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Meister Jakob und seine Kinder

Adam Müller-Guttenbrunn: Meister Jakob und seine Kinder - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorGuttenbrunn
titleMeister Jakob und seine Kinder
senderSiegfried.Smolny@rzmail.uni-erlangen.de
submitted20050523
created20051104
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XII.

Schon wurden da und dort die Sicheln gedengelt für den Schnitt, der bald anheben sollte, als das Pfarrhaus und die Gemeindeverwaltung durch eine Nachricht überrascht wurden, die merkliche Bewegung hervorrief. Der junge Kaiser bereise Ungarn, hieß es, sehe überall nach dem Rechten, empfange Behörden und Leute aus dem Volke, wünsche alle Anliegen und Beschwerden zu hören und suche durch Leutseligkeit und Milde, die bösen Zeiten vergessen zu machen, die nun überwunden wären. Und er komme nächstens auch ins Banat, nach Temeschwar, wo er drei Tage bleibe. Alle Gemeinden seien eingeladen, eine Vertretung dahin zu senden zur Begrüßung des Kaisers. Wer um eine Audienz zu bitten wünsche, der möge das schleunigst durch sein Pfarr- und Gemeindeamt bei der Statthalterei in Temeschwar anzeigen und genau begründen, weil man doch nur ganz wichtige Sachen vor den Kaiser bringen und ihn nicht zu sehr ermüden dürfe.

Ausgetrommelt wurde das große Ereignis durch den Gemeindediener.

Also Wahl einer Abordnung! Nur der Herr Dechant und der Richter waren eigentlich selbstverständlich, die anderen mussten aus Hunderten gewählt werden. Und das setzte keine geringe Aufregung, denn man kam sich ungemein geehrt und wichtig vor. Jeder fühlte schon das kaiserliche Auge auf sich ruhen, und jeder zweite im Dorf hatte einen nachbarlichen Grundstreit oder einen alten Prozess, der sich nicht zu seinen Gunsten neigen wollte, oder sonst ein Anliegen, das er vor den Kaiser bringen wollte. Wenn er gleich in der »Depatation« wäre, ginge das wohl am sichersten, dachte der und jener.

Sollte man alle Hofbesitzer zusammenrufen und ihre Wünsche anhören? Der Richter war dagegen. Und man trat im engen Kreis zusammen, um über die Personenfrage einig zu werden. Der Herr Dechant, der Dorfrichter Johann Geiß, der Kleinrichter, die Geschworenen und der Dorfnotär als Schriftführer. Und da wurden gar viele Namen genannt. Auch nach audienzwürdigen Anliegen hielt man Ausschau, aber es fanden sich außer der alten Zehentfrage gegenüber dem Grafen keine. Der Richter protestierte gegen jede andere Privatsache, und der Dorfrat stimmte ihm zu. Die Gemeinde habe sich für keine andere Angelegenheit einzusetzen, und da der Ferdinand Trauttmann sie vertrete, sei er in die Abordnung zu wählen. Man schlug vor, auch einige frühere Richter zu wählen, den Kaspar Luckhaup, den Klotz, den Sehl, den Lannert und andere. Und es seien auch die beiden Zunftvorsteher, der Jakob Weidmann und der Michel Bausenwein aufzunehmen, sowie der Oberlehrer.

»Weidmann? Weidmann?« fragte ein Geschworener und schüttelte den Kopf.

»Was haben Sie gegen den Meister Jakob einzuwenden?« fragte der Pfarrer. »Gegen ihn selber gar nix, äwer er is jetzt doch durch sei' Tochter... Hin...«

»Dann beantrage ich, dass auch Kaspar Luckhaup nicht gewählt wird«, erwiderte der Pfarrer.

»Wie?« »Was?« »Warum?« »Unser Altrichter?«

So schwirrten dem Pfarrer die Fragen entgegen. Die Männer schienen den Einwand gegen Meister Jakob zu billigen, den gegen Kaspar Luckhaup aber ungeheuerlich zu finden.

»Ich denke«, sagte der Pfarrer »Vater ist Vater. Gereicht der Fall seiner Tochter dem Weidmann zur Unehre, so macht der Fall seines Sohnes auch dem Luckhaup keine Ehre.«

»Äwer des is doch ganz was annerscht, Hochwürde!« rief der Geschworene. »Und hot der alte Luckhaup denn mit...«

»Es ist für mich ganz dasselbe. Mit Geld wird keine Ehre repariert«, sprach Jakob Schuh fest und bestimmt.

Da griff der Richter ein »Mer kumme ab von unserer Sach', wenn mer uns uf Familiengeschichte einlosse.«

»Sehr richtig!« warf der Pfarrer ein. Der Richter aber fuhr fort.

»Der Weidmann hot sei Vorstandsstell' bei der Zunft niederlege wolle, und die Meister häwe des nit ang'numme. Er is alsdann far uns der Zunftvorsteher, und alles anner' geiht uns nix an.«

»Sehr richtig!« warf der Pfarrer noch einmal ein, und alles schwieg.

