Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adam Müller-Guttenbrunn >

Meister Jakob und seine Kinder

Adam Müller-Guttenbrunn: Meister Jakob und seine Kinder - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorGuttenbrunn
titleMeister Jakob und seine Kinder
senderSiegfried.Smolny@rzmail.uni-erlangen.de
submitted20050523
created20051104
Schließen

Navigation:

X.

Indessen begab sich auch in Neurosenthal manches.

Der Philipp und die Anmerich sollten ihr eigenes Haus haben, das war fest beschlossen bei Ferdinand Trauttmann und seiner Frau, der Bas' Bärbl. Denn aus dem alten Familienhaus wollten sie selbst noch nicht hinaus, und gegenüber im Hof war Platz genug für einen Neubau. Der Maurermeister Niklos Weidmann, jetzt ein Vetter, war auch bald zur Hand mit einem Plan. Was brauchte das junge Paar? Zwei Stuben eine Küche, einen Keller, einen Boden, eine Press. Mehr nicht. Denn das alte Haus hatte alles, was man sich an Wirtschaftsräumen nur wünschen konnte, und hinten überquerte eine Scheuer den Hof, die für Heu und Stroh und sonstige Futtermittel ausreichte. Dieses hundertjährige alte Haus! Es war die Wiege der Familie. In ihm wurzelte alles, und auch der Ahne, der es gebaut, hieß Ferdinand. Mit Stroh war es gedeckt, und auf seinem ehrwürdigen grünschimmernden Dache wuchs die Hauswurz, die vor Blitzschlag sicherte. Auch Störche hatten sich da ihr Nest gebaut, waren aber in letzter Zeit ausgeblieben. Warum? Vielleicht, weil es rings herum schon lauter schreiend rote Ziegeldächer gab, auf denen sich keine Genossen mehr ansiedeln konnten. Und die Störche leben gesellig. Auf dem Giebel, an der Stirnseite des Hauses, kreuzten sich zwei Rossköpfe, deren altheidnischen Sinn kaum noch wer verstand. Um keinen Preis hätte der Vater sein Strohdach aufgegeben, obwohl der Philipp es schon oft verlangte. »Geih uf die Böde unner die Ziegeldächer«, sagte der Vater. »Im Summer is nit auszuhalte vor Hitz, do fangt's G'selchte zu rinne an, des d' in der Ernt' brauchscht, und im Winter verfriert dir alles ufm Bode. Mei Bode is im Sommer kühl und im Winter warm. Die Alte ware nit dumm.« Den Einwand der Feuersgefahr wies er mit den Worten ab: »In ei'm ordentliche Haus kummt kein Feuer nit aus.«

Aber er ließ sich doch bereden, das neue Haus mit Ziegeln zu decken. Warum? »Weil es gar keine Dachdecker mehr git, die mit Stroh umgehe könne. Die Kunscht fängt an auszusterbe.« Und dieser Meinung war auch Niklos Weidmann, der Maurermeister. Die Dachdecker, die aus Stroh und Schilfrohr Dächer schufen, die fünfzig Jahre hielten, wuchsen nur mehr im Walachischen.

Von Hof zu Hof war Philipp gegangen bei den Nachbarn und Freunden, sie um ihre Mithilfe zu bitten bei seinem Hausbau. Und jeder stellte Wagen und Pferde bei. Die schweren Steinklötze für die Grundmauern wurden aus dem Gebirge jenseits der Marosch zugeführt, die gebrannten Ziegel aus den eigenen Ziegeleien der Gemeinde, die im Überland hinter den Endelyschen Gärten und der Landmühle lagen, der Kalk und die Dachziegeln aus Lippa, der Sand aus der Marosch, das Holz aus fernen Wäldern. In dem »Hüoh! Hüoh!«, das seit Tagen vor dem Hause ertönte, lag ein lustiger Klang, war es doch ein Nestbau für ein junges Paar, an dem sie alle teilhaben wollten. Und die Glücklichen machten die Gastgeber für die gefälligen Nachbarn und Freunde. Der Philipp erwartete jeden Wagen mit einem kühlen Trunk, die Anmerich stand mit geröteten Wangen beim Herde und kam nur ab und zu heraus, um den Vettern ein Vergelt's Gott zu sagen und zu einem Imbiss zu laden. Die Bas' Bärbl buck Brot und Kuchen um die Wette mit ihr und schnitt auf, was sie nur konnte. Der Vater Trauttmann aber war ständig unterwegs vom Steinbruch zur Ziegelei und von da zu den Kalköfen, er war überall dort nötig, wo es etwas zu liefern und zu holen gab, denn es musste darauf gesehen werden, dass kein Vetter, der eingespannt hatte, umsonst fuhr, oder ungebührlich aufgehalten wurde. Und er hatte auch immer einen vollen Tornister bei sich und so manchen Tschuttera, mit gutem Wein oder Raki gefüllt. Keine Kehle durfte notleidend werden bei solchem Freundschaftsdienst. Und weit hinten im Garten jenseits der Scheuer, arbeiteten die Zimmerleute. Sie zersägten und behieben das Holz schon für den Dachstuhl, obwohl das Fundament des Hauses noch gar nicht gelegt war. Und diese Arbeit überwachte der Meister des Baues, der Vetter Niklos. Er war mit seinem Zollstab beständig unterwegs von einem zum anderen, hielt gescheite Reden über Zeit und Ewigkeit mit bissigen Randbemerkungen und überwachte die Einhaltung seiner Maße mit Strenge. Dazwischen stopfte er immer wieder die Pfeife, tat immer wieder einen erquicklichen Trunk und kam auch vor in die Küche, um zu sehen, was die Anmerich da Gutes vorbereitete.

