Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adam Müller-Guttenbrunn >

Meister Jakob und seine Kinder

Adam Müller-Guttenbrunn: Meister Jakob und seine Kinder - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorGuttenbrunn
titleMeister Jakob und seine Kinder
senderSiegfried.Smolny@rzmail.uni-erlangen.de
submitted20050523
created20051104
Schließen

Navigation:

VIII.

Die Spinnräder surrten im Dorfe.

Der Winter war streng, man erinnerte sich nicht, einen ähnlichen erlebt zu haben. Hoch lag der Schnee über allen Fluren, das Vieh kam wochenlang nicht aus den Ställen, alle männliche Arbeit ruhte. Selbst das Düngen der Felder und das Abraupen der weiten Pflaumenkulturen mussten unterbleiben. Die Männer lungerten auf der Ofenbank herum und ließen sich's wohl sein, denn man hatte gut geschlachtet, alle Rauchfänge hingen voller Schinken und Speckseiten, und auch der Wein war geraten, er trank sich schon süffig zu den Blut- und Leberwürsten, die gegessen sein wollten. Die Bratwürste, die gut geräuchert waren, hatten Zeit, mit denen brauchte man sich nicht so zu beeilen, die schmeckten auch zu Ostern noch. Den Weibern ging es weniger gut, sie spannen sich die Finger wund. Wenn eine sich am Morgen den Rocken ihres Spinnrades voll Hanf anlegte, musste er vor Abend heruntergesponnen sein, denn ehe man in die Spinnreih ging, hieß es einen neuen Rocken anlegen und leere Spulen haben. Jeder Augenblick des Tages, an dem nichts anderes zu schaffen war, gehörte dem Rad. Sein leises Surren erfüllte alle Stuben, kein weibliches Wesen lebte, dessen Fuß nicht ein Spinnrad drehte. Sein Besitz war der höchste Stolz des jungen Mädchens. Man war ein Fratz, solange man keines hatte; das Spinnrad galt als das erste Zeichen der Reife. Mit dem Rad in der Hand erst trat man aus der Kinderstube, da erst winkte die Freiheit. Man durfte sich mit dem Spinnrad als Gast bei der Godl einladen, bei Basen und Freunden, und wenn man Fünfzehn zählte, winkte schon die abendliche Spinnreih. Das aber war die Freiheit.

Auch die Bas' Mali hatte heute solch einen spinnenden Gast bei sich, die kleine Eckerts Trudl. Sie hob dem Dorfkapellmeister als ganz junge Frau ein Kind aus der Taufe, und aus diesem war ein stattliches Mädel geworden. Mit einem schweren Mundwerk, wie es schien, aber mit Augen, die überall waren, denen nichts entging. Da die Godl seit Jahren nicht ausging, war ihr das Kind, dem sie zu Weihnachten wohl immer in üblicher Weise ihre Geschenke schickte, ganz aus den Augen gekommen. Es war eine Überraschung, als das Mädel plötzlich mit einem Spinnrad in der Linken unter der Tür stand und sagte, wer sie wäre. Natürlich war sie willkommen. Als die Susi hörte, dass das eine Godl wäre, legte sie sogleich noch ein Stück Schweinernes ins Kraut und zog den Strudel, der auf dem Tische lag und den sie mit Äpfeln zu füllen gedachte, noch etwas länger aus, damit er reichte. Ihr war dieser weibliche Gast nicht sonderlich angenehm, sie wäre lieber wie bisher ungesehen geblieben in der Krankenstube der Bas' Mali. Und diese selbst war gerade heute wenig in der Verfassung zu unnützen Gesprächen, sie fühlte sich gar nicht wohl, ihr Kopf lag matt auf dem Kissen in ihrem Lederstuhl mit der hohen Rückenlehne. Aber einen solchen Besuch abzuweisen ging nicht an. »Nur herein«, sagte sie.