Man ging zu weiteren Namen über, aber erst in drei Stunden hatte man eine zwölfgliedrige Abordnung beisammen. So viel wurder nämlich vom Dechant vorgeschlagen.

Warum nur zwölf? Es könnten doch mehr sein, warf man ein. »Über genug!« meinte der Richter. »Wenn drei Wage von jedem Dorf anfahre, is die Feschtung Temeschwar zu klein far so viel Gäscht.«

»Zwölf ist die Apostelzahl, meine Herren«, ergänzte der Pfarrer. »bleiben wir bei ihr.«

Und sie fügten sich. Man hatte acht Bauern zwei Handwerker und zwei Vertreter der Intelligenz erwählt: den Pfarrer und den Oberlehrer. Das Bild der Gemeinde konnte nicht besser zum Ausdruck kommen. Die Nörgelei gegen diese Beschlüsse setzte im ganzen Dorf ein, als sie bekannt wurden, aber für eine Revolution war die Zeit zu kurz. Und wer aus freien Stücken nach Temeschwar fahren und sich um eine Audienz bewerben mochte, der konnte das ja tun.

»Warum die Sach' austrummeln, wenn se doch in der G'haam b'schlosse wird?« So polterte mancher Vollbauer am nächsten Sonntag im Großen Wirtshaus, aber es war zu spät, »die Apostel«, wie man die Abordnung jetzt verspottete, befanden sich schon in Temeschwar.

Sie hatten gerade noch Platz bekommen bei den »Sieben Kurfürsten«, denn die Festung war überfüllt. Was nach ihnen kam, wurde von der Torwache alles in die Vorstädte verwiesen, die jetzt neu auflebten nach der Revolution, unter der sie sehr gelitten hatten. Der inneren Stadt sah man die lange Belagerung und Beschießung durch die Armee des General Bem noch stark an, jedes zweite Haus trug eine Beule zur Schau, manches hatte noch Brandspuren im Gesicht. Jetzt aber flatterten die bunten Fahnen darüber hin. Der Bürgermeister Johann Nepomuk Preyer, ein Schwabe aus Lugosch, dem man nachsagte, dass er ein Dichter wäre, legte Wert darauf, dass alle noch ungeheilten Wunden romantisch verpflastert würden für die drei Kaisertage. Und die Statthalterei und das Generalat unterstützten ihn in allem, denn er hatte sich durch Jahre als kluger Verwalter bewährt, die Stürme der Belagerung und der Revolution überdauert und saß fest in der Gunst der Bürgerschaft. Das konnten nicht alle Autoritäten von sich behaupten auf diesem heißen Boden, auf dem das politische Klima immer die tollsten Sprünge liebte. Wo der lange, wallende Bart des Bürgermeisters erschien, lüfteten sich die Hüte, und man gehorchte ihm. Er hatte das Zivilistische der Feier in den Händen und ordnete auch die deutschen Bauern in das Bild derselben ein. Sie sollten ihren Platz erhalten, von dem sie alles sehen konnten.

Der Herr Dechant Jakob Schuh war im bischöflichen Seminar abgestiegen und nicht im Gasthof. Dort aber traf er mit seinem Freunde Johann Nowak aus Bogarosch und vielen Amtsbrüdern zusammen, die mit ihren ländlichen Abordnungen gekommen waren. Und da erfuhr er erst, was aus Anlass dieser Kaiserreise alles unternommen werden sollte. Die beiden Freunde gingen am Abend durch die festlich erleuchtete Stadt zum Paradeplatz. Ein paar Wochen während des Märzrummels hieß er Freiheitsplatz, aber jetzt hatte er seinen militärisch-festlichen Namen wieder. Im Generalatspalais, wo der Gouverneur des Landes seinen Sitz hatte, wohnte der Kaiser mit seinem Vetter Erzherzog Albrecht, und die ganze Bevölkerung und die Fremden waren unterwegs, ihn zu sehen. Der große Zapfenstreich mit Musik, der durch die abendlichen Gassen brauste, hatte alles, was Beine unter sich fühlte, aufgewühlt. Und der Zapfenstreich gipfelte jetzt in einem Ständchen vor dem Palais. Inmitten des großen Platzes erhob sich ein Zelt für die Feier des morgigen Tages. Es wurde von vier Posten bewacht im Gedränge, denn das Zelt war kostbar und enthielt das Gipsmodell eines reichen gotischen Denkmals, zu dem der Kaiser morgen den Grundstein legen sollte. Der Pfarrer Nowak hatte schon Gelegenheit gehabt, es zu sehen, und er erzählte dem Freunde davon.

»Ein Denkmal? Auf was?« fragte Schuh, als sie jetzt vor dem geschlossenen Kaiserzelt standen. »Auf das, was wir alle mit Schrecken erlebt haben«, erwiderte der Pfarrer geheimnisvoll. »Auf die Rev-?«

»Jawohl. Es klärt und symbolisiert, was hier im Lande geschah und zuletzt an der Festung Temeschwar gescheitert ist. Dass sich diese Stadt hundertundsieben Tage belagern ließ, dass vor ihren Toren die Entscheidungsschlacht geschlagen werden konnte gegen die Insurgenten, das will der Kaiser zum ewigen Gedächtnis hier festgehalten wissen. Und so erhält Temeschwar sein Denkmal.«

»Und darum sind wir berufen worden?« fragte Schuh, den ein Gefühl der Enttäuschung beschlich.