Und als alles, was man für den Hausbau brauchte, beisammen war, wurde die eigentliche »Klatta« angesagt. Unter diesem Sammelruf kamen die Helfer ohne Zahl. »Bei Trauttmanns is Klatta!« hieß es. Sobald diese Losung ausgegeben war, schickte jeder Nachbar, jeder Freund eine Person oder auch mehr zur Arbeit. Der Keller war schon ausgehoben, die Erde fortgeführt, und die Maurer begannen unter ihrem Oberhaupt mit der Arbeit. Der Vetter Niklos stopfte die Pfeife etwas oft und schlug sich mit einem Stahl die Funken aus dem Feuerstein, er hielt auch immer wieder eine Rede über die Revolution und deren Verlauf. Aber die Grundmauern stiegen herauf und erhoben sich alsbald über die Erde. Und es herrschte ein fröhliches Treiben unter allen Teilnehmern, die um Gotteslohn arbeiteten. Jede Mahlzeit war ein Fest. Oft musste für die Jugend im Hofe gedeckt werden, so viele Leute waren da. Und in der Küche stand jetzt auch die Frau Eva neben ihrer Anmerich, und die Kathl und ihre Freundinnen spülten in der Preß, wo ein großer Kessel geheizt war, Geschirr und putzten Esszeug. Zu dem Geklapper aber sangen sie Lieder und G'stanzeln.

Die Kathl führte einen Zwiegesang auf mit der Gunkels Rosi. Sie begann:

Die Kersche sein zeitich,

Die Weichsel sein braun,

Hot jede ein' Buben,

Muss auch um ein' schau'n.

Und die Rosi antwortete:

Ein schön's, ein schön's Hauserl,

Ein schön's, ein schön's Bett,

Ein schön's, ein schön's Mauserl,

Sonst heirat ich net.

Darauf die Kathl:

Mein Schatz, der is schön,

Aber reich is er nit;

Was schiert mich der Reichtum,

Sei Geld küss' ich nit.

Und die Rosi:

Schön bin ich nit, reich bin ich wohl,

Geld hab ich auch a ganz Beuterl voll;

Gehn mer nur drei Bas’zen ab,

Dass ich grad zwölf Kreuzer hab.

So neckten sie sich und kicherten und lachten bei der Arbeit. Und ein Bub, der an der Press vorüberging, sang ihnen zu:

Was nutzt a schön's Schätzel,

Das nit lang a so bleibt?

Mer stellt's 'naus in Krautgarte,

Dass's die Vögel vertreibt.

Die Kathl warf ihm ein nasses Spültuch nach, und da sie ihn im Nacken traf, lachten ihn alle von Herzen aus. Diese und jene Base oder Nachbarin, die nicht beim Bau selber mithalf, brachte manchen Topf Milch oder Rahm unter der Schürze, einen Striezel Butter, ein Körbchen Eier oder einen Schinken, denn was bei so einer Klatta gegessen wurde, das griff tief in die Vorräte des Hauses, da musste man etwas beisteuern. Der alte Trauttmann aber schmunzelte und berechnete, dass bei einer großen Hochzeit noch viel mehr gebraucht worden wäre, und die Gäste hätten nichts dafür gearbeitet. Er war der Anmerich noch heute dankbar, dass sie ihm diese doppelte Belastung erspart hatte. Und ihre Tüchtigkeit in der Versorgung der Klatta bestaunte er. Da fehlte einmal nichts, da ging alles wie am Schnürchen. Das werde einmal eine rechte Bäuerin werden, sagte er jedem.

