie nimmermehr in mir gedacht! – Waren fröhlich und konnten das Bild nicht gnug ansehen.

Worauf ich gleich meinen Ring mit sechs Demanten, etliche Dukaten mit einem Brief nach Augsburg sendete. – Und damit war die Verheiratung richtig.

Er schrieb mir, die höchste Obligation und Vergeltung zu erweisen (aber leider konträr), auch daß er in länger als sechszehen Wochen wegen seines Vorteils und Geldeinnahme nicht kommen könnte. Welches hernach wohl ein Halbjahr währt'. Indeß machte ich den Prozeß aus, muthete vor ihn, und miethete eine Barbierstube, so sie noch haben, in der Galgstraße.

Endlich kam der seelige Schmidt in mein Haus. Da hätte man sollen sehen, was vor Freude auf beiden Teilen war. Und thaten, als ob sie lange beisammen gewohnet. Und diese Liebe ist auch beständig bis ans Ende geblieben.

Ich that sie beide zusammen in meine kleine Stube, wie ein paar Kanarie-Vägel. Und machten gleich Anstalt, zum Meisterwerden und Hochzeit. So alles wohl und bald von statten ging in meinem Haus. Jedermann lobte das gute Werk, so ich gestiftet hatte.

Aber die Freude währete nicht lange. Denn da die Mutter lieber alles der Tochter zuschleppen, und ich das nicht leiden wollte, ging der Hader wieder an.

Mutter und Tochter und die lieben Freunde beredeten seeligen Schmidt dazu, daß er einen schweren Prozeß mit mir anfing: nomine seiner Frau mein Haus zu vindizieren. Schickte mir wohl acht Bogen zu, darin er mich eines Betruges, Hinterlist und Verletzung im Hauskauf beschuldigte; es wäre mit solchem Kauf nicht ordentlich durch Taxation und Subhastation zugangen; weniger mit dem decreto Magistratus versehen; und also null und nichtig das Haus so wohlfeil an mich gebracht.

Und, vorwahr, es sähe alles schlimm und langwürig mit uns aus; denn er hatte einen guten Advokat, Doktor Beyeren.

Allein, ich rüstete mich auch auf das beste. Suchte alles hervor, was er und die Tochter mich gekostet und ich auf sie gewandt; item Bau-, Prozeß-Kosten; summa, was ich nur liquidieren kunnte. Welches ihm zuerkannt wurde: vorhero zu bezahlen! Da erschrak er und wurde krank vor Gram. Denn sein Gewissen plagete ihn und ließ ihm keine Ruhe. Deshalb er zu meinem Beichtvater, Herrn Magister Nicolai, gesendet und zu ihm lassen kommen, mit Bitte: mich dahin zu vermögen, den Prozeß aufzuheben und zu vergeben.

Ich erfreuete mich herzlich drüber, als mir der Pastor solches anzeigete, daß GOtt sein Herz gefunden. Zur Versöhnung, welches bei mir gleich gesagt und gethan, ja aus freiem Willen, vierzig Thaler seinem Kinde, womit sie schwanger war, zum Pathengelde versprach. So ich auch gehalten. Denn sie war vierzehen und ein viertel Jahr alt, als sie den ersten Sohn bekam. Und dennoch hieß es von der Mutter, und blamierete mich, daß ich der Tochter das bischen Brot nicht geben, sondern sie so bald verstoßen! – Allein es geschahe solches aus göttlicher Schickung, Zank und übele Suiten zu verhindern.

Von obenangeführetem Herrn Magister Nicolai soll ich dies nicht vorbeigehen: Da derselbige wegen Ärgernis und schlechter Wartung ein kaltes Fieber bekam, seiner Ambtsverrichtung halber selbiges gerne los sein wollte, braucht ihm der Medicus china de china-Latwerge, wofür ich ihn oft gewarnet. Denn ich viel gefährliche und tötliche Würkungen gesehen. – Aber es half kein Warnen.

Das Fieber blieb zwar aus; und war ihm in die Glieder getrieben. Endlich schwall er an Händen und Füßen; welches auch durch den Schweiß weggebracht wurde. Allein, fiel bald darauf in eine hitzige Krankheit, worin er phantasierte und ganz an seiner Seeligkeit desperierte. Ich war Tag und Nacht bei ihm; denn er konnte mich wohl leiden.

Einsmals war der Paroxysmus sehr heftig: »Ach, mein GOtt, mein GOtt und Herre, itzt muß ich fort, für Deinen heiligen Thron und Dein gerechtes Gericht! Ach, wie will ich bestehen vor Dir? Ich bin zwar von Dir zu Deinem Knecht und Seelenhirten eingesetzt; ach, leider! ach, leider! ich bin's nicht treu gewesen, und das Verlorene wird itzt von meiner Hand gefordert ec. Ach, ach, wie will ich bestehen?« – Das trieb er im Beisein zweier Prediger, so ihm zwar heftig Trost zusprachen, aber nicht viel effektuierten, eine lange Zeit fort, bis er sich umb-, an die Wand, kehrete und ward ganz stille und schlief bei zwei oder drei Stunden ein.

Da er erwachte und sich wieder umbkehrete, war er von Herzen freudig und fröhlich, lobte und preisete GOtt für seine Gnade, die er ihm widerfahren lassen. »Nun habe ich die Herrlichkeit, sprach er, wie werde ich doch so fröhlich sein, werd singen mit den Engelein und mit der auserwählten Schaar; ewig, ewig, ewig (das saget er oft) schauen Dein Antlitz klar.« – Hiemit schickete er sich zum Tode und schloß seine Augen zu, so ich ihm vollends zudrückte. – Und dachte bei mir selbst: »Wann das am grünen Holz geschiehet, was will am dürren werden?« Denn es war ein frommer, eifriger Mann und rechter Prediger.

Predigerwohnung u. Eingang zur St. Moritzkirche in Halle. – Nach einem Aquarell von 1795. Original: Städtisches Museum in Halle.

Ich wandte mich hierauf zu denen beiden Herrn, als Herrn Magister Schumann, so Diaconus, und Herrn Magister Ockeln, so Adjunctus war, und sagte: »GOtt lasse mich sterben den Tod dies' Gerechten. Ich kondoliere sie deshalb dieses Verlusts und wünsche dem Herrn Magister Schumann des Seeligen Stelle als Pastor, und Herrn Magister Ockeln dessen Diakonats-Stelle zu bekleiden.« – Sie bedankten sich.

Aber der Herr Magister Ockel wollte nichts davon hören; denn er sagte: einige von denen Acht-Männern wollten ihn nicht. – Aber er wußte eine bessere Rekommandation vom Herrn Rathsmeister Ockeln, in die Markt-Kirche.

Herr Magister Schumann wurde ins Pastorat erwählet, welcher nicht lange zuvor von Mücheln hieher sich an Herrn Doktor Gerbten, so damals Vorsteher war, addressieret, umb eine Gastpredigt zu thun, sich hören zu lassen; weil der damalige Pastor Reichhelm (so sonst ein galanter Mann und Poet war, nicht orgeln und singen hören konnte) einen Substituten begehrete, aber nichts von seinem Gehalt ablassen wollte. Daher die Herrn Acht-Männer viel Sorge hatten und Herrn Schumann gerne behalten wollten. Wurden endlich auf Vorschlag eines Mannes deß einig: Herrn Magister Reichhelm, so tausend Thaler vor seinen gänzlichen Abtritt gefordert, die zu geben. Das war jenem und diesem eben recht. Aber die Kirche hat es empfunden, bis dato. – Wiewohl es dem guten Herrn Magister Reichhelm übelergangen; denn er wurde ein Ambtmann zu Wansleben und war sehr unglücklich bei seiner Intention, kam in große Schulden, Arrest und starb bald.

Von obigen Herrn Geistlichen habe ich in meinem müheseeligen Ehestand viel erlitten, allein durch Angeben und Verleitung meiner Frauen und ihres Schwiegersohns und Freunden. Denn solche sich bei den guten Männern zu thun und sie teils mit Geschenken, teils durch die Verwandtschaft so zu insinuieren, mich aber schwarz zu machen und allen Rat wider mich zu holen wußten, daß ich, wenn ich ins Konsistorium nach Magdeburg zu Fuß gangen, sie aber, als meine Hirten, auf Karossen vor mir her, oder bei mir her fuhren (wie bei Herrn Magister Schumanns Zeiten), ich vielmals geseufzet und meinen Gedanken drüber Raum gegeben, daß ich bei meinem Recht das größte Unrecht haben müßte.

Deshalb ich bei solcher Bewandtnis auch kein Vertrauen, als Beichtväter, zu sie hatte und andere annahm. Darüber sie mich beim Confistorio verklagten; aber zur Antwort bekamen: die Beichtväter müßten sich gegen ihre Beichtkinder unparteilich halten und so aufführen, daß sie könnten ein gut Vertrauen gegen sie haben. NB.