»Warum nicht? Eine so eindrucksvolle dynastische Feier, kirchlich und militärisch beschirmt, wirkt sehr erziehlich.«

»Verzeih', lieber Freund«, erwiderte Schuh bedächtig, »ich habe doch gelesen, die Reise sei der Versöhnung der Gemüter gewidmet. Findest du eine solche Verewigung des Geschehenes versöhnlich?«

»Wenn du das Kunstwerk des Wiener Meisters einmal siehst, wirst du deine Bedenken fallen lassen. Es ist so etwas Erhabenes darin, so etwas Weihevolles, fast Religiöses.«

»Mag sein, mag sein... Und welche Rolle fällt uns und unseren Landvertretern dabei zu?« fragte Schuh.

»Welche Rolle? Zum erstenmal ruft man bei solchem Anlass das Volk, ruft man den Bauer auf, sich zu zeigen. Vielleicht kommen wir auch zum Wort. Und die Audienzen zählst du nicht? Es werden in zwei Tagen Hunderte empfangen werden, sagte mir Graf O'Donnel, der Herr Flügeladjutant. Und die Bischöfe sind heute schon empfangen worden.« Sie hatten in dem Gedränge die Runde um den Platz gemacht, den Kaiser auf dem Altan gesehen, als er sich während der Musik zeigte, und sie strebten jetzt durch die Wiener Gasse nach dem Domplatz. Der Dechant wollte seine elf Apostel noch verständigen, wo sie sich am Morgen einzufinden hatten.

Diese aber waren ebenfalls unterwegs, und sie fanden nur einige vor. Der Oberlehrer Heckmann, der Meister Jakob, sein Genosse Bausenwein und der Ferdinand Trauttmann, die eine Gruppe für sich bildeten, waren schon zurück. Der Richter, der sich mit dem Luckhaup und den anderen Bauern zusammengetan, war noch auswärts. Die beiden Pfarrer setzten sich mit den Anwesenden zu einem Glase Bier zusammen und besprachen die Ereignisse. Diese horchten hoch auf, als sie erfuhren, was morgen früh auf dem Paradeplatz geschehen sollte. Das interessierte sie. Sie hatten wohl schon da und dort ein altes Denkmal gesehen, dessen Sinn aber selten verstanden. Und wie so etwas wird, warum und zu welchem Zweck, das hatte noch keiner von ihnen erlebt. Nur mit halbem Ohr horchte der Trauttmann zu, er sollte ja mit dem Pfarrer und dem Richter zur Audienz, er sollte vor dem Kaiser reden. Das prickelte ihm schon im Blut. Wohl hatte ihm der Herr Dechant das Majestätsgesuch, das er überreichen wollte, fein säuberlich geschrieben. Aber- aber... Und er hatte auch seinen Beweis bei sich, das Gebetbuch seines Urgroßvaters.

Der Pfarrer Nowak ließ sich das Buch zeigen. »Himmelschlüssel« war sein Titel, und als Schmuck stand dem Text voran das Bild eines Kreuzes. »Cruzifixus FerdinandiII.« las er darunter. Und er sah seinen Amtsbruder an. »Jawohl«, sagte dieser, »es ist das berühmte Familienkreuz der Dynastie.« Trauttmann störte das geistliche Gespräch, das sich da anzuspinnen drohte, mit den lebhaften Worten: »Hinna, hinna steiht was!« Und der Pfarrer von Bogarosch las rückwärts die Widmung: »Im Namen der Kaiserin Maria Theresia an den Landmann Ferdinand Trauttmann übergeben durch den Hofkommissär Freiherrn von Breßler. Wien, Anno 1745.« Und da fand sich auch die Eintragung von des Besitzers Hand über die Zehentsache. Es war ein Dokument. »Das Gebetbuch hebt gut auf, Herr Trauttmann«, sagte Nowak. »Das ist ein Familienschatz. Und ich meine, euere Sache steht gut, da sie so einen Beweis hinter sich hat.« Man redete dann von andern Dingen. Die neue Ernte lag allen im Sinn.

