Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adam Müller-Guttenbrunn >

Meister Jakob und seine Kinder

Adam Müller-Guttenbrunn: Meister Jakob und seine Kinder - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorGuttenbrunn
titleMeister Jakob und seine Kinder
senderSiegfried.Smolny@rzmail.uni-erlangen.de
submitted20050523
created20051104
Schließen

Navigation:

XVII.

Schwerste Tage eines Menschenlebens, Tage unschuldigen Leidens! Sie waren mit solcher Wucht über die Susi hereingebrochen, dass sie wie betäubt hinter Kerkermauern saß und nicht wusste, was sie beginnen sollte. Der Anwalt, den Ferdinand Trauttmann ihr zu geben gedachte, durfte nicht zu ihr, die Mutter, die Geschwister wurden abgewiesen, wenn sie nach ihr fragten. Solange die Voruntersuchung nicht abgeschlossen sei, dürfe sie mit niemandem reden. Nur die Todesnachricht von daheim, die ließ man zu ihr. Denn von ihr hoffte man sich ihre Zerknirschung. Sie weinte furchtbar, aber verändert hatte die Todesbotschaft das Mädchen nicht. Worin aber bestand die Voruntersuchung, der man sie beständig unterzog? Die Susi sollte gestehen. Man drängte, man drohte, man strafte sie durch Fasttage und hartes Lager, denn man wollte ein Geständnis. Hundertmal erzählte sie, wie es gewesen, man glaubte ihr nicht. Aber sie wich mit keinem Hauch ab von ihrer Aussage. Und sie warf auch keinen Stein nach dem Bauern. Hatte er es getan? Es war keine Frage für sie. Aber er wird sich ja wohl selber eines Tages rühren und seine Schuld auf sich nehmen. Seine Angeberin wollte sie nicht sein. Dass man ihr nie etwas werde beweisen können, dessen war sie so sicher, dass ihre Zuversicht wuchs gegenüber all dem Unrecht, das sie erduldete, gegenüber all den Erniedrigungen, denen sie ausgesetzt war. Wochen und Monate gingen hin, und es drang kein weiteres Lebenszeichen von der Außenwelt zu ihr. Sie wusste wohl, dass ihr Vater gestorben, aber sie erfuhr nichts von ihrem Buben. War er ganz gesund geworden? Sie litt Qualen der Ungewissheit, sie war oft in Verzweiflung. Aber anstatt weicher, gefügiger, wurde sie trotziger, verschlossener. Und zuletzt überließ man sie sich selber und fragte sie nicht mehr. Sie mag warten, bis ihr Richter komme, der werde sie schon Mores lehren. Und sie zitterte diesem Unhold entgegen.

Endlich kam ein deutscher Untersuchungsrichter aus Temeschwar, der den Fall zu klären hatte. Dieser Deutsche hieß zwar Kropatschek, aber er packte die Sache sogleich anders an. Wo war der Bauer? So fragte er nach dem ersten Verhör der Susi. Her mit ihm! Vorführen!

Und er gestattete der Gefangenen auch eine Unterredung mit dem namhaft gemachten Anwalt. Sie erschien ihm verstockt und verbittert zu sein durch die unvernünftige Behandlung, die sie erfuhr.

»Hui, hui, das ist ein Bachhusar!« sagte der alte Gerichtsdiener Nedelkowitsch. »Mir scheint, der kennt die Gesetze.«

Es war ein solcher, stammte aus Prag und galt als ein tüchtiger, kenntnisreicher Richter. Und er hatte ein Dutzend ungeklärter Gerichtsfälle in das Geleise zu bringen, in das sie gehörten, sie waren entweder hier zu erledigen oder an das überlastete Kriminalgericht nach Temeschwar zu überweisen. Er sollte sieben, damit die Zentralstelle nicht erdrückt würde.