Auch der Jakob stand zwei Tage auf den Gerüsten und mauerte unter Aufsicht des Vetters Niklos, aber der Philipp schickte ihn wieder heim, denn er wusste, dass der Schwiegervater an seinem neuen Wagen arbeite. Da war der Jakob nötiger. Nur den Franzl behielt man da. Das Ziegelschupfen war dem Bauernbuben lieber als die ganze Wagnerei... Der Meister Jakob zeigte sich nicht, erst beim Fest der Dachgleiche kam er abends zu Tisch, um das junge Paar zu beglückwünschen. Von der Susi redete niemand, kein Mensch fragte nach ihr und ihrem Buben, es war, als wäre sie gestorben. Doch die Anmerich schickte ihr manchen guten Bissen von ihrer Klatta.

Rasch stieg das neue Haus empor, getragen von vielen Händen. In zwei Wochen war es eingedeckt und konnte dem Sommer zur Austrocknung überantwortet werden. Der Schreiner hielt seinen Einzug, und der Glaserer kittete schon Scheiben ein, der Klempner hämmerte und lötete in der neuen Press an den Kupferkesseln, und die Zimmerleute richteten schon die Bodenstiege auf.

Jeder freiwillige Helfer erhielt beim Abschied seinen Händedruck, sein »Vergelt's Gott!« Und er durfte mit der Gegenleistung rechnen, sobald er sie nötig hatte. Das war noch gute Kolonistenart, überkommen aus fernen Tagen und mit Treue festgehalten. Für Geld war solche Hilfe nicht feil, bezahlte Bauarbeiter gab es nicht. Und wer hatte die Zeit, sich einem Hausbau länger zu widmen? Keiner. Man geizte sich nur zwischen den Feldarbeiten im Frühling und Herbst die knapp bemessenen Tage ab für solch ein Werk. Und wenn hundert willige Hände zugriffen, da war es bald getan.

Als die Klatta geschlossen und dem jungen Bauherrn die Schlüssel übergeben waren, hielt der Vetter Michel, der auch gekommen war eine scherzhafte Rede. Er habe nur gucken wollen, ob das neue Haus, das sein Bruder da wieder mit Dampf aufgeführt habe, nicht bald ein paar Reifen brauche. Aber das werde sich wohl erst zeigen, wenn es einmal neunzig Tage geregnet habe, wie zur Zeit des seligen Noah. Der Vetter Ferdinand möge ihn nur ja nit früher ganz ausbezahlen. Gar so leicht solle man ihm sein Gewerbe bei so guter Verpflegung doch nicht machen. Der baue mehr Häuser im Jahr, als er Fässer zustande bringe. Und was diesen neuen Vetter Trauttmann anbelange, den alten meine er, das sei auch so ein schlauer. Gibt die Losung aus, es sei Klatta für das junge Paar. Natürlich läuft da alles gerührt herbei, gießt Milch und Honig in den Malter, damit es besser hält, und baut einem so verliebten Paar das Nest. Hätt' der Herr Vetter ehrlich gesagt: da wird ein Vorbehalthaus gebaut für ein Elternpaar, das sich nächstens ins Ausgeding setzt, keine Katz wär' gekommen. Da hättet schön bitten müssen. Aber er, der Redner, habe das gerochen, darum sei er auch nie selber gekommen und habe immer seinen Lehrbuben geschickt. Der sei aber immer mit einem so fetten Maul heimgekommen, dass er heute doch endlich nachsehen musste, ob da die Küchl auf den Bäumen wachsen. Nun, gebaut sei gebaut, er werde nicht den Spaßverderber spielen, wohne das junge Paar oder das alte in dem Häusl. Sie leben beide hoch, das junge vermehre sich wie der Sand am Meer, das alte tue dasselbe. Gescheiter aber wäre es, der Vetter Ferdinand gewönne endlich seinen Prozess gegen den Grafen, dessen Knechte immer so tief aus unsern Fässern in die seinen schöpfen, dass die Binderei darüber zugrunde gehen müsse im Dorfe. Man müsse allerwege zuerst an sich selber denken, nicht nur an die Grafen und die Bauherren. Aber wenn ihm jetzt schnell jemand einschenke, lasse er sie, die Bauherren, noch einmal leben.

Unter großem Gelächter wurde sein Glas, das er beim ersten Hoch geleert hatte, wieder gefüllt. Seine Rede aber wurde vielbewundert. Er war ein gar geübter Metzelsupppenredner, er verstand seine Sache.