Aber wenn zwei Pfarrer und ein Oberlehrer mit einer kleinen Auslese der dörflichen Intelligenz beisammen sitzen - die fehlenden rückten auch allmählich an -,da wird nicht bloß über das Wetter und die Ernteaussichten geredet, da wird politisiert, da werden die öffentlichen Zustände besprochen. Und man konnte das jetzt ganz laut tun in dem kaiserlichen Temeschwar, man brauchte die Stimme nicht zu dämpfen. Was da morgen festlich begangen wurde, das war ja so eine Art Triumph über die Revolution, es kündigte eine neue Zeit an. Wie denn das nur gewesen sei mit der Revolution? Warum sei sie denn eigentlich ausgebrochen? So fragte der und jener in der Runde. »Es war eine allgemeine Weltunzufriedenheit«, sagte Pfarrer Schuh, »überall spürte man eine Auflehnung gegen die von Gott eingesetzte Ordnung. In Frankreich, in Italien, in Deutschland, in Preußen, in Österreich und auch in Ungarn erwachte der Geist des Umsturzes. Es war ja manches hinter der Zeit zurückgeblieben, der Druck auf die Völker war zu groß geworden, und sie machten sich eben Luft. Angefangen hat Paris. Und dann kamen die anderen der Reihe nach. Die Welt steht eben nicht still, sie entwickelt sich beständig, und es ist Sache der Regierungen, das zu sehen und dem guten Neuen Platz zu schaffen, das Böse aber zu unterdrücken. Und so entsteht eben Streit und Zank und Aufruhr. Die Welt ist voller Irrtümer. Ob eine Sache gut oder schlecht war, die sich durchgesetzt hat, das erkennen in der Regel erst die nächsten Geschlechter.«

»So ist's in allem«, sagte Johann Geiß, der Richter. »Nit amol unser' Felder losse sich alles g'falle. Uf dem eine will kein Getreide wachse, uf dem annern werd aus de Kartoffel nix, uf dem Buckeltrage die Kwetscha nix, uf dem annern gedeiht kein Wein. M'r muss probiere, muss tausche; Bääm, die der Großvater g'setzt hot, muss der Enkel wieder aushacke und was anners versuche. Und so wie mit der Landwirtschaft, so is es, maan ich, mit der ganze Welt.«

Der Dechant Schuh schaute dem Sprechen dem alle zustimmten, vergnügt in die Augen. Er war zufrieden mit ihm. Und auch der Pfarrer von Bagarosch zollte dem Richter Beifall »Da haben Sie sehr recht, Herr Richter. Genau so ist es in der Politik. Nur kommen manchmal Geschlechter, die vergessen, was früher missraten ist, und sie versuchen immer wieder dasselbe. Da geht es dann drunter und drüber in der Staatswirtschaft Aber man hat in der Landwirtschaft entdeckt, dass man dem widerspenstigen Boden durch Düngung Kräfte zuführen kann, die er nicht besitzt. So dass man wieder versuchen könne, was früher nicht möglich war. Vielleicht geht das auch im Staat und bei den Völkern.«

»Der Doktor Bach in Wien scheint es zu glauben«, sagte der Oberlehrer, »denn er versucht jetzt wieder in Ungarn, was schon unter Kaiser Josef missglückt war.«

»Sehr wahr«, erwiderte Nowak. »Aber man darf wohl sagen, dass die Ungarn das herausgefordert haben. Es ist kaum fünfzig Jahre her, dass sie ihre Sprache entdeckt haben, und plötzlich wollen sie alle Völker in Ungarn zwingen, sie als Staatssprache anzuerkennen. Da haben die Kroaten mit der Auflehnung begonnen und die anderen folgten. Aus dieser Wurzel entstand bei uns die Revolution, alles andere ist nur hinzu gewachsen. Und der Kaiser hat wieder Ordnung gemacht. Es ist ihm schwer genug geworden, denn auch in Wien und Prag gab es Krawalle, und mit Sardinien lag er im Krieg.«

»Darum hat er wohl die Russe zu Hilf' garufa«, sagte einer der Bauern.

»Nur darum«, erwiderte Pfarrer Nowak. »Sonst hätte er sie nicht gebraucht.«

»Und glaubst du, lieber Freund«, sagte der Dechant, »um bei dem landwirtschaftlichen Bilde zu bleiben, dass jetzt der Boden in Ungarn genügend gedüngt ist, um das wieder versuchen zu können, was Kaiser Josef wollte?«

Ehe Nowak darauf antworten konnte, fiel Ferdinand Trauttmann mit der Frage ein: »Vergebt, Herr Dechant, was war denn des, was der Josef gewollt hot?«

»Es war der sogenannte Zentralismus, das heißt ein einheitliches von Wien aus regiertes großes Reich mit der deutschen Staatssprache als Bindeglied zwischen den vielen Provinzen«, sprach Dechant Schuh.

»Ahan! Ahan!« machten mehrere Bauern und sahen sich gegenseitig verständnisvoll an.

»Aber die Ungarn waren dagegen«, fuhr jetzt Nowak fort, »sie wollten damals das Lateinische noch nicht aufgeben. Fünfzig Jahre später setzten sie das Latein ab und verlangten, dass wir alle ihre Sprache lernen, dass die Ämter alle Akten madjarisch schrieben und überall madjarisch verhandelten. So hätten sie das Land Ungarn vom Reich getrennt und die Einheit gestört. Alles andere, was man euch von der Revolution erzählt, sind Nebensachen, das ist die Hauptsache, denn der sprachlichen Trennung wäre auch die politische gefolgt, schon haben die Kroaten und Serben, die Slowaken und Walachen dasselbe verlangt vom Kaiser. Darum, liebe Freunde, ist man jetzt zum Zentralismus zurückgekehrt, zum starken einheitlichen Reich mit deutscher Amtssprache.«

»So ist das!« »So ist das!« riefen die Männer. »Aber wird es so bleiben?« fragte der Oberlehrer. »Das weiß nur Gott«, antwortete Pfarrer Nowak. Dechant Schuh sah nach der Uhr und mahnte den Amtsbruder zum Aufbruch.