Sonderlich machte Herr Magister Schwentzel mir das Leben schwer und sauer und gab der Frau allen Rat wider mich, weil die Weiber mit einander verwandt waren, und der Schwiegersohn, so oft er brauete, Bier ins Haus sendete. Das war ein rechter Mann! Mich aber hieß er einen Nichtswürdigen unter meine Augen!

Wir sind leider nun vierundzwanzig Jahr mit harter Einquartierung beleget worden. Und da habe ich auch viel Drangsal von Soldaten, Unteroffizieren und deren Weiber ausgestanden.

Insonderheit, weil mich meine Frau und ihr Schwiegersohn bei den Predigern, und in der ganzen Stadt, vor einen sehr reichen Mann von vielen tausend Thalern ausgeschrieen. Daher die Soldaten bei mir alles vollauf haben wollten. Wann das nun nicht erfolgete, thaten sie mir allen Tort und Herzeleid. Und ist nicht zu beschreiben, wie sie mich gequälet haben und noch quälen.

Alter Schelm! alter Spitzbube! alter Racker! alter, verfluchter Geizteufel! sind meine besten Titul; meine Kinder werden von ihren Kindern gestoßen und geschlagen; alles unter der Hand weg; die Stuben vom starken Einheitzen in Brand gesteckt; den Garten verwüst und die Bäume mit Urin, ja damit den Boden und Stube überschwembt; salvo honore vor meine Stuben hofieret, vor und in die Küche, vor den Ofen, da ich ihnen habe einheitzen und darein knieen müssen; Spiegel und Ofen zersprengt; Schüssel und Topf entzweigeschlagen, zum Fenster nausgeworfen; aus meiner Küche mit Gewalt andere genommen, und was ihnen angestanden von kupfernen und irdenen Tiegeln und Töpfen und Feuerzeug; die Betten des Morgens lassen aus dem Hause tragen, Federn ausrappen etc. Trotz, daß ich ein Wort sagen dürfen, gleich mit dem Pallasch überloffen!

Sechsundzwanzig Hühner und Truthühner sind mir in einer Nacht gestohlen, die Köpfe in'n Garten geschmissen; wie ich hernach erfahren: Kindtauf dabei gemacht!

Einen Monat habe ich ihnen Holz, Öl, Salz, Essig, Pfeffer, Schwefel etc. in großer Menge geben müssen.»Service vor die Soldaten bestehet in Saltz und Sauer, Holtz und Licht, Tach und Fach.« Davon haben sie so viel Vorrat gesammlet, daß sie den andern Monat gnug gehabt. Da haben sie Geld vor Servis zwanzig Groschen und mehr des Monats erpreßt, wann ich Friede und Ruhe haben wollen.

Sind nicht zufrieden gewesen mit guten Bette und Kammer; sondern habe sie in meine Wohnstube einlegen müssen. Da haben sie ihre gewaschene Hosen und Stipulet etc. zum Fenster ausgehangen und, salvo honore, zur Dankbarkeit, wann ich ihnen bei Gelegenheit der Meisterstück der Barbier Wein, Bier und Braten gab, mitten in die Stube hofieret und die Fenster eingeschlagen; wie der Unteroffizier Wangenheim mir gethan. Aber auch nun sein'n Lohn bekommen! Wie es insgemein von GOtt gestraft wird. Sonst ist und hilft kein Klagen und will niemand helfen.

Dieser Wangenheim lag bei mir in Quartier. Und wann er von der Wach heimkam, setzte er sich, sans façon, zu mir an'n Tisch und fraß ohne Ersättigung alles weg.

Weil ich nun einen schönen Karpen von drei Pfund gekauft und mir eine Freude gemacht, mit meinen Leuten allein davon zu essen, sagte ich zu meiner Frau: »Weil Wangenheim mit den andern auf der Wache, so komm du beizeiten aus der Kirche, damit wir essen, ehe der Fresser zu Hause kombt.«

Allein die Frau hatte es vergessen, oder that es aus Trotz: blieb außen. Ich sahe nach meinem Heimkommen lange nach ihr. Endlich kam sie mit der Frau Wernerothen in gutem Gespräch; und blieben am Röhrkasten stehen und schwatzten. Mich verdroß das; rief und winkete. Aber sie kehret sich an nichts. Endlich kam sie fein pathetisch, wie ihr Gebrauch, geschritten; zog sich erst lange aus.

Ich sagte: »Ich habe nun gebeten, du solt beizeit zu Hause kommen, daß wir essen, ehe der Kerl kombt! Du folgest auch in keinem 5tück! GOtt wird dich finden!« – Da hub sich solch Wetter mit der Frau an, dergleichen noch nie gewesen, daß ich aus Ungeduld und Übereilung hintappe auf die 5eite und schlage ihr die Mütze vom Kopf. Es verlohnete sich aber nicht die Mühe und wär ein Aufheben gewesen, wann sie gleich recht durchgeprügelt worden; welches ich zwar nicht billige, noch vor Recht achte; allein die Frau hatte nicht Ursache, darüber so zu lärmen.

Sie riß die Haube vom Kopf und die Haar auseinander, verstellete ihr Angesicht gräßlich und sagte: »Nun, nun, darauf habe ich lange gewart't. Nun soll dir's übel gehen! Die Kappe ist dir schon zugeschnitten!« (Nämlich bei Pastor 5chwentzels,) Lief damit zum Haus hinaus zu ihrer Tochter.

Inzwischen kam der Soldat zu Haus, daß ich den schönen Karpen auch vor Ärgernis nicht essen konnte.

Ich hatte mir diese Sache so böse nicht vorgestellet, als sie wurde zusammengedrehet. Denn sie kam bei dem Consistorio ein und macht die Sache so groß, daß sie ihres Lebens keine Nacht sicher wäre; führte viel unwahre und nie erdachte Umbstände durch ihren lieben Herrn Doktor Krimpffen, welcher wohl ein paar Kleider von ihr bekommen (durch ein'n Rat von Herrn Schmidten), an. Der trieb die Sache so hoch – weil sie eine alte, kranke Frau, und nicht nach Magdeburg reisen könnte – sie durch drei Kommissarien, so sie vorschlug und ihre Patrone waren (weil sie Herr Schmidt zu barbieren hatte), auszumachen und die Ehescheidung zu erkennen.

Da saß ich armer Mann wiedrum ohne Frau in vieler Arbeit, Essenkochen, Sorge und großen Geldkosten. Wann ich meinete, mein Bischen mit Ruh zu essen, auch weil sie noch bei mir am Tisch saß, und ich meinete am besten mit ihr dran zu sein, kam der Gerichtsfrone und brachte mir ein Pack Klagebriefe von ihr. – Was mich das vor Geld und Gram kostete, ist nicht zu beschreiben! Wäre kein Wunder, ich wäre blutarm geworden! Mit welchem sie auch getrotzet. Denn sie wußte, daß ich karg und genau war. Wollten mich damit zur Raison bringen, wie sie gerühmet. Allein, GOtt, auf den ich mein Vertrauen gesatzet, erhielt mich doch bis dato.

Nun, diese drei Kommissarien waren: Herr Rath Bodinus, Herr Rath Heineccius und Herr Rathsmeister Mathesius. Die stelleten Termin in Herrn Heinecciu Wohnung an.

Ich hatte Herrn Dokter Greiffen angenommen, wie aber der Termin kam, die letzte Stunde, wollte er nicht mit; weil er unmöglich, wegen anderer Verrichtung, könnte; ich sollte nur allein gehen und die Beschaffenheit der Sache sagen; es hätte alles nichts zu bedeuten. Drauf wagte ich's.

Dokter Krimpff wiederholete seine vortrefflichen Sachen und brachte noch mehr dazu und drange auf die Ehescheidung.

Die Herrn Kommissarien, sonderlich Rath Heineccius, der das Wort führete, wußte des Doktor Krimpffs falsches Angeben nacheinander trefflich zu exaggerieren und mir vorzuhalten; da es auf die Passage kam: ich ginge alle Tage zum Saufen in die Wirtshäuser; es wär besser, daß ich zu Hause blieb und ein geistlich Buch oder die Bibel in die Hand nähme ec. – Ich antwortete darauf: ich müßte wohl manches Mal aus chagrin und Verdrüßlichkeit meines Lebens unter Leute gehen, daß ich nicht gar verzagte; ich söff mich aber nicht voll, daß sie mich unterwegens aus der Kutsche verlören und ich das Haus nicht finden könnte, wie wohl ehemals auf dem geistlichen LerchenfangLerchenfang; Magister Laukhard sagt: »Tag und Nacht auf den Strich ging, Mädchen wie Lerchen fing und ihnen die Taille verdarb«. passieret. Ihro Hochwürden könne auch nicht allezeit bei'n Büchern sitzen!