Draußen aber ließ sich jetzt eine Ziehharmonika vernehmen. Und der Philipp nahm seine Anmerich sogleich um den fraulichen Leib. Man eilte hinüber und tanzte in der kaum gedielten schönen Stube das neue Haus ein mit der jungen Frau. Sie musste jedem der Männer einen Tanz gewähren, aber sie schwangen sie alle so vorsichtig, so behutsam, als wäre sie aus Glas.

Der Frau Eva rannen die Tränen über die Backen, als sie das sah und ihres anderen Kindes gedachte... Der Vater war auch heute wieder daheim geblieben, und er wusste wohl, warum. Mit den Lustbarkeiten schien er abgeschlossen zu haben.


Bei der Bas' Mali im Schwarzwald setzte es keinen kleinen Schrecken, als die Susi nicht mehr heimgekehrt war an jenem Märzabend. Aber man erfuhr gar bald, was geschehen war und beruhigte sich. Mit süßer Miene kam schon am nächsten Tage die Mutter der Trudl, sie kam mit derselben Botschaft, ausgeschmückt und romantisch verzerrt erzählte sie, was sich beim Christof Luckhaup nächtlich begab. Und sie bot der Godl ihre Dienste an. Niemand rief sie, niemand bat’ sie zu bleiben, aber sie bemächtigte sich doch in der für den Augenblick gestörten Wirtschaft all der kleinen Obliegenheiten, denen sich die Bäuerin nicht gewachsen fühlte, und als der Tag um war, schickte sie niemand fort. Und so blieb die Mu-mu-mu. Nur so wurde sie seit jenem Scherz der Susi genannt im Hause. Sie blieb. Mochten daheim die Mädel wirtschaften mit dem Vater, so gut sie konnten, sie hatte da hier wichtigere Interessen zu vertreten. Wenn die gute Bas' Mali, die Godl, eines Tages kinderlos starb, da schaute schon etwas heraus. Bei der musste man sich beizeiten einschmeicheln, da musste man sich unentbehrlich machen. Und vor allem musste man der Susi den Rückweg abschneiden. Was braucht die Godl eine fremde Person zu sich zu nehmen? Und eine solche? Das war doch gegen den guten Ruf ihres Hauses. Das muss ein Plätzchen werden für ihre Trudl, und da schaute einmal eine gute Ausstattung heraus. Sie wird das schon durchsetzen. Was war denn selbstverständlicher, als dass die kranke Godl ihr Patenkind zu sich nahm und zu ihrer Gehilfin und Pflegerin erzog? Und sie ließ die Trudl auch jeden zweiten Tag kommen und mithelfen und mitessen. Wo man früher gar nichts merkte von der Arbeit, die von der Susi still geleistet wurde, da klapperte jetzt die Mühle den ganzen Tag mit vielem Geräusch.

Aber die Kluge, die Schlaue, hatte, um es nur gleich zu sagen, gar kein Glück bei der Base. Es war etwas an ihr, das die Kranke nicht ausstehen konnte, und sie wusste nicht zu sagen, was das wäre. Schon ihren Geruch vertrug sie nicht. Dass die sich jetzt in das Bett der Susi legte und mit ihr in einer Stube schlief, das trieb ihr jeden Abend die Galle ins Blut. Und dass sie stets nach der Abwesenden hackte und ihren Schnabel scheinheilig an ihr wetzte, das konnte die Base bald nicht mehr anhören... Die Hoffart ist ein Laster, und hoffärtiger war sie schon in der Schule, die Susi. Weil man sie immer die Schöne hieß, bildete sie sich einen ganzen Haufen ein. Aber Hochmut komme vor dem Falle. Wer zu hoch hinaus wolle, der stolpere leicht... Hahaha, die Schönheit! Jetzt könne sie sich einen Mantel daraus machen für ihre Schande und ihren kleinen Bankert. Und Geld habe sie genommen. Geld! »Wann die no' mol in die Kerch kummt und sich valleicht zu uns Weiber stellt, werd se a'gschpuckt«, eiferte sie eines Tages.

Da schrie die Kranke endlich auf. Der heiße Topf lief über. Sie hatte sie so oft ermahnt, jetzt aber war es aus. »Hört auf, Bas' Leni, oder geiht fart aus mei'm Haus. Des vertrag ich nit. Und ich loss uf die Susi nix kumme«, sagte sie voll Zorn.