Dieser erhob sich. »Ja, es ist Zeit für uns.« Und zum Richter Geiß gewendet sagte er: »Der Boden muss gedüngt werden, wenn der kaiserliche Wein jetzt gedeihen soll, wo er früher missraten ist. Ordnung, Gerechtigkeit, gleiche Besteuerung brauchen wir. Und höhere deutsche Schulen, Eisenbahnen im Lande, Dampfschiffe auf der Donau, Verkehr, gute Märkte. Das alles muss man uns endlich schaffen. Dann wird einem die Wahl nicht schwer werden.«

»Ja, des hört sich gut an«, schmunzelte Johann Geiß. »Mit solchem Dünger wachse Kwetscha uf jedem Kukuruzstengel.«

Man ging heiter auseinander nach dem ernsten Gespräch und gelobte sich, frühmorgens pünktlich in der Seminarkirche zu erscheinen, wo beide Herren vor der Feier auf dem Paradeplatz die Messe lesen wollten.


Es war ein großer Tag für die Stadt. Und sie wurde früh durch Musik geweckt. Durch alle Festungstore kam das Volk von auswärts herbei, aber die Garnison, in Paradeausrüstung, bildete schon einen Kreis um den Festplatz und schloss ihn ab. Durch die Seitengassen strömten die Zivilgäste herbei, und die Vertreter der Landgemeinden kamen vom Siebenbürgertor her. Der schlanke junge Kaiser, gefolgt von der Generalität, begrüßt vom katholischen und griechischen Bischof und ihrem geistlichen Stabe, erschien vor dem Zelt. Das Publikum jubelte ihm entgegen, die Fahnen neigten sich. Und der Gouverneur des Banats hielt im Namen der Armee eine patriotische Ansprache an den Kaiser. Der Kaiser aber verlas als Antwort die Urkunde, die in den Grundstein des Denkmals gelegt werden sollte. Sie enthielt Dank und Anerkennung für die erhabenen Taten der Armee. Das Denkmal, das der Kaiser stiftete, sollte für, ewige Zeiten eine sichtbare Erinnerung bilden an die heldenmütige hundertundsiebentägige Verteidigung der Festung Temeschwar. Und er unterzeichnete die Urkunde. Die beiden Bischöfe aber segneten den Grundstein, in den sie gelegt wurde, unter dem Geläute aller Glocken, und der Kaiser stieg in die ausgehobene Grube hinab. Der Baukünstler des Denkmals reichte ihm eine silberne Kelle und einen silbernen Hammer, und der Kaiser fügte mit eigener Hand den Stein in die Grundmauer. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Zum Ruhme meiner Armee, zur Ehre dieser getreuen Stadt«, sprach er und führte drei Schläge auf den Stein. Zwei Musikkapellen spielten das »Gott erhalte«, das die Tausenden entblößten Hauptes mitsangen, und von den Festungswällen brüllten die Kanonen in den gewaltigen Chor.

Unsere Bauern, die vor dem Stadthause standen, waren mächtig ergriffen von dem militärischen und kirchlichen Prunk dieser Feier. Sie sahen, wie jetzt der Kaiser mit vielen Herren redete, wie andere das Modell des Denkmals umstanden und besichtigten. Und plötzlich entstand eine schiebende Vorwärtsbewegung. Die Bürgerschaft und die Zünfte von Temeschwar, die mit ihren Fahnen erschienen waren, zogen am Zelt vorüber, und der Kaiser grüßte sie militärisch. Ihnen folgten die zahlreichen Gruppen vom Lande. Die Schwaben mit ihren Geistlichen, die Walachen und Serben mit ihren Popen, und alle schwenkten ihre Hüte dem Kaiser zu. Die Serben riefen »Zivio«, die Walachen »Sa traiasca«, die Schwaben riefen »Vivat!« Und der Kaiser hob immer wieder dankend die Rechte und nickte dem Volke zu.