Mathes Wörle war nicht allzusehr verwundert, als die Gendarmen eines Tages bei ihm in den Hof traten, er hatte sie lange erwartet. Sein Leben in dem verödeten Hause war ihm zur Hölle geworden. Er wagte keinen Fuß in die vordere Stube zu setzen, sie war noch in demselben Stand, in dem sie die Bäuerin zurückgelassen hatte. War sie tot? In stillen Nächten hörte er beständig ihren Ruf. Er mochte sich die Decke über den Kopf ziehen, er mochte sich die Ohren verstopfen, es rief mit klagender Stimme: Mathes, Mathes, Mathes! Und er huschte abends immer rasch durch die Küche, denn er fürchtete ihr zu begegnen. Er ließ bei Eintritt der Dämmerung überall Licht anstecken und duldete keinen dunklen Raum. Selten ging er unter Menschen. Denn er meinte, jeder müsse ihm seine Tat von der Stirne lesen. An Gesprächen über die Susi nahm er nicht teil, sie waren ihm eine Folter. Bei der Erinnerung an sie schlug ein Hammer in seiner Brust: »Warum lässt du sie in Kerkersnot? Warum redest du nicht?« Ja, warum redete sie nicht selber? Warum klagte sie ihn nicht an? Wusste sie es etwa doch nicht? Traute sie es ihm nicht zu? Wenn er nur nicht so feig gewesen wäre, die Schande nicht so sehr gefürchtet hätte... Das Grauen vor dem Galgen schüttelte ihn in mancher Nacht. Aber konnte ein gerechter Richter ein solches Urteil über ihn sprechen? Oh, wenn er es einem Richter nur hätte erzählen und begreiflich machen können, was er gelitten in dieser fünfzehnjährigen Ehe mit einem kranken Weib, und wie er zuletzt aus reiner Verzweiflung, aus Notwehr, wie ein Ertrinkender, gehandelt hatte. Wenn er nur sicher gewesen wäre, die Worte zu finden, die alles das aufklärten - aber er verzweifelte an dieser Möglichkeit. »Du sollst nicht töten!« würde man ihm entgegnen, und an diesem Felsen zersplitterte alles, was er zu sagen hatte... Es rief nachts nur immer: »Mathes, Mathes, Mathes!« Aber was lag nicht darin! Er hörte aus dem Ton der Stimme alle Anklagen heraus, die man gegen ihn erheben konnte. Die Posaunen des Jüngsten Gerichtes konnten nicht furchtbarer klingen als dieser beständige Aufruf an sein Gewissen. Und es gab kein Entrinnen. Er wusste es. Denn eines Tages würde die Susi ja doch reden.

Die Gendarmen sahen ihn blass werden, aber sie fanden ihn gefasst und ruhig. Und diese Ruhe verlor er erst, als er vor dem Untersuchungsrichter stand. Und der ließ ihn sogleich festsetzen. Mathes Wörle war der Schuldige, das schien sicher, aber wie weit reichte die Mitschuld oder die Mitwissenschaft der Susi? Das war ganz dunkel. Sie gehörten beide ins Kriminal. Getrennt ließ er sie nach Temeschwar schaffen, nachdem die Vergiftung auch durch eine Gerichtskommission außer Zweifel gestellt worden war. Die Leiche der Toten erhob ihre Hand und legte eine grauenvolle Zeugenschaft ab wider den Täter. Darauf war Mathes nicht gefasst, dass man ihm nach Monaten noch sein Rattengift würde nachweisen können.

Was waren das nicht für Tage des Aufruhrs im Dorfe! - Diese Gerichtskommission an Ort und Stelle, die Ausgrabung der Toten, die Überführung Wörles ins Kriminal und die Versteigerung alles Lebendigen auf seinem Hofe. Vom Gericht waren Knecht und Magd entlassen und das Haus verschlossen und versiegelt worden. Von der Susi und ihrem kleinen Schicksal war wenig mehr die Rede, seit das Drama diesen Helden erhalten hatte. Ein Schwarzwaldhaus ging da unter, eine der ältesten Familien wurde aus dem Ehrenbuche der Gemeinde getilgt.

Nur im Gemüt der Frau Eva hatte sich nichts verschoben. Ihr blieb ihr eigenes Kind am wichtigsten und ihr eigenes Haus. Für diese ihre Welt hatte sie zu kämpfen. Und ihre zagen Hoffnungen fanden einen neuen Nährboden in all den Ereignissen; vielleicht war die Susi doch so schuldlos, wie sie sagte. Und der Freund in der Not, den sie so unvermutet in Ferdinand Trauttmann gefunden hatte, wurde ja auch immer zuversichtlicher. Gar nichts habe die Untersuchung gegen die Susi ergeben, sagt es ein Advokat. Er spannte ein, sooft Frau Eva nach Temeschwar fahren wollte, er machte so manchen Weg für sie, und er erwirkte durch seinen Fischkal beim Kerkermeister endlich auch eine Unterredung mit der Susi. Es kostete eine halbe Sau aber was lag daran, durfte die Großmutter doch auch den Buben mitbringen. Eine Stunde in der Wohnung des Gestrengen, dessen Frau sich gern von netten Arrestantinnen die häuslichen Arbeiten verrichten ließ, war ihnen gegönnt.