Ei, was hatte ich übel geredet! Der Herr stund auf, machte das Fenster auf, stund und sagte: er wollte mit der verdrüßlichen Kommission nichts mehr zu thun haben. – Herr Rath Bodinus lachte desto mehr; immer, daß ihm der Bauch schütterte. Dem war es recht; jener aber desto verbitterter. Der Rathsmeister aber sahe ganz sauer auf mich.

Sie und ihr Advokat bestunden auf der Ehescheidung und trotzeten recht auf mich los, daß ich endlich, aus Ungeduld, als ich drüber gefraget wurde: ob ich wollte geschieden sein? sagte: ich suchte keine Ehescheidung; hätte mein Kreuz so lange getragen; wollte sie aber geschieden sein, und mir nicht zur Hand gehen, so möchte sie sich scheiden.

Das Wort brachte mich ins Unglück! Denn sie hatten's lange gern gehöret! Deshalb der Doktor Krimpff laut zu dem Secretario rufte: »Aufgeschrieben! Dies wollen wir aktuieret haben, um Bericht abzustatten.« – Nun hatten sie, was sie lange gesucht und haben wollen. Maßen die Herrn Kommissarien keinen guten Bericht vor mich gemacht, und daß ich selbst die Ehescheidung mit trotzigen Worten begehret, geschrieben.

Das Konsistorium zitierete drauf uns beide nach Magdeburg. 5ie wollte nicht hin und stellete sich ganz krank. Aber es half ihr nichts. Sie mußte selbst nunter. – Da war sie so fix, daß sie bei alle Konsistorial-Räthe lief und Rekommandation hatte von Weibern hie und aus Magdeburg, sonderlich der Frau Salomonen, daß: wo ich vor dem Termin hinkam bei die Herrn Räthe, da war sie schon gewesen! Wie ich sie denn oft auf der Straße antraf, ihr einen guten Morgen und Rede anbot. Aber sie sahe wie in ein' Leere aus und antwortet mir nicht, bis endlich der Termin ankam.

Da verfuhren die Advokaten mündlich gegeneinander. Aber Sentenz war schon über mich beschlossen. Wir sollten auf ein Jahr von Tisch und Bett voneinander geschieden sein; ich sollte ihr alle Wochen dreißig Groschen alimenta geben.

Denn sie hatte mich erschröcklich reich gemacht; säß in ihrem Haus und Gütern, nähm draus viel Geld. Das war die Ursache, daß mir so viel zuerkannt worden, mit Herausgebung ihrer Tisch- und Bettenkisten und Kasten. Und 's war gleich mit der Exekution an'n Bergrath kommittieret. Da half kein Kläglichthun, kein Bitten, kein Flehen, kein Vorstellen und nichts.

Reisete also mit Betrübnis meiner Seelen von Magdeburg nach Halle, da noch selbigen Tag der Gerichtsfrone mit den Knechten ausräumeten. Da hätte man sollen sehen, was das vor ein Ausgeschleppe, auch teils meiner Möbeln, war, daß ich gleich des Todes sein mögen. Wie ich denn auch würklich krank wurde und mich ins Bett legete. Nun meineten sie, mich von der Welt bald zu vertilgen! Aber ich betete zu GOtt, dem Allerhöchsten, der meines Jammers ein Ende machen sollte und schickte mich zur Geduld, welche aber in die Länge schwach wurde. Sonderlich, wenn der Gerichtsfrone kam und holete vor sie wöchentlich dreißig Groschen.

Überdies war das das Größte: ich kunnte nicht ruhen, es sei denn, daß ich alle Tage oder Abend einmal vor ihrem Quartier bei Herrn Hoßen, wo sie sich eingemietet hatte, vorbeiginge oder sie sähe, oder ins Haus ging und nach ihr fragete; daß ich glaube: es war uns ein Poß'n gemacht. So ihr auch geschehen; wie sie mir nachgehends erzählete! – Auch so ich sonst, wie oft ich sieben oder acht Wochen nach Berlin in Kommission des Raths, oder Bürger-, oder Brauerschaft verreisete (manchen schönen Thaler alle Tage verdienete!), sie auch nicht hatte ruhig zurückebleiben können, wann ich nicht bei ihr war; deshalb sie mir die obligantsten Briefe schrieb. – Und wann wir zusammenwaren, kunnten wir uns keinen Tag gar selten vertragen!

Wiewohl, dieses kam mehrenteils wegen ihrer übeln Konduite, losen Rede und kontinuirlichem aus dem Haus laufen, zu ihren Kindern und ins Brauhaus. Daß ich dieserhalb auch einmal einen harten Streit mit ihr hatte, welchen zwar Herr Pastor Schwentzel (wie ich ihn drum bate) hätte legen können; aber nein: konträr; er machte übel ärger!

Aquarell: Ratskeller. – Schlittenfahrt auf dem Markt zu Halle. – Der rote Thurm. Original: Städtisches Museum zu Halle.

Denn sie war mir in drei Tagen nicht ins Haus gekommen und mit ihrer Tochter im Brauhaus gewesen. Deshalb ich einsmals, abends umb elf Uhr, bei ihrer Tochter Haus ging und unter dem Laden alle Wort hören konnte, wie ich herhalten mußte. Ich konnte es nicht länger anhören und sprach: »Wenn du nach deinem Hause gingest und wartest deinem Beruf, wäre besser, als daß du da liegest auf der Bank!« – Gleich kamen zwei oder drei Nachttöpfe voll über mich von oben herab, daß ich mich retirieren mußte.

Ich ging zum Magistrat und beklagte mich dessen. Da wurd Schmidten seeligem anbefohlen: die Frau nicht aufzuhalten, sondern nach ihrem Haus zu weisen. – Allein es geschahe nicht.

Ich ging zu Herrn Pastor Schwentzeln und stellete ihm vor: er würde es in seinem Hirtenambt zu verantworten haben, wenn er auch dies, sein Schaf und Beichtkind, so in der Irre und bei alle ihrem übeln Beginnen ließ, mit Ernst ihr nicht zuredete und beständige Aussöhnung unter uns stiftete, wie sein Ambt erfordere.

»Ich will's thun, sagte er, und einen Tag euch beide holen lassen.« – Aber, es währete sehr lange, ehe es geschahe. Endlich ließ er uns mit dem Küster umb zwei Uhr zu sich rufen. Die Frau ging gleich umb ein Uhr vor mir hin. Als ich umb zwei kam, saß meine Frau bei ihm an'n Tisch. Ich ließ mich anmelden. Aber er ließ mich lang vor dem Hause außen stehen. Mich verdroß das, daß ich sollte als ein Acht-Mann draußen, wie ein Junge, lange stehen. Ließ ihm sagen: ob ich vorkommen sollte, oder nicht?

Nach langer Weile kam der Herr Pastor heraus und, nach seiner Gewohnheit, schlug er die Hände voneinander und sagete: »Ja, ich habe zwar seiner Frau zugeredet; aber sie will von nichts hören, sondern soll die Sache bei dem Consistorio ausgemacht werden; denn sie will Geld ham; er soll ihr alle Woche was Gewisses geben.« (Aber die Sache ward da erst fabrizieret!)

»So, sagte ich, Herr Pastor, habe ich darum so lange stehen müssen? Ich vermeinete: er sollte mich gegen sie auch hören und durch Zureden ein Friedensmann sein. Aber so ist der Sache schlecht geholfen. Adieu!«

Darnach ging es an das Klagen im Consistorio. Aber sie erhielt das Mal nichts, wiewohl es auch zur Kommission kam, da Herr Konsistorialrath Francke und Kommissionsrath Mantey traktiereten: ihr wöchentlich ein Gewisses zu geben. – Aber, gnade GOtt! wann Eheleute sollen durch Kommission auseinandergesetzt werden! Es kostet viel Geld, werden arm und hilft nichts, wann ich das letztere Mal nicht in die Ehescheidung gewilliget, hätte sie eben nichts ausgericht und mir nichts gethan. Aber da hatte ich's versehen und mußte weidlich herhalten.

Wir hielten selbige Ehescheidung achtzehen Wochen aus, bis daß Herr Konsistorialrath Schubert nach Halle kam. Ob es ohngefähr, oder deshalb, weiß ich nicht. Der ließ mich zu sich holen, befragte mich umb die ganze Sache: wie alles zugegangen, daß eine Ehescheidung zugelassen und erkannt, da doch keine Ursache vorhanden? Er habe aus den Akten keine rationes befunden; sei deswegen nicht zufrieden, daß solches in seiner Abwesenheit geschehen.

Ich sagte ihm die ganze Sache und beklagete mich herzlich über die Gewalt und Tyrannei meiner Frau und der Gerichtspersonen; wie sie alles genommen, und ich wöchentlich so viel geben müßte.