»Wie schad', dass unser Weiber nit do sein«, sagte Trauttmann zum Meister Jakob. Und auch der wiederholte: »Schade!« Und sie sprachen damit aus, was viele empfunden haben mögen. Es war ein Fest der Männer, Duft und Blüte fehlten ihm. Der Zug der Bürger bewegte sich gegen das Josefstädter Tor und bog dann nach links ab gegen die innere Stadt. Die Vertreter der Landgemeinden aber wurden wieder zurückgeführt auf den Paradeplatz, der sich langsam leerte. Die Regimenter zogen mit Musik in die Kasernen, das Publikum verlief sich. Die Landpfarrer aber zeigten ihren Abordnungen jetzt das große Modell des Denkmals, das einigen von ihnen der Wiener Meister schon am Vortag erklärt hatte. Auch Johann Nowak hatte es schon gesehen, und er ergriff das Wort vor dem Modell, als er mehrere Gruppen deutscher Bauern um sich versammelt sah. »Liebe Landsleute, horcht einmal: Das ganze Werk, das ihr da seht und das in einem Jahr fertig dastehen soll«, sagte er, »ist ein gothisches. Das heißt, es ist in jenem Stil des Mittelalters gedacht, in dem die Stefanskirche in Wien, der Dom in Köln und Straßburg erbaut sind. Es wird zwanzig Meter hoch werden, das sind acht bis neun Klafter. Sehr sinnreich hat der Künstler die Grundanlage als eine Art Festungswall gedacht, bedroht von wilden Untieren. Das sind die Sinnbilder der Revolution und des blinden Aufruhrs. Aus diesem Untergrund steigen vier lichte schlanke Säulen auf, die einen Baldachin tragen. Über diesem strebt in reicher Verzierung die Bedachung hoch empor und endigt in einer Kreuzblume. Wie ihr seht, liebe Landsleute, ist der Raum zwischen den tragenden vier Säulen wie eine Kapelle. Und in ihr steht, den Schlüssel der Festung in den Händen, eine edle Jungfrau als Sinnbild der Treue für Kaiser und Vaterland. Außerdem umstehen noch vier kriegerische Tugenden, die Treue, denn sie allein genügt nicht zum Werke. Hier seht ihr die stolze Ehre, hier den demütigen Gehorsam, hier die ewig gespannte Wachsamkeit und hier die Aufopferung des einen für alle. Von diesen Tugenden waren die Verteidiger der Stadt erfüllt, und so haben sie dem Kaiser die Festung in Not und Tod gegen die Geister des Aufruhrs, die ihr unten seht, gehalten, bis die Befreiung möglich war. Und sie waren alle bereit zu sterben, sowie die Verteidiger der Stadt Ofen gestorben sind. Lest noch die Inschrift: Franz Josef l. den heldenmütigen Verteidigern der Festung Temeschwar im Jahre 1849’. Hier habt ihr ein lebendiges Beispiel, wie die Nachwelt ihre Helden ehrt. Das Denkmal in Ofen und dieses in Temeschwar, sie werden noch euren Kindern und Kindeskindern von den Taten tapferer Soldaten erzählen. Aber man ehrt nicht nur kriegerische Tugenden auf ähnliche Weise. Dort, an der Stirnseite des Stadthauses, seht ihr noch heute die Gedenktafel für den Grafen Mercy, der eure Vorfahren hier ansiedelte, dort, vor der Piaristenkirche, seht ihr die Statue des heiligen Johann von Nepomuk, eures Landespatrons. Auch seine vielen Statuen in der Welt sind nicht einem kirchlichen Heiligen, sie sind den Tugenden gesetzt worden, die ihn auszeichneten und Nachahmung verdienen. Nichts, was auf Erden Edles und Gutes geleistet wird, geht verloren. Der eine setzt sich bloß ein Denkmal im Herzen seiner Kinder oder seiner Gemeinde, dem anderen setzt der Kaiser, die Kirche oder das Vaterland eines, so wie hier. Denkmäler sind verkörperte Beispiele zur Nachahmung für uns alle.«

Der Dechant Schuh und andere Amtsbrüder drückten dem Pfarrer Nowak, als er geendet hatte, die Hand. Auch die Ortsrichter dankten ihm. Das habe jetzt alles Hand und Fuß, meinten sie, man könne etwas von dem Gehörten und Gesehenen zum Nachdenken mit nach Hause tragen.

Um die Mittagsstunde stand der Dechant Jakob Schuh mit dem Dorfrichter und Ferdinand Trauttmann im Vorsaal des Audienzzimmers. In demselben Saal, in dem vor hundertundfünfzig Jahren der türkische Pascha und nach ihm Graf Mercy seine Gäste empfing... Sie kamen als Abordnung früher an die Reihe als die vielen Einzelpersonen, die da warteten. Trauttmann hielt sein Gesuch und sein Gebetbuch in Händen und wiederholte immer wieder die schönen Worte, die er sich ausgedacht hatte als Ansprache an den Kaiser. Aber als er dann vor dem eleganten jungen Herrscher stand und in dessen blaue Augen blickte, hatte er sie alle vergessen, und es gab nur ein Gestammel. Der Dechant hatte ja schon gesprochen und den Dorfrichter und ihn selbst dem Kaiser vorgestellt. Es blieb ihm nur die Sache. Und das verwirrte ihn. Aber der Kaiser kam ihm zu Hilfe. Er wisse schon, um was es sich handle, sagte er, er werde die Zehentsache genau untersuchen lassen und ihm zu seinem Recht verhelfen. Das Gesuch übernahm er, in das Gebetbuch machte er freundlich lächelnd einen Blick. »Das ist schön, dass solche Andenken so treu aufbewahrt werden«, sagte er. Und nun sprach der Richter. Die ganze Gemeinde sei in derselben Lage wie der Trauttmann, nur habe sie gar keinen Beweis, ob der Zehent für ewige Zeiten oder nur für hundert Jahre vereinbart war. Aber man meine, es werde wohl so sein, wie des Trauttmanns Sache. Jedes Haus habe ein paar Weingärten mit harter Zehentabgabe. Und erbitte um die Gnade, auch das untersuchen zu lassen. Der Kaiser schrieb sich rasch ein Wort auf Trauttmanns Gesuch auf und erwiderte: »Sind Sie ganz beruhigt, Herr Richter, und sagen sie es allen: Man werde Ordnung machen.« Zum Dechanten gewendet fuhr er fort: »Meine Minister bereiten ein Gesetz vor über die allgemeine Grundentlastung. Der Zehent wird durch eine kleine Entschädigung an die früheren Grundherren abgelöst und gänzlich aufgehoben werden. Das können Sie von der Kanzel verkünden. Hochwürden.« Er neigte den Kopf, und sie waren entlassen.