Der Jubelschrei Susi’s, die heilsamen Tränen, das herzliche Zärtlichsein - Frau Eva hat dieses Wiedersehen nie im Leben vergessen. So weich und gut und innig hatte sie ihr Mädel nie gesehen. Die Susi musste in dieser Leidenszeit besser geworden sein, als sie jemals war. Und der Christof, was der für erstaunte Augen machte, die Mutter in dieser schönen Wohnung wiederzusehen. Man hatte ihm daheim, auf der Gasse und in der Schule ganz andere Vorstellungen beigebracht; Schimpf und Spott verfolgten ihn, und er trug manche Bitternis in seinem kleinen Herzen. Fest klammerte er sich jetzt an die Mutter und ließ sie keinen Augenblick los. Sie werde bald wiederkommen, sagte sie der Großmutter, und den bösen Leuten die Mäuler stopfen. Ihr Advokat glaube fest daran. Nur noch zwei oder drei Monate daure es, dann sei die Verhandlung, habe er gesagt. Und sie besprachen alles Heimatliche; das Kleinste, was sich im Dorf begeben hatte, wollte sie wissen. Und auch, ob sie schon ein Kind habe... Als die Großmutter das mit Nein beantwortete, leuchteten die Augen der Susi auf; es war, als zucke ein Blitz aus ihnen hervor. Frau Eva erschrak beinahe über diesen Blick. Aber sie begriff... Seltsam, dass auch der Christof diesen Zusammenhang verstand. Alle Leute nannten ihn den kleinen Luckhaup, er wusste manches. Der Unterlehrer Theiß musste den Buben in der Schule verbieten, ihn so zu nennen; er heiße Weidmann, verkündete er der Klasse. Und jetzt sagte der Christof: »Sie soll mer nur nomal sage, dass mei Motter nimmer haamkimmt. Gelt, do lach ich se aus?« »Wer hot dir des g'saat?« fragte Susi. »Na, mei'm Vatter sei' Weib. Bei der Schul' war se geschtanne. Sie hot wolle, ich soll amol mit'r geihn. Se häwe gar kei' Kinner, ich soll bei ehna bleiwa, hotse gamaant.«

»Was?!« schrie Susi auf. »So a Frechheit! Und was hoscht denn du g'saat?«

»Ich bin haam g'schprunge«, lachte der Christof.

Mutter und Tochter tauschten einen Blick. Die Frau Eva wusste es schon, aber sie wollte es nicht selber erzählen. »Gebt mer uf de Bu acht!« sagte Susi bittend, als sie merkte, dass Christofs Aufmerksamkeit plötzlich von ihnen abgelenkt war. Ein schwarzer junger Mann stand vor ihnen, im Kleide eines Sträflings. Und an seinen Füßen klirrten Ketten. Er hatte etwas Stolzes an sich, sah aus wie ein Herr, aber ein Zug tiefen Leides durchfurchte seine Miene. In einer Sprache, die weder der Bub noch die Großmutter im Dorfe je gehört hatten, mahnte er Susi zum Aufbruch. Und er wandte sich ab, ging klirrend in das Nebenzimmer und deckte dort den Mittagstisch seines Kerkermeisters.

Susi hatte verstanden. Sie erhob sich, es musste geschieden sein. Ihr Bub aber hing an der Erscheinung mit den klirrenden Ketten, er wurde sich des Abschieds gar nicht bewusst; er wollte wissen, wer das wäre, und warum der Mann mit Eisen gespannt gehe wie ein Gaul auf der Weide.

Die Mutter bedeckte sein Gesicht mit Küssen und sagte, der Arme wäre ein Ungar, ein stolzer Baron, aber er habe Revolution gegen den Kaiser gemacht und büße das jetzt. Er sei hier gefangen.

Dieser Eindruck auf das Gemüt des Knaben war stärker als der Abschied von der Mutter. Erst als er mit der Großmutter vor dem Tore des kleinen Komitatshauses draußen stand, war er sich völlig dessen bewusst, dass er die Mutter wieder verloren habe. Aber sie komme ja bald wieder, hatte sie gesagt. Gern hätte er auch gefragt, was das wäre, Revolution. Denn er hatte auch auf den Gängen und unter der Einfahrt, wo Panduren die Wache hielten, den unheimlichen Ton der Ketten gehört. Mit rauchenden Essschalen in den Händen klirrten junge und alte Männer an ihnen vorüber... Die alle hatten Revolution gemacht? Das musste etwas sehr Böses sein.