»Ei, sagte er, das ist unbillig; ich kann es in meinem Gewissen nicht verantworten, und keiner. Ich werde darum reden, wenn ich nach Magdeburg ins Konsistorium komme.«

Es währete etwa vierzehen Tage, so kam ein Reskript von dem Consistorio an den hiesigen Herrn Konsistorialrath Heineccium: es hatte das Konsistorium die Ehescheidung des Johann Dietzen und seiner Frau nochmals in Erwägung gebracht und die Versöhnung unter ihnen beiden zu intentieren gemeinet; deshalb sie selbigem hiemit freundlich kommittiereten, solches fördersambst unter ihnen beiden vorzunehmen, damit diese beiden alten Eheleute zusammengebracht werden möchten.

Der Herr Konsistorialrath hier behielt den Befehl lange verschwiegen an sich. Vermutlich, daß mein Schwiegersohn, Herr Schmidt, so ihn zu barbieren hatte, es verhindert. Weil mir's aber von Magdeburg advisieret wurde, hielte ich umb Termin an. 5o aber langweilig zuging. Endlich mußte es geschehen.

Meine Frau hatte übele Zeit gehabt und schlaflose Nächte. Ihre vormalige Ehre und Bequemlichkeit hatte sie nicht. Und das Gewissen, welches ein schneller Zeuge wider den Menschen, hatte sie stetig beängstiget. Daher sie lieber bei mir gewesen. Ich ingleichen. Deshalb es in solchem Termin nicht viel Zuredens gebrauchte; außer einige Punkte zu accordieren: daß ich ihr sollte alle Vierteljahr drei Thaler geben.

Also ging sie, zu jedermanns Verwundrung, mit mir heim. Aber die Sachen, so sie wegtragen lassen, bekam ich nicht alle wieder; sondern die Tochter. Auch bettelte sie mir die Miethe ab. Und ist wahr, wann sie nur ein gut Wort gab, bekam sie alles. – Dies war der letzte Kampf, außer einem, nicht zu vergessen, welcher zwar lange zuvor geschahe.

Nämlich: meiner Frau Schwester, die Frau Schüren aus Erfurt, hatte auch etwa Streit mit ihrem Mann gehabt. Kam deswegen nach Halle zu mir ins Haus und an'n Tisch; wohl drei Wochen. Ich mochte sie auch gerne leiden. Und da machten sie beide allerlei Tändlei; als: Schmelzblumen, Wachsblumen und -Bilder. Und brannte einsmals viel Holz auf dem Herd, welches unnütz und ich mein Tag nicht wohl leiden können und viel Zank gemacht.

Ich fragete in aller Güte: was das viele Feuer vergeblich brennete? – Die beiden Weiber empfunden dies gleich übel, schalten und höhneten mich drüber aus: ob ich darauf verhungert wäre, wäre Schand und Spott vor mich, so großen Hofbalbier; und was dergleichen loser Wind mehr war. – Mein Kopf stund auch nicht recht; sagte: »Ihr Weiber, halt't das Maul!« Damit ging ich fort von ihn'n. – Sie aber beide hinter mir her mit Schelten. Das wollte kein Aufhören haben. – Ich sagte: »Wo ihr nicht geht und stillschweiget, ich will euch zerpeitschen!« – Potz, hunderttausend! da war Öl ins Feuer kommen! Hatten sie nicht gescholten, so ging's erst an, ohne Maß! – Ich ward auch bös und kriege meinen Ochsenziemer und schlage drein; immer eine umb die andere; bis sie beide zum Haus ausliefen.

Das war wieder ein Unglück vor mich und kostet mich dreißig Thaler. Und wäre kein Wunder, ich wäre ein blutarmer Mann bei so viel erlittenem Schaden und Prozeß-Kosten. Denn sie nahmen Doktor Dürfeldten wider mich an. Ingleichen, der Schüren ihr Mann machte eine große Denunziation und Forderung an'n Rath. Die Herrn Skribenten auf dem Rathause waren auch gleich fix, Geld zu verdienen und Inquisition anzustellen.

Aber ich kam mit einem Schreiben bei der Regierung ein, welche damals noch hier war, aber bald hernach nach Magdeburg verleget wurde.Die Regierung, das Konsistorium usw. wurden nach Magdeburg verlegt, als Magdeburg 1714 an Stelle von Halle zur Landeshauptstadt erklärt wurde. Das war natürlich ein Verlust für Halle. Aber zu Beginn der Regierung Friedrich Wilhelms I. sah sich Halle überdies gezwungen, infolge seiner schlechten Finanzwirtschaft – die nicht allein von Kriegskontributionen aus der Wallensteinschen Zeit herrührte – den Bankrott zu erklären. Dadurch wurden zahlreiche Gläubiger der Stadt sehr schwer getroffen und der Geschäftsverkehr stark beschränkt. Da würden mir sechs Thaler Straf, der Schüren aber: mir eine Abbitte und Ehrenerklärung zu thun, auferlegt und wir verabschiedet. Ich erlegte meine sechs Thaler. Aber die Frau Schüren reisete ohne Abschied zum Thor hinaus.

Einige Zeit hernach starb unser allergnädigster, lieber König zum höchsten Leiden des ganzen Landes. Denn man damals schon leicht gedenken kunnte, wie es uns gehen würde. Ich wußte die elende und trübseelige Zeit vorher wohl, und sagte es andern. Und selbst habe ich mich nicht draus gerettet; wiewohl ich Gelegenheit dazu hatte, diesem allen zu entfliehen.

Da ging mir ein neues Unglückswetter überm Kopf auf. Denn die Barbierinnung wollte durchaus: ich sollte meine erhaltene und bisher gebrauchte Hofbarbier-Stelle ab- und niederlegen; weil der König tot und kein Hofbarbier nötig.

Die Sache kam erstlich vor die Regierung, welche es an'n itzt regierenden König verwies, ob derselbige mir mein privilegium renovieren und mich zum Hofbarbier von neuem annehmen wollte? Die Sache war durch Handbriefe übel rekommandieret (durch Veranlassung der Barbier), daß ich in Berlin nirgends Gehör funde; ja selbst die, an welche ich von Herrn Professor Gasserten rekommandieret wurde, wegen des Herrn Präsident von Danckelmanns, waren wider mich.

Ich kam wieder in große Angst und Sorgen und gedachte bei mir: »Wie gehet's dir doch so gar übel in der Welt; der Herr hat dein vergessen und will dich immer in Sorgen und Kummer dein lebelang bleiben lassen, Wie gehet's doch manchem bösen, unnützen Buben, der nichts erfahren, nichts gelernet, denn Fressen und Saufen und Tobackrauchen, sonst gar keine Konduite hat, so wohl; sie werden alt bei guten Tagen, wissen von keinem Unglück noch Verfolgung; jedermann träget zu; und werden groß geacht't. Und dir wird dein bischen Brot so schwer und sauer gemacht! Wie hastu es bei GOtt so grob gemacht und das verdienet?« – Bald tröstete ich mich auch wieder, daß es je keinem anders hat ergangen, welchen GOtt geliebet, und daß die Auserwählten die größte Verfolgung leiden müssen; ja, das sei eben die rechte Livrei, daran der Herr Jesus die seinen kenne und von dem andern rohen Welthaufen, der heute blühet, morgen verdorret, unterscheide und absondere!

Barbierstube. – Nach einem Kupfer a. d. 18. Jahrhundert.

Mit diesen und dergleichen Gedanken ängstigete ich mich die ganze Nacht. Des Morgens, als ich mein eifriges Gebet verrichtet, ging ich nach der Lehns-Kanzlei, wo Herrn Geheimbten Rath Katschen sein Herr Bruder als Lehnsrath war. Der kannte mich wohl.

Unterwegens war ich sehr traurig und niedergeschlagen und konnte mich nichts Gutes versehen. Denn, wie vorgemeldt, war alles abgeschlagen. Da begegneten mir in dem kleinen Gäßchen, wo ich durchgehen mußte, die Kurrend-Jungen. Sechs stunden gleich vor mir stille (gleichwie ihr Gebrauch vor den Häusern) und fingen mit vollem hals an zu singen: »Wer hofft in GOtt und dem vertraut, wird nimmermehr zu Schanden, und wer auf diesem Felsen baut, ob ihm gleich steht zu Handen etc.«

Dieses gab mir einen gewaltigen Trost, Freude und herzliche Zuversicht zu GOtt, daß ich bei mir selber sprach: »Ei nun, mein GOtt, nun hat's keine Not; GOtt wird mir helfen!« – Und hieß wohl recht bei mir: »Der Mensch glaubete den Worten!« Und mag ich wohl mit Wahrheit, GOtt zum Ruhm und Preis, ewigen Dank sagen. Daß mich dies geschehen, in vieler Angst und Betrübnis meiner Seelen, hat mich kräftig aufgerichtet. Allermaßen in diesem und vielem andern die Wahrheit, Allwissenheit, Gütigkeit und Vorsorge des liebreichen GOttes sich wahrhaftig bezeiget hat.