Lange zehrten die zwölf Apostel der Gemeinde - der Spitzname blieb ihnen zeitlebens - von den Erlebnissen ihrer Fahrt zum Kaiser. Sie hatten am zweiten Abend noch den Fackelzug und die Stadtbeleuchtung, am dritten Tage die Abreise des Kaisers erlebt und waren dann, Luckhaup und Weidmann immer voneinander getrennt, durch ihre in der Junisonne goldig schimmernden Fluren heimgefahren. Das lachende, schwellende Land, in dem neben dem herrlichsten Brot auch die Melone reifte und die Mandel, in dem weite Tabakfelder sich dehnten und alle Kulturen des Südens gepflegt werden konnten, es kam ihnen noch einmal so schön vor auf dieser feiertäglicher Heimfahrt. Nur der Pfarrer und Meister Jakob sahen auch die Schatten dieses sinnigen Bildes. Es war ein Bauernland; das Nützliche, das rasche Früchte trug, überwog. Jeder wollte den Lohn seiner Arbeit schleunigst reifen sehen, Bäume zu pflanzen und ruhig zu warten auf ihren Ertrag, Kulturen für künftige Geschlechter zu schaffen, wie die Vorfahren, das fiel keinem mehr ein. Meister Jakob erzählte dem Pfarrer von seiner einstigen Wanderzeit und ihrem Gewinn, von seinen Erfahrungen mit Edelobst, mit Blumen und Pflanzen, die er heimgekehrt, aus Südtirol und Italien bezogen. Es sei erstaunlich, was alles hier fortkomme, wenn man es pflege. Und seltsam wäre, was es hier einmal alles gab. Noch in seiner Kindheit wären die Endelyschen Gärten rund um die Landmühle ein Paradies gewesen, in dem es Feigen- und Orangenbäume gab und Edelobst hundertfältiger Art. Seitdem die Gärten in zehn Hände gekommen, in Bauernhände, habe die letzte Stunde für all das geschlagen. Kein edler alter Obstbaum bekäme mehr einen Nachfolger, was ein oder zwei Jahre nichts trage, werde ausgeholzt, und so verwandelte sich auch diese Zierde der Gemeinde allmählich in Getreide- und Kartoffelfelder. Die türkischen Zwetschgen wären noch das einzige, was an den alten Schwaben Endely, den sogenannten Türkenmüller, erinnere, der die Gärten einst angelegt haben soll. Einen Spiegel brauchten unsere Leut' aus alten Zeiten, sagte der Meister, und jährlich einmal sollten sie sich in demselben sehen. Dann würde manches besser sein.

Das war ein Gespräch für den Dechant. Auch er hatte solche Neigungen wie Jakob Weidmann sie da offenbarte, aber er kannte den Meister gar nicht von dieser Seite. Und die Geschichte der Endelyschen Gärten war ihm auch nicht geläufig. Sein eigener Garten war klein, aber er lud den Meister ein, ihn einmal zu besichtigen, es gäbe da manches, das ihn freuen würde. Und er habe schon lange einen geheimen Plan, er wolle mit Hilfe der Gemeinde einen Schulgarten schaffen, eine Baumschule für die reifere Dorfjugend.

»Das wär' ein Segen!« sagte Meister Jakob. Damit könne man den Sinn für manches wecken und er tue gern mit. Und die beiden Männer, die sich schon zehn Jahre kannten, sprachen zum erstenmal von dem, was ihnen gemeinsam war. Der Spiegelgedanke gefiel dem Dechant ausnehmend. Ja, wer solch einen Schwabenspiegel schaffen könnte! Sein Freund, der Pfarrer von Bogarosch, wollte ja auch nichts anderes.