Und das Rad der Trudl surrte alsbald ganz munter neben dem der Susi, die ja auch immer wieder Zeit fand, sich an das ihre zu setzen, sooft sie auch nach diesem und jenem zu sehen hatte in der Küche. Ein drittes Rad mit vollem Rocken stand in der Ecke beim Fenster, es war das der Bäuerin. Obwohl sie seit Jahren nicht mehr spann, wollte sie es in ihrer Nähe haben; es werde schon die Stunde kommen, in der sie es wieder treten könne, sagte sie. Und so war sie in allem. Sie suchte den Schein ihrer Herrschaft zu erhalten, ganz ergab sie sich nicht. Jeder Strudelteig musste bei ihr in der vorderen Stube ausgezogen werden, damit es aussah, als habe sie Teil an der Arbeit. Dass sie gegen alle Regel die vordere Stube bewohnte, anstatt sie als Paradestück des Hauses zu behandeln, darüber ging sie hinweg. Dass sie gegen alle Ordnung allein zu essen wünschte und nicht mit dem Gesinde, und dass sie auch die Susi bei sich brauchte, das begründete sie dem Bauern gegenüber mit der Rücksicht auf diese. Man könne doch nicht... Man dürfe doch nicht... Ja, ja, er wollte die Susi auch nicht in der Leut' Mäuler bringen. Aber sie war es schon. Im Übrigen ließ er die Dinge laufen, wie sie mochten. Er aß mit dem Gesinde in der hinteren Wohnstube und ließ seiner Frau die Susi. Sie wirkte wie ein guter Geist auf die Kranke, man hörte deren Stimme jetzt nicht mehr kreischen, und es ging in Haus und Küche alles wie am Schnürchen. Jedes hatte seine Ordnung; man brauchte keine Donnerkeile mehr und keine Kruzifixlaudonflüche, es gab keine Krämpfe in der vorderen Stube und keine schiefen Gesichter in der hinteren. Und kam der Bauer vorne hinein, war er stets gut aufgenommen. Beinah wie ein Gast. Die Susi wusch und putzte die Bas' Mali, dass sie immer halb feiertäglich aussah. Und dann fragte sie wohl: »Na, Vetter Mathes, was sagt Ihr zu eurer sauberen Frau?« Sie erzählte der Frau Geschichten und sang mit ihr auch manchmal ein gefühlvolles Lied aus der Spinnstube. Am Sonntag aber las sie, da sie auch die Kirche mied, das Evangelium vor und sang Kirchenlieder mit ihr. Wie ausgewechselt war die Bäuerin manchen Tag, so frisch hatte der Mann sie lange nicht gesehen, und sie fühlte sich wieder als Christenmensch. Nur zu gewissen Zeiten, die regelmäßig wiederkehrten, war sie hinfällig und brauchte immer eine Woche, ehe sie sich wieder erraffte. An körperliche Leiden war sie ja gewöhnt, aber es waren die moralischen von ihr genommen, seitdem sie keine Sorgen mehr zu tragen hatte und sich nicht wie ein unnützes Tier im Hause behandelt sah. Denn auch der Bauer war anders. Seit dem er sie für nichts mehr verantwortlich machte und sich in allen auf die Susi verlassen konnte, fiel kein hartes Wort mehr. Alle Bitterkeit war fort. Das Haus, das vordem von allen bösen Geistern bewohnt zu sein schien, war ein Ort des Friedens geworden.

Da kam heute so ein stotterndes Teufelchen daher und kramte mit schwerer Zunge allerlei Dorfneuigkeiten aus. Susi, die voll tiefer Dankbarkeit war für das Asyl, das sie gefunden und sich abgeschlossen hatte vom ganzen Dorfleben, auch von Christof gar nichts hörte, als dass es ihm gut ginge und man ihn noch keinen Schritt tanzen sah in diesem Winter, sie fühlte auf einmal ihr ganzes Elend. Schon die Augen der Trudl, die ihre Gestalt fühlbar abtasteten und ihr überall hin folgten, belästigten sie. Die Mu-mu-mutter hatte dies und das erzählt, die Schwe-we-wester jenes gehört. In der Spinnreih fragte man, wo die Susi denn stecke, sie solle sich doch einmal anschauen lassen. In der Kirche aber sehe man den Meister Jakob nicht mehr. Die Mu-mu-mutter lasse fragen, ob er denn krank wäre. Man habe doch gar nichts davon gehö-hö-hört.

Die Bas' Mali hob den müden Kopf und schaute das Mädel bös an, die Susi aber sagte: »Do müsst ihr schon in der Herrnsgass' anfrage, ich war schun lang nit dort.... Ich waaß äwer nit, was dei Motter sich um mein Vatter so sorgt. Mer kenna uns doch gar nit.«

Die Trudl wurde blutrot im Gesicht, und sie erwiderte, dass man viel von den Wei-weidmanns rede bei ihnen, seitdem die Susi dahier bei der Bas' Mali wäre. Als ob sie jetzt zur Freundschaft gehöre, so sei ihnen allen.

»G'hört sie auch!« sprach die Bäuerin scharf. »Mei' Mathes is a Vetter von der alten Bas' Zengraf. Und die is doch der Susi ihre Großmutter.«

»Soooo?«

»Konnscht's deiner Motter sage, die Susi is mer und dem Bauer wie a Tochter. Sie hot mich wieder g'sund gamacht.«

»Soooo?«

Die Trudl schwieg eine Zeitlang, ihr Rad surrte, und sie spann auch innerlich allerlei Fäden. So also sah es hier aus? Da wird die Mutter wenig Freude haben. Sie redete schon manchmal von der Erbschaft nach der Godl... Die Susi war in der Küche und bereitete einen Teig vor für einen Pfannkuchen, den die Bäuerin ihrem Patenkind mitgeben wollte. Die Sitte verlangte es, dass sie etwas heimbrachte. Es tropften ein paar bittere Zähren in den Kuchenteig. So war es daheim nun doch so weit... Der Vater ging nicht mehr in die Kirche. Der fromme Vater! Was ihm das bedeuten musste, das wusste sie ganz genau. Gerade um sein liebstes Kind litt er so sehr. Verkroch er sich vor der Welt, wie sie selber... Bei der Hochzeit der Anmerich war sie noch, das war noch möglich. Seitdem hat sie niemand mehr gesehen im Dorfe und daheim. Und niemand kommt zu ihr. Nicht die Mutter, nicht die Anmerich. Alle schämen sich ihrer, alle möchten sie verleugnen. Und der Christof? Hält er noch zu ihr? Ist er fest? Sie weiß es nicht...

Da die Trudl jetzt so allein mit der Godl war, wagte sie die Frage, die ihr die Mutter besonders aufgetragen, die sie aber nicht recht verstand. Sie hätte gern gewusst, die Mu-Mutter, wann die Su-usi nach Ro-om reise. Dann wolle sie selber, die Mutter, auf einige Zeit zur Godl kommen, oder ihr eine ihrer Mädeln schicken.

»Brauch niemand - niemand!« zischte die Bäuerin.

Als die Trudl sah, wie unwillig die Bäuerin die Frage aufnahm, stotterte sie mit zuckendem Munde, die Godl möge nicht böse sein, aber sie müsse ja das alles fragen, obwohl sie selber gar nicht wisse, was denn die Su-usi in Rom machen solle.