»Waaas?« begehrte die Klatschsüchtige auf. »So red't Ihr mit mer?« Aber sie erschrak über ihren eigenen Ton und heulte: »O Gott, o Gott, o Gott, so was muss m'r erlebe! So an Dank für alle Müh und Plag und Sorg! Naa, naa, des hätt ich nit gaglaabt. Wege so aner, wege so aner...«

»Schweigt still!« schrie die Bäuerin noch einmal. »Ihr bringt mich um mit euerm bösen Maul.« Und sie sank in ihren Lehnstuhl zurück und schloss die Augen. Als die Base sah, dass sie den Ton gründlich verfehlt hatte, wollte sie sich durch einen großen Wortschwall wieder heraushauen, aber die Kranke hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu. Sie war am Ende ihrer Kraft. Sie lag den ganzen Tag dahin und redete nichts. Aber als der Bauer in der Dämmerung vom Feld heimkam und die Bas' Leni melken ging, da ließ sie ihn rufen. Und sie bat ihn mit erhobenen Händen, er möge ihr die Susi wieder bringen. Mitsamt ihrem Kind wolle sie sie aufnehmen, um nur dieses böse Mäulerwerk loszuwerden. Sie könne die Person nicht schmecken. Er solle ihr einen Schinken und einen Sack Mehl geben für ihre Mühe, oder was er wolle, aber nur fort solle sie gehen. Noch heute. Vergeblich suchte er sie zu beschwichtigen, ihr das Unstatthafte eines solchen Hinauswerfens vorzuhalten, sie bestand darauf. Sie wolle nicht mehr eine Nacht allein schlafen mit ihr. Der Bauer schüttelte den Kopf. Das werde böses Blut machen, das gebe eine Feindschaft. Aber die Frau war so aufgeregt, so erbittert, dass er nicht weiter mit ihr rechten wollte. Und schließlich, wenn er ehrlich sein wollte, sah er die Susi tausendmal lieber im Haus als diese Base, die mit den Augenbrauen alle Ecken auswischte. Sie sah alles, sie wusste alles, ihr entging einmal nichts. Nun, er wollte mit ihr reden, auf einen Sack Mehl sollte es ihm nicht ankommen. Er hatte gestern schönes aus der Landmühle erhalten. Da stand es noch im Vorhaus. Vielleicht versöhnte er die Bas' Kapellmeisterin, wie sie sich gern nennen hörte, damit. »Vergiss den Schunka nit«, sagte die Bäuerin und riegelte einfach ihre Tür hinter ihm ab, als er gegangen war. Und sie hatte nach Wochen endlich wieder eine friedliche Nacht. Die erhobene Stimme der Base hörte sie von draußen nur einen Augenblick, es schien alles gütlich verlaufen zu sein.

Ganz erfrischt erwachte sie am Morgen und war sehr verwundert, sich allein zu sehen. Jetzt erst war sie froh, so fest aufgetreten zu sein. Sie mochte die unguten Menschen einmal nicht leiden. War ihr Leben nicht verpfuscht genug? Sie wollte nicht völlig versauern und verbittern, sie musste jemand um sich sehen den sie gern haben konnte.

Es war Sonntag. Der Bauer schwieg und ging in die Frühmesse. Dann wollte er den Weg zur Susi machen. Die Bas' Mali hatte ihm die schönsten Grüße aufgetragen. Und sie schlich heute in die Küche hinaus, ließ sich von der Stallmagd einen Stuhl zum Herd stellen und Feuer machen. Sie war stolz, wieder einmal selber kochen zu dürfen. Alle schickte sie in die Kirche, so frisch hatte sie sich schon lange nicht gefühlt.

Und so wie sie war auch die Susi allein daheim. Der Vater nahm seinen Platz in der Kirche wieder ein, er hatte äußerlich überwunden. Die Mutter war nie aus der Kirche fortgeblieben, sie trotzte dem Gerede und ging ihres Weges wie sonst.