Man fuhr durch deutsche und walachische Dörfer, und jedes war von weitem kenntlich. Die romantische Schlamperei und Verlumpheit der einen stach mächtig ab gegen die Sauberkeit und Stattlichkeit der anderen. Die weißgetünchten, spiegelblanken Häuser der Schwabendörfer mit ihren grünen Fensterläden und roten Ziegeldächern, sie hatten wahre Sonntagsgesichter an diesem Tage, in jedem könnte der Kaiser absteigen, meinte der Trauttmann im zweiten Wagen. Die elenden walachischen Dörfer aber, diese Hütten aus Weidengeflecht und gestampftem Lehm, mit windschiefen Rauchfängen und zerlumpten Strohdächern, mit den Misthaufen vor der Tür, mit Hof ohne Zaun, ohne Tor- sie gaben noch heute ein Bild vom Urzustand des Landes. So war es überall, ehe deutsche Pflüge hier ackerten. In den breiten Gassen dieser Dörfer wuchs das Gras, die Männer hüteten die Herden, und die Weiber schminkten sich. Nur was man zur Notdurft des Lebens brauchte, wurde ausgesät und geerntet. Missjahre waren Hungerjahre. »Wann werde die amol ufwache?« fragte der Richter, als sie wieder durch ein solches Dorf fuhren. Aber sie kamen zuletzt durch eines, das schon ein wenig wach zu sein schien, es war ihr Nachbardorf. Zwischen all dem Gelumpe stand immer wieder ein Haus, das deutsch und blond war, denn so mancher zweite und dritte Schwabensohn, der keinen Grund mehr erbte, erwarb hier einen und siedelte sich inmitten der Walachen an. Aber zur Kirchweihzeit erwachte immer das Heimweh in ihnen, und sie kamen hinüber nach Rosenthal. Ganz vergessen waren sie nicht. Ihr Nachwuchs freilich schien in Gefahr zu sein. Der Oberlehrer besprach es, dass die deutschen Kinder hier ganz ohne Schule wären und er ihnen wöchentlich zweimal seinen Unterlehrer, den jungen Theiß, schicke, der nähme auch die Post immer mit.

Heidi, die Post! Da kam ihnen ja aus dem Tal so ein gelbes Wägelchen entgegen und blies sie mit Trara, Trara als Aufforderung an, auszuweichen. Und neben dem Postillion saß ein grimmiger Gendarm mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett. Als ob, wie vorzeiten, hinter jedem Busch ein Räuber lauere, sah das aus. Und die stolzen Bauernwagen mit den eingehängten Herrensitzen und den prallen Pferden wichen dem Wägelchen gehorsam aus. Aber wie auf Verabredung begann in allen drei Wagen jetzt das Postgespräch. Rosenthal und andere deutsche Gemeinden waren keine Poststationen, weil sie nicht an der Komitatsstraße lagen. Von weit und breit mussten die Briefe nach diesem walachischen Nest getragen werden, ankommende Briefe aber bekam man nur, wenn man hier danach fragte. Sie lagen oft wochenlang da. Seit hundert Jahren war das so, und niemand konnte es ändern. Wäre das nicht auch etwas für den Kaiser gewesen? Sie riefen es sich von Wagen zu Wagen zu. Schade, dass man es vergessen hatte.

Als sie jetzt langsam die letzte Anhöhe hinauffuhren, von der sie den freundlichen heimischen Kirchturm erblickten, hörten sie den Postillon hinter sich eine schöne alte Weise anstimmen. Auch er fuhr seine Anhöhe im Schritt hinauf und blies und blies... War das nicht das »Ännchen von Tharau«? Der Oberlehrer sah sich um und erblickte zur Linken des musikalischen Postillons den Friedhof des Dorfes. Himmel, woran erinnerte ihn das? War das nicht ein verkörpertes Gedicht von Nikolaus Lenau, des großen Banater Dichters? Er sann in sich hinein und summte ein paar Strophen des Lenau'schen »Postillon«:

Mitten in dem Maienglück

Lag ein Kirchhof innen,

Der den raschen Wanderblick

Hielt zu ernstem Sinnen.

Hingelehnt an Bergesrand

War die bleiche Mauer,

Und das Kreuzbild Gottes stand

Hoch in stummer Trauer.

Schwager fuhr auf seiner Bahn

Stiller jetzt und trüber,

Und die Rosse hielt er an,

Sah zum Kreuz hinüber.

Halten muss hier Ross und Rad,

Mags euch nicht gefährden:

Drüben liegt mein Kamerad

In der kühlen Erden!

Ein gar herzlieber Gesell!

Herr, ’s ist ewig schade!

Keiner blies das Horn so hell

Wie mein Kamerade!

Hier ich immer halten muss,

Dem dort unterm Rasen

Zum getreuen Brudergruß

Sein Leiblied zu blasen!

Und er blies ihm das »Ännchen von Tharau«...

Noch einmal sah Oberlehrer Heckmann sich um, aber er sagte kein Wort, denn niemand hätte ihn verstanden. Wohl klang Lenaus Name ab und zu durch das Land, aber es öffneten sich ihm nur wenige auserwählte Herzen. In einem Schwabendorf geboren war der Dichter. Aber stand sein Name in irgendeinem Grundbuch? Besaß er Haus und Hof? Führte er je einen Pflug? Keiner von diesen Bauern hätte ihm seine Tochter gegeben. Und jetzt war er tot, in einem Wiener Irrenhause gestorben. Nein, nein, man konnte mit diesen Gesunden nicht von ihm reden.

Mit lautem Zuruf wurde der heimatliche Kirchturm begrüßt. Und als die drei Wagen die Hauptstraße hinabfuhren, fehlte nicht viel und die Jugend hätte den zwölf Aposteln die Pferde ausgespannt. Vor allen Haustoren standen die Leute und winkten ihnen zu, denn sie hatten schon erfahren, was der Kaiser ihnen versprochen.

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