Es war der Frau Eva auf der Heimfahrt wohler zumute als auf der Hinreise nach Temeschwar. Sie hatte ihr Kind wiedergesehen, die Susi in besserer Verfassung gefunden, als sie sich's denken konnte, und deren Hoffnung auf den Freispruch war eine so feste, dass auch die Mutter sie jetzt völlig teilte. Der Vetter Trauttmann tat sich nicht wenig zugute darauf, dass er das immer erwartete, dass er das vom ersten Augenblick an gesagt hätte. Und er gestand der Frau Eva jetzt, dass er sich schon als Zeuge melden wollte gegen den Wörle,denn der habe ihm einmal in einer schwachen Stunde mehr gesagt, als er heute wird gelten lassen wollen. Das Ganze wäre sicher nur sein Werk. Darum war er, Trauttmann, ja so sicher... Vierspännig wolle er die Susi heimholen, wenn alles vorüber sei. Gegen solchen Übermut lehnte sich das bescheidene Gemüt der Frau Eva auf, sie wolle lieber barfuss nach Maria Radna pilgern und Gott in Demut danken, wenn es so weit komme.

Die guten Nachrichten verbreiteten sich bald im Dorfe, und es kam jetzt manch ein Besuch zur Frau Meisterin, den sie schon lange nicht mehr gesehen hatte. Die Basen und Vettern waren rar geworden in dieser Leidenszeit. Auch der Vetter Hannes, der Nachbar, der sich nur bei Vaters Tod gezeigt und dann wieder zurückgezogen hatte, schämte sich ein bisschen, dass der Trauttmann alles das tat, was sein Haus als nächstes der Witwe des Bruders hätte leisten sollen. Warum sie denn nicht bei ihm manchmal einen Wagen verlangte, fragte er, warum denn immer beim Schwäher. Er lebe doch auch noch. Frau Eva begrüßte die Annäherung des Bauern mit Befriedigung. Sie werde schon auch ihn noch einspannen, sagte sie. Und sie fragte ihn um Rat in der Militärsache. Der älteste Sohn war frei, weil er die Werkstatt übernehmen sollte. Wie war es aber nun, wenn der gar nicht heimkam aus der Fremd' und der zweite Sohn das Haus übernehmen sollte?

Muss sie den Jakob wirklich loskaufen? Ja, bei ihm wäre es so gewesen, meinte der Schwager, aber es frage sich doch, ob sie nicht billiger käme, es anzuzeigen, damit der Johann dienen müsse und nicht der Jakob. So ein Tausch müsste doch wohl möglich sein. Der Johann? Der sich verheiratet habe, der einer Wittib die Werkstatt weiterführe? Gott behüte, dass sie den der Militärbehörde angebe. Da opfere sie lieber ihr letztes Bargeld für eine Stellvertretung des Jakob. Das wäre eine kostspielige Sach', meinte der Schwager. Das Geld wäre dem Johann jedenfalls abzuziehen vom Erbe. Aber er wolle sich gern umsehen für sie um einen Stellvertreter und ihn billig aushandeln. Man müsse sich tummeln, denn es werde von einem Krieg mit Italien geredet. Es gehe wieder einmal los ... Dass die Sache der Susi so gut stünde, das wäre doch recht erfreulich für die ganze Freundschaft, meinte er beim Abschied.

Ja, ja, sie wusste schon, warum er so brüderlich tat, er hätte es ihr nicht so deutlich zu sagen brauchen.


Jakob begann sich zu fühlen, seitdem die Werkstatt auf seinen Schultern ruhte. Im Anfang erschien es ihm wohl, als wäre mit des Vaters Tod die Nabe aus dem Rad gebrochen, aber es war lange seit jenem denkwürdigen Abend. Er hatte sich des Vaters Lehre damals sehr zu Herzen genommen, sie nie vergessen. Und sie wurde seine Erzieherin. Das sollte ihm niemand mehr nachsagen, dass er ein Werk aus seinen Händen gab, das nicht ohne Tadel war. Dass er solange auf seine Ablösung durch den Johann wartete und die Wanderschaft immer wieder aufschob, das ließ ihn freilich allzu reif werden für solch ein Unternehmen; er verwuchs zu sehr mit dem Dorfe und seinem geselligen Leben. Es konnte jetzt keine Rede mehr sein für ihn von der Fremde. Hätte die Mutter sich einen Gesellen in die Werkstatt stellen sollen? Das wird nicht angehen. Wo nähme der sogleich das Vertrauen der Bauern her? Dieses war nicht so leicht zu haben, es musste verdient und erarbeitet werden. Der Jakob glaubte es zu besitzen. Aber wird man ihm nicht zeitlebens vorwerfen, dass er nicht in der Fremd' gewesen? Das war zu bedenken. Sein Mädchen freilich, die Gertrud, die wollte nichts wissen von solchen Bedenken, die wollte bald geheiratet sein, sonst nahm sie einen andern.