Im Gemüt der Susi war etwas zerbrochen. Sie konnte ihres Buben nicht froh werden, so rund er auch gedieh an ihrer Brust. Wenn sie auf ihn niederblickte, wie er sog und sog und schließlich glücklich dabei einschlief, umflorten sich jedes Mal ihre Augen. Sie sah oft ganz fern, wie hinter einem Schleier, seinen Vater... Sie hatte den Kleinen in der Taufe Christof nennen lassen, aber was war der Name ihr noch? Wie stolz war sie nicht gewesen, dass der Christof um ihretwillen Knecht geworden, dass er um ihretwillen die sechsjährige Soldatenschaft auf sich nehmen wollte. Leicht trug sie den Makel, den die Welt ihr anwarf, solange sie sich eins fühlte mit ihm, solange sie wusste, dass ihr Kind eines Tages einen Vater haben und seinen Namen tragen werde. Jetzt waren sie beide weggeworfen, ausgestoßen mit roher Hand... Der kleine Luckhaup wird nie so heißen dürfen, er wird den Mutternamen durchs Leben tragen. Und eine Pfarrersköchin war sein Taufpate! Diese feige, heuchlerische Welt! Warum bestand der Christof die Probe nicht? War es doch die Scheu vor dem Militär? Oder hat der halbe Grund der Anna Foltz ihn behext ? Sie war es, die bei ihm stand im Dunkeln an jenem Abend. Und sie hatte so teuflisch gelacht über ihr Kommen... Und dann, sein verlegenes Gestammel, sein Unwille... Nie, nie, nie wird sie diesen Augenblick vergessen. Nie verzeihen, was an ihr geschah und an ihrem Kinde. Er wird wohl die Felder der Falschen eines Tages heuern, wird Bauer werden im Schwarzwald draußen... Und sie? Und ihr Kind? Sie wird nicht im Taglohn schaffen müssen für ihren Buben, das hat sie nicht nötig, aber wer wird sie noch mögen? Oh, sie wird dem Buben einst alles erzählen, wie es war, er soll sie nicht verachten, weil er keinen Vater hat, sie nicht. Und sein Vaterhaus wird sie ihm zeigen, in dem der alte Teufel wohnte, der sie beide so unglücklich machte.

Tausend Gulden gab der Satan dem Buben. Warum hat sie der Vater nichtzurückgewiesen? Warum hat er den großen Schein nicht in den Ofen gesteckt? Sie hätte es getan. Sie wird selber für ihren Buben sorgen, ihn von ihrer Hände Arbeit ernähren und erziehen. Aber wer weiß, ob dieses verfluchte Geld dem Buben nicht dereinst lieber sein wird als alles, was sie für ihn tun kann... Der Vater Jakob hat vielleicht doch recht gehabt es dem Waisenvater zu übergeben, bis der Christof erwachsen ist und es benötigt. Vielleicht! Aber in ihre Hände soll das Sündengeld nie kommen. Die Finger würden ihr verbrennen bei der Berührung.

Sie hörte das Tor gehen und einen festen Schritt sich nähern. Und sie guckte aus der Küche hinaus, wer da während des Hochamtes wohl kommen mochte. Der Vetter Mathes! Gar stattlich sah er aus im Sonntagsstaat. Nie war er ihr so männlich und so jung erschienen wie bei diesem unvermuteten Anblick.

»Grüß Gott, Susi!«

»Ja, wo sollen er denn des hinschreiwa, Vetter Mathes? Ihr losst Euch auch amal angucke?«

Er trat in die Stube ein. »Ich häb dich schun lang haamsucha solla. Mei' Weib war schurr bös. Äwer wer hot denn jetzt Zeit far B'suche. Sie losst dich recht schei grüße. Sie denkt jede Tag uf dich und dei Kind, lässt sie dir saga.«

Ganz rot wurde die Susi über so viel Herzlichkeit. Es war die erste, die ihr erwiesen wurde. Und sie dankte auch schön für diese Freundschaft der Bas' Mali.

Der Bauer blickte sie an, und seine Augen wurden immer größer, als wollte er sagen: Naa, wie die sauber geworden war! Der Christof muss doch der größte Esel im ganzen Dorf sein...

Und der Vetter Mathes erzählte ihr, was sich bei ihnen begeben hatte, wie er die Mu-mu-mu gestern Abend wegschicken musste. Sie habe sehr geteufelt, aber er kaufte sich los von ihr, und sie sei gegangen. Die Susi lachte endlich wieder einmal. Das gönnte sie der Mumu-mu. Aber zu dem weiteren Antrag des Bauern machte sie ein langes Gesicht. Das gehe wohl nicht. Ihr Bub sei ein Nachtvogel, er mache oft eine solche Musik, dass es selbst der Kathl zu viel werde, die bei ihr im Zimmer schlafe. Das möchte die Bas' Mali nicht aushalten. Ja, später einmal, wenn der Bub bei der Großmutter bleiben könne, vielleicht... Sie habe ihn nämlich sehr gern, die Großmutter. »Sie will'n b'halte, wenn ich einmal...« Die Susi vollendete den Satz nicht und wurde rot. Aber sie denke nicht mehr an so etwas, sagte sie rasch. Sie habe genug vom Leben.

Der Bauer hatte keinen Widerstand erwartet für seine Absichten. Seine Frau war der Sache so sicher, dass auch er keinen Grund zu Zweifeln hatte. »Des wär schei! So a Kleinkinnerwirtschaft in euerm Haus! Des tät Verdruss gäwe und des will ich nit«, sagte die Susi.

»Bilde mer uns halt ei', es wär unser Bu, uf den m'r so veel Jahr g’wart häwa«, sagte der Bauer, und es lag eine leise Schwermut in dem Wort. »Brauchscht dich nit fürchta, dass d' uns schenierscht. D' Hauptsach ist doch, dass die Bäuerin a Hilf hat und a Ufsicht über's Haus. Und des konnscht noch newebei alles taun.«

»Des schun, des schun«, erwiderte die Susi sinnend. Und kaum erspähte er einen kleinen Vorteil, setzte er hinzu: »Geih, Susi, sei g'scheit... Werscht's nit bereue... Es soll der gut geihn...«

»Ich häb noch an annern Grund, nit in Schwarzwald zu geihn«, sagte sie nachdenklich. »Mer is, als gäb's dort a Unglück.«

»Wella Grund?«

»Des konn ich no nit sage, des soll erscht noch wer'n. Äwer es werd', es werd' ganz gewiss.«

Er verstand sie nicht, und sie gab ihm keine Aufklärung. Und so begann er von vorne. Sie ging ein paarmal in die Küche, um nach ihren Kochtöpfen zu sehen und kam wieder, aber als das Hochamt zu Ende war und die Leute aus der Kirche heimgingen, waren sie noch immer nicht einig. Und als der Bauer aufs äußerste drängte, da sagte sie: »Ich will mer's bis marja überlege. Äwer mein Bu', des sag ich glei, geb ich erscht zur Großmutter, wenn er amol alles isst und laafa konn. Ehnder nit!«

Als Meister Jakob und Frau Eva heimkamen, waren sie sehr verwundert, den Vetter, der im Begriffe war sich zu verabschieden, zu treffen. Sie freuten sich des Besuches. Es sei doch schön von der Bas' Mali, sagte Frau Eva, dass sie sich auch einmal nach der Susi erkundigen lasse. Aber als sie dann den Zweck des Besuches erfuhr, machte auch sie ein bedenkliches Gesicht. Wie konnte man so etwas von ihr als Mutter erwarten! Sie werde doch nicht ihre Tochter samt dem Kind in einen Dienst gehen lassen. Meister Jakob zog sich ganz zurück. Damit wollte er nichts zu schaffen haben, damit sollte ihm niemand kommen.

Nun musste der Bauer ein drittes Mal beginnen, alles vorzutragen und auszumalen, so wie er es sah und seine kranke Frau, die nun einmal verliebt wäre in die Susi. Das sei doch gar kein Dienst. Die Susi wäre sozusagen eine Base. Sie werde ja wie das Kind behandelt im Hause. Und man nehme die ganze kleine Kinderwirtschaft wie eine eigene auf sich, bis der Bub laufen und pappeln könne. Dann möge er zur Großmutter kommen. Es sei ja nur ein Freundschaftsdienst, den man verlange und der Bas' Eva nicht vergessen wolle.

Langsam wurden die Züge der Frau Eva weicher, aber eine Zusage gab sie nicht. Die Susi stand beim Herd, und die Kathl begann bereits den Tisch zu decken. Da empfahl sich der Bauer. Die Frau Eva wollte sich's noch überlegen und mit ihrem Manne und der Susi alles besprechen. Der Meister war hinten im Garten, von ihm Abschied zu nehmen hatte der Bauer keine Zeit mehr, er ließ ihn grüßen und ihm sagen, er möcht' halt nicht dagegen sein.

Den Schweiß trocknete er sich von der Stirne, als er das Haus verließ. War das eine Arbeit! Da worfelte er lieber zwanzig MetzenMetze - altes deutsches Hohlmaß mit von Landschaft zu Landschaft verschiedener Größe; im Banat meist 50 Kilogramm Getreide aus der dicksten Spreu. Aber auf dem Heimweg begann etwas zu bohren und zu wühlen in ihm, und das war das heimliche Verlangen nach der Susi. Und wenn er noch zehnmal hinüber müsste... Er ginge. Er ginge ganz gewiss.

Unter schweren Gewissensfoltern litt der Christof seit vielen Wochen. Er war nie zur Susi hinausgegangen nach dem Schwarzwald, weil er ihr nicht ehrlich hatte bekennen mögen, wie es um ihn stand. Wie verhext kam er sich vor, seitdem er auf den Foltzschen Gründen arbeitete und die Eigentümerin ihm täglich in Haus und Hof über den Weg lief. »Nimm uns!« sagten diese fetten Ackergründe. »Nimm mich!« sagten die Augen der Anna. Und als der Tag der Stellung immer näher und näher rückte, kam die Bas' Liesl eines Abends mit der Frage, ob er frei werden wolle. Ob er es wollte! Aber die Bedingung lautete: Du suchst dir im Dorf eine Bauerntochter mit einem Grund. Sonst nicht. Und weiter sagte sie gar nichts, die Versucherin... Hatte er diese Bauerntochter nicht bei der Hand? Er brauchte nur den kleinen Finger auszustrecken, und sie flog ihm zu. Und in diesen Tagen des Zwiespaltes wagte er sich nicht zur Susi. Und ließ sich loskaufen... Und als die Susi dann so unvermutet kam, ihn an sein Wort zu mahnen, wie roh hat er sich da benommen! Wie dumm! An allen Haaren zog es ihn hinüber zu ihr, als er erfuhr, dass sie einen Buben habe. Aber es war zu spät: Hatte der Vater nicht sein Wort? Konnte er zurück, nachdem dieser ihn losgekauft...? Nein, er konnte nicht. Wenn er das alles nur hätte der Susi sagen und erklären können. Sie hätte es vielleicht eingesehen und ihn nicht für so schuldig gehalten... Aber es war noch nicht aller Tage Abend. Vielleicht gibt es doch noch einen Ausweg, wenn er wartet, wartet, wartet... Und er trotzte mit der Anna seit jenem Abend, da sie so teuflisch gelacht hatte über die Susi. Glaubt die ihn schon zu haben? Sie könnte sich irren.

Wenn nur ihre Felder nicht gewesen wären, ihre Wiesen und Weingärten, ihr Haus und ihr Hof! Wenn sein Pflug in den Furchen knirschte und der Erdgeruch ihm in die Nase duftete, hörte er immer nur: »Nimm uns! Nimm uns!« Und wenn er an dem Hause Foltz vorüberfuhr, winkte ihm der dicke alte Schornstein zu: »Kommt bald!« Und wenn er bei Tisch den ängstlichen Augen der Anna begegnete, fragten diese: »Du magscht mich nit?« Es war eine Qual, in solchen Folterzuständen zu leben und an die Susi und ihren Buben denken zu müssen. Was wusste die, wie er litt? Wie schwer es ihm wurde?

Da kam die Nachricht, die Susi gehe mit ihrem Kinde neuerlich zum Mathes Wörle. Er werde sie mit dem Wagen abholen. Die Wiege mit dem Kind und sie... Es war dem Christof schon vordem gar nicht recht, dass sie zu dem halben Witwer gegangen, von dem man sich immer allerlei Weibersachen erzählte. Aber jetzt? Samt dem Kind? Oho! Sie fühlte sich also frei, ganz frei und ledig? Braucht ihn nicht mehr? Das war etwas anderes. Da konnte er ja auch tun, was er wollte. Wird er auch. Sie hofft wohl dort einmal Bäuerin zu werden? Nur zu! Auf gute Nachbarschaft!

Und der Schwachmütige, der sich einbildete, noch frei zu sein, blies sich auf, als wäre er der Verratene. Nun, er wisse jetzt, was er zu tun habe, sagte er.

Aber der Christof hatte eine falsche Zeitung erhalten.

Die Frau Eva und die Susi redeten bei Tisch kein Wort von dem Bauer, der Vater sah gar nicht aufmunternd drein, und sie warteten, bis er selber fragen würde. Aber er fragte nicht, schrieb am Nachmittag an seinen Zunftsachen und tat, als ob er nichts von allem gehört hätte. Vor Abend aber wollten sie beide doch seine Meinung wissen. Da fuhr er mächtig auf. Man möge ihm nicht kommen mit so einer Zigeunersache! Der Bub habe keinen Vater, so müsse er einen Großvater haben. Er sei einmal da und werde da bleiben. Nicht eine Nacht komme er aus dem Haus. Wenn die Susi sich's später einmal anders einrichten wolle, könne sie das ja tun, das Kind aber bleibe, solang er lebe, bei ihm. Heißt der Bub Weidmann, soll er auch ein Weidmann werden.

Den beiden Frauen war auf einmal leichter. Das hatten sie ja eigentlich selber gefühlt, nur konnten sie's nicht sagen. Die Susi war stolz auf ihren Vater und würde ihm am liebsten um den Hals gefallen sein. Jetzt wusste sie, dass ihr Bub ein Heim und ein Vaterhaus habe. Die Sonne schien also doch auch noch für sie beide.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.