Denn da ich in die Lehns-Kanzlei kam, sagte mir zwar der Herr Katsch, daß meine Sache nicht gut stünde; stund auf mit noch einem Herrn, der ein Mitleiden mit mir hatte, und wollten mir in der geheimen Audienz das Dekret wider mich zeigen.

Als sie so in den Akten suchten, kam der Herr Ober-Hof-Marschall von Printzen, ein großer, ansehnlicher, langer Herr und Premier beim König, mit pathetischen Schritten und satzte sich gleich vor die Tafel. Die andern erschraken und liefen submiß davon und ließen mich ganz erschrocken stehen. Der Herr sahe mich an. Als ich mich ein wenig erholet, machte ich eine Reverenz und sagte: »Hoch- und Wohlgeborner Herr, Ew. Excellenz wollen nicht ungnädig sein, daß Sie mich hie finden. Ich habe von Ihro höchstseeligen Majestät die Gnade und das Prädikat eines Hofbarbieres in Halle wegen meiner treuen Dienste gehabt. Und nun Ihro Majestät höchstseelig abgegangen, wollen mich die dortigen Barbier wieder vertreiben. Also bitte ich umb allergnädigste Konfirmation.«

Der Herr sahe mich stetig an, sprach unter währender Rede: »Ja, ja, ja!« und nickte mit dem Kopfe; zuletzt sprach er: »Ihr sollt es haben.« Rief den Lehnsrath und kommittierte ihm gleich die Konfirmation, welche weit besser, als die erste war. Ich bückte mich vor ihm, dankte und wünschete ihm alles Gutes. – Der Mann hatte mich auch so perfekt kennen lern'n, wie ich denn vielmals commissiones bei ihm hatte, daß er mich gleich mit Namen nennete.

Die Barbier aber waren nicht wohl zufrieden, daß ihre böse Intention abermals fehlgeschlagen! – Doch mußte ich noch zwei oder drei harte Gänge mit ihnen gehen. Darum will ich niemand raten: wider eine Innung, oder Handwerk, sich einzudringen, wie ich thun mußte, und das Hofbarbier-Prädikat suchen, wollte ich anderst in Halle mein Brot gewinnen.

Der erste Kampf war noch umb die Obermeisterstelle. Da nach Absterben mich die Reihe traf, da wähleten sie Herrn Schwendern und gingen mich vorbei. Sagten, oder meineten: ich wär ein Frei-Meister. – Ihnen das zu benehmen und dem Schimpf zu wehren (weil ich mein Examen so wohl, als sie, ausgestanden), kam ich bei Hofe ein, welcher decidierete: daß ich schlechterdings ihr Obermeister sein müßte, weil ein Hofbarbier vom König, sie aber von sich dependiereten. – Mußten's also geschehen lassen.

Der andere Krieg mit ihnen war, daß ich meine Hofbarbier-Gerechtigkeit an Johann GOttlieb Gerbern übergab. Weil ich vermeinete: meine Frau würde noch nicht sterben, indem sie sich ganze Tragekörbe voll Kräuter bringen ließ. Sie huste zwar und wurf erschröcklich aus, daß ich ihr eine Stube allein gab. Doch wurde mir meine Haushaltung mit Jungen und Gesellen sehr schwer. Deshalb ich gedachte, mich in Ruhe zu setzen. Ich erlangete es zwar, daß ich die Barbierstube transferieren konnte, gegen funfzig Thaler, wie sehr sich die Barbierer dargegensetzten.

Allein weil Gerber so sehr zauderte und mich drei Jahr aufhielt (und ihm noch fünfzig Thaler nachlassen mußte!), suchten die Barbier sich an mir zu rächen. Wozu sie diese Gelegenheit bekamen:

Ich hatte nämlich währender Zeit, als ich Obermeister war, Herrn Stecheysen seinem Lehrjungen, der würklich bei ihm ausgelernet, auf sein Bitten und Schwören, daß er's niemand sagen wollte, die Lehrbriefe gegeben; weil selbiger Anfechtung von einem Soldatenweibe hatte, mit welcher er etwa mochte zu thun gehabt haben, und es also in der Still ohne der ganzen Innung Wissen wollte geschehen lassen. Jedoch erlegte er die Gebühren, so ich berechnet, und versprach mir ein'n Rekompens. – Zum andern ich einem Jungen aus Gera, welcher bei seinem leiblichen Bruder Philippi in Halle würklich die Jahr ausgestanden hatt', eines Barbieres Sohn, auf großes Lamentieren seiner Mutter (umb daß er in frembden Landen könnte fortkommen und nicht etwa zu verbotenen Mitteln zu greifen und unter die Spitzbuben zu geraten) vor die Gebühr, so ich ebenfalls der Innung berechnet, einen Lehrbrief gab.

Bei den Innungsmeistern mich mein eigen'n Bruders Sohn, welcher eben in Gera war (und ich selbigen neun Jahr erzogen, die Barbierkunst umbsonst erlernet, gekleidet und erhalten!), erstmals verraten. Indem er, wie er's gesehen, sagte: »Das ist meines Vetters Hand und falsch!« auch Philippin solches anhero berichtet und an Müllern. Dieser an Harnischen, welcher damals mein Feind. Weil ich ihm achthundert Thaler zu seinem Hauskauf gelehnet, mit allem guten Rat dabei beigestanden und seine Frau helfen heiraten. Aber, weil ich das Geld wieder gefordert, er mein Feind wurde!

Diese nun alle, mitsambt meinem Schwiegersohn, machten die Glocke über mir. Und war Stecheysen der erste, so es sagete von seinem Jungen und wider mich zeugete. Herr Harnisch aber, so hin und wieder bei die Herrn Rathsmeister, sonderlich bei Herrn Rathsmeister Kosten, wohlangesehen, befragte sich allen Rat und trieb die Sache am heftigsten wider mich.

Es half kein Bitten noch Flehen, ob ich gleich bei versammleter Innung in meinem Haus bat: ich hätte das, ob es auch gleich aus guter Meinung und Überredung geschehen, versehen und peccieret; erkennte meinen Fehler und wollt ihnen fünfzig Thaler in die Lade zur Strafe erlegen; Herr Werneroth seelig habe wohl dreien die Briefe, ohn der Innung Beisein, gegeben; das Geld wäre ja hier berechnet und niemand betrogen umb einen Pfennig! – Aber es half alles nichts. Ich mußte einen Abtritt nehmen und da hörete ich hinter der Thür, wie sie mich berateten und das böse Urtel fälleten. Unter allem gab Herr Bornmeister SchwartzZacharias Schmartz war zugleich Frei-Meister bei den Barbieren. den größten Druck, welcher sagte: es wäre ein Verbrechen, so der Obrigkeit nicht könnte verschwiegen werden und müßte man solches an'n Rath denunzieren. – Das war die rechte Falle, mein Unglück.

Worauf sie gleich auseinander und zum Advokaten, Herrn Dokter Greiff, gingen, welchen ich vorhero allezeit an die Barbierinnung rekommandieret und ihm viel Geld zugewandt. Deswegen ich eine gute Hoffnung zu selbigem hatte. Und er mir auch versprach: die Sache zu deprecieren. – Allein, nichts weniger! Er machte die Denunziation so scharf gegen mich, als' immer sein konnte. Ja, er hatte selbst gesaget: ich hätte ihm einsmals Geld vor die Innung bezahlet und etwas, weiß nicht, ob zwei Thaler oder sechszehen Groschen, davon behalten! Da er mir doch selbiges wieder zurück, in meinen Hut, als ein Gratial, seinethalben gegeben!

Dies, als ich solches erfuhr, kränkete mich sehr. Als ich ihn eben bei meines Schwagers Pohlens Thür antraf, sagte ich zu ihm: »Ei, Herr Doktor, Herr Doktor, was hat er mit mir gemacht? Sind das seine Verheißungen, die er mir gethan? Daß GOtt erbarme!« – Hierauf konnte er kein Wort antworten und schwieg stille, schlug den Kopf nieder. Wurde kurz drauf krank und starb in weniger Zeit.

Als die Denunziation vor einen gewissen Rathsmeister in die Rathsversammlung gebracht worden, soll derselbige solche zwischen die Finger über der Tafel in die Höhe gehalten haben (wie mir glaubwürdig gesaget ist) mit diesen Worten: »Hier haben wir den Dietzium einmal!« – Als ich das alles erfuhr, konnte ich mir die Rechnung leicht machen, wie mir's gehen, und was vor Schimpf und Schaden ich leiden würde. Es machte mir große Angst; denn sie es vor ein crimen falsi, so mit der Landesverweisung bestraft würde, ausgaben und übergroß machten!

Kein Mensch gab mir guten Rat und hieß: »Hilf dir selbst!«

Ich machte mich auf die Beine und lief bis nach Dölau, da ich ganz ermüdet mich in'n Wald legete und dachte, die Post zu erwarten. Allein, die Post war schon vorbei. Ich war abermals in großer Kümmernis, so GOtt bekannt, kunnte und wußte mir nicht zu raten. Bären und Löwen wollte ich nicht in die Klauen fallen, so lange zu warten, bis die Post wieder käme, war auch nicht ratsam. Doch resolvierte ich mich und ging wieder nach Halle.

Die Barbier hatten indeß gewütet und es bei dem Rath soweit gebracht, daß sie ihre Lade und Gerät durch den Ausreiter und einen Barbier von mir abholen ließen, weil sie bei mir nicht mehr wollten zusammenkommen.

Ein Edler Rath hätte der ganzen Sache bald abhelfen können, wann sie sich mir und meiner, als eines alten Bürgers, der sich umb sie und umb die Stadt wohlverdienet hatte, hätten wollen annehmen. Aber, ach nein! konträr! Sie machten's nicht so, wie ich, da ich dem Herrn Rathsmeister Bertram seeligem von zwanzig Mann Exekution, so er im Haus hatte, loshalf.

Deshalb ging ich zu Herrn Rathsmeister Kosten ins Haus. Als er aber just zum Fenster aussahe, machte ich mein demütig Kompliment und bat sehr: sich meiner, wegen des begangenen Fehlers, anzunehmen. – Aber er sagte: »Ihr seid klug gnug; was gehet mich das an? sehet ihr zu!« Schmiß damit das Fenster zu. – Bei Herrn Doktor Reimerschen, welcher sonst viel gilt bei dem Rath, ging ich auch, so mein Herr Gevatter und zur Hochzeit und Kindtaufen bei mir sein müssen. Bei Herrn Licentiaten Knorren ging ich. – War aber alles nichts. Da war nicht einer, der vor mir bitten, oder sich meiner annehmen gewollt. Ich schrieb einen Brief, gar wehemütig, meinen geringen Fehler zu entschuldigen. Aber nichts bei dem Herrn Präsident, der mir sonst wohl gewollt, weil ich ihm sein Glück bei dieser Stadt vorher prognostizieret und gesaget.

So gehet es in der Welt; Freunde in der Not, gehen vierundzwanzig auf ein Lot; doch besser meinet es GOtt; die andern sind's nur bei Wein, Geld und Brot.

Weil ich nun hier in der Klemme war (ein jeder schon jubilierte, wie mir's gehen würde!), resolvierte mich derhalben kurz: aus zwei Bösen eins zu wählen und mich lieber in Berlin unter gnädige Strafe zu submittieren, als hier mich unter meinen Feinden zerren und beschimpfen zu lassen.

Setzte mich auf die geschwinde Post nach Berlin. Ich hatte eben auf dem Nebelthauischen Konkurs von 1720, so noch bis dato währet, vierhundert Thaler an Dukaten gehoben, so ich mit meinem eigenen Gelde sechs Jahr teuer gnug verintressieren müssen. Diese nahm ich mit und behielt wenig davon übrig. Ich nahm in Berlin bei Herrn Sekretär Zieglern eigene stube, speisete im Hause mit ihm bei seinem künftigen Herrn Schwiegervater [ Lücke]; und Herr Ziegler war mein Konsulent, weil er sonderlich bei dem KadettenKadett = der jüngste unter den Brüdern. und Herrn Geheimbten Rath von Katsch, bei welchem diese Sache gehörig, wohl dran war. Wir verfertigten ein Supplikat, stelleten die Sache unschuldig vor und baten umb Gnade und Abolition, damit ich nicht beschimpft würde. Ich stellete auch zugleich vor, daß ich meine Barbierstube an Gerbern übergeben und ohnedem dem Barbierambt und der Obermeisterstelle resignieren würde.

Indeß lebte ich in Berlin wohl und ließ weidlich draufgehen; mehr aus Desperation. Mein Advokat nahm auch die Dukaten.

Meine Frau war, wie ich wegreisete schon krank und gedachte ich nicht: sie lebendig wieder zu finden. Sie machte sich aber aus meinem Unglück nicht viel; au contraire. »Das hat er von seinem Geitz, ich habe es längst gedacht!« sagte sie. – Und ihr seeliger Schwiegersohn that, als ging es ihn nicht an; wiewohl er die Extremität verhüten konnte, so knipp er heimlich.

Die Zeit währete mir in Berlin zu lang und kostbar. Deswegen ich nach Hause reisete. Da hatten die Barbier meine Jungen und Gesellen, teils durch List, teils durch Überreden, weggetrieben, daß die Kunden alle zerstreuet; einer hie, der andere da war. Die Frau hatte inmittelst auch Kisten und Kasten zu ihrer Tochter räumen lassen, weil sie gesehen, daß es zum Sterben ging.

Es ist nicht zu beschreiben, wie erbittert die Barbier waren, als sie höreten, daß ich in Berlin Abolition suchte, und sie hier ihr Müthchen an mir nicht kühlen und den Skribenten und dem Herrn Syndikus die Braten aus den Zähnen gerückt wurden. Wie sie mir nachgehends selbst geklaget!

Die Spandauer Straße in Berlin – Nach einer Aquarell Skizze a. d. J. 1690 von Johann Stridbeck d. Jüngeren (1665 – 1714). Original: Kgl. Bibliothek zu Berlin

Sie machten ihr recht Meisterstück mit Gegenvorstellung und Berichten auf mein Supplikat, so sie sich in Abschrift hatten bringen lassen. Insonderheit hatte mich der Herr Syndikus, welcher allererst seinen Dienst vor tausend Thaler erlanget,Amt als Syndikus für 1000 Taler erlangt. Unter der Regierung Friedrich Wilhelms I. fand zum Vorteil der Rekrutenkasse, aus der besonders die »langen Kerle« angeschafft wurden, ein regelrechter Verkauf der städtischen Ämter an den Meistbietenden statt. Auf die Fähigkeiten des Bewerbers wurde nicht immer das entscheidende Gewicht gelegt; die Höhe der Zahlung gab wiederholt den Ausschlag. Syndikus in Halle wurde 1727 Friedrich August Tentzel. über alle Maße als den allergottlosesten, leichtfertigsten und sehr, sehr reichen Mann angegeben mit allerhand andern Beschuldigung (auf der Barbierer ihr Verhetzen), daß beim Hof-Kriminal aller Dinge darauf reflektieret und mir die Strafe weit höher gesatzet wurde, als ich vermeinet, und endlich mir nach Halle geschickt wurde, eben als ich krank lag. Welches kein Wunder, ich wäre des Todes gewesen!

Nun, was wollte ich thun? Ich erkannte, daß ich's mit meinen großen Sünden verdienet und GOtt aus dem Geschirr getreten; und war nicht unschuldig. Vergoß deswegen viel Thränen, sowohl auf der Rückreise, als sonsten. Schickte mich deshalb mit dem König David zur Geduld. Suchte mein Geld zusammen und schickte es auf der Post nach Berlin. Mein Herr Konsulent wollte auch noch einmal schröpfen, da ich ihm schon so manchen schönen Dukat gegeben hatte. Hier mußte ich auch dem Herrn Syndico, Secretariis und Ausreiter Zins bringen. Und bedaureten doch: daß ich ihnen einen schönen Braten aus den Zähnen genommen!

Alles, was in der Sache hier ergangen, mußte versiegelt nach Berlin in die ewige Vergessenheit gesandt werden. Zwei aus dem Rath, nämlich Herr Doktor Reimers und Redel, mußten bei Ablegung und Übergabe meiner Rechnung bei versamleter Barbierinnung mit sein; als worumb ich selbst supplizieret. Mußten mich überhaupt quittieren und erklären: daß sie ferner nichts als Ehre und Gutes zu sagen wüßten an mir.

Prospekt oder Weg gegen den Tiergarten vor Berlin; die heutige Straße: Unter den Linden. Nach einer Aquarell-Skizze a. d. J. 1691 von Johann Stridbeck d. Jüngeren (1665 – 1714). Original: Kgl. Bibliothek zu Berlin.

Die Barbier aber hatten das nicht vermeinet: daß sie sich durch meine Sache Schaden und Unglück in'n Pelz setzten, und da sie meineten, mich zu stürzen, selbst in die Grube gefallen. Denn sie irritierten durch ihr vieles Schreiben und Vorstellungen wegen meiner den Hof so sehr, und kam der König hinter alles dadurch, was ein Junge einzuschreiben, loszusprechen, vor die Lehrbriefe und Geburtsbriefe geben müßte; und wie viel es trug und was vor Unterschleif von den Obermeistern, von andern, geklaget; daß sie nun alle ihre Briefe, so sie sonst selbst gaben und besiegelten, entweder vom Rath, oder von Berlin nehmen müssen. So gehet es! NB.

Noch ein ander Abenteuer begegnete mir etlich Jahr zuvor; deß soll ich nicht vergessen. – Ich hatte einem Bauer in Passendorf damit gedienet, weil sein Stiefbruder in Erfurt verstorben und sie ihm wegen der Erbschaft mit zehen Thalern da abgewiesen. Damit wollte er nicht zufrieden sein; weil, seinem Vorgeben nach, keine andere Erben, als er, verhanden; wiewohl der verstorbene durch Notarien und Zeugen einige Legata vermacht; Zeugen und Notarien aber waren selbst heres mobiliaris mit. Er hieß Otto, hatte einen feuerroten Kopf und war sonst ein Schäfer gewesen. Ließ sich immer bei mir barbieren. Der kam zu mir und klagete, wie es ihm ginge. Bat mich, weil ich einen reichen Schwager in Erfurt hätte, der Kaution machen könnte: ich sollte mit ihm reisen. Er wollte mir – nebenst freier Kost und Fuhr – zehen Thaler davor geben. Ich bedachte mich, weil mich mein Schwager ohnedem oft gebeten: einmal zu ihm zu kommen, also versprach ich, solches zu thun.

Die Kutsche kam vor die Thür. Wir fuhren glücklich nach Erfurt und legten uns in »Die Propheten«. Mein Schwager aber nahm mich ins Haus und that mir alles Gutes.

Ich ging mit dem Bauer zum Präsident, welches einer von Adel war, eben das Podager und das Bein auf einem Stuhl hatte. Er sähe mich vor einen erfahrnen Advokaten an. Ich war aber nur ein schlechter Barbier. Doch wußte ich meine Wort so vorzubringen, daß er's glaubete: ich war ein Advokat. 5agte derohalb: »Die Sache läßt sich hören. Das Testament oder Vermächtnis kann nicht bestehen. Wann er Kaution auf so viel will machen, sollen die Leut alles rausgeben. Komm er morgen mit seinem Kaventen aufs Rathaus! Da soll ferner ergehen, was Recht ist.«

Ich vermochte meinen Herrn Schwager Schüren gleich zur Kaution; doch mußte ich ihm Gegenkaution machen und ihn schadlos halten.

Damit kommen wir an aufs Rathaus. Wir mußten gleich neinkommen, und nicht so lange stehen, wie hie. Da brachte ich meine Wort mit dem Bauer nochmals vor. Das wurde alles aufgeschrieben und mußten hernach Abtritt nehmen. Beim Hereinkommen sagte der Präses, so hinter der Tafel auf einem erhabenen Thron mit einem güldenen Zepter saß, und die Rathsherrn umb ihn, zu beiden Seiten: »Wir haben die Sache erwogen, daß die Erbschaft soll gegen Kaution ausgehändiget werden, wo ist der Kavent?. Sieh da! Herr Schür! Will er kavieren?« – »Ja, sagte er, ist mein Schwager.« – »Nun, so lege er die Finger auf den Zepter.« – Da mußte er anloben: wann ein näherer Erbe oder Anspruch sich finden möchte, sollte alles restituieret werden. – Mein Bauer lachte heimlich und dachte: »Hinten umbs Dorf!«

Damit wurde gleich bei der Execution anbefohlen: die Sachen auszuhändigen. Die Leute wollten erst nicht. Aber der Bauer verstund das Handwerk und spendierte den Knechten und Ausreutern brave und brauchte den güldenen und silbern Schlüssel. Daß also die Sachen durch die Execution bald rausgebracht und alles dem Bauer gegeben wurde.

Da war der Bauer froh und sagte zu mir: »Nun wollen wir uns erst was zu gute thun hier.« – Allein ich sagte: »Hier ist nun nicht lange zu warten, spannet an. Wir wollen fort; denn der hinkende Bote möchte hinterher kommen!« – Als auch geschahe. Denn sie hatten uns in allen Wirtshäusern aufgesucht. Und wir waren fort! – Hier hieß es mit mir recht: »Was deines Ambtes nicht ist, da laß deinen Vorwitz«. Denn ich das größte Unglück davon hätte haben können.

Denn nach zwei Jahren kam des verstorbenen leiblicher Bruder, ein langer Soldat von Stettin, so unter hiesiges Regiment vertauscht worden. Selbiger fraget nach seines verstorbenen Bruders Erbe. Sie weisen selbigen aber von Erfurt zu mir und zum Bauer nach Passendorf. Der Bauer, als ein listiger Gast, wie rot Köpfe gemeiniglich, verträget sich mit dem Bruder, so gut er kann, beim Trunk; giebet ihm auch dreißig Thaler und beredet ihn, daß er muß mit ins Ambt gehen und sich lossagen, weil er sich mit seinem Bruder verglichen hätte. Verschweigen aber, daß sein völliges Erbe in guter Sub-Hypothek (wie ihm der Bruder versprochen, daß er's allezeit finden könnte, sonst aber im Soldaten-Stand drum kommen möchte) bestehen bleiben sollte.

NB. Darum nimmermehr einem zu raten: daß er sich in Gerichten, oder schriftlich von einer Sache lossagen, oder sich unterschreiben solle, wann er vorhero nicht gnugsam befriediget oder versichert ist.

Was geschicht unterdessen? – Stirbt der Bauer und seine Frau. Da der Soldat seine dreißig Thaler verzehret hat, kombt er wieder und will mehr holen. Des Bauers Sohn und Kinder wollen von nichts wissen. Der Soldat trotzet und pocht, wie sie pflegen. Des verstorbenen Erben rufen gleich die andern Bauern, welche den Soldaten zur Thür nausschmeissen. Der Soldat wußte keinen andern Rat und kombt zu mir. Bate mich, weil ich doch damals in Erfurt zu dem Gelde und Erbschaft geholfen: ich sollt'es im Ambte attestieren, weil sie von nichts wissen wollten.

Deß kunnte ich mich nicht wohl entbrechen. Ging mit hinaus. Als ich im Ambt in Gegenwart des Herrn von Goldstein die Sache proponierte, umb welche Zeit solches geschehen, fand sich's im Gerichtsbuch, daß der Soldat mit seinem Stiefbruder in Gerichten erschienen und er sich von allem losgesagt und mit ihnen von Grund aus verglichen. »Also, sagte der Herr von Goldstein, ist in der Sache weiter nichts zu thun. Die Leute sind beide tot. Überdies ist das Gut ohnedem mit Schulden beschweret und da wenig zu hoffen.« – Der Soldat gehabte sich dabei sehr übel. Bald fluchte er auf seinen Bruder, daß er ihn betrogen, bald weinete er.

Ich tröstete ihn auf dem Reinwege und sagte : er sollte sich das nicht so wundern lassen. Mich hätte auch ein Gevatter und Freund, mit dem ich es doch so gut gemeinet, umb fünfhundert Thaler mit einem Wechsel betrogen. Die Frau hätte den Wechsel mit unterschrieben, selbe hatte ihrem Vorgeben nach dreitausend Thaler eingebracht, hatte zu bezahlen und wollte doch nicht bezahlen, machte allerhand Diffikultäten und sagte itzt: ihr Kurator wäre nicht bei Verstande und was dergleichen Ausflüchte. Ich wäre deshalb zweimal in der harten Kälte nach Berlin gewesen; aber nichts anders erhalten als: ich sollt es durchs Recht, weil ich's einmal darin gebracht, ausmachen. – So ich auch gethan. Das dritte Urtel nun hätte ich mitgebracht: die Frau sollte Kapital,, Intresse und alle Unkosten bezahlen. Nun ich sie wollte satzen lassen und aufs Rathaus bringen, machte sie sich totkrank etc.

Der Soldat fragete, was das vor Leute wären, die so gottlos handeln. – »Es ist ein Kaufmann Nebelthau, und hat wohl sechszehntausend Thaler bankrottieret,« sagte ich. – Er meinet: kenne sie wohl, wollte hingehen und sehen, ob die Frau wahrhaftig krank sei, oder nicht. – Ich ließ es geschehen.

Der Soldat gehet hin, findet zu seinem und meinem Unglück die Haus- und Stubenthür offen, gehet grade ein, satzet sich an'n Tisch, wo die Frau ist, welche aber, sobald der Soldat kombt, ins Bett hüpfet. Der Soldat sitzt da, langet sein Tobak-Pfeifchen und Zunder und rauchet eins da am Tisch. Die Frau kann keinen Tobak leiden, lamentieret und schreiet. Sie fragen den Soldaten: was er will und wer ihn hergeschickt? – Der spricht: »Es kann euch gleichviel thun; ich will sehen, ob ihr krank seid, warum wollt ihr den ehrlichen Mann, Dietzen, betrügen, da er euch doch soviel Geld baar an Zweidrittel-Stücken hie auf den Tisch gezählet?« – »So hat euch Dietz hergeschickt? Wir hören's nun wohl. Nun, nun!« – Darauf fanget der Sohn und das Gesinde an zu laufen nach dem Herrn Rathmeister Kosten, welches ihr Konsulent und ihrer wohl genossen, zum Herrn Obrist Kleist, welcher zu allem Glück auf der Bärenhatze gewesen, zum Herrn Auditeur Meyern, welcher mich ließ zu sich rufen. – Ich meinete aber: es wäre wegen meines Bruders Sohn, so Soldat werden sollte, und ging nicht hin.

Ausschnitt aus: Hannß Friedrich v. Fleming's »Der vollkommene Teutsche Soldat« (Leipzig 1726).

Der Soldat hatte gemerket, daß die Sache nicht gut ginge, weil das so ein Gelaufe ist, und gehet seinen Weg nach Kalbe, wo er in Quartier lag. Des Morgens umb neun Uhr schickte der Obrist einen Unteroffizier Lampen ins Haus: ich sollte gleich zum Obristen kommen. Ich wußte von nichts und sagte: »Was soll ich da machen?« – »Das werd't ihr wohl sehen.« – Ich sagte: »So gehet, ich will gleich nachkommen.« – »Nein, sagte er, ihr müßt gleich mit mir.« – Ich mußte mit fortzellern. Als ich bei dem Obristen kam, saß er auf einem großen Sessel, hinterwärts die Obristin stund bei ihm. »Welcher Teufel hat euch befohlen, meines Königes Soldaten bei unschuldigen, kranken Personen zur Exekution zu gebrauchen? Ihr wäret wert, daß man euch in Ketten und Banden nach Spandau brächte! Und da sollt ihr auch hin! Ich will es an meinen König berichten; denn ihr habt hiedurch ein crimen Majestatis begangen &c.«

Ich ließ ihn wohl ausreden und als er nichts mehr wußte, fing ich auch an und sagte: »Mein Herr Obrist, wie kommen sie dazu, daß Sie mich solcher Sache beschuldigen, wovon ich gar nichts weiß? Es ist der Soldat von sich selbst hingegangen. Erzählete die ganze Konnexion. Hat der soldat was gethan, was gehet das mich an?«

Er wollte wieder hart reden und sagete: es wäre nicht wahr, wollte schon hinterkommen!

Ich sagte ihm aber: »Herr Obrist, ich verlasse mich auf GOtt, meine gerechte Sache und den König, welcher mir von ihm nicht wird lassen zuviel geschehen. Ich bin Ihro Königlichen Majestät Hof-Barbier, habe des Königs Herrn Vater und Großvater lange untern Soldaten als Feldscher gedienet und weiß wohl, wie man mit Soldaten muß umbgehen. Thun Sie mir zuviel, ich weiß: ich habe einen gnädigen König, der wird's rechten.«

Darauf zog er gelindere Saiten auf und fragete: wie der Kerl hieß und wo er in Quartier läg?

»Ich weiß nicht, sagte ich, doch habe ich im Ambt gehöret, daß er Otto heiße.«

Da waren Unteroffizierer, die sageten: daß er in Kalbe läg. – Da wurden gleich zwei kommandieret, die mußten ihn holen.

Als sie ihn gebracht und vor des Obristen Quartier vorbeigebracht haben, soll der Obrist zu ihm gesagt haben: »Bistu der Vogel, welcher die Leute auf des Balbiers Befehl exequieret?« – »Ich bin kein Vogel, Herr Obrist, sondern ein alter, ehrlicher Soldat und habe auch niemand exequieret.« – »Bringet ihn auf die Hauptwache! Ich will dir wohl kriegen!« – Der arme Kerl saß vierzehen Tage auf der Hauptwache, ehe er einmal verhöret wurde.

Unterdessen hatte es die ganze Stadt erfahren und legeten die Sache so gefährlich aus, daß einem angst und bange wurd. Da waren wenig, die mir das nicht gönneten; »Da, da! Das sehen wir gern!«

Und fürwahr, es war mir nicht wohl bei der Sache. Denn der Obrist trieb alles mit Gewalt, und hatte ich deswegen große Angst in meiner Seele. Ich rufte und betete aber zu GOtt, und der Herr erhörete mich und half auch aus der Not, daß ich nicht in ihre Löwenklauen kam!

Denn, da endlich ein Verhör angestellet und der Kerl drum befraget wurde: ab ihn der Barbier hingeschickt und zu solchem veranlasset? blieb er beständig dabei und sagte: nein, er wäre von selbst hingegangen und hätte niemand nichts gethan.

Darauf mußte ich auch kommen; und sagten mir: der Kerl hätte breit bekannt, daß ich ihm solches geheißen. – »Otto, sagte ich, könnt ihr das mit gutem Gewissen sagen?« – »Nein, sagte er, ich bin von selbst gegangen und habe niemand was gethan.« – Da schrie der eine Leutnant: »Schlagt zu!« – Die zwei Unteroffizierer hoben die Stöcke auf und wollten loskeilen. Aber der andere Oberoffizier war verständiger und winkte mit der Hand; denn der Soldat movierete sich, daß ihm unrecht geschähe.

Damit war das Verhör und Sache zum Ende und kam der Soldat gleich los. – Der Herr Obrist aber kam selbst in Arrest und Ungnade.

NB. Das that GOtt; und konnte man augenscheinlich sehen, daß seine Hand mit im Spiel. Der Herr Obrist wollte nur fünfhundert Thaler von mir haben, hernach zweihundert, zuletzt ließ er bei meinem Schwiegersohn (welcher mich durchaus bereden wollen) nur mein Selbsterbieten suchen. Allein, ich gab ihm zur Antwort: wenn der Herr Obrist mir würde zu den fünfhundert Thalern helfen, wollte ich ihm fünfzig von geben! – Aber es ward nichts draus.

Nun wiedrum zum Ende und Absterben meiner Frau zu kommen. So ward dieselbige sehr elend, wiewohl ihr der Schwiegersohn und Tochter alles, was sie nur konnten, thaten. Ihre Beine brachen alle beide auf; und sie wurf stinkende Materie in großer Menge aus, daß niemand sonst bei ihr bleiben konnte, wiewohl sie ihre eigene Wartfrau stetig hatte.

Zuletzt (weiß ich nicht, worum sie das that) rufte mich zu sich. So schwach, als sie war, richtete sich auf, zog mich zu sich, umbfaßte mich so hart, daß ich nimmer von ihr vermeinet, daß sie so viel Kräfte hätte und sagte: »Ach Mann, zu tausend guter Nacht; mein lieber Mann, vergieb! Habe ich was nicht recht gethan, ist mir's leid von Herzen. Böse Leut haben mich dazu gebracht. Sollte ich nun noch leben, ich wollte es besser machen! Aber nun ist's geschehen. Lasse es meinen Kindern nicht entgelten.«

Damit schickte sie sich zum Tode und verschied auch selbige Nacht.

Ich ließe sie ehrlich mit Kutschen begraben und gab ihrer Tochter zehen Thaler zur Trauer, wie auch dem Gesinde Trauer.

Aus: Thiemen's »Haus- Feld- Arznei- Koch- Kunst- und Wunderbuch« (1694).

Ich mag wohl sagen, so sehr übele Zeit ich bei ihr hatte, so nahe ging mir doch ihr Absterben, daß ich viel Thränen über sie vergoß. Und wäre zu wünschen gewesen, wenn ich auch nun ein alter Mann: sie wäre in Friede und Ruhe, wie sie wohl haben konnte, bei mir geblieben. Denn sie war sonst eine geschickte, kluge Frau und vortreffliche Köchin, daß sich die Barbierinnung allezeit freuete, wann sie bei mir sollten gespeiset werden, so selbiger Zeit, weil ich Obermeister war, gar oft geschahe.

Ich und meine Leute im Haus vermeineten, weil sie bei ihrem Leben keiner andern rein zu kommen gönnen wollen, sie würde spuken. Aber es hat sich, gottlob! nichtes gereget.

Nun räumete die Frau Schmidten vollends aus, was sie noch etwa gelassen hatte, und gab mir von altem Geräte und Betten, auch Besen, was sie wollte, von meiner Frauen und meiner Mägde in die dreiunddreißigjähriges Spinnen und Würken, was sie wollte! Denn meine Frau war zweiundsiebenzig und ein halbes Jahr, als sie starb, und hatte was sammlen können. Starb anno 1726 den 11. Augusti nachts umb ein viertel auf vier Uhr.

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