Der Jakob war ein fester, gesunder Bursche von gedrungener Gestalt, und sein blonder Schnauzbart, den er stehen lassen wollte, sprosste schon ganz prächtig. So einen Bart, den die anderen erst aus der Fremd' mitbrachten, konnte man sich ja auch zu Hause wachsen lassen. Das gibt dann gleich mehr Ansehen. Und man vergisst wohl mit der Zeit, dass es bloß ein heimisches Gewächs war. Die Mutter besprach die Wanderschaftsfrage eines Tages sehr ernsthaft mit ihm. Sie war um des Vaters willen, der so viel davon hielt, bereit, sich einen Gesellen zu suchen, aber länger als ein Jahr dürfe er ihr nicht fortbleiben. Das band sie ihm auf die Seele. Er schämte sich, gleich nein zu sagen, er wollte sich's überlegen. Vielleicht ließ es sich in der Nähe abtun, etwa in Arad, wo der Christian vom Vetter Niklos die Baumeisterei so fein gelernt habe. Und als seine Militärsache trotz des Krieges in Ordnung und er losgekauft war, packte er eines Abends sein Felleisen und sagte der Mutter, er wolle sich einmal umsehen. Und fuhr auf dem Getreidewagen des Vetter Hannes am nächsten Morgen mit nach Arad. Dort blieb er einige Zeit; die Werkstatt überließ er einstweilen dem Franzl, den die Mutter zu Ostern hatte freisprechen lassen. Wenn er nichts als dringliche Reparaturarbeiten vornahm, mochte das ja eine Zeit hingehen. Und es ging, denn nach sechs Wochen war der Jakob wieder daheim. Es sei nicht der Mühe wert, sagte er. Was er da drüben sah, das könne er alles viel besser. Er bleibe daheim. Die Mutter war damit zufrieden. Sie wollte ihn nicht drängen, es sei nur um des Vaters willen gewesen, denn der hätte ihn, wenn er lebte, sicher fortgeschickt und ich einen Gesellen genommen.

Als der Jakob sich am nächsten Sonntag für die Kirche angekleidet hatte und stolzen Schrittes ins Zimmer der Mutter trat, schrie diese auf vor Schreck. Und die Kathl nebenan, die auch schon fertig war und mit ihm gehen sollte, hub ein Gelächter an, als ob sie bersten wollte. Der Jakob stand in einem braunroten reichverschnürten ungarischen Anzug vor ihnen, in engen Hosen und einem Attila mit langen Schößen, Sporen an den Csisinen, den Fokosch in der Hand. Und auf dem Kopf saß ihm ein Kalpak. Wie aus einem der verbotenen Revolutionsbilder herausgeschnitten, so wie man den Kossuth Lajos und seine Freunde abgebildet hatte, so sah er aus. Das wäre jetzt die Mode in Ungarn, sagte der Jakob gekränkt. Was verstünde man denn hier davon.

Ob er sich denn um des Himmels willen so auf die Gasse traue, fragte die Mutter. Warum den nicht? So gingen in Arad alle Gesellen. Man solle nur merken, dass er fort war, erwiderte Jakob.

Die Kathl aber, die man jetzt im Dorf die Schöne nannte, wie einst die Susi, weigerte sich mit ihm zur Kirche zu gehn, sie lief schleunigst voraus und sah sich nicht mehr um. Da musste der Franzl herbei, der Junggeselle. Ihm fiel die Ehre zu, den Vetter Jakob zu begleiten, denn wenn er, der Jakob, ehrlich sein wollte, ganz allein mochte er beim erstenmal nicht als Madjarember durch das Dorf gehen. Es war vielleicht doch ein bisschen zu auffällig.