Das besänftigte den Unmut der Bas' Mali, sie musste lächeln. Und sie sagte der Trudl: »Sag deiner Motter, ich loss sie schei grüße. Die Susi aber hätt sich's überlegt, sie reist nit nach Rom, sie reist nach Schmecks.«

Ernsthaft wiederholte die Trudl die schalkhafte Antwort zweimal und prägte sich dieselbe fest ein. Dann war sie zufrieden und pappelte von anderen Dingen. Mittags kam der Bauer heim aus der Landmühle, wo er um feines Mehl gewesen war. Aber er brachte nichts, denn die Zuflüsse waren alle eingefroren, die Mühle stand still, und seine Getreidesäcke lagen unberührt dort, wo er sie vor Wochen abgeladen hatte. Er werde doch einmal nach Arad fahren und sich bei der neuen Dampfmühle umtun. Da gehe es schneller, sagen die Leute. Die Trudl begrüßte er mit Hallo. »Ja, da schlage mer doch glei' den Ofe ein. Die kleine Trudl is da! Und die Trudl hot schon a großes Spinnradl. Ah so was!« Er konnte kein Ende finden an Ausrufen der Freude. War sie ihm doch besser bekannt als seiner Frau. Musste doch er immer die Wege zu Weihnachten zu ihren Eltern machen und die Geschenke der Godl bringen. Die Trudl sprang ihm auch beinahe an den Hals, so froh war sie, dass er kam. Es war ihr schon unheimlich zwischen der Godl und der Susi, die nach Schmecks reisen wollte. Wo das lag, traute sie sich gar nicht zu fragen. Ging sie ja auch nichts an.

Die Bas' Mali machte große Augen, als sie diese Begrüßung der beiden sah. So jung war ihr der Mann nie erschienen wie in diesem Augenblick. Ganz verklärt war sein Gesicht. Sie schloss die Augen.

Den Mathes verlangte noch nach dem Leben, nach... Oh, wie elend war sie! Wie musste es ihn quälen, an sie gebunden zu sein, an ein krankes, unnützes Weib...! »Der haiert marja wieder, wann ich ehm Platz mach«, peinigte sie sich.

Der Tag ging hin. Nach Tisch hatte die Bäuerin in ihrem Lehnstühlein wenig geschlummert, die Susi spülte das Geschirr, und dann spannen die beiden Mädeln schweigend ihre Spulen voll. Eh man sich's versah, rüstete sich die Wintersonne zum Scheiden. Die Trudl wusste noch allerlei Wichtiges vom Fasching zu erzählen, von Hochzeiten und Bällen, bei denen ihr Vater die Nächte mit Musik machen verbrachte, um sich bei Tage auszuschlafen, aber ein ernstes Gespräch wollte sich nicht in Fluß bringen lassen, weder die Bäuerin noch die Susi nahmen Anteil an ihren Neuigkeiten. Der Bäuerin war eine ganze Generation von Jugend fremd geblieben in ihrer Krankenstube. Nur als die Trudl den Namen der Anna Foltz nannte, die wohl auch bald heiraten und in ihr verlassenes Elternhaus einziehen werde, merkte die Bas' Mali auf. Aber auch die Susi riss dieser Name aus ihren Gedanken. Ihr war immer, als drohe ihr von da ein Unheil. Den leeren Foltzschen Bauernhof kannte die Bäuerin sehr gut, er war ja das dritte Haus nebenan. So erwachsen war das Mädel schon? Und wen wird sie denn heiraten? Das wisse man noch nicht, sagte die Trudl, aber die Leute reden schon davon. Denn sie tanze viel und werde wohl bei der nächsten Kirweih ihren Strauß machen, meinte die Mu-mu-mutter.

Sie tanzt viel. Dieses Wort verscheuchte wieder die hässlichen Gedanken bei der Susi, denn das wusste sie, dass der Christof nicht zu ihren Tänzern zählte. Niemand sprach von ihm, er war nirgends zu sehen. Aber die Gesprächigkeit der Trudl ließ doch einen Stachel zurück in ihrem Herzen, denn sie erzählte jetzt, dass die Bas' Liesl, die dem Kaspar Luckhaup die Wirtschaft führe, mit ihrer Mutter über die Anna getuschelt hätte. Was ging die Bas' Liesl die Anna Foltz an? Die Frau stand freilich in dem Rufe, dass sie gern Heiraten stifte, und dieser Winter war lang. Aber es war doch seltsam. Sie war es ja, die dem Christof den Weg bereitete zu seinem Vetter Niklos, wo die Anna diente...

Als die Trudl sich die Hanffasern von der Schürze zu streichen begann und ihr Rad abstellte, atmete die Susi auf. Endlich ging dieses Musikantenmädel, das mit soviel Klatsch geladen war. Sie hatte mehr Unruhe in ihren Frieden gebracht, als sie ahnen konnte.

Mit einem schönen Dank für den großen Ku-ku-kuchen verabschiedete sie sich und fragte, ob sie wieder einmal zur Godl kommen dürfe.

»Wann du willscht«, sagte die Godl müde. Eine Einladung war das gerade nicht.

Ein Fenster machte die Susi auf und ließ frische Winterluft ein, als das Mädel draußen war. Ein Gefühl der Erleichterung kam über sie. Ihr war wie nach einem bösen Traum, wenn man erwacht und erkennt dass alles nicht wahr gewesen, was einen bedroht hatte. Und sie stellte sich in ganzer Breite vor die Bäuerin hin, wie zum Schutze gegen die kalte Luft und sagte mit schalkhafter Miene einen Vers auf:

Meine Mu, meine Mu, meine Mutter schickt mich her,

Ob der Ku, ob der Ku, ob der Kuchen fertig wär?

Wann er no, wenn er no, wenn er no nit fertig wär,

Käm ich mo, käm ich mo, käm ich morgen wieder her.

Hellauf lachte die Bäuerin. »Wo hoscht denn des Sprüchl wieder her?«

»Waaß Gott!« sagte die Susi, »'s steiht in mei'm Liederbuch.«

»Des muss der Mathesa a höre. Muscht's mei'm Mann heunt Owet ufsage.«

»Meine Mu - meine Mu«, probierte sie, und die Susi half nach: »meine Mutter schickt mich her.« »Ob der Ku, ob der Ku«, fuhr die Bäuerin fort, »ob der Kuchen fertig wär«, sprach Susi. Und weiter? »Wann er no, wann er no, wann er no nit fertig wär«, worauf die Susi wieder einfiel: »Käm ich mo«, und die Bäuerin ergänzte: »Käm ich mo, käm ich morgen wieder her. Du, des lern ich«, rief sie, heiter angeregt. Susi aber schloss das Fenster wieder und freute sich, der Bäuerin nach dem ermüdenden Tage einen vergnügten Augenblick bereitet zu haben. Dann ging sie die Kühe melken, ehe es im Stall dunkel wurde. Es gab schon junge Kälber, und da rann die Milch in Strömen. Die Stallmagd, die das Vieh zu besorgen hatte, brauchte Hilfe.

Die Tage flogen. Wenn nur das Heimweh nach dem Elternhaus nicht gewesen wäre! Und die bohrenden Gedanken! Bei Tage verscheuchte sie das Licht, und vor der vielen Arbeit, die es gab, seitdem die Welt wieder so aussah, als ob es Frühling werden wollte, hielten sie auch nicht stand. Aber die Nächte waren arg. Da sah Susi den Christof in weiblichen Schlingen, aus denen er sich nicht mehr befreien konnte, da sah sie ihn als Soldat in Not und Tod, wie er ihr von einem fernen Ufer zuwinkte. Und ihren gebeugten Vater sah sie wie oft. Wie er sich seiner Susi schämte, wie ihm die heimlichen Tränen auf den Hobel nieder tropften während der Arbeit, wie er in seinen Garten beten ging anstatt in die Kirche - so sah sie ihn. Und hinter ihm funkelten die grauen Augen der Mutter. Sie hatte ihr harte Worte gegeben, als sie von daheim fortging, sie möge sich nur ja nicht so bald zeigen in der Herrnsgass, sagte sie ihr. Die Kathl schaute sie nicht an, der Jakob verkroch sich in der Werkstatt. Nur der Vater war gut. Er geleitete sie bis zum Haustor und ermahnte sie, der Base hilfreich und immer geduldig zu sein. Er wusste damals ja noch nichts. Wie schwer musste ihn dann die Wahrheit getroffen haben... Es drang kein Laut von daheim zu ihr. Nur die Anmerich war heute gekommen. Um sie zu trösten war sie gekommen und um nachzusehen, wie es ihr ginge. Aber auch sie wählte die Dämmerstunde für diesen Weg. Sie war voll Glück und Sonne. Redete nur von ihrem Philipp und ihrem Hausbau und ihren guten Schwiegereltern, die so taten, als wüssten sie nichts von allem... Die Anmerich merkte gar nicht, wie weh sie der Schwester tat. Auch sie erwartete ein Kind. Aber mit welch anderen Gefühlen! Mit welchem Stolz trug sie ihre Mutterschaft zur Schau! Es rang etwas Tiefes, etwas Starkes in der Susi nach Luft, nach Ausdruck, etwas, das sich gegen Himmel und Erde auflehnen wollte. Aber sie fand die Worte nicht. War ihre Liebe für Christof nicht dieselbe wie die der Anmerich für den Philipp? Sie hatte sich vergangen. Aber in welchem Rausch, in welcher Seligkeit! Und wollten sie sich denn nicht heiraten? War der Christof nicht sogleich bereit dazu?

Nach seinem unchristlichen Vater soll man Steine werfen, nicht nach ihr. Aber auch der konnte die Erfüllung ihrer Wünsche nur aufhalten, nicht ganz verhindern. Eines Tages wird sie ein so ehrliches Weib sein wie die Anmerich. Wenn sie das alles nur hätte so richtig ausdrücken können! Aber es schnürte ihr die Kehle zu, sooft sie es sagen wollte. Sie konnte die Anmerich nur fragen, ob sie nichts vom Christof gehört hätte und der Stellung. Die müsste ja jetzt bald sein.

»Des waascht du nit?« sprach diese. »Ja, wo lebscht du denn? Sei Vatter hot'n doch losgekaaft, wie's Ernscht worde is.« »Er is los? Er is los?« jubelte die Susi. Ganz blass war sie geworden. »Bas' Mali, der Chrischtof is los!« rief sie der Bäuerin zu, die in der Ecke bei ihrem Bett herumschlich und schon ans Niederlegen dachte.

»Gott sei's gedankt!« sprach diese. Und sie setzte sich auf ihr Bett vor Schrecken, denn der Gedanke, dass sie die Susi vielleicht jetzt bald verlieren werde, fuhr ihr wie ein Blitz in den Leib.

Die Anmerich blieb stumm und verlegen. Susi merkte in ihrer Freude gar nicht, dass diese ihr noch etwas verschwieg, dass aus ihren erstaunten Augen ein Kummer sprach und eine schwere Sorge. Sie war zu trösten gekommen, nicht aber um ein Feuer anzuzünden, das noch nicht brannte. Durfte sie jetzt reden? Nein, die Susi war nahe an ihrem Ziel, es war besser, man bereitete ihr jetzt keinen Schmerz. Und die Anmerich biss die Zähne zusammen und überließ sie ihrer Freude. Auf alle weiteren Fragen gab sie keine Antwort. Sie wisse sonst nichts. Und es müsse sich ja nun bald alles aufklären. Mit einem leisen Glückwunsch schied sie von der Schwester.

In der Susi tobte ein Aufruhr. Sie brachte die Bäuerin mit zitternden Händen zu Bett, machte Ordnung in der Stube, als gälte es einen Abschied, und plauderte unaufhörlich dumme Sachen. Jetzt werde man erst sehen, was der Christof für ein Mann wäre. Und wie sie zwei im Kleinen wirtschaften werden, bis es ihnen besser ginge. Sie kriege so viel von daheim wie die Anmerich, er kriege bald sein Mütterliches, und der Alte werde ihm sicher etwas draufgeben, wenn er sehe, wie lieb sie sich haben und ihr Kind. Hätte er ihn sonst losgekauft?

Sie müsse noch fort, sagte sie der Bäuerin, als sie dieselbe zu Bett gebracht hatte, es leide sie nicht in der engen Stube, da es draußen Frühling werden wolle. Sie möge ruhig schlafen, bald komme sie wieder. Die Base beschwor sie zu bleiben. Es sei dunkel und kalt draußen, sie möge doch an ihren Zustand denken. Aber die Susi hörte nicht darauf, sie musste fort, fort, fort.

Wohin? fragte sie sich selbst, als sie auf der Gasse stand. Dumme Frage! Zum Christof! Sie müsse ihn doch endlich einmal sehen und ein Wort mit ihm sprechen. Nur ein einziges Wort, ehe ihre Stunde kam. Dass er sie noch lieb habe, wollte sie aus seinem Munde hören. Sonst nichts. Sogleich kehre sie dann wieder um, denn alles andere war ja jetzt so gleichgültig. Sie eilte an dem Schwengelbrunnen vor dem Nachbarhause vorbei, an dem noch ein verliebtes Paar im Halbdunkel flüsterte, sie guckte nach dem leeren Hause der Anna Foltz, das seine Umrisse in den Abendhimmel zeichnete. Sie gedachte des einen Tanzes am Kirweihsonntag... Und wie im Fieber sprach sie: »Haha, dein Haus und dein Grund! Gar nix werde se dir nütze, wirscht dich schon an ein' annern hänge müsse.« Ein Ekel schüttelte sie. Wie die sich ihm damals an den Hals warf! Wie ein brünstiges Tier... Und sie eilte die Hauptstraße hinab, sie kam am Großen Wirtshaus vorbei, wo sie so stolz und so glücklich war, sie kam an das Haus der Fraala. Sie blickte nach den dunklen Fenstern der guten alten Frau, die sie wohl ganz vergessen hatte. »Wirscht mer aa wieder gut wer'n«, sagte sie und streichelte zärtlich mit der Rechten die Seitenmauer der kleinen Staffel, über die sie als Kind so oft zu ihr hinaufstieg. Als sie sich der Kirche näherte, kamen ihr aber doch warnende Gedanken über ihr Unterfangen. Was wollte sie? Den Christof so spät herausklopfen aus einem fremden Hause? Wusste sie denn, wo er schlief? Ob im Stall, ob in einer hinteren Kammer? Und wenn sie wer anders sah? Ach, was lag ihr jetzt noch daran! Und er wird ja noch nicht schlafen. Und sie bog bei der Kirche nach rechts ab. Das Haus des Niklos Luckhaup bildete eine breite Ecke vom Gässel hinter der Kirche, es war überzwerch gebaut und hatte ein Tor wie ein städtisches Gebäu, sie kannte es wohl, jeder Schulgang, jeder Kirchgang von drüben führte hier vorbei. Und nebenan wohnte der Unterlehrer Theiß in einem kleinen Häuschen. Die Ecke war ihr wohlvertraut.

Sie atmete schwer, als sie vor dem Hause stand. Hinter einem Fenster brannte noch ein mattes Licht. War das Tor verschlossen? Und was tat sie in dem fremden Hof, wenn es offen war? Sie fragte es sich einen Augenblick und horchte. Ihr war, als höre sie leise Stimmen hinter dem Tor, Geflüster... Mit raschem Griff drückte sie auf die Klinke, und das Tor ging auf. Zwei dunkle Schatten fuhren auseinander, und es war still. Dann fragte eine männliche Stimme, Christofs Stimme: »Wer is doo?«

Aus einem vor Angst und Schrecken gedrosselten Halse lösten sich die leisen Worte:

»Die Susi...«

»Um Gottes wille, du?« sprach Christof und näherte sich ihr. »Bei Nacht und Nebel - du?«

Eine weibliche Stimme lachte höhnisch auf, und der zweite dunkle Schatten entfloh.

Susi stand wie erstarrt im Eingang des Tores, fröstelnd zog sie das Tuch, das sie um die Schultern geworfen hatte, an sich. Keinen Schritt tat sie weiter, hart und rauh fragte sie in das Dunkel: »Wie steiht's mit uns?... Ich geih glei wieder. Äwer Antwort muss ich häwe: Wie steiht's mit uns?« fragte sie noch einmal.

»Ich bring der die Antwort. Am Sunntag kumm ich 'naus«, sprach Christof zögernd, »und verzähl dir alles... Naa, so a Überfall! Bei Nacht und Nebel!« knurrte er voll Zorn.

Susi griff mit der Rechten tastend nach dem Torflügel, dann sank sie lautlos nieder.

»Was is denn? Was is denn?« fauchte Christof gedämpft, voll Angst. Und ertastete nach ihr und richtete ihre schwere Gestalt langsam, wortlos wieder auf. Als sie wieder stand, stieß sie ihn mit voller Kraft zurück, dass er taumelte. Und mit einem Gelächter, in dem der Wahnsinn gellte, lief sie fort. Aber es trieb sie nicht zur Hauptstraße, sie strebte in das Tal hinab und den Staudtsberg hinauf zur Herrnsgasse.

Jetzt, da alles, alles aus war, jetzt wollte sie heim, jetzt musste sich ihr das Vaterhaus öffnen. Niemand begegnete ihr, die Nachtwache war noch nicht unterwegs, nur da und dort schlug ein Hofhund an, der ihren Tritt hörte. Bei der Wegkreuzung im Tal schwankte einer mit einer Laterne vorüber, da hielt sie an und wartete, bis die Gestalt vorbei war.

Und sie überwand den Berg ohne Schwierigkeit, es war eine Kraft, ein Schwung in ihr, wie sie sie nie empfunden, ein Trotz, der die Welt herausforderte.

Aber als sie vor dem elterlichen Haus war und das Tor verschlossen fand, da knickte sie innerlich zusammen. Ganz leise pochte sie an das Fenster, hinter dessen Ecke sie das Bett der Mutter wusste. Und sie musste ein zweitesmal pochen und warten, ehe der eine Fensterflügel sich auftat und die Stimme der Mutter fragte: »Wer kloppt?«

»Die Susi«, flehte es von draußen.

»Jesses Maria und Josef!« rief die Mutter. »Ich kumm schon. Ich mach der uff.« Und der Fensterflügel schloss sich wieder. Aber das Haustor öffnete sich bald. Die Frau Eva fragte nicht, sie legte den Arm um den Leib ihres müden Kindes und geleitete es in das Haus. Schluchzend, herzbrechend weinend - ihr war, als wollte jetzt alles Leben aus ihr weichen - trat die Susi ein. Der Vater hatte sich auch erhoben und Licht gemacht. Mit großen Augen sah er dem nächtlichen Gast entgegen. Um seine Mundwinkel zuckte es. Er ergriff die heiße Hand der Susi und sagte kein Wort, aber in seinem Händedruck lag viel, er tat ihr wohl. Und als die Mutter ihm jetzt etwas zuflüsterte, machte er sich schleunigst fertig und eilte fort in die Nacht hinaus. Dass er selber diesen Weg werde machen müssen, das hätte ihm vor einer Stunde niemand sagen dürfen. Aber sollte man die Kinder wecken? Den Jakob oder den Franzl? Nein, man brauchte keine Mitwisser. Es gab kein Erwägen, kein Fragen und kein Säumen, es musste sein.

Frau Eva brachte die Susi in ihr weißes Mädchenbett und blieb bei ihr in der schönen Stube. Die Kathl, gänzlich verschlafen, ohne Ahnung von den Vorgängen im Hause, musste hinaus in das Bett der Mutter, und sie schlief dort ruhig weiter.

Am nächsten Morgen aber war ein Weltbürger mehr im Hause: Die Susi hatte einen Buben bekommen.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.