»Jokob, Jokob«, sagte die Mutter betrübt, »die G'schicht mit deiner Fremd' is noch ärger wie die mit dem Strudl vom Schuster-Sepp.«

Und so wie die Kathl, so lachte das ganze Dorf über die ungarische Gala des Jakob. Die kleinen Buben liefen ihm auf dem Heimweg nach und fragten ihn spöttisch, ob es denn jetzt Fasching wäre, dass er wie ein »Verklaadter« ginge. Sie folgten ihm mit Hallo, bis er daheim war. Und der Christof spottete auch mit. Da bekam er die erste Ohrfeige in seinem Leben. Der Jakob bereute sie später, aber der Bub hatte sie schon.

Und der Jakob trotzte und trug das Gewand an drei Sonntagen. Dann aber verschwand es still und kam nie mehr zum Vorschein. Denn er war auch in Lippa, auf dem Wochenmarkt, damit gewesen, und da grüßten ihn sogleich ein paar Beamte und redeten ihn ungarisch an. Als er ihnen voll Verlegenheit schwäbisch antwortete und gestand, dass er sie nicht verstehe, lachten auch sie so laut wie das heimatliche Dorf und nannten ihn einen bolond sváb. Was er auch nicht verstand. Aber es klang so, als ob man ihn einen Hans Narr oder ein verrücktes Schwäblein geheißen hätte. Stehen blieben die Leute auch auf dem Markt in Lippa und schauten ihm nach. Was konnte er dafür, das diesseits der Marosch die Mode eine so ganz andere war als jenseits? Er war eben drüben in der Fremd' gewesen, und die da lachten, waren es nicht. Nicht einmal die Lippaer Herren waren über ihre Brücke hinüber nach Ungarn gekommen, wie es schien.

Diese Erfahrungen würden dem Jakob nicht viel bedeutet haben; sein Kopf war so dick als irgendeiner im Dorfe, aber dass auch die Gertrud ihn verspottete und ihm den Laufpass geben wollte, wenn er sich noch einmal unterstünde, so unter die Leute zu gehen, das gab den Ausschlag. Sie hatte es ihm durch die Fraala sagen lassen. Und er verkleidete sich nicht mehr in einen Madjarember. Das fehlte gerade noch, dass er sein Mädel böse machte. Er hatte lange genug um die Gertrud Wichner aus Altrosenthal geworben, auch schon Schläge für sie bekommen, das Mädel ließ er nicht. Sie war eine Bauerntochter und die Nachbarin der Fraala. Nur weil der Jakob immer so tat, als ginge er die Alte besuchen, entging er dem ärgsten Zusammenstoß mit den Altrosenthaler Buben. Über den Zaun hin ließ sich manches reden mit der lieben Nachbarin, und Zäune haben oft auch Lücken. Als das Einverständnis der beiden entdeckt ward, war es schon zu spät es zu zerstören. Wie eine Klette hing die Gertrud an dem Weidmann, wenn sie tanzten, und sie schwankte auch nicht in ihrer Gunst, als die Susi in so argen Verruf kam. Was ging sie die Susi an? Den Buben aber, die den Jakob endlich doch einmal auf dem nächtlichen Heimweg von der Fraala erwischten und durchwalkten, war es nicht nur um die Gertrud zu tun, sie wollten auch verhindern, dass wiederum ein gutes Stück der Endelyschen Gärten nach Neurosenthal hinüberfiel. Und ein solches bekam sie mit, das wusste jeder. Um solche dörfliche Herzenssachen aber mussten die Buben sich kümmern, zu teuer waren diese Gründe jedem echten bäuerlichen Gemüt. Was wusste dieser Wagnergeselle davon? Der konnte seinen Knoblauch auch woanders bauen. Aber es war zu spät. Zu deutlich machte es die Gertrud, die bei der letzten Kirweih drei Bauernsöhnen den Strauß abgeschlagen hatte. Von der Fraala ihrem Fenster sah sie dem Tanz zu und kam erst am Abend ins Große Wirtshaus, als auch die Gesellen mittanzen durften. Die sei nicht mehr zu kurieren, sagten sich zuletzt die Buben.

Und der Jakob sollte sie jetzt für ein paar ungarische Hosen, die er sich einbildete, erzürnen? Nicht einmal um die verschollene ungarische Krone! Er verkaufte die Gala heimlich dem ersten Ludlmann, der seine Schalmeiin der Herrensgasse ertönen ließ. Und am Abend stieg er über den Zaun der Fraala um den Lohn für seinen Gehorsam